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Kinderarbeit in Bolivien - Eine Notwendigkeit und Chance?

Bachelorarbeit 2009 106 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärungen

3 Protagonismus der Kinder
3.1 Kulturen der Kinderarbeit
3.1.1 Solidarische Ökonomie von Kindern
3.1.2 Die menschlichen Bedürfnisse nach Obrecht

4 Zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika
4.1 Bolivien
4.1.1 Der wirtschaftliche und soziale Kontext
4.1.2 Bildung und Gesundheit

5 Kinderarbeit und deren Ursachen
5.1 Kinderarbeit in Bolivien
5.2 Definitionen von ausbeuterischer Kinderarbeit
5.2.1 Mögliche Folgen von ausbeuterischer Kinderarbeit
5.2.2 Die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaft und Politik
5.2.3 Subjektorientierte Zugänge zur Arbeit der Kinder
5.2.4 Kinderbewegungen
5.2.5 Kinderarbeit als Notwendigkeit und Chance

6 Der globale Kampf gegen die ausbeuterische Kinderarbeit
6.1 Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO)
6.2 Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF)
6.3 Die Aufgabe und Verpflichtung der Sozialen Arbeit
6.3.1 International Federation of Social Work (IFSW)

7 Soziale Arbeit in Bolivien
7.1 Zielgruppe
7.2 Die Herausforderung an die Sozialarbeiterinnen
7.2.1 Empowerment
7.2.2 Präventionsarbeit

8 Arbeitende Kinder in Deutschland
8.1 PRONATS – eine deutsche Initiative -

9 Fazit/Ausblick

10 Anhang

11 „Alalay“ – Un hogar para los niños de la calle. Projekt zur Resozialisierung von (arbeitenden) Straßenkindern
11.1 Zielgruppe und Zielsetzung
11.2 Methodik
11.3 Prozess in vier Abschnitten
11.4 Soziale Arbeit innerhalb des Projektes

12 Das Projekt „Mi Tai“ in Santa Cruz
12.1 Soziale Gruppenarbeit bei „Mi Tai“

13 Das Projekt „Chicalle“ in Cochabamba

14 Die Organisation „Inti Wara Yassi“

15 La Ciudad Potosí (Die Stadt Potosí)
15.1 Die Minenkinder

16 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Volk der Aymará in Bolivien

Abb. 2: Ist Arbeit Hilfe zur Selbsthilfe?

Abb. 3: Kinder auf einer Müllhalde

Abb. 4: Auf dem Markt arbeiten viele Kinder

Abb. 5: Der Präsident Evo Morales (Aymará)

Abb. 6: Viele Kinder sind unterernährt

Abb. 7: Die Arbeit im informellen Sektor

Abb. 8: Kinderarbeit weltweit (eigene Darstellung nach www.unicef.de)

Abb. 9: Schuhputzer bei der Arbeit

Abb. 10: Der Zusammenhalt auf der Straße ist groß

Abb. 11: Elfjähriger bei der Minenarbeit

Abb. 12: Kinder arbeiten mit Müttern auf dem Markt

Abb. 13: Entwicklungszusammenarbeit

Abb. 14: Der Beziehungsaufbau ist von großer Bedeutung für die Soziale Arbeit

Abb. 15: Prävention kann schon im Kleinkindalter stattfinden

Abb. 16: Freizeit-Aktivitäten mit den Straßenkindern

Abb. 17: Ein Wohnhaus von “Alalay”

Abb. 18: Unterstützt wird der Hogar Alalay von Rotary International

Abb. 19: Das Heim als Zuhause?

Abb. 20: Die Kinder dürfen ihre Zimmer selbstständig einrichten

Abb. 21: Der “Comedor” (Speisesaal)

Abb. 22: Die sechs Stufen, die arbeitende Kinder innerhalb des

Abb. 23: Die Soziale Gruppenarbeit erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs

Abb. 24: Die erste Stufe hat das Verbleiben bei der Familie

Abb. 25: Die dritte Stufe bedeutet: “Ich verhalte mich in allen

Abb. 26: Die fünfte Stufe beinhaltet das Ziel, seine Probleme

Abb. 27: Die Sozialarbeiterinnen bieten den Kindern viele Möglichkeiten auf der

Abb. 28: Aktenführung bei “Chicalle”

Abb. 29: Roosevelt während unseres Interviews

Abb. 30: Die Organisation “Inti Wara Yassi” betreut zwei Reservate, eines davon

Abb. 31: Der Speisesaal der Organisationn ist von den dort lebenden Kindern bunt

Abb. 32: Roosevelt arbeitet gerne mit Voluntariern zusammen

Abb. 33: Die Kinder kümmern sich gemeinsam mit Sozialarbeiterinnen, Tierärzten und

Abb. 34: Die andine steppenhafte Umgebung von Potosí

Abb. 35: Der Cerro Rico in Potosí (Silberberg)

Abb. 36: Förderbänder des Bergwerks

Abb. 37: Ein 12- und ein 15-jähriger bei der Minenarbeit

Abb. 38: Die Minenarbeiter freuen sich über Geschenke wie Coca, Alkohol und

Abb. 39: Getrocknete Coca-Blätter, Natriumcarbonat und Coca-Zigaretten erleichtern

Abb. 40: Zwei zehn-jährige Jungen, die ebenfalls in der Mine arbeiten, und

1 Einleitung

Mein Praxissemester leistete ich bei der Organisation „Vida Nueva“ in San Isidro de El General im Süden Costa Ricas. Der Verein „Vida Nueva“ ist eine NGO, die sich zur Aufgabe gestellt hat, in der Region von Pèrez Zeledón, mit den sozial schwächsten Bevölkerungsgruppen ökonomische, kulturelle und soziale Projekte zu organisieren. Die zwei Einsatzgebiete umfassen zum einen die Hilfestellung für sozial gefährdete Kinder und Jugendliche in den marginalen Stadtaußenvierteln, zum anderen die Beratung und Begleitung von Frauen, die mit dem Problem von Gewalt in der Familie konfrontiert werden.

Durch mein Praxissemester, meine Erlebnisse in der Entwicklungszusammen-arbeit in Lateinamerika, entwickelte ich ein großes Interesse an der dortigen Sozialen Arbeit. Durch weitere Reisen und Kontakte zu Hilfsorganisationen konnte ich vor Ort meine Erfahrungen ausbauen.

Bereits vor Beginn meines Studiums der Sozialen Arbeit absolvierte ich ein Praktikum in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, was mich schlussendlich davon überzeugte, Soziale Arbeit zu studieren.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begleitete mich also sowohl vor, als auch während des Studiums, so dass ich mich dazu entschlossen habe, meine Bachelorarbeit diesem Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit zu widmen: der Kinder- und Jugendarbeit.

Kinder und Jugendliche sind weltweit unterschiedlichsten Sozialisations-instanzen ausgesetzt und gehören den verschiedensten Kulturen an. Und doch ist ihnen allen etwas gemeinsam: den Wunsch sich frei und selbstbestimmt entwickeln und leben zu dürfen und die Befriedigung ihrer biologischen, biopsychischen und biopsychosozialen Bedürfnisse, der universalen Grund-bedürfnisse. Diese Befriedigung kann aufgrund der Kultur und der, die Kinder und Jugendlichen umgebenen familiären und regionalen Bedingungen, der sie umgebenden Lebenswelten, unterschiedlich aussehen, doch jeder Mensch strebt ein für sich tragbares und für ihn sinngebendes Leben an. Und jeder Mensch besitzt Kräfte zur Selbstverwirklichung, die er einsetzen kann.

Besonders Kinder und Jugendliche sind in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern oftmals Lebensbedingungen ausgesetzt, die sie daran hindern, Kräfte zur Selbstverwirklichung einzusetzen und ihre körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse dahingehend zu befriedigen, dass sie sich frei entwickeln und nach ihren Vorstellungen ein unbeschwertes Leben mit glücklichen Momenten führen können. Dies hat verschiedene Ursachen; es kann an unzureichenden Wohnverhältnissen liegen, an mangelnder Hygiene, Hunger, Armut, Krieg oder aber auch an fehlenden Möglichkeiten Bildung und Gesundheit zu erlangen. Hierzu gehört auch die Tatsache, dass viele Kinder und Jugendliche weltweit von ausbeuterischer Kinderarbeit betroffen, oder darauf angewiesen sind zu arbeiten, was aus Sicht der meisten Organisationen und Menschen aus Industrienationen negativ bewertet wird.

Kinderarbeit ist ein kontroverses globales Thema voller Emotionen, was, wie bereits erwähnt, besonders von Industrienationen stark kritisiert und denunziert wird. Auch in unserer deutschen Gesellschaft ist der Begriff „KINDERARBEIT“ stark negativ belegt und wird unmittelbar mit negativen Assoziationen in Verbindung gebracht.

Ich möchte in dieser Bachelorarbeit anhand von arbeitenden Kindern und Ju-gendlichen in Bolivien aufzeigen, dass Arbeit für diese auch positive Wirkungen und viele Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten kann.

Meine These lautet demnach, ob Kinderarbeit, am Beispiel von Bolivien, eine Notwendigkeit und Chance sein kann.

Vorab werden im ersten Teil der Bachelorarbeit in der Begriffsklärung verschiedene Grundlagen zum Thema Kinderarbeit dargestellt und erläutert. Im Anschluss werde ich den Protagonismus der Kinder und die menschlichen Bedürfnisse nach Obrecht aufzeigen.

Außerdem werde ich in Kapitel 4 konkret die Situation von arbeitenden Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika, am Beispiel von Bolivien, beschreiben. Wie sieht Kinderarbeit in Lateinamerika, speziell in Bolivien, aus? Wie sollte sie aus-sehen, um menschenwürdig zu sein?

Auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Bolivien, wie auch das Gesundheits- und Bildungssystem werden angesprochen.

Ich werde in der vorliegenden Arbeit, verstärkt in Kapitel 5, aufzeigen, dass die heutige Kinderarbeit ein breites Spektrum von Formen umfasst, die von selbstbestimmten Tätigkeiten, die von den Kindern aus eigenem Willen und unter menschenwürdigen Bedingungen ausgeübt werden, bis hin zu extrem ausgebeuteten Arbeiten, die die Würde der Kinder verletzen und ihre persönliche Entwicklung gefährden, reicht. Je nachdem, welche Kriterien für Dauer, Häufigkeit und Ort der Tätigkeit herangezogen werden, unterscheiden sich Daten und Einschätzungen zur Verbreitung der Kinderarbeit weltweit. NGO´s, die sich weltweit mit den Rechten von Kindern und dem Phänomen Kinderarbeit beschäftigen, verstärkt gegen Kinderarbeit kämpfen und einen großen Einfluss ausüben, wie UNICEF und ILO, orientieren ihren Begriff der Kinderarbeit an Erwerbsverhältnissen erwachsener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, was der besonderen Situation von Kindern als Arbeitende nicht gerecht wird.

Wie setzen sich diese weltweitvertretenen NGO´s auf welche Weise für, beziehungsweise gegen Kinderarbeit ein? Ist deren Vorgehen sinnvoll?

Hinzu kommt: Welche gesellschaftliche Verantwortung besitzen die Politik und wirtschaftliche Unternehmen? Darauf werde ich gesondert in Kapitel 6 eingehen.

Auch Soziale Arbeit findet, genau wie Kinderarbeit, weltweit unter den unterschiedlichsten Rahmenbedingungen statt und hat nach Wolf Rainer Wendt zum Ziel, die Lebensverhältnisse von notleidenden Menschen in einer Gesellschaft zu verbessern. Sozialarbeiterinnen[1] sollen für gerechte soziale Verhältnisse sorgen und den Menschen Entfaltungsmöglichkeiten bieten, während sie Hilfe zur Selbsthilfe geben. Das gestaltet sich je nach kulturellen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen unterschiedlich. Soziale Arbeit ist demnach eine Menschenrechtsprofession, die sich den unterschiedlichsten Verhältnissen anpassen und dementsprechend im Sinne des hilfebedürftigen Menschen handeln muss. Gerade in der Entwicklungszusammenarbeit spielt die interkulturelle und kultursensible Soziale Arbeit eine herausragende Rolle. In Kapitel 7 wird die Herausforderung und Aufgabe der Sozialen Arbeit im Kampf GEGEN ausbeuterische Kinderarbeit und FÜR menschenwürdige Kinderarbeit dargestellt.

Ein zentrales wichtiges Thema hierbei ist die Aufgabe und Verantwortung der Sozialen Arbeit in Bolivien mit arbeitenden Kindern und Jugendlichen. Wie agieren Sozialarbeiterinnen in der Entwicklungszusammenarbeit und als Fachkraft vor Ort? Welche Herausforderungen erwarten diese? Durch die Globalisierung sind viele Länder von einer Multikulturalität betroffen. Dies stellt völlig neue Anforderungen an Sozialarbeiterinnen im Bereich der kultursensiblen Arbeit. Wie kann Soziale Arbeit aussehen und stattfinden ohne unter einer ethnozentrischen und westlichen Blickweise zu stehen und Kinderarbeit vorab pauschal negativ zu bewerten?

Mein Ziel ist es, mit dieser Arbeit am Beispiel von Bolivien zu zeigen, dass Kinderarbeit auch sinnvoll und sogar lebensnotwendig sein kann und welche Voraussetzungen vorliegen müssen, um die Arbeit, die Kinder verrichten, als positiv bewerten zu können. Denn Kindheit und Arbeit schließen sich nicht grundsätzlich aus.

Weiterhin möchte ich aufzeigen, welche Rolle die Soziale Arbeit und Organisationen weltweit, am Beispiel von Bolivien und global betrachtet, innehaben, um die Rechte der arbeitenden Kinder zu sichern und gegen die ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen. Meine Beispiele und Studien werden sich zwar hauptsächlich auf Bolivien, aufgrund mangelnden Datenmaterials jedoch zum Teil auch auf Lateinamerika beziehen.

Im Anhang stelle ich vier Organisationen, bzw. Einrichtungen in Bolivien vor, die sich der Zielgruppe der arbeitenden und/oder auf der Straße lebenden Kinder angenommen haben.

2 Begriffsklärungen

In der vorliegenden Arbeit werde ich verschiedene Begriffe vermehrt gebrauchen, die ich hier näher erläutern möchte:

- Kind

Kleinkinder sind in der Regel nicht gemeint. Unter Kindern verstehe ich in dieser Arbeit sowohl Kinder, als auch Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr. Kinder lassen sich mit Bezug auf die Kinderarbeit nicht in Altersklassen einteilen, denn Kindheit, bzw. Jugend ist eine sozio-kulturelle Konstruktion, keine biologische oder anthropologische Größe. Je nach Gesellschaft und/oder Kultur beginnen bereits sieben- oder achtjährige Kinder zu arbeiten. In einigen Ländern des Südens arbeiten bereits vierjährige Kinder in der Familie mit, beispielsweise wenn sie Geschwister versorgen und betreuen. Ab welchem Alter dies geschieht ist also von Land zu Land unterschiedlich. Die rechtlichen Bestimmungen für ein Mindestalter für die Aufnahme einer Beschäftigung lasse ich hier bewusst außen vor.

- Kinderarbeit

In deutschsprachigen Publikationen wird fast ausschließlich von Kinderarbeit gesprochen. Diese Begriffswahl geht nur unzureichend auf die internationale Debatte um die Differenzierung des Phänomens ein. Projekte von Organisationen wie Global March, Brot für die Welt, Misereor, Kindernothilfe, u.a. beteiligen sich daran, indem sie sich öffentlich mit ihren Kampagnen „ .. gegen Kinderarbeit“ präsentieren. Auf dem V. Lateinamerikanischen Treffen der Organisationen arbeitender Kinder in Lima haben lateinamerikanische Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen, die Kinderbewegungen unterstützen, gefordert, dass der Begriff Kinderarbeit zur sozialen Anerkennung arbeitender Kinder vor Diskreditierung geschützt wird und Ausbeutung unter „unstatthafte und verbrecherische Aktivitäten“ fällt. Nichts desto trotz besteht weltweit ein Diskurs darüber wie ausbeuterische von nichtausbeuterischer Kinder-arbeit getrennt werden kann. Ich werde in dieser Arbeit hauptsächlich von arbeitenden Kindern sprechen, um eine Wertung zu vermeiden und den Begriff Kinderarbeit lediglich als gebräuchliche Form verwenden.

- Der „Norden“ und der „Süden“

Diese Aufteilung soll nicht im geographischen Sinne verstanden werden. Ich möchte damit die sehr großen Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Ländern kulturell, politisch und wirtschaftlich bestehen, hervorheben. Die Menschen in den Ländern des Südens besitzen andere Lebenspraktiken als die Menschen, die in industrialisierten Ländern aufwachsen und leben. Damit geht auch die Gefahr einher, dass diese Lebenspraktiken und –auffassungen aus westlicher Sicht falsch verstanden werden können, was ich mit dieser Bezeichnung unterstreichen möchte.

- Dritte Welt

In meiner Arbeit werde ich mich auf verschiedene Länder, Kulturen und Gesellschaften beziehen. Ich bin mir dessen bewusst, dass der Begriff „Dritte Welt“ veraltet ist, werde ihn jedoch der Vereinfachung wegen für die Zusammenfassung der Länder im Süden, den sogenannten Entwicklungsländern, nutzen. Dabei möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass die Länder im Norden, die Industriegesellschaften, weiter entwickelt sind oder gar als Vorbild dienen könnten.

Auch wenn ich einseitige Zuschreibungen vermeiden möchte, werde ich Begriffe wie „nicht-westliche“ und „westliche“ Kulturen und Gesellschaften verwenden, um die Abgrenzung vom „Norden“ oder vom „Süden“ deutlicher zu machen.

- Straßenkind

UNICEF hat in Lateinamerika die Unterscheidung niños de la calle, die „eigentlichen“ Straßenkinder, und niños en la calle, die Kinder auf der Straße, zu denen auch arbeitende Kinder gehören, eingeführt. Diese Bezeichnung gilt in Fachkreisen, zu denen auch Kinderbewegungen gehören, als zu schematisch und stigmatisierend. Aus diesem Grunde ziehe ich, bis auf einige nicht zu umgehende Ausnahmen, den Begriff niños trabajadores (arbeitende Kinder) vor, da fast alle Straßenkinder auch arbeiten. Dieser Begriff soll den differenzierten Arbeitsbegriff, der hier zugrunde liegt, nicht abwerten.

Die Straße verstehe ich als öffentlichen Raum, der je nach sozialem und kulturellem Kontext, sehr unterschiedlich aussehen und keineswegs nur schädlich und bedrohlich sein kann und muss.

Wenn in der vorliegenden Arbeit von auf der Straße lebenden und arbeitenden Kindern die Rede ist, geschieht dies vor dem Hintergrund einer Sichtweise, die Begriffe wie Straße und Arbeit als potenzielles Lernfeld begreift und versteht.

- Entwicklungsländer, -gesellschaften

Zu Entwicklungsgesellschaften werden Länder, vorzugsweise in Asien, Afrika und Lateinamerika, gezählt, die unter Kolonialherrschaft standen und durch den Kontakt mit dem westlichen Industrialismus, der die früheren traditionellen Systeme im Land unterbunden und zerstört hat, entstanden. In Lateinamerika erlangten die spanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit um 1810. Diese Gesellschaften umfassen zwar auch traditionelle Völker, doch ihre politischen Systeme sind denen westlicher Länder nachempfunden (Nationalstaaten) und obwohl ein größerer Teil der Bevölkerung auf dem Land lebt, ist, besonders in Lateinamerika, ein rasch wachsender Urbanisierungsprozess im Gange. Die Landwirtschaft stellt einen wichtigen Teil der Wirtschaft, doch werden diese Güter oftmals lediglich für den Weltmarkt angebaut und hergestellt, als für den lokalen Konsum.

Häufig leiden die Entwicklungsländer der Welt auch unter hohen Schuldenbelastungen. Dadurch übersteigen die Zinszahlungen die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt und führen zu einer Verschärfung der Armut der Bevölkerung.

3 Protagonismus der Kinder

Der Begriff Protagonismus hat eine Entwicklung im Laufe der Geschichte durchgemacht, ähnlich wie bei dem Begriff Kultur, den ich im folgenden Kapitel erläutern werde. Das Wort „Protagonismus“ stammt aus dem Griechischen und ist in seiner Bedeutung und Anwendung auf die Kindheit ungenau. Die direkte Übersetzung heißt „hauptsächlich Handelnder, zentrale Person.“ In der Vergangenheit gebrauchten hauptsächlich Chronisten diesen Begriff (MOLS 1997: 16-17).

In Lateinamerika hat dieser Begriff jedoch eine besondere Bedeutung, da dort Gewerkschaften, Berufs- und Nachbarschaftsverbände, Studenten, Bauern, Frauen, usw. eine bedeutende Rolle in sozialen und politischen Diskursen innehaben. Das Volk stellt den Protagonist in Forderungen, die soziale Verbesserungen und eine große soziale Tragweite haben, dar (a.a.O.: 18).

Seit den 70-er Jahren steht der Protagonismus für den Umstand, dass ärmere Bevölkerungsschichten sich durch soziale Bewegungen eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen auf vielerlei Art und Weise, zum Beispiel Landbesetzungen oder landesweite Streiks, erkämpften. Im Jahre 1976 begann die Organisation MANTHOC, die ich im Kapitel 5.2.4 näher bezeichnen werde, den Begriff Protagonismus als geläufige Ausdrucksform in Lateinamerika für soziale und politische Handlungen, die für arbeitende Kinder beabsichtigt wurden, einzubringen (Cussiánovich 1999: 39-42) .

Trotz dass es heute kein einheitliches Konzept über den Protagonismus von Kindern gibt, möchte ich hier fünf Elemente, die ihn ausmachen, aufzeigen:

- Protagonismus als Menschenrecht

Der Protagonismus steht jedem Menschen als unveräußerliches Recht zu und gilt als menschliche Qualität, die je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Individuen und Völkern zu seiner Ausübung unterschiedlich zugestanden wird.

- Protagonismus als Ausdruck von Solidarität

Der Protagonismus ist kein neutraler Begriff, da er sich als Menschenrecht auf positive Energien und Absichten der einzelnen Individuen und der Völker bezieht und sich zum Prinzip der Solidarität bekennt.

- Protagonismus ist altersunabhängig

Das Alter darf als kulturelles Konstrukt keine Beziehungen von Ungleichheit oder Abhängigkeit, wie es beim Protagonismus der arbeitenden Kinder und des herrschenden Erwachsenenzentrismus der Fall ist, rechtfertigen.

- Protagonismus als konzeptuelle und praktische Achse der Partizi-pation

Protagonismus gibt es nicht ohne Partizipation. Die protagonistische Partizipation oder die Ausübung von Protagonismus stellt eine Ausübung von Macht dar; sei es durch passive Partizipation, die reine Anwesenheit eines Menschen, oder durch die aktive Partizipation, bei der ein Mensch eine Initiative mit entwirft, ausführt, auswertet und kontrolliert.

- Organisierter Protagonismus

Mit jedem Raum, den sich arbeitende Kinder in Lateinamerika erobern, sei es lokal, regional oder national, nimmt der Grad der Ausübung des Protagonismus zu. Organisierte Kinder können durch die Eroberung von Räumen in der Familie, der Schule und dem Stadtviertel ein persönliches und soziales Selbstwertgefühl entwickeln. Das heißt, dass die Organi-sation jedem Individuum die positive Sozialisation des Rechtes zuge-steht, dass sie/er selbst sein kann innerhalb eines größeren Kollektivs (a.a.O.: 42-44).

Der Protagonismus zeigt, dass Kindheit ein soziales Phänomen ist, dessen politische Rolle in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat anerkannt werden muss. Dies bedeutet, dass arbeitende Kinder als Teil der gesamten Kindheit anerkannt und partizipiert werden müssen. Diese Kinder müssen als Handelnde für das Leben im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten und als wirtschaftliche Subjekte, die nicht nur Investitionen, sondern auch Produzenten sind, angesehen werden. Ihre Organisationen, die Kinderbewegungen, artikulieren sich selbstbestimmt, doch dem von ihnen Gesagte muss ebenso soziales und politisches Gewicht verliehen werden. Dies ist auch eine Herausforderung an die Profession Soziale Arbeit, die diese Forderungen der arbeitenden Kinder vertreten und für sie einstehen soll (LIEBEL 1995: 73-74).

3.1 Kulturen der Kinderarbeit

Kinder bilden durch ihre Solidarität und der Gründung von Kinderbewegungen zur Einforderung ihrer Rechte eine neue Kultur und entwickeln so eine neue Lebensform von Kindheit. Aus diesem Grunde möchte ich in diesem Kapitel zunächst den Kulturbegriff klären.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Wort „Kultur“ stammt aus dem Lateinischen „colere“ und bedeutet soviel wie „Ackerbau“ oder „pflegen, hegen.“ Daraus leiten sich Definitionen wie Bearbeitung, Pflege, Lebensweise, Lebensgewohnheit, Bildung, Verehrung und Huldigung ab. Heute bezieht sich der Begriff verstärkt auf den geistigen Bereich und wird zur Unterscheidung der einzelnen Länder und Völker benutzt (DEMORGON 2001: 36). Der Begriff Kultur ist sehr differenziert und vielfältig und kann so letztendlich nur sehr schwer eingegrenzt werden.

Ich werde im Folgenden auf die Kulturen eingehen, die von Gesellschaften und Menschen weltweit gebildet, geprägt und verändert werden und eine immer wichtigere Rolle in der Sozialen Arbeit spielen. Soziale Arbeit und kultursensible Arbeit sind untrennbar geworden, denn es existieren viele pluralistische Gesellschaft-

en, zu denen auch die Länder Lateiname-

Abb. 1: Das Volk der Aymará in Bolivien (Privatfoto) rikas gehören. Sogenannte Subkulturen (von der Öffentlichkeit auch als „Parallelgesellschaften[2] “ bezeichnet) erhalten einen immer höheren Stellenwert (HINZ-ROMMEL 1994: 37-39). Die Kultur muss immer an universale Grundbedürfnisse rückgebunden werden, um einen Wandel herbeizuführen, der mitgebrachte Kulturmuster wie beispielsweise Kleidertraditionen an Grundbedürfnissen orientiert (a.a.O.: 47).

Eine Kultur gilt als Orientierungssystem und umfasst sowohl Normen, als auch Werte, die jedoch veränderbar sind, da diese durch geänderte Lebens-verhältnisse immer wieder auf Neue angepasst werden müssen. Das heißt, Kultur ist abhängig von Rahmenbedingungen und kennt keine klaren Grenzen, besitzt Spielräume. Dies findet alles in einem sozialen Kontext statt und unterliegt so auch Sozialisationsprozessen (BITTL 2007: 39-41). Auf der Straße lebende arbeitende Kinder entwickeln eigene Kulturmerkmale, während sie die von der Gesellschaft gesetzten Normen, Werte und Gesetze weitestgehend ignorieren. So verlieren sie den „Zugang“ zu ihrer Gesellschaft und ihren sozialen Status. Oftmals vernachlässigen sie Kleidung, Hygiene, den Körper und die Gesundheit und entwickeln andere Verhaltensweisen und Er-nährungsgewohnheiten. Auch ihre empfundenen Gefühle für Hunger, Schmerz, Kälte und Zeitverständnis verändern sich. Sie verlieren ihren Namen, ihre Identität und ihre Familie und dadurch meist auch ihre Lebensperspektiven. Es darf dabei aber nicht außer Acht gelassen werden, dass diese neu entstehenden Kulturen der Kinderarbeit auch untrennbar mit dem Verhalten der Gesellschaft gegenüber arbeitenden Kindern zusammenhängen, die Verant-wortung für sich und/oder ihre Familie übernehmen (VON DÜCKER 2001: 31-32).

Auf der wissenschaftlichen Ebene beherbergt das Phänomen Kinderarbeit in Lateinamerika verschiedene Kulturen in sich, die ich im Folgenden aufzeigen werde:

Die ökologische Kultur versteht und behandelt die Kinderarbeit als einen Teil der Integration. Kinderarbeit steht nicht im Widerspruch zum soziokulturellen Kontext, sondern wird in diesem unter physischen Aspekten als funktional und vernünftig angesehen. Die Arbeit ist ein Teil des Lebens des Kindes, durch die es lernen und neue Fähigkeiten entdecken und entwickeln kann. Daraus baut sich dann ein Selbstwertgefühl auf.

Die Schizophrenie des Klassensystems zeigt, dass, obwohl es in vielen Kulturen eine Wertschätzung der Arbeit gibt, arbeitende Kinder eher sozial schlechter gestellten gesellschaftlichen Gruppen angehören. Deshalb möchten einige NGO´s die Kinderarbeit als Ausdruck einer Klassendiskriminierung verbieten und auslöschen. Doch für einen Menschen bietet die Arbeit auch die Möglichkeit zur Herausbildung einer Identität, durch die er sich als Subjekt entwickeln kann (SCHIBOTTO 1998: 55-60).

Die heutigen Arbeiter- und Kinderbewegungen kämpfen nicht dafür nicht mehr arbeiten zu müssen, sondern gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und für mehr Macht für ihren sozialen Protagonismus. Wenn Kinderarbeit aus Sicht der arbeitenden Kinder betrachtet wird, dann erscheint diese unter einem völlig neuen Blickwinkel, als ein Element für den Aufbau eines sozialen Protagonismus, wie ich ihn in Kapitel 3 beschrieben habe (a.a.O.: 61).

Ein weiterer Teil der Kulturen der Kinderarbeit stellt die Kultur der zweckgebundenen oder indirekten Bewertung dar. Nach westlichen Standards wird Kinderarbeit zwar grundsätzlich negativ bewertet, unter bestimmten Bedingungen allerdings als positiv angesehen, wenn diese zur Erreichung bestimmter Ziele nützt. Das heißt, Kinderarbeit gilt nicht als Wert an sich, sondern als Mittel um andere Werte zu beeinflussen. Es darf allerdings nicht einfach für Kinderarbeit plädiert werden, weil diese den Kindern das Überleben sichert, sondern es muss zwischen „guten“ und „schlechten“ Tätigkeiten unterschieden werden. Kinder sollen keine Arbeit verrichten müssen, die mit Ausbeutung, Aggression oder Gewalt verbunden ist; sie benötigen Zeit und Raum zum Spielen und für die Erholung und ebenso für ihre Schulbildung (a.a.O. 61-63).

Die Kultur der Künstlichkeit oder der aufgeschobenen Realität spiegelt den Widerspruch der Kinderarbeit aus westlicher Sicht wieder. Zwar wird sie aus ethischen Gründen von der Gesellschaft abgelehnt, in der Pädagogik erhält sie jedoch einen wichtigen Stellenwert, denn aus pädagogischer Sicht trägt Kinderarbeit zum Aufbau von Persönlichkeit und Identität bei, ebenso zum Erlernen von Solidarität und hilft Verantwortung zu übernehmen und Pflichten im Leben nachzukommen. Auch im familiären Bereich findet sich häufig diese Wertschätzung gegenüber Kinderarbeit wieder (a.a.O.: 63-66).

Die Kultur des Tabus zeigt uns, dass Arbeit zum einen mit Zwängen, Ausbeutung und Gewalt in Verbindung gebracht wird (das spanische Wort für arbeiten, „trabajo,“ stammt aus dem lateinischen von „tripalium,“ was ein Folterinstrument war), zum anderen aber auch Entwicklung, Fortschritt der menschlichen Fähigkeiten, Zivilisation, Kooperation, Kampf für die Emanzi-pation und Freiheit bedeutet. Das Thema Kinderarbeit jedoch wird meist nur mit Begriffen wie Armut, Unterentwicklung, Verlust der Zukunftsmöglichkeiten der Unterdrückten, Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit in Verbindung ge-bracht. Kinderarbeit wird mit Prostitution, Minenarbeit, Gewalt und Kriegen in eine „Schublade gesteckt,“ woraus dann der Kampf vieler Personen, Gruppen, Organisationen und Institutionen weltweit für die Abschaffung der Kinderarbeit resultiert. Arbeit muss für einen Menschen aber nicht negativ sein (a.a.O.: 66-68).

Kinderarbeit muss allerdings einer kritischen Wertschätzung unterliegen. Das bedeutet, solange diese nicht die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes beeinträchtigt und in sich positive Elemente aufgrund der Arbeitserfahrung birgt und das Kind in seinem Sozialisationsprozess unterstützt, wie es häufig der Fall ist in Entwicklungsländern, darf Kinderarbeit, auch von fremden Kulturen und Gesellschaften, kritisch wertgeschätzt werden (a.a.O.: 68-70).

3.1.1 Solidarische Ökonomie von Kindern

Die solidarische Ökonomie in Lateinamerika geht vom Menschen selbst aus und orientiert sich an ethischen und philosophischen Grundsätzen, da sie für die Freiheit eines jeden Menschen und soziale und wirtschaftliche Sicherheit und Gleichheit steht. Meist sind diese Initiativen Hilfsorganisationen wie NGO´s oder kirchliche Institutionen (LIEBEL 2005: 231).

Die Kinderbewegungen in Lateinamerika der letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass arbeitende Kinder sich Gedanken über ihre Arbeit und menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen machen. Sie möchten sich ausbeuterischen Bedingungen widersetzen und ergreifen selbst Initiativen; warten also nicht ab, bis etwas für sie getan wird. Diese Initiativen zielen auf Arbeitsverhältnisse ab, in denen die Kinder selbstbestimmt handeln und miteinander kooperieren können. Die Organisationen der arbeitenden Kinder sehen sich als soziale Bewegungen, die sich für eine solidarische Beziehung zwischen den Menschen und von ihnen geprägten Formen von Ökonomie einsetzen (ZIMMERING 2008: 18). Die Kinder sind demnach handelnde Subjekte, nicht lediglich „Opfer“ und „Klienten.“ Das Konzept hat in den letzten Jahren in der Entwicklungs-zusammenarbeit und in der Sozialen Arbeit an großer Bedeutung gewonnen.

Durch die Selbsthilfe in Notsitu-ationen in Ländern des Südens, zu denen Bolivien gehört, wurden An-sätze für Arbeiten, Leben und Wirt-schaften entworfen, die zukünftig eine Alternative zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung sein sollen. Die-se Ansätze schließen wirtschaftliche

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ist Arbeit Hilfe zur Selbsthilfe? (Privatfoto) Ausbeutung und soziale Exklusion

aus und entwickeln sich aus den Versuchen das eigene Überleben zu sichern und bessere Lebensbedingungen herbeizuführen. Initiativen solidarischer Ökonomie beinhalten den Wunsch, auf selbstbestimmte und nicht entfremdete Weise arbeiten und leben zu können, ohne ausgebeutet zu werden. Hierfür müssen zum einen wirtschaftliche und zum anderen soziale Rahmen-bedingungen geändert werden. Im Süden entstehen solche Initiativen solidarischer Ökonomie aus Bestrebungen heraus, gegen die Abhängigkeit vom Norden zu kämpfen und die sozialen Lebensbedingungen dahingehend zu verbessern, dass beispielsweise lokal hergestellte Lebensmittel im Land verbleiben oder traditionelle Techniken und Fertigkeiten neu entwickelt werden (LIEBEL 2005: 227-230).

Diese zahlreichen Initiativen, die in Lateinamerika aufgrund der wachsenden Not, der Unzufriedenheit mit der traditionellen Parteienpolitik und der Un-fähigkeit sich mit den Problemen der Menschen zu beschäftigen entstanden sind, wirken bisher jedoch lediglich auf lokaler Ebene. Das Konzept der solidarischen Ökonomie wurde noch nicht mit einer Internationalen Perspektive verknüpft, was allerdings Voraussetzung dafür wäre, erfolgreich gegen die weltweit dominante kapitalistische Wirtschaftsordnung anzukämpfen. Für dieses Entgegenwirken werden global vernetzte Strukturen solidarischer Ökonomie benötigt.

Solidarische Ökonomie steht für eine Politik, die in der Zivilbevölkerung entstanden ist, um Lösungen im alltäglichen Lebenskontext zu finden (a.a.O.: 232-234).

Kinder die arbeiten, also zum Lebensunterhalt beitragen müssen, sind an wirtschaftlichen Prozessen beteiligt. Gerade in Ländern des Südens sind diese Aufgaben lebenswichtig für sie; sie erhalten jedoch wenig bis keine gesell-schaftliche Anerkennung und Wertschätzung. Daraus ergibt sich das Interesse arbeitender Kinder an solidarischer Ökonomie, da diese eine Form der Selbsthilfe darstellt im Kampf gegen die wirtschaftliche Ausbeutung und die gesellschaftliche und soziale Ausgrenzung. Denn fast ausschließlich ist nicht die Arbeit selbst das Problem, sondern die Bedingungen, unter denen gearbeitet werden muss.

In Gruppen und Organisationen der solidarischen Ökonomie haben arbeitende Kinder die Möglichkeit ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern, ihre Gedanken und Ideen selbst umzusetzen und für die Werte einzustehen, die in ihrer Kultur der Kindheit (siehe Kapitel 3.1) von Bedeutung sind. Kinder möchten durch ihre Initiativen zeigen, dass sie nicht für das Verbot und die Abschaffung von Kinderarbeit einstehen. Sie möchten selbst entscheiden ob und wie sie arbeiten (a.a.O.: 232-236).

3.1.2 Die menschlichen Bedürfnisse nach Obrecht

In der Sozialen Arbeit mit arbeitenden Kindern ist die Orientierung an den menschlichen Bedürfnissen, den universalen Grundbedürfnissen, im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext, von großer Bedeutung. Werner Obrecht hat eine biopsychosoziale Theorie menschlicher Bedürfnisse aufgestellt, die in Verbin-dung mit der UN-Kinderrechtskonvention und dem Code of Ethics (siehe Kapitel 6.2 bis 6.3.1) ein Leitfaden für Sozialarbeiterinnen für die professionellen Tätigkeiten mit den hilfebedürftigen Menschen, beispielsweise arbeitenden Kindern, darstellt.

Obrecht geht davon aus, dass alle menschlichen Individuen in einem bestimm-ten Zustand sein möchten. Dieser Zustand hängt von den jeweiligen Werten des Systems ab, in dem dieser Mensch lebt. Kann dieser Mensch diesen Zustand nicht herbeiführen, werden ihm durch Affekte, dies sind zum Beispiel Gefühle und Triebe, angezeigt, dass ein Mangel besteht. Diese sogenannten Affekte motivieren den Menschen sich bedürfnisbefriedigend zu verhalten. Die Werte des Systems sind die bewussten oder unbewussten Bedürfnisse eines jeden Menschen (KREFT 2005: 947).

Obrecht sagt außerdem, dass die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse von der Verfügbarkeit bedürfnisbefriedigender Güter und Situationen abhängt , je nach kulturellem, sozialen oder gesellschaftlichem Kontext, und den Fähig-keiten des Individuums, die theoretisch erreichbaren Möglichkeiten zu nutzen und sich auch neue zu erschaffen.

Diese biopsychosozialen Bedürfnisse sind allen Menschen gemeinsam, wie auch in verschiedenen Konventionen deklariert, beispielsweise in denen der Vereinten Nationen, jedoch sind die soziokulturell vermittelten und erlernten Präferenzen und die Art und Weise wie ein Individuum diese Bedürfnisse befriedigt, unterschiedlich (a.a.O.: 948).

Wird diese systemische Erkenntnis- und Bedürfnistheorie auf die Situation arbeitender Kinder übertragen, steht zunächst einmal wie bei jedem menschlichen Individuum der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung dem Problem der Bedürfnisbefriedigung gegenüber. Kinder, die arbeiten, müssen innerhalb den sozialen Strukturen, in denen sie leben, lernen Lösungen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu finden. Hierfür müssen sie ihre Lebenswelten erkennen und erfassen, beschreiben, erklären und werten können. Sie müssen in der Lage sein, sich und ihre Umwelt so zu modifizieren, dass die Struktur des sozialen Systems, in dem sie sich befinden, zum Zwecke ihrer Bedürfnisbe-friedigung verändert wird (ANDRESEN 2006: 178).

4 Zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika

Kindheit und Jugend in Lateinamerika übergreifend zu betrachten, ist aufgrund der historischen und soziokulturellen Unterschiede schwierig, doch gibt es viele Gemeinsamkeiten, die ich hier im Folgenden aufzeigen möchte. Auf die Situation in dem Land Bolivien werde ich gesondert im folgenden Kapitel ein-gehen.

In den letzten 30 Jahren hat Lateinamerika einen großen sozialen Umbruch erlebt. Es haben große Entwicklungen im Bereich der Politik, auf dem Weg zur Demokratie, der Bildung, der Gesundheit und bei der Einführung der Gleich-berechtigung von Frauen stattgefunden. Trotz dieser Entwicklungen stehen viele Länder noch vor enormen politischen, wirtschaftlichen und gesell-schaftlichen Problemen (Berlin-Institut 2009).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lateinamerika ist gekennzeich-net von der ethnischen und kulturellen Vielfalt, großer Ein-kommensunterschiede inner-halb von Ländern und hohen Gewalt- und Kriminalitätsraten.

Die soziale Ausgrenzung ist in diesen Ländern besonders hoch und betrifft überwiegend Kinder, Abb. 3: Kinder auf einer Müllhalde (Privatfoto) da diese fast die Hälfte der Ge-

samtbevölkerung Lateinamerikas darstellen. Der Verlust von Werten und der Umbruch familiärer Strukturen löst sozialen Zusammenhalt auf (ebd. 2009).

Auch die hohe Arbeitsmigration in die USA oder nach Europa aufgrund der geringen Beschäftigungsmöglichkeit und die fehlenden Möglichkeiten eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten, stellen Kinder vor unlösbare Aufgaben. Familien werden dadurch auseinander gerissen, das heißt, es sind sowohl die Emigrierten, als auch die Zurückgebliebenen davon betroffen (ebd. 2009).

Auch sind Kinder in Lateinamerika aufgrund der plurikulturellen Zusammen-setzung der Bevölkerung stark von Diskriminierung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und/oder ihres Geschlechts betroffen. So sind sie enormen sozialen Ungleichheiten ausgesetzt; viele von ihnen besitzen keinen Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten (ebd. 2009).

Die Inzidenzrate der Kinderarbeit beträgt laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 11% (BMZ 2008: 3-5).[3]

Wie bereits erwähnt, ist in allen Ländern Lateinamerikas der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung sehr hoch. Im Jahre 2005 waren ca. 30% aller dort lebenden Menschen 15 Jahre alt und jünger (Berlin-Institut 2009). Das bedeutet, dass dieser Bevölkerungsteil eine hohe soziale Bedeutung innehat und diese auch für politische und gesellschaftliche Veränderungen nutzt und nutzen kann. Die Lebensphase Kindheit, die in Lateinamerika wie bereits in der Begriffsklärung erwähnt, auch die der Jugend umfasst, wird zwar als eigenständige biographische Phase angesehen, besitzt allerdings nicht den Schonraum, der Kindern in Industrieländern zugestanden wird. Die persönliche Identitätsentwicklung vollzieht sich durch die Teilhabe am Leben, an der Erwachsenenwelt. Und hierzu gehört auch die Arbeit (ebd. 2009).

Viele Kinder werden durch den täglichen Überlebenskampf, die materielle Armut, die Landflucht und den Verlust von traditionellen Lebensmustern geprägt und wachsen in einer Vielzahl von Widersprüchen auf. Sie leben in traditionellen Lebensmustern, die aufgrund der Modernisierung immer mehr an Bedeutung verlieren. Dies trifft besonders die Familien, die vom Land in die Städte gezogen sind, indigene Bevölkerung (Ureinwohner) und Kinder, die auf dem Land leben. Der Alltag von einer Mehrzahl der Kinder in Lateinamerika ist geprägt von Existenzkampf, Einschränkungen im persönlichen Bereich, Auflösung traditioneller Strukturen und Unsicherheiten in Bezug auf die eigene Zukunft. Mit dieser sozialen Wirklichkeit gehen sie sehr unterschiedlich um. Manche begeben sich in eine Drogenabhängigkeit, andere reagieren mit Gewalt oder Flucht auf die Straße. Auch die Abwendung traditioneller Wertvor-stellungen oder gerade die Rückbesinnung auf diese gehören dazu. Einige Kinder versuchen durch außergewöhnliche schulische Leistungen und ihre Anpassungsmöglichkeiten auf diese Alltagswirklichkeit zu reagieren. Die letzten 20 Jahre haben sich Kinder in Lateinamerika vermehrt zu politischen Initiativen und Bewegungen zusammengeschlossen, um ihre Rechte zu erkämpfen. Auf diese Zusammenschlüsse werde ich im Kapitel 5.2.4 eingehen (MILCHER 1996: 12-18).

4.1 Bolivien

Bolivien liegt im Zentrum Südamerikas und grenzt an Brasilien, Peru, Argentinien, Chile und Paraguay. Es ist fast dreimal so groß wie Deutschland; die größten Städte, deren Einwohnerzahl aufgrund der Verstädterung rasant zunimmt, sind La Paz, Santa Cruz und Cochabamba. Diese Städte sind auf der einen Seite sehr modern und von Konsum geprägt, auf der anderen Seite sehr traditionell und kulturell in Bezug auf Tänze, Feste, Trachten und ähnlichem. 60% der Bevölkerung Boliviens lebt in der Stadt, die restlichen 40% auf dem Land (SAND 2000: 71).

[...]


[1] Ich werde in der vorliegenden Arbeit eine gendersensible Sprache verwenden. Aus Gründen der Vereinfachung und der Leserlichkeit werde ich im Folgenden jedoch stets die weibliche Bezeichnung „Sozialarbeiterin“ verwenden. Diese soll sowohl männliche, als auch weibliche Personen umfassen. Bei anderen Bezeichnungen oder Substantiven werde ich die geschlechtergerechte oder gebräuchliche Form auswählen.

[2] Als „Parallelgesellschaft“ werden Gesellschaften bezeichnet, die sich innerhalb einer fremden Kultur in einem Prozess bewusst abgrenzen und versuchen sich zu verselbstständigen. Dieser soziologische Begriff charakterisiert die jeweilige Gesellschaft jedoch nicht sachgerecht, da zu einer solchen ein eigenständiges Rechts-, Bildungs- und Wirtschaftssystem gehören. Der gesamtgesellschaftlich-staatliche Zusammenhalt der verschiedenen „Parallelgesellschaften“ wird durch das Fehlen eines umfassenden Nationalbewusstseins und durch ungleiche Verteilung von Lebenschancen und des Wohlstandes stark gefährdet (HILLMANN 2007: 661).

[3] Definition von Kinderarbeit nach BMZ: a) Kinder zwischen 5 bis 11 Jahren, die mindestens eine Stunde gearbeitet oder mindestens 28 Stunden Hausarbeit pro Woche ausgeführt haben oder b) Kinder zwischen 12 und 14 Jahren, die mindestens 14 Stunden gearbeitet oder mindestens 28 Stunden Hausarbeit ausgeführt haben (BMZ 2008: 5).

Details

Seiten
106
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836637480
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227300
Institution / Hochschule
Hochschule Ravensburg-Weingarten – Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
lateinamerika soziale arbeit straßenkinder arbeitsorganisation präventionsarbeit

Autor

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Titel: Kinderarbeit in Bolivien - Eine Notwendigkeit und Chance?