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Entwicklungsstufen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007

Diplomarbeit 2009 59 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ziel und Aufbau der Arbeit
1.2. Ursprung der Immobilienkrise

2. Entstehung der Immobilienkrise in den USA
2.1. Ausfälle und Zahlungsstörungen im US-amerikanischen Immobilienmarkt
2.2. Immobilienpreisentwicklung
2.3. Kursverfall am Verbriefungsmarkt

3. Vertrauenskrise
3.1. Aufdeckung versteckter Risiken im Bankenmarkt
3.1.1. Liquiditätskrise der Banken
3.1.2. Solvenzprobleme der Banken
3.1.3. Ertragsprobleme der Banken
3.1.4. Eigenkapitalverlust von deutschen und britischen Banken
3.1.5. Zusammenbruch von Lehmann Brother
3.1.6. Verschärfung der Finanzkrise
3.2. Drohende Zahlungsunfähigkeit der Monoliner

4. Programme und Maßnahmen zur Stabilisierung des Finanzsystems
4.1. Gegenmaßnahmen der Zentralbanken
4.2. Maßnahmen des Gesetzgebers und der Aufsichtsbehörden
4.2.1. Verbot von Leerverkäufen
4.2.2. Änderung der Bewertungs- und Bilanzierungsregeln
4.3. Staatliche Rettungsprogramme für Banken
4.3.1. USA
4.3.2. Deutschland
4.3.3. Besonderheit Island
4.3.4. Weitere Staaten
4.4. Stärkere Kontrolle der Finanzmärkte

5. Wirtschaftliche Folgen der Finanzkrise
5.1. Auswirkungen auf die Börsen
5.2. Gewinneinbrüche bei Unternehmen
5.3. Kreditklemme im Mittelstand
5.4. Steigende Zahl von Unternehmensinsolvenzen
5.5. Rezession
5.6. Steigende Zahlungsausfälle bei Kreditkarten

6. Konjunkturprogramme zur Minderung der Wirtschaftskrise

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis V

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Wie aus Krediten mit schlechter Bonität erstklassige Anleihen werden

Abb. 2: Ausfallraten für Subprime-Hypotheken nach Ausgabejahrgängen

Abb. 3: S&P/Case-Shiller Home Price Indices

Abb. 4: Entwicklung der Kreditvergabe an private

Abb. 5: Ausverkauf am Verbriefungsmarkt

Abb. 6: Versichertes Volumen der Monoliner

Abb. 7 Geldspritzen der EZB in Euro und Dollar

Abb. 8 Volumen des US-Konjunkturprogramms

Abb. 9: Ersparnisse und Neuverschuldung der privaten US-Haushalte

Abb. 10: Das deutsche Maßnahmenpaket zur Stabilisierung der Finanzmärkte

Abb. 11: Weltweite Rettungspakete für die Finanzmärkte

Abb. 12 Entwicklung DAX der letzten 3 Jahre

Abb. 13 Entwicklung Dow Jones der letzten 3 Jahre

Abb. 14: Index der Industrieproduktion und der Auftragseingänge (quartalsdurchschnittliche Vorjahresveränderungen)

Abb. 15: Umfrageergebnisse zu den Kreditvergabestandards für Unternehmen

Abb. 16 Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland

Abb. 17: Veränderung der Beschäftigtenzahlen in den USA

Abb. 18: Konjunkturpaket

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Ziel und Aufbau der Arbeit

Nach einigen ruhigen Jahren mit freundlichen Finanzmärkten und stabilem Wachstum der Weltwirtschaft sind 2007 ausgehend vom US-Hypothekenmarkt dunkle Wolken über dem internationalen Finanzsystem aufgezogen, die sich zu einem orkanartigen Sturm entwickelt haben.[1] Kaum ein anderes Thema wird in den letzten Monaten von der Medienwelt so intensiv behandelt wie die aktuelle Krise. Angst macht diese fast jedem. Was im Jahr 2007 in den USA als Subprimekrise (Kredite für Kunden mit geringer Bonität) begann, weitete sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Krise auf dem gesamten Globus aus, die auch die Finanzbranche und Wirtschaft erreicht hat.

Ziel dieser Diplomarbeit ist es, die weiten Kreise der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 aufzuzeigen. Hierzu werden die einzelnen Entwicklungsstufen dargestellt und behandelt. Da sich die Krise zeitgleich der Bearbeitung sehr dynamisch und schwer vorhersehbar entwickelt ist eine zeitliche Eingrenzung erforderlich. Daher beschränkt sich die Arbeit auf den Zeitraum vom 01. Januar 2007 bis zum 10. April 2009.

Die vorliegende Arbeit ist in insgesamt sieben Kapitel gegliedert. Zu Beginn werden in dieser Gliederungsstufe die Ziele und der Aufbau der Arbeit beschrieben. Um einen soliden Einstieg zu erhalten, wird ein Einblick in den Ursprung der Krise gegeben.

Aufbauend auf diesen Grundlagen wird unter Gliederungspunkt zwei die Entstehung der Immobilienkrise in den USA erläutert. Es werden die Ausfälle und Zahlungs-störungen im US-amerikanischen Immobilienmarkt dargestellt, sowie die Entwicklung der Immobilienpreise. Weiterhin wird der Kursverfall am Verbriefungsmarkt beschrieben.

Der dritte Abschnitt nimmt Bezug zur entstandenen Vertrauenskrise. Der erste Teil widmet sich der Aufdeckung versteckter Risiken im Bankenmarkt. Zunächst werden die Hintergründe der entstandenen Liquiditätskrise der Banken erläutert, die zu Solvenzproblemen und Ertragsproblemen der Banken geführt haben. Anschließend werden die massiven Eigenkapitalverluste der deutschen und britischen Banken geschildert. Der nachfolgende Gliederungspunkt gibt einen Überblick über den fatalen Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brother und die Auswirkungen hieraus für die noch bestehenden Investmentbanken der USA.

Außerdem liefert diese Ausarbeitung einen Überblick auf die Verschärfung der Krise, die durch die Insolvenz von Lehman Brother entstanden ist. Im Abschluss geht dieses Kapitel auf die Probleme der Monoliner (Spezialversicherer) ein, die durch hohe Kreditausfallraten in Bedrängnis gerieten.

Das folgende Kapitel vier beleuchtet die Programme und Maßnahmen zur Stabilisierung des Finanzsystems. Es werden die Gegenmaßnahmen der Zentralbanken erläutert. Ebenso die Maßnahmen des Gesetzgebers und der Aufsichtsbehörden, die aus dem Verbot von Leerverkäufen sowie der Änderung der Bewertungs- und Bilanzierungsregeln bestehen. Außerdem werden die staatlichen Rettungsprogramme für Banken, insbesondere den Programmen der USA, Deutschland und der Besonderheit von Island geschildert. Auf die Rettungsprogramme der weiteren Staaten wird nur in aller Kürze eingegangen. Die stärkere Kontrolle der Finanzmärkte ist Thema im Abschluss dieses Kapitels.

Kapitel fünf beschreibt die wirtschaftlichen Folgen aus der Finanzkrise. Es werden die Auswirkungen auf die Börsen, die Gewinneinbrüche der Unternehmen, die Kreditklemme im Mittelstand sowie die steigende Zahl von Unternehmensinsolvenzen dargelegt. Außerdem widmet sich dieser Gliederungspunkt der weltweiten Rezession sowie der steigenden Zahlungsausfälle bei Kreditkarten.

Die verschiedenen Konjunkturprogramme zur Minderung der Wirtschaftskrise der einzelnen Länder werden in Abschnitt sechs erläutert. Diese Programme sollen jedoch nur in Kürze dargestellt werden.

Abschließend wird im siebten Kapitel Wesentliches zusammengefasst.

1.2 Ursprung der Immobilienkrise

Begonnen hat alles am US-amerikanischen Immobilienmarkt. Mit zeitweise historisch niedrigen Leitzinsen, die auch noch in Phasen mit einer gefestigten konjunkturellen Entwicklung beibehalten wurden, trugen vor allem die US-amerikanische Notenbank Fed und die Bank von Japan dazu bei, dass Zentralbankgeld − der Inputfaktor aller Kreditschöpfungsprozesse − zeitweise zu sehr günstigen Konditionen verfügbar war.[2]

Noch vor zehn Jahren musste der größte Teil der Darlehen in den Büchern der Kreditinstitute verbleiben und mit entsprechendem Eigenkapital unterlegt werden, bis der Schuldner alle Raten abgestottert hatte.[3] In den letzten Jahren verbreitete sich jedoch zunehmend das Originate-and-Distribute-Modell auf den internationalen Finanzmärkten, das heißt einer Geschäftspolitik, bei der Banken die von ihnen vergebenen und oft problembehafteten Kredite rasch an Investoren im In- und vor allem im Ausland transferierten.[4]

Die sorgfältige Kreditprüfung rückte aufgrund des harten Wettbewerbs nach und nach immer weiter in den Hintergrund, da die Kredite und somit auch das Risiko aufgrund der schnellen Weitergabe aus den Bilanzen verschwanden. Wegen der niedrigen Zinsen und der sinkenden Kreditvergabestandards konnten sich auch untere Einkommensschichten sowie Schuldner mit schlechter Bonität ein Eigenheim leisten. Die Kredite dieser Schuldner werden Subprime-Kredite genannt. Ein weiteres Problem bestand darin, dass Kreditinstitute immer wieder neue Angebote auflegten. Eine wichtige Rolle spielten dabei Hypotheken mit variabler Verzinsung und einem für die Einstiegsphase oft sehr niedrigem Zinssatz, der sich später an den aktuellen Marktzins anpasste.

Die Hypothekenbanken hatten ihre Darlehensforderungen überwiegend an Zweckgesellschaften (Conduits, SIVs) verkauft. Zweckgesellschaften wurden meist von Banken und Investmentbanken gegründet. Es sind kleine Verwaltungsgesellschaften mit wenig Eigenkapital in Steueroasen wie Irland, den karibischen Cayman Islands oder auch in Delaware/USA. Zusätzlich zu den Steuervorteilen konnten auf diese Weise die Eigenkapitalunterlegungspflichten (Basel I) bzw. das jeweils vorhandene Eigenkapital der Bank im Sinne eines Leverage-Effekts effizienter genutzt werden. Der Effekt beschreibt, wie ein Unternehmen seine Eigenkapitalrendite durch die Aufnahme von Fremdkapital hochhebeln kann. Eine positive Hebelwirkung tritt dann ein, wenn ein Anleger Fremdkapital zu günstigeren Konditionen aufnehmen kann, als die Investition an Rendite erzielt. Dies ist vor allem in Phasen mit niedrigen Fremdkapitalzinsen und einer guten Ertragslage für Unternehmen attraktiv. Der Effekt verstärkt sich, wenn die Aktiva zum Marktwert bilanziert werden, da so das Eigenkapital und damit die Beleihungsspielräume ausgeweitet werden.

Die Zweckgesellschaften kauften Immobilienpakete und wandelten den Pool von Aktiva in handelbare Forderungen (Verbriefung). Die Finanzierung des Kaupreises der Immobilienpakete erfolgte über eigene Anleihen. Bei den Anleihen handelt es sich um Anleihen mit kurzer Laufzeit (ABCP - Asset-Backed Commercial Papers) und Anleihen mit mittlerer Laufzeit (ABS - Asset-backed Security), die durch Vermögenswerte wie zum Beispiel Hypotheken oder Forderungen besichert sind. Das Geschäftsmodell zielt also darauf ab, Erträge aus der Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen zu erwirtschaften. Solange für kurzfristige Anleihen weniger Zinsen bezahlt werden als für langlaufende Titel funktioniert dieses Modell.

Für den zügigen Verkauf dieser Anleihen war ein gutes Rating Grundvoraussetzung. Hierfür reichten die Hypothekenpakete der Zweckgesellschaften alleine nicht aus, da hohe Liquiditätsrisiken und nur eine geringe Eigenkapitalunterlegung bestanden. Daher gaben Kreditinstitute ihren Zweckgesellschaften Liquiditätsgarantien. Dazu nutzte vor allem die Tatsache, dass im Rahmen von Basel I für Kreditzusagen mit einer Laufzeit von bis zu 364 Tagen keine Eigenkapitalunterlegung erforderlich ist. Der Gewinntransfer von den Zweckgesellschaften zu den Banken wurde teilweise als Entgelt für „Beratungsdienstleistungen“ kaschiert. Die Banken hatten ohne bzw. durch sehr geringen Einsatz eigenen Kapitals eine sprudelnde Geldquelle gefunden.

Über die Strukturierung, war es zudem möglich, aus Kreditportfolios mit zweitklassiger Qualität einen hohen Prozentsatz erstklassig bewerteter Finanztitel zu destillieren.[5] So konnten aus 100 Prozent Subprimekrediten ein Portfolio, welches zu 90 Prozent aus AAA-Rating (entspricht üblicherweise einem Rating eines Staatspapieres von höchster Bonität) besteht, entstehen. Als Strukturierung wird die fiktive Aufteilung eines Pools verbriefter Forderungen in Tranchen mit unterschiedlichen Ausfallrisiken und Zinskupons bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Wie aus Krediten mit schlechter Bonität erstklassige Anleihen werden[6]

Da Ratingagenturen für die Bewertung strukturierter Produkte nicht von den Investoren, sondern von den Banken bezahlt wurden, hatten sie einen Anreiz, die vom Auftraggeber gewünschten Ratingstrukturen zu liefern, die einen zügigen Absatz der Papiere am Markt erlaubten.[7] Oft hatten die Ratinggesellschaften die Zweckgesellschaften bzw. Banken sogar dahingehend beraten, wie sie die zu verbriefenden Portfolios strukturieren sollten, um die gewünschten Bonitätsnoten von ihnen zu erhalten. Durch die Doppelfunktion entstand ein zusätzlicher Interessenkonflikt. Jedoch dachte man, dass durch die Verbriefung der Kredite, sich das Risiko etwaiger Kreditausfälle auf zahlreiche Schultern verteile - die geballte Kraft vieler Anleger könne die Last sicher tragen.[8] Ein weiteres Problem bei der Bewertung dieser Pakete bestand darin, dass den Ratingagenturen keine aussagekräftigen historischen Ausfallzahlen zur Verfügung standen und somit zu optimistisch bewertet wurde. Die Anleger waren sich nicht der Tatsache bewusst, dass die Ratings nur das Kreditausfallrisiko zum aktuellen Zeitpunkt bewerten, nicht aber die Gefahr, dass es auf Grund von Marktstörungen zu Kursverlusten kommen konnte. Die Anleihen wurden mit dem guten Rating als Finanzinnovationen an andere Banken, Hedgefonds und sonstige Investoren weiterverkauft.

2 Entstehung der Immobilienkrise in den USA

2.1 Ausfälle und Zahlungsstörungen im US-amerikanischen Immobilien-markt

Die zunehmende Anzahl an minderwertigen Hypotheken wurde eine Gefahr für das Finanzsystem, als die darlehensgebenden Banken aufhörten, das Kreditrisiko zu tragen. Es traten keine Probleme auf, so lange die Kreditnehmer ihre Hypothekendarlehen vertragsgemäß bedienten. Mit der Anhebung der Leitzinsen in den Jahren 2005 und 2006 kam es zu erheblichen finanziellen Zusatzbelastungen durch steigende Kreditraten. Dies traf vor allem die Schuldner mit schlechter Bonität und Krediten mit variablen Zinsen (Adjustable Rate Mortgages – ARM). Hier war der Schub wegen des markanten Zinsanpassungsschocks besonders stark ausgeprägt.

Die Entwicklung zu immer geringeren Qualitätsanforderungen an die Kreditnehmer zeigt sich deutlich an den mit dem Zeitpunkt der Kreditvergabe zunehmenden Ausfallraten von Subprime Krediten.[9] Aufgrund steigender Zinsen und der abschwächenden Wirtschaft in den USA stieg hier die Ausfallrate an und erreichte 2007 den höchsten Stand der letzten Jahre (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ausfallraten für Subprime-Hypotheken nach Ausgabejahrgängen[10]

Viele Schuldner konnten die steigenden Kreditraten nicht mehr zahlen. Neben dem Subprime-Segment wurden zunehmend Kredite besserer Qualität und Kredite außerhalb des Immobiliensektors erfasst.

Der im Vergleich zu früheren Immobilienzyklen erheblich größere Anteil riskanter Hypothekentypen erschwert die Prognose der Ausfallraten. Amerikanische Banken vermeldeten Zahlungsausfälle in Rekordhöhe, aber noch scheint das Problem handhabbar und auf die USA konzentriert.

2.2 Immobilienpreisentwicklung

Die Krise wurde vor allem durch fallende Immobilienpreise in den USA beeinflusst. Seit Jahren waren enorme Preissteigerungen zu beobachten, die sich zu einer Immobilienblase entwickelt hatten. Viele Institutionen, wie zum Beispiel die OECD, hatten zwar schon seit längerem vor einer Überbewertung der US-Immobilienpreise gewarnt, doch im Vergleich zu anderen Ländern, wie etwa Spanien oder Großbritannien, schien die Preisentwicklung immer noch fundamental gerechtfertigt zu sein.[11]

Als die Leitzinsen in den Jahren 2005 und 2006 angehoben wurden, kam es zu einer deutlichen Abkühlung des Immobilienmarktes. Ziemlich schnell stellte sich zu heraus, dass die Immobilienwerte selbst in ehemaligen Boomgebieten absackten, die US-Immobilien reihenweise leer standen.[12] In vielen Fällen war das Haus plötzlich weniger Wert als die Hypothek. Viele Haus- und Wohnungsbesitzer mussten ihr Eigenheim zu einem „Schleuderpreis“ verkaufen, da sie die Raten nicht mehr bezahlen konnten. Verstärkt wurde der Abwärtstrend am Immobilienmarkt, da in den USA der Immobilienschuldner nur mit seiner Immobilie, nicht aber mit seinem Privatvermögen haftet. Das führt dazu, dass der Anreiz groß ist, nicht zu zahlen und stattdessen das Haus oder die Wohnung an die Bank zurückzugeben (walk away). Millionen von Immobilien kamen somit in Massenversteigerungen unter den Hammer. [13] Die Besitzer mussten umziehen, viele von ihnen wurden obdachlos und zogen in Zelte . Die Immobilienpreise fanden lange Zeit keinen Boden (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: S&P/Case-Shiller Home Price Indices[14]

Da die US-amerikanischen Banken auch die Kreditvergabe stark eingeschränkt haben, lässt sich das hohe Überangebot an Immobilien nur sehr schwer abbauen. Die stark rückläufige Entwicklung der Kreditvergabe kann man in Abbildung 4 erkennen. Ökonomen schätzen das Volumen der Hauspreisblase auf bis zu acht Billionen Dollar, etwa zwei Drittel der jährlichen US-Wirtschaftsleistung.[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Entwicklung der Kreditvergabe an private

Haushalte in den Vereinigten Staaten[16]

2.3 Kursverfall am Verbriefungsmarkt

Als im Sommer 2007 die Hiobsbotschaften vom US-Wohnimmobilienmarkt zunahmen und sich die Kreditqualität immer mehr verschlechterte, kamen verbreitet Zweifel über die Werthaltigkeit strukturierter Produkte auf – insbesondere solcher mit Bezug zu US-Subprime-Hypothekarkrediten.[17] Der Absatz der Refinanzierungspapiere der Zweckgesellschaften geriet ins Stocken, die bisherigen Käufer hielten sich aus Angst vor Verlusten zurück.

Undurchsichtige strukturierte Produkte wie zum Beispiel RMBS, das sind Wertpapiere, bei denen gebündelte private Wohnimmobilien als Sicherheit dienen, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Die Ratingagenturen trugen mit ihrem zunächst zögerlichen Verhalten zur Verschärfung der Krise bei, da sie lange Zeit an den ursprünglich erteilten hohen Ratings festhielten, obwohl sich die Kreditausfälle häuften.[18] Die eingetretene Erschütterung des globalen Finanzsystems führte zu einer kollektiven Neubewertung der verbrieften Titel. Die erste Ausverkaufswelle setzte im Juli 2007 ein. Nach einer zwischenzeitlichen Erholung lösten die anhaltenden schlechten Nachrichten vom US-Häusermarkt einen erneuten Kursrutsch aus. Der Markt für die Anleihen der Zweckgesellschaften, die durch Hypotheken gesichert sind, war praktisch zusammengebrochen (Abbildung 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Ausverkauf am Verbriefungsmarkt[19]

Es ließen sich kaum noch aussagekräftige Preise für diese Finanzprodukte finden. Offenbar waren die Finanzprodukte so komplex, dass selbst viele Experten sie kaum verstanden und diese somit auch nicht korrekt bewerten konnten. Die Verbriefung hat das gewaltige Ausmaß des Spekulationsbooms ermöglicht und sorgte im Abschwung für den hohen Wertverlust.

Der im Vergleich zu früheren Immobilienzyklen erheblich größere Anteil riskanter Hypothekentypen erschwert die Prognose der Ausfallraten und ihrer Korrelationen und damit auch die Bewertung komplex strukturierter Finanzprodukte.[20] Außerdem gibt es kaum Informationen darüber, wer die besonders kritischen Tranchen hält, da der Verbriefungsmarkt nahezu unreguliert ist.

Durch den Verkauf der US-Immobilienkredite und deren Refinanzierung über Anleihen, die weltweit verkauft wurden, ist aus der Krise des US-Immobilienmarktes eine internationale Finanzkrise geworden.[21]

3 Vertrauenskrise

3.1 Aufdeckung versteckter Risiken im Bankenmarkt

3.1.1 Liquiditätskrise der Banken

Durch die Gründung von Zweckgesellschaften und die kreative Gestaltung der vertraglichen Beziehungen hatten Kreditinstitute einen Weg gefunden, Geschäfte aus Bankbilanzen auszulagern, um damit bankaufsichtsrechtliche Bestimmungen, insbesondere zur Risikostreuung und zur Absicherung von Eigenkapital zu umgehen.[22] Mehrmals erfolgten von der BaFin Sonderprüfungen zu den Risiken der Geschäfte mit den Zweckgesellschaften, diese wurden auch moniert aber nichts dagegen unternommen.[23]

Als die Vertrauenskrise am Verbriefungsmarkt generelle Zweifel an der Werthaltigkeit der zur Deckung dienenden Aktiva solcher Zweckgesellschaften weckte, gerieten diese in Refinanzierungsschwierigkeiten.[24] Sie konnten sich nicht mehr wie üblich über den Anleihenmarkt finanzieren. Daher mussten die ihnen eingeräumten Kreditlinien bei den Kreditinstituten in Anspruch genommen werden, womit etablierten Banken in den Strudel der Krise gerieten. Ebenso versuchten Investmentbanken möglichst viele der faulen Hypotheken an die Hypothekenbanken zurückzugeben, ein Recht, das ihnen entweder das Kleingedruckte einräumte oder die Kreditinstitute aus Reputationsgründen dazu veranlasste. Mit voller Wucht schlugen die vermeintlich ausgelagerten Risiken auf die Bankbilanzen zurück.

Verschärft wurden die Probleme der Zweckgesellschaften, da die Zinsstrukturkurve seit 2006 in den USA invers, d.h. für Anleihen mit kurzen Laufzeiten werden höhere Zinsen gezahlt als für langlaufende Anlagen, seit Jahresende 2007 sogar stark invers verläuft.

Auch sahen sich Finanzinstitute zu einer ungeplanten und ungewollten Ausweitung ihrer Bilanzen genötigt, weil sie neue Kredite nicht wie vorgesehen weiterreichen konnten. Dies war so nie beabsichtigt, da die Banken sich von den Kreditausfallrisiken aus dem Immobiliengeschäft schnell trennen wollten. Dies geschah durch den Verkauf der Kreditforderungen an die hierfür gegründeten Zweckgesellschaften oder an die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Zunächst waren überwiegend US-amerikanische Hypothekenbanken betroffen. Sie wurden zahlungsunfähig und stellten den Betrieb ein oder wurden von anderen Banken übernommen.

Der in Kapitel 1.2. beschriebene Leverage-Effekt kehrte sich schnell ins Gegenteil und setzte eine Abwärtsspirale in Gang. Der Wertverfall der Aktiva und einer deutlich vorsichtigeren Kreditvergabe der Banken führte zu einem erheblichen Verkaufsdruck. Die Finanzinstitute sind durch die neueren Bilanzvorschriften GAAP in den Vereinigten Staaten und IFRS für börsennotierte Unternehmen in Europa, anders als in früheren Krisen, verpflichtet, alle Aktiva stets zum Fair Value zu bewerten, auch wenn diese nicht verkauft werden sollen.[25] Als Fair Value wird der beizulegende Zeitwert, d.h. der Betrag, zu dem sachverständige und vertragswillige Parteien unter üblichen Marktbedingungen bereit wären, einen Vermögenswert zu tauschen bzw. eine Verbindlichkeit zu begleichen, bezeichnet.[26] Wenn eine Bank zum Beispiel Notverkäufe vornehmen muss, sinkt der Marktwert für das entsprechende Produkt. Der sinkende Preis des Wertes bringt andere Institute durch die Abschreibepflicht in Bedrängnis. Dieses Institut wiederum kann auch hier zu einem Notverkauf gezwungen sein. Das Vermögen der Banken war nicht verschwunden, es ließ sich nur nicht mehr auf dem Markt verkaufen und auch nicht mehr beleihen.

Da viele Institute die am US-Hypothekenmarkt eingegangenen Positionen nicht offen legen wollten oder konnten, entwickelte sich eine schwere Vertrauenskrise, die den Interbankenmarkt stark einschränkte. Unerwartet schnell und heftig hat die Krise der Kreditmärkte auch auf die Geldmärkte übergegriffen. Der Mangel an Liquidität entstand aus der Unverkäuflichkeit der Verbriefungen sowie der fehlenden Kreditbereitstellung durch andere Banken. Die Banken leihten sich untereinander kein Geld mehr aus bzw. wurden wesentlich zurückhaltender als vor der Krise. Sie konnten den eigenen Liquiditätsbedarf nur schwer abschätzen, da sie nicht wussten welche Belastungen auf sie zukommen und wie lange die Liquiditätsknappheit andauern würde. Die Banken horteten Liquidität und parkten Einlagen risikolos, aber zu niedrigeren Zinsen bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Interbankensätze stiegen auf Rekordhöhe. Es wurde sichtbar, wie hochgradig vernetzt die Finanzinstitute sind. Die Interbanken-Kredite gelten als eines der wichtigsten Finanzierungsinstrumente für Kreditinstitute. Die Banken mit Refinanzierungsschwierigkeiten versuchten daher Gelder von Anlegern mit attraktiven Zinsen einzusammeln.

Anfang April 2007 musste New Century Gläubigerschutz beantragen. Die kalifornische Hypothekenbank war die Nummer zwei im US-Geschäft mit Subprime-Schuldnern. Das Institut musste die Kreditvergabe einstellen, nachdem sie selbst keinen Kredit von anderen Banken mehr bekam. Die meisten anderen privaten Hypothekenbanken folgten New Century später in die Insolvenz.

Angesichts der US-Hypothekenkrise musste die US-Investmentbank Bear Stearns im vierten Quartal 2007 wegen hoher Abschreibungen den ersten Verlust der Firmengeschichte ausweisen. Sie hatte sich mit schlecht besicherten Hypotheken kräftig verspekuliert. Damit steuerte die Bankenkrise im März 2008 auf einen ersten Höhepunkt zu. Zwei Hedgefonds von Bear Stearns waren zusammengebrochen. Es hatte wiederholt Gerüchte an den Finanzmärkten gegeben, das Unternehmen habe nun Liquiditätsprobleme. Diese Gerüchte wurden jedoch vom Unternehmen dementiert. Nur vierundzwanzig Stunden später musste jedoch das Institut erklären, dass sich die Liquidität der Bank signifikant verschlechtert habe.[27] Die kursierenden Gerüchte über die Zahlungsfähigkeit der Firma hatte die Lage verschärft, da andere Banken keine Kredite mehr zur Verfügung stellten - trotz teils hochwertiger Sicherheiten. Bear Stearns konnte nur durch eine Stützungsaktion der Fed und des Konkurrenten JP Morgan aufgefangen werden. Das finanzielle Rettungspaket der Fed für Bear Stearns sollte eine weltweite Kettenreaktion verhindern, welche das gesamte Finanzsystem zum Einsturz hätte bringen können. Am 16. März 2008 unterbreitete JP Morgan Chase mit Unterstützung der Fed schließlich ein Übernahmeangebot.

Die beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac gerieten im Juli 2008 wegen Spekulationen über Liquiditätsengpässe massiv unter Druck. Beide Institute waren einst vom Staat gegründet worden, um die Finanzierung von Eigenheimen zu erleichtern. Fannie Mae als auch Freddie Mac wurden später größtenteils an die Börse gebracht. Zusammengenommen besitzen oder garantieren sie für etwa fünf Billionen Dollar Hypothekendarlehen und damit fast die Hälfte aller US-Hauskredite.[28] Um einen Zusammenbruch zu vermeiden, der gravierende Folgen für die Weltwirtschaft gehabt hätte, wurden die beiden Institute Anfang September verstaatlicht - der Anfang eines beispiellosen Rettungs-Marathons. Der Staat übernahm die beiden Hypotheken-finanzierer für 200 Milliarden Dollar.[29]

[...]


[1] Vgl. http://www.bafin.de/cln_116/nn_724048/SharedDocs/Downloads/DE/Service/Jahresberichte/ 2007/ jb__2007__gesamt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/jb_2007_gesamt.pdf

[2] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2007/08, Paderborn: Bonifatius GmbH Druck-Buch-Verlag 2007, S. 93

[3] Vgl. http://www.zeit.de/2007/10/G-Immobilienkredite-USA?page=3

[4] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2008/09, Paderborn: Bonifatius GmbH Druck-Buch-Verlag 2008, S. 120

[5] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2007/08, a. . O., S. 89

[6] http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~E6EA65DBE 14434679B64FE711AF394BE2~ATpl~Ecommon~SMed.html

[7] Vgl. http://www.bafin.de/cln_116/nn_724048/SharedDocs/Downloads/DE/Service/Jahresberichte/ 2007/ jb__2007__gesamt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/jb_2007_gesamt.pdf

[8] Vgl. http://www.zeit.de/online/2008/44/bg-finanzkrise?2

[9] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Das deutsche Finanzsystem Effizienz steigern – Stabilität erhöhen, Paderborn: Bonifatius GmbH Druck-Buch-Verlag 2008, S.126

[10] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Das deutsche Finanzsystem Effizienz steigern – Stabilität erhöhen, S.127

[11] Vgl. http://www.iwkoeln.de/Portals/0/pdf/trends03_08_2.pdf

[12] Vgl. http://www.wiwo.de/finanzen/finanzkrise-vom-immobilienboom-zum-boersen-crash-271063/2/

[13] Vgl. http://www.stern.de/wirtschaft/immobilien/immobilien/:Massenversteigerung-Ein-Haus-2500-Dollar/601059.html

[14] http://www.boersennotizbuch.de/caseshiller-home-price-index-der-verfall-der-preise-am-us- immobilienmarkt-haelt-bis-november-2008-an.php

[15] Vgl. http://www.manager-magazin.de/fotostrecke/0,2828,PB64-SUQ9MjQzNjImbnI9Mw_3_ 3,00.html

[16] Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2008/09, S. 126

[17] Vgl. http://www.bafin.de/cln_116/nn_724048/SharedDocs/Downloads/DE/Service/Jahresberichte/ 2007 / jb__2007__gesamt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/jb_2007_gesamt.pdf

[18] Vgl. http://www.bafin.de/cln_116/nn_724048/SharedDocs/Downloads/DE/Service/Jahresberichte/ 2007 / jb__2007__gesamt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/jb_2007_gesamt.pdf

[19] http://www.bafin.de/cln_116/nn_724048/SharedDocs/Downloads/DE/Service/Jahresberichte/2007 / jb__2007__gesamt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/jb_2007_gesamt.pdf

[20] Vgl. http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/finanzstabilitaetsberichte/ finanzstabilitaets bericht2007.pdf

[21] Vgl. Hemmerich, Friedhelm, Vom US-Immobilienmarkt zur internationalen Finanzkrise, in: Wisu 4/08, S. 518

[22] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Das deutsche Finanzsystem Effizienz steigern – Stabilität erhöhen, a. a. O., S.128

[23] Vgl. Zeise, Lucas: Ende der Party: Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft, a. a. O., S. 30

[24] Vgl. http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/finanzstabilitaetsberichte/ finanzstabilitaets bericht2007.pdf

[25] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Das deutsche Finanzsystem Effizienz steigern – Stabilität erhöhen, a. a. O., S.134

[26] Vgl. http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/fair-value/fair-value.htm

[27] Vgl. http://boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_282772

[28] Vgl. Hemmerich, Friedhelm, Vom US-Immobilienmarkt zur internationalen Finanzkrise, in: Wisu 4/08, S. 518

[29] Vgl. http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/49/37/dokument.html?titel=Finanzkrise&id=6060739 4&top=Lexikon&suchbegriff=finanzkrise&quellen=&qcrubrik=wirtschaft

Details

Seiten
59
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836632423
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227016
Institution / Hochschule
Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie Wiesbaden e.V. – Betriebswirtschaftslehre
Note
1,3
Schlagworte
finanzkrise wirtschaftskrise immobilienkrise verbriefung vertrauenskrise

Autor

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Titel: Entwicklungsstufen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007