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Die Auswirkungen elterlicher Trennung auf das Sozialverhalten und die schulischen Leistungen der betroffenen Kinder

Analyse auf der Basis von Fallstudien aus dem Projekt LISA&KO

Examensarbeit 2007 77 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische Vorgehensweise
2.1 Ziele der Arbeit
2.2 Aufbau der Arbeit

3. Ehe und Scheidung in Deutschland gestern und heute – ein Überblick

4. Ehescheidung und die Konsequenzen für die betroffenen Familien
4.1 Veränderungen in den Lebensbedingungen geschiedener Familien
4.1.1 Überforderung der allein erziehenden Elternteile
4.1.2 Finanzielle Situation und Erwerbstätigkeit
4.1.3 Wohnsituation und soziale Netze
4.2 Fazit

5. Elterliche Trennung aus der Perspektive der Kinder
5.1 Der Prozess der Trennung
5.1.1 Ambivalenz- oder Vorscheidungsphase
5.1.2 Trennungsphase
5.1.3 Nachscheidungsphase
5.2 Konfliktfelder der Kinder
5.2.1 Loyalitätskonflikt
5.2.2 Selbstwertkonflikt und Schuldgefühle
5.2.3 Verlustängste
5.2.4 Parteilichkeitskonflikt
5.3 Fazit

6. Scheidungsreaktionen
6.1 Sichtbare vs. Unsichtbare Reaktionen
6.2 Sozialverhalten
6.2.1 Altersspezifische Reaktionen von Kindern
6.2.1.1 Kinder im Alter von 7 bis 8 Jahren
6.2.1.2 Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren
6.2.2 Geschlechtsspezifische Reaktionen von Kindern
6.3 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
6.4 Weitere Reaktionen
6.5 Fazit

7. Scheidung ist nicht gleich Scheidung – Faktoren, die das Scheidungserleben der Kinder beeinflussen
7.1 Qualität der Beziehung zwischen Kind und Eltern
7.2 Qualität der Beziehung zwischen den getrennten Eltern
7.3 Sozialer Kontakt zu anderen Bezugspersonen

8. Die ausgewählten Fallstudien aus dem Projekt LISA&KO
8.1 Auswahlkriterien
8.2 Analyse der Fallstudien
8.2.1 Trixi
8.2.1.1 Steckbrief
8.2.1.2 Sozialverhalten
8.2.1.3 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
8.2.1.4 Weitere Auffälligkeiten
8.2.2 Tim-Niklas
8.2.2.1 Steckbrief
8.2.2.2 Sozialverhalten
8.2.2.3 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
8.2.2.4 Weitere Auffälligkeiten
8.2.3 Leslie Annabell
8.2.3.1 Steckbrief
8.2.3.2 Sozialverhalten
8.2.3.3 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
8.2.3.4 Weitere Auffälligkeiten
8.2.4 Timo
8.2.4.1 Steckbrief
8.2.4.2 Sozialverhalten
8.2.4.3 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
8.2.4.4 Weitere Auffälligkeiten

9. Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Fallstudien
9.1 Sozialverhalten
9.2 Schulische Leistungen und ihre Bedingungen
9.3 Weitere Auffälligkeiten
9.4 Faktoren, die das Scheidungserleben beeinflussen

10. Schlusswort

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Im Jahr 2004 wurden mehr als 200.000 Ehen in Deutschland geschieden.[1] Diese Zahl ist erschreckend, vor allem dann, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte dieser Scheidungen nicht nur eine Trennung zweier erwachsener Paare, sondern auch die Trennung von Eltern und Kindern bedeutet.[2] Lange Zeit stand in erster Linie die Situation der Erwachsenen, das heißt der Vorgang zwischen Mann und Frau auf Paarebene, im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Auch bei den rechtlichen Regelungen im juristischen Scheidungsverfahren stehen die Belange des Paares meist im Vordergrund. Dabei ist es unbestritten, dass die Kinder unter den lang andauernden und heftigen Konflikten der Eltern vor, während und nach der Scheidung extrem leiden.

Für viele Eltern scheint eine Scheidung meist der einzige Ausweg aus einer unerträglichen Situation zu sein, für die betroffenen Kinder allerdings bedeutet der Verlust eines Elternteils nicht nur den Untergang einer Welt, sondern den Untergang „ihrer“ Welt, an die sie fest geglaubt und auf die sie stets vertraut haben. Untersuchungen haben sogar ergeben, dass der Tod eines Elternteils weniger negative Auswirkungen auf die Kinder haben kann als eine Trennung der Eltern. Die ungelösten Probleme einer Scheidung bewirken die schier unendliche Fortsetzung von Konflikten, wohingegen der Tod ein endgültiger Abschied ist, mit dem die Kinder nach einiger Zeit abschließen können.[3]

Diese erschreckenden Untersuchungsergebnisse, die steigenden Scheidungszahlen und eigene autobiografische Erfahrungen brachten mich zu der Entscheidung, eine Arbeit zu verfassen, in der in erster Linie die Perspektive der betroffenen Kinder im Vordergrund steht.

2. Methodische Vorgehensweise

2.1 Ziele der Arbeit

Im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit möchte ich zeigen, wie Kinder den traumatischen Prozess einer Trennung erleben. Dabei liegt mein Ziel in der ausführlichen Darstellung der kindlichen Reaktionen, bei der ich neben allgemeinen Reaktionen den Blick insbesondere auf die Auswirkungen auf das Sozialverhalten und die schulischen Leistungen richten möchte. Zusätzlich soll die individuelle Einzigartigkeit in der Auseinandersetzung bzw. Bewältigung der Kinder hervorgehoben werden, denn nicht jede Scheidung verläuft gleich und nicht jedes Kind reagiert in der gleichen Art und Weise auf das Auseinanderbrechen der Familie. In diesem Zusammenhang werde ich auch der Frage nachgehen, welche Faktoren im Wesentlichen dafür verantwortlich sind, wie sich das Verhalten der betroffenen Kinder während bzw. nach einer Trennung entwickelt. Ich werde im Rahmen dieser Arbeit nicht auf die möglichen Langzeitfolgen (z.B. Folgen, die erst im Erwachsenenalter zu beobachten sind) einer Trennung eingehen, sondern zum überwiegenden Teil (in drei von vier Fällen) die ersten beiden Jahre nach der Scheidung betrachten, da in dieser Zeit die meisten Verhaltensänderungen zu beobachten sind.[4]

Neben der theoretischen Darstellung dieser Thematik besteht das weitere Ziel dieser Arbeit in der qualitativen Analyse von ausgewählten Einzelfallstudien, die im Rahmen des Forschungsprojektes „LISA&KO. – Lernbiografien im schulischen und außerschulischen Kontext“, welches seit 1999 an der Universität Siegen unter der Leitung von Hans Brügelmann und Hans Werner Heymann durchgeführt wird, entstanden sind. In diesem Projekt werden die Lebensbedingungen von Kindern im Alter zwischen fünf und 15 Jahren und ihre individuelle Lernentwicklung im sozialen Kontext untersucht und in Einzelfallstudien von Studierenden der Universität festgehalten. Das Ziel meiner Auswertung besteht insgesamt in der Verbindung von Theorie und Praxis. In diesem Zusammenhang sollen die aus der einschlägigen Scheidungsforschung gewonnenen Erkenntnisse und Aussagen anhand der ausgewählten Einzelfallstudien entweder bestätigt oder widerlegt werden. Werden meinerseits neue, in der Theorie nicht genannte Beobachtungen festgestellt, so sollen diese im Rahmen dieser Arbeit ebenfalls aufgedeckt und genannt werden.

2.2 Aufbau der Arbeit

Insgesamt gliedert sich die hier vorliegende Arbeit in zwei Teile, den Theorieteil und die Auswertung der Fallstudien. Zum Abschluss der Arbeit findet eine Verbindung beider Teile statt, indem ich die Ergebnisse meiner Querauswertung unter Rückbezug der Ergebnisse aus dem Theorieteil zusammenfasse.

Der erste Teil der Arbeit beginnt mit einem kurzen Überblick über die quantitative Entwicklung von Ehe und Ehescheidung in Deutschland. Anschließend werden die veränderten Lebensbedingungen geschiedener Familien betrachtet. Das Wissen und die Kenntnis der neu auftretenden Probleme im Alltag aller Familienmitglieder nach einer Scheidung sind wichtig, um die Komplexität der Thematik zu verstehen. Denn die häufig zu beobachtenden Störungen der Beziehung zwischen Eltern und Kindern beruhen unter anderem auch auf der Ursache, dass ganz praktische Probleme die Neuorientierung nach einer Scheidung zusätzlich erschweren.

Schwerpunkt des theoretischen Teils bildet die Darstellung der Trennung aus der Perspektive der betroffenen Kinder. Hier werden neben dem Prozess der Trennung mit seinen verschiedenen Phasen auch die wichtigsten Konfliktfelder der Kinder erläutert. Dabei handelt es sich oft um unsichtbare, innerpsychische Vorgänge, die für die Kinder zu teils starken Problemen anwachsen können. Im Weiteren werden die verschiedenen Reaktionsweisen der Kinder auf die elterliche Trennung beschrieben. Ich habe mich bemüht, die Darstellung in diesem Abschnitt für den Leser so transparent wie möglich zu gestalten, was bei der Fülle von Fakten, die in der Literatur präsentiert wird, nicht immer leicht ist. Zum diesem Zweck habe ich die zahlreichen Reaktionsweisen nach verschiedenen Kategorien geordnet. Dabei wird das Sozialverhalten nach Geschlecht und Alter differenziert, da hier deutliche Unterschiede zu finden sind.

Zum Abschluss des Theorieteils gehe ich kurz auf einige Faktoren ein, von denen das individuelle Erleben einer elterlichen Scheidung und die daraus resultierenden Folgen für die Kinder im Wesentlichen abhängig sind.

Im zweiten Teil meiner Arbeit erfolgt die Auswertung der Fallstudien. Insgesamt sollen vier Fallstudien aus dem Projekt LISA&KO. betrachtet werden. Nach einer kurzen Begründung zur Auswahl der Fallstudien werde ich die persönlichen Eckdaten der jeweiligen Kinder zunächst in einem Steckbrief kurz vorstellen. In der darauf folgenden Analyse der jeweiligen Fallstudie werde ich zwei Punkte besonders hervorheben.

Zum einen werde ich die Auffälligkeiten im Sozialverhalten des jeweiligen Kindes darstellen. Dabei sollen sowohl offensichtliche als auch weniger sichtbare Verhaltensänderungen dargestellt werden, wobei die weniger sichtbaren Auffälligkeiten eine mehr oder minder starke Interpretation meinerseits erfordern und deshalb stets als Vermutung und nicht als objektive Beobachtung betrachtet werden müssen. Zum anderen werde ich die schulischen Leistungen der einzelnen Kinder betrachten. Dazu werde ich in erster Linie auf die Testergebnisse aus den Fallstudien zurückgreifen. Zudem sollen aber auch andere Auffälligkeiten in der Schule wie z.B. Konzentrationsverlust, verringerte Motivation, Tagträumereien oder das häufige Vergessen von Hausaufgaben, welche im Folgenden mit Bedingungen von schulischen Leistungen bezeichnet werden, mit in meine Analyse eingehen. Als Basis dienen hier neben den Beobachtungen der Autoren der Fallstudien die Aussagen der entsprechenden Lehrer (Lehrerinterviews).

Im Anschluss an die Auswertung der einzelnen Fallstudien werde ich die gesammelten Ergebnisse zusammenfassen und untersuchen, in wie weit sich die im Theorieteil dieser Arbeit gewonnenen, zu Thesen zusammengefassten Ergebnisse in den Fallstudien bestätigt haben oder nicht.

3. Ehe und Scheidung in Deutschland gestern und heute – ein Überblick

Die traditionelle Form der Familie, in der die Eltern als gerichtlich anerkannte Ehepartner zusammenleben, unterliegt in Deutschland einem immer stärkeren Verfall.[5]

Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2004 546.570 Ehen gelöst. Dabei entfielen 60,8 % aller Ehelösungen auf den Tod eines Ehepartners und 39,1% auf die gerichtlichen Ehescheidungen.[6] Während 1990 die Zahl der Ehescheidungen in Deutschland bei nur 154.789 lag, stieg diese bis 2004 auf 213.691 an.[7] Die Scheidungsrate ist dementsprechend von 29,2% (West-Deutschland) bzw. 22,3% (Ost-Deutschland) im Jahr 1990 auf 43,6 % (West-Deutschland) bzw. 37,1% (Ost-Deutschland) im Jahr 2003 gestiegen.[8]

Von diesen hohen Scheidungszahlen sind insbesondere die Kinder betroffen, denn jede zweite Ehe, die 2004 geschieden wurde, hatte mindestens ein minderjähriges Kind. 18,4% der geschiedenen Ehen hatten sogar zwei und 4,6% drei oder mehr Kinder. Damit wurden 2004 bundesweit insgesamt ca. 170.000 minderjährige Kinder den Folgen von Ehescheidungen ausgesetzt. Oder anders ausgedrückt: Bei 1000 Ehescheidungen sind 790 Kinder unter 18 Jahren von der Trennung ihrer Eltern betroffen und müssen anschließend in einer Ein-Eltern-Familie leben[9].

Dementsprechend wuchsen 2003 knapp 2,2 Millionen Kinder – somit fast jedes siebte Kind (15%) unter 18 Jahren in Deutschland – bei einem allein erziehenden Elternteil auf. Damit stieg der Anteil der Minderjährigen bei Alleinerziehenden seit 1996 um drei Prozent an.[10] Im Zeitraum von 1980 bis 2004 sind insgesamt gut 3,5 Millionen minderjähriger Kinder zu Scheidungskindern geworden. Neben Gründen wie dem Tod eines Elternteils bzw. Ehepartners (8%) oder ledigen Müttern und Vätern (31%) stellt die gerichtliche Ehescheidung mit 42 % den häufigsten Grund dafür dar.[11]

Wie dieser kurze – aber durchaus erschreckende – Überblick über die aktuellen Zahlen der Ehescheidungen in Deutschland zeigt, hat die Familie in ihrer ursprünglichen Form in unserer heutigen Gesellschaft an Bedeutung verloren. Durch Gesetzesänderungen und durch den Wandel moralischer Vorstellungen ist es für Ehepaare immer leichter geworden, ihre Beziehungen wieder zu lösen und sich ihr Leben so einzurichten, wie es ihren persönlichen und individuellen Vorstellungen entspricht. Immer mehr Ehen werden schon nach wenigen Jahren - meist zwischen dem dritten und neunten Ehejahr[12] - wieder geschieden. Die Gründe dafür sind meist sehr vielfältig und werden in dieser Arbeit nicht näher beleuchtet. Für die betroffenen Kinder ist es jedoch zweitrangig, warum ihre Eltern sich trennen: Die daraus resultierenden Veränderungen bereiten allen Familienmitgliedern und insbesondere den betroffenen Kindern meist große Probleme.

Das folgende Kapitel soll die Folgen der Ehescheidung für die betroffenen Familien aufzeigen, wobei ich besonders auf die allgemeinen Veränderungen in den Lebensbedingungen eingehen möchte.

4. Ehescheidung und die Konsequenzen für die betroffenen Familien

Entscheidet sich ein Ehepaar – meist nach einer langen Phase der Auseinandersetzungen – für eine Trennung, so bedeutet dies meist nicht nur den Auszug eines Ehepartners bzw. Elternteils, sondern eine völlige Neuorientierung für die gesamte Familie. Alle Beteiligten müssen sich mit den Veränderungen ihres neuen Lebens auseinandersetzen. Mit welcher Situation die Betroffenen konfrontiert werden, hängt von vielen Faktoren ab und für jede Familie ergibt sich eine andere Konstellation von Problemen. Trotzdem lassen sich einige Problemfelder identifizieren, die fast alle allein erziehenden Mütter oder Väter betreffen und auf die ich im Folgenden eingehen möchte.

4.1 Veränderungen in den Lebensbedingungen geschiedener Familien

4.1.1 Überforderung der allein erziehenden Elternteile

Nach einer Scheidung bleibt meist ein Elternteil mit den Kindern allein und muss von diesem Zeitpunkt an ohne die Hilfe des Partners auskommen. Dieser sorgeberechtigte Elternteil muss nun den Alltag selbständig organisieren und stößt meist schon nach kurzer Zeit auf große Schwierigkeiten. „Wenn ein Erwachsener plötzlich die Arbeit von zweien macht, sind oft häusliche Desorganisation und Überlastung die Folge.“[13] Nach der Studie von Hetherington/ Kelly kämen die Kinder frisch geschiedener Mütter z.B. öfter zu spät zur Schule, und der Familienalltag sei gekennzeichnet durch unregelmäßige Essens- und Bettgehzeiten.[14] Viele Alleinerziehende sind zu Beginn mit dem Aufbrechen der oft lange gewohnten Familienstrukturen überfordert und können nur noch reagieren statt sinnvoll zu agieren. Die praktischen Lebensprobleme wie z.B. die Neustrukturierung des Alltags ohne den Partner an der Seite gehören laut Hetherington/ Kelly mit zu den größten Stressbelastungen in der ersten Phase[15] der Scheidung.[16]

4.1.2 Finanzielle Situation und Erwerbstätigkeit

Da die Scheidung meist auch eine Veränderung der finanziellen Situation bedingt, muss der sorgeberechtigte Elternteil nicht nur den Alltag der Restfamilie organisieren, sondern zusätzlich meist noch selbst arbeiten gehen, um die schlechte ökonomische Situation auszugleichen. Nach Braches-Chyrek liegt die Erwerbsquote der allein erziehenden Mütter, die Vollzeit erwerbstätig sind, bei 63%.[17] Insbesondere die Doppelbelastung von Erwerbstätigkeit und der Ausübung der Elternrolle bringt viele Alleinerziehende schnell an den Rand der Erschöpfung. In der Literatur zur Situation geschiedener Familien werden deshalb die schlechte finanzielle Situation und die daraus resultierende Berufstätigkeit der allein erziehenden Mutter als entscheidende Faktoren für die Gesamtproblematik einer Scheidung angesehen.[18] Zu der Belastung durch den allein zu organisierenden Alltag und die neue Erwerbstätigkeit kommen häufig noch Probleme der Kinderbetreuung hinzu. Die allein erziehenden Eltern sind auf Krippen, Kindergärten und Horte angewiesen. Freie Plätze sind hier jedoch leider nicht sofort greifbar und so werden viele Kinder bei den Großeltern oder Freunden und Nachbarn untergebracht. Im schlimmsten Fall sind die betroffenen Kinder auf sich selbst gestellt und müssen die Zeit allein zu Hause verbringen.

4.1.3 Wohnsituation und soziale Netze

Als Folge der oft schlechten ökonomischen Situation vieler allein erziehender Eltern müssen diese sehr häufig auch ihr vertrautes Wohnfeld verlassen, um in eine kleinere und preisgünstigere Wohnung zu ziehen. Dies bedeutet neben großen organisatorischen Aufgaben auch, dass viele bestehende soziale Beziehungen und Netzwerke beendet werden müssen. Da die neue Wohnung meist weniger Raum bietet, bestehen insbesondere für die Kinder nur wenige Möglichkeiten, ihre Freizeit in der Wohnung zu verbringen. Braches-Chyrek hat in ihrer Untersuchung zur Situation von Ein-Eltern-Familien eine Korrelation zwischen der Wohnumwelt und den sozialen Netzen von Kindern festgestellt. Danach hänge die subjektive kindliche Attraktivität „[…] auch von der Möglichkeit ab, Freunde oder Freundinnen zu sich nach Hause einzuladen, dies wird bedingt durch die Größe und Ausgestaltung der Kinderzimmer, als auch die dort zur Verfügung stehenden Spielmöglichkeiten.“[19] Somit verhindern Platzmangel und nicht zuletzt die tagtägliche Überlastung des allein erziehenden Elternteils sehr häufig den sozialen Kontakt zu gleichaltrigen Spielgefährten. Statt neue Freundschaften in der neuen Wohngegend zu knüpfen, werden Fernseher und Computer zur Bekämpfung der Langeweile oder als praktischer Babysitter missbraucht. Auch hier konnte Braches-Chyrek eine Korrelation zwischen der Größe sowie der Ausstattung der Wohnung und der Mediennutzung feststellen.[20]

4.2 Fazit

Bereits durch diese genannten Punkte wird deutlich, dass die Folgen einer Scheidung für alle Familienmitglieder sehr weit reichend und vor allem sehr facettenreich sind. Verschärfend wirkt sich die Tatsache aus, dass alle Problemfelder eng miteinander verknüpft sind und die Probleme deshalb meist nicht isoliert, sondern zusammen auftreten. Alle Familienmitglieder – ganz besonders aber die sorgeberechtigten Elternteile und die Kinder – müssen somit nach der Trennung lernen, mit vielen, nahezu zeitgleich auftretenden, unbekannten und oftmals auch beängstigenden Situationen zurechtzukommen.

Wie bereits deutlich wurde, sind die Kinder der Familien meist am stärksten von den Veränderungen betroffen. Fehlende finanzielle Mittel, ein beengender Wohnraum ohne Platz für kindgerechte Freizeitgestaltung, der Verlust von Freunden aufgrund eines Wohnortwechsels und nicht zuletzt der Verlust eines geliebten Elternteils – alle diese Dinge belasten die Kinder stark. Während viele Eltern oft froh sind, dass der Partner endlich ausgezogen ist und die ständigen Auseinandersetzungen ein Ende haben, leiden die meisten Kinder sehr unter der neuen Situation.

Doch was bedeutet das genau, wenn wir sagen, die Kinder leiden unter der Situation? Wie erleben die Kinder die Trennung ihrer Eltern wirklich? Welche Konflikte bewegen sie und welche Auswirkungen hat die Scheidung der Eltern auf die betroffenen Kinder? Und welche Phase einer Scheidung birgt die größten Gefahren für die kindliche Entwicklung? Alle diese Fragen sollen im nun anschließenden Kapitel erörtert werden, wobei ich den Schwerpunkt auf die Reaktionen der Kinder legen möchte.

5. Elterliche Trennung aus der Perspektive der Kinder

5.1 Der Prozess der Trennung

Bevor ein Ehepaar sich zu einer endgültigen Trennung entscheidet, ist meist schon eine lange Zeit vergangen. Häufig geht der Scheidung bereits eine andauernde Ehekrise voran, in der es häufig zu heftigen Auseinandersetzungen kommt. Die Scheidung ist somit ein dynamischer Prozess, der sich in verschiedene Phasen unterteilen lässt. In der Literatur unterscheidet man meist zwischen „Vorscheidungs- oder Ambivalenzphase“, „Trennungs-“ und „Nachscheidungsphase“.[21] Neben diesem Drei-Phasen-Modell existieren auch andere wissenschaftliche Modelle mit mehreren Phasen[22], jedoch beruhen meine folgenden Ausführungen auf der oben genannten Unterteilung einer Ehescheidung. Jede dieser Phasen birgt spezielle Risiken für die betroffenen Kinder. Im Folgenden werden die einzelnen Phasen mit dem Blick auf die möglichen Auswirkungen auf die Kinder näher beschrieben und erläutert.

5.1.1 Ambivalenz- oder Vorscheidungsphase

Ein Kind spürt meist schon lange, bevor sich die Eltern trennen, dass „etwas nicht stimmt“. Egal, ob sich die Eltern lautstark streiten oder einfach nur beharrlich anschweigen, die betroffenen Kinder nehmen diese Veränderungen schon sehr früh wahr. „Erwachsene denken häufig, ihr Kind werde von den Konflikten nichts bemerken, wenn sie diese einfach nicht erwähnen, wenn sie nur heimlich weinen und Auseinandersetzungen nur hinter verschlossenen Türen austragen.“[23] Diese Gedanken sind jedoch nicht richtig. Kinder spüren auch ohne Worte, dass sich die Verhältnisse innerhalb der Familie und zwischen den geliebten Eltern geändert haben. „Kinder sind in dieser Phase einer dauernden Verunsicherung hinsichtlich der Verlässlichkeit ihrer Eltern, hinsichtlich ihrer Wertschätzung für diese und hinsichtlich des künftigen Miteinanderauskommens ausgesetzt und spüren deutlich die Gefahr eines drohenden Verlassenwerdens.“[24] Auch Bauers beschreibt in ihren Ausführungen zu den psychischen Folgen von Trennung und Scheidung für Kinder die Vorscheidungsphase als eine Situation „permanenter Verunsicherung“ und „drohender Gefahr, verlassen zu werden.“[25] Die ständigen Spannungen zwischen den Eltern machen dem Kind Angst, vor allem dann, wenn es gar nicht weiß, worum es geht. Die meisten Kinder sind somit nicht erst zum Zeitpunkt der Trennung von den Folgen betroffen, sondern schon lange zuvor.

5.1.2 Trennungsphase

Nach Schmitt beginnt die Trennungsphase mit dem tatsächlichen Auseinandergehen (durch den Auszug eines Elternteils) und endet mit dem Scheidungsurteil.[26] Für das betroffene Kind bedeutet die räumliche Trennung eine drastische Veränderung. Hatte es zuvor stets zwei Ansprechpartner, so muss es von nun an mit nur einem Elternteil zurechtkommen. Es mag zwar nach außen so aussehen, als sei diese Trennung eine Verbesserung der zuvor angespannten Situation in der Familie, jedoch fühlen sich die meisten Kinder in einer solchen Situation hilflos und ängstlich. Durch die Trennung werden sie aus ihrer Sicherheit, die sie in ihrer Familie hatten, herausgerissen und wissen nicht, was als nächstes passiert. Laut Figdor löse die Konfrontation mit dem Weggang eines Elternteils eine ganze Reihe von Ängsten und anderen Gefühlen aus. Zum einen hätten die verlassenen Kinder große Angst, den ausgezogenen Elternteil für immer verloren zu haben und nie wieder zu sehen und zum anderen gäben sich viele Kinder selber die Schuld an der Trennung.[27] Wie Wallerstein/ Kelly in ihren Untersuchungen feststellten, gebe sich nahezu jedes zweite Kind selbst die Schuld an dem Auszug eines Elternteils. „Je kleiner die Kinder sind, desto häufiger fühlen diese sich schuldig.“[28] Figdor erklärt dies damit, dass sich die Kinder in einem gewissen Entwicklungsstadium als „Mittelpunkt der Welt“ fühlten und sich somit nicht vorstellen könnten, dass irgendetwas ohne ihr eigenes Zutun passiere.[29] Ihr eigenes Handeln sei folglich ursächlich für alle folgenden Geschehnisse, wie z.B. die Trennung der Eltern.

In dieser Phase der Scheidung sei die „emotionale und reale Vernachlässigung der Kinder sowie ihre innere Zerrissenheit zwischen den Eltern am größten.“[30] Dies trifft ganz besonders dann zu, wenn die Eltern ihre Kinder dazu nutzen, den anderen Partner zu bekämpfen. Die Kinder werden dann zum Spielball im elterlichen Konflikt. Viele Eltern sind in dieser Scheidungsphase leider nicht in der Lage, den Kindern in adäquater Weise beizustehen, da diese meist zu sehr mit ihren eigenen Gefühlen und Ängsten beschäftigt sind. Somit ist „das Scheidungskind mit dem Erleben der Trennung meist allein gelassen, weil seine Eltern sein seelisches Leid nicht wahrnehmen.“[31] Die Eltern sind zu dieser Zeit in ihrer eigenen Trauer gefangen und können ihren Kindern meist nur wenig Unterstützung bieten, obwohl die Hilfe und das Verständnis der Eltern für die Kinder gerade jetzt am meisten benötigt würde. „Statt Hilfe zu erhalten, wird das Kind immer einsamer, wodurch die scheidungsspezifischen Affekte an Stärke gewinnen und die Angst immer größer wird.“[32]

5.1.3 Nachscheidungsphase

Schmitt definiert die Nachscheidungsphase als den Zeitraum zwischen der juristischen Scheidung vor Gericht und der emotionalen Loslösung von dem ehemaligen Partner.[33] In dieser Phase kommen zu dem Schmerz und der Trauer um den Partner bzw. den verlorenen Elternteil noch die Belastungen aus den teils drastischen Lebensveränderungen (wie in Kapitel 4 beschrieben) hinzu. Insbesondere die Kinder sind nach der Trennung einem Interessengegensatz ausgesetzt. Während die Eltern ihre Bindung zum Partner lösen wollen, besteht das Ziel der Kinder darin, die Beziehung zu beiden Elternteilen zu erhalten. Die Kinder fühlen sich somit zwischen ihren eigenen Interessen und dem Loslösungskampf der Eltern gefangen und wissen meist nicht, wie sie diesen Konflikt allein lösen sollen.[34]

Figdor ist der Ansicht, dass die Zeit nach der Trennung die kritischste Phase im Scheidungsprozess darstelle, da die Angst und die Probleme der betroffenen Kinder in diesem Stadium der Scheidung meist noch zunähmen. Die Auswirkungen dieser Nachscheidungsphase seien demnach sehr bedeutsam, insbesondere im Hinblick auf die mittel- und langfristigen Folgen der Scheidung für die Kinder. Würden die psychischen Konflikte in dieser Phase der Trennung nicht gelöst, so Figdor, könne es zu einem „Zusammenbruch des Abwehrsystems“ kommen, bei dem unser psychisches Gleichgewicht, mithilfe dessen wir unsere innerpsychischen Konflikte bewältigen, gestört wird. In so einem Fall würden alte Konflikte aus früheren Zeiten wieder hervorgerufen, die wiederum Panik und Ängste bei dem Kind auslösten, mit denen es allein nicht klar komme.[35] Es könne demzufolge zu einem plötzlichen „Rückfall eines großen Teils der Gesamtpersönlichkeit in frühere Stadien der Entwicklung“[36] kommen, welcher sich unter anderem durch Bettnässen oder einer Kommunikation mittels Babysprache bemerkbar mache.[37]

Insgesamt ist die Nachscheidungsphase von einer völligen Neuorientierung aller Parteien geprägt. „Die Reorganisation der Familie stellt […] große Aufgaben für die Beteiligten dar und kann über Jahre dauern.“[38] Dabei gestalte sich meist die „Anpassung an die Scheidungswirklichkeit mit z.T. gravierenden sozialen und ökonomischen Scheidungsfolgen“[39] als besonders problematisch.

Ob es den Eltern und speziell den Kindern gelingt, die Zeit nach der Trennung gut zu überstehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, auf die ich in Kapitel 7 noch näher eingehen werde. Abschließend möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass in den einzelnen Phasen des Trennungsprozesses jeweils sehr spezifische Konfliktpotentiale und Reaktionen der betroffenen Kinder auftreten. Ich werde mich in meinen kommenden Ausführungen jedoch auf die Zeit nach der Trennung (Nachscheidungsphase) und den daraus resultierenden Konflikten und Reaktionen konzentrieren, weil ich in meiner anschließenden Fallanalyse ebenfalls auf die Reaktionen der Kinder in der Zeit nach der Trennung eingehen werde.

5.2 Konfliktfelder der Kinder

In der Zeit nach der Trennung fällt es den meisten Kindern sehr schwer, sich mit der neuen häuslichen Situation zurechtzufinden. Der Verlust der alltäglichen Beziehungen zum getrennten Elternteil und die veränderten sozioökonomischen Lebensbedingungen erschweren die Neuorientierung. Neben diesen Problemen wird in der Literatur allerdings ein weiteres Konfliktfeld, nämlich die Einbindung der Kinder in den elterlichen Konflikt, als wesentlich wichtigerer Faktor für die seelische Belastung angesehen.[40] Auch wenn Eltern versuchen, die Beziehungsprobleme vor ihren Kindern so weit wie möglich zu verstecken, so scheitern diese Versuche doch meist schon in ihren Anfängen. Warum die Kinder trotz ernsthafter Bemühungen der Eltern unter der familiären Situation stark leiden und was genau diese Konflikte ausmacht, soll nun in den folgenden Abschnitten näher beleuchtet werden.

5.2.1 Loyalitätskonflikt

Fast jedes Kind verfolgt nach einer Trennung das Ziel, seine gute Beziehung zu beiden Elternteilen aufrecht zu halten. Das Kind möchte seine Erlebnisse in der Schule oder mit Freunden sowohl dem Vater als auch der Mutter erzählen und diese mit ihnen gemeinsam teilen. Dies ist durchaus verständlich und nachvollziehbar, haben sie doch bis vor der Trennung noch gemeinsam als eine Familie miteinander gelebt. Als wäre es nicht schwer genug für die betroffenen Kinder, die Veränderungen zu akzeptieren, so nutzen viele Eltern die Loyalität der Kinder aus, um negative Gefühle gegenüber dem ehemaligen Partner auszuleben. „Viele Sorgeberechtigte […] setzen ihre Kinder gegenüber den Nichtsorgeberechtigten unter Druck, indem sie ihre eigene Zuneigung und Zuwendung zum Kind von seiner Haltung zu diesem Elternteil abhängig machen.“[41] Dabei ließen sie, so Osthoff weiter, keine Gelegenheit aus, den ehemaligen Partner bei den Kindern schlecht zu machen.[42] Nicht selten wird die Erwartung an das Kind gestellt, sich als „loyaler Verbündeter“ zu verhalten, und so wird mitunter der Kontakt zu dem anderen Elternteil verboten oder mit Missachtung bestraft. Für die Kinder erscheint solch eine Situation oft unlösbar, denn sie lieben beide Elternteile, müssen aber gleichzeitig befürchten, dass die „Absage an die Bedürfniserwartungen zum Verlust der Liebe des betreffenden Elternteils führt.“[43] Verbringen die Kinder eine schöne Zeit mit dem nicht sorgeberechtigten Elternteil, so lernen diese schnell, über die Erlebnisse zu schweigen, um das Vertrauensverhältnis zum Sorgeberechtigten nicht zu verlieren. Nach Aussage von Osthoff könne es sogar vorkommen, dass die Kinder aus Angst vor den eventuell auftretenden Sanktionen lieber etwas Negatives berichten und sich somit weiter als „Verbündeter“ ausgeben.[44]

Figdor beschreibt diese schwierige Situation der Kinder sehr eindrucksvoll. „Es ist ganz schlimm, zwei Menschen lieb zu haben und gleichzeitig zu merken, dass ich das eigentlich nicht dürfte und sollte, weil ich spüre, dass die Mama erwartet, dass ich den Papa ebenso wenig lieb habe, wie sie es inzwischen tut (und umgekehrt).“[45] Diese Worte beschreiben sehr prägnant, in welchen Zwiespalt die Kinder geraten. Je schlechter die Beziehung zwischen den Eltern nach der Trennung ist, desto stärker leiden die Kinder unter diesen Loyalitätskonflikten (vgl. auch Kapitel 7.2).

5.2.2 Selbstwertkonflikt und Schuldgefühle

Judith Wallerstein fand in einer der umfangreichsten Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Scheidung auf die Kinder heraus, dass durch die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern nicht nur die oben beschriebenen Loyalitätskonflikte entstehen könnten, sondern sich zudem ein unbewusstes Gefühl bei den Kindern entwickele, dass diese „in ihrer Existenz unerwünscht“ seien.[46] Nicht selten würden gerade aus diesem Grund bei betroffenen Kindern massive Probleme mit dem Selbstwertgefühl diagnostiziert und häufig in der Literatur als eine der spezifischen Folgen einer Scheidung genannt.[47] Hinzu kommt, dass sich viele Kinder selbst die Schuld an der Scheidung der Eltern geben. Wie oben bereits erwähnt betrachten sich Kinder – vor allem jüngere – meist als den „Mittelpunkt der Welt“ und seien, laut Figdor, davon überzeugt, dass sie selbst die wichtigsten Liebespartner der Eltern sind. Ausgehend von dieser Überzeugung werde die Trennung der Eltern gleichgesetzt mit einem Scheitern der kindlichen Beziehung zum verlassenden Elternteil.[48] „Diese Schuldphantasien werden in vielen Fällen durch die Erinnerung verstärkt, dass sich ein beträchtlicher Teil der Auseinandersetzungen zwischen den Eltern um Fragen der Erziehung, also um das Kind gedreht hatten.“[49]

Ein weiterer Grund für die eigenen Schuldzuweisungen liegt in der Vorstellung, dass die intensiven kindlichen Wünsche Realität gewinnen könnten. „In seiner Vorstellung kann ein kleines Kind Einfluss auf andere Menschen nehmen […] so scheint es doch möglich, dass sein Zorn, seine Wünsche und sein Verhalten schließlich bewirkt haben, dass sein Vater bzw. seine Mutter ausgezogen ist.“[50] Hat ein Kind seine Eltern oft durch Ungehorsam verärgert, so betrachtet es z.B. den Auszug des Vaters als Strafe für sein schlechtes Verhalten. Auch dadurch erlebt sich das betroffene Kind als Schuldiger für die Trennung der geliebten Eltern und wieder kann es zu einem Verlust des kindlichen Selbstwertgefühls kommen.

5.2.3 Verlustängste

Neben den beschriebenen Schuldgefühlen und dem daraus resultierenden Selbstwertkonflikt leidet der überwiegende Teil aller Scheidungskinder unter der massiven Angst, nach der Trennung von einem Elternteil nun auch von dem anderen Elternteil verlassen zu werden. Durch den Weggang eines Elternteils verlieren die Kinder meist den Glauben in die Unvergänglichkeit der Liebe. Die Erfahrung, dass die Mutter den Vater nicht mehr liebt und ihn deshalb fortschickt (oder umgekehrt), lässt die Kinder daran zweifeln, dass die Liebe zwischen Eltern und Kind ewig hält.[51] Zusätzlich befürchten die Kinder, dass ihre Auseinandersetzungen mit dem sorgeberechtigten Elternteil eventuell dazu führen, dass sie ebenfalls weggeschickt werden, denn schließlich waren die häufigen Auseinandersetzungen der Eltern aus der Sicht der Kinder ein wesentlicher Grund, warum ein Elternteil ausgezogen ist. Aufgrund dieser Ängste lässt sich sehr oft eine verstärkte soziale Anpassung der Kinder im Sinne einer positiven Verhaltensänderung beobachten. Diese versuchen zwanghaft, Konflikte zu vermeiden, um so der „Gefahr des Verlassenwerdens zu entgehen.“[52] Dass dieses angepasste Verhalten und das ständige Bemühen um Harmonie zwischen Kind und Eltern in einigen Fällen auch zu Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung führen können, wird später am Beispiel einer Fallanalyse noch deutlich (siehe Kapitel 8.2.3).

5.2.4 Parteilichkeitskonflikt

Wie in der Beschreibung des Trennungsprozesses zuvor bereits angedeutet leiden Kinder meist schon vor der eigentlichen Scheidung unter den Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. Denn diese erleben das elterliche Streitverhältnis keineswegs als Außenstehende. Die Kinder hegen meist den starken Wunsch, dass die Eltern die Auseinandersetzungen beenden, jedoch kommen sie meist sehr schnell zu der Erkenntnis, dass dieser Wunsch sich nicht realisieren lässt. Osthoff ist der Ansicht, dass die starke gefühlsmäßige Bindung der Kinder zu beiden Elternteilen diese dazu zwängen, sich im Streit der Erwachsenen für ein Elternteil entscheiden zu müssen. Daraus folge dann automatisch eine Ablehnung des anderen Elternteils.[53] „In dem Maße, wie das Kind die elterlichen Konflikte als Verletzung eines Elternteils erlebt, entwickelt es […] ein Bedürfnis nach revanchierender Verletzung des anderen Elternteils.“[54] Doch genau dieses Bedürfnis stehe nach Ansicht von Osthoff im Widerspruch zu der von Liebe und Vertrauen geprägten Beziehung zwischen diesem Elternteil und dem Kind.[55] Insgesamt wird deutlich, dass die ständigen Konflikte zwischen den Eltern zu andauernden widersprüchlichen Empfindungen bei den betroffenen Kindern führen. Mit diesen umzugehen, stellt die Kinder vor eine große Herausforderung, die noch dadurch erschwert wird, dass die Eltern oft versuchen, die Kinder auf ihre Seite zu ziehen. Der ständige Wechsel abgeforderter Parteilichkeit seitens der Eltern lässt diesen Konflikt zudem noch weiter wachsen.

5.3 Fazit

Wie anhand der hier geschilderten Konflikte deutlich wird, gibt es sehr verschiedene Gründe, warum Kinder unter der Trennung ihrer Eltern leiden, wobei natürlich nicht jedes Kind immer von allen Konflikten gleichermaßen betroffen ist. Was anhand der bisherigen Ausführungen jedoch festzustellen ist, ist die Tatsache, dass die Beziehungsqualität zwischen den Eltern einerseits sowie zwischen Eltern und Kindern andererseits einen stärkeren Einfluss auf die Folgen für die Kinder zu haben scheint, als die Trennung selbst. Oft ist es nicht die Trennung selbst, die die Kinder so stark belastet, sondern die damit einhergehenden Veränderungen und ganz besonders die beschriebenen andauernden Konflikte.

6. Scheidungsreaktionen

Jede Scheidung verläuft anders und jedes Kind reagiert auf die auftretenden Probleme unterschiedlich. Eine allgemeine Aussage über die Folgen der zuvor dargestellten innerpsychischen Konflikte ist demnach sehr schwierig. Dennoch konnten in der langjährigen Forschung zu dieser Thematik spezifische Reaktionsweisen beobachtet werden, die nach einer Trennung bei den betroffenen Kindern sehr häufig auftraten. Der folgende Abschnitt soll die sichtbaren und unsichtbaren Reaktionen darstellen, wobei ich neben allgemeinen emotionalen Reaktionen (z.B. Weinen) besonders auf das Sozialverhalten und die schulischen Leistungen eingehen möchte.

6.1 Sichtbare vs. Unsichtbare Reaktionen

Bevor ich auf die einzelnen Reaktionen der Scheidungskinder eingehe, möchte ich kurz erklären, was im Folgenden mit dem Wort „Scheidungsreaktionen“ beschrieben werden soll. In der Literatur wird zwischen unsichtbaren und sichtbaren Reaktionen unterschieden, wobei die unsichtbaren Reaktionen die „psychischen Vorgänge“ umfassen und die sichtbaren Reaktionen die „Verhaltensänderungen“ der Kinder beschreiben.[56] Nach der Ansicht von Figdor fänden die psychischen Vorgänge zwar auch Ausdruck im Verhalten, allerdings sei dieser Zusammenhang nicht zwingend und demnach könne von den Verhaltensweisen allein keine Aussage über das „seelische Reagieren“ des Kindes getroffen werden. Die betroffenen Kinder könnten somit sehr wohl unter der Trennung leiden, dies äußere sich jedoch nicht immer in – für die Umwelt oder Eltern – sichtbaren Symptomen bzw. Reaktionen. Das Ausbleiben von sichtbaren Affekten sei kein sicheres Indiz dafür, dass die betroffenen Kinder die Trennungssituation ohne Probleme bewältigen.[57]

Da ich einen Teil der unsichtbaren Reaktionen im Sinne von psychischen Vorgängen wie z.B. Schuldgefühle oder Loyalitätskonflikte bereits in meinen Ausführungen zu den Konfliktfeldern (s. Kapitel 5.2) erläutert habe, werde ich an dieser Stelle in erster Linie auf die sichtbaren Scheidungsreaktionen, d.h. den offensichtlichen Verhaltensänderungen der Kinder eingehen. Dabei ist aber eine bestehende Kausalität zwischen den innerpsychischen Konflikten und den für die Umwelt sichtbaren Reaktionen anzunehmen. So kann z.B. ein starker Loyalitätskonflikt bei den Kindern zu vermehrten Aggressionen führen oder Verlustängste durch ein stark angepasstes Sozialverhalten sichtbar werden.

6.2 Sozialverhalten

Im Folgenden möchte ich Sozialverhalten definieren als die sichtbaren Verhaltensweisen, die ein Kind gegenüber seinem sozialen Umfeld zeigt. Als soziales Umfeld sollen dabei Eltern und Geschwister sowie Freunde, aber auch die Klassenkameraden und Lehrer in der Schule gelten. Da die Reaktionen im Sozialverhalten je nach Alter und Geschlecht sehr unterschiedlich ausfallen, werde ich diese im Folgenden differenziert darstellen.

6.2.1 Altersspezifische Reaktionen von Kindern

Die Reaktionen auf eine Trennung der Eltern sind stark davon abhängig, in welchem Entwicklungsstadium sich das entsprechende Kind befindet. Dieses ist wiederum abhängig vom Alter des Kindes. Deshalb wird in der Literatur meistens eine Unterteilung der Reaktionen nach dem Alter vorgenommen. Die folgenden Altersangaben dienen nur als ungefähre Richtwerte und können je nach Quelle geringfügig variieren. Ich werde hier nur die Reaktionsweisen von Kindern im Alter zwischen 7 und 11 Jahren betrachten, da die Kinder aus meinen Fallstudien dieser Altersgruppe entsprechen.

6.2.1.1 Kinder im Alter von 7 bis 8 Jahren

Das Leitsymptom in dieser Altersklasse ist eine anhaltende Traurigkeit. „Im Gegensatz zu den Vorschülern, die oft verleugneten, was mit ihnen geschah, waren sie [die Schulkinder] sich ihres Leidens sehr bewusst und hatten beträchtliche Schwierigkeiten, sich Erleichterung zu verschaffen.“[58] Interessanterweise geben sich Kinder in diesem Alter meist nicht mehr selbst die Schuld für die Trennung der Eltern, dennoch erlebe die Mehrheit der Kinder nach den Aussagen von Fthenakis/ Niesel/ Kunze die Auflösung der Familie als „Bedrohung ihrer gesamten Existenz“, da sie befürchten, nach dem Vater auch noch die Mutter zu verlieren. Hintergrund für diesen Gedanken ist die Tatsache, dass, so Fthenakis/ Niesel/ Kunze weiter, viele Kinder in diesem Alter noch nicht in der Lage seien, zu erfassen, dass die Trennung von beiden Elternteilen ausging. Die betroffenen Kinder seien demzufolge der Meinung, ihr Vater sei verärgert und habe deshalb die Familie verlassen. Nun befürchten sie, die Mutter könne ebenfalls gehen, wenn diese sich über das Verhalten des Kindes ärgere.[59]

Bezüglich des Sozialverhaltens konnte man feststellen, dass die Kinder in dieser Altersgruppe zum keine oder kaum Aggressionen zeigen. Ist dieses Verhalten doch bei fast jeder jüngeren Altersgruppe zu beobachten, so zeigen die Sieben- bis Achtjährigen ein eher unauffälliges im Sinne von wenig aggressives Sozialverhalten. Ihre tiefe Traurigkeit äußert sich vielmehr in einer starken Angepasstheit an ihr soziales Umfeld. Da die Kinder meist Angst haben, dass sie auch von anderen Bezugspersonen verlassen werden könnten, wird aggressiven Gefühlen keinen Raum gelassen. Nicht zuletzt wegen dem stark angepassten Verhalten wird von den Eltern fälschlicherweise häufig angenommen, dass ihre Kinder die Trennung gut überstanden haben.

[...]


[1] vgl. Tabelle 3, Anhang

[2] vgl. Tabelle 4, Anhang

[3] vgl. Hetherington/ Kelly 2003, S. 22

[4] vgl. Hetherington/ Kelly 2003, S. 155ff.

[5] vgl. Tabellen 1 und 2 sowie Abbildung 1 und 2, Anhang

[6] vgl. Tabelle 1, Anhang

[7] vgl. Tabelle 2, Anhang

[8] vgl. Abbildung 2, Anhang

[9] vgl. Tabelle 3, Anhang

[10] vgl. Emmerling 2005, S.1279

[11] vgl. Statistisches Bundesamt 2004

[12] vgl. Emmerling 2005, S. 1281

[13] Hetherington/ Kelly 2003, S. 70

[14] vgl. Hetherington/ Kelly 2003, S. 71f.

[15] die einzelnen Phasen einer Trennung werden in Kapitel 5.1 näher erläutert

[16] vgl. Hetherington/ Kelly 2003, S. 70

[17] vgl. Braches-Chyrek 2002, S. 83

[18] vgl. Price-Bonham & Balswick 1980; zit. nach: Fthenakis/ Niesel/ Kunze 1982, S. 104

[19] Braches-Chyrek 2002, S. 128

[20] vgl. Braches-Chyrek 2002, S. 130f.

[21] Schmitt 1997, S. 21ff.

[22] vgl. u.a. Kaslow/ Schwartz 1987, zit. nach: Schmitt 1997, S. 22

[23] Goldstein/ Solnit 1989, S. 26

[24] Schmitt 1997, S. 24

[25] Bauers 1997, S. 43

[26] vgl. Schmitt 1997, S. 25

[27] vgl. Figdor 1998, S. 21ff.

[28] Wallerstein/ Kelly 1980, zit. nach: Figdor 1998, S. 23

[29] vgl. Figdor 1998, S. 23

[30] Bauers 1997, S. 48

[31] Bauers 1997, S. 49

[32] Figdor 1998, S. 54

[33] vgl. Schmitt 1997, S. 27

[34] vgl. Schmitt 1997, S. 32

[35] vgl. Figdor 1998, S. 27f.

[36] ebd. , S. 27

[37] vgl. ebd., S. 69ff.

[38] Schmitt 1997, S. 27

[39] ebd.

[40] vgl. Osthoff 1997, S. 119

[41] ebd., S. 120

[42] vgl. ebd.

[43] Figdor 2004, S. 151

[44] vgl. Osthoff 1997, S. 122

[45] Figdor 1998, S. 43

[46] vgl. Wallerstein/ Kelly 1980; zit. nach: Figdor 2004, S. 151

[47] vgl. Figdor 2004., S. 212

[48] vgl. ebd., S. 36

[49] ebd.

[50] Goldstein/ Solnit 1989, S. 30

[51] vgl. Figdor 2004, S. 38

[52] ebd.

[53] vgl. Osthoff 1997, S. 120

[54] ebd.

[55] vgl. ebd.

[56] vgl. Figdor 1998, S. 29ff.

[57] vgl. ebd.

[58] Beal/ Hochmann 1992, S. 45

[59] vgl. Fthenakis/ Niesel/ Kunze 1982, S. 147f.

Details

Seiten
77
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836631952
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226986
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
scheidung trennung sozialverhalten leistung lisa&ko

Autor

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Titel: Die Auswirkungen elterlicher Trennung auf das Sozialverhalten und die schulischen Leistungen der betroffenen Kinder