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Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess

Ansätze einer Lebenswelt- und Ressourcenorientierten Sozialen Arbeit

Diplomarbeit 2008 88 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Einführung, Themenstellung
1.2. Motivation
1.3. Ziele und Fragestellung
1.4. Zielgruppe und Eingrenzung
1.5. Vorgehensweise

2. Türkischstämmige weibliche Jugendliche im Kanton Zürich aus Sicht der Statistik
2.1. Anteil an der Gesamtbevölkerung
2.2. Sprachkenntnisse
2.3. Aufenthaltsstatus
2.4. Bildungsniveau
2.5. Zivilstand
2.6. Fazit

3. Sozialisation der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen
3.2. Sozialisation nach Hurrelmann
3.2. Geschlechtsspezifische Sozialisation
3.3. Sozialisationsinstanzen
3.3.1. Familiäre Sozialisation
3.3.2. Schulische und berufliche Sozialisation
3.3.3. Peer-Group
3.4. Sozialisation im Kontext der türkischen Herkunft
3.4.1. Wertesystem und Normen
3.4.2. Verschiedene Familienformen
3.4.3. Geschlechtsspezifische Erziehung
3.4.4. Bildungsvorstellungen der Eltern

4. Identität der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen
4.1. Entwicklungsstufen nach Erikson
4.2. Identität und soziale Interaktion nach Krappmann
4.3. Gleiche Herkunft - verschiedene Identitäten?

5. Berufswahl der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen
5.1 Theorien zur Berufswahl
5.2. Phasen der Berufswahl
5.3. Die Situation der beruflichen Bildung in der Schweiz
5.4. Chancenungleichheit im Übergang von der Schule zur Berufswahl
5.4.1. Geschlechterspezifische Berufswahl
5.4.2. Herkunftsspezifische Barrieren in der Berufswahl
5.5. Situation und Ressourcen der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen
5.5.1. Mit schlechten Karten an den Start
5.5.2. Ressourcen
5.6. Fazit

6. Soziale Arbeit in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund
6.1 Ansatzpunkte der Sozialen Arbeit
6.1.1. Lebensweltorientierung
6.1.2. Ressourcenorientierung
6.2. Fazit

7. Ansatzpunkte für die professionelle Praxis
7.1. Offene Jugendarbeit und Mädchenarbeit
7.2 Jugendarbeit Opfikon
7.3. Mädchenarbeit im Hinblick auf die Berufswahl der TWJ
7.3.1. Förderung der Bildungsmotivation
7.3.2. Förderung der bikulturellen Identität und interkulturellen Handlungskompetenz
7.3.3. Ausbau der Elternarbeit
7.3.4. Mentoringprojekt für TWJ auch in Opfikon?

8. Schlussteil
8.1. Zusammenfassung der Erkenntnisse
8.2. Beantwortung der Fragestellung
8.3. Kritische Würdigung
8.4. Selbstreflexion
8.5. Schlusswort
8.6. Danksagungen

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungen und Tabellen

Abstract

Titel: Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess.

Name: Erdogan-Kartaloglu Nursel, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)

Hochschule für Soziale Arbeit, Olten.

Fragestellung: 1. Die primäre Frage untersucht die Faktoren, die den Berufswahlprozess der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen erschweren oder begünstigen.

2. Des weiteren soll untersucht werden, was für Ansätze der Sozialen Arbeit als Profession sich zur Förderung des Berufswahlprozesses der erwähnten Zielgruppe eignen.

Methode: Mittels Literaturrecherche wird die spezifische Situation von türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf ihren Berufswahlprozess untersucht. Es werden die Sozialisationsbedingungen und die Umstände zur Identitätsfindung bearbeitet und in Zusammenhang zu den Ursachen eines erfolgreichen Berufwahlprozesses gebracht. Anhand der Erkenntnissen werden die Konsequenzen und Anforderungen an die Soziale Arbeit erläutert.

Erkenntnisse: Die türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen haben Aufgrund der doppelten Benachteiligung durch ihr Geschlecht und ihre nationale Herkunft deutlich schlechtere Karten im Rennen um die begehrten Ausbildungsplätze. Bedingt durch ihren Migrationshintergrund und ihre spezifische Lebenssituation haben sie zusätzliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, die sich erschwerend auf ihre Identitätsfindung im Allgemeinen und ihre Kompetenzen hinsichtlich eines erfolgreichen Berufswahlprozesses im Speziellen auswirken können. Die türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen verfügen jedoch über verschiedene Ressourcen zur Bewältigung dieser Aufgaben, die von den Angeboten der Sozialen Arbeit aufgenommen werden müssen, um ihnen eine effektivere Hilfestellung bieten zu können.

1. Einleitung

1.1. Einführung, Themenstellung

Immer mehr Jugendliche haben heute ernsthafte Probleme, nach der obligatorischen Schulzeit, eine geeignete Lehrstelle oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Der Berufswahlprozess, als wichtiger Entwicklungsschritt in die Erwachsenenwelt, ist für viele Jugendliche mit Schwierigkeiten und Enttäuschungen verbunden und endet nur allzu oft in Ausbildungen der „zweiten oder dritten Wahl“ ohne Zukunftsperspektiven und im schlimmsten Fall in Situationen ohne jegliche Berufsbildung. Am stärksten von dieser Entwicklung betroffen sind einerseits die weiblichen Jugendlichen im Allgemeinen und andererseits die Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Speziellen. Gemäss einer Studie der Universität Freiburg vom März 2007 „die Chancenungleichheit zwischen Schweizern und Ausländern hat sich in den letzten zehn Jahren nicht reduziert, sondern verschärft“ (Tagesanzeiger 09.10.2007: 7).

Die türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen (TWJ)1 gehen dank ihrer doppelten Benachteiligung als Frauen und Migrantinnen mit deutlich schlechteren Karten an den Start um die begehrten Ausbildungsplätze. Nebst den Anforderungen, die eine erfolgreiche Berufswahl an sie stellt, sehen sie sich auch einer gesellschaftlichen Stigmatisierung ausgesetzt, die den Frauen gemäss dem Klischee der vorherrschenden patriarchalischen Familienstruktur ihrer türkischen Herkunft wenig Möglichkeiten einräumt. Der Vater als Oberhaupt entscheidet für die TWJ und es wird für sie eine Rolle als Ehefrau und Mutter vorgesehen. Übersehen werden dabei die Verschiedenheiten, die es in den türkischen Familienformen gibt, und die Modernisierungstendenzen, die sie durch ihre Migration erfahren. Ebenso werden im Hinblick auf bildungsspezifische Aspekte und die Bildungsbeteiligung der TWJ des Öfteren nur die Schattenseiten aufgezeigt, sodass das Thema und die Beispiele für Bildungserfolge vernachlässigt und aus den Augen verloren werden.

Unter diesen Gesichtspunkten stellt der Berufswahlprozess der TWJ eine neue Herausforderung für die professionelle Soziale Arbeit dar, welche geeignete Konzepte und Ansätze entwickeln sollte, um ihnen bei der Überwindung der Hindernisse auf dem Weg zu einem erfolgreichen Berufswahlprozess behilflich zu sein.

1.2. Motivation

Mich interessiert die Auseinandersetzung mit dem Thema der Sozialisation und Identität der TWJ im Hinblick auf ihren Berufswahlprozess vor allem deshalb, weil ich in meiner Praxisorganisation als Jugendarbeiterin immer wieder mit ähnlichen Fragen konfrontiert wurde. Obwohl die Begleitung des Berufswahlprozesses nicht expliziter Auftrag der Jugendarbeit ist, gelangten die TWJ immer häufiger mit ihren Sorgen, Ängsten und Wünschen bezüglich ihrer Berufswahl an mich, verbunden meist mit weiteren Schwierigkeiten ihres Alltags.

Verschiedene Stellen der Stadt Opfikon (Schule, Jugendarbeit, Sozialamt, Stadtrat) haben vor vier Jahren die Brisanz der Problematik erkannt und die private Organisation «Nahtstelle» (heute «Impulsis») beauftragt, den Jugendlichen im letzten Schuljahr oder den ersten Jahren im Berufsleben eine intensive Beratung und ein persönliches Coaching anzubieten. Ziel ist es, allen Jugendlichen die Integration ins Berufsleben zu ermöglichen und sie dabei auch auf schwierigen und teils unüblichen Wegen zu begleiten2. Diese Initiative speziell auch aus Sicht der Jugendarbeit zu unterstützen und einen Beitrag an die Berufswahl der TWJ zu leisten, war meine Hauptmotivation für diese Arbeit. Vor einem Jahr wechselte ich intern in Opfikon von der Jugendarbeit auf das Sozialamt als Sozialarbeiterin. In dieser Funktion werde ich über Eltern und junge Erwachsene, die zu mir in die Beratung kommen, weiterhin laufend mit diesem Thema konfrontiert.

Auf persönlicher Ebene motivierte mich vor allem mein eigener beruflicher Werdegang, meine eigene Erfahrung und die Auseinadersetzungen mit meiner eigenen familiären Prägung, die Abschlussarbeit über die Berufswahl der TWJ bezogen auf ihre Sozialisationsbedingungen und Identitätsbildung zu schreiben. Sowohl die Vor- und Nachteile zwischen zwei Kulturen3 zu leben habe ich am eigenen Leib erfahren. Ebenso habe ich die Wichtigkeit, eine kulturelle Balance zu finden, erkannt. Auch heute beobachte ich in meinem privaten Umfeld, dass TWJ im Berufswahlprozess oft mit den erwähnten Schwierigkeiten zu kämpfen haben und sich täglich behaupten und beweisen müssen, dass sie gleich gut wären oder sein könnten, wenn sie die nötige Unterstützung und Voraussetzungen hätten. Als Mutter einer bald 10-jährigen Tochter ist zudem die Auseinandersetzung mit der Sozialisation und Identitätsfindung auch ein persönliches Interesse. Ich bin der Ansicht, dass eine ausbalancierte Identität und die Vermittlung von universellen Werten wie Toleranz und Respekt gegenüber Jugendlichen und kommenden Generationen eine der wichtigsten Voraussetzung sind, um während des Berufwahlprozesses mit Misserfolgen umzugehen und am Ball zu bleiben.

1.3. Ziele und Fragestellung

Als Folge meines eigenen beruflichen Werdeganges sowie auf Grund meiner vierjährigen Berufserfahrung mit Jugendlichen interessiert mich generell die Frage, welche Faktoren den Berufswahlprozess bei TWJ erschweren oder begünstigen. Dabei gilt mein Interesse insbesondere ihren Sozialisationsbedingungen und ihrer Identitätsfindung im Hinblick auf ihren Berufswahlprozess.

Meine Erfahrungen mit TWJ zeigen, dass sie auf Grund ihres Migrationshintergrundes mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Sie fühlen sich unter anderem zwischen zwei Lebenswelten, der schweizerischen Alltagskultur und derjenigen ihrer Eltern hin und her gerissen. Sie wachsen mit Bräuchen, Normen und dem Verhaltenskodex, sowie der Lebensphilosophie bzw. den Weltanschauungen der eigenen Familie auf und sollten sich parallel dazu in der schweizerischen Gesellschaft und mit deren Wertvorstellungen sowie Verhaltensvorstellungen zurechtfinden. Ein Mädchen aus dem Mädchentreff drückte dies wortwörtlich wie folgt aus: «Ich komme mir am Ende des Tages oft so vor, als fliege ich tagsüber in die Schweiz und am Abend wieder zurück in die Türkei». Damit gab sie zu verstehen, dass ihre Familie, aus welchen Gründen auch immer, Mühe hat, sich in den beiden Welten zurechtzufinden, und sich der hiesigen Gesellschaft nicht öffnen kann. Diese Problematik war auch an einem Infoabend der Jugendarbeit Opfikon (JAO)4 zu beobachten. Manche Eltern zeigten bezüglich der Berufswahl ihrer Töchter eine gewisse Passivität, deren Wurzeln oft in ihrer eigenen Hilflosigkeit zu finden war. So sagte mir eine Mutter: «Wenn meine Tochter eine Lehre machen kann, ist es gut. Wenn nicht, ist es auch nicht tragisch. Sie wird beizeiten heiraten.»

Vor diesem Hintergrund lassen sich für meine Abschlussarbeit folgende Fragestellungen formulieren:

Welche Faktoren erschweren oder begünstigen den Berufswahlprozess der TWJ?

Welche Ansätze der professionellen sozialen Arbeit eignen sich zur Förderung des Berufswahlprozesses der erwähnten Zielgruppe?

Zur Erarbeitung dieser Fragen lassen sich mehrere Leitfragen stellen:

1. Mit welchen Bedingungen betreffend ihrer Sozialisation sind die TWJ konfrontiert, und wie bildet sich dadurch ihre Identität aus bzw. was brauchen sie, um eine ausbalancierte Identität zu erlangen?
2. Welche Anforderungen stellt der Berufswahlprozess und wie präsentiert sich die spezifische Situation der TWJ?
3. Welche Anforderungen, sowie welche konkreten Projekte ergeben sich daraus für die JAO?

Das Ziel der Arbeit ist eine Sensibilisierung dafür zu erreichen, dass türkische Mädchen wie auch Schweizer Mädchen ihre individuelle Erlebniswelt - unabhängig ihrer ethnischen Herkunft - haben und daraus ihre speziellen Bewältigungsstrategien entwickeln. Ich möchte mit meiner Arbeit aufzeigen, dass in der Schweiz lebende TWJ, entgegen stereotyper Zuweisungen, kein einheitliches ethnisch-typisches Bild aufweisen und dementsprechend individuell ganz unterschiedliche Lebensorientierungen, Ziele und Erwartungen sowie divergierende Probleme haben können.

1.4. Zielgruppe und Eingrenzung

Die vorliegende Arbeit will im Kontext der Sozialisationsbedingungen und der Identität der TWJ ihre Situation hinsichtlich ihres Berufwahlprozesses untersuchen und herausarbeiten. Die Zielgruppe der Arbeit sind türkischstämmige weibliche Jugendliche im Alter von 16 - 23 Jahren. Die Wahl der Alterskategorie erlaubt, Tendenzen hinsichtlich des Berufwahlprozesses über den Zeitpunkt der ersten Berufswahl hinaus aufzuzeigen.

Die eingebürgerten TWJ werden bewusst nicht in die Arbeit miteinbezogen, weil es den Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit sprengen würde. Unter anderem, weil es keine spezifischen Daten dazu gibt, und sie so in den Statistiken als Schweizerinnen auftauchen.

Zum Schluss gilt es darauf hinzuweisen, dass die TWJ keine einheitliche ethnische Gruppe bilden, da sich die türkische Gesellschaft selbst aus verschiedenen ethnischen Gruppierungen5 zusammensetzt.

1.5. Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit wird zur Beantwortung der Fragestellungen zunächst eine Übersicht über die Situation der TWJ im Kanton Zürich aus Sicht der Statistik geben. Mit den Zahlen und Fakten wird ein erstes Bild zur Situation der TWJ gezeichnet und ihre Sozialisationsbedingungen und Voraussetzungen für die Berufswahlprozess dargelegt.

Im darauffolgenden Kapitel 3 werden die Sozialisationsbedingungen der TWJ erläutert. Zunächst werden die theoretischen Grundlagen der Sozialisation erarbeitet und die wichtigsten Sozialisationsinstanzen der TWJ beschrieben. Der Abschluss des Kapitels legt den Fokus auf die spezifischen Sozialisationsbedingungen der TWJ anhand des Wertesystems und die Familienstrukturen der türkischen Herkunft.

Das Kapitel 4 behandelt das Thema der Identität und beschreibt nach einer theoretischen Verordnung die Identitätsfindung der TWJ, wobei das Augenmerk auf die unterschiedlichen Migrationgeschichten und Familientypen gerichtet wird.

In Kapitel 5 wird der Berufswahlprozess in einem ersten Schritt theoretisch erläutert. Dabei werden geschlechtsspezifische Aspekte und herkunftsspezifische Barrieren in der Berufswahl bearbeitet. In einem zweiten Schritt wird auf die spezifische Situation der TWJ im Berufswahlprozess eingegangen und mögliche Ressourcen für eine erfolgreiche Berufswahl werden vorgestellt. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Fazit über den theoretischen Teil von Kapitel 3 – 5, welches erste Antworten auf die erste zentrale Fragestellung der Arbeit gibt.

Im Anschluss an den theoretischen Teil werden in Kapitel 6 Ansatzpunkte der sozialen Arbeit erläutert, die zur Förderung der Ressourcen der TWJ beigezogen werden können. In Kapitel 7 werden anschliessend darauf aufbauende Anforderungen an die professionelle Praxis gemacht.

Das Kapitel 8 bildet den Schlussteil der Arbeit, in welchem die Auswertung der Fragestellung vorgenommen wird, welche sich aus der Zusammenfassung der wichtigen Erkenntnisse ableitet. Danach folgt eine kritische Würdigung. Die Selbstreflexion und das Schlusswort bilden das Ende dieser Arbeit.

2. Türkischstämmige weibliche Jugendliche im Kanton Zürich aus
Sicht der Statistik

Als Einstieg in das Thema der Arbeit wird im Folgenden die Situation der TWJ anhand von statistischen Daten aus dem Kanton Zürich dargelegt. Als Hauptquelle dazu dient die Eidgenössische Volkszählung aus dem Jahre 2000. Die Auswahl der Daten soll Hinweise auf die Lebensumstände und Sozialisationsbedingungen der TWJ geben, welche auch für ihre Situation im Berufswahlprozess relevant sind. Das Alterspektrum für die statistische Auswertung wurde von 16 – 23 Jahren gewählt. Damit soll der Fokus nicht nur auf die Phase der ersten Berufswahl der TWJ, sondern auch auf mögliche Tendenzen darüber hinaus gelegt werden.

2.1. Anteil an der Gesamtbevölkerung

Der Kanton Zürich ist mit rund 1.3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern der bevölkerungsreichste Kanton der Schweiz. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung beträgt damit etwas mehr als 22 %, wovon die türkischen Einwohner mit 1.15 % vertreten sind. Gemessen an der ausländischen Bevölkerung beträgt der Anteil der türkischen Staatsbürger 5.15 % (vgl. Statistisches Jahrbuch des Kanton Zürich 2008: 20f.).

Die Volkszählung 2000 weist für die TWJ gemessen an allen weiblichen Personen im gleichen Alter einen Anteil von 2% aus - oder, in effektiven Zahlen ausgedrückt, lebten zur Zeit der Erhebung im Kanton Zürich 1’022 weibliche Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft im Alter von 16 – 23 Jahren.

Ein wichtiges Indiz für die Sozialisation der Zielgruppe ist der Wohnort fünf Jahre vor der Erhebung, welcher Aufschluss über den Zeitpunkt der Migration in die Schweiz gibt und für die Interpretation der weiteren Daten relevant sein wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft im Kanton Zürich im Alter von 16 – 23 Jahren nach Wohnort vor 5 Jahren in %. Quelle: Bundesamt für Statistik, Eidgenössische Volkszählung 2000

Anhand der Statistik fällt in erster Linie auf, dass bis zum 18. Altersjahr gut drei Viertel der TWJ bereits vor 5 Jahren in der Schweiz lebten. Bei Frauen ab dem 19. Altersjahr reduziert sich dieser Wert hingegen massiv. Die Vermutung liegt somit nahe, dass viele junge Frauen erst nach der obligatorischen Schulzeit aus der Türkei in die Schweiz einwandern.

2.2. Sprachkenntnisse

In der Volkszählung 2000 wurde unter anderem nach der Hauptsprache gefragt, jene Sprache also, die man am besten spricht und in der man denkt. Folgende Abbildung zeigt die Sprachkenntnisse der Zielgruppe, aufgeteilt nach den relevanten Hauptsprachen Deutsch und Türkisch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft im Kanton Zürich im Alter von 16 – 23 Jahren nach Hauptsprache in %. Quelle: Bundesamt für Statistik, Eidgenössische Volkszählung 2000

Auffallend ist, dass die TWJ bis 18 Jahre mehrheitlich Deutsch als ihre Hauptsprache angeben (gut 70%), während sich dieser Wert mit zunehmenden Alter bis auf 40% bei den 23-jährigen reduziert. Es handelt sich somit um ein ähnliches Verhältnis wie bereits aus der Erhebung des Wohnortes fünf Jahre zuvor hervorgeht und im Wesentlichen die grossen Unterschiede zu erklären vermag. Je länger eine Person in der Schweiz lebt, desto besser wird sie auch die einheimische Sprache beherrschen.

2.3. Aufenthaltsstatus

Ebenso zeichnet sich für den Aufenthaltsstatus ab, welcher wiederum relevant für den Zustand der Integration der TWJ in der Schweiz ein ähnliches Bild ist. Folgende Abbildung zeigt, wie viele der TWJ im Kanton Zürich im Alter von 16-23 Jahren eine C-, B- oder andere Aufenthaltsbewilligung haben.

Der Ausweis C (Niederlassungsbewilligung) kann in der Regel nach einem zehnjährigen ordentlichen und ununterbrochenen Aufenthalt erteilt werden, legt dem Aufenthaltsrecht keine Beschränkungen auf Grunde und darf an keine Bedingungen geknüpft werden. Der Ausweis B (Aufenthaltsbewilligung) ist befristet, muss jedes Jahr neu beantragt werden und bietet so einen weniger gesicherten Aufenthaltsstatus. (vgl. Riedi/Haab 2007: 55)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft im Kanton Zürich im Alter von 16 – 23 Jahren nach
Aufenthaltsstatus in %. Quelle: Bundesamt für Statistik, Eidgenössische Volkszählung 2000

Gut drei Viertel der TWJ im Alter bis zu 18 Jahren sind im Besitz eines C-Ausweises, während dieser Wert bei den 23-Jährigen bis unter 50% fällt.

2.4. Bildungsniveau

Folgende Abbildung zeigt anhand der Statistik der Bildungsdirektion des Kantons Zürich die Schülerinnen der Austrittsklasse 2007, aufgeteilt auf die drei Anforderungstypen der Sekundarschule I6. Als vierte Gruppe kommt dabei noch die Schülerinnen mit Zwischenlösungen hinzu, also alle Schülerinnen, die im Sommer 2007 ein Angebot der schulischen oder praktischen Zwischenlösung beendet haben und wie die Schulabgängerinnen auf den Ausbildungsmarkt drängen. Die Daten werden in 4 Kategorien unterteilt: Durchschnitt aller Schülerinnen Nationalität Schweiz, ausländische und zum Vergleich spezifisch die türkischen Schülerinnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 : Schülerinnen der Abschlussklasse 2007 im Kanton Zürich nach Schultyp in %.

Quelle: Bildungsdirektion Kanton Zürich 2007

Es fällt einerseits auf, dass bei allen ausländischen Schülerinnen die Sek C und Sek B im Vergleich zu den Schweizer Jugendlichen übervertreten ist. Weniger gross ist die Differenz bei den Zwischenlösungen. Auf der anderen Seite sind in der Sek A / E die Schweizer Schülerinnen am stärksten vertreten. Gut die Hälfte von ihnen besucht die höchste Anforderungsstufe der Sekundarschule I, von den ausländischen Schülerinnen schafft dies nur rund jede fünfte. Diese Diskrepanz in der Verteilung wird beim Betrachten der Daten der türkischen Schülerinnen weiter vergrössert. Türkische Schülerinnen schneiden auch im Vergleich mit den anderen Ausländern schlechter ab und sind in der Sek A / E mit nur rund 13 % vertreten, während fast jede dritte Schülerin ein Angebot zur Zwischenlösung besucht.

Eine weitere Aussage zur Bildungssituation kann wiederum der Volkszählung 2000 entnommen werden, indem die Daten zur gegenwärtig laufenden plus höchster abgeschlossener Bildung verglichen werden, wie dies Riedi/Haab (2007) in ihrer Arbeit getan haben, wobei hier nicht nach Geschlecht unterschieden wurde.

Ersichtlich wird, dass knapp 9% der Jugendlichen aus der Türkei weder eine Ausbildung absolvieren noch eine abgeschlossen haben. Dies steht im Gegensatz zur Gruppe der Schweizer Jugendlichen, bei denen nur knapp 1,7 % ohne Ausbildung sind. Ebenso ist das Verhältnis, was die Sekundarschule II7 betrifft, nicht einheitlich. Während 48,6% der Schweizer Jugendlichen in einer Lehre sind oder diese bereits abgeschlossen haben und 21,5% das Gymnasium besuchen oder abgeschlossen haben, sind es bei der Gruppe der türkischen Jugendlichen nur rund 32%, welche eine Lehre machen oder abgeschlossen haben und nur ca. 4%, welche ins Gymnasium gehen oder abgeschlossen haben (vgl. Riedi/Haab 2007: 59).

2.5. Zivilstand

Folgende Abbildung zeigt den Zivilstand der TWJ im Alter von 16 – 23 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 : Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft im Kanton Zürich im Alter von 16 – 23 Jahren nach Zivilstand in %. Quelle: Bundesamt für Statistik, Eidgenössische Volkszählung 2000

Ersichtlich wird der grosse Anteil an Verheirateten ab dem 19. Altersjahr. Mit 23 Jahren sind bereits über vier Fünftel der türkischen Frauen verheiratet. Im Vergleich dazu liegt gemäss der eidgenössischen Volkszählung aus dem Jahre 2000 die Quote bei allen Frauen gleichen Alters im Kanton Zürich bei nur rund 20%.

2.6. Fazit

Die dargestellten Zahlen und Angaben belegen, dass die TWJ keine homogene Einheit bilden. Ein wesentlicher Unterschied, der für den weiteren Verlauf der Arbeit in Betracht gezogen werden muss, ist der Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz. Wie die Daten über den Wohnort vor 5 Jahren zeigen, gibt es eine Gruppe, die den grossen Teil ihrer Schulbildung in der Schweiz absolviert haben und eine andere Gruppe, die erst nach der obligatorischen Schulzeit in die Schweiz gekommen ist. Dieses Faktum schlägt sich auch in den Angaben über den Aufenthaltsstatus und die Sprachkenntnissen nieder, was ein Indiz für den Grad der Integration in die neue Gesellschaft ist. Die Daten zum Zivilstand zeigen im Vergleich zu allen Frauen der gewählten Altersgruppe einen überproportional hohen Anteil an verheirateten TWJ. Die traditionelle Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft, die für sie eine rasche Heirat vorsieht, scheint so erhärtet zu werden.

Die aussagekräftigsten Daten im Hinblick auf den Berufswahlprozess sind diejenigen zum Bildungsniveau. Sie belegen, dass der Zugang zur Sekundarstufe II mit erweiterten Anforderungen für die TWJ öfter unerreichbar bleibt als für die Schweizer weiblichen Jugendlichen. Auf der anderen Seite sind sie in der Schulstufe mit den niedrigsten Anforderungen mit einem massiv höheren Anteil vertreten als ihre inländischen Kolleginnen. Die Bedingungen der TWJ für einen erfolgreich gestalteten Berufswahlprozess sind demnach nicht vorteilhaft. Auch gegenüber anderen ausländischen weiblichen Jugendlichen schneiden sie, was den Besuch des Schultyps anbelangt, generell schlechter ab. Nicht verwunderlich ist deshalb auch ihre hohe Präsenz in Angeboten der schulischen und praktischen Zwischenlösungen, die auf grössere Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz hinweist. Ein grosser Teil der TWJ, fünfmal mehr als Schweizer weibliche Jugendliche, bleibt so ohne berufliche Ausbildung.

Mit den Zahlen und Fakten wurde ein erstes Bild zur Situation der TWJ gezeichnet und ihre Sozialisationsbedingungen und Voraussetzungen für den Berufswahlprozess aus Sicht der Statistik dargelegt. In den nächsten Kapiteln werden nun die zentralen Themen der Arbeit theoretisch verordet. Ebenfalls wird auf die diesbezügliche spezifische Situation der TWJ eingegangen.

3. Sozialisation der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen

Mit welchen Bedingungen betreffend ihrer Sozialisation sind die TWJ konfrontiert? In diesem Kapitel werden zuerst relevante Sozialisationstheorien erläutert und verschiedene Lebensbereiche aus dem Blickwickel der Sozialisation betrachtet, die für alle Jugendlichen Gültigkeit haben. In einem zweiten Teil wird auf die spezifischen Sozialisationsbedingungen, die sich aus der türkischen Herkunft ergeben, eingegangen und die Faktoren, die den Berufswahlprozess der TWJ beeinflussen, werden hervorgehoben.

Mit dem Begriff Sozialisation bezeichnet man den Prozess, durch welchen sich ein Individuum im Laufe seines Lebens zu einem aktiven Mitglied einer Gesellschaft und Kultur entwickelt. Das Individuum bildet dabei seine Identität als eine in der Gesellschaft handlungsfähige Persönlichkeit aus. Sozialisation ist einerseits durch die Übernahme und Internalisierung von Werten und Normen eine Vergesellschaftung des Menschen, andererseits durch eine selbst gesteuerte, aktive Selbsterforschung in der Auseinandersetzung mit soziokulturellen Werten und Normen eine Individuation des Menschen (vgl. Glossar der FH NWS 2005: 171f.).

3.2. Sozialisation nach Hurrelmann

Hurrelmann (1986: 14) zufolge ist unter Sozialisation «der Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit sozialen und den dringlich-materiellen Lebensbedingungen zu verstehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt» zu verstehen.

In einem weiteren Schritt weist Hurrelmann in seiner Definition der Sozialisation darauf hin, dass die Persönlichkeitsentwicklung auf der Auseinandersetzung mit einer inneren und äusseren Realität gründet. Der Mensch nimmt exogene Umweltgegebenheiten der Gesellschaft auf und muss diese mit seinen eigenen Wünschen, Interessen und Fähigkeiten in Einklang bringen. Hurrelmann versteht unter der äusseren Realität die Gesellschaft mit ihrer Wertstruktur und den sozialen Lebensbedingungen (soziale und physische Umweltimpulse). Die innere Realität hingegen beinhaltet psychische Prozesse, körperliche Grundmerkmale sowie physiologische Strukturen (körperliche und psychische Impulse). Diese Dialektik zwischen äusserer und innerer Realität formt die Grundstruktur eines Menschen. Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung beschreibt somit die aktive und dynamische Tätigkeit des Individuums, ganz im Gegensatz zur Idee einer rein passiven Prägung des Individuums durch gesellschaftliche Faktoren. Dieser Prozess kann durchaus auch unterbewusst ablaufen. (vgl. Hurrelmann, 1986: 70ff.).

Im Einklang mit Hurrelmann setzen sich ebenso Böhnisch/Winter (1993) mit dem dialektischen Aspekt der Sozialisation auseinander und weisen darauf hin, dass Sozialisation nebst der psychologischen Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Integration in soziale Rollensysteme auch eine wichtige kulturhistorische Dimension hat: das sozialdynamische Verhältnis der Generationen zueinander. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Jugend8 immer wieder neu in die Gesellschaft eintritt und dass sie prinzipiell zu kulturell Neuem bereit ist und nicht nur passiv in das jeweilige Gesellschaftssystem eingeführt wird. In der neueren Sozialisationsforschung gewinnt die interaktive Dimension im Sozialisationsprozess an Bedeutung (Böhnisch/Winter 1993: 9f.). Helga Bilden beispielsweise hebt diesen aktiven Aspekt in ihrer Definition von Sozialisation hervor: unter Sozialisation versteht sie «den Prozess, in dem aus einem Neugeborenen ein in seiner Gesellschaft handlungsfähiges Subjekt wird (und bleibt). Sie findet statt, indem das sich bildende Individuum zunehmend aktiv teilhat an den sozialen Praktiken, in denen die Gesellschaft sich selbst produziert und verändert.» (Bilden 1980: 279).

3.2. Geschlechtsspezifische Sozialisation

«... man muss ja Weiblichkeit als einen natürlichen Mangelzustand ansehen ... ein Weibchen ist wie ein verkrüppeltes Männchen»

(Aristoteles, „Über die Zeugung der Geschöpfe“; zit. nach Birkhan 1996: 47 in Nestvogel 2002: 42).

Da Mädchen bereits von Geburt an nachweislich anders als Jungen behandelt werden (Böhnisch/Funk 2002), beginnt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die geschlechtspezifische Sozialisation. Eltern haben unterschiedliche Erwartungen an das jeweilige Geschlecht, abhängig von ihren eigenen Sozialisationserfahrungen und ihrem kulturellem Hintergrund. Mädchen wachsen so in einer völlig andern psychologischen Umwelt auf als Jungen und sehen sich mit anderen Erwartungen beziehungsweise ihrer späteren gesellschaftlichen Rolle konfrontiert. Gerade für ihre Sozialisation ist die Rolle der Mutter von zentraler Bedeutung, da diese besonders in der Kindheitsphase eine Möglichkeit der Identifikation bietet. Allerdings erfahren sie so auch häufiger abwertende und einschränkende Geschlechtszuschreibungen (vgl. Böhnisch/Funk 2002: 96).

Bezüglich der geschlechtsspezifischen Sozialisation besteht heute ein Konsens darüber, dass sie nicht nur auf biologischen Faktoren beruht, sondern dass auch sozio-kulturelle und individuelle Faktoren mit einbezogen werden müssen. Mit dem Begriff „Gender“ wird dieses Konzept zusammengefasst und verdeutlicht die Unterscheidung des „sozialen“ und des rein „biologischen“ Geschlechts. Die geschlechtsspezifische Sozialisation und damit die Entwicklung der Geschlechtstypisierung beruht demnach auf dem Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren und ist «ein komplexer, multidimensionaler Prozess der Wahrnehmung und Verarbeitung der Geschlechterdifferenzierung in der sozialen Umwelt» (Trautner 1993: 290, zit. in: Nestvogel 2002: 182).

Nestvogel (2002: 184f.) verdeutlicht in ihrer Veröffentlichung anhand verschiedener Lebensgeschichten in Bezug auf die geschlechtsspezifische Sozialisation der jungen Frauen aus unterschiedlichen Ländern, wie früh Mädchen bereits ihr Umfeld genau beobachten und Geschlechterkategorien bilden. Aus diesen Geschichten stellt sich heraus, dass es nicht nur ein, sondern verschiedene Konzepte von Weiblichkeit gibt und dass diese keineswegs gleichwertig sind (Weib vs. Frau). Folgender Text illustriert, dass Geschlechtererziehung in einem entsprechenden sozialen Umfeld sehr facettenreich verlaufen kann:

«Ich fragte meine Mutter, ob ich auch einen Brautbeutel hätte, sie sagte, ich würde wahrscheinlich keine Frau, sondern nur ein Weib, weil ich nicht nähen, kochen und häkeln würde, und meine Augen sähen nur nach draussen. „Du führst immer deine Schachtel spazieren“, sagte sie. Sie sagte: „Ein Mädchen muss über ihrer Schachtel sitzen und arbeiten.“ „Und die Jungs?“, fragte ich. „Die Jungs können ihre Waren spazieren führen.“» (Özdamar, Emine Sevgi zit. in: Nestvogel 2002: 193).

Im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit kommt zu der geschlechtsspezifischen Sozialisation der Jugendlichen der Aspekt Migration hinzu, weil gerade die Gruppe der Migrantinnen und Migranten in unserer Gesellschaft oft über ihr Geschlecht definiert und etikettiert werden. Auf diese stigmatisierenden Urteile weisen auch Boos-Nünning/Karakasoglu hin: «Mädchen mit Migrationshintergrund und hier wiederum solche mit muslimischer Religion gelten in allen Bereichen ihrer Lebens- und Verhaltensweisen als Symbol für das „Anderssein“, für die fehlende Integrationsfähigkeit der Zuwandererfamilien insgesamt. Es wird unterstellt, dass die Mädchen über deutlich geringere Freiräume als Jungen derselben nationalen Herkunft und über deutlich geringere Spielräume als deutsche Mädchen verfügen. Die Orientierungen der Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund seien auf ein traditionelles Rollenbild ausgerichtet, das ihnen vom Elternhaus vorgelebt werde» (Boos-Nünning/Karakasoglu 2005: 264).

3.3. Sozialisationsinstanzen

3.3.1. Familiäre Sozialisation

Die Familie spielt sowohl in der Phase der Kindheit wie auch in späteren Lebensphasen eine tragende Rolle. Allerdings muss dabei auf die variierende Definition der Familie, die Struktur und den Lebensstil der Familien zum einen, divergierende sozialisatorische und gesellschaftliche Funktionen der Familie zum anderen, hingewiesen werden (vgl. Nestvogel 2002: 87).

In industrialisierten modernen Gesellschaften hat sich spätestens im Laufe des 20. Jahrhunderts die Form der Kern- oder Kleinfamilie, bestehend aus zwei Generationen (Eltern/Kind/er) durchgesetzt. Hingegen ist in den wirtschaftlich unterentwickelten Weltregionen, vor allem in Ländern der südlichen Halbkugel, die Form der Grossfamilie, bestehend aus mehr als zwei Generationen, weiterhin verbreitet, dies jedoch ebenfalls mit abnehmender Tendenz. Hierbei ist in Anlehnung an Nestvogel (2002: 87) darauf hinzuweisen, dass «… im Zuge von Migration, hohen Scheidungsraten und Kriegen die Teilfamilie oder segmentierte Familie mit nur einem Elternteil, meistens der Mutter und den Kindern» (Nestvogel 2002: 87f.) kontinuierlich zunimmt.

Alle diese Lebensformen, die als Familie bezeichnet werden, nehmen insbesondere bei der primären Sozialisation der Heranwachsenden eine wichtige Stellung ein, weil sie die individuelle, soziale und kollektive Identität eines Menschen begründen. Die Familie ist zudem die bedeutende soziale Gemeinschaft, in der die Heranwachsenden nicht nur hinsichtlich Rollen und Normen sozialisiert werden, sondern auch die entscheidenden Gefühle, die Wertorientierungen, kognitive Fähigkeiten und Kompetenzen des sozialen Handelns entwickeln. Dabei ist zu bemerken, dass die sozialisierende Kommunikation unter Familienmitgliedern in der Regel nicht in eine Richtung und linear stattfindet. Vielmehr stehen die Familienmitglieder in einem intensiven Austausch und beeinflussen sich wechselseitig. Dabei bestimmen Rollenzuweisungen beziehungsweise Macht- und Aufgabenverteilung in der Familie das interaktive Handeln der einzelnen Familienmitglieder (vgl. Nestvogel 2002: 87f.).

Die primäre Sozialisation darf jedoch nicht gänzlich mit dem Aufwachsen in der Kernfamilie gleichgesetzt werden, da die Interaktionen innerhalb der Familie auch eine Reflektion der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Trommsdorff (1993: 56, zit. in Nestvogel 2002: 89) stellt fest, «dass in Entwicklungsländern Kinder eher einen ökonomischen Wert für ihre Eltern haben, weil das Überleben der Familie von der Arbeitskraft der heranwachsenden Generation abhängt». Hingegen seien in industrialisierten modernen Ländern des Westens Eltern hinsichtlich ihrer Altersversorgung nicht unbedingt auf ihre Kinder angewiesen. Zudem bräuchten Kinder keiner Erwerbstätigkeit nachzugehen und blieben länger in Bildungs- und Ausbildungsphasen eingebunden. Diese Tatsache habe nicht nur eine Senkung des ökonomischen Werts der Kinder für die Eltern zur Folge, sondern auch eine Steigerung der Kosten. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass dank der abnehmenden materiellen Abhängigkeit zwischen den Generationen die sozio-emotionale Beziehung positiv beeinflusst wird. Ist der Wert des Kindes nicht mehr materiell begründet, wird er durch emotionale Bindungen ersetzt. Es ist anzunehmen, dass, je nachdem, welchen Wert die Kinder für ihre Eltern in einer Kultur haben - ob sie eher materielle Bedürfnisse oder eher emotionale Bedürfnisse erfüllen -, das Verhalten der Eltern unterschiedlich strukturiert ist. «Wenn Kinder eher materielle Bedürfnisse erfüllen sollen, werden Eltern eher Wert darauf legen, dass ihre Kinder gehorsam und angepasst sind. Eltern werden dann eher Erziehungsziele vertreten, nach denen Kinder soziale Verantwortung übernehmen und ihre Rolle in der sozialen Gruppe akzeptieren. Wenn der kulturelle Wert von Kindern weniger in deren materiellen Leistungen für die Eltern besteht, werden Kinder vermutlich eher als eigenständige Wesen angesehen, deren Unabhängigkeit zu fördern ist» (Trommsdorff 1993: 56f., zit. in: Nestvogel 2002: 89f.).

Schäfers (2001: 105) hebt folgende Bereiche hinsichtlich der familiären Sozialisation bzw. des Einflusses des Elternhauses auf die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden hervor:

- Umweltbedingungen bzw. die sozioökonomischen Bedingungen familiärer Sozialisation
- die im Elternhaus vorherrschende Sprache, das Bildungsniveau und kulturelle Aspirationsniveau
- die soziale Zusammensetzung und Struktur der Familie
- die Erziehungspraktiken, die Einstellung der Eltern zueinander, zu Kindern und zur jungen Generation und das familiäre Konfliktverhalten;
- die Einstellung der Eltern zu Kultur und Gesellschaft, Politik und Religion sowie
- die „Ressourcen“ der Eltern an Zeit, an ökonomischen Mitteln für Bildung, Förderung, Hobbys usw.

Abschliessend ist zu bemerken, «dass sich in den meisten, insbesondere in vielen strukturell heterogenen Gesellschaften diverse Familientypen finden, die sich durch sozialstrukturelle wie auch kulturell tradierte Merkmale voneinander unterscheiden, aber auch Überschneidungen aufweisen. Auch Familientypen, die in westlichen Kulturen der Vergangenheit zugewiesen werden, existieren, im weltweiten Kontext gesehen, zeitgleich nebeneinander und können, je nach gesellschaftlichen Gepflogenheiten, ökonomischen Bedingungen, verwandtschaftlichen Konstellationen und individuellen Neigungen, länder- und kulturübergreifende Gemeinsamkeiten aufweisen» (Nestvogel 2002: 93).

3.3.2. Schulische und berufliche Sozialisation

In Anlehnung an Nestvogel sollen im Folgenden schulische und berufliche Sozialisation gemeinsam behandelt werden, weil sich einerseits mehrfache Überschneidungen zwischen den Sozialisationsinstanzen Schule, Arbeit und Beruf ergeben können, andererseits diese Sozialisationsinstanzen nicht unbedingt aufeinander folgende Phasen, wie dies in westlichen Industrieländern in der Regel der Fall ist, bilden (vgl. Nestvogel 2002: 425).

Nach Auffassung von Fend (1980) trägt die Schule neben der formellen Aufgabe der Wissensvermittlung im intellektuellen sowie sozialen Bereich auch zur sozialen Integration der Schüler bei, indem sie die vorherrschenden Normen und Werte der Gesellschaft vermittelt. Der Schule kommt eine weitere Sozialisationsfunktion hinzu: So erfüllt sie auch eine Übergangs- und Vorbereitungsfunktion auf die Berufsausbildung bzw. das Berufsleben (vgl. Fend 1980, zit. in: Hurrelmann 1994: 107).

Nestvogel (2002) zufolge wird die berufliche Sozialisation von Mädchen vorwiegend durch ihre geschlechtsspezifischen Sozialisationsvorgaben in der Familie, der Schule, dem näheren Umfeld und den historisch gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt.

Einfluss auf die berufliche Orientierung haben die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie, weibliche Sozialisationsprozesse im Schulalltag, Entwicklungen in der Pubertät, die von geschlechtsspezifisch segmentierten Arbeitsmärkten auferlegten Grenzen und Perspektiven für Mädchen, gesellschaftliche und gruppenspezifische Rollenerwartungen, sowie positive und negative Sanktionierungen für bestimmte Berufswahlentscheidungen. Ebenso spielt in die Berufswahlorientierung die Zukunftsplanungen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Rolle. Innerhalb einer Kultur oder Gesellschaft gibt es dabei vielfältige sozialstrukturell bedingte Unterschiede. So werden Mädchen aus Arbeiterfamilien ebenso wie aus Armutsgruppen in den Städten eher zu einer Tätigkeit zum Mitverdienen angehalten als Mädchen aus höheren Schichten. Darüber hinaus hängt es von persönlichkeitsspezifischen Merkmalen und konkreten Interaktionserfahrungen ab, wie Mädchen sich mit den gegebenen Rahmenbedingungen auseinandersetzen, sie verarbeiten, deuten und in Handlungsorientierungen umsetzen (vgl. Nestvogel 2002: 425).

[...]


1 Türkischstämmige weibliche Jugendliche werden im weiteren Verlauf der Arbeit mit TWJ abgekürzt .

2 Das Jugendleitbild der Stadt Opfikon hebt in seinem Papier «Grundsatz zur Jugendpolitik» die Jugendlichen als Herausforderung der schnelllebigen Gesellschaft hervor. Aus dem erwähnten Grundsatz werden 6 Kernsätze für die Jugendarbeit in Opfikon abgeleitet. Während in den ersten fünf Grundsätzen der Rahmen einer notwendigen Zusammenarbeit der Jugendinstitutionen wie Kirche, Schule und Jugendarbeit zwecks einer gelungenen Integration der Jugendlichen beschrieben beziehungsweise festgelegt wird, wird schliesslich im sechsten die Funktion der Wirtschaft, vor allem als Arbeitgeber, erläutert.

3 Kultur bezeichnet die Symbole, mit denen Menschen, Gruppen und Gesellschaften sich ausdrücken und ihre Erfahrungen benennen. « Kultur ist das Orientierungssystem, das unser Wahrnehmen, Bewerten und Handeln steuert, das Repertoire an Kommunikation und Räpresentationsmitteln, mit denen wir uns verständigen, uns darstellen, Vorstellungen bilden» (Auernheimer 1999: 28, zit. in Freise 2005: 19).

4 Die Jugendarbeit Opfikon wird im weiteren Verlauf der Arbeit mit der Abkürzung JAO betitelt.

5 In der Türkei leben heute noch Menschen turkmenischer, kurdischer, griechischer, georgischer, armenischer, assyrischer, arabischer, lasischer, tscherkessischer, usw... Abstammungen.

6 Nach den leistungsmässigen Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler werden folgende Typen unterscheiden:

Dreiteilige Sekundarschule: Abteilung A (höchster Anforderungstyp); Abteilung B (mittlerer Anforderungstyp); Abteilung C (tiefster Anforderungstyp);

Gegliederte Sekundarschule: Stammklasse E (erweiterte Anforderungen); Stammklasse G (Grundanforderungen);

(Bildungsstatistik des Kantons Zürich in Riedi/Haab 2007: 60)

7 Die Sekundarstufe II setzt die nachobligatorische Schulzeit ab 10. Schuljahr fort. Sie umfasst die berufliche Ausbildung oder folgende Mittelschulen: 4.-6. Klassen des Langgymnasiums, 2.-4. Klassen der Kurzgymnasien, 2. und 3. Klassen der Handelsmittelschule sowie die 1.-3. Klassen der Informatikmittelschule und der Diplommittelschule (Bildungsstatistik des Kantons Zürich in Riedi/Haab 2007: 58).

8 Der Begriff Jugend bezeichnet die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Er wird vorzugsweise in der Soziologie verwendet und stellt die soziale und historische Bedingtheit sowie die Gruppen (Peer Gruppe, Jugendszenen) ins Zentrum, in der sich Jugendliche bewegen. In der Psychologie wird der Begriff der Adoleszenz bevorzugt (vgl. Glossar der FH NWS 2005: 92f.).

Details

Seiten
88
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836634731
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226938
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz – Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
berufswahlprozess soziale arbeit migrationshintergrund sozialisation jugendliche

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Titel: Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess