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Nullemissionswohnquartier 'Am Müggenberg', Arnsberg-Neheim

Entwicklung eines Energiekonzepts auf der Basis eines städtebaulich-hochbaulichen Entwurfs

Masterarbeit 2008 96 Seiten

Energiewissenschaften

Leseprobe

Inhalt

1 Abstract

2 Prolog

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

4 Der Entwurf und sein Umfeld
Die Umgebung südliches Neheim
Fokus Quartier „Am Müggenberg“
Erkenntnisse SWOT-Analyse

5 Zielsetzung Nullemission

6 Der Entwurf „Flexibel wohnen, aktiv leben, ökologisch siedeln“

7 Energetische Voranalyse und Erkenntnisse
Vorläufiges Energiekonzept
Gebäudetypologie
Grobanalyse des Endenergiebedarfs
Erkenntnis aus Grobanalyse

8 Genauere energetische Betrachtung
Maßnahmen Stromeinsparung
Stromversorgung und -gewinnung
Weitere energetische Parameter
Erkenntnis: Stromsparen lohnt sich
Neue Bilanzierung

9 Versorgungskonzeption der Siedlung
Konzept 1 PV-Anlage und BHKW
Konzept 2 PV-Anlage und Holzpelletkessel
Konzept 3 PV-Anlage und Holzpelletkessel mit zentraler solarer Unterstützung
Konzept 4 PV-Anlage mit Holzpelletkessel und dezentraler Warmwassererwärmung
Energiekonzept des Quartiers Am Müggenberg

10 CO2-Bilanzierung

11 Fazit

12 Literaturverzeichnis

13 Anhang
Siedlungseingriff in Zahlen
Die 5091m2 Photovoltaikanlagen aufgeteilt auf die Dachflächen
Werkzeug- und Softwarebetrachtung (Ecotect, Bilanz/EnEV)
Beispielhafte Simulation von Fassadenverschattungen
Bauphysikalische Überlegungen für die Bilanzierung
Beispielrechnungen zur Stromersparnis durch energieeffiziente Haushaltsgroßgeräte
Tabellen zur energetischen Analyse

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Luftbild der Siedlung "Am Müggenberg", Quelle google earth

Abbildung 2: Perspektive entlang der Hardenbergstraße, eigenes Bild

Abbildung 3: Bevölkerungsentwicklung in Arnsberg lt. "Bericht zur Stadtentwicklung 2003", S. 16

Abbildung 4: Prognose der Wohnflächennachfrage pro Person lt. "Bericht zur Stadtentwicklung 2003", S. 18

Abbildung 5: Infrastruktur rund um das Quartier Am Müggenberg, google earth, eigene Darstellung

Abbildung 6: Darstellung der wichtigsten Erkenntnisse aus der SWOT-Analyse, eigene Darstellung

Abbildung 7: Erster Rückbau zur Baufelderöffnung, eigene Darstellung

Abbildung 8: Verengung bestehender Straßen, eigene Darstellung

Abbildung 9: Neuplanung von Erschließungen in der primären und tertiären Ebene, eigene Darstellung

Abbildung 10: Aktionsflächen um den Verkehrsknotenpunkten der Siedlungsmitte, eigene Darstellung

Abbildung 11: Grüneinzug aus den umliegenden Waldstücken an den Baumbestand heran und in das Siedlungszentrum, eigene Darstellung

Abbildung 12: Lageplan (o.M.) zur städtebaulichen Umplanung und Erweiterung des Wohnquartiers Am Müggenberg, eigene Darstellung

Abbildung 13: Grundrisse EG, OG, DG (o.M.) eines exemplarischen Reihenhaustyps, eigene Darstellung

Abbildung 14: Süd- und Ostansicht sowie Schnitt A-A (o.M.) eines exemplarischen Reihenhaustyps, eigene Darstellung

Abbildung 15: Südansicht (o.M.) Mehrfamilienhaustypus mit großen Fensteröffnungen im Raster 0,625m und einer Fassade aus lasierten Dreischichtplatten, eigene Darstellung

Abbildung 16: Darstellung der statischen Verschattung im Jahresverlauf, eigene Darstellung mittel der Software Ecotect

Abbildung 17: Exemplarische Schema der Überlegung Dachausrichtung und solare Einstrahlung, eigene Darstellung

Abbildung 18: Exemplarische Ansichten für West- und Südseite sowie ein Schnitt (o.M.) für eine Sanierung eines Doppelhauses, eigene Darstellung

Abbildung 19: Exemplarische Ansichten für West- und Südseite sowie ein Schnitt (o.M.) für eine Sanierung eines Mehrfamilienhauses, eigene Darstellung

Abbildung 20: Grundrisse EG, OG, DG (o.M.) eines umgewandelten und sanierten Bestandsbaus in Doppelhausaufteilung, eigene Darstellung

Abbildung 21: Grundrisse EG, OG, DG (o.M.) eines umgewandelten und sanierten Bestandsbaus in Mehrfamilienhausaufteilung, eigene Darstellung

Abbildung 22: Integrativer Verlauf von Entwurf, Berechung und Bilanzierung, eigene Darstellung

Abbildung 23: Erstes noch nicht realisierbares Energieversorgungskonzept für die Siedlung am Müggenberg, eigene Darstellung

Abbildung 24: Simulierter Schattenwurf auf die Südfassade und die Loggiaeinschnitte eines Doppelhauses am 21.3. um 13:00 Uhr, eigene Darstellung

Abbildung 25: Gegenüberstellung des Primärenergiebedarfs pro m2 Nettogeschossfläche nach der energetischen Grobanalyse

Abbildung 26: Prozentuale Anteile der zwölf Stromverbrauchsbereiche in den verschiedenen Haushaltsgrößen, Energieagentur NRW 03/2006

Abbildung 27: Exemplarischer Grundrissausschnitt (o.M.) mit einer Serviceeinheit im Neubau, eigene Darstellung

Abbildung 28: Solarpotenzialuntersuchung auf einem Bestandsdach mit Hilfe der Software Ecotect, eigene Darstellung. Dunkle Bereiche kennzeichnen eine Beeinträchtigung der solaren Einstrahlung, während hellgelbe Bereiche auf eine gut orientierte und nahezu unverschattete Dachfläche deuten

Abbildung 29: Auswahl der untersuchten Photovoltaikanlagen und eines Bestandsdaches nach einer Verschattungssimulation der Siedlung am 21.12., eigene Darstellung

Abbildung 30: Einstrahlungs- und Verschattungssimulation in Ecotect, eigene Darstellung. Weitere Darstellungen zu Verschattungsanalysen siehe beigefügt CD

Abbildung 31: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Westfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, eigene Darstellung

Abbildung 32: Auswahl der untersuchten Fassadenflächen nach einer Verschattungssimulation der Siedlung am 21.12., eigene Darstellung

Abbildung 33: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Südfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, eigene Darstellung

Abbildung 34: Vergleich der Primärenergieverbräuche vor und nach der genaueren energetischen Betrachtung und Einbeziehung der Stromsparmaßnahmen, eigene Darstellung

Abbildung 35: Energieversorgungskonzept zu Variante 1, eigene Darstellung

Abbildung 36: Primärenergiebilanz der Siedlung mit m2-Bezug. Die einzelnen Berechnungspunkte vergleichen die jeweiligen Standards und Einspar- bzw. Vergütungsschritte.

Abbildung 37: Energieversorgungskonzept zu Variante 2, eigene Darstellung

Abbildung 38: Primärenergiebilanz Konzept 2 mit m2-Bezug. Einzelne Berechnungspunkte vergleichen die jeweiligen Standards und Einspar- bzw. Vergütungsschritte.

Abbildung 39: Energieversorgungskonzept zu Variante 3, eigene Darstellung

Abbildung 40: Primärenergiebilanz Konzept 3 mit m2-Bezug. Einzelne Berechnungspunkte vergleichen die jeweiligen Standards und Einspar- bzw. Vergütungsschritte.

Abbildung 41: Energieversorgungskonzept zu Variante 4, eigene Darstellung

Abbildung 42: Primärenergiebilanz Konzept 4 mit m2-Bezug. Einzelne Berechnungspunkte vergleichen die jeweiligen Standards und Einspar- bzw. Vergütungsschritte.

Abbildung 43: CO2-Bilanz der Siedlung am Müggenberg unter Verwendung von Versorgungskonzept zwei

Abbildung 44: CO2-Bilanz der einzelnen Gebäudetypologien unter Verwendung von Versorgungskonzept zwei, dargestellt ist der jeweilige Jahresbilanzpunkt nach obiger Berechnungsfolge

Abbildung 45: Siedlungsveränderung in Zahlen, eigene Darstellung

Abbildung 46: Flächenveränderung in Zahlen, eigene Darstellung

Abbildung 47: Wohneinheitenaufteilung, eigene Darstellung

Abbildung 48: Die 26 PV-Dächer auf den Neubauten in der Übersicht, eigene Darstellung

Abbildung 49: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Einfamilienhaus-Nordfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, Verschattung 1,98%, eigene Darstellung

Abbildung 50: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Einfamilienhaus-Ostfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, Verschattung 16,42%, eigene Darstellung

Abbildung 51: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Einfamilienhaus-Südfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, Verschattung 6,83%, eigene Darstellung

Abbildung 52: Gegenüberstellung zweier Einstrahlungssimulationen einer Einfamilienhaus-Westfassade in Ecotect. Links mit umgebender Bebauung, rechts ohne Nachbargebäude, Verschattung 10,48%, eigene Darstellung

Abbildung 53: Ermittelte Verschattungen an den Nordfassaden, Durchschnitt 7,13%, eigene Darstellung

Abbildung 54: Ermittelte Verschattungen an den Ostfassaden, Durchschnitt 14,51%, eigene Darstellung

Abbildung 55: Ermittelte Verschattungen an den Hauptgewinnfassaden, Durchschnitt 8,39%, eigene Darstellung

Abbildung 56: Ermittelte Verschattungen an den Westfassaden, Durchschnitt 8,32%, eigene Darstellung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Aufstellung der spezifischen Siedlungsdaten im Vergleich Bestand und Neugliederung

Tabelle 2: Aufstellung der Haushaltsgrößen und -arten nach Neukonzeption

Tabelle 3: Aufstellung Primärenergiebedarf und -deckung, Bezug auf die gesamte Siedlung, Versorgungskonzept 1

Tabelle 4: Aufstellung Primärenergiebedarf und -deckung, Bezug auf die gesamte Siedlung, Versorgungskonzept 2

Tabelle 5: Aufstellung Primärenergiebedarf und -deckung, Bezug auf die gesamte Siedlung, Versorgungskonzept 3

Tabelle 6: Aufstellung Primärenergiebedarf und -deckung, Bezug auf die gesamte Siedlung, Versorgungskonzept 4

Tabelle 7: Entscheidungsmatrix

Tabelle 8: U-Wertermittlung über den Bauteilaufbau nach Bilanz 3/53

Tabelle 9: U-Wertermittlung über den Bauteilaufbau nach Bilanz 3/53

Tabelle 10: U-Wertermittlung über den Bauteilaufbau nach Bilanz 3/53

Tabelle 11: U-Wertermittlung über den Bauteilaufbau nach Bilanz 3/53

Tabelle 12: U-Wertermittlung über den Bauteilaufbau nach Bilanz 3/53

Tabelle 13: Siedlungsspezifische Daten in der Gegenüberstellung. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 14: Gewinne und Verluste sowie Endenergiebedarf der Siedlung. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 15: Aktive solare Potenziale der Siedlung. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 16: Primärenergiebedarf des Vorkonzepts. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 17: Stromeinsparung

Tabelle 18: Gewinne und Verluste sowie Endenergiebedarf der Siedlung. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 19: Aktive solare Potenziale der Siedlung. Aufstellung nach Typologiegruppen

Tabelle 20: Berechnung Versorgungskonzept 1

Tabelle 21:Berechnung Versorgungskonzept 2

Tabelle 22: Berechnung Versorgungskonzept 3

Tabelle 23: Berechnung Versorgungskonzept 4

4 Der Entwurf und sein Umfeld

Die Umgebung südliches Neheim

Die ehemals selbstständigen Städte Neheim, Arnsberg, Hüsten und Oeventrop sowie einige kleinere Ortsbereiche reihen sich entlang der zentralen Verbindungsachse Ruhrtal im nördlichen Sauerland auf und bilden das lang gestreckte Arnsberg. Durch die Aufkettung und die ehemalige Selbstständigkeit ist jeder Ortsteil mehr oder weniger eigenständig, weshalb seit einigen Jahren versucht wird, Schwerpunkte für jeden Bereich zu entwickeln. Der Stadtteil Neheim soll dabei seinen Charakter als Einkaufs- und Dienstleistungszentrum von Arnsberg weiter entfalten. Schon jetzt hat Neheim hierdurch ein deutliches Attraktivitätsplus für Anwohner im Vergleich zum Tourismusschwerpunkt Alt-Arnsberg oder dem Freizeitbereich Hüsten sowie einigen kleineren Teilen etwas außerhalb der zentralen Verbindungsachse.

Traditionell gilt Neheim als beliebter Wohnstandort, was dazu beigetragen hat, dass mehrere periphere Neubaugebiete mit größtenteils Einfamilienhausbebauungen auf der grünen Wiese errichtet wurden, weiterhin errichtet werden, und damit die Ortsgrenzen aufweichen. Mitunter führt dies zu der Verwaisung bestehender Wohnquartiere, wie auch im Fall des Entwurfsgebiets „Am Müggenberg“. Diesen Trend hat die Stadtverwaltung bzw. die ortsansässige Wohnungsgenossenschaft verschlafen und nicht entsprechend für modernisierten, ansprechenden und der Nachfrage genügenden Wohnraum sowie eine Nachverdichtung im zentrumsnahen Grünbereich gesorgt.

Fokus Quartier „Am Müggenberg“

Am südöstlichen Gemeinderand von Arnsberg Neheim liegt das Siedlungsgebiet „Am Müggenberg“ / Hardenbergstraße zwischen zwei dichten Waldstreifen auf hügeligem Terrain. Größtenteils ist das nähere Umfeld des zu entwickelnden Quartiers durch Wohnbebauung mit einem heterogenen Typologienmix geprägt. Während einige Straßen ausschließlich die für das Sauerland typische Ein- und Zweifamilienhausbebauung aufweisen, lassen sich in anderen Straßenzügen auch Mehrfamilien- und Reihenhäuser unterschiedlichster Größen und Gruppierungen vorfinden. Dabei sind die geschichtlichen Bedürfnisse nach Wohnraum bzw. der für das Sauerland charakteristische Wunsch nach Eigenheim deutlich ablesbar und stehen im Kontrast zueinander.

Inmitten dieser Mixtur und im Nordosten an die Genossenschaftsparzellen heranreichend, befindet sich eine infrastrukturelle Ansammlung mit einem kleinen, zurzeit nicht genutzten Markt, einer Grundschule samt Sporthalle, einem Kindergarten und einem Gemeindezentrum. Hierdurch wird dem Quartier weitere Attraktivität vor allem für jüngere Familien beschert.

Im Quartier selbst liegen die im Besitz der Wohnungsgenossenschaft Arnsberg-Sundern e.G. stehenden Mehrfamilienhäuser aus den 1950er Jahren zumeist am Nordwesthang in Richtung Stadtkern Neheim weisend bzw. auf einem kleinen Plateau entlang der vorhandenen Straßen.

Viele Freiflächen zwischen den knapp 30 Wohngebäuden der Genossenschaft und dem zurzeit nicht genutzten Nahversorger im Entwurfsbereich prägen den Standort durch ihre ungewöhnliche Größe. In Zusammenhang mit einem zentralen Grünstreifen und den an den Rändern verlaufenden Waldstücken ergibt sich ein sehr grüngeprägtes und wenig verdichtetes Quartier, was beinahe auseinander zu fallen droht, da die Bindung an vielen Stellen durch die großen Abstände zwischen den Häusern verloren geht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Luftbild der Siedlung "Am Müggenberg", Quelle google earth

Der Ursprung dieser großen halböffentlichen und privaten Garten- bzw. Grünbereiche liegt in den zum Erbauungszeitpunkt üblichen Nutzgärten und -höfen sowie dem zu jedem Haus zugehörigen Kohlenwegen auf den Hausrückseiten. Mittlerweile bleiben die meisten Gärten häufig ungenutzt oder dienen in wenigen Fällen als private Freifläche. In diesem Fall sind diese mit einer Gartenlaube oder einem Grillplatz belegt bzw. entlasten die Straßen beim Abstellen von PKW und Mülltonne.

Auch an der heterogenen Umgebungsbebauung lässt sich teilweise die Standortgeschichte ablesen. Neben den bereits beschriebenen Bestandsgebäuden der Wohnungsgenossenschaft sind wenige früher erbaute Ein- und Zweifamilienhäuser auszumachen, flankiert von einigen später errichteten Mehrfamilienhäusern im Stil der 1970er und `80er Jahre, die auf eine Siedlungsverdichtung in dieser Zeit hindeuten. Hier sind die Parzellengrößen bereits kleiner gefasst und halten weniger Außenfläche für die Bewohner bereit. Übergreifend ist kein einheitliches Bebauungskonzept bzw. durchgehende Linie erkennbar. Verschiedene Ausrichtungen, Größen und Dachneigungen durchmischen vor allem die südliche Siedlungsgrenze stark und schaffen neben den beinahe archetypisch einfach gehaltenen Häusern der Genossenschaft keine eigene Identität.

Der gesamte Standort wirkt leb- und emotionslos. Die Verringerung der Bewohnerzahlen von ehemals über 500 auf nunmehr knapp 250 führt dazu, dass viele Gebäude leer stehen und bereits brachliegen. Sie vermitteln ein stellenweise liebloses Bild. Einhergehend mit dem hohen Altersdurchschnitt und einem großen Berufspendleranteil sind die Freiräume und Straßen tagsüber annähernd menschenleer, wie auch der im Siedlungszentrum angelegte Kinderspielplatz.

Erkenntnisse SWOT-Analyse

Neben den bereits beschriebenen Faktoren im Bereich des Entwurfsgrundstücks und der Quartiersumgebung haben weitere Punkte Einfluss auf die Entwicklung sowohl des städtebaulichen als auch des hauchbaulichen Entwurfs. Hierzu hat eine SWOT-Analyse die wichtigsten Faktoren beleuchtet und in Beziehung zur Entwurfsaufgabe gestellt.[1]

Gebäudebestand

Der in der Konzeption zu betrachtende Gebäudebestand der Wohnungsgenossenschaft Arnsberg-Sundern e.G. ist in den 1950er Jahren unter der Prämisse der Wohnungsknappheit schnell und kostengünstig entstanden. Dabei vereinen die kompakten und freistehenden Häuser meist jeweils sechs 40 bis 50m2 große Zweizimmerwohnungen unter ihrem, einzig dem Straßenverlauf nachempfundenen, Satteldach.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Perspektive entlang der Hardenbergstraße, eigenes Bild

Hieran ist zu erkennen, dass die Ausrichtung der meisten Gebäude für energetische Überlegungen denkbar ungünstig ist, da die Hardenbergstraße der Topographie folgend in Nord-Südrichtung verläuft und sich ihrer Richtung immerhin zehn Wohnbauten anschließen. Auch die restlichen 17 Gebäude haben eine kaum bessere Orientierung, da ein Großteil vom vorgelagerten Straßenverlauf abrückt und der Ausrichtung der Hardenbergstraße nachempfunden ist. Weder die mit Dachgauben besetzten Dachflächen noch die gering befensterten Fassaden können in ihrem ursprünglichen Zustand als solar gewinnbringend eingestuft werden und müssen für das Ziel Nullemission entsprechend verändert oder hingenommen werden.

Ähnliches gilt auch für die übrigen energetisch relevanten Faktoren wie Außenhülle und Energieversorgung. Nur wenige Fassadenbereiche wurden um 1970 mit einer damals üblichen Dämmung ertüchtigt. Ebenso weisen die Fenster teils noch Einscheibenverglasungen auf und Dächer bzw. Kellerdecken sind gar nicht gedämmt. Die Energieversorgung erfolgt in den meisten Fällen per Gasetagenheizung oder sogar in Ausnahmefällen noch per Stückgutofen.

Dennoch gilt der Bestand mitunter als erhaltenswert, da er eine Ressource darstellt und durch seinen Erhalt das Image der ökologischen und ressourcenschonenden Siedlung verstärkt, sowie die Akzeptanz in Nachbarschaft und Umfeld erhöht wird.

Neben Zustand und energetischem Standart entsprechen aber vor allem die Grundrissaufteilungen nicht mehr heutigen Anforderungen, was neben den bereits aufgeführten Quartiersentwicklungsproblemen ebenfalls zu fortschreitendem Leerstand führt. Hier ist eine Anpassung an die Nutzerklientel dringend notwendig und wird durch Fakten des Wohnungsmarktes begründet.

Wohnungsmarkt und demographischer Wandel

Der Wohnungsmarkt in Arnsberg ist im Grunde genommen ein Hausmarkt, da ca. 75 Prozent der Arnsberger in Einfamilienhäusern (50 Prozent), Doppelhaushälften, Reihenhäusern oder ähnlichen Wohnformen leben[2]. Die Eigenheimquote ist überdurchschnittlich hoch, was sich mit der üblichen Beschreibung der sesshaften Sauerländer und deren Weitergabe ihres Eigenheims an Nachfahren deckt. Dennoch sind Bewegungen im Wohnungsmarkt auszumachen, die eine Quartiersentwicklung beeinflussen.

Voran steht die prognostizierte und bereits betrachtete Bevölkerungsentwicklung der Stadt Arnsberg. Hier ist in den letzten Jahren ein Abwärtstrend zu erkennen, welcher sich nach der Vorhersage weiter fortsetzen wird. Dies jedoch deckt sich nicht mit der bereits beschriebenen Neugründung verschiedener Neubauviertel am Stadtrand. Vielmehr kann durch eine parallele Entwicklung der Neubaugebietserschließung in Nachbargemeinden der Trend zur Abwanderung in modernen Wohnraum bzw. der Wunsch nach Wohnen auf dem Grünen ausgemacht werden. Dabei werden fast ausschließlich kleinere ein- und zweifamilienhaustragende Parzellen abgesteckt. Bedenkt man an dieser Stelle die grüne Lage des Quartiers „Am Müggenberg“ und die Modernisierungs- bzw. Nachverdichtungswünsche der Genossenschaft, kann davon ausgegangen werden, dass sich eine Neuentwicklung am Ort lohnt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bevölkerungsentwicklung in Arnsberg lt. "Bericht zur Stadtentwicklung 2003", S. 16

Hinzu kommt die allgemein vorausgesagte Tendenz, mehr und mehr Bürger würden in Zukunft wieder den Weg in dichter besiedelte und stadtnahe Wohnbereiche suchen[3], um großen Fahrtwegen sowie hohen Lebenshaltungskosten aus dem Weg zu gehen. Das traditionelle Wohnquartier der Genossenschaft bietet hierzu Potenzial und schließt dabei den Wunsch nach Grünraumanbindung ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Prognose der Wohnflächennachfrage pro Person lt. "Bericht zur Stadtentwicklung 2003", S. 18

Ein weiterer Aspekt der vorausgesagten Stadtentwicklung von Arnsberg ist die allgemein gültige These, dass zukünftig vermehrt kleinere Haushaltsgrößen auftreten werden, aber parallel dazu die Nachfrage an Wohnfläche pro Kopf steigen wird. Dies verdeutlicht, dass die kleinen Bestandswohnungen dem Markt nicht gerecht werden. Zudem müssen große Wohnungen auch für Familien angeboten werden. Darüber hinaus wird Arnsbergs Bevölkerung altern, weswegen altengerechte und verdichtete Wohnbebauungen verlangt werden, was im Gegensatz zur sauerländischen Einfamilienhaustradition steht, dennoch aber ein entscheidender Faktor für eine funktionierende und durchmischte Wohnsiedlung ist.

Die genannten Faktoren gelten dabei nicht nur für den Wohninnenraum, sondern auch für den zu gestaltenden Freiraum. Mehrfach nutzbare und teils bespielte Außenflächen sowie die ausgewogene Vorhaltung von privaten, halböffentlichen und teilweise auch öffentlichen Bereichen sind dabei wichtige Einflüsse, die dazu beitragen sollen, die momentane Leblosigkeit zu vertreiben und ein gemeinsames Miteinander zu fördern.

Die Genossenschaft als Partner

Dieses gemeinsame Miteinander wird auch durch die Genossenschaft gefördert und entwerferisch sowie energetisch mit einbezogen werden. Die Genossenschaft bildet ein großes Potenzial für eine vollständige Neuentwicklung des Standortes. Sie nimmt eine übergeordnete Rolle ein und bietet die Möglichkeit für ganzheitliche Überlegungen. Interessant dabei ist, dass sich eine Genossenschaft von marktüblichen Investoren dadurch abgrenzt, meist keinen Gewinn erzielen zu müssen und somit nicht von Profitgier auf absolute Verdichtung bzw. Ausschöpfung des vorhandenen Arials drängt. Hierdurch lassen sich unter anderem bespielte Freiflächen oder Grünräume verwirklichen.

Für zukünftige Bewohner und Mieter bietet die Genossenschaft Sicherheit und einen verlässlichen Partner, was als großer Pluspunkt gegenüber den üblichen Siedlungsentwicklungen in der Umgebung gesehen werden kann. Dabei haben die Mitglieder ein Dauernutzungs- und lebenslanges Wohnrecht. Zusätzlich stellt sich die Genossenschaft mit der Idee einer Nullemissionssiedlung als flexibel und vorausdenkend dar, was Argumente hinsichtlich einer konservativen Wohnform widerlegt.

Das Mitwirken bei der Quartiersentwicklung und einer sozialen Infrastruktur wird helfen können, Zusammenhalt über den Gedanken der Ökologie hinaus zu auszubilden, so dass dieses Projekt nicht wie viele bisherige allein unter dem „Leuchtturmcharakter“ und der Außenstrahlwirkung entwickelt werden muss. Zwar wird sich die Gestalt von üblichen Siedlungsprojekten allein durch die Nutzung solarer Potenziale abheben, doch kann dabei eine introvertierte Haltung eingenommen werden, die identitätsstiftend wirken wird.

In punkto Energiekonzept und -versorgung ermöglicht die Genossenschaft Flexibilität und kann dabei als eine Art contractor[4] auftreten. Gerade in Bezug von energetisch optimierten Siedlungen liegt meist die Nutzung einer zentralen Wärmebereitstellung nahe, die durch ein übergeordnetes Unternehmen, einen contractor oder eben die Genossenschaft verwaltet werden muss.

Ähnlich spezielle Dienstleistungen, wie Hausmeisterservice, Mieterzeitung oder Nachbarschaftstreff werden für das Ziel der Nullemissionsbilanz eine gleichsam bedeutende Rolle einnehmen können. Aufklärung zu Energieeinsparung wird hierdurch ermöglicht. Zusätzlich können mögliche Gemeinschaftseinrichtungen und Projekte wie carsharing[5] oder Lebensmitteltransport eventuelle Schwachpunkte des Standortes wettmachen und komplettieren die Vorteilsliste gegenüber anderen Quartieren.

Infrastruktur

Die Infrastrukturelle Anbindung und Versorgung des Quartiers Am Müggenberg ist als ausbaufähig zu bezeichnen. Positiven Aspekten wie die zumindest an Wochentagen funktionierende Busanbindung und das kleine infrastrukturelle Zentrum mit Schule, Kindergarten und Sporthalle stehen die mangelnde direkte Nahversorgung und das Ausbleiben der Buslinie in den Abendstunden und am Wochenende gegenüber.

Dennoch stellt dies kein Hindernis für eine Nachverdichtung dar. Der momentan geschlossene Markt kann wiederbelebt werden und ggf. in das Entwurfskonzept mit einfließen. Die ÖPNV-Verbindung könnte bei mehr Bedarf ausgebaut oder aber durch Initiative seitens der Genossenschaft durch carsharing, Pendlersammelstelle oder Bürgerbus ergänzt werden. Wichtig ist dabei nur, dass die topographische Hürde zu Bahnhof und Innenstadt gerade älteren Bewohnern genommen werden muss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Infrastruktur rund um das Quartier Am Müggenberg, google earth, eigene Darstellung

Als Chance für ein Wohngebiet dieser Größe kann neben der Revitalisierung des Marktes die Installation von „Wohnen und Arbeiten“ angesehen werden. Viele Berufstätige werden aus dem Quartier auspendeln und Büros in der Innenstadt ansteuern, wobei viele die innerstädtische Lage nicht unbedingt benötigen.

Freiraumqualitäten

Der Außen-, Frei- und Grünraum stellt ein sehr großes Reservoir dar. Dies rekrutiert sich nicht unbedingt aus der mannigfachen Nutzung der bisher vorhandenen Flächen, sondern viel mehr weil er als Reserve zur Nachverdichtung nutzt und durch ihn ein „grünes“ Image eingepflanzt werden kann. Durch die umliegenden Grünspangen tritt das Quartier in Konkurrenz zu den angesprochenen Neugründungen auf der grünen Wiese und verbindet sich mit dem regional wichtigen Thema Wald und Holz. Ein Label mit einem beispielhaften Inhalt „grün und zentral“ ließe sich hiermit erzeugen und könnte damit der Siedlung einen Alleinstellungscharakter neben dem Thema Nullemission anheften.

Um diesen Vorteil künftig auch wohnlich nutzen zu können, sollten jedoch die Erdgeschosse mit den Gärten oder Freiräumen verbunden werden. Das ist im Bestand momentan nicht der Fall und erneut ein Beweis für die Vernachlässigung der bestehenden Freiflächen.

Quartiersgeschichte

Ursprünglich wurden die großzügigen Gärten als Nutzgärten gebraucht. Hier graste Kleinvieh und wuchs Gemüse oder Salat. Nach und nach wurde diese Tradition jedoch abgelöst, so dass viele Flächen ungenutzt blieben. Dies gilt auch für die nicht mehr zeitgemäß aufgeteilten Häuser. Sie entstanden um 1950 als viele Neheimer, Gastarbeiter und Vertriebene nach dem zweiten Weltkrieg und der damit einhergehenden Möhnetalkatastrophe[6] wohnungs- und mittellos waren. Die Stadt Neheim versuchte durch die Neuansiedlung „Am Müggenberg“, dessen Name sich aus einem ehemaligen Feuchtgebiet und den darin ansässigen Mücken ergründet, der damaligen Wohnungsknappheit entgegen zu wirken und einen attraktiven Standort für Neuankömmlinge zu gestalten. Die Quartiersgeschichte ist stellenweise ablesbar, sofern sie bekannt ist. Ansonsten lassen sich aber aus ihr kaum relevante Konzeptinhalte entwickeln.

Heute liegt der Standort nahe eines Verkehrs- und Stadtteilknotenpunktes der entstand, als sich die Stadtteile Neheim, Hüsten, Alt-Arnsberg und Oeventrop sowie einige kleinere Gemeinden Mitte des 20. Jahrhunderts zur Stadt Arnsberg zusammenschlossen. Hier verbinden sich nicht nur die Stadtteile Neheim und Hüsten, sondern auch große Teile Arnsbergs, des Sauerlandes sowie die regionale Industrie und Wirtschaft mit dem Ruhrgebiet über die Anschlussstelle der Autobahn 46.

Energieversorgung

Ein Großteil der regionalen Wirtschaftskraft Arnsbergs gründet auf der Lage in Mitten des größten zusammenhängenden Waldgebiets Deutschlands, dem Arnsberger Wald und den daran anschließenden landwirtschaftlichen Flächen. Holz und Biomasseprodukte bilden neben Wirtschaftskraft aber auch ein erhebliches Energiepotenzial, vor allem im Bezug auf CO2-neutrale Energierohstoffe. Sie sind bei der Entwicklung eines Nullemissionsquartiers von vorrangiger Bedeutung und können eine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas umgehen.

Generell sind diese Varianten vor Ort Möglichkeiten zur Versorgung der Siedlung und lassen sich durch Biothermie, Netzstrom und Solarenergienutzung ergänzen. Kleinere Einschränkungen gibt es bei letzterer Variante durch die Lage Arnsbergs. Es liegt in der deutschen Klimazone sechs, welche nur ca. 1.400 Sonnenstunden und lediglich 925kWh/m2a örtliche Globalstrahlung erbringt. Hierdurch müssen im Vergleich zu anderen Regionen größere Flächen für Photovoltaikstrom und Solarthermie erstellt werden, was das Ziel Nullemission leicht erschwert.

Swotgrafik

Abschließend stellt eine Aufstellung die prägnantesten Punkte aus der SWOT-Analyse dar. Berücksichtigt sind hier jeweils die drei gewichtigsten Argumente der Felder Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren. Sie finden in der Neugliederung Beachtung und tragen mitunter zum Erreichen der Nullemissionsbilanz bei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Darstellung der wichtigsten Erkenntnisse aus der SWOT-Analyse, eigene Darstellung

5 Zielsetzung Nullemission

Neben örtlichen Gegebenheiten und beschriebenen Standortfaktoren beeinflusst vor allem das Ziel der Nullemissionsbilanz entwerferische Überlegungen sowohl im städtebaulichen als auch im hochbaulichen Kontext.

Dieses Ziel beinhaltet den vollständigen Ausgleich des Primärenergiebezugs bzw. der damit verbundenen CO2-Emissionen für den Betrieb der siedlungseigenen Gebäude im Rahmen einer jährlichen Bilanzierung[7]. Der Ausgangspunkt ist dabei keine Insellösung, welche eine Energieautarkie darstellt und eine für Spitzenlast ausgelegte Energiebereitstellung durch großdimensionierte Energieerzeuger bzw. -speicher benötigt, sondern vielmehr eine netzgekoppelte Version, welche Überschüsse einspeisen und Unterversorgungen ausgleichen kann. Gleichsam steht jedoch bei beiden Varianten die Energieeinsparung im Vordergrund. „Einem verbleibenden Bedarf/Verbrauch bzw. den damit verbundenen CO2-Emissionen werden Gutschriften aus einer Eigenstromerzeugung mit Netzeinspeisung (PV, KWK, Kleinwindräder) gegenübergestellt. In weiter gefassten Szenarien werden Einspeisungen von Wärme in die Versorgung von Nachbargebäuden oder Wärmenetzen, Anteile an Wind- oder Solarstromanlagen oder zukünftig aus einem CO2-Handel gegenübergestellt“[8]. Da hier jedoch die Siedlungsgrenzen überschritten werden würden, und somit nicht verdeutlicht werden könnte, welche Anteile die siedlungseigene Architektur dazu beiträgt und ob durch Kraftwärmekopplung erzeugter Strom auch dann zu einer Gutschrift führen darf, wenn die parallel erzeugte Wärme an energetisch schwache Gebäude außerhalb des Entwurfsbereichs weitergegeben würde, bleibt diese Möglichkeit in der Bilanzierung vorerst unbeachtet.

Das vorrangige Ziel einer Nullemissionssiedlung ist den Erkenntnissen der letzten Jahre folgend der Klimaschutz, weswegen die durch Energieverbrauch verursachten CO2-Emissionen als Maßstab der ökologischen Bilanzierung gewertet werden. Als Quelle dient hierbei eine Berechnung nach GEMIS[9] Version 4.3[10], da bisher keine normativ verfassten CO2-Äquivalente aufgestellt sind.

6 Der Entwurf „Flexibel wohnen, aktiv leben, ökologisch siedeln“

Der Grundstein dieser Bilanzierung ist die Neugliederung der Siedlung mit daraus resultierenden Neubauten und erhaltenem Bestand. Dabei werden verschiedenste Konzeptinhalte dauerhaft unter dem Anspruch der Nullemission bewertet und ggf. verändert - also integriert behandelt.

Im Gesamten wird ein Szenario des „zentralen und stadtnahen Wohnens, Lebens, sich Versorgens und Arbeitens im Grünen“ realisiert. Der Fokus richtet sich dabei nicht allein auf das Thema Nullemission, sondern behandelt auch andere, dem ökologischen Image zuträgliche Faktoren wie Einschränkung des Autoverkehrs, Belebung des Quartiers durch fußläufig erreichbare Infrastruktur oder Gemeinschaft unter den Bewohnern. Baulicherseits bedeutet dies vorrangig die Wiederbelebung und Nachverdichtung des Areals sowie die Erbringung von städtebaulichen und wohnraumtypischen Qualitäten. Ohne ein funktionierendes Quartier ist die Anstrengung zum Erreichen der Nullemissionsbilanz vergebens.

Städtebau

Anfangs werden Bestandsbauten in der Siedlungsmitte entfernt, um das Baugebiet zu öffnen, Platz für neue Baukörper und andere Wohnformen zu schaffen sowie die Anzahl der weniger gut ausgerichteten Gebäude zu minimieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Erster Rückbau zur Baufelderöffnung, eigene Darstellung

In einem zweiten Schritt wird die funktionierende aber sehr großzügig dimensionierte Haupterschließung Hardenbergstraße und der das Siedlungsgebiet kreuzende Teil der Straße Zum Müggenberg verschmälert. Hierdurch entsteht eine klare Erschließungshierarchie, welche als Hauptverbindung die Scharnhorststraße an der nördlichen Siedlungsgrenze und den südlichen Teil der Straße Zum Müggenberg vorsieht. Letztere wird zudem in Richtung Osten erweitert und stößt nun auf den Danzigweg. Ergebnis ist die Eröffnung eines großzügigen Baugrunds und die Einrahmung durch die beschriebenen Straßen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Verengung bestehender Straßen, eigene Darstellung

An die Sekundärachsen Hardenbergstraße und den verengten Teil der Straße Zum Müggenberg schließt die dritte Erschließungsebene an, in deren Zwischenräumen die Neubau-Grundstücksparzellen liegen. Bestimmt wird ihre Lage primär durch die Bestandsbebauung und deren Zwischenräume. Die Wege verlaufen in Ost-West-Richtung und ermöglichen somit schon auf städtebaulicher Ebene eine energieoptimierte Architektur. Durch ihren Verlauf werden die Ausrichtung der hier entstehenden Neubauten und eine Öffnung nach Süden sowie die Erschließung im Norden vorgegeben. Die Wegeabstände werden durch Sonneneinstrahlwinkel und eine gewünschte Verschattungsfreiheit der Baukörper vordefiniert, um die aktiven wie auch die passiven solaren Energiepotenziale optimal nutzen zu können. Minimale Verschattungen der Erdgeschossfensterflächen werden in Kauf genommen, um die städtebauliche Figur, die eingelegte Erschließungsstruktur und die zusätzlich konzipierten Freizeitanlagen dynamischer und flexibler zu organisieren. Dabei erhalten die unverschatteten Dachflächen für aktive Solarenergienutzung höchste Priorität. Ein enges Aneinanderrücken wird durch die Baukörpergestalt aufgefangen[11].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Neuplanung von Erschließungen in der primären und tertiären Ebene, eigene Darstellung

In der Siedlungsmitte wird die Verbesserung der Aufenthaltsqualität des öffentlichen Straßenraums angestrebt. Bei der dritten Erschließungsebene steht daher nicht die Nutzung als Straße im Vordergrund, so dass eine minimale Breite für Versorgungsfahrzeuge ausreicht. Kleinere Höfe dienen als Kurzzeitparkfläche und nehmen außen liegende Kellerersatzräume auf. Sie sind aus den Baukörpern ausgelagert, um das beheizte Volumen gering zu halten und Kontaktpunkte im Freien zu schaffen. Die kleineren Höfe füllen die Zwischenräume entlang der Wege und bieten als befestigte Fläche mannigfache Nutzungsmöglichkeit für Jung und Alt. Da nicht unterschieden ist, ob Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus anschließt, wird der Kontakt gerade zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten gefördert, was ein Auseinanderfallen oder Grüppchenbilden innerhalb der Siedlung verhindert.

„Bestandteil der städtebaulichen Planung ist die Schaffung von Erholungs-, Sport, Spiel- und Freizeitanlagen für die Bewohner“.[12] In die Knotenpunkte zwischen den gassenartigen Wegen und der übergeordneten Erschließung werden Aktionsflächen gelegt, welche mit unterschiedlichen Themen wie outdoorfitness, Kleinsportfeld, Spielplatz oder einer Boullebahn gestaltet, eine rein monofunktionale Nutzung des erhöhten Flächenverbrauchs für Erschließungswege und Stellplätze vermeiden sowie für eine alternative Verkehrsberuhigung sorgen. Dabei ist die Idee, dass die Straßen nicht künstlich und per Beschilderung verkehrsberuhigt werden, damit auf ihnen Aktion außerhalb des fahrenden Verkehrs stattfinden kann, sondern dass die Verkehrsberuhigung durch die Aktionen selbst entsteht. Der Autoverkehr nimmt eine untergeordnete Rolle ein. Verdeutlicht wird dies durch die der jeweiligen Nutzung angepassten Beläge und die Vermeidung von Autoverkehr durch Auslagerung der Stellplätze aus der Siedlungsmitte.

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Abbildung 10: Aktionsflächen um den Verkehrsknotenpunkten der Siedlungsmitte, eigene Darstellung

Da - wie gesagt - keine Stellplätze direkt an den Wohnhäusern vorgesehen sind, wird vermieden, dass das Auto als Visitenkarte vor dem Haus fungiert. Dies ist ein Faktor dem besonderes Augenmerk zukommt, da ein komplett autofreies Siedlungsbild, welches den ökologischen Hintergrund verdeutlichen würde, nicht möglich ist. Die Abhängigkeit vom PKW wird durch den starken Topographieabfall zur Innenstadt und den großen Pendleranteil in Arnsberg hervorgerufen. Zwar sollen ein durch die Genossenschaft initiiertes carsharing-Programm und verbesserter Personennahverkehr dem Individualverkehr Einhalt gebieten, doch reicht dies hier nicht aus, um ein komplett autofreies Konzept zu verwirklichen.

Der bestehende Baumgürtel in der Siedlungsmitte bleibt erhalten. Er wird an die umliegenden Waldstücke angebunden, hiermit in Szene gesetzt und durchquert nun die komplette Siedlung von zwei Seiten kommend. Er verstärkt das ökologische Image und nimmt unter den Baumkronen einen Wander- und Fitnesspfad auf, der sich nun durchgehend vom Ruhrtal bis hin zum Neheimer Zentrum erstreckt. Weitere Belebung der Siedlung und Erweiterung des ortsnahen Freizeitangebots sind dabei ebenso Motiv, wie die Akzeptanz der Neukonzeption vor Ort.

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Abbildung 11: Grüneinzug aus den umliegenden Waldstücken an den Baumbestand heran und in das Siedlungszentrum, eigene Darstellung

Diese ist gerade bei den erwarteten älteren Bewohnern wichtig, da davon auszugehen ist, dass viele, momentan ansässige Bewohner dem Quartier treu bleiben möchten. Sie fördern die demographische Durchmischung und spiegeln diese wieder. Aus diesem Grund fasst das Erschließungsbild die Bestandsbauten ein und akzentuiert sie. Dabei erhalten nun auch sie kleinere und exakt zugeordnete Grundstücksparzellen, worauf offene und zur jeweiligen Erschließung orientierte Gärten entstehen.

Im Hinblick auf die sozialen Kontakte wird in dem Quartier eine Art Mikrozentrum integriert. Hierin enthalten sind die bestehende Schule samt Sporthalle, der Kindergarten, das Gemeindezentrum, der erweiterte und modernisierte Einkaufsmarkt, ein StartUp-Büro-Centre, einer von zwei Busstops und ein Genossenschaftshaus mit Verwaltung, Energie-Informationspunkt, Hausmeisterservice, carsharing-Zentrale, Werkstatt, Gästewohnungen, Multifunktionsraum, Marktplatz, Cafe und Energieversorgung. Letztere liegt in der Nähe des Marktes, da hier der LKW-Verkehr abgewickelt und die übrigen Infrastrukturbauten an die zentrale Energieversorgung angeschlossen werden können. Ferner begünstigt die dezentrale Lage das Ausbleiben von Lärmbelästigung sowie die Vermeidung von Geruchsemissionen durch die erhöhte Position des Rauchabzugs aus dem Schornstein.

Die ortsnahe Infrastruktur und die Kombination der einzelnen Bausteine reduziert abermals das Autoaufkommen, da ein Zweitwagen entfallen kann bzw. wirkt belebend, da sie fußläufig oder per Rad zu erreichen ist. Ein Attraktivitätsplus ergibt sich darüber hinaus aus dem verringerten Zeit- und Aufwandsbedarf für Fahrten und Besorgungen[13].

Im Gesamten wird durch die Anreicherung der Wohnbebauung mit Infrastruktur und vor allem durch das StartUp-Büro-Centre mehr Identifikation mit dem Standort erreicht, da unter Umständen Wohnort und Arbeitsplatz eng miteinander verknüpft sind. Zudem spricht dies Klientel aus umliegenden Straßenzügen an. Die Position ist daher bewusst an der Hauptverkehrsachse entlang der Straße Zum Müggenberg gewählt.

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Abbildung 12: Lageplan (o.M.) zur städtebaulichen Umplanung und Erweiterung des Wohnquartiers Am Müggenberg, eigene Darstellung

Hochbau

Die Regelmäßigkeit der geplanten Straßenzüge wird durch eine Varianz bei den Haustypen durchbrochen. Neben wenigen Mehr- und Einfamilienhäusern entstehen Reihen- und Doppelhäuser. Gepaart mit insgesamt vier unterschiedlichen Neunutzungen für den Bestand entfaltet sich ein breites Angebot verschiedenster Wohnformen mit den Indikatoren flexibler Grundrisse, teilweise altengerechter Ausstattung, gut durchlichteter Wohnräume sowie privater Bezüge zum Außenraum in Form eines Balkons, einer Loggia oder eines Gartenzugangs, womit die Schnittstelle zwischen Wohn- und Grünraum geschaffen wird.

Darüber hinaus kommt der Verringerung des Energiebedarfs große Beachtung zu. Sowohl bei den Alt- als auch bei den Neubauten sind daher in erster Linie einfach zu realisierende und allseits bekannte Faktoren beachtet worden. Hierzu zählen eine große Kompaktheit[14] der Gebäude, ein überdurchschnittlich guter Dämmstandard mit ökologischen Baustoffen sowie im Neubau die Aktivierung nutzbarer Dachflächen zur Energiegewinnung, eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, eine durch den Städtebau vorgegebene, nahezu optimale Ausrichtung der Gebäude mit großzügigen Fensterflächen nach Süden und das Integrieren von Serviceeinheiten, welche das gemeinsame Nutzen von durch die Genossenschaft eingestellten Haushaltsgroßgeräten wie Gefriertruhe und Waschmaschine bzw. Trockner durch mehrere Wohneinheiten ermöglichen.

Neubau Reihen- und Doppelhaus

Am prägnantesten sind diese Serviceeinheiten bei der Neubaukonzeption der einheitlich gestalteten aber unterschiedlich großen Reihen- und Doppelhäuser. Hier nutzen jeweils zwei Hausparteien eine solche Einheit gemeinschaftlich, wobei sich diese als eingeschobene Box in der Nordfassade abzeichnet und aus dem Obergeschoss hervorragt. Sie belebt die durchgehende Fassadenfront und dient dabei zugleich als Vordach zu den sich darunter befindlichen Eingängen. Hieran anschließend liegt im Erdgeschoss die Küche samt Essplatz und bei den größer geschnittenen Häusern ein zusätzliches Zimmer. In Süd- bzw. Gartenrichtung befindet sich der Wohnraum samt angebundener Loggia. Sie kann wie auch der Balkon eine Etage darüber durch eine klappbare Glaswand verschlossen werden und wird, da vor die Außenfassade gestellt, als klimatischer Pufferraum zu einer Wohnraumerweiterung in der Übergangszeit. Im Sommer dient die Balkonplatte als statische Verschattung und schützt vor Überhitzung.

Im Obergeschoss liegen neben der Serviceeinheit an der nördlichen Fassade die Schlafräume und das Bad. An den Balkon über der Loggia schließt ein weiterer Wohn-, Schlaf- oder Büroraum an. Die Dachgeschossräume sind hieran über einen Luftraum unter den Dachschrägen angebunden und stellen eine üppige Ausbaureserve dar.

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Abbildung 13: Grundrisse EG, OG, DG (o.M.) eines exemplarischen Reihenhaustyps, eigene Darstellung

Insgesamt sind nur wenige Wände tragend ausgebildet, was zu der gewünschten Grundrissflexibilität führt. Im Erdgeschossinnern ist allein die Installationswand, an die sowohl WC im Erdgeschoss als auch Bad im Obergeschoss sowie die freie Treppen anschließt, tragend. Sie stützt, neben den in Holzrahmenbauweise und typischen Holzbauraster erstellten Außenwänden, die massiven und speicherfähigen Brettstapelholzdecken des Holzbaus und das charakteristische, dem Sauerland entnommene bzw. der PV-Anlage zuträgliche Schrägdach.

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Abbildung 14: Süd- und Ostansicht sowie Schnitt A-A (o.M.) eines exemplarischen Reihenhaustyps, eigene Darstellung

Damit sind die wichtigsten Stilmerkmale dieses Typs bereits aufgeführt, der bewusst einfach gehalten ist, um kosteneffizient zu bleiben. Hierzu zählt ebenso die angesprochene Fassadenkonstruktion im Holzrahmenbau mit horizontaler Sparschalung aus sägerauem Lärchenholz. Sie reiht den Bau dank Holzverarbeitung und damit einhergehender dauerhafter CO2-Bindung in die ökologische Idee und regionale Verbundenheit der Siedlung ein.

[...]


[1] SWOT (engl. Akronym) für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Gefahren)

[2] Vgl. Stadt Arnsberg: Bericht zur Stadtentwicklung 2003, S. 16ff

[3] Vgl. Hahne, U., Glatthaar, M.: Nachhaltige Strategien für den Standort Deutschland? S. 117

[4] Contracting (engl. Vertrag schließend) beinhaltet die Übertragung von Aufgaben auf ein Dienstleistungsunternehmen. In seiner Hauptanwendungsform des Energiecontractings bezieht sich der Begriff auf die Bereitstellung von Energie und den Betrieb zugehöriger Anlagen.

[5] Carsharing (engl. „Autoteilen“) bezeichnet die organisierte gemeinschaftliche Nutzung eines oder mehrerer Fahrzeuge wie PKW oder Klein-LKW

[6] Die Möhnetalsperre wurde im Zweiten Weltkrieg durch britische Bombenangriffe im Mai 1943 zerstört. Durch die daraus resultierende Flutwelle, die sich über die Möhne bis weit ins Ruhrtal ergoss, wurde ganz Neheim schwer getroffen und mehrere Hundert Gebäude weggerissen.

[7] Vgl. Voss, K.: Was ist eigentlich ein Nullenergiehaus , S. 1

[8] Ebd. S. 1

[9] Globales Emissions-Modell Integrierter Systeme nach Öko-Institut e.V., Freiburg

[10] Veröffentlicht in Großklos, M., Institut Wohnen und Umwelt (IWU): Kumulierter Energieaufwand und CO2-Emissionsfaktoren verschiedener Energieträger und –Versorgungen, S. 2

[11] Siehe Hochbau

[12] Energieagentur NRW: Planungsleitfaden. 50 Solarsiedlungen Nordrhein-Westfalen, S. 21

[13] Vgl. Energieagentur NRW: Planungsleitfaden. 50 Solarsiedlungen Nordrhein-Westfalen, S. 11

[14] Ein möglichst kleines Verhältnis zwischen Außenhüllfläche und zu beheizendes Luftvolumen um den Heizenergiebedarf gering zu halten und dem Aspekt des flächensparenden Bauens gerecht zu werden.

Details

Seiten
96
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836631396
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226908
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Fachbereich F - Architektur, Design, Kunst, Architektur
Note
1,7
Schlagworte
nullemission nullemissionsquartier nullemissionsgebäude energiekonzept entwurf

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Titel: Nullemissionswohnquartier 'Am Müggenberg', Arnsberg-Neheim