Lade Inhalt...

Ratsuchende und Berater - Widerstand verstehen und in der Sozialen Arbeit damit umgehen

Diplomarbeit 2007 100 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Problem des Widerstandes des Ratsuchenden in der Beratung
1.1 Sozialarbeiter und Klient als Berater und Ratsuchender
1.2 Was ist mit „Widerstand des Ratsuchenden“ in der Beratung gemeint?
1.3 Widerstand in einem Beispielgespräch zwischen Katharina und Fr. Meier

2. Die Analyse innerpsychischer Prozesse
2.1 Widerstand setzt ein Ratsuchender unbewusst entgegen
2.2 Das erste topische Modell nach Sigmund Freud
2.3 Das zweite topische Modell nach Sigmund Freud
2.4 Die Abwehrmechanismen
2.5 Der unbewusste Widerstand,
- Katharinas Abwehr in der Beratung

3. Verstehen interpersonaler Prozesse,
- Determinanten der Gesellschaft
3.1 Das sozioökonomische Modell nach Urie Bronfenbrenner
3.2 Die Systemprozesse im Mikrosystem „Familie“
3.3 Stigmatisierung im Meso-, Exo, und Makrosystem
3.4 Determinanten der Gesellschaft,
- Katharinas Verhalten wird von ihrer Umwelt beeinflusst

4. Verstehen interpersonaler Prozesse,
- Die Beziehung zum Berater
4.1 Die Ausgangssituation des Ratsuchenden
4.2 Die Ausgangssituation des Beraters
4.3 Die Ausgangssituation für die Beziehung zwischen Ratsuchenden und Berater
4.4 Die Beziehung beeinflusst das Widerstandsverhalten,
- Die Beziehung zwischen Fr. Meier und Katharina

5. Beratung im Kontext von „Widerstand“
5.1 Die Beziehung zum Klienten nach Carl Rogers
5.2 Empathie
5.3 Akzeptanz
5.4 Kongruenz
5.5 Intervention
5.6 Fazit für den Umgang mit Widerstand und Hinweise für ein
professionelles Beratungsgespräch mit Katharina

6.Zusammenfassung der Ergebnisse zu: „Widerstand verstehen und in der Sozialen

Arbeit damit umgehen“ 70

Begriffserklärungen

Literaturempfehlungen

Quellenangabe

Anhang

Eidesstattliche Erklärung

Einleitung

In der praktischen Sozialarbeit treffen Sozialarbeiter[1] und Klienten in einer Beratung aufeinander. Aus einer unterschiedlichen Ausgangssituation, treten sie zueinander in einen menschlichen Kontakt. Für den Sozialarbeiter als ein Berater ist es die Chance, gute professionelle Arbeit zu machen, und für den Klienten als den Ratsuchenden die Möglichkeit, endlich die ersehnte Hilfe zu bekommen. Fast zwangsläufig kommt es dabei immer wieder zu Schwierigkeiten, vor allem wenn der Ratsuchende sich der Beratung widersetzt. Den Widerstand von Ratsuchenden zu erkennen, richtig zu verstehen und mit ihm umzugehen, ist jedoch kein leichtes Unterfangen. Folgendes Beispiel zeigt die Reaktionen nach einer erfolglosen Beratung auf beiden Seiten:

Katharina, eine 16-jährige Jugendliche, kommt gerade aus einer Beratung. Sie ist völlig unzufrieden. Warum ist sie da nur hingegangen? Sie wollte in einer Selbsthilfegruppe für Essstörungen teilnehmen und musste sich dafür einer Beraterin vorstellen. Die wollte ihr tatsächlich eine Ernährungsberatung anbieten! Wie heißt sie gleich? Fr. Meier. Wer war das überhaupt? Was macht die Frau hier überhaupt? Hoffentlich ist diese Ernährungsberatung nicht Voraussetzung für die Gruppe. Dann wird sich Katharina aber eine andere suchen.

Fr. Meier indes war auch nicht begeistert über die Beratung. Diese Katharina hat ihr die ganze Zeit Widerstand entgegengesetzt. Sie war doch wegen ihrer Essstörung da und erzählt aber die ganze Zeit von ihren Familienproblemen. Was wollte sie jetzt eigentlich? Über Familienprobleme wird in der Gruppe nicht geredet. Elterliche Kontrolle und zu wenig Taschengeld! Was hat das mit ihrer Magersucht zu tun? Was hat die Therapeutin da überhaupt gemacht? Das Mädel hat doch null Krankheitseinsicht!

Beide Seiten fühlen sich in dem Beispiel zurückgestoßen. Die Ergebnisse solcher Beratungssituationen sind für Berater aber auch für die Ratsuchenden oft frustrierend.

Soll die Beratung erfolgreich sein, ist das Erlernen von Techniken der Gesprächsführung unumgänglich. Aber auch ein Wissen darüber, wieso Ratsuchende Widerstand entgegensetzen, ist meines Erachtens grundsätzliche Voraussetzung für eine professionelle Beratung.

Zu dieser Thematik haben mich meine Arbeiten und Erfahrungen in den Praktika motiviert. Mein Ziel ist es, dass vor allem Sozialarbeiter, aber auch Pädagogen und weitere Angehörige helfender Berufe nach dem Lesen dieser Diplomarbeit einen anderen Bezug zu „Beratung“ und „Widerstand“ erhalten. Das Ziel ist es zu erklären, wieso sich der Klient den vom Berater oft gut gemeinten Ratschlägen widersetzt, die Beratungsgespräche abbricht oder zum nächsten Termin nicht erscheint. Das Verständnis dessen soll dem Berater helfen, eine andere Haltung einzunehmen und ihn ermuntern, andere Möglichkeiten zu finden oder weiterbildende Angebote der Gesprächsführung wahrzunehmen, um professionell beraten zu können.

Die Diplomarbeit basiert darauf, zunächst den Widerstand des Ratsuchenden zu erkennen und zu verstehen, um dann daraus handlungsleitende Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Für die Behandlung des Themas bediene ich mich zweier Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit, indem ich ihre Inhalte und Methoden auf die Soziale Arbeit beziehe.

Ich stütze mich auf Konzepte der Psychologie, insbesondere der Tiefenpsychologie und der Systemischen Therapie, sowie der Soziologie.

Aufgefallen bei der Literaturrecherche ist mir, dass bisher nur wenig Literatur existiert, die sich explizit mit Widerstand des Klienten, mit dem Verständnis der abwehrenden Reaktion beschäftigt. In der Psychoanalyse widmete sich Anna Freud den Abwehrmechanismen, den innerpsychischen Vorgängen im Menschen. Für einen umfassenden Überblick sind aber auch die äußeren Umstände, die Beziehungen zur Umwelt des Klienten zum einen, und zum anderen die Beziehung zum Berater zu berücksichtigen.

Mein wissenschaftlicher Beitrag der Diplomarbeit ist somit die Zusammentragung von Theorien aus psychologischen und soziologischen Bereichen, die Schlussfolgerungen zum Widerstand des Klienten liefern und die Einschätzung der Befunde.

Ein anderer wissenschaftlicher Beitrag liegt in der Beschäftigung mit den Gründen für Widerstand überhaupt.

In vielen Ratgebern und Büchern für die Gesprächsführung werden methodische Vorgehensweisen dargestellt, die oft sehr unterschiedlich sind. Der Widerstand des Klienten ist aber in der Literatur, die mir vorlag, nicht einmal analysiert worden.

Ich halte es aber gerade in der Sozialen Arbeit für wichtig, den Widerstand zu verstehen. Mit dem Wissen über den Widerstand des Klienten können Sozialarbeiter eine andere Haltung zum Klienten einnehmen, Handlungsstrategien ableiten und somit professionell handeln.

1. Das Problem des Widerstandes des Ratsuchenden in der Beratung

1.1 Sozialarbeiter und Klient als Berater und Ratsuchender

Es gibt viele Berufe, deren Inhalt soziales Engagement und der Umgang mit Menschen ist. Seelsorger, Lehrer, Erzieher, aber auch Ärzte, Juristen, und Krankenpfleger kümmern sich um das Wohl der Menschen. Professionelle Beratung findet sogar in kaufmännischen Berufen statt. Diese sogenannten „helfenden Berufe“ basieren auf Gesprächen. Die Berater müssen sich immer wieder mit dem Widerstand der Hilfesuchenden auseinandersetzen.

Eine professionelle Beratung ist auch Grundlage der Tätigkeit von Sozialarbeitern.

Die Soziale Arbeit wird als eine Handlungswissenschaft bezeichnet. Der Begriff vereint die Berufsbereiche Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Die Rolle der Sozialen Arbeit lässt sich unter den sozialwissenschaftlichen Berufen als Bindeglied zwischen der Psychotherapie und der Soziologie einordnen. Soziale Arbeit berücksichtigt in ihrem Handeln auch politische und juristische Themen. Auf Grundlage der Theorien ihrer Bezugswissenschaften befasst sich Soziale Arbeit mit der Alltagsgestaltung und -Bewältigung der Menschen.

„Berufliche Soziale Arbeit umfaßt alle erziehenden, beratenden, bildenden, ressourcenerschließenden, partizipationsfördernden, sozial vernetzenden, ermächtigenden, alltagsbegleitenden, pflegenden, betreuenden, verwaltenden, organisierenden, auswertenden usw. Tätigkeiten, die Menschen in gewöhnlichen wie außergewöhnlichen Lebenslagen in Richtung ihrer selbstbestimmten Lebensplanung und Lebensführung unterstützen“ (Lob-Hüdepohl, 2003, S.2)

Mit dem Ziel der Selbstbefähigung unterstützt der Sozialarbeiter den Menschen, sich ein sozial angepasstes, strukturiertes, befriedigendes alltägliches Leben aufzubauen, wenn dieser dazu Hilfe benötigt. Somit ist die Handlungsfähigkeit des Menschen, die beschränkt oder noch nicht entwickelt ist, der Gegenstand sozialer Arbeit. Diese Einschränkungen können sozialisationsbedingt, bildungsbedingt, materiell, physisch, psychisch oder sozialstrukturell bedingt sein und stehen der Bewältigung des Alltags im Wege (vgl. Ritscher, 2002, S.160).

Die Aufgabe der Sozialarbeit ist es, die aus den Einschränkungen resultierenden Probleme des Menschen zu erfassen und ihn zu unterstützen, um diese mit den verfügbaren Ressourcen zu lösen. Lüssi bezeichnet als Aufgabe der Sozialarbeit das Lösen sozialer Probleme.

Es ist dies die umfassende Generalfunktion der Sozialarbeit, der Inbegriff aller einzelnen Aufgaben, die sich der Sozialarbeit stellen. Sozialarbeit kann demgemäß definiert werden als professionelles Lösen sozialer Probleme. (Lüssi, 1998, S.79)

Er zählt 6 zentrale Handlungsarten sozialer Arbeit zur Lösung von sozialen Problemen auf: die Verhandlung, die Intervention, die Vertretung, die Beschaffung, die Betreuung und die Beratung.

Die Wortbedeutung von „Beratung“ stammt von „Rat“ und kommt aus dem Mittelhochdeutschen: rät, zu raten und stand für die Besorgung der Mittel, die zum Lebensunterhalt notwendig sind. Von seinem Bedeutungsursprung ausgehend meint "Beraten" damit,

"Vorgänge des Sammelns und für- sorgende Aktivitäten, sowohl materiell als immateriel sind Aspekte der Informationssuche, des Planens, Nachdenkens und des Unterweisens durch Weitergabe von Wissen und Erfahrung." (Schmitz, 2007, S.137)

Im heutigen Gebrauch wird der "Rat" als eine Empfehlung an jemanden definiert. Dem Duden zufolge ist die „Beratung“ zum einen die Erteilung eines Rates, zum anderen wird es unter einer Besprechung oder Unterredung verstanden. Sie wird von einem Berater durchgeführt, der berufsmäßig auf seinem Fachgebiet Rat erteilt. „Rat suchen“ wird als: „Sich an jemanden wenden, um sich von ihm beraten zu lassen“ angegeben. „Ratschlagen“ meint im eigentlichen Sinne: “Den Kreis für die Beratung abgrenzen“ (vgl. Duden, 2003, S.262, S.1275). Beratung bedeutet somit Wissen zur Verfügung stellen und eine Erarbeitung und Auflistung von Lösungsvorschlägen für das Problem des Ratsuchenden.

Beratung umfasst ein breites Einsatz- und Bedeutungsfeld. Es erstreckt sich über die alltägliche Ratsuche bei Familienmitgliedern, Freunden, Auskünfte an Telefon und Schalter, Tätigkeiten von Ehrenamtlichen, Laien oder Selbsthilfegruppen, bis zur professionellen Beratung der pflegenden, pädagogischen, soziologischen und psychologischen Arbeitsfelder (vgl. Schmitz, 2007, S.137f).

Professionelle Beratung wird definiert als:

- „Angebot von Hilfe und Unterstützung
- bei der Orientierung an Anforderungssituationen und Problemlagen,
- bei der Entscheidung über anzustrebende Ziele und Wege,
- bei der Planung von Handlungsschritten zur Erreichung der Ziele,
- bei der Umsetzung und Realisierung der Planung
- und bei der Reflexion ausgeführter Handlungsschritte und Vorgehensweisen. (Nestmann, 2001, S.140f.)

Beratung in der Sozialen Arbeit findet in Beratungsstellen und Sprechstunden oder in aufsuchenden Angebotsformen statt.

Beratung ist auch Bestandteil anderer Hilfeformen Sozialer Arbeit, wie zum Beispiel Einzelfallhilfe, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit oder sozialpädagogische Bildungsmaßnahmen. In anderen sozialpädagogischen Angeboten fließt Beratung mit den anderen Handlungsarten ineinander über. Sie steht neben Intervention, Verhandlung, Vertretung, Beschaffung und Betreuung.

Die Abgrenzung der Beratung von den anderen Handlungsarten ist hier jedoch Voraussetzung für die Untersuchung des Widerstandes des Klienten. Deswegen bezieht sich die Diplomarbeit auf die Angebote der Sozialen Arbeit, in denen direkte Beratung stattfindet. Wobei jedoch durchaus Inhalte der Diplomarbeit auf Angebote mit nicht- direkter Beratung, Zwangsberatung oder Beratung in anderen helfenden Berufen übertragen werden können.

Das Sprichwort "Den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen" charakterisiert häufig die Situation des Menschen, der professionelle Beratung sucht. Er fühlt sich mit Problemen und Anforderungen so weit überfordert oder allein gelassen, dass er nicht mehr ohne Hilfe eine für ihn adäquate Lösung finden kann.

Er möchte in der Beratung neue Wege erarbeiten. Die Problemlagen, mit denen sich Beratung in der Sozialarbeit beschäftigt, betreffen folgende acht Objekte:

Unterkunft, Nahrung, Gebrauchsdinge, Geld, Erwerbsarbeit, Erziehung, Betreuung und das funktionelles Verhältnis zu notwendigen Bezugspersonen (vgl Lüssi, 1998, S.81). Ratsuchende suchen Hilfe in Krisensituationen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Familienauflösung oder Trauerfälle, sie suchen Beratung im Umgang mit der eigenen oder familiären psychischen Krankheit oder körperlichen Behinderung.

In der sozialarbeiterischen Praxis wird oft der Begriff "Klient" verwendet. "Klient " stammt von dem lateinischen Wort "cliens" ab, welches "der Hörige" bedeutet.

Ein Klient ist jemand, der Anlehnung gefunden hat, jemand, der gegen Bezahlung Rat und Hilfe bei jemanden sucht, der jemanden beauftragt, seine Interessen wahrzunehmen (vgl. Duden, 2003, S.922). Die Bezeichnung wird auch im juristischen Bereich verwendet, der Rechtsanwalt nennt seine zu verteidigenden Personen "Klienten". Mit Klient assoziiert man auch einen Schutzbefohlenen. In einigen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit werden Verantwortlichkeiten für die zu betreuenden Menschen übernommen. Ein Ratsuchender zeigt jedoch Eigeninitiative. Indem er die Beratung aufsucht, übernimmt er dementsprechend die Verantwortung für sich selbst und ist in diesem Sinne kein Schutzbefohlener.

Neuerdings wird auch von „Kunde“ gesprochen, um das Gleichwertigkeitsverhältnis zum Sozialarbeiter zu betonen. „Kunde“ gilt auch als Dienstleistungsbegriff und betont damit, dass in der Sozialen Arbeit finanzieller Profit aus der Notsituation des Menschen gemacht wird. In der Diplomarbeit verwende ich den Begriff nicht, da er meiner Meinung nach dem Selbstbild der Sozialarbeiter als Helfer, der zum Wohle der Menschen handelt, widerspricht.

Dementsprechend hat sich in der Sozialen Arbeit noch kein passenderer Begriff als „Klient“ für den Menschen, der Hilfe erhält, etablieren können.

„Klient“ wird in der Diplomarbeit nicht im Sinne von dem Schutzbefohlenen verwendet, sondern bezeichnet die Person, die beim Sozialarbeiter als Berater für seine Probleme Rat sucht.

1.2 Was ist mit „Widerstand des Ratsuchenden“ in der Beratung gemeint?

"Widerstand" stammt vom Spätmittelhochdeutschen "widerstant" und bedeutet sich widersetzen, sich entgegenstellen. "Widerstand“ bedeutet "Entgegenstehendes" oder "Hemmendes". Der Duden unterscheidet in aktiven Widerstand mit Anwendung von Gewalt und in passiven Widerstand durch die Verweigerung von Befehlen ohne Anwendung von Gewalt. Widerstand wird beschrieben als etwas, was jemanden oder einer Sache entgegenwirkt oder sich als hinderlich erweist.

Im politischen Sinne verwendet wird der Begriff als Widerstand gegen das Regime, Widerstandbewegung, Widerstand gegen Staatsgewalt.

In der Physik bezeichnet Widerstand in der Mechanik die Druckkraft, die der Bewegung eines Körpers entgegenwirkt. In der Elektronik ist Widerstand eine Eigenschaft von bestimmten Stoffen, das Fließen von elektrischen Strom zu hemmen oder ein elektrisches Schaltungselement (vgl. Duden, 2003, S.1810).

Im medizinischen Bereich wird der Begriff „Compliance“ verwendet für die Bereitschaft des Patienten, die Aufforderungen des Arztes für den Gesundungsprozess zu befolgen. Widerstand ist hier als: „Wenig Compliance“ definiert.

Die Diplomarbeit geht nicht auf die politische Widerstandsbewegung, nicht auf den physikalischen Widerstand oder auf die medizinische Compliance ein, sondern auf den "Widerstand" in seiner Bedeutung für die Gesprächsführung. Widerstandsverhalten zeigt der Klient auch in den anderen Handlungsarten der Sozialen Arbeit, in der Diplomarbeit beziehe ich mich jedoch auf den Widerstand in der Beratung.

Für die Psychotherapie allgemein wird „Widerstand“ als die

„Verweigerung gegenüber dem Arbeitssetting des Klienten und Deutung durch den Therapeuten“ ( Blankertz/ Doubrawa, 2005,)

bezeichnet.

Diese Verweigerung ist gekennzeichnet durch Verhaltensweisen, die den Beratungsprozess behindern. Solche Verhaltensweisen sind im Anhang 1 tabellarisch aufgelistet.

Desweiteren kann auch ein Wegbleiben des Klienten von der Beratung, wenn ein Termin verhandelt wurde, als ein Widerstandsverhalten bezeichnet werden.

In der Psychoanalyse nennt man all das "Widerstand",

„was in seinen Handlungen und Worten des Analysanden sich dem Zugang zu seinem Unbewußten entgegenstellt." (Simon/ Clement/ Stierlin, 2004, S.350)

Für Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, ist der Widerstand zum einen ein Hindernis für die Erhellung der Symptome und das Fortschreiten der Behandlung, zum anderen aber auch ein Mittel, um den Zugang zu Verdrängten und zum Geheimnis der Neurose zu erlangen.

In der Familientherapie wird der Widerstand als das Verhalten einzelner oder aller Familienmitglieder bezeichnet,

“das einer fälligen Entwicklung in Richtung eines höheren Niveaus der bezogenen Individuation entgegenwirkt." (Simon/ Clement/ Stierlin, 2004, S.356)

Widerstand wird im familientherapeutischen Sinn bezeichnet als mangelnde Bereitschaft zur Teilnahme an gemeinsamen Sitzungen oder als mangelnde emotionale Investierung in diese (vgl. Simon/ Clement/ Stierlin, 2004, S.351).

Widerstand in seiner Bedeutung von „sich entgegenstellen“, „stehen bleiben“, verhindert, dass der Mensch etwas oder seine eigenen Verhaltensweisen ändert. Er widersetzt sich einer Veränderung. Dies scheint im Widerspruch dazu zu stehen, dass der Ratsuchende eigeninitiativ die Beratung sucht.

Widerstand verhindert auch, dass über zentrale Probleme in der Beratung gesprochen werden kann, was sich genauso mit der Freiwilligkeit des Ratsuchenden zu widersprechen scheint. Für die Untersuchung des Widerstandes resultieren daraus folgende Fragen:

Wieso widersetzt sich der Klient gegen eine Veränderung oder gegen ein Gespräch über das Problem, obwohl er Hilfe für seine Probleme sucht?

Wieso widerspricht er sich?

Widersetzt sich der Ratsuchende, ohne es eigentlich zu beabsichtigen? Mit welchem Hintergrund?

Widersetzt sich der Ratsuchende dem Berater absichtlich, vielleicht sogar, um ihn zu frustrieren?

Beeinflusst die Haltung des Beraters gegenüber dem Klient dessen Widerstandsverhalten?

Können Ratschläge Widerstand provozieren, obwohl der Klient in die Beratung kommt, um genau diese für seine Situation zu erhalten?

Kann und muss der Widerstand gebrochen werden, damit die Beratung erfolgreich ist?

1.3 Widerstand in einem Beispielgespräch zwischen Katharina und Fr. Meier

In der Einleitung wurde über die Äußerungen von Katharina und Fr. Meier über ein Beratungsgespräch berichtet. Um herauszufinden, wie es zu dieser Unzufriedenheit beider gekommen ist, ist dieses fiktive Gespräch im Folgenden aufgezeichnet:

Katharina ist 16 Jahre alt und hatte in einer Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen für Essstörungen angerufen und um einen Vorstellungstermin gebeten. Sie möchte sich informieren, ob dies das Richtige für sie sei und wann und wie oft sie dort hingehen kann. Die Sozialarbeiterin Fr. Meier empfängt sie freundlich und bittet sie in den Gesprächsraum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Katharina ist die Ratsuchende dieser Beratung, die die Absicht hat, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen und herausfinden will, ob diese ihren Erwartungen entspricht. Fr. Meier als Sozialarbeiterin ist die Beraterin in diesem Gespräch, die Katharina unterstützen will, an ihren Problemen zu arbeiten. Sie möchte Katharina kennenlernen, um einschätzen und entscheiden zu können, ob eine Gruppe passend für Katharinas Problem ist. Katharina berichtet von ihren Problemen mit ihrer Familie, sie sieht das Verhalten ihrer Mutter als Problemursache für ihre psychische Erkrankung, eine Magersucht.

Für Magersucht oder auch Anorexie, Anorexia nervosa genannt werden folgende diagnostische Hinweise gegeben:

- „Gewichtsverlust 20% innerhalb kurzer Zeit (ca. 3-4 Monate) z.B. 12 kg bei ursprünglichen Größe von 1,70m.
- Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch streng kontrollierte und eingeschränkte Nahrungsaufnahme, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbst induziertes Erbrechen oder Abführen (anfallartig).
- Ständiges, übertriebenes gedankliches Kreisen um Nahrung und Körperschema.
- Extreme Angst vor Gewichtszunahme.
- Körperschemastörung (der eigenen Körper wird als fett wahrgenommen, auch wenn schon deutliches Untergewicht besteht).
- Perfektionismus.
- Hyperaktivität.
- Fehlende Krankheitseinsicht.
- Ausbleiben der Monatsblutung“ (Baeck/ Sidi-Jacoub, 2004, S.15)

Der Umgang mit Nahrung hat einen unangemessenen Stellenwert im Leben von Katharina eingenommen. Essstörungen können Lösungsversuche für tiefer liegende seelische Probleme, Ausweg, Flucht oder Ersatz für verdrängte Gefühle und Bedürfnisse sein, ebenso stummer Protest oder Ablehnung. Die Betroffenen signalisieren Verweigerung und stehen zugleich auch für Resignation oder Anpassung (vgl. Baeck/ Sidi-Jacoub, 2004, S.6). Katharina hat nach ihren Angaben bereits eine ambulante Psychotherapie gemacht. Innerhalb dieser wurden die Ursachen herausarbeitet. Katharina wünscht sich nun von der Gruppe Unterstützung in der Alltagsbewältigung und im Umgang mit ihrer Krankheit.

Katharina setzt der Beraterin Widerstände entgegen. Sie klagt an, lenkt ab, ist feindselig, widerspricht, bagatellisiert, lehnt ab und spielt herunter. Katharina benutzt vor allem dann Widerstandsverhalten, als die Beraterin versucht, auf die Magersucht zu sprechen zu kommen, und als sie Katharina den Vorschlag macht, eine Ernährungsberatung durchzuführen.

Auf dieses Gespräch wird am Ende der nachfolgenden Kapitel eingehen und unter der jeweiligen Thematik diskutiert. Ziel ist es herauszufinden, wieso Katharina Widerstand entgegensetzt, und wie die Beraterin mit dem Widerstand umgehen könnte.

2. Die Analyse innerpsychischer Prozesse

2.1 Widerstand setzt ein Ratsuchender unbewusst entgegen

Ratsuchende erhoffen sich im Gespräch eine Hilfe, um mit ihren Problemen besser zurecht kommen zu können. Doch sobald ein bestimmtes Thema angesprochen wird, unterbrechen sie zum Beispiel das Gespräch, lenken vom Thema ab oder bagatellisieren es, ohne es zu realisieren, dass sie dies tun. Es scheint, als ob in ihnen ein Vorgang unbewusst abläuft, damit dieses Thema nicht besprochen wird, weil es unangenehme Gefühle weckt.

Mit diesen Vorgängen beschäftigt sich die Psychoanalyse.

Sie wird als Wissenschaft von unbewussten Vorgängen im Seelenleben bezeichnet, ist eine psychotherapeutische Methode und eine klinisch-psychologische Theorie (vgl. Psychoanalyse Duesseldorf, 16.04.07).

Eine kurze Biografie von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, ist im Anhang 2 aufgeführt.

Freuds Erkenntnisse sind heute wichtige Grundlagen der Psychologie, insbesondere für die Behandlung von Neurosen und psychosomatischen Leiden. Sie liefert Informationen über unbewusste Prozesse, die auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf das Erleben und Verhalten der Menschen Einfluss haben.

Um Schlussfolgerungen daraus auf den Widerstand in der Beratung ziehen zu können müssen wir uns mit den Grundlagen der Psychoanalyse beschäftigen.

2.2 Das erste topische Modell nach Sigmund Freud

Das erste topische Modell oder auch Schichtenmodell genannt besteht aus den Systemen: Bewusst, Vorbewusst und Unbewusst. Im Folgenden werden die Systeme erklärt:

Das System Unbewusst

Unbewusst sind all die Gedanken und Vorgänge, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, nicht bewusst wahrgenommen werden. Es stellt eine Art Reservoir aller Erlebnisse innerer und äußerer Reize dar, die in der Lebensgeschichte eines Menschen dem Bewusstsein vorenthalten wurden (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.28f.).

Freud ordnet dem Unterbewusstsein die Triebe zu, die Wunschregungen, die erfüllt und befriedigt werden wollen (vgl. Freud, 1915, S.145).

Das System Vorbewusst

Dem Unbewusstsein wird das Vorbewusstsein gegenübergestellt. Es bezeichnet die Vorgänge, die auch unbewusst sind, aber leicht ins Bewusstsein dringen können. Es sind Gedanken, die latent vorhanden sind.

Freud definiert das System Vorbewusst:

Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig(..), d.h., er kann nun ohne besonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedingungen Objekt des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseinsfähigkeit heißen wir das System bw auch das 'Vorbewußte'“(Freud, 1915, S.132)

Das System Bewusst

Im Bewusstsein sind Wahrnehmungen von der Außenwelt und von inneren psychischen Vorgängen. Der Mensch benötigt das Bewusstsein zur Erfüllung von Trieben und Wünschen aus dem Unterbewusstsein. In Freuds Verständnis dient das Bewusstsein im Grunde genommen nur zur größeren Effizienz unterbewusster Vorgänge (vgl. Köhler, 1995, S.40).

2.3 Das zweite topische Modell nach Sigmund Freud

Das zweite topische Modell, Instanzenmodell oder Strukturmodell genannt, erstellte Freud 1923 in seiner Schrift: „Das Ich und das ES“. Dieses Modell wurde danach von Freud ausschließlich benutzt, um die interpsychischen Prozesse zu explizieren.

Freud hielt das Strukturmodell besser für die Erläuterung der psychischen Dynamik und der Verdrängungsvorgänge, da der zentrale, für die Traum-und Neurosendeutung grundlegende Veränderungsprozess mit dem Schichtenmodell nur schlecht beschrieben werden konnte. Es enthält die psychischen Instanzen: ICH, ÜBER-ICH und ES (vgl. Köhler, 1995, S.50).

ES

Das ES erhielt die Inhalte des System „Unbewusst“ zugeschrieben, vor allem die Triebregungen, das Leidenschaftliche, durch das Lustprinzip bestimmte und Zeitlose der in ihm ablaufenden Vorgänge. (vgl. Köhler, 1995, S.52). Das ES setzt sich aber auch im Vorbewussten und Bewussten fort. Regungen aus dem ES, wie triebhafte Bedürfnisse oder körperliche und emotionale Spannungszustände, streben nach Befriedigung im Bewusstsein. Sie sind gerichtet auf eine unmittelbare Erfüllung ihrer Wünsche. Man geht davon aus, dass Säuglinge zunächst ausschließlich durch die Instanzen des ES gesteuert werden. Es ist quasi das Triebreservoir der Persönlichkeit (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.29).

ÜBER-ICH

Das ÜBER-ICH entspricht keinem System des ersten topischen Modells. Es ist der Gegenspieler zum ES, entspricht dem Prinzip der Moral, des inneren Gewissens. Im Laufe der Entwicklung verinnerlicht das Kind auf komplizierten Wegen die Werte, Normen, Gebote und Verbote der Eltern, welche dann das ÜBER-ICH bilden (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.29).

ICH

Das ICH steht für das System Bewusst, beinhaltet jetzt aber auch vorbewusste und unbewusste Anteile. Freud definiert die Instanz ICH:

„Wir haben uns die Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußtsein, es beherrscht die Zugänge zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz, welche ein Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traumzensur handhabt.“ (Freud, 1923, S.304f.)

Das ICH ist also die Vermittlungsinstanz zwischen dem ES, dem ÜBER-ICH und der Außenwelt. Das ES und das ÜBER-ICH haben gemeinsam, dass beide bei ihren Forderungen die Realität nicht berücksichtigen. Das ICH arbeitet nach dem Realitätsprinzip, es versucht die Bedürfnisse des ES und des ÜBER-ICHs zu erfüllen, indem es sie mit den Möglichkeiten der Realität vereinbart (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.29). In nach folgender Grafik ist das Instanzenmodell dargestellt:

Grafik 1: Das Instanzenmodell

(vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.29)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Die Abwehrmechanismen

Abwehrmechanismen sind Verhaltensweisen, mit denen sich Menschen vor seelischen Konflikten schützen. Triebregungen und Wünsche aus dem ES, Affekte wie Schuld, Ekel oder Scham und unerträgliche Vorstellungen werden mit den unterschiedlichen Abwehrmechanismen unterdrückt und aus dem Bewusstsein ferngehalten (vgl. Abwehrmechanismen, 16.04.07). Die Abwehr verläuft unbewusst, es sind unbewusste ICH-Funktionen. Massiv ängstigende Vorstellungen und Gefühle werden mit Hilfe der Abwehrmechanismen erträglich gemacht und dienen somit dazu, den Menschen handlungsfähig bleiben zu lassen (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.30; 35). Das ICH versucht mit Hilfe der Abwehrmechanismen Kompromisse zwischen dem ES, dem ÜBER-ICH und der Realität zu bilden. Das ES und das ÜBER-ICH befinden sich oft im Konflikt. Auf Triebansprüche, die gegen die verinnerlichten Normen des Über-ICHs verstoßen, reagiert das ICH mit Angst. Um nun diesem Konflikt und der mit dem Konflikt verbundenen Angst zu entgegen, benutzt das ICH die Abwehrmechanismen. Die Abwehrmechanismen können die Ansprüche des ES unschädlich machen, die Angst wird vermieden (vgl. Freud, Anna, 1971, S.15f.).

Abwehrmechanismen treten in unterschiedlichen Formen auf. In Anhang 3 sind die Abwehrmechanismen zusammengestellt.

Manche Abwehrmechanismen haben in Bezug auf die Triebbewältigung eine hohe, andere eine weniger hohe Wirksamkeit.

Jeder Mensch eignet sich in seiner Entwicklung eine spezifische Abwehrhaltung an, er bevorzugt bestimmte Abwehrmechanismen und benutzt bestimmte Techniken in den unterschiedlichen Lebensphasen (vgl. Freud, Anna, 1971, S.27). Ab dem 3./4. Lebensjahr sind die Abwehrvorgänge ausgebildet. Je stärker die Strenge des ÜBER-ICH beschaffen ist, desto stärker muss das ICH die Triebregungen abwehren und umso größer ist die Qualität und Kraft der unbewussten, abgewehrten Triebimpulse.

Gleichzeitig wiederum sind sie im Prozess der Entstehung von neurotischen Krankheiten beteiligt, wenn sie im Übermaß eingesetzt werden (vgl. Thiel/ Büttner/ Quindel, 2005, S.30f.). Die unterdrückten Triebregungen sind mit der Abwehr nicht unwirksam geworden, sie beeinflussen mit ihrer eigenen Dynamik das Verhalten des Menschen. Vielmehr werden die Triebregungen von den Abwehrmechanismen modifiziert und zwar so, dass das ICH die Impulse nicht mehr als ICH-fremd auffasst. Diese veränderten ES-Regungen gelangen ins Bewusstsein und treten als neurotische Fehlhandlungen oder in Träumen und Symbolen auf. Sie haben meist mit den ursprünglichen Trieben wenig Ähnlichkeit. Als Gründe für den übermäßigen Einsatz von Abwehrmechanismen gibt Anna Freud an: die Angst des ICHS vor dem ÜBER-ICH, vor der Realität und vor der Triebstärke.

Bei ersterem möchte das ICH einen Triebwunsch aus dem ES erfüllen, aber das ÜBER-ICH lässt dies nicht zu. Das ICH empfindet den Trieb als ungefährlich, muss es aber abwehren, weil das ÜBER-ICH es nicht erlaubt. Das ICH fürchtet einen Konflikt mit dem ÜBER-ICH. Es ist durch diese ÜBER-ICH Angst unter Druck gesetzt, den Trieb abzuwehren. In diesem Fall ist das ÜBER-ICH die Ursache für die Bildung von Neurosen, da es dem ICH die Selbstständigkeit nimmt.

Bei der Angst vor der Realität wird ein Trieb dadurch gefährlich, indem seine Befriedigung von der Außenwelt, von Eltern, Erziehern, Gesetzen und Vorschriften verboten wird. Hier erfolgt die Triebabwehr unter dem Druck der Angst vor den Strafen und Konsequenzen (vgl. Freud, Anna, 1971, S.44ff).

Das ICH selbst ist von der Realität geleitet. Es ist eigentlich skeptisch gegenüber dem Trieb. Diese Feindseligkeit wird vom ÜBER-ICH und der Außenwelt verdeckt. Jedoch wenn beide nicht wirken, entwickelt das ICH Angst vor der Intensität des Triebes.

Weitere Motive für Triebabwehr sind zum Beispiel die Unvereinbarkeit zweier Triebe, wenn zwei Strebungen gegensätzlich sind und nicht erfüllt werden können oder unangenehme Affekte, die abgewehrt werden müssen (vgl. Freud, Anna, 1971, S.46ff.). Das ICH versucht Angst und Gefahr für das innerseelische Erleben zu vermeiden, indem es die Abwehrmechanismen einsetzt.

Abwehrmechanismen aber können auch versagen, das ICH gelangt in eine Krise, da es die ES-und ÜBER-ICH- Ansprüche nicht auszugleichen versteht (vgl. Abwehrmechanismen, 16.04.07) Die verdrängten Impulse, die ins ICH durchbrechen, aber auch die Regulierungsunfähigkeit des ICH verursachen neurotischen Störungen.

Die Verdrängung zum Beispiel ist der wirksamste aber auch gefährlichste Abwehrmechanismus. Die Abspaltung von Affekten und der Bewusstseinsentzug dieser vom ICH kann die Intaktheit der Persönlichkeit zerstören.

Der Verdrängung wird die Entstehung der Hysterie zugeordnet. Anna Freud gibt der Verdrängung eine zentrale Position:

„Die Verdrängung mag in der theoretischen Unterordnung unter den allgemeinen Begriff der Abwehr den übrigen Spezialfällen der Abwehr nebengeordnet sein. Soweit es ich um ihre Wirksamkeit handelt, behält sie trotzdem den übrigen Methoden gegenüber eine Sonderstellung. Sie leistet in der Quantität noch mehr als die anderen Techniken, das heißt sie kann starke Triebregungen noch bewältigen, gegen die andere Abwehrversuche machtlos bleiben.“(Freud, Anna, 1971, S.40)

Auch die anderen Abwehrtechniken sind letztlich gefährlich, sie können sich in Verwandlungen, Verzerrungen und Deformierungen des ICH äußern, welche Neurosen begleiten können. Die Zwangsneurose wird zum Beispiel durch Regression, Reaktionsbildung, Isolierung und Ungeschehenmachen verursacht. Eifersucht und Paranoia entstehen durch Introjektion, Identifizierung und Projektion. Sie bewirken aber nicht so ernsthafte Resultate auf die Persönlichkeit des Menschen wie die Verdrängung (vgl. Freud, Anna, 1971, S.41ff.).

2.5 Der unbewusste Widerstand,

- Katharinas Abwehr in der Beratung

Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit unbewussten Prozessen, mit Konflikten zwischen Wünschen, Impulsen und Triebbedürfnissen im Seelenleben des Menschen.

Dieses Konfliktgeschehen kann pathogene Wirksamkeit entfalten. Unbewusste Regelungsversuche der Abwehrmechanismen führen zu unbefriedigenden Beziehungskonstellationen, bewirken belastendes Symptomerleben, provozieren Symptomhandlungen oder rufen psychosomatische Krankheitsphänomene hervor (vgl. Psychoanalyse Leipzig, 16.04.07). Der Widerstand des Klienten bewirkt, dass solches symptomatisches Verhalten aufrechterhalten wird. Dieses Regulierungssystem wird nicht verändert und die Konflikte und Verstrickungen können nicht aufgelöst oder kompensiert werden. Der Widerstand an sich hat somit selbst eine pathologische Wirkung.

Ein unbewusster Widerstand könnte demzufolge parallel zu den Abwehrmechanismen betrachtet werden.

Folglich wäre ein nicht absichtlich entgegengesetzter Widerstand in erster Linie ein unabdingbarer Schutzmechanismus, der verhindert, dass der Ratsuchende von aus seinem Inneren aufkommenden Ängsten und Emotionen überschwemmt wird. Er schützt somit vor Handlungsunfähigkeit. Der Widerstand hilft dem Ratsuchenden, in der Beratung denkfähig zu bleiben.

In zweiter Linie haben sie aber auch eine negative Seite, indem sie verhindern, dass über das eigentliche Problem gesprochen werden und keine adäquate Lösung gefunden werden kann. Wie bei den Abwehrmechanismen müssten die Gründe für den übermäßigen Einsatz von Widerstand sein: Die Angst des ICHs vor dem ÜBER-ICH, vor der Realität und vor der Triebstärke.

Wenn man Widerstandsverhalten parallel mit den Abwehrmechanismen sieht, müsste das Widerstandsverhalten genauso vom Ratsuchenden individuell eingesetzt werden, abhängig von Alter und Persönlichkeit. Die Verhaltensweisen hätten unterschiedliche hohe

Wirksamkeit als Schutzmechanismus[2]

Unter dieser Betrachtungsweise unterscheiden sich das Widerstandsverhalten und die Abwehrmechanismen als unbewusst eingesetzte Schutzmechanismen dadurch, dass das ICH die Abwehrmechanismen innerhalb der Psyche verwendet, während der Widerstand außerhalb, in der menschlichen Kommunikation, benutzt wird. Er schützt unter dieser Betrachtungsweise das ICH von „außen“ vor den unbewussten Affekten des ES.

Übertragen auf das Beispielgespräch mit Katharina bedeutet es, dass das Mädchen unbewusst Widerstand entgegensetzt, um sich zu schützen, aber dies wiederum eine Veränderung in ihrem Essverhalten verhindert. Katharinas ICH schützt sich davor, unbewusste Triebregungen und Affekte bewusst werden zu lassen. Katharina hat ein krankhaftes Essverhalten. Unbewusste Wünsche oder Triebregungen wurden vom ICH mit den Abwehrmechanismen unterdrückt. Das ICH will sich vor dem Affekt der Angst schützen, Angst vor dem ÜBER-ICH, Angst vor der Realität und Angst vor der Triebstärke. Katharina hat zum Beispiel Angst vor Bestrafung, wenn sie nicht den Wünschen ihrer Eltern nachkommt, indem sie ihre Wut über deren Bevormundung äußert. Die Angst vor Bestrafung ist zu groß, als dass Katharina den Mut aufbringt, es an der Realität zu revidieren. Aus Angst davor, ihre Wut zu äußern, wehrt sie diese ab. Diese unterdrückte Wut drängt nun in veränderter, abgewandelter Form ins Bewusstsein, die nicht mehr ICH-fremd ist. Katharina hungert. Sie zeigt nun auf indirekter Weise ihre Wut, sie widersetzt sich der Bevormundung ihrer Eltern, indem sie hungert. Sie benötigt die Magersucht als Abwehrmethode gegenüber ihren Eltern und kann folgerichtig für diese Äußerung von Wut nicht bestraft werden. Jedoch bestraft Katharina sich selbst, indem sie damit ihren Körper und letztendlich ihr Leben gefährdet. Ihre Essstörung ist symptomatisch, und um wieder normal zu reagieren, müsste Katharina lernen, konstruktiv mit ihrer Wut umzugehen.

Das Widerstandsverhalten in der Beratung benutzt Katharina wie ihre Abwehrmechanismen, um sich vor der Wut zu schützen. Dieses wirkt insofern pathologisch, dass mit dem Schutz vor den unbewussten Affekten das pathologische Regulierungssystem der Essstörung aufrechterhalten wird. In folgender Abbildung ist die Funktion von Katharinas unbewusstem Widerstand grafisch dargestellt:

Grafik 2: Das Symptom „Hungern“ bleibt durch den Widerstand erhalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Verstehen interpersonaler Prozesse,

- Determinanten der Gesellschaft

3.1 Das sozioökonomische Modell nach Urie Bronfenbrenner

Ökologisch betrachtet existiert ein Mensch nur mit Hilfe seiner Umwelt, beide stehen in wechselseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten zueinander. Mensch und Umwelt bedingen sich gegenseitig und entwickeln sich zusammen weiter, sie versuchen einen Zustand von Balance zu bilden. Das setzt einen gegenseitigen Respekt voraus, um Interessen auszugleichen und Überleben und Entwicklung sichern zu können (vgl. Ritscher 2002, S.24f.). Der Mensch muss Kompromisse zwischen seinen Interessen und Bedürfnissen und den Interessen, Regeln und Wertestandarts der Gesellschaft schließen, um selbst überleben zu können. Das Individuum ist somit von seiner Umwelt abhängig. Sein Erleben und Verhalten, seine verinnerlichten Werte und Normen, nach denen er handelt, sind von der Umwelt, von der Gesellschaft, in der er lebt, determiniert.

Demzufolge setzt ein Ratsuchender nicht nur Widerstand entgegen, um Prozesse innerhalb seiner Psyche zu regulieren, sondern er und sein Widerstandsverhalten werden auch durch Prozesse im zwischenmenschlichen Kontext beeinflusst. Der Widerstand muss in Bezug auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen der Ratsuchende steht, untersucht werden.

Mit Prozessen, die in der Gesellschaft ablaufen beschäftigt sich die Soziologie. Sie untersucht die Art und Weise, wie das menschliche Leben sozial organisiert wird (vgl.

[...]


[1] Anmerkung des Verfassers: Mit der männlichen Form sind in der Diplomarbeit grundsätzlich beide Geschlechter gemeint

[2] Diese These bedarf weiterer Untersuchung, zum Beispiel müsste empirisch gezählt werden, wie oft welches Widerstandsverhalten gezeigt wird. Auf Grund des eingeschränkten Umfangs der Diplomarbeit war dieses hier nicht möglich.

Details

Seiten
100
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836627979
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226689
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin – Studiengang Soziale Arbeit
Note
1,8
Schlagworte
beratung ratschlag abwehr widerstandsverhalten sozialarbeiter

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ratsuchende und Berater - Widerstand verstehen und in der Sozialen Arbeit damit umgehen