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Die Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft auf das Migrationsverhalten

Eine Analyse polnischer Migrationsprozesse vor und nach 2004

Bachelorarbeit 2007 102 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlage: Theorien der Migration
2.1 Klassische migrationstheoretische Ansätze
2.2 Neuere migrationstheoretische Ansätze

3. Migration innerhalb der EU bis
3.1 Rahmenbedingungen der EU-Binnenmigration bis
3.2 Migration seit Entwicklung des Binnenmarktes innerhalb der EU-

4. Migrationsprozesse vor und nach 2004: Das Beispiel Polen
4.1 Rahmenbedingungen der EU-Binnenmigration seit
4.2 Emigration aus den neuen Mitgliedstaaten seit
4.3 Polnische Migration: ein historischer Überblick
4.4 Polnische Migration seit 2004: Kontinuität und Wechsel
4.4.1 Auswanderungszahlen und Zeitrahmen der Migration
4.4.2 Alters- und Geschlechtsstruktur
4.4.3 Ausbildungsniveau
4.4.4 Zielländer der Migration
4.4.5 Wanderungsgründe

5. EU-Binnenmigration im Spiegel migrationstheoretischer Ansätze
5.1 Migration innerhalb der EU vor 2004 – Einordnung in den theoretischen Kontext
5.2 Migration nach 2004 am Beispiel Polens – Einordnung in den theoretischen Kontext

6. Diskussion: Schafft die EU-Mitgliedschaft neue Formen der Migration?

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit der Erweiterung der Europäischen Union 2004 sticht Polen aus der Gruppe der zehn Beitrittsländer durch relativ hohe Auswanderungszahlen hervor. Während die Wanderungen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern insgesamt gering geblieben sind, steigt die Emigrationsrate aus Polen von Jahr zu Jahr. Als neue Zielländer gewinnen in diesem Prozess insbesondere das Vereinigte Königreich und Irland an Bedeutung, so dass Deutschland seine bisher vorherrschende Stellung als Zielland polnischer Migration inzwischen verloren hat.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft auf Emigrationsprozesse aus Polen, wobei Polen beispielhaft für eines der 2004 der EU beigetretenen mittel- und osteuropäischen Länder steht. Den Wanderungen nach Großbritannien und Irland wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Diese werden sowohl den polnischen Wanderungsprozessen vom Zweiten Weltkrieg bis 2004 als auch der EU-internen Migration bis 2004 gegenübergestellt. Polen bietet sich nicht nur wegen seiner hohen Auswanderungszahlen zur Analyse von Migrationsprozessen an, sondern auch, weil es auf eine lange Tradition der Auswanderung zurückblicken kann. Ziel der Arbeit ist es, zu untersuchen, inwiefern die EU-Mitgliedschaft Polens als Vertreter der mittel- und osteuropäischen Staaten neue Migrationsstrukturen etabliert hat. Des Weiteren soll die Frage beantwortet werden, ob die existierenden Migrationstheorien in der Lage sind, EU-interne Migrationsprozesse zu deuten, oder ob neue Anfragen an sie gestellt werden müssen.

Um polnische Migration zu analysieren, ist es zunächst notwendig zu klären, was unter dem Begriff der Migration zu verstehen ist. In der Literatur findet sich eine Reihe von Definitionen, deren grobe Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Elemente der Bewegung und des Wechsels enthalten. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihres vorrangigen Interesses: Während einige Definitionen den räumlichen Aspekt in den Vordergrund stellen (Binnenwanderung vs. internationale Wanderung), konzentrieren sich andere auf den zeitlichen Aspekt (temporäre vs. permanente Wanderung), die Wanderungsursache (freiwillige vs. erzwungene Wanderung) oder ihren Umfang, d.h. die Anzahl der beteiligten Personen.[1] Als Versuch der Vereinbarung all dieser unterschiedlicher Aspekte schlägt Annette Treibel folgende Definition vor: „Migration ist der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen.“[2] Wie sich im Laufe der Arbeit herausstellen wird, ist der zeitliche Aspekt für die Analyse polnischer Migrationsprozesse von zentraler Bedeutung. Der Einordnung von Migration als in der Regel dauerhaftem Prozess, wie Treibel sie vorgenommen hat, kann unter Berücksichtigung dieser Tatsache nur mit Vorbehalt zugestimmt werden. Ludger Pries weist darauf hin, dass das Verständnis von Migration als zeitlich begrenzter „Wechsel von einem nationalstaatlichen ‚Container’ in einen anderen“[3] modifiziert werden muss durch neuere Ansätze, die Migration in einen größeren Zusammenhang stellen. Generell gilt, dass die hohe Komplexität von Migration und die große Anzahl an wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit ihr beschäftigen, eine auf alle Fragestellungen zutreffende Definition unmöglich macht.[4] Um so viele Aspekte wie möglich zu erfassen, wird dieser Arbeit eine recht allgemeine Definition zugrunde gelegt und internationale Migration betrachtet als „ein durch vielfältige Motive ausgelöster, temporärer oder dauerhafter Prozess der räumlichen Bewegung von Personen oder Personengruppen über Nationalgrenzen hinweg, der sowohl einmalig als auch regelmäßig stattfinden kann.“[5] Da der Schwerpunkt der Arbeit auf Prozessen innerhalb der Europäischen Union liegt und die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Gemeinschaft als Grundlage jeglicher Migration gilt, muss hinzugefügt werden, dass sich die Betrachtungen hauptsächlich auf Arbeits migration beziehen. Die Begriffe ‚Migration’ und ‚Wanderung’ werden synonym verwendet. In den offiziellen Dokumenten der Europäischen Union wird durchgehend die Bezeichnung ‚Mobilität’ gebraucht. Laut Werner und Tassinopoulos kann Mobilität als Überbegriff von Migration und Pendeln bezeichnet werden. Während mit Migration die räumliche Bewegung von Arbeitskraft verbunden mit einem Wechsel des Wohnsitzes gemeint ist, gilt die räumliche Bewegung von Arbeitskraft ohne Wohnsitzverlagerung als Pendeln.[6] In dieser Arbeit wird der Terminus ‚Mobilität’ nur im Zusammenhang mit den Fördermaßnahmen der Europäischen Union verwendet.

Seit dem Inkrafttreten der Römischen Verträge, die als Gründungsdokumente der späteren Europäischen Union[7] gelten, ist es notwendig, zwischen Migration in Europa und Migration innerhalb der EU zu unterscheiden. Ihre Unterzeichnung 1957 schuf eine neue Form der Arbeitsmigration, indem die Freizügigkeit der Arbeitnehmer als eines der Ziele formuliert wurde, die zur Verwirklichung eines gemeinsamen Marktes beitragen sollten. Spätestens mit der Ernennung des Jahres 2006 zum „Europäischen Jahr der Mobilität der Arbeitnehmer“ ist deutlich geworden, dass die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Union Migration innerhalb der Mitgliedstaaten als erstrebenswertes und förderungswürdiges Ziel ansehen. Laut der Europäischen Kommission werden

„durch den Abbau der Hürden für die Mobilität der Arbeitnehmer und die Förderung ihrer Qualifikationen [...] die gesamteuropäischen Arbeitsmärkte allen geöffnet und eine bessere Übereinstimmung von Qualifikationsangebot und Qualifikationsnachfrage ermöglicht.”[8]

Der Austausch von Arbeitnehmern zwischen den EU-Staaten soll intensiviert werden, um so die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu fördern. Während nämlich Waren, Kapital und Dienstleistungen in der Gemeinschaft relativ ungehindert und in großem Maße ausgetauscht werden, ist die EU-interne Migration sehr gering geblieben. Bis 2004 lebten nur etwa 2% aller EU-Bürger in einem anderen Mitgliedstaat, obwohl in der gesamten Union Arbeitnehmerfreizügigkeit herrschte und die Barrieren, die der Arbeitsaufnahme und dem Leben in einem anderen Land bei abgeschotteten Märkten entgegenstehen, in großem Maße verringert wurden. Obwohl die EU-Länder sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker gegen Migration aus Ländern außerhalb ihrer Grenzen abschotteten, stammt die überwiegende Mehrzahl von Einwanderern innerhalb der EU aus Drittstaaten.[9]

Seit dem 01. Mai 2004 besteht die Europäische Union nun aus 25 Staaten. Den acht mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern wurden von Seiten der meisten alten EU-Mitglieder Übergangsbeschränkungen zum Schutz der Arbeitsmärkte auferlegt. Nur das Vereinigte Königreich, Irland und Schweden übertrugen die Arbeitnehmerfreizügigkeit sofort auf die neuen EU-Länder. Sie bildeten so einen Gegenpol zu den Ländern, die eine Überflutung ihres Arbeitsmarktes mit billigen Arbeitskräften verhindern wollten. Als Grundlage dieser Annahmen galten die relativ großen Unterschiede hinsichtlich der Wirtschaftsleistung der neuen im Vergleich zu den alten Mitgliedstaaten. Entgegen der Befürchtungen wurden in den ersten drei Jahren nach der Erweiterung jedoch auch in Bezug auf die neuen Mitgliedstaaten nur geringe Migrationsbewegungen registriert. Diese Entwicklung weist darauf hin, dass innerhalb der EU nicht allein wirtschaftliche Erwägungen zu Migrationsentscheidungen führen. Dass sie dennoch eine wichtige Rolle spielen, zeigt sich an der Rolle Polens als Land mit der schwächsten Wirtschaftslage und den höchsten Auswanderungszahlen. Drei Jahre vor der so genannten Osterweiterung wurde von der polnischen Migrationsforscherin Krystyna Iglicka folgende These aufgestellt: „International migration still seems to be a means to accumulate wealth and money.“[10] Sie bezog sich auf polnische Emigrationsprozesse vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und benannte für diesen Zeitraum wirtschaftliche Interessen als den wichtigsten Faktor für das Auftreten polnischer Emigration. Fast drei Jahre nach der Erweiterung ist Polen ein Land, das sich durch relativ hohe Auswanderungszahlen deutlich von den anderen Beitrittsländern des Jahres 2004 abhebt. Die Tatsache, dass es gleichzeitig die höchste Arbeitslosenquote innerhalb dieser Gruppe aufweist, könnte als Hinweis dafür gelten, dass die zuvor genannte These nach dem EU-Beitritt noch immer zutreffend ist. Sie wird im Laufe dieser Arbeit wieder aufgegriffen und gegebenenfalls modifiziert werden.

Nach der Erweiterung haben sich das Vereinigte Königreich und Irland als neue Zielländer polnischer Migration etabliert. Bisher bestehende Migrationsbeziehungen wurden dadurch jedoch nicht unterbunden. Zwar hat Deutschland seine Rolle als bedeutendstes Zielland polnischer Arbeitsmigration 2005 erstmals an das Vereinigte Königreich abgegeben, jedoch ist die Bundesrepublik weiterhin ein wichtiges Aufnahmeland polnischer Migranten. Auch andere Länder, deren Arbeitsmärkte den Neumitgliedern noch versperrt waren, gewinnen als Zielländer an Bedeutung. Allerdings sind bedeutende Unterschiede im Hinblick auf die Charakteristika der Migranten festzustellen. So wandern überdurchschnittlich viele hoch qualifizierte Polen in das Vereinigte Königreich, während die Migration in die traditionelleren Zielländer durch gering qualifizierte Arbeitskräfte geprägt ist. Im Hinblick auf polnische Migrationsprozesse ist unverkennbar, dass Arbeitsmigration den größten Anteil an allen Wanderungsbewegungen hat. Während seit der Transformationszeit[11] jedoch vor allem gering qualifizierte Polen in Wanderungen investierten, ist seit der EU-Erweiterung ein stetig steigendes Bildungsniveau zu erkennen. Kurzzeitige Migration dominiert, auch wenn langfristige Wanderungen nach einem Einbruch zu Beginn der Transformationszeit seit 2005 wieder an Bedeutung gewinnen.

In dieser Arbeit sollen die polnischen Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte dokumentiert und ein Vergleich zwischen sowohl den polnischen als auch den EU-internen Wanderungsbewegungen vor 2004 mit den polnischen Wanderungen nach 2004 angestellt werden. Zunächst wird eine Auswahl von Migrationstheorien und migrationstheoretischen Ansätzen vorgestellt (Kapitel 2). Um eine Vergleichsbasis für die Prozesse vor und nach 2004 zu etablieren, werden im Folgenden die Migrationsprozesse innerhalb der EU vor der Erweiterung 2004 beschrieben (Kapitel 3). Anschließend sollen am Beispiel Polens die Migrationsbewegungen eines neuen Mitgliedstaates der EU dokumentiert werden, wobei sowohl ein Überblick über die Emigration aus der gesamten Region der mittel- und osteuropäischen EU-Neumitglieder seit 2004 als auch ein historischer Abriss über polnische Auswanderungsprozesse gegeben wird. Hierbei werden die Spezifika des Transformationsprozesses in Polen als einem Land des ehemals sowjetischen Blocks berücksichtigt. Besondere Aufmerksamkeit wird Großbritannien und Irland als neuen Zielländern und Deutschland als traditionellem Zielland polnischer Migration geschenkt. Auch werden die Wanderungsgründe nach 2004 analysiert (Kapitel 4). Im Anschluss werden die Untersuchungen aus den Kapiteln 3 und 4 auf die Migrationstheorien angewandt, wobei der Vergleich zwischen den Prozessen vor und nach 2004 im Mittelpunkt steht (Kapitel 5). Abschließend soll die Frage diskutiert werden, ob die Zugehörigkeit Polens zur EU neue Wanderungsformen bzw. Wanderungsmuster geschaffen hat. Auch sollen Schlüsse gezogen werden, ob die bestehenden migrationstheoretischen Ansätze das Potential zur Erklärung EU-interner Wanderungsprozesse haben, oder ob neue Anfragen an die Theorien bzw. an die Migrationsforschung gestellt werden müssen (Kapitel 6). Um einen möglichst umfassenden Überblick über die polnische Emigration zu geben, werden verschiedene Studien aus Polen und Deutschland sowie Dokumente der Europäischen Union herangezogen und als Datengrundlage verwendet.

2. Theoretische Grundlage: Theorien der Migration

Seitdem sich im 19. Jahrhundert die Idee von der Zugehörigkeit des Menschen zu einem bestimmten, im Regelfall durch nationale Grenzen definierten Territorium durchsetzte, gilt Migration nicht mehr als naturgegebene Daseinsform.[12] Diese Entwicklung führte zu ihrer Erforschung in vielen verschiedenen Fachrichtungen. Bis heute gibt es keine allgemein gültige bzw. akzeptierte Migrationstheorie. Die existierenden Theorien wurden meist unabhängig voneinander und ausgehend von einer jeweils im Mittelpunkt des Interesses stehenden wissenschaftlichen Disziplin entwickelt und haben in der Regel zum Ziel, einen bestimmten Aspekt von Migration zu erklären. Auch gehen sie von verschiedenen Aspekten (räumlich, zeitlich, etc.) und Ebenen (Mikro, Makro, etc.) aus. Um die verschiedenen Theorien anwendbar zu machen, bietet es sich an, sie nicht als konkurrierende, sondern einander ergänzende Ansätze zu sehen.[13] Im Folgenden wird eine Auswahl von Migrationstheorien vorgestellt und ihren jeweiligen Forschungsschwerpunkten zugeordnet, um sie anschließend mit den EU-internen Migrationsbewegungen in Beziehung zu setzen. Die Einteilung in klassische Theorien und neuere Ansätze aus der Migrationsforschung erfolgt in Anlehnung an Pries.[14] Da der Prozess der Europäischen Integration aus wirtschaftlichen Beweggründen heraus initiiert wurde, wird verhältnismäßig großer Wert auf die Darstellung der ökonomischen Theorien gelegt. Sie werden jedoch ergänzt um Ansätze aus anderen Forschungsdisziplinen.

2.1 Klassische migrationstheoretische Ansätze

Die klassischen Migrationstheorien konzentrieren sich auf die Erklärung der Ursachen, Formen und Konsequenzen von Wanderungsströmen, die in der Regel als ein- oder zweimalige Ortsveränderung gelten. Dementsprechend wird den Push- und Pull-Faktoren als den abstoßenden bzw. anziehenden Kräften in ihren verschiedenen Ausprägungen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Nationalstaaten stellen als Ausgangspunkt der Betrachtung die Herkunfts- und Zielgebiete der Bewegungen dar, Migration selbst einen Wechsel von einem Nationalstaat in einen anderen.[15]

Ausgehend von der ökonomischen Sichtweise ist Migration ein Mittel zur Umverteilung von Arbeit. Migranten sind dementsprechend Arbeitskräften gleichzusetzen. Ökonomische Theorien haben zum Ziel, Arbeitsmigration zu erklären, also die „internationalen bzw. interregionalen Ortsveränderungen ökonomisch aktiver Individuen.“[16] Adam Smith stellte mit seiner These, dass Arbeitsmigration durch Differenzen in Bezug auf Arbeitsangebot und -nachfrage an unterschiedlichen Orten hervorgerufen werde, die erste ökonomische Theorie auf.[17] Diese wurde später mit Hilfe der Theorie der Neoklassischen Ökonomie modifiziert.[18] Die neoklassische Theorie geht von Arbeitskräften als individuellen Akteuren in Wirtschaftsprozessen aus, die über vollständige Informationen verfügen und anhand von Vergleichen zwischen Lohn- und Kostenhöhe sowie Arbeitslosenraten in verschiedenen Ländern rationale Entscheidungen treffen, wobei ihr Ziel die ökonomische Nutzenmaximierung ist. Anhand des errechneten Migrationsgewinns entscheiden sich die Arbeitskräfte entweder für oder gegen eine Wanderung in ein anderes Land. Die Grundannahme ist, dass Arbeitskräftemangel zu höheren Löhnen und Arbeitskräfteüberschuss zu niedrigen Löhnen führt, und dass Migration eine optimale Verteilung des Produktionsfaktors Arbeit gewährleistet und für ein neues Einkommensgleichgewicht sorgt. Dieses ist in dem Moment erreicht, in dem der Migrationsgewinn den Migrationskosten gleicht.[19] So wird angenommen, dass Wanderungsströme in dem Moment versiegen, in dem die Lohnunterschiede ausgeglichen sind. Auch wird von Arbeitskraft als einem homogenen und übertragbaren Gut und einer generellen Mobilität von Menschen ausgegangen. Die Übertragung dieser Annahmen in die Praxis würde besonders große Migrationsströme aus Ländern mit extrem geringen Einkommen vermuten lassen. Tatsächlich jedoch gehen Migrationsbewegungen häufig von Mittelschichten aus und scheinen durch historisch gewachsene Beziehungen zwischen Ländern beeinflusst zu werden.[20] Die Theorie bezieht das politische und wirtschaftliche Umfeld nicht mit ein. Auch wird außer Acht gelassen, dass Arbeitskräftemangel nicht immer durch höhere Löhne ausgeglichen wird, sondern durch verschiedene andere Maßnahmen, beispielsweise den Import von Saisonarbeitskräften.[21]

Entgegen der Annahme der neoklassischen Theorie geht die klassische Außenhandelstheorie (Heckscher-Ohlin-Theorem) nicht von Arbeitskräfte-, sondern von Handelsbewegungen zum Ausgleich von Marktungleichheiten aus. So wird der Außenhandel als Ersatz für Wanderungen betrachtet, der durch die Konzentration auf Güter, die im eigenen Land kostengünstig produziert werden können, eine Tauschbeziehung mit anderen Ländern etabliert und letztlich zum Marktgleichgewicht führt.[22]

Die Abwägungsprozesse, die zur Entscheidung für oder gegen eine Wanderung führen, spielen im Push-Pull-Modell eine entscheidende Rolle.[23] Das Modell lässt sich gut mit ökonomischen Ansätzen in Verbindung bringen. Es bezieht allerdings andere als nur wirtschaftliche Faktoren mit ein, einschließlich der unfreiwilligen Migration. Neben Anreiz bietenden (Pull-) Faktoren in potentiellen Zielländern werden abstoßende (Push-) Faktoren in den Herkunftsländern genannt. Beide Gruppen von Faktoren bilden im Zusammenspiel ein Kräftefeld, das Einfluss auf Wanderungsentscheidungen nimmt. Als zentraler Push- und Pull-Faktor gilt dabei die Arbeitsmarktsituation.[24] Die Abwanderung, die vor allen Dingen auf Push-Faktoren beruht, wird als eher unfreiwillig betrachtet, während die, die sich an Pull-Faktoren orientiert, als eher freiwillig gilt und in der Regel einer ‚positiven Selektion’ in Bezug auf Alter, Ausbildung und Motivation der Migranten unterliegt. Die relativen Hindernisse der Migration werden laut dem Push-Pull-Modell mit zunehmender räumlicher Distanz größer, diese erhöht also ökonomisch ausgedrückt die Kosten der Migration.[25]

An dieser Stelle werden Parallelen sowohl zu rein ökonomischen Ansätzen als auch zu den demographischen und geographischen „Gesetzmäßigkeiten“ deutlich, die von Ravenstein entworfen wurden.[26] Er stellte Gesetze der Wanderung auf und entwarf eine Migrationstypologie: Er unterschied lokale Wanderer, Nahwanderer, Etappenwanderer, Fernwanderer und temporäre Wanderer. Die Nahwanderer bildeten den Haupttypus, während Fernwanderer als zahlenmäßig unerheblich galten. Einen Sondertypus nahmen die temporären Wanderer als Saisonarbeiter, Seefahrer, Studenten, Urlauber oder auch Gefängnisinsassen ein.[27] Ravensteins Hauptinteresse galt ebenso wie das der Ökonomen der Arbeitsmigration. Seine Grundannahmen waren, dass Wanderungen von der Peripherie ins Zentrum erfolgen, und dass „die Häufigkeit von Wanderungsbewegungen mit zunehmender Raumdistanz [abnehme].“[28] Er ging vorrangig von Wanderungen über kurze Distanz aus und unterschied als einer der ersten Forscher weibliche von männlicher Migration, wobei er herausfand, dass die weibliche Migration zumindest bei kurzen Entfernungen überwog. Wanderung wurde von ihm als mit der Industrialisierung verbundener Fortschritt betrachtet, wodurch Arbeitskräftemangel in einem Teil eines Landes mit dem Überschuss aus einer anderen Region ausgeglichen werden könne. Auch stellte er die These auf, dass jede Wanderung einen ‚Gegenstrom’ erzeuge und bezog die Möglichkeit der Rückkehrmigration mit ein.[29] Obwohl politisch-rechtliche u.a. Rahmenbedingungen von ihm nicht berücksichtigt wurden, hat das Grundmodell Ravensteins bis heute Erklärungskraft in Bezug auf geographisch-räumlich konzentrierte Migrationsbewegungen, beispielsweise an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Die heutige demographische Migrationsforschung bezieht einen weiteren Rahmen mit ein und stellt einen Zusammenhang zwischen Demographie, Migration und Politik her.[30]

In der wirtschaftlichen Forschung haben die zu erkennenden Schwächen der neoklassischen Theorie zur Entwicklung der Theorie der Neuen Ökonomie der Arbeitskräftemigration (kurz: Neue Arbeitsökonomie) geführt, die sich auf die Mikroebene konzentriert und betont, dass Menschen nicht als individuelle Marktakteure handeln, sondern innerhalb von Kollektiven, in die sie eingebunden sind.[31] Innerhalb dieser Gruppen oder Netzwerke kann internationale Arbeitsmigration der Risikodiversifizierung dienen: Wenn die Einkommenssicherung eines Kollektivs (z.B. einer Familie) auf mehrere Individuen und Orte verteilt ist, wird das Risiko für die Gruppe insgesamt minimiert. Migration wird also um eine soziale Komponente erweitert und als „a complex social process“ betrachtet.[32] Die Theorie besagt auch, dass jedes Einkommen im Verhältnis zur sozialen Referenzgruppe betrachtet wird und stellt so die Annahme der neoklassischen Theorie in Frage, dass das Einkommen per se einen Nützlichkeitseffekt für alle Personen habe. Migrationsentscheidungen können demnach nicht nur durch Lohnunterschiede zwischen Ländern ausgelöst werden, sondern auch durch die Erfahrung von ‚relativer Deprivation’ im Herkunftsland.[33] So zeigt die Theorie auf, dass „auch die sog. Arbeits migration [...] meist nicht nur ökonomisch motiviert [ist], sondern das Ergebnis ‚sozialer Vergleichssituationen’.“[34] Die Bedeutung von Lohnunterschieden wird als geringer eingeschätzt als in der neoklassischen Theorie, und die Möglichkeit temporärer Migration wird einbezogen. Auch geht die Neue Arbeitsökonomie nicht von vollständigen, sondern im Gegenteil von asymmetrischen Informationen aus. Die ungleiche Ausstattung mit Informationen kann insofern einen Anreiz zur Migration bieten, als die Arbeitgeber im Ankunftsland keine genauen Informationen über die Qualifikation ihrer zugewanderten Arbeitskräfte haben. Potentiell könnten diese also beispielsweise im Rahmen eines Regeltarifs überdurchschnittlich gut bezahlt werden.[35] Die Theorie enthält wichtige politische Implikationen. Beispielsweise legt sie nahe, dass staatliche Maßnahmen das Migrationsverhalten beeinflussen können, z.B. durch Umverteilungsmaßnahmen, durch die die relative Deprivation gemindert wird, oder durch die Bildung von Versicherungsmärkten.[36] Auch hebt sie hervor, dass die Entscheidung für die Migration in ein anderes Land nicht gleichzeitig eine Entscheidung gegen das Herkunftsland ist, sondern dass die Verbindung, die durch Wanderung zwischen zwei Ländern geschaffen wird, nutzbringend sein kann.[37] Die meisten Annahmen der Theorie beziehen sich auf längerfristige Migration zwischen unterentwickelten und entwickelten Ländern. Sie kann jedoch auch Migration aus Ländern im wirtschaftlichen Umbruch erklären. In der Regel handelt es sich um temporäre Migration, bei der die Übersiedlung vollständiger Haushalte ausgeschlossen ist.

Die Neue Migrationsökonomie weist Ähnlichkeiten zum aus der Soziologie stammenden Mikro-Makro-Ansatz struktureller/anomischer Spannungen von Hoffmann-Nowotny auf.[38] Auch Hoffmann-Nowotny war von größeren sozialen Zusammenhängen ausgegangen, in die jedes Individuum eingebunden sei. Er betonte den Aspekt der Spannungen, die dadurch aufkommen, dass durch die Gesellschaft bestimmt wird, was als normal und legitim gilt. Strukturelle Spannungen entstehen dem Ansatz nach, wenn das Verhältnis von Macht und Prestige innerhalb einer Gesellschaft für einzelne Mitglieder als nicht ausgeglichen erlebt wird, d.h. wenn ein Missverhältnis zwischen dem gesellschaftlich akzeptierten Anspruch auf Teilhabe und der tatsächlichen Teilhabe besteht. Aus zeitlich befristeten strukturellen Spannungen können dauerhafte anomische Spannungen entstehen. Internationale Migration kann so als eine Form des Spannungstransfers verstanden werden, durch den ein neuer Referenzrahmen der sozialen Positionierung geschaffen wird. Die relative soziale Deprivation spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Kritisiert wird an dem Ansatz, er vernachlässige die Frage, warum so viele Menschen trotz des evtl. errechneten Migrationsgewinns und trotz relativer sozialer Deprivation nicht wandern.[39] Ähnliches trifft auf die Neue Arbeitsökonomie zu. Allerdings können bei ihr die Bedeutung der Netzwerke auch auf das Heimatland bezogen und diese als möglicher Hinderungsgrund von Migration betrachtet werden.

Anders als andere ökonomische Ansätze betrachtet die Duale Arbeitsmarkttheorie[40] internationale Wanderungen nicht als Ergebnis rationaler Überlegungen, sondern als Folge von Zwängen, denen individuelle Entscheidungen aufgrund von institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unterliegen. Sie geht von einer Makroperspektive aus und ist ausschließlich auf internationale Migration konzentriert, während viele andere Theorien sowohl auf internationale als auch auf interregionale Migration bezogen werden können. Als Grundlage der Migration gilt eine strukturelle Nachfrage nach ungebildeten ausländischen Arbeitskräften in industriell hoch entwickelten Zielländern. Die Theorie betont, dass die Höhe des Gehalts nicht nur die Verteilung von Angebot und Nachfrage, sondern auch die von Prestige innerhalb der Gesellschaft widerspiegelt. Da diese Hierarchie etabliert ist und ihre Beibehaltung angestrebt wird, ist es schwierig, Arbeitskräfte für Aufgaben zu finden, die mit geringem Prestige versehen sind. Der Einsatz ausländischer Arbeiter wird als ein probates Mittel zur Deckung dieses Bedarfs gesehen, um eine Anhebung der Gehälter zu vermeiden, die wiederum Druck auf andere, prestigeträchtigere Sektoren ausüben würde. Gleichzeitig wird so ein Motivationsproblem gelöst, da ausländische Arbeitskräfte ihre Aufgaben laut der Theorie eher nur als Mittel zum Geldverdienen, also unabhängig von den mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Zuweisungen und von Zukunftschancen, betrachten als inländische Arbeitskräfte, die aufgrund dieser Überlegungen schwer zu solcher Arbeit zu motivieren sind. Auch wird eine Segmentierung des modernen industriellen Arbeitsmarktes in einen kapitalintensiven primären und einen arbeitsintensiven sekundären Sektor vorausgesetzt, die den strukturellen Bedarf erhöht. Während der primäre Sektor durch Verträge und relativ sichere, qualifizierte Arbeiten charakterisiert ist, gelten Jobs im sekundären Sektor als unsicherer, kurzfristiger kündbar und weniger zukunftsträchtig. Die höhere Unsicherheit des sekundären Sektors macht ihn unattraktiv für einheimische Arbeitskräfte, so dass wiederum auf ausländische Arbeiter zurückgegriffen wird, die dann einen eigenen unqualifizierten Markt bilden.[41] Die Segmentierung des Arbeitsmarktes schafft also eine Differenzierung zwischen Arbeitern. Die Theorie hinterfragt die Annahme der neoklassischen Theorie, der Arbeitsmarkt sei homogen und frei von Diskriminierungen oder Barrieren, so dass der Produktionsfaktor Arbeit frei ausgetauscht werden könne.[42] Stattdessen geht sie von einer durch strukturelle Faktoren geschaffenen Differenzierung zwischen verschiedenen Arbeiterstatus und stark nachfrageorientierten Wanderungsbewegungen aus. Auch wenn die Theorie in der Lage ist, bestimmte Migrationsprozesse wie z.B. die Anwerbung von Arbeitskräften nach Westeuropa in den 1950er und 1960er Jahren und kurzfristige Wanderungen wie die Saisonarbeit zu erklären[43], wird kritisiert, sie konzentriere sich zu sehr auf äußere Bedingungen in Form von strukturellen Abhängigkeiten. Die Mikroebene werde vernachlässigt, so dass die Theorie keine Erklärung für die Entscheidung für oder gegen individuelle Migration bereithalte. Auch wird angemerkt, Arbeitsmärkte würden sich unter dem Zustrom von Arbeitsmigranten eher in drei als in zwei Segmente zerteilen.[44] Die Theorie lässt die Migration hoch qualifizierter Menschen sowie die permanente Migration außer Acht und negiert außerdem, dass Migranten Zukunftschancen durchaus mit in ihre Planungen einbeziehen.

Neben der Soziologie und der Ökonomie hat sich auch die Politikwissenschaft mit der Erforschung von Migration befasst. Aus dieser Disziplin stammen Ansätze, die Migration als eine Interaktion zwischen souveränen Staaten sehen und das Paradox zwischen nationalstaatlichen Grenzen zur Begrenzung der Zuwanderung einerseits und internationalen Garantien, die das Recht zum Verlassen eines Landes gewähren, andererseits betonen. So wird Migration als Phänomen betrachtet, dass sich „im grundlegenden Spannungsfeld zwischen den Interessen von Einzelpersonen und jenen von Gesellschaften“ befindet.[45] Auch werden die widersprüchlichen Interessen von Einwanderungsgesellschaften hervorgehoben, die zwar auf Arbeitskräfte aus anderen Ländern angewiesen sind, diese jedoch nicht gesellschaftlich integrieren möchten. Als weit verbreiteter Lösungsansatz gilt hierbei die strenge Beschränkung der ausländischen Arbeitskräfte auf ihre wirtschaftliche Rolle durch gesetzlich geregelte Aufenthaltsbegrenzungen und den Import von Saisonarbeitskräften.[46] So kann eine Rückkehr zu alten (wenn auch modifizierten, d.h. in der Regel mit strengeren Rückkehrbestimmungen versehenen) Gastarbeitermodellen beobachtet werden.[47]

2.2 Neuere migrationstheoretische Ansätze

Seit den 1980er Jahren werden als Ergänzung und Erweiterung der klassischen Migrationstheorien neue Ansätze erforscht, die von Migration als (auch) dauerhaftem Zustand ausgehen und ihr so Bedeutung als eine „neue Lebenswirklichkeit für eine wachsende Anzahl von Menschen“[48] zuschreiben. Anders als in den klassischen Theorien werden in ihnen nicht vor allem der Aspekt des Ortswechsels und die Frage nach den Gründen und Folgen von Migration betont, sondern die jüngeren Erscheinungsformen von Migration und ihre Entwicklungen über die Zeit. Sie stellen neue Deutungsvarianten für altbekannte und neue Migrationsprozesse bereit und konzentrieren sich zwischen Makro- und Mikro-Ebene auf „Bewegungen und Sozialräume zwischen bzw. oberhalb der Herkunfts- und Ankunftsregion [Hervorhebung im Original]“, um „neue transnationale Wirklichkeiten [...] im Zusammenhang neuer internationaler Migrationsprozesse“ zu untersuchen. Migration wird als ein „in Raum und Zeit kontinuierlicher sozialer Prozess“ verstanden.[49]

Unter den neueren Ansätzen ist der der Migrationsnetzwerke und Migrationskreisläufe von Bedeutung. Er fragt nach dem Ablauf von Wanderungen und ihrer zeitlichen Komponente und fußt auf der Annahme, dass Migranten sowohl in der Herkunfts- als auch in der Ankunftsregion in soziale Netzwerke eingebunden sind. Diesen Netzwerken wird größere Bedeutung für Migrationsentscheidungen zugeschrieben als ökonomische Differenzen oder die geographische Distanz. Sie fungieren als Mittler zwischen der Herkunfts- und der Ankunftsregion, helfen die Kosten und Nutzen der Migration einzuschätzen und versorgen potentielle Nachfolgemigranten mit Informationen, die als vertrauensvoll und berechenbar eingeschätzt werden, da die Angehörigen des Netzwerks selbst über eigene Wanderungserfahrungen verfügen. Durch die Netzwerke entsteht eine Art Migrationstradition zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland, durch die diese in immer stärkerem Maße miteinander verflochten werden. Im Laufe der Zeit, in der die Migration bedeutender wird, werden bestimmte praktische Probleme wie beispielsweise der Ausbau der Transportwege gelöst.[50] So wiederum werden das Risiko und die Kosten von in Kreisläufen und zeitlichen Abständen stattfindenden Wanderungsbewegungen gesenkt – die späteren Migranten profitieren sozusagen von der durch Andere geschaffenen Migrationstradition. In der Regel wandert ein ökonomisch aktives Familienmitglied und wird von anderen später gefolgt. Treibel weist darauf hin, dass Netzwerke nicht nur unterstützende (i.d.R. in der Ankunftsregion), sondern auch einschränkende Wirkung (i.d.R. in der Herkunftsregion) haben können, und dass bei der Migration nicht nur ein Individuum, sondern „immer auch zwei Gesellschaften betroffen“ sind.[51] In der Netzwerkthese wird der Verwandtschaftsbegriff erweitert. So werden auch Menschen, zu denen keine biologische Verwandtschaft aber eine freundschaftliche Verbindung besteht, oder einfach Menschen aus derselben Herkunftsregion als im weitesten Sinne verwandt (im Sinne von dem Netzwerk zugehörig) verstanden.[52] Wanderungen werden auf individueller und kollektiver Ebene analysiert, wobei die Bedeutung der Gemeinde und der in ihr vorherrschenden strukturellen Bedingungen hervorgehoben wird. Nicht nur wandern nämlich überdurchschnittlich viele Menschen aus einem bestimmten Herkunfts- in ein bestimmtes Ankunftsgebiet, sondern auch die Tätigkeitsbereiche der Migranten, die aus einer Gegend stammen, stimmen häufig überein und konzentrieren sich auf eine spezifische Sparte, beispielsweise die Landwirtschaft bei agrarisch geprägten Strukturen in der Herkunftsregion.[53] Zwar wird durch Netzwerke vor allem das Ziel der Wanderung beeinflusst, jedoch können sie auch einen sich selbst verstärkenden Effekt haben.[54] In diesem Fall verbinden sich die Annahmen der Netzwerkthese mit denen des Ansatzes der kumulativen Verursachung, der besagt, dass Wanderungsprozesse sowohl in den Herkunfts- als auch in den Ankunftsländern Wandlungsprozesse auslösen, die wiederum weitere Migrationsströme wahrscheinlich machen. So können u.a. Erfahrungsberichte erfolgreicher Migranten den Erwartungshorizont im Herkunftsland verschieben und als „Katalysator“ (d.h. als Pull-Faktor) für weitere Wanderungen wirken.[55] Wichtig ist jedoch zu betonen, dass die Vorstellung, die sich ein Migrant vor dem Aufbruch in ein potentielles Zielland von diesem macht, nicht der Realität entsprechen muss und dies häufig nicht tut.[56] Betrachtet man die Annahmen der Netzwerktheorie, erscheint eine Verbindung zum kapitaltheoretischen Ansatz von Pierre Bourdieu sinnvoll. Die Zugehörigkeit zu einem Netzwerk von Individuen kann als Besitz von sozialem Kapital bezeichnet werden. Soziales Kapital nach Bourdieu ist

„die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen [Hervorhebung im Original].“[57]

Nicht nur können sich aus dem sozialen Kapital materielle und symbolische Profite ergeben, sondern es übt auch einen ‚Multiplikatoreneffekt’ aus und vervielfältigt so das tatsächlich vorhandene kulturelle und ökonomische Kapital.[58]

Durch die Verbindung mit dem Kapitalansatz wird deutlich, dass die Netzwerkthese zum Verständnis von Migration als sozialer Prozess beitragen kann. Der Multiplikatoreneffekt sowie die Transferierbarkeit der Kapitalarten ineinander machen Kosten und Risiken kalkulierbarer und bieten einen Anreiz, in Migrationsprozesse zu investieren, der eine Verbindung schafft zwischen sozialen, kulturellen und ökonomischen Elementen. So ist es möglich, Migration unter vielerlei Gesichtspunkten zu betrachten und nicht auf einen Aspekt wie den Zeitpunkt der Wanderung oder den konkreten Grund zu beschränken. Beispielsweise kann Arbeitsmigration mit Hilfe der Netzwerkthese gedeutet werden, ohne dass Lohnunterschiede zwischen Herkunfts- und Zielregion vorliegen müssen[59], und die Distanz erscheint als eine geringere Barriere als von ausgewählten klassischen Theorien angenommen.[60] Wanderungsprozesse verselbstständigen sich und unterliegen keinen klar deutbaren Gesetzen mehr. Der Ansatz verdeutlicht, dass eine Migrationsentscheidung nie völlig rational getroffen wird. In diesem Punkt stimmt er mit der Neuen Arbeitsökonomie überein. Ähnlich wie der Ansatz der kumulativen Verursachung erweitert er die klassischen Theorien um eine Antwort auf die Frage, wie und warum Migrationsprozesse über die Zeit aufrechterhalten bleiben, auch wenn die ursprünglichen Migrationsursachen inzwischen ihre Wirksamkeit verloren haben.[61] Die Netzwerkthese wird in der Literatur insgesamt als bedeutsam eingeschätzt. So konstatiert Hollifield, dass „transnationale Netzwerke immer dichter und effizienter [werden] und [...] die Herkunfts- und Aufnahmeländer immer mehr [verflechten].“[62]

In ihrem Bestreben, die klassischen Theorien zu ergänzen und kritisch zu hinterfragen, stellt die jüngere Migrationsforschung neue Hypothesen auf. Die Ausarbeitung von neuen Typologien internationaler Migration stellt einen Ansatz dar, bisher unerklärbare Wanderungen zu klassifizieren, aus der Suche nach einem einfachen Kausalzusammenhang zu lösen und dadurch deutbarer im Hinblick auf heute beobachtbare Phänomene zu machen. So wird die Typologiebildung selbst als Verfahren der Theoriebildung angesehen und nicht nur als Mittel der Ordnung von empirischen Phänomenen.[63] Pries hat Migranten in Bezug auf ihr Verhältnis zur Herkunfts- und Ankunftsregion, den Hauptwanderungsgrund sowie den Zeithorizont der Migration typologisiert und vier Idealtypen von Migranten herausgearbeitet:

(1) Der Emigrant bzw. Immigrant mag zwar noch Kontakt zu seinem Herkunftsland bzw. zu Menschen im Herkunftsland pflegen, richtet sich jedoch dauerhaft im Ankunftsland ein und integriert sich schrittweise in die dortige Gesellschaft. Die Wanderung ist ökonomisch, sozio-kulturell oder politisch motiviert. Im Gegensatz dazu sieht der (2) Remigrant den Aufenthalt in seinem Ankunftsland als eine zeitlich begrenzte Übergangsphase und sein Herkunftsland weiterhin als dasjenige Land an, zu dem er sich zugehörig fühlt. Die Wanderung des Remigranten erfolgt aus ökonomischen bzw. politischen Gründen und ist klar auf Rückkehr ausgerichtet. Hauptwanderungsmotiv von Diaspora-Migranten als dem dritten Idealtypus (3) ist religiöse oder organisationelle Abhängigkeit. Es erfolgt eine nur begrenzte soziale und mentale Einrichtung in der Ankunftsgesellschaft, während starke sozial-kulturelle Bindungen zum Herkunftsland bzw. der „Mutterorganisation“ fortbestehen. Der vierte (neuere) Idealtypus gewinnt laut Pries im Zeitalter der Globalisierung und gerade in Bezug auf die Arbeitsmigration an Bedeutung: Für den (4) Transmigranten wird das Verhältnis zwischen Herkunfts- und Ankunftsregion durch transnationale soziale Räume gestaltet, welche nicht mit geographisch bestimmbaren Flächenräumen zusammenfallen und Elemente der Herkunfts- und der Ankunftsregion miteinander verknüpfen bzw. deren Produkt sind. Diese transnationalen sozialen Räume sind auf Dauer angelegt.[64] Der Transmigrant steht im Mittelpunkt der Forschung, die sich mit Transnationalismus und Transmigration beschäftigt, und in der Migration im Sinne von häufigeren Wanderungsbewegungen als „Bestandteil durchaus kontinuierlicher Lebensläufe“[65], also als Daseinsform im Gegensatz zu Migration als Übergangsstadium betrachtet wird. Der Terminus Transnationalismus beschreibt eine Überschreitung von Nationalstaaten und nationalen Gesellschaften, ohne jedoch von einer globalen Perspektive im Sinne von „in allen wichtigen Weltregionen präsent“[66] auszugehen. Durch die Grenzüberschreitung entstehen soziale Felder in Form von transnationalen Gemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit verstetigen.[67] Die transnationalen sozialen Felder und die Transmigranten bedingen einander und entstehen im Miteinander, wobei auch die Bedeutung von transnationalen Konzernen hervorgehoben wird.[68] Die Transnationalismusforschung ist ein weites Feld mit einer wiederum großen Anzahl verschiedener Ansätze. Einige dieser Ansätze betonen, durch transnationale Migration finde eine ‚Deterritorialisierung von Nationalstaaten’ in dem Sinne statt, dass einige Staatsangehörige zwar in anderen Teilen der Welt leben, jedoch noch immer Beiträge zum sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Wohl des Herkunftslandes leisten, die für diesen überlebenswichtig sind, beispielsweise durch Rücküberweisungen.[69] Sie heben so die Bedeutung der Pluri-Lokalität und der sozialen (nicht räumlichen) Strukturierung der entstehenden Räume hervor. Transmigranten “maintain connections, build institutions, conduct transactions, and influence local and national events in the countries from which they emigrated”.[70] Im Zusammenhang mit der Transmigration wird der Globalisierung von Finanzströmen eine wichtige Rolle zugeschrieben: „the restructuring of capital globally is seen as linked to the diminished significance of national boundaries in the production and distribution of objects, ideas, and people.“[71]

Andere Forscher betonen die Entstehung transnationaler communities, die durch ein besonderes Wir-Gefühl verbunden werden (imagined community).[72] In der Transnationalismusforschung wird unterstrichen, dass die entstehenden Gemeinschaften nicht nur von ihrer Herkunftsregion geprägt sind, sondern zwischen Herkunfts- und Ankunftsregion ein neues soziales Feld aufspannen und so beide miteinander verbinden.[73] Anstelle der Entscheidung für bzw. gegen ein bestimmtes Land steht die Verbindung verschiedener Staaten durch die Transmigration, die durch die Globalisierung möglich geworden ist: „In the past immigrants were forced to abandon, forget, or deny their ties to home and in subsequent generations memories of transnational connections were erased.“[74] Die transnationalen sozialen Räume werden beschrieben als „relativ dauerhafte, auf mehrere Orte verteilte bzw. zwischen mehreren Flächenräumen sich aufspannende verdichtete Konfigurationen von sozialen Alltagspraktiken, Symbolsystemen und Artefakten.“[75] Die Migrationsprozesse, die im Rahmen des Transnationalismus erforscht werden, sind weder auf einen Zeitpunkt noch auf einen bestimmten Ort fixiert. Sie sind jedoch auch nicht völlig ortsungebunden, da sie kein zielloses Umherwandern beinhalten, sondern relativ organisierte Bewegungen zwischen festen Plätzen.[76] Die Transnationalismusforschung erweitert die klassischen Theorien um neue Denkansätze und um eine Perspektive jenseits von Makro oder Mikro, d.h. zwischen bzw. oberhalb der Grenzen der Nationalstaatlichkeit. Eine Schwierigkeit in Bezug auf die Transmigration ist ihre empirische Überprüfbarkeit. So wird von Lebhart betont, dass transnationale Entwicklungen wie auch die Entstehung von Netzwerken „der Analyse mittels gewöhnlicher sozialwissenschaftlicher Instrumente schwer zugänglich sind.“[77]

Insgesamt versuchen die neueren Ansätze ein breites Feld von Ursachen, Abläufen, Folgen und Entwicklungen von Migrationsprozessen einzubeziehen. Es wird betont, dass Migration keine isolierte Bewegung von Menschen zwischen bestimmten Orten oder Ländern ist, sondern ein komplexer sozialer Prozess, der im Zusammenhang mit der globalen Bewegung von Waren, Kapital, Symbolen und Informationen gesehen werden muss.[78] Sie bieten nicht nur die Möglichkeit der kritischen Hinterfragung der klassischen Theorien, sondern schaffen auch Anreize, die Forschung unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse und Frageperspektiven fortzusetzen und weiter zu entwickeln.

Der Überblick über klassische und neuere Ansätze in der Migrationsforschung zeigt eine teilweise Überschneidung von Elementen aus den klassischen Theorien mit solchen aus den neueren Ansätzen. Jede der hier ausgewählten Theorien beinhaltet interessante Perspektiven, die einbezogen werden können bzw. müssen, um Teilaspekte bestimmter Wanderungsbewegungen zu erklären. Keine jedoch kann allein alle Aspekte aufgreifen. Eine umfassende Deutung heutiger Migrationsprozesse lässt eine Kombination verschiedener Ansätze miteinander sinnvoll erscheinen. Die Notwendigkeit der gegenseitigen Ergänzung der in verschiedensten Disziplinen und unter verschiedensten Fragestellungen ausgearbeiteten Theorien verdeutlicht die hohe Komplexität von Migration.

[...]


[1] Vgl. Treibel (1999): 19f.

[2] Treibel (1999): 21

[3] Pries (2001): 5

[4] Vgl. Treibel (1999): 17ff.

[5] Def. A.S. in Anlehnung an Han (2005), Kley (2004), Pries (2001), Thränhardt (2003), Treibel (1999)

[6] Vgl. Tassinopoulos/Werner (1999): 2

[7] Der Einfachheit halber wird das ‚Europäische Projekt’ hier durchgängig als Europäische Union bzw. EU bezeichnet, auch wenn es verschiedene Stadien und Bezeichnungen durchlief.

[8] Europäische Kommission (2001): 7

[9] Vgl. Rodriguez-Pose (2004): 111

[10] Iglicka (2001): 41

[11] Als Transformationszeit werden die 1990er Jahre ab 1989 bezeichnet.

[12] Vgl. Treibel (1999): 32

[13] Vgl. Fihel et al. (2006): 4

[14] Vgl. Pries (2001)

[15] Vgl. ebd: 30

[16] Lebhart (2002): 7

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.: 7f.

[19] Vgl. Pries (2001): 13

[20] Vgl. ebd.: 14

[21] Vgl. ebd.: 24

[22] Vgl. Werner (2001): 14

[23] Vgl. Lebhart (2002): 19

[24] Vgl. Treibel (1999): 40

[25] Vgl. Lebhart (2002): 19

[26] Vgl. Pries (2001): 26ff.

[27] Vgl. Treibel (1999): 27

[28] Pries (2001): 26

[29] Vgl. Treibel (1999): 27

[30] Vgl. Pries (2001): 27f.

[31] Vgl. ebd.: 14ff.

[32] Fihel et al. (2006): 11

[33] Vgl. Pries (2001): 15, Lebhart (2002): 11

[34] Ronzani (1980): 50 zitiert nach Treibel (1999): 44

[35] Vgl. Pries (2001): 15

[36] Vgl. Lebhart (2002): 11

[37] Vgl. Fihel et al. (2006): 10

[38] Vgl. Pries (2001): 19ff.

[39] Vgl. Pries (2001): 16ff.

[40] Vgl. Lebhart (2002): 13ff.

[41] Vgl. Lebhart (2002): 13ff.

[42] Vgl. Fihel et al. (2006): 7

[43] Vgl. Lebhart (2002): 16

[44] Vgl. ebd.: 15

[45] Vgl. Lebhart (2002): 25

[46] Vgl. ebd: 26f.

[47] Vgl. Hollifield (2003): 50

[48] Vgl. Pries (2001): 32

[49] Pries (2001): 32

[50] Vgl. Pries (2001): 34ff.

[51] Vgl. Treibel (1999): 43

[52] Vgl. Lebhart (2002): 20

[53] Vgl. Pries (2001): 34f.

[54] Vgl. Werner (2001): 12

[55] Vgl. Pries (2001): 40ff.

[56] Vgl. Treibel (1999): 41

[57] Bourdieu (1983): 190f.

[58] Vgl. ebd.: 190ff.

[59] Vgl. auch Fihel et al. (2006): 11

[60] Vgl. z.B. die demographischen und geographischen „Gesetzmäßigkeiten“ Ravensteins (2.1)

[61] Vgl. Lebhart (2002): 21

[62] Hollifield (2003): 48

[63] Vgl. Pries (2001): 38

[64] Vgl. Pries (2001): 39 f.

[65] Ebd.: 49

[66] Ebd.

[67] Vgl. ebd.: 51

[68] Vgl. ebd.: 53

[69] Vgl. Basch/Glick Schiller (1995)

[70] Basch/Glick Schiller (1995): 48

[71] Ebd.: 51

[72] Vgl. Pries (2001): 50f.

[73] Vgl. ebd.: 51

[74] Basch/Glick Schiller (1995): 52

[75] Pries (2001): 53

[76] Vgl. ebd.

[77] Lebhart (2002): 37

[78] Vgl. Pries (2001): 46

Details

Seiten
102
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836627177
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226635
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
europäische union migration polen eu-erweiterung arbeitnehmerfreizügigkeit

Autor

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Titel: Die Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft auf das Migrationsverhalten