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Junge Menschen mit Autismus auf dem Qualifizierungsweg in die Arbeitswelt

Anhand ausgewählter Interviews

Diplomarbeit 2008 182 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Autismus - eine Darstellung
2.1 Klassifizierung
2.2 Ursachen
2.3 Das Asperger- Syndrom
2.3.1 Qualitative Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen
Beziehungen
2.3.2 Qualitative Beeinträchtigung der verbalen und non - verbalen Kommunikation und der Phantasie
2.3.3 Eingeschränktes Repertoire und Interessen
2.4 Häufigkeit in Deutschland

3.0 Die Arbeitswelt
3.1 Die Bedeutung der Erwerbsarbeit
3.2 Der Übergang in die Arbeitswelt

4.0 Menschen mit autistischen Lebenserschwernissen am ersten Arbeitsmarkt
4.1 Die aktuelle Situation der Autisten
4.2 Möglichkeiten zur Erreichung des allgemeinen Arbeitsmarktes für autistische junge Menschen in Deutschland
4.2.1 Die Förderung von autistisch beeinträchtigten Menschen in Berufsbildungswerken
4.2.2 Autistisch beeinträchtigte Menschen in der WfbM
4.2.3 Rehabilitationseinrichtungen für psychisch Kranke und Berufliche Trainingszentren
4.2.4 Besondere Arbeitsplätze
4.2.5 Integrationsfachdienste
4.3 Feststellung und Vergleich der Fähigkeiten der Menschen mit Autismus
4.4 Verankerung der Rehabilitation im Sozialgesetz

5.0 Das Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg
5.0.1 Das Angebot
5.0.2 Pädagogische Einheit
5.0.3 Ganzheitlichkeit
5.0.4 Abriss der Entwicklung des BBW St. Franziskus
5.0.5 Spezielle Angebote für Rehabilitanden mit autistischem Hintergrund
5.1 Das Projekt Autismus I:
5.1.1 Allgemeines
5.1.2 Ziele der Projektarbeit
5.1.3 Ergebnisse
5.2 Das Projekt Autismus II:
5.2.1 Allgemeines
5.2.2 Ziele der Projektarbeit
5.2.3 Aktueller Stand
5.3 Methodische Ansätze
5.3.1 Der TEACCH-Ansatz im Arbeitsbereich
5.3.2 Social – Skills - Training (Abensberg)

6.0 Befragung von Rehabilitanden im BBW St. Franziskus Abensberg
6.1 Untersuchungsziel
6.2 Untersuchungsmethode
6.2.1 Das episodische Interview
6.2.2 Das Experteninterview
6.3 Ergebnisse der Interviews mit den Rehabilitanden
6.3.1 Untersuchungsgegenstand- Vorstellung der Interviewpartner
6.3.2 Übersicht über die verschiedenen Erfahrungen der Befragten
6.3.3 Darstellung der individuellen Lebenswege
6.4 Ergebnisse des Experteninterviews
6.4.1 Untersuchungsgegenstand- Vorstellung des Experten
6.4.2 Fakten bzgl. des BBW St. Franziskus Abensberg
6.4.3 Ergebnisse der Projekte Autismus I und II
6.4.4 Autistische Menschen auf dem Arbeitsmarkt
6.4.5 Nachhaltigkeit der Maßnahmen im BBW Abensberg

7.0 Beispiele von Arbeitsplätzen für Autisten international
7.1 Firma Specialisterne in Dänemark
7.2 Das “TEACCH Supported Employment Program” North Carolina/USA

8.0 Kritische Würdigung und Resümee
9.0 Literaturverzeichnis

10.0 Abbildungsnachweis

A. Anhang
A.1 Besonderheiten im Umgang mit autistischen Jugendlichen
A.2 Leitfaden Betroffeneninterview
A.3 Leitfaden Experteninterview
A.4 Transskiptionen
A.4.1 Interview A
A.4.2 Interview B
A.4.3 Interview C
A.4.4 Interview D
A.4.5 Interview E
A.4.6 Experteninterview F. Baumgartner
A.5 Schriftliche Auskünfte des Fachdienst Autismus im BBW St. Franziskus in Abensberg
A.7 Self- Assessment- Bogen
A.8 Danksagungen
A.9 Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.0 Einleitung

Die berufliche Qualifizierbarkeit von Menschen mit Autismus steht heute außer Frage – wenn gleich dies nicht bedeuten soll, dass jeder junge Mensch mit Autismus ausgebildet und in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden kann.

Die Möglichkeiten und Formen der beruflichen Förderung sind sehr von der individuellen Ausprägung der autistischen Beeinträchtigung des Jugendlichen abhängig. Im Rahmen der vorberuflichen Förderung steht neben der rein beruflichen Qualifizierung auch das Training von sozialen, lebenspraktischen und kommunikativen Kompetenzen im Vordergrund, da es nur selten die berufspraktischen Kompetenzen sind, die Personen mit Autismus daran hindern eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen. Über spezifische Förderprogramme (z.B. Sozialtraining) können Menschen mit Autismus soziale, planerische und kommunikative Defizite kompensieren und dadurch eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu einer realistischen Option ihrer Lebensplanung machen.

Durch meine Erfahrungen in verschiedenen Praktika während des Studiums und Kontakte zu verschiedenen schon länger mit autistisch beeinträchtigen Menschen (vor allem Schülern) arbeitenden Personen, bin ich schon vor einiger Zeit auf dieses Thema aufmerksam geworden. Ich beschloss, mich schon im Vordiplom damit auseinander zu setzen. Während der Arbeit daran stellte ich fest, dass die Förderung von durch die autistische Störung betroffenen Menschen meist nur bis Ende der Schulzeit gewährleistet ist und sich als sehr vielseitig und überaus individuell abhängig darstellt. Bedingt durch mein Unterrichtsfach Arbeitslehre stellte sich mir die Frage der weiteren Förderung.

Welche Möglichkeiten und Lebenswege stehen nach Abschluss der Schulzeit diesen, durch eine in ihrer Schwere sehr breit gefächerte und in ihrer Vielseitigkeit kaum vergleichbare Beeinträchtigung betroffenen Jugendlichen offen?

Welche Maßnahmen sind nötig, um sie in der Bewältigung oder zumindest Abschwächung der einzelnen Besonderheiten hin zu einer möglichst freien Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu unterstützen?

In meiner Arbeit möchte ich Wege und Fördermaßnahmen aufzeigen, die es ermöglichen können, speziell autistisch beeinträchtigte Jugendliche nach Abschluss der Schule so zu fördern, dass sie vollkommen oder beinahe eigenständig, unabhängig in den allgemeinen Arbeitsmarkt integrierbar sind.

Der theoretische Teil meiner Arbeit wird sich mit den Besonderheiten der autistischen Lebensbeeinträchtigung und den Möglichkeiten, die sich jungen Menschen mit Autismus auf ihrem Qualifizierungsweg zur Partizipation am ersten Arbeitsmarkt stellen, beschäftigen. Es soll speziell auf die Berufsbildungswerke und deren Möglichkeiten, eine angemessene Förderung durchzuführen, eingegangen werden, da diese sich in den letzten Jahren durch die Erfolge ihrer Arbeit mit autistischen Mitmenschen besonders ausgezeichnet haben.

Im empirischen Teil sollen die dargestellten Wege zum Berufsbildungswerk und Fördermaßnahmen innerhalb eines BBW durch die Auswertung von Interviews mit im Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg geförderten Autisten sowie einem Experteninterview in Hinsicht auf ihre Effektivität und Langfristigkeit untersucht werden, sowie dargestellt werden, wie sich die Betroffenen selbst in der Maßnahme wahrnehmen und welche Empfindungen sie bezüglich dieser haben.

In beiden Teilen der Arbeit sollen die Ansätze aus Wissenschaft und Forschung, die Überlegungen und Theorien, der aktuellen Praxis gegenübergestellt werden. So werden im theoretischen Teil neben möglichen Fördermaßnahmen aktuelle Projekte dargestellt, welche im zweiten, empirischen Teil nochmals durch ein Experteninterview ergänzt und auf den neusten Stand gebracht werden. Die vorgestellten Maßnahmen sollen mit der Praxis exemplarisch durch Interviews mit Betroffenen verknüpft werden.

2.0 Autismus - eine Darstellung

2.1 Klassifizierung

Um einen Einblick in die Problematik zu erhalten, mit der sich ein durch Autismus beeinträchtigter Menschen und dessen Umfeld konfrontiert sehen, soll hier das Bild der autistischen Störung dargestellt werden. Es wird auf die einzelnen Verhaltensmerkmale bzw. die Besonderheiten im Empfinden und Wahrnehmen der Betroffenen eingegangen werden. Die autistische Beeinträchtigung als solche ist noch nicht publik genug, um alle Besonderheiten dieser Mitmenschen als bekannt vorauszusetzen.

Ein Mensch mit autistischen Lebenserschwernissen stellt in der Menge der bekannten und geförderten Behinderungen eine gewisse Sondergruppe dar. So genannte „Autisten“ werden in ihrem Leben durch Störungen mit multiplen Auswirkungen beeinflusst. Im Gegensatz zu Behinderungen, welche durch die Medizin klar zu klassifizieren sind und deren Ursprung erforscht ist (z.B. Trisomie-21/ Down- Syndrom), sind das Bild und der Ursprung des Autismus noch nicht endgültig geklärt.

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff des Autismus 1911 (aus dem griechischen kommend) um mit ihm ein Grundsymptom der Schizophrenie zu beschreiben. Sigmund Freud setzte ihn in seinen Ausführungen fast mit „Narzissmus“ gleich.

Unabhängig voneinander nutzten ihn dann in der Zeit des zweiten Weltkrieges Hans Asperger (1938) und Leo Kanner (1943) um ihrerseits ein völlig eigenständiges Störungsbild zu beschreiben, wobei sie den schizophrenen Menschen von dem Autisten unterschieden, da ersterer sich im Gegensatz zu jenem aktiv in seine eigene Welt zurückzieht.

Die autistische Behinderung - wenn man sie so nennen möchte, ich bevorzuge in diesem Zusammenhang den Ausdruck der autistischen Lebenserschwernis, wie er von Prof. Dr. Kurt Jacobs geprägt wurde[2] - wurde im Gegensatz zu den meisten anderen Behinderungsarten erst relativ spät als eigenständiges Störungsbild erkannt. Durch das sehr häufig kombinierte Auftreten bestimmter Symptome konnte man diese zu verschiedenen Syndromen zusammenfassen.

Eine Möglichkeit den Autismus zu klassifizieren und mit Merkmalen zu behaften stellen die Untersuchungen Wings dar. Bei einer Studie in einem Stadtteil Londons, durch welche alle Kinder mit Autismus oder autistischen Zügen gefunden werden sollten, stellten Wing und Gould (1979)[3] fest, dass einige Auffälligkeiten meist in Kombination auftraten. Die Triade Wings[4] setzt sich zusammen aus:

1. einem ernsten Defizit im sozialen Zusammenspiel

2. einem Defizit in verbaler und non-verbaler Kommunikation und

3. einem Defizit in flexiblen, phantasiegeleiteten Aktivitäten

(stattdessen zeigen die Betroffenen ein von Wiederholungen und Stereotypien gezeichnetes Verhalten)

Die oben genannten Merkmale sind allen Autisten gemeinsam, je nach Form des Autismus verschiebt sich der Schwerpunkt der Beeinträchtigung innerhalb der Triade. Durch den Bundesverband „Hilfe für das autistische Kind e. V.“ wird die Störung wie folgt beschrieben:

„Bei autistischen Behinderungen (autistisches Syndrom, frühkindlicher Autismus, Asperger Syndrom) handelt es sich um tiefgreifende Entwicklungsstörungen, denen komplexe Störungen des Zentralnervensystems, insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung, zugrunde liegen. Deren Auswirkungen behindern in vielfältiger Weise die Beziehungen zur Umwelt, die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft und die Fähigkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft, da sowohl sprachliche, motorische, emotionale und interaktionale Funktionen betroffen sind. Autistische Kinder und Jugendliche sind somit in der Regel mehrfachbehindert. Wie bei allen Mehrfachbehinderungen verlagert sich der Schwerpunkt im Laufe der Entwicklung mit dem Lebensalter.“[5]

Eine zweite Möglichkeit die autistische Beeinträchtigung zu gliedern, bieten die Merkmale der sozialen Interaktion, wodurch sich folgende drei Untergruppen als Charakterisierung ergeben:[6]

- die „Fernen“, zeigen ein hohes Maß an Gleichgültigkeit gegenüber anderen (soziale Zurückgezogenheit)

- die „Passiven“ lassen soziale Annäherung zwar zu, ergreifen aber von sich aus nur äußerst selten die Initiative

(soziale Passivität)

- die „Aktiven und Merkwürdigen“, nehmen selbstständig Kontakt auf- meist zu Erwachsenen- zeigen dabei aber wenig Potential ihr Verhalten den Forderungen und Gegebenheiten des Umfelds anzupassen. Durch eine umständliche Sprache und wenig Einfühlungsvermögen wirken sie oft altklug. Sie drücken selten Sympathie oder Mitgefühl aus.

(Aktiv, aber sonderbare Interaktion)

In der Wissenschaft werden heute verschiedene Arten von Autismus anhand des Zeitpunkts des Auftretens der Symptome, der kommunikativen Fähigkeiten und der Motorik der Betroffenen unterschieden. Nachzulesen sind die genauen Unterscheidungsmerkmale im ICD- 10[7] oder dem DSM- IV[8]. Daraus ergeben sich dann spezielle Störungsbilder, welche man unter verschiedenen Namen zusammenfasst. Die Bezeichnungen der verschiedenen Störungsbilder variieren in den verschiedenen Ländern.

Im deutschsprachigen Raum sind drei Diagnosearten des Autismus gebräuchlich:

- Der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Syndrom, dessen auffälligstes Merkmal neben den Verhaltensabweichungen eine stark eingeschränkte Sprachentwicklung aufgrund des frühzeitigen Auftretens ist. Motorische Beeinträchtigungen sind hier nur bei Kombination mit weiteren Behinderungen anzutreffen. Die Intelligenz der Betroffenen wird häufig als geistig behindert eingestuft, es gibt aber auch solche mit durchschnittlicher und hoher Intelligenz. Im Verhältnis gibt es viermal mehr männliche Betroffene, als weibliche. Diese sind aber oftmals sehr viel stärker eingeschränkt.

Im englischsprachigen Raum wird dieses Störungsbild nochmals anhand der Intelligenz unterschieden. So ergibt sich hier der Gebrauch der Ausdrücke „Low - Functioning – Autism“ (LFA) und „High - Functioning – Autism“ (HFA).

- Atypischer Autismus erfüllt nicht alle Diagnosekriterien des frühkindlichen Autismus oder zeigt sich erst nach dem dritten Lebensjahr, daher wird er als spezielle Variante behandelt.

- Das Asperger-Syndrom stellt sich im Unterschied zum Kanner - Syndrom vor allem mit einer dem Alter entsprechenden Sprachentwicklung dar. Die Betroffenen sprechen normal. Erste Auffälligkeiten treten auch hier erst ab etwa dem dritten Lebensjahr auf. Menschen mit Asperger-Syndrom sind häufig motorisch ungeschickt, ihnen ist ebenfalls die typische soziale Scheu anzumerken. Die meisten vom Asperger - Syndrom betroffenen Menschen sind durchschnittlich intelligent, aber auch hier gibt es Varianten hin zu geistiger Behinderung und zu Hochbegabung. Innerhalb dieser Beeinträchtigung kann man das Verhältnis der Betroffenen bezüglich männlich - weiblich bis auf 8:1 anheben.

Wenn man nun diese Störungsbilder den zuvor genannten Einteilungen zuführt, ergibt sich das Bild, dass die meisten Autisten mit Kanner - Syndrom den „Fernen“ zugeordnet werden müssen, während Asperger-Autisten meist zu den „Passiven“ oder auch „Aktiven und Merkwürdigen“ zählen. Betroffene die dem atypischen Autismus zugeordnet werden können alle drei Ausprägungen zeigen.

Frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger-Autismus werden nach dem DSM-IV streng getrennt und deutlich von einander abgegrenzt. Die Diagnosekriterien verlangen eine deutliche Merkmalerkennung. Oftmals ist dies im alltäglichen Leben nicht möglich ist.

2.2 Ursachen

Es gibt einige interessante Ansätze bezüglich der Ursachen der autistischen Beein-trächtigung allgemein, wie z.B. die Störung von bestimmten Hirnregionen oder auch eine genetische Veränderung, die zu den bereits erläuterten Verhaltensänderungen und Merkmalen der Beeinträchtigung führen können.

Man kann davon ausgehen, dass Autisten anders „funktionieren“ als nicht beein-trächtigte Menschen. Die Störung geht von veränderten Arbeitsweisen im Gehirn der Betroffenen aus. So verarbeiten (erkennen, bewerten etc.) sie dem Anschein nach Gesichter in Regionen des Hirns, in denen sonst Gegenstände zugeordnet und erkannt werden.[9]

Die gestörte Verarbeitung von emotionalen Signalen und verbalen Informationen lässt sich laut Hermelin[10] darauf zurückführen, dass sprachliche Äußerungen analytisch zerkleinert werden und dadurch der Gesamtzusammenhang, die „zentrale Kohärenz“ verloren geht. Er spricht von einer schwachen zentralen Kohärenz, die dadurch entstehe, dass die Aufmerksamkeit auf Einzelinformationen gelenkt werde, anstatt sie in zusammenhängende Informationen zu integrieren.

Rodier führt die unzureichende Verarbeitung von Mimik und Gestik auf eine Unterentwicklung von bestimmten Teilen des Hirns mit genau dieser Aufgabe zurück[11]. So geht man von einer deutlichen Reduzierung von speziell für das Verarbeiten von gehörten Informationen ausgelegten Nervenzellen aus, die dazu führe, dass es erheblich länger dauere, bis eine Reaktion auf etwas Gesagtes folge.[12]

Durch die Veränderung bzw. Nicht - Entwicklung der „Theory of mind“[13] [14] ist nach Baron - Chohen und Swettenham anzunehmen, dass Autisten davon ausgehen, dass das Teilen einer speziellen gemeinsamen Situation auch dazu führe, dass alle Anwesenden die selben Gedanken, Absichten und Einstellungen sowie den gleichen Wissensstand haben.[15]

Der neuste Ansatz, eine Erklärung für das auffällige Verhalten zu finden, wird erst seit kurzem verfolgt. Vor zwei Jahren (2006) haben Rizzolatti et al.[16] eine neue Art von Nerven im Hirn des Menschen nachgewiesen: die Spiegelneurone. Deren Arbeit bestehe in erster Linie darin, wahrgenommene Handlungen im Umfeld der Person zu erkennen und zu bewerten. Die Wertung nach Wichtigkeit der Handlung entstehe dabei aus einer Fülle tradierter und im Unterbewusstsein gespeicherter lebenswichtiger Szenen und Handlungen, mit welchen das Wahrgenommene abgeglichen werde. Durch sie ist es einer Person möglich, nur anhand einzelner Sequenzen ganze Handlungsabläufe zu erkennen und sie in ihrer evolutionären Wichtigkeit zu erfassen.

Durch verschiedene Untersuchungen konnten Rizzoplatti et al. den Sitz dieser Neurone in verschiedenen Regionen des Hirns nachweisen, welche genau den für Autisten nicht oder mangelhaft durchgeführten Verhaltensweisen und Merkmalen der Störung entsprechen. So findet man sie in den Arealen des Hirns, in welchen das Verständnis von Intentionen und von Emotionen, der Sprachgebrauch u. ä. verarbeitet wird.

Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass diese Nervenzellen bei Autisten im Gegensatz zum gesunden/nicht beeinträchtigten Menschen nicht richtig funktionieren. Bei gesunden Menschen kann man die Abgabe eines elektrischen Reizes dieser Zellen nachweisen, wenn eine Handlung beobachtet wird sowie wenn sie durch die Person durchgeführt wird. Bei autistisch beeinträchtigten Personen findet diese Abgabe nur statt, wenn die Person die Aktion selbst durchführt. Es scheint also erwiesen, dass eine Fehlfunktion der Spiegelneurone - es kommt zu keiner Spiegelung - Teil der Ursache der Verhaltensauffälligkeiten von autistisch beeinträchtigten Menschen ist.

Durch diese Erkenntnis wäre es das erste Mal seit Beginn der Ursachenforschung bezüglich des Autismus möglich, die sehr unterschiedlichen Veränderungen in Sprache, Exekutive, Empathie und Intuition einer Ursache zuzuschreiben bzw. aus einer Fehlfunktion abzuleiten.

Diese und die anderen beschriebenen Ursachen sind einige von vielen Möglichkeiten, wie es zu dem Bild des Autismus kommen kann. Sie alle sind jedoch noch nicht als die Ursache zu betiteln. Es ist davon auszugehen, dass Autismus multifaktoriell ist. Daher wird die Störung auch bisher anhand des Verhaltens der Betroffenen beurteilt und diagnostiziert und nicht durch Zuhilfenahme von Ursachen wie etwa Neuropathologie, Entwicklungsverlauf und Reaktionen auf Behandlungen.

Fest steht bisher nur, dass die autistische Beeinträchtigung nicht, wie in früheren Jahren angenommen, durch eine schlechte Kindererziehung - also durch „schlechte Eltern“ - zu Stande kommt. Diese sind eindeutig von jeder Schuld freizusprechen.

2.3 Das Asperger- Syndrom

Da die meisten Autisten, die den Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung und eventuell im Anschluss daran in eine Anstellung in einem Betrieb erreichen, durch Asperger - Autismus beeinträchtigt sind, gehe ich hier noch einmal genauer auf diese Form der Störung ein.

Die Diagnose des Asperger - Syndroms wird oft erst sehr verspätet gestellt, da schon der Autismus als solcher bei Fachleuten (z.B. Kinderärzten) nicht hinreichend bekannt ist. Diese spezielle Form der Beeinträchtigung ist durch die ihr eigenen Merkmale um so schwieriger zu erkennen.

Schon die altersgemäß oder auch weit entwickelte Sprache der Kinder lässt viele Ärzte nicht an die Möglichkeit einer autistischen Beeinträchtigung denken, da die bekannten Merkmale des Autismus mit denen des Kanner-Syndroms gleichzusetzen sind. Die selbstständige soziale Ausgrenzung der Betroffenen und die Stereotypien, die Autisten oftmals stundenlang ausüben, sind die Merkmale die man kennt. Spezielle Variationen und Untergruppen, welche ebenfalls zu der Diagnose Autismus gehören, sind dagegen eher unbekannt.

Frei nach den im DSM – IV - TR genannten Forschungskriterien möchte ich nochmals alle Auffälligkeiten des Asperger - Syndroms geordnet nach „Wings Triade“ zusammenfassen und die daraus resultierenden Besonderheiten kurz darstellen.[17]

2.3.1 Qualitative Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen

Beziehungen

- So genannte Asperger - Autisten zeichnen sich ebenso wie Kanner - Autisten durch deutliche qualitative Abweichungen in sozialen Kontakten aus. Sie unterbinden teilweise den Augenkontakt und wirken desinteressiert.

- Durch ihr mangelndes Einfühlungsvermögen wirken die Betroffenen oft brüsk oder egoistisch. Dies wird zusätzlich durch das fehlende Verständnis und unangemessene Einschätzen von sozialen Situationen verstärkt.

- Asperger - Autisten sind meist nicht in der Lage, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Sie knüpfen zwar auf ihre individuelle Art Kontakte, sind dabei aber häufig auf Erwachsene in ihrem Umfeld festgelegt. Man kann eine extreme Scheu vor anderen wie auch sehr ungewöhnliche Wege der Kontaktaufnahme beobachten.

- Die mangelhafte Wahrnehmung und Einschätzung der eigenen Gefühle und der inneren Befindlichkeit sowie das Fehlen jeglicher Äußerung in Wort, Gestik und Mimik trotz intensiv erlebter Gefühle können zu Fehleinschätzungen und dadurch zu heftigen Reaktionen von Seiten des Autisten führen.

- Einige autistisch beeinträchtigte Menschen weisen ein stark beeinträchtigtes oder vollkommen fehlendes Nachahmungsverhalten auf, wodurch sie in sozialen Situationen und auch in der Arbeitswelt häufiger auf Unverständnis stoßen.

2.3.2 Qualitative Beeinträchtigung der verbalen und non - verbalen Kommunikation und der Phantasie

- Der wichtigste Unterschied, den man zwischen Kanner-Autisten (frühkindlich) und Asperger - Autisten erkennen kann, ist die meist fleißende, normal bis weit entwickelte, teils stark ausformulierte Sprache der Asperger-Autisten im Gegensatz zu einer deutlichen Sprachentwicklungsverzögerung bis hin zum Verstummen als Teil des Kanner-Syndroms.

Dennoch können auch Menschen mit dem Asperger - Syndrom deutliche Probleme bei der Verständigung haben, da die Sprache zwar im Wort beherrscht und verstanden wird, die Fähigkeit, sie an soziale Zusammenhänge anzupassen und die feinen Nuancen zu verstehen, aber oftmals fehlt.

- Autisten können sich durch das Formen von klar zu verstehenden Sätzen mitteilen, der Tonfall, die Tonhöhe, Lautstärke und Geschwindigkeit der Sprache sowie die Körperbewegung, die Mimik und die Gebärden des Betroffenen passen jedoch meist nicht zu dem Gesagten. Auch die Wahl des Gesprächsthemas erscheint oftmals völlig fehl. Dies, so wird angenommen, liegt an einem verstärken Haften an den eigenen Gedanken, die einen Wechsel hin zu einem durch andere gewählten Gesprächsthema nur schwer zulassen.

- Verbunden mit den oben genannten Einschränkungen von Gestik und Mimik zählt zum Bild der Asperger - Störung auch eine deutlich erkennbare motorische Ungeschicklichkeit, welche aber nicht immer anzutreffen ist.

2.3.3 Eingeschränktes Repertoire und Interessen

- Betroffenen mit dem Asperger - Syndrom ist meist ein begrenztes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire an Interessen und Aktivitäten eigen.

- Es kann vorkommen, dass sie sehr stark auf Veränderungen in ihrer Umgebung z.B. in der Werkstatt oder in ihrer Wohnung etc. reagieren. Durch die ihnen bekannte Welt ist keine Gefahr gegeben. Eine Veränderung bringt neue Möglichkeiten eines Überblickverlusts mit sich, der speziell bei intelligenten Autisten sehr bedrohlich wirken kann. So können auch Veränderungen in Abläufen, wie z.B. des Essenholens o. ä. zu heftigen Reaktionen führen.

- Die lebenspraktischen Fähigkeiten der Betroffenen sind oft deutlich eingeschränkt, was sich unter anderem durch einen unkontrollierten Umgang mit Geld oder auch die mangelnde Fähigkeit eigene Erkrankungen und Störungen einzuschätzen widerspiegelt.

Es ist nicht klar, ob im Gegensatz zu dem Kanner - Syndrom das Asperger - Syndrom mit einer normalen Intelligenz einhergeht.[18] Fakt ist, dass die Asperger - Autisten sehr viel häufiger eine normale Intelligenz aufweisen, als Menschen mit frühkindlichem Autismus, wodurch jene ein grundlegendes Potential zur beruflichen Förderung vorweisen.

Da Autismus als solcher noch nicht hinreichend erforscht ist, ist die Klassifizierung in unterschiedliche Syndrome als eine vorläufige, eventuell unvollständige, noch erweiterbare Liste, anzusehen. Diese Erweiterung könnte z.B. dann geschehen, wenn neue deutliche Unterscheidungsmerkmale zwischen „high – funkioning - autism“ und Asperger gefunden werden sollten[19]. Schritte in diese Richtung unternahmen Ozonoff u. a. 1991.[20] Sie fanden deutlich ungleiche Fähigkeitsprofile bei Personen mit Asperger - Autismus im Vergleich zu Personen mit HFA. Durch eine Abgrenzung als einzelne Syndrome wäre ein besserer Umgang im Gesundheitssystem und eine verstärkte Förderung speziell dieser Gruppen leichter zu erreichen.

Das Auftreten der spezifischen Symptome des Asperger - Autismus ist nicht an ein spezielles Alter geknüpft, häufig wird es aber nach den ersten drei Lebensjahren beobachtet. Der durch die Störung eingetretene Zustand verändert sich in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter nicht wesentlich. Es kann sich der Schwerpunkt der Beeinträchtigung verschieben. Trotz dieser Beeinträchtigungen sind die Betroffenen, im Gegensatz zu Menschen mit dem Kanner - Syndrom, aber in der Lage lebenspraktische Dinge zu erlernen und je nach Schwere der Störung ein relativ eigenständiges Leben zu führen. Eingeschränkt sind sie hierbei vor allem durch ihr individuelles Unverständnis von Regeln des sozialen Miteinanders, welche kulturell tradierte, auf Erfahrung beruhende Verhaltensweisen sind, die sich bei gesunden Kindern im Laufe des Heranwachsens erschließen. Durch die Teilnahme an vielen verschiedenen sozialen Situationen erkennen diese, was wann gesagt und gemacht werden darf und was besser unterlassen werden sollte.

Dieses Verständnis ist bei autistisch veranlagten Menschen nicht vorhanden. Sie sind sehr schnell damit überfordert, herauszufinden, was nun in bestimmten Situationen richtig oder falsch ist. Da Situationen flexibel sind und auch das Verhalten keinen absoluten Gesetzen folgt, sondern viel mehr Richtlinien an denen das Getane orientiert werden sollte, müssen Autisten auf Ihrem Weg sich in die Gesellschaft zu integrieren sehr viel mehr leisten als ihre nichtautistischen Mitmenschen.

2.4 Häufigkeit in Deutschland

Die autistische Lebenserschwernis ist, wenn man sich das gesamte Spektrum der möglichen Störungen vor Augen hält, in Deutschland nicht so selten, wie man erst annehmen könnte. Auf der Grundlage von im Ausland durchgeführten Untersuchungen und der Bevölkerungsstruktur Deutschlands lässt sich errechnen, dass etwa fünf von 10.000 Personen durch den frühkindlichen Autismus beeinträchtigt sind. Berücksichtigt man alle Formen der Beeinträchtigung, so steigt diese Zahl auf 60 Betroffene pro 10.000 Einwohner. Von diesen Beeinträchtigten lassen sich dann etwa 30 speziell dem Kanner- oder Asperger - Syndrom zuordnen.[21] Man kann in Deutschland von etwa 230.000 Menschen mit der Kernsymptomatik des autistischen Syndroms ausgehen.[22]

Autismus ist keine schicht-, milieu- oder altersspezifische Erscheinung. Da die Verhaltensstörung aber teilweise sehr speziell und noch nicht allzu lange bekannt ist, muss man von einer recht großen Dunkelziffer in Hinsicht auf erwachsene Autisten ausgehen, da diese oftmals falsch diagnostiziert, in entsprechenden Einrichtungen leben.

Im Verhältnis kommen geringfügigere Beeinträchtigungen wesentlich häufiger als der frühkindliche Autismus vor. Da der Asperger - Autismus aber nicht schon bei Geburt ersichtlich, eine Registrierung der Betroffenen also schwierig ist, lässt sich schwer nachvollziehen wie viele Menschen in Deutschland aufgrund von Asperger - Autismus nicht in der Lage sind einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

3.0 Die Arbeitswelt

3.1 Die Bedeutung der Erwerbsarbeit

Die Bedeutung, die der Arbeit – insbesondere der beruflichen Erwerbsarbeit[23] – im menschlichen Leben ganz allgemein zukommt, basiert auf einer Reihe positiver Effekte und Funktionen, die sie auf den verschiedensten Ebenen erfüllt.

Auf der materiellen Ebene gewährleistet Erwerbseinkommen die selbständige Sicherung des Lebensunterhalts, unabhängig von staatlicher Unterstützung, und ermöglicht ein individuell gestaltetes Leben. Innerhalb einer konsumorientierten Gesellschaft stellt dies eine Grundvoraussetzung zur Teilnahme an gesellschaftlichen Teilbereichen dar.[24]

Auf der Ebene des Individuums dient die berufliche Beschäftigung dem Erhalt grundlegender Fähigkeiten wie Wahrnehmungs- und Auffassungsfähigkeit, Konzentration, Ausdauer oder zielgerichtetem, ergebnisorientiertem Handeln. Sie verlangt die Fähigkeit zu Kommunikation und sozialem Verhalten, die Auseinandersetzung mit äußeren Erwartungen und der eigenen Leistungsfähigkeit und die Übernahme von Verantwortung. Der Wechsel von Arbeitszeit und Freizeit strukturiert den Zeitablauf, das Gefühl von Nützlichkeit steigert das Selbstwertgefühl, Status und Identität des Individuums werden dadurch wesentlich mitbestimmt.[25]

Auf der sozialen Ebene eröffnet Berufstätigkeit Möglichkeiten der Teilhabe in der Gesellschaft, vermittelt Kontakte in einem durch den Beruf definierten Raum und erweitert das Spektrum sozialer Rollen, die das Individuum im Rahmen seines Lebensumfeldes einnimmt. Sie hilft dem Individuum eine eigene Identität aufzubauen.[26]

Die hier skizzierten Funktionen sind generell mit Erwerbsarbeit verbunden; Für Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sind, arbeitslos wurden oder noch nie einen Beruf ausübten, sind einzelne Effekte jedoch besonders bedeutsam:

Die (Wieder- ) Eingliederung in die Arbeitswelt ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Nicht - Beeinträchtigten und fördert damit die soziale Integration. Sie erweitert das Spektrum zur Übernahme verschiedener Rollen; Zur eher negativ besetzten Rolle des „Patienten“ kommt die als positiv empfundene Rolle des „Arbeitnehmers“, der sich in der Erwerbsarbeit selbst verwirklichen kann.[27]

Die oben dargestellten Wirkungen im persönlichen, gesellschaftlichen und materiellen Bereich sind gerade bei Menschen mit autistischer Störung sehr wichtig für deren Entwicklung und Sicherung ihres Selbstwertgefühls und ihrer sozialen Kompetenz. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die berufliche Integration dieser Klientel in den allgemeinen Arbeitsmarkt oder gegebenenfalls die Beschäftigung im Rahmen teilgeschützter[28] und geschützter[29] Arbeitsverhältnisse ein zentrales Ziel rehabilitativer Maßnahmen darstellen muss.

3.2 Der Übergang in die Arbeitswelt

Einen eigenen Arbeitsplatz wahrzunehmen und die damit verbundenen Effekte nutzen zu können und mehr noch ein nun vollwertiger Teil der Gesellschaft zu sein, ist das Bestreben, welches die meisten Jugendlichen antreibt einen Arbeitsplatz zu erlangen. Wie alle Jugendlichen suchen auch beeinträchtigte Jugendlichen nach einem Weg sich selbst zu verwirklichen.[30] Autistisch veranlagte Jugendliche haben es gerade hier durch die oft vorhandene Ich - Schwäche und die bereits erwähnte partielle Orientierungslosigkeit in der Lebenswelt zusätzlich schwer, sich die nun erforderliche neue Identität aufzubauen. Um diesen Schritt zu erleichtern und Möglichkeiten der Orientierung zu schaffen, ist es wichtig, dass schon in der Schule entsprechend strukturierte Angebote vorhanden sind, welche es ermöglichen, die verschiedensten Schwächen abzufedern. Sie sollen helfen z.B. das eigene Selbst zu stärken, die Struktur der Welt und die Bedeutung der Arbeit zu erkennen und zu verstehen, ein Lebenszutrauen zu entwickeln, soziale Schlüsselqualifikationen zu erwerben und dem selbstständigen Leben positiv entgegen zu sehen.[31] Wichtig dabei ist, dass Unsicherheiten und auch Risiken realistisch und nicht beschönigend dargestellt werden und Wege der Bewältigung aufgezeigt werden.

Eine Möglichkeit, den ersten Kontakt zur Arbeitswelt schon während der Schulzeit herzustellen, bietet für alle Schülerinnen und Schüler das Betriebspraktikum. Dieses weist einige wichtige Parallelen zu der später dargestellten Berufsvorbereitenden Bildung, sowie anderen Möglichkeiten der beeinträchtigen Jugendlichen, auf. Es lässt sich ein erster Eindruck der sich verändernden Sozialstruktur in Arbeits- und Wirtschaftswelt aufzeigen, Einblicke in betriebliche Abläufe geben, der unmittelbare Kontakt zur Praxis herstellen, Lebensnähe vermitteln und über Berufsinhalte aufklären. Das Praktikum hilft, den ersten „Praxisschock“ zu verarbeiten und auch die Berufsfindung zu erleichtern. Durch das Praktikum lassen sich Kontakte der Arbeitskräfte von morgen mit deren potentiellen Arbeitsplätzen herstellen und festigen. Für beeinträchtigte Jugendliche bietet ich hier eine gute Möglichkeit eventuelle Vorurteile abbauen.

4.0 Menschen mit autistischen Lebenserschwernissen am ersten Arbeitsmarkt

Der erste Arbeitsmarkt, das heißt der Einstieg in die Erwerbsarbeit ohne begleitende Fördermaßnahmen oder staatliche Unterstützung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, steht nur wenigen beeinträchtigten Mitmenschen zur Verfügung. Dies liegt zum einen an den individuellen Beeinträchtigungen und daraus resultierenden Schwierigkeiten im Alltag, zum anderen an den Anforderungen der Arbeitsplätze.

Die verschiedenen Möglichkeiten, die sich den Betroffenen bieten, um ihre Fähigkeiten den Erfordernissen des allgemeinen Arbeitsmarktes[32] anzugleichen sowie die Fördermöglichkeiten[33] während der Vorbereitung auf einen Arbeitsplatz werden hier dargestellt. Durch sie wird der Grundstein dafür gelegt, dass ein Mensch mit autistischer Lebenseinschränkung einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden und wahrnehmen kann.

4.1 Die aktuelle Situation der Autisten

Menschen mit dem Asperger - Syndrom sind durch eine ihren Bedürfnissen entsprechende Gestaltung des Arbeitsplatzes und ebenfalls ihren Fähigkeiten entsprechende Auswahl der Arbeitsaufgaben oftmals in der Lage, bestimmte Arbeiten sogar besser zu verrichten als ein nicht beeinträchtigter Mitarbeiter. Dennoch und auf Grund des fehlenden Wissens der Unternehmen sind zurzeit nur etwa 5 % unter den Asperger - und High – Functioning - Autisten trotz teilweise guter Schul - und Ausbildungsabschlüsse im ersten Arbeitsmarkt integriert. 65 % der Betroffenen arbeiten in einer Werkstatt für beeinträchtigte Menschen (WfbM) und etwa 30 %, hierunter auch solche mit mittleren und höheren Schulabschlüssen, sind arbeitslos und/oder leben von Sozialhilfe. In anderen europäischen Ländern und den USA ist die Zahl der im ersten Arbeitsmarkt beschäftigten Autisten drei- bis viermal so hoch. Es sollte auch in Deutschland möglich sein, bis zu 20% der Beeinträchtigten durch die richtige Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen.[34]

Am 01.01.2000 wurde das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter (SchwbBAG) eingeführt[35], welches Unternehmen vor die Wahl stellt ab einer Größe von 30 Mitarbeitern entweder 5% anteilig beeinträchtige Menschen zu beschäftigen oder Ausgleichsabgaben an die Integrationsämter zu entrichten. Die so erwirkte zusätzliche Bereitstellung von Arbeitsplätzen für Beeinträchtigte wurde in erster Linie für Körperbehinderte spürbar, da Unternehmen davon ausgehen, dass jene geistig voll einsatzfähig sein würden. Die Situation geistig beeinträchtigter, also auch autistischer Arbeitnehmer wurde kaum verändert. Ansätze hierfür sind durch die verbesserten Möglichkeiten und die nun forcierte Ausbildung in Berufsbildungswerken (BBWen) gegeben.

Durch die Einführung des persönliche Budgets zum 01.01. 2008, die Möglichkeit der Rehabilitanden, einzelne Leistungen auch in Form von Geld in Anspruch zu nehmen, wodurch das Wunsch- und Wahlrecht beeinträchtigter Menschen gestärkt werden soll, wird sich die aktuelle Situation nochmals verändern.

Möglichkeiten der beruflichen und sozialen Integration von autistisch beeinträchtigten Menschen [36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2 Möglichkeiten zur Erreichung des allgemeinen Arbeitsmarktes für autistische junge Menschen in Deutschland.

Innerhalb Deutschlands gibt es für autistische Jugendliche verschiedene Möglichkeiten eine berufliche Ausbildung wahrzunehmen. Diese sind nicht auf die Werkstatt für beeinträchtigte Menschen (WfbM) und das Berufsbildungswerk (BBW) beschränkt. Je nach Bildungsstand ist es den Klienten ebenfalls möglich durch weitere Angebote, wie z.B. länger andauernde Förderprogramme mit anschließendem Übergang in eine Ausbildung, eine Vorförderstufe zu durchlaufen oder auch unmittelbar eine Ausbildung in der freien Wirtschaft zu machen und im Anschluss daran je nach Fähigkeiten einen geschützten, teilgeschützten oder auch freien Arbeitsplatz anzutreten.[37] Die meist genutzte Variante ist die WfbM, die Maßnahme mit den meisten Erfolgsaussichten das BBW.

Die berufliche und soziale Integration kann, wie auf der vorherigen Seite ersichtlich, erlangt werden durch

- die Förderung in Berufsbildungswerken mit anschließendem Übergang in Ausbildung und Beruf,
- die Förderung sowie Arbeit in Werkstätten für beeinträchtigte Menschen,
- Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke und beeinträchtigte Menschen,
- Berufliche Trainingszentren,
- die Belegung eines freien oder teilgeschützten Arbeitsplatzes auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (meist Nischenarbeitsplätze),
- spezielle Formen von Arbeitsplätzen, die individuell zu besetzen wären,
- Integrationsfachdienste

4.2.1 Die Förderung von autistisch beeinträchtigten Menschen in Berufs-bildungswerken

Berufsbildungswerke sind überbetriebliche Einrichtungen zur beruflichen Erstausbildung beeinträchtigter Jugendlicher. Neben Menschen mit verschiedenen anderen Beeinträchtigungen werden in einigen BBWen schon seit 1993 vereinzelt autistisch gestörte Menschen auf die Teilnahme am Arbeitsmarkt vorbereitet. In 28 von 47 existierenden BBWen in Deutschland wurden seit 1996[38] insgesamt über 160 Autisten ausgebildet[39]. Dies gestaltete sich oft sehr schwierig, da über die Störung und damit auch den Umgang mit Betroffenen noch nicht all zu viel bekannt war und die Rehabilitanden durch ihr auffälliges Verhalten zusätzliche Erschwernisse für die Trainer darstellten. Nicht selten kam es vor, dass ein BBW, welches sich an der Ausbildung eines autistisch veranlagten Menschen probierte, weitere Aufnahmen dieser Klientel ablehnte, da die gemachten Erfahrungen sehr negativ waren.

Der Berufsbildungsausschuss des Bundesverbandes „Hilfe für das autistische Kind“ unterbreitete 1993 einige Vorschläge zur Verbesserung der Situation, welche in den darauffolgenden Jahren zum Großteil Anwendung fanden.

Der im BBW ansässige Fachdienst wurde mit neu entwickelten Diagnostikhilfsmitteln ausgestattet, um eine differenziertere Beurteilung der Symptomatik der meist durch das Arbeitsamt und ohne klare Diagnose vermittelten Rehabilitanden vornehmen zu können. Auch heute wird noch jeder zweite Rehabilitand erst im BBW klar eingestuft und erst dort entsprechende Fördermaßnahmen seinen Bedürfnissen entsprechend festgelegt.

Es ist auffallend, dass sehr viele (ca.3/4) der an der Förderung in einem BBW interessierten autistisch veranlagten Jugendlichen mittlere und höhere Schulabschlüsse vorweisen können und über einen überdurchschnittlichen Arbeitseifer verfügen. Daher können die meisten von ihnen in regulären Ausbildungsgängen ausgebildet werden, was die Vermittlung der Beeinträchtigten in eine adäquate berufliche Tätigkeit anschließt. Jene vermittelten werden seit kurzer Zeit zudem nachbetreut.

Um auch die leistungsschwächeren autistischen jugendlichen Interessenten aufnehmen zu können, wurden die Lernorte differenziert und die Rahmenbedingungen sowie die sozialpädagogische Betreuung individualisiert. Parallel dazu fand eine Veränderung der Aufnahmeverfahren, die Erstellung eines individuellen Rehabilitationsplanes, die Modifizierung der Ausbildungsinhalte und –methoden und eine Intensivierung der Begleitung während und nach der Ausbildung in den BBWen statt, so dass die Rehabilitanden dort angemessen gefördert werden können. Durch die Verlängerung einer berufsvorbereitenden Maßnahme über verschiedene Zeitspannen stellt sich eine weitere Möglichkeit dar, wie man den autistisch beeinträchtigten Jugendlichen durch Veränderungen der Rahmenbedingungen, hier in Bezug auf ihre Lerngeschwindigkeit, entgegenkommen kann.

Im Schaubild lassen sich die Möglichkeiten der autistisch beeinträchtigen Jugendlichen in Berufsbildungswerken erkennen und potentielle Wege nachvollziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[40]

Durch die Veränderungen der Ausbildungsbedingungen innerhalb der BBWe konnte man erreichen, dass die dortigen Betreuer der Ausbildung eines durch Autismus betroffenen Menschen positiv entgegensehen und mit dem Wissen um Symptomatik, unterstützende Einrichtungen und sinnvolle Konzepte so eine bessere Förderung geschehen kann. Diese wurde zusätzlich untermauert durch die Einführung des Fachdienstes Autismus, welcher sich in erster Linie mit der Betreuung von Jugendlichen mit dieser Störung befasst und im Hintergrund agierend auch kooperierende Netzwerke bereitstellt.

Nicht nur innerhalb der Ausbildung im BBW wurden die Rahmengegebenheiten verändert, auch die Möglichkeiten einer Unterkunft wurden den Bedürfnissen angepasst. So werden bei Bedarf Wohngruppen verkleinert um eine individuellere Betreuung, in begründeten Fällen auch Einzelwohnen und Einzelbetreuung, gewährleisten zu können. Gruppen in Internaten sollten nicht mehr als 5-6 Bewohner mit einem Betreuungsschlüssel von etwa 1:2 beinhalten.

Weiter wurden Angebote entwickelt, die es ermöglichen, die eventuellen Probleme im Alltag strukturiert und regelmäßig in der Gruppe aufzuarbeiten.

4.2.2 Autistisch beeinträchtigte Menschen in der WfbM

Die WfbM ist im Gegensatz zum BBW eine Einrichtung, die auch mit den beeinträchtigten Menschen wirtschaftlich arbeiten muss. Dennoch stellt sie eine Möglichkeit für Menschen mit autistischer Lebensbeeinträchtigung dar, welche auf Grund der Schwere ihrer Störung noch keinen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wahrnehmen können oder aus gleichem Grund noch nicht für die Ausbildung in einem BBW geeignet sind. Sie können in der Werkstatt für beeinträchtigte Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden und dort einer entsprechenden Arbeit nachgehen.[41]

Die Integration von Menschen mit autistischer Beeinträchtigung in den Betrieb der WfbM gestaltet sich nicht immer leicht, da die dortigen Umstände sich nicht genügend ihren Ansprüchen anpassen lassen. So kommt es, dass etwa 50 bis 60% der Betroffenen innerhalb der WfbM von Arbeitsbereich zu Arbeitsbereich weitergegeben werden, da sie in einem speziellen Bereich nicht voll integriert werden können.

Viele Menschen mit ASD (Autistic Spectrum Defizit) scheitern schon am Aufnahmeverfahren der WfbM, ihnen wird auf Grund ihrer Beeinträchtigung eine Werkstattunfähigkeit ausgesprochen. Die in Werkstätten oft kritisch gesehenen Exklusivkriterien, nach denen autistisch veranlagte Menschen begutachtet werden, sind selten der Grund für einen Ausschluss. Viel mehr die gesteigerte Wahrscheinlichkeit eventueller Selbst- und Fremdgefährdung durch die Verhaltensauffälligkeiten (Stereotypien, Aggressionen etc.) und der zusätzliche Aufwand an Betreuung, sofern diese im Arbeitsalltag notwendig sein sollte. Daher werden sie häufig aus wirtschaftlichen und sicherheitstechnischen Gründen nicht zugelassen. Dies kann auch nach Durchlaufen des Eingangsverfahrens noch der Fall sein, so dass sie vermehrt in Tagesförderstätten oder den Förderbereich der Werkstätten geschickt werden.

Möglichkeiten in der WfbM [42]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Integration von autistisch veranlagten Menschen setzt eine hohe Toleranz gegenüber Besonderheiten, individuellen Grenzen und besonderen Lern- und Arbeitsbedingungen durch die Beeinträchtigten und Mitarbeiter in einer WfbM voraus. “Ohne die Bereitschaft des Trägers und der Mitarbeiter individuelle und flexible Maßnahmen bei der beruflichen Förderung zu akzeptieren ist eine Werkstatteingliederung kaum machbar.“[43]

[...]


[1] Aus: Autistische Menschen verstehen lernen II, 1998, S.1

[2] Vgl. Jacobs, 2005, S. 5

[3] Vgl. Wing Gould 1979

[4] Vgl. Wing Gould 1979

[5] Aus: Hinweise zum Umgang …,2007, S. 1

[6] Vgl. Wing Attwood 1987 S. 12

[7] Vgl. ICD-10

[8] Vgl. DSM-IV-TR

[9] Vgl. Steindahl, 2000

[10] Vgl. Hermelin, 2002

[11] Vgl. Rodier, 2000

[12] Vgl. Poustka, 1997

[13] Siehe auch „Besonderheiten im Umgang“, 2008, Anhang

[14] Vgl. Frith, 1992

[15] Vgl. Baron - Chohen, 2003

[16] Vgl. Dalferth, 2007

[17] Vgl. DSM – IV - TR Seite 57 ff 299.00 (F84.0) und 299.80 (F84.9)

[18] Vgl. Steindahl 2000, S. 15

[19] Aus: Hinweise zum Umgang…

[20] Vgl. Steindahl, K., S. 50

[21] Vgl. Frombonne, 2003, S. 372

[22] Vgl. Dalferth, 2007 S. 24.

[23] Zu sehen in Abgrenzung zu allen anderen Formen der Arbeit, welche mit keinem Einkommen

verbunden sind, z. B. ehrenamtliche Arbeit oder Hausarbeit

[24] Vgl: Lucia Stanko 1997

[25] Vgl: Lucia Stanko 1997

[26] Vgl: Lucia Stanko 1997 S. 67

[27] Vgl: Lucia Stanko 1997 S. 73

[28] betreut aber außerhalb von festen Institutionen

[29] Innerhalb der WfbM o. ä.

[30] Vgl. Fischer, A.1997

[31] Vgl. Jacobs, K. 2004

[32] Hier ist jetzt der Arbeitsmarkt an sich gemeint, welcher auch mit Förderungen und

Unterstützungen von außen erreicht werden kann.

[33] Siehe auch Kap. 5.2

[34] Vgl. Doose, St., 1999

[35] Vgl. SchwbBAG

[36] Abbildung 1

[37] Siehe auch Schaubild S. 20

[38] Die Werte beginnen erst ab 1996, da die Quelle erst ab diesem Zeitpunkt Daten zur Verfügung

stellt.

[39] Vgl. Experteninterview F. Baumgartner

[40] Abbildung 2

[41] Vgl. §54, SchwbG

[42] Abbildung 3

[43] Berufliche Integration S. 26

Details

Seiten
182
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836626682
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226602
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
autismus arbeitsmarkt störung behinderung asperger

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Titel: Junge Menschen mit Autismus auf dem Qualifizierungsweg in die Arbeitswelt