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Yan Fu (1854-1921)

Übersetzung und Moderne

Doktorarbeit / Dissertation 2008 194 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und definitorische Probleme
1.2 Gegenstände und Ziele der Arbeit
1.3 Aufbau und Methode

2 Leben und Werk Yan Fus
2.1 Biographie
2.1.1 Kindheit und Schulzeit (1854-1879)
2.1.2 Die vielseitige Karriere Yan Fus: vom Übersetzer zum Denker (1879-1912)
2.1.3 Spätere Jahre (1912-1921)
2.2 Die wichtigsten Übersetzungswerke Yan Fus
2.2.1 Über die Evolution (Tianyan lun)
2.2.1.1 Thomas Henry Huxley (1825-1895) – Person und Werk
2.2.1.2 Über die Evolution
2.2.2 Wohlstand der Nationen (Yuan fu)
2.2.2.1 Adam Smith (1723-1790) – Person und Werk
2.2.2.2 Wohlstand der Nationen.
2.2.3 Über die Abgrenzung der öffentlichen und persönlichen Freiheitsrechte (Qunji quanjie lun)
2.2.3.1 John Stuart Mill (1806-1873) – Person und Werk
2.2.3.2 Über die Abgrenzung der öffentlichen und persönlichen Freiheitsrechte
2.2.4 Studie der Soziologie (Qunxue yiyan)
2.2.4.1 Herbert Spencer (1820-1903) – Person und Werk
2.2.4.2 Studie der Soziologie
2.2.5 Geist der Gesetze (Fa yi)
2.2.5.1 Montesquieu (1689-1755) – Person und Werk
2.2.5.2 Geist der Gesetze
2.2.6 Mills Logik (Mule mingxue)
2.2.6.1 John Stuart Mill als Logiker und sein Werk A System of Logic
2.2.6.2 Mills Logik

3 Forschungsstand
3.1 Die Rezeption zu Lebzeiten Yan Fus
3.2 Spätere Rezeption im chinesischsprachigen Raum
3.3 Yan Fu in den Augen ausländischer Forscher

4 Yan Fu als Übersetzer und Übersetzungstheoretiker
4.1 Yan Fus Übersetzungspraxis
4.1.1 Sprache und Stil
4.1.2 Ausdruck
4.1.3 Inhalt
4.1.4 Übersetzungsschwierigkeiten
4.1.5 Methodik
4.2 Yan Fus Übersetzungstheorie
4.2.1 Ein kurzer Überblick über die Theoriegeschichte der Übersetzung in China .
4.2.1.1 Die traditionellen Übersetzungstheorien im antiken China
4.2.1.2 Die modernen Übersetzungstheorien in China
4.2.1.3 Die gegenwärtigen Übersetzungstheorien in China
4.2.2 Die Übersetzungstheorie Yan Fus
4.2.2.1 Die theoretischen Grundlagen
4.2.2.2 Drei grundsätzliche Übersetzungsprinzipien
4.2.2.3 Gültigkeit und Grenzen der Übersetzungstheorie Yan Fus
4.3 Die aktuelle Problematik der fachsprachlichen Übersetzung in China

5 Yan Fu als Denker der Aufklärung auf Chinas Weg in die Moderne
5.1 Die gesellschaftspolitischen Theorien Yan Fus
5.1.1 Kerntheorie: Evolutionstheorie
5.1.1.1 Evolutionstheorie, Darwinismus und Sozialdarwinismus
5.1.1.2 Rezeption der Evolutionstheorie in China
5.1.1.3 Yan Fus politische Theorie im Übersetzungswerk Über die Evolution
5.1.1.4 Soziale Wirkungen: Nationalismus und Szientismus
5.1.1.5 Die Verbreitung des Evolutionsgedankens in China
5.1.2 Liberalismus und Demokratie
5.1.2.1 Die Geschichte der Theorie des Liberalismus
5.1.2.2 Definition des Demokratiebegriffs
5.1.2.3 Yan Fu als „Vater des chinesischen Liberalismus“
5.1.2.3.1 Liberale Gedanken auf politischer Ebene
5.1.2.3.2 Liberale Gedanken auf ökonomischer Ebene
5.1.2.3.3 Liberale Gedanken auf ethischer Ebene
5.1.2.3.4 Liberale Gedanken Yan Fus über die Gedanken- und Redefreiheit
5.1.2.4 Die inneren Spannungen und Herausforderungen des Liberalismus und der Demokratie in China und im Westen
5.2 Die Modernisierung des chinesischen Volkscharakters durch die drei Volksideen und neue Ziele in der Erziehung
5.3 Modernisierung der chinesischen akademischen Fachwissenschaften
5.3.1 Literaturwissenschaft
5.3.2 Geschichtswissenschaft
5.3.3 Philosophie
5.3.4 Wirtschaftswissenschaft
5.3.5 Politik und Politikwissenschaft
5.3.6 Soziologie
5.3.7 Rechtswissenschaft
5.3.8 Pädagogik
5.3.9 Übersetzungswissenschaft
5.3.10 Kulturvergleich

6 Schlussbetrachtung
6.1 Versuch einer Gesamteinschätzung Yan Fus
6.1.1 Vom Positivismus bis zum Neokonservatismus
6.1.2 Widersprüchlichkeit und Relativität der Theorien Yan Fus
6.1.3 Zusammenfassung
6.2 Internationaler Forschritt und Entwicklung durch Gedankenaustausch

Literaturverzeichnis

Danksagung

Lebenslauf

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1. Der 26-jährigeYan Fu in Paris

Abb. 2. Die Marineakademie von Greenwich

Abb. 3. Nationale Nachrichten

Abb. 4. Übersetzungswerk Über die Evolution

Abb. 5. Yan Fu mit seiner Gattin Zhu Mingli

Abb. 6. Übersetzungswerk Wohlstand der Nationen

Abb. 7. Kennzeichen zum Copyright der Übersetzungswerke Yan Fus

Abb. 8. Yan Fu in seinen späteren Jahren

Abb. 9. Grab Yan Fus mit seiner ersten Gattin in Yangqi

Tabellenverzeichnis

Tab. 1. Die Hauptübersetzungswerke Yan Fus

Tab. 2. Übersetzungen der Überschriften im Vergleich mit dem Original in Überdie Soziologie

Tab. 3. Vergleich der übersetzten Temini Yan Fus und der heutigen Übersetzungen

1 Einleitung

1.1 Fragestellung und definitorische Probleme

Übersetzen wurde und wird als ein Medium zum Gedankenaustausch in verschiedensten Kulturen und Epochen thematisiert. In der chinesischen Geschichte haben wir bisher insgesamt vier Höhepunkte in der Übersetzungstätigkeit erlebt: erstens die buddhistischen Sutraübersetzungen von der Östlichen Han- (25-220) bis zur Nördlichen Song-Zeit (960-1126); zweitens die technischen und wissenschaftlichen Übersetzungen vom Ende der Ming- (1368-1644) bis zum Beginn der Qing-Zeit (1644-1911) sowie vom Ersten Opiumkrieg (1839-1842) bis zur neuen Kulturbewegung (1919), um vom Westen zu lernen; drittens die Einführung von Marxismus, Leninismus und anderer kommunistischer bzw. literarischer Werke, vorwiegend aus Russland, mittels Übersetzungen seit Beginn der neuen Kulturbewegung; viertens die vielfältigen Übersetzungen seit Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhundert bis heute.[1] Die drei letzten Höhepunkte der Übersetzungstätigkeit in China konzentrieren sich auf die letzten zweihundert Jahre. Ihr Hauptanliegen besteht darin, vom Westen zu lernen. Während dieses Entwicklungsprozesses hat sich die chinesische Gesellschaft von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft entwickelt. Dementsprechend kann man in gewissem Sinne sagen, dass die Moderne in China eine „übersetzte Moderne“ ist.

In diesem Zusammenhang soll die Moderne als erster Begriff in der vorliegenden Arbeit definiert werden. Die „Moderne“ ist bis heute ein interdisziplär umkämpftes Feld; die Pluralisierung der Semantik von „Moderne” erschwert es, sie im allgemeinen Sinne zu definieren. Häufig werden Begriffe wie „Moderne“, „Modernität”, „Modernisierung” und „Modernismus“ miteinander vermischt oder verwechselt und auf verschiedensten Gebieten angewendet. Die Moderne nur mit den Erläuterungen im Wörterbuch zu definieren, nämlich „neuzeitlich“ oder Bezeichnung des seit ca. 1890 entstandenen „Naturalismus“ als Kunstrichtung zu definieren[2], reicht offensichtlich nicht aus. Bisher haben die „Moderne“ und „Modernisierung“ in allen Künsten und Wissenschaften stattgefunden. Sozialgeschichtlich betrachtet, kann die Moderne im Westen z. B. mit der Französischen Revolution (1789-1799) oder der Aufklärung (17.-18. Jh.) beginnen.[3] Nach dem chinesischen historischen Verständnis beginnt die Moderne in China mit der chinesischen neuen Kulturbewegung (1919). Auf solche Definitionen hat die Soziologie kein Monopol. Aber worauf bezieht sich die „Moderne“ inhaltlich im Rahmen der Sozialwissenschaft? Ohne den Begriff näher zu bestimmen, ist eine allgemeine Definition nicht möglich oder sinnvoll. In China spricht man in dem Kontext eher von Modernisierung. Im Allgemeinen versteht man in China unter „Moderne“ oder „Modernisierung“ die gesellschaftliche Erneuerung im Gegensatz zur Tradition in der Antike. Aber die Erneuerung hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Die Auffassung von Max Weber (1864-1920) über den modernen Staat erscheint plausibel und logisch. In seiner Herrschaftssoziologie, vornehmlich in Wirtschaft und Gesellschaft, vertritt er die These, dass der moderne Staat rational ist. Für den einheitlich normativen Begriff von „Moderne“ kann die Gleichsetzung mit westlicher neuzeitlicher Rationaliät nach Max Weber stehen. Ein evolutionstheoretisch verallgemeinerter Begriff von „Modernisierung“ hat in den Geschichts- und Sozialwissenschaften weitgehend die Orientierung am Weberschen Moderne-Begriff ersetzt.[4] Der Begriff „Moderne“ stammt aus dem Westen, dementsprechend sollte sich die Definition für die Moderne in China auch am Weberschen Moderne-Begriff orientieren. In diesem Kontext bezieht sich die Moderne nach Ansicht der Verfasserin für China im Rahmen der Geschichts- und Sozialwissenschaft ebenfalls im gleichen Sinne wie im Westen auf die Rationalität einer Gesellschaft in der neuzeitlichen Zivilisationsentwicklung, im Gegensatz zur Tradition in der Antike.

An dieser Stelle sind definitorische Probleme in Bezug auf andere Begriffe, z. B. Freiheit, Liberalismus und Demokratie u. a., in der vorliegenden Arbeit darzustellen. Als Theorie hat z. B. der Liberalismus seit seiner Entstehung bereits drei Entwickungsphasen, nämlich den klassischen Liberalismus, den modernen Liberalismus und den Neoliberalismus erlebt, wobei zahlreiche Definitionen je nach verschiedenen Prinzipien und Ansätzen entstanden sind. Zusätzlich gibt bzw. gab es noch verschiedene Schulrichtungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen. Angesichts dieser Situation ist die Entscheidung für eine einzige Definition z. B. von Freiheit oder Demokratie nicht möglich. Daher können in der vorliegenden Arbeit nur repräsentative Definitionen an den betreffenden Stellen je nach den verschiedenen Ansatzpunkten vorgestellt werden.

In der Entwicklung von der Tradition zur Moderne sind die Chinesen nicht zuletzt durch das westliche Gedankengut unterstützt worden. Sie haben in den letzten hundert Jahren zahllose gesellschaftspolitische Experimente versucht, wobei Yan Fu 严复 (1854-1921) als Übersetzer und eigenständiger Denker der modernen chinesischen Geistesgeschichte seinen einzigartigen Stempel aufgedrückt hat. Er hat das chinesische Tor für westliches Gedankengut wie Evolutionstheorie, Darwinismus, Liberalismus, Demokratie, Szientismus u. a. geöffnet, so dass die Chinesen zum ersten Mal die durch ihr eigenes Kulturerbe einige tausend Jahre lang eingeschränkten Gedanken erweitern konnten. Aufgrund der herausragenden Verdienste in der modernen chinesischen Geistesgeschichte wird Yan Fu in China als „der Vater des chinesischen Liberalismus“, „der Vater der chinesischen Soziologie“ und „der Vater der modernen chinesischen Übersetzungstheorie“ verehrt. Aber zugleich wird Yan Fu von den westlichen Beobachtern aufgrund seiner problematischen Übersetzung von westlichem Gedankengut wie Evolutionstheorie, Freiheit u. a. kritisiert. Benjamin Schwartz (1916-1999), der bekannteste Kritiker Yan Fus, hat in seinem Werk In Search of Wealth and Power: Yen Fu and the West (1964) darauf hingewiesen, dass Yan Fu die Kernbedeutung oder das Hauptanliegen der Freiheit von Mill geändert habe, und zwar habe Yan Fu die Freiheit des Individuums nicht als Ziel, sondern als Mittel zur Förderung der Volksmoral und -intelligenz bzw. als Mittel zur Verwirklichung der Absichten des Staates angesehen.[5] Diese Kritik dient in der vorliegenden Untersuchung als Ansatzpunkt, weil daraus folgende Fragen bzw. Hypothesen abgeleitet werden können:

(1) Hätte sich der Liberalismus in China ebenso wie im Westen entwickelt, falls Yan Fu ihn als Übersetzer nicht von Anfang an missverständlich in China vorgestellt hätte?
(2) Ist die Entwicklung von westlichem Gedankengut wie Evolutionstheorie, Liberalismus, Demokratie u. a. in China überhaupt ein Übersetzungsproblem?
(3) Hat Yan Fu das Hauptanliegen des Liberalismus von Mill missverstanden oder verfälscht? Wenn ja, weshalb und inwiefern?
(4) Warum konnte Yan Fu das von ihm selbst dargelegte Übersetzungsprinzip xin 信 (Sinnwahrung) in der Übersetzungspraxis nicht einhalten?
(5) Wie soll man die Übersetzungstheorie Yan Fus interpretieren?
(6) Erweist sich Yan Fus Übersetzungstheorie in der Praxis als widersprüchlich? Wenn ja, inwiefern?

Es können sich im weiteren Verlauf noch andere diesbezügliche Fragen finden. Für solche Fragen rationale Antworten anzubieten, erweist sich als wichtig, aber auch als schwierig für die Chinaforschung. Nach dieser Problem- und Fragestellung werden im Folgenden Gegenstände und Ziele der Arbeit dargestellt.

1.2 Gegenstände und Ziele der Arbeit

Das Übersetzen ist eine fächerübergreifende Wissenschaft. Allein mit den Mitteln der Übersetzungs- oder Sprachwissenschaft können bei der Analyse der Problematik und Widersprüchlichkeit der Übersetzungstheorien oft keine zufriedenstellenden Ergebnisse hervorgebracht werden. Aus dieser Überlegung heraus versucht die Verfasserin, durch die Erforschung der Übersetzungstheorie eines der bedeutendsten modernen chinesischen Übersetzer und Übersetzungstheoretiker, die Übersetzungstheorie Yan Fus, im Zusammenhang mit seinen durch die Übersetzungstätigkeit geprägten sozialpolitischen Theorien die Wechselwirkung zwischen dem Übersetzen und anderen Fachgebieten und den Einfluss seiner Übersetzungstätigkeit auf die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft und das chinesische Denken als sinologisches Motiv herauszuarbeiten. Das ist das Hauptziel der vorliegenden Untersuchung.

Yan Fu ist für die Erforschung der modernen chinesischen Geistes- und Übersetzungsgeschichte von großer Bedeutung. Daher wird er seit 90 Jahren sowohl in China als auch im Ausland wie in den USA, England, Frankreich und Japan umfangreich und tiefergehend erforscht, aber es gibt bisher im deutschsprachigen Raum, soweit mir bekannt ist, eine weitgehende Forschungslücke. Der konkrete Forschungstand wird nach der Präsentation von Leben und Werk Yan Fus noch detaillierter dargestellt. Durch die vorliegende Arbeit wird ein Versuch unternommen, Yan Fus wichtige politische Ansätze und Theorien im Zusammenhang mit seinen Übersetzungsproblemen zu analysieren und offen gebliebene Fragestellungen, wie sein Verständnis von Sozialdarwinismus, Freiheit, Demokratie usw., anhand seiner Argumente zu erklären.

Auch wenn China als Entwicklungsland auf seinem Modernisierungsweg seit einigen Jahrzehnten aufgrund der politischen Öffnung und der bemerkenswerten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung einiges Gewicht erlangt hat, dem nicht nur Asien, sondern auch Europa und Amerika Bedeutung beimessen müssen, spielt die Volksrepublik aufgrund ihrer spezifischen Verhältnisse im Inland und der sich dementsprechend von der übrigen Welt unterscheidenden Politiken hinsichtlich so brennender Probleme wie Bevölkerungswachstum, Migration, Umweltschutz oder Globalisierung der Wirtschaft stets eine umstrittene Rolle sowohl im Chinaverständnis der Ausländer als auch im Selbstverständnis der Chinesen. Lösungsvorschläge, die der Westen häufig und gern bereithält, beruhen oft auf Unkenntnis der konkreten Verhältnisse in dem fernen ostasiatischen Land, das vielfach in Extremen bewertet wird – entweder als Faszinosum oder als armes Entwicklungsland mit einem die Menschenwürde verachtenden politischen System.[6] Von der Traditon zur Moderne verliefen die Veränderungen in der chinesischen Geschichte keineswegs geradlinig, sondern waren in mehr als einer Hinsicht mit schmerzlichen Irrwegen verbunden. Die sozialen Krisen sind verbunden mit vielfältigen kulturellen, ideologischen, historischen u. a. Faktoren in China bzw. mit den entsprechenden Einflüssen aus dem Ausland. In der vorliegenden Arbeit geht es weiterhin darum, wie und wodurch die Gedankenumstellung auf Chinas Weg in die Moderne vorgenommen wurde. In dieser Gedankenrevolution ist der epochemachende Übersetzer und Denker Yan Fu nicht zu vergessen. Auch wenn westliche Forscher kritisieren, dass er aufgrund seiner problematischen Übersetzungen manche westlichen Begriffe wie Liberalismus, Evolutionstheorie, Darwinismus u. a. missverstand und falsch in China importierte, wird er in China dennoch als „Aufklärer des neuen Denkens“ verehrt, und er hat tatsächlich in mehr als einer Hinsicht gravierenden Einfluss auf das chinesische Denken ausgeübt. Durch die Analyse der Entwicklung von Yan Fus Denken wird die Arbeit auch dazu beitragen, das Verständnis der Ausländer und das Selbstverständnis der chinesischen Landsleute für China zu verbessern und zum besseren Verständnis des Gedankenaustausches mittels der Übersetzungstätigkeit im Rahmen der Weiterentwickung der gesamten Welt beizutragen.

1.3 Aufbau und Methode

Inhaltlich ist die vorliegende Arbeit in Bezug auf zwei Anliegen relevant, und zwar geht es einerseits um die sprachlichen und methodischen Probleme in Yan Fus einflussreichen Übersetzungswerken, wodurch neue Argumente in Bezug auf das Verständnis der Übersetzungstheorie Yan Fus und die fachliche Übersetzungstätigkeit in China dargelegt werden können; andererseits werden Yan Fus aus seinen Übersetzungswerken abgeleitete gesellschaftspolitische Ansätze und Theorien und deren Einfluss auf die chinesische Ideologie bzw. das chinesische Denken seit hundert Jahren kommentierend analysiert.

Zunächst sind der Lebenslauf und der geschichtliche Hintergrund von Yan Fu vorzustellen. Anschließend werden seine wichtigsten Übersetzungswerke dargestellt. Daraufhin soll der Forschungsstand in Bezug auf seine Übersetzungstätigkeit und die daraus entstandenen gesellschaftspolitischen Gedanken und Theorien in verschiedenen Epochen und geographischen Räumen zusammengefasst werden. Durch die Vorstellung von Leben, Werk und Rezeption werden Vorkenntnisse und Voraussetungen für die weitere Forschung zu Yan Fu angeboten. Im darauffolgenden Teil geht es um die Analyse der Übersetzungsprobleme und -theorie von Yan Fu. Die von ihm darzulegenden Übersetzungsprinzipien werden in ausführlicher Form im Zusammenhang mit seinen eigenen Aussagen im Original kommentierend analysiert, damit man seine Übersetzungstheorie besser verstehen kann. Zugleich sollen neue Argumente in Bezug auf die Probleme der fachsprachlichen Übersetzung in China vorgebracht und ein Ausblick auf die Entwicklung derselben gegeben werden. Das wichtigste Anliegen der Arbeit wird im letzten Teil thematisiert: die durch seine Übersetzungstätigkeit geprägten sozialpolitischen Theorien von Yan Fu anhand seiner eigenen Argumente und Erklärungen in Bezug auf die übersetzten westlichen Ideen im Zusammenhang mit den jeweiligen sozialen Verhältnissen im Westen und in China zu klären, damit eine rationale Bewertung Yan Fus und seiner sozialpolitischen Theorien ermöglicht werden kann. In der Schlussbetrachtung werden die Leitfragen bzw. Hypothesen in der Einleitung zusammenfassend beantwortet, wobei der Versuch einer Gesamteinschätzung Yan Fus und seiner Verdienste als Denker und Übersetzer bzw. seine soziale Relevanz unternommen wird. Methodisch wird dies erreicht durch die Auswahl themenrelevanter Textpassagen sowohl aus seinen Übersetzungswerken als auch aus seinen anderen Beiträgen und Briefen, die von der Verfasserin interpretiert werden. Was die Übersetzungswerke von Yan Fu angeht, sollen ausgewählte Texte auch mit dem Original bzw. eventuell mit Hilfe der späteren chinesischen Übersetzungsversionen schwerpunktmäßig verglichen werden. Die Übersetzungsprobleme von Yan Fu werden beispielsweise vorwiegend durch sprachliche Vergleiche seiner Übersetzung in Über die Evolution (Tianyan lun 天演论) mit dem englischen Original in ausführlicher Form analysiert, weil das Übersetzungswerk sein bekanntestes und repräsentativstes ist und die gleichen Übersetzungsprobleme in seinen anderen Übersetzungen unverändert vorhanden sind. Die deutschen Übersetzungen von Textpassagen sowohl aus Yan Fus Werken als auch von anderen chinesischen Zitaten stammen ausschließlich von der Verfasserin, soweit es nicht anders angegeben ist.

In der vorliegenden Arbeit werden generell Gesamtausgaben oder Sammelbände als chinesische Quellen zitiert. Was die westlichen Begriffe und Theorien in der Arbeit angeht, wurden vorwiegend englische oder deutsche Quellen zu Rate gezogen. Was die Schriftart des Chinesischen und Deutschen in dieser Arbeit betrifft, werden die aktuell üblichen Schriftformen bezüglich beider Sprachen angewendet, nämlich die Kurzzeichen im Chinesischen und die Schreibweise gemäß der neuen Rechtschreibung im Deutschen. Die ursprünglichen Originaltexte Yan Fus wurden zwar in Langzeichen verfasst, aber die neueren Auflagen und Sammelbände seiner Werke sind derzeit in China generell in Kurzzeichen erschienen. Darüber hinaus sind die anderen in der Arbeit verwendeten chinesischen Temini im Original hauptsächlich in Kurzzeichen geschrieben, so dass als Schriftart des Chinesischen in der Arbeit einheitlich Kurzzeichen gewählt wurden.[7]

2 Leben und Werk Yan Fus

2.1 Biographie

2.1.1 Kindheit und Schulzeit (1854-1879)

Gebildeten Chinesen ist der Name Yan Fu nicht unbekannt. Yan Fu ist vornehmlich berühmt für seine politischen Theorien und seine Übersetzungstheorie. Durch seine übersetzerische Tätigkeit hat er die Gedanken der Evolutionstheorie, des Darwinismus, der Menschenrechte, der Freiheit, der Demokratie usw. aus dem Westen nach China gebracht. Somit trug er zur Aufklärung im modernen China bei. Bevor man jedoch auf seine Theorien eingeht, sollte man zuerst auf seine Herkunft in einer der dunkelsten Epochen chinesischer Geschichte zurückblicken. Die spezifische Motivation und Gestalt seines durch seine Übersetzungstätigkeit des westlichen Gedankenguts geprägten Denkens ist ohne den biographisch-zeitgeschichtlichen Kontext nicht zu verstehen.

Yan Fu lebte von 1854 bis 1921, in der Übergangszeit vom Untergang der letzten chinesischen Dynastie (1644-1911) bis zum Anfang der Republik (1912-1949). Er war ein herausragender Denker. Sein Ziel bestand darin, fortschrittliches Gedankengut aus dem Westen nach China zu bringen, und zwar als Pädagoge, Übersetzer, Übersetzungstheoretiker und Dichter in China. Am 8. Januar 1854 wurde Yan Fu in der Landgemeinde Yangqi阳崎 des Kreises Houguan 侯官in der heutigen Stadt Fuzhou 福州 in der Provinz Fujian福建 geboren. Seine Heimat kann als „Heimat der Helden“ bezeichnet werden, denn abgesehen von Yan Fu stammten noch eine Reihe nationaler Helden wie Lin Zexu 林则徐 (1785-1850), Shen Baozhen沈葆桢 (1820-1879), Lin Yongsheng林永升 (1853-1894) u. a. aus Houguan. Die alte Wohnung der Familie Yan Fus lag am Berg Bozhong neben einem Fluss. Nach dem chinesischen Volksbrauch war er an einer geomantisch günstigen Stätte aufgewachsen. Als Kind hatte er den Kosenamen Tiqian 体乾, nach der Familienchronik hatte er den Rufnamen Chuanchu 传初. Als er die Marineakademie Mawei马尾 in Fuzhou besuchte, wurde eine Namensänderung vorgenommen, und zwar hieß er Zongguang宗光 mit dem Beinamen Youling又陵. Als er ins Amt eintrat, benannte er seinen Rufnamen in Fu 复 um, mit dem Beinamen Jidao 几道. Weshalb er so häufige Namensänderungen hatte, lässt sich durch keine Quelle erklären.[8]

Yan Fu war ein Sohn der 27. Generation des Yan-Klan in Yangqi. Unter seinen Vorfahren waren der Familienchronik zufolge mehrere Beamte und Gelehrte. Sein Großvater und Vater waren beide als Ärzte in dieser Gegend bekannt. Mit sieben Jahren kam er in die Schule, seitdem lernte er systematisch und umfassend das konfuzianische Schrifttum. Sein Vater setzte große Hoffnungen in seinen einzigen Sohn. Sein älterer Bruder war als Kind gestorben, zwei Schwestern blieben zu Hause. Mit elf Jahren begann Yan Fu, sich bei seinem Privatlehrer, dem in der Gegend bekannten Konfuzianer Huang Zongyi 黄宗彝 (?-1865), tiefgehend mit dem konfuzianischen Kanon zu beschäftigen, so dass er später trotz des Misserfolgs bei den kaiserlichen Staatsexamina und der Veröffentlichung modernen westlichen Gedankenguts in China dennoch lebenslang in seinen Werken sprachlich und stilistisch dem traditionellen, klassischen Chinesisch verbunden blieb. Das führte dazu, dass seine Werke und Aufsätze im Allgemeinen für spätere Generationen schwer verständlich sind. Yan Fus Lehrer, Herr Huang, war opiumsüchtig. Nach dem Unterricht erzählte er dem kleinen Yan Fu beim Rauchen gern historische Heldengeschichten, die ihn stark beeindruckten. Zwei Jahre später (1865) starb Herr Huang. Danach kam Herrn Huangs Sohn ihn weiter unterrichten. Von 1859 bis 1866 lernte Yan Fu systematisch konfuzianische Werke und wurde von traditionellen Wertvorstellungen beeinflusst.

Wegen des guten Rufs seines Vaters wollte ein Einheimischer seine Tochter mit Yan Fu verheiraten. Daher besprachen die beiden Familien die Eheschließung. Im Frühling 1866 heiratete der 14-jährige Yan Fu seine erste Frau Wang Shi 王氏(?-1892). Unerwartet starb sein Vater Yan Zhenxian严振先 (1821-1866) im August desselben Jahres bei der Arbeit an der Cholera. Dies war der erste Wendepunkt in Yan Fus Lebens, der dazu führte, dass seine Mutter Chen Shi 陈氏 (1833-1889) und seine Ehefrau die Familie mit Näharbeiten ernährten.[9] Für eine weitere Schulausbildung war kein Geld mehr da, aber seine hohe Begabung setzte sich dennoch durch.

Im selben Jahr musste sich Yan Fu infolge des frühen Todes seines Vaters vom konfuzianischen Kulturkreis trennen und in die neu gegründete Mawei-Marineakademie in Fuzhou eintreten, wo er im Fach Schifffahrt ausgebildet wurde. Die Aufnahmeprüfung bestand aus drei Teilen, nämlich dem schriftlichen, dem mündlichen und dem Gesundheitstest. Bei der schriftlichen Prüfung mussten die Teilnehmer einen Aufsatz in klassischem Chinesisch mit dem Thema „Über die lebenslange Elternpietät“ („Daxiao zhongshen mu fumu lun“ 大孝终身慕父母论) schreiben. Yan Fu wurde mit einem als ausgezeichnet anerkannten Aufsatz als der Beste von dem Hauptprüfer Shen Baozhen, der gerade seine Mutter verloren hatte, aufgenommen. Mit dem Ergebnis seiner Gesamtprüfung belegte er auch den ersten Platz unter allen Prüfungsteilnehmern. Bei der Aufnahmeprüfung wurden insgesamt 105 überdurchschnittliche Schüler aufgenommen, die in die zwei Fächer Schiffbau und Schifffahrt aufgeteilt wurden. Am 6. Januar 1867 trat er mit dem neuen Namen Yan Zongguang in die Marineakademie ein.[10] Für Yan Fu bedeutete das sowohl Glück als auch Unglück, denn seit diesem Zeitpunkt lernte er die englische Sprache und naturwissenschaftliche Fächer, hatte mit klassischem Chinesisch jedoch nicht mehr viel zu tun. Diese Entscheidung verschaffte ihm die einmalige Gelegenheit, mit der britischen Kultur in Kontakt zu treten. Im Mai 1871 absolvierte Yan Fu die Marineakademie in Fuzhou mit der besten Leistung.[11] Shen Baozhen lobte in seinem Abschlussbericht, dass diese Schüler im Großen und Ganzen hervorragend ausgebildet würden. Von 1871 bis 1877 war Yan Fu im Militärdienst bei der Marine. Währenddessen nahm er im Jahre 1874 am Seekrieg gegen Japan bei Taiwan teil.

Die westlichen Techniken und Wissenschaften entwickelten sich rasch, so dass sich die isolierte Qing-Regierung endlich bewusst wurde, dass sie unbedingt auch Studenten ins Ausland schicken musste, damit sie den Abstand zum Ausland bestmöglich zu überholen vermochte. Im August 1872 wurde die erste Gruppe mit 30 chinesischen Schülern in die USA entsandt.[12] Nach diesem Beispiel schlug der zuständige Direktor für das Marineamt in Fuzhou Shen Baozhen vor, die Schüler der Marineakademie in Fuzhou jeweils nach England und Frankreich zum Studium zu schicken. Wichtige Staatsmänner wie Li Hongzhang李鸿章 (1823-1901), Zuo Zongtang 左宗堂 (1812-1885) u. a. unterstützten diesen Plan. Zwölf ausgewählte Absolventen der Marineakademie einschließlich Yan Fu fuhren am 31. März 1877 mit dem Schiff von Mawei aus nach Hongkong香港. Über Hongkong und Frankreich kam Yan Fu mit seinen Kommilitonen am 11. Mai in England an. Vor dem Semesteranfang im Oktober besuchten die Studenten mit Hilfe des damaligen chinesischen Botschafters Guo Songtao 郭嵩焘(1818-1891) Schiffe, Werften, Häfen und andere Einrichtungen der Marine in Portsmouth. Diese Expedition beeindruckte die Studenten sehr.[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der 26-jährigeYan Fu in Paris

Das Bild wurde aus der von Pi Houfeng verfassten Biographie Yan Fus entnommen. Darauf sieht man, dass der junge Yan Fu noch einen Zopf trug, wie alle Männer in der Qing-Dynastie. Das Foto soll auf seiner ersten Reise in Paris aufgenommen worden sein.

Anfang Oktober 1877 begann die neunmonatige Weiterbildung an der Marineakademie Greenwich. Der Studienaufenthalt solcher Marinestudenten wurde komplett von der Qing-Regierung finanziert. Mit fünf anderen Kollegen studierte Yan Fu die damals als die beste der Welt geltende Schiffstechnologie für ihre heilige Aufgabe, die Selbststärkung Chinas, mit unermüdlichem Fleiß. Neben dem Studium beobachtete dieser scharfsinnige Student die andersartige Welt mit großer Neugier. Er nahm pausenlos Vergleiche zwischen chinesischen Verhältnissen und denjenigen in England vor. Die technische Überlegenheit des Westens wurde damals schon von der chinesischen Seite anerkannt, aber noch mehr Überraschendes entdeckte Yan Fu.

Abbildung: 2 Die Marineakademie Greenwich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Bild wurde von Yan Fus Biographen Pi Houfeng von der Internetseite der Marineakademie Greenwich (The Royal Naval College, Greenwich) entnommen. Dies war der Studienort der ersten chinesischen Studenten in England.

Eines Tages ließ der Lehrer die Studenten in kürzerer Kleidung Gräben zur Übung graben. Innerhalb einer Stunde schafften die chinesischen Studenten einschließlich Yan Fu am wenigsten, und sie waren alle bereits erschöpft. Dieses Erlebnis brachte Yan Fu zu der Erkenntnis, dass ein großer Unterschied hinsichtlich der körperlichen Verfassung zwischen Chinesen und Westlern bestand. Das liege daran, meinte er, dass Westler von klein auf die Gewohnheit gepflegt hätten, Sport zu treiben. Die Chinesen hätten das vergleichsweise vernachlässigt. Diese Erkenntnis veranlasste Yan Fu später dazu, in seinem pädagogischen Konzept großen Wert auf Leibeserziehung zu legen.[14]

Konkrete Anwendungen der Naturwissenschaften im Alltag haben ebenfalls großen Eindruck auf Yan Fu gemacht. Z. B. gilt die Eisenbahn heutzutage als unentbehrliches Transportmittel, aber sie wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in China als Katastrophe oder gefährliches Tier angesehen. Manche Leute deckten ihre Ohren sofort ab, wenn sie von der Eisenbahn hörten, manche wurden traurig, wenn sie einen Leitungsmast sahen. Im Jahr 1876 bauten englische Kaufleute ein ungefähr 30 Kilometer langes Stück Eisenbahn zwischen Shanghai und Wusong 吴淞. Dagegen protestierte man von unten im Volk bis oben in der Regierung. Durch Verhandlungen kaufte die damalige Regierung trotz der Geldknappheit dennoch die Eisenbahn für einen sehr hohen Preis zurück und zerstörte sie. In China fanden heftige Debatten um die Eisenbahn statt. Mit Maschinen Arbeitskräfte zu ersetzen, sei luxuriös und nicht geeignet für China.[15] Im alten, lange nach außen abgeschlossenen China waren die Chinesen an den traditionellen Lebensrhythmus und die unveränderte Lebensweise und gesellschaftliche Ordnung gewöhnt. Wie Zhou Shuren 周树人alias Lu Xun 鲁迅 (1881-1936 ) schrieb, müsse man blutige Kosten zahlen, wenn ein Tisch im alten China verschoben würde.[16] An solchen blinden Aktionen wie oben beschrieben übte Yan Fu scharfe Kritik.

Von 1877 bis 1878 studierte Yan Fu in England. Da er umfangreichen Kontakt mit der englischen Gesellschaft pflegte, bewunderte er einerseits den Technologiebereich, erlebte jedoch andererseits einen Kulturschock. So war er z. B. bezüglich der Administration der englischen Städte der Ansicht, dass alles in perfekter Ordnung verwaltet werde. Vom Regierungs- und Rechtssystem Englands war er tief beeindruckt. Nachdem Yan Fu einem Prozess beigewohnt hatte, kehrte er zu seinem Wohnsitz zurück und fühlte sich noch ein paar Tage später trübselig. Er meinte, dass der Grund für den Wohlstand und die Stärke Englands und Europas darin läge, dass das rationale Verfahren der Untersuchung von Gerichtsfällen, Rechtsanwälte und eine unabhängige Jury die gesellschaftliche Entwicklung grundlegend gewährleisteten. Dieses rationale System führe zu Gerechtigkeit, die sich von Tag zu Tag ausbreite. Dagegen war die Justiz im alten China von Moral und Gewissen der Beamten abhängig. So schrieb Yan Fu über die Nachteile der chinesischen Justiz Folgendes:

仁可以为民父母,而暴亦可为豺狼。[17]

Wenn die Beamten ein gutes Gewissen hätten, könnten sie das Volk wie ihre Eltern behandeln; wenn sie unbarmherzig wären, könnten sie auch wie ein Wolf das Volk misshandeln.

In den Anmerkungen des Übersetzungswerks Geist der Gesetze (Fa yi 法意) wies Yan Fu darauf hin, dass der Hauptgrund für den Abstand zwischen dem mächtigen Westen und dem schwachen China darin bestehe, ob es Freiheit in einem Land gebe oder nicht. Die Bevölkerung sei in China zwar zahlreich, aber sie hätte keine Kohäsionskraft, da sie keine Freiheit hätte.[18]

In seinem Studium hatte Yan Fu sehr schnell den Bereich der Technologien der britischen Kultur überschritten. Als Erstes ging er von den Bereichen Naturwissenschaft und Technik zum Bereich der metaphysischen Werte über. Seine Gedanken wandten sich den Grundlagen der britischen Kultur zu. Infolgedessen wurde er zu einem modernen chinesischen Denker, der vor allem von England geprägt war. In der Viktorianischen Epoche (1837-1901) lebten viele weltberühmte moderne Denker in England. Ihre Werke waren damals in Hülle und Fülle erschienen. Yan Fu überflog mit großem Interesse die Werke von Adam Smith (1723-1790), Charles Darwin (1809-1882), Thomas Henry Huxley (1825-1895) und anderen britischen Wissenschaftlern. Darüber, wie viele westliche Werke Yan Fu damals gelesen hat, gibt es keine genauen Belege. Aber zweifellos informierte sich dieser fleißige Student relativ umfangreich darüber.

Während des Studienaufenthalts lernte Yan Fu eine wichtige Persönlichkeit, den damaligen Botschafter für England und Frankreich Guo Songtao, kennen. Die Gelehrsamkeit, Wissbegierde, Überredungskunst und der Scharfsinn dieses jungen chinesischen Studenten haben ihn stark beeindruckt, so dass er für die Forschung wertvolle Informationen über den Gedankenaustausch mit Yan Fu detailliert in seinem Tagebuch aufschrieb.[19]

Im Juni 1878 bestanden alle sechs chinesischen Studenten einschließlich Yan Fus die Abschlussprüfungen mit „sehr gut“. Fünf von ihnen machten wie geplant ein Praktikum bei einer englischen Flotte. Was Yan Fu angeht, studierte er noch ein Semester an der Marineakademie in Greenwich, weil er, abgesehen von seinen ausgezeichneten Leistungen, noch dank der Empfehlung des Botschafters Guo Songtao eine Lehrstelle in China bekommen hatte.[20]

2.1.2 Die vielseitige Karriere Yan Fus: vom Übersetzer zum Denker (1879-1912)

Nach zwei Jahren kehrte Yan Fu im Jahre 1879 nach China zurück. Zuerst arbeitete er als Lehrer an der Marineakademie in Fuzhou, daraufhin wurde er 1880 von Li Hongzhang nach Tianjin an die Beiyang-Marineakademie versetzt und zuerst zum Dekan, im Jahre 1889 zum stellvertretenden Rektor und 1890 zum Rektor ernannt. Aber er pflegte keine gute Beziehung zu seinem höchsten Vorgesetzten Li Hongzhang, so dass er keine bessere Zukunft in seiner Beamtenlaufbahn vor sich hatte. Vom Charakter bis zu den Wertvorstellungen unterschieden sich die beiden voneinander. In den Augen der Kollegen Yan Fus wirkte dieser auch etwas arrogant.[21]

Neben seiner beruflichen Tätigkeit verfolgte Yan Fu als scharfsinniger Beobachter die sich rasch verschlechternde Lage Chinas und die Gegenmaßnahmen der Qing-Dynastie. Zwischenzeitlich gingen zwei wichtige Familienangehörige und ein enger Freund nacheinander für immer von ihm. Am 11. November 1889 starb seine 56-jährige Mutter. Nach dem frühen Tod seines Vaters hatte die Mutter 20 Jahre lang hart gearbeitet und kein glückliches Leben geführt. Yan Fu bedauerte das sehr. Ein Jahr später starb sein guter Freund, der damalige Botschafter Guo Songtao. Er war der erste Botschafter, der zuerst in England und dann auch in Frankreich gewesen war, weshalb er damals oft bespöttelt und geschmäht wurde. Wütend kündigte Guo Songtao und kehrte nach China zurück. Wie zuvor erwähnt, war Yan Fu von ihm hoch geschätzt und gefördert worden. Als der ehemalige Diplomat wieder in China war, hatte Yan Fu Mitgefühl mit ihm; er fühlte sich frustriert und der Hochschätzung seines Förderers unwürdig. Guo Songtao war wegen seines Misserfolgs deprimiert und starb. Anschließend verschied Yan Fus 39-jährige Gattin am 23. Oktober 1892 und hinterließ ihm einen Sohn. Bis dahin waren Yan Fu zwei der in China sogenannten drei großen Unglücke[22] im Leben widerfahren.

Nach der traditionellen Ideologie war eine höhere Stellung in der Beamtenlaufbahn ein Wertmaßstab für Männer. Zwar hatte Yan Fu im Ausland studiert, aber neues Wissen und Menschen mit Auslandserfahrungen wurden damals nicht wie heutzutage hoch geschätzt, sondern, im Gegenteil, als „verfälschter Auslandsteufel“ (jia yangguizi 假洋鬼子) missachtet. Dazu schrieb Yan Fu mit Selbstironie in seinem Gedicht „Abschied von Chen Tongyou nach Fujian“ („Song Chen Tongyou gui min“ 送陈彤卣归闽) Folgendes:

当年误习旁行书,举世相视如髦蛮。

[…] Damals lernte ich irrtümlicherweise eine Fremdsprache, nun werde ich als Barbar angesehen […].[23]

Yan Fu näherte sich nicht gern seinem höchsten Vorgesetzten Li Hongzhang. Das bedeutete aber nicht, dass er nicht in der Beamtenlaufbahn gefördert werden wollte. Er wollte durch einen öffentlich anerkannten, gerechten Weg seinen sozialen Status erhöhen, nämlich durch das traditionell über 1300 Jahre in China geläufige Prüfungssystem für Regierungsbeamte. Darum bemühte er sich schon seit 1880, dem zweiten Jahr nach seiner Rückkehr nach China. Abgesehen von intensiven Wiederholungen konfuzianischer Werke lernte er noch speziell klassisches Chinesisch bei einem bekannten Konfuzianer, Wu Rulun吴汝纶 (1840-1903)[24], der sich auf das klassische Chinesisch im Tongcheng-Stil (Tongchengpai guwen 桐城派古文)[25] spezialisiert hatte. Deshalb benutzte Yan Fu auch später in seinen Übersetzungen das klassische Chinesisch im Tongcheng-Stil. Vom 17. bis zum 23. September 1885 nahm er nach einer langen Vorbereitung an der Beamtenprüfung auf der Provinzebene in Fuzhou teil, um die Magisterprüfung abzulegen, was leider misslang. Frustriert fuhr Yan Fu wieder nach Tianjin zurück. Beim zweiten Versuch brauchte er nicht in seine Heimat zurückzukehren. Viele Mitglieder der damaligen chinesischen Marine stammten aus der Provinz Fujian, und sie arbeiteten weit entfernt von ihrer Heimatprovinz. Deshalb mussten sie zurückfahren, wenn sie an der Beamtenprüfung auf der Provinzebene teilnehmen wollten. Das brachte nicht nur Aufwand und Zeitverschwendung mit sich, sondern war auch ungünstig für ihre Berufstätigkeit. Aus diesem Grund bat Li Hongzhang 1887 die Qing-Regierung um eine Prüfungsortverlegung für die aus der Provinz Fujian kommenden Schüler und Lehrkräfte. Mit der Genehmigung der Qing-Regierung nahm Yan Fu in Peking an der Beamtenprüfung auf der Provinzebene teil. Das Ergebnis war wiederum nicht erfreulich. Die Beamtenprüfung sollte alle drei Jahre stattfinden. Aber die Kaiserinwitwe Cixi 慈禧 (1835-1908) zog sich im Jahre 1889 zurück und der junge Kaiser Guangxu 光绪 (1871-1908) übernahm die Regierungsmacht. Daher beschloss die Qing-Regierung, im Jahre 1889 die Beamtenprüfung auf der Provinzebene und im Jahre 1890 auf der Staatsebene zu veranstalten, um des Kaisers Gnade zu zeigen. Bei dieser Gelegenheit nahm Yan Fu im Jahr 1889 in Peking zum dritten Mal an der Beamtenprüfung auf der Provinzebene teil. Der dritte Versuch ging ebenfalls schief.[26]

Im Jahre 1890 wurde er zum Rektor der Beiyang Marineakademie befördert, aber da er noch keinen Magister-Titel (juren 举人) hatte, geriet er wirklich in Verlegenheit. Als Vorgesetzter verstand Li Hongzhong wohl diese Situation, die vermutlich auch ungünstig für Yan Fus Arbeit in der Marineakademie war. Vielleicht aus diesem Grund unterstützte Li Hongzhang diesen noch einmal, indem er Yan Fu den Beamtentitel (sipin wenzhi daoyuan 四品文职道员)[27] verlieh. Damit war Yan Fu aber nicht wirklich zufrieden. 1893 fuhr er wieder nach Fujian zur Prüfung, um sein Glück noch einmal in seiner Heimat zu versuchen. Yan Fu nahm vom 32. bis zum 40. Lebensjahr viermal an der kaiserlichen Beamtenprüfung auf Provinzebene teil, da er durch einen offiziell anerkannten Weg seinen soziales Status erhöhen wollte. Aber alle Versuche endeten mit Niederlagen. Inzwischen hatte er verschiedenste Nachteile solcher traditionellen Prüfungen eingesehen. Auch wenn ihm im Jahre 1910 vom Kaiser ohne Prüfung ein Doktortitel (jinshi 进士) für Geisteswissenschaften verliehen wurde, befürwortete er nie das traditionelle System der Beamtenprüfungen. 1895 hatte Yan Fu im Zeitungsartikel „Über die Rettung vor dem nationalen Untergang“ („Jiuwang juelun“ 救亡决论) die Nachteile des Achtgliedrigen Aufsatzes (baguwen 八股文)[28] scharf verurteilt: Er schränke die Intelligenz ein, verschlechtere die Moral und rufe Müssiggang hervor[29].

Im Jahr 1892 starb seine erste Frau. Im selben Jahr heiratete er Jiang Yingniang 江莺娘als Nebenfrau, die mit ihm zwei Söhne und eine Tochter hatte. Noch frustriert über sein Scheitern bei den Staatsprüfungen und von der chinesischen Indifferenz gegenüber dem Verlust der Liuqiu-Insel 琉球岛, begann er sogar, Opium zu rauchen. Daneben las er ständig Bücher aus dem Westen. Nach der Niederlage Chinas im sino-japanischen Krieg im Jahr 1895 war China schockiert und fassungslos. Seit 1895 hatte Yan Fu in der Zeitung für direkten Ausdruck (Zhi bao 直报) in Tianjin einige aussagekräftige und einflussreiche politische Essays veröffentlicht, um scharfe Kritik an der monarchischen Autokratie zu üben, die wesentlichen Ursachen der Niederlagen Chinas zu analysieren und die westliche Theorie der Menschenrechte in China vorzustellen, wobei er seine berühmte Auffassung „die Freiheit als Ziel, die Demokratie als Mittel“ (yi ziyou wei ti, yi minzhu wei yong 以自由为体,以民主为用) zum Ausdruck brachte.[30] Er war der Meinung, dass die Reformpartei unter dem Druck der monarchischen Autokratie bloß oberflächlich etwas Neues vom Westen gelernt hätte, aber nicht imstande gewesen sei, die wesentlichen Nachteile der damaligen Gesellschaft Chinas zu beseitigen und Freiheit und Demokratie nach China zu bringen.

Im Jahre 1897 begründete Yan Fu in Tianjin die bekannte Zeitung Nationale Nachrichten (Guowen bao 国闻报), in der er eine Reihe sensationeller politikkritischer Essays veröffentlichte, wie z. B. „Briefmanuskript an den Kaiser“ („Nishang huangdi shu“ 拟上皇帝书). Darin hat er sinnvolle Vorschläge für staatliche Reformen offen und mutig zum Ausdruck gebracht.[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Nationale Nachrichten

Die Abbildung wurde aus der Biographie Yan Fus von Pi Houfeng entnommen. Mit Freunden begründete Yan Fu in Tianjin diese Zeitung, die wichtigsten Kommentare darin wurden hauptsächlich von ihm verfasst.

Die Berühmtheit Yan Fus hatte die Aufmerksamkeit des Kaisers Guangxu erregt, so dass der Kaiser ihn am 29. August 1898, vor der 100-Tage-Reformbewegung, zum Gespräch in den Palast einlud. Inzwischen hatte Yan Fu angefangen, sich mit seinem berühmtesten Übersetzungswerk, nämlich Über die Evolution, zu beschäftigen, wodurch zum ersten Mal Darwins Evolutionstheorie und der daraus abgeleitetete Sozialdarwinismus und Spencers Sozialevolutionstheorie in China als Übersetzung vorlagen. Dieses Übersetzungswerk wurde im Jahr 1898 veröffentlicht und fand sofort bei einer Reihe von chinesischen Reformern, Politikern und anderen Elitekräften Anklang.[32] Das Schlagwort „Lebewesen konkurrieren durch natürliche Selektion, die Angepasstesten überleben“ (wujing tianze, shizhe shengcun 物竞天择,适者生存) wurde damals überall in China zitiert und thematisiert. Es sollte nach Yan Fu ebenfalls für die Entwicklung der Gesellschaft gelten. China müsse sich stärken und entwickeln, um die Herausforderungen von außen zu meistern und um die Untergangsgefahr zu bannen. Damit hat Yan Fu zum ersten Mal in China seine Hoffnung durch eine Übersetzung zum Ausdruck gebracht. Diese brandneue Weltanschauung regte vor allem die Reformpartei Kang Youwei康有为 (1858-1927)[33], Liang Qichao梁启超 (1873-1929)[34] und andere an und beeinflusste einige Generationen chinesischer Politiker von Sun Yatsen孙中山 (1866-1925 )[35] und Mao Zedong 毛泽东 (1893-1976)[36] bis Deng Xiaoping 邓小平 (1904-1997)[37]. Reformen zur Anpassung an die Entwicklungsbedürfnisse finden sich seit hundert Jahren in China und sind auch aktuell von Bedeutung.

Abbildung 4: Übersetzungswerk Über die Evolution

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Das Bild für das Deckblatt von Über die Evolution wurde aus der Biographie Yan Fus von Pi Houfeng entnommen. Es stellt eine herausragende Leistung in der Publikationsgeschichte Chinas dar.

Die Übersetzung des Werkes Über die Evolution brachte ihm nicht nur Berühmtheit im Berufsleben, sondern noch ein unerwartetes Glück in seinem Privatleben. Mit seiner zweiten Frau Jiang Yingniang hatte Yan Fu stets eine unangenehme Partnerschaft, da diese Frau oft sehr launisch war. Durch das Übersetzungswerk Über die Evolution lernte die junge Frau Zhu Mingli 朱明丽 Yan Fu kennen und schätzte sein Talent sehr, so dass sie ihn heiraten wollte. Für Yan Fu war diese junge Intellektuelle auch anziehend. So heiratete er sie als seine zweite Gattin, und Jiang Yingniang blieb seine Nebenfrau.[38] Im Familienleben blieb Yan Fu, abgesehen von der Kindererziehung, lebenslang traditionell.

Abbildung 5: Yan Fu mit seiner Gattin Zhu Mingli

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Bild wurde aus der von Pi Houfeng verfassten Biographie Yan Fus entnommen. Mit seiner dritten Frau hatte er zwei Söhne und drei Töchter. Daher setzte er sich auch sehr aktiv für Frauenbildung und die Gleichberechtigung der Frau ein.

Weiterhin führte Yan Fu mit seiner vielseitigen Begabung und Leidenschaft eine Reihe einflussreicher westlicher Werke auf den Gebieten der Ökonomie, Soziologie, Rechtswissenschaft, Naturwissenschaften und Philosophie als Übersetzungen in China ein.

Tabelle 1: Die Hauptübersetzungswerke von Yan Fu[39]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Liste lässt sich erkennen, dass Yan Fu fast nur fachsprachliche Übersetzungen ausführte. Thematisch und vom Umfang her war er nicht nur ein fleißiger Übersetzer, sondern muss auch ein vielseitig begabter Gelehrter gewesen sein. Abgesehen von Über die Evolution legte Yan Fu noch großen Wert auf Wohlstand der Nationen, weil, wie er meinte, dieses Übersetzungswerk für die Selbststärkung und den Wohlstand Chinas von wichtiger Bedeutung sei.

Abbildung 6: Übersetzungswerk Wohlstand der Nationen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Bild wurde aus der von Pi Houfeng geschriebenen Biographie Yan Fus entnommen. Auf dem Deckblatt sieht man den chinesischen Titel und den Namen Adam Smith.

Darüber hinaus fand Studie der Soziologie damals auch eine erstaunliche Verbreitung, so dass die Raubkopien Yan Fu Kopfschmerzen bereiteten. Zu dieser Zeit fertigte er ein Kennzeichen zum Schutz seines geistigen Eigentums an. Seitdem benutzte er für seine Übersetzungswerke das folgende Kennzeichen:[40]

Abbildung 7: Kennzeichen zum Copyright der Übersetzungswerke Yan Fus

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Das Kennwort wurde aus der von Pi Houfeng verfassten Biographie Yan Fus entnommen. Er benutzte in China als Erster ein Kennwort zum Schutz des Copyrights.

2.1.3 Spätere Jahre (1912-1921)

Die Abdankung des letzten Qing-Herrschers (1911) bedeutete das Ende des Kaisertums, das mehr als zweitausend Jahre lang die Geschicke des chinesischen Volkes bestimmt hatte. Nachdem Sun Yatsen zum provisorischen Präsidenten für die neue chinesische Republik gewählt worden war, musste er nach einigen Monaten gezwungenermaßen die Macht an das Militär abgeben. Am 15. Febuar 1912 wurde Yuan Shikai 袁世凯 (1859-1916) vom Kabinett der vorläufigen Regierung in Nanjing zum vorläufigen Präsidenten gewählt. Inzwischen unterstützte Yan Fu den vorläufigen Präsidenten in Wort und Schrift, da er Yuan Shikai damals als starken Staatsmann ansah. Im Gegenzug wurde Yan Fu von Yuan Shikai am 25. Febuar 1912 zum Rektor der Universität Peking[41] ernannt, da der ehemalige Rektor als Anhänger der Qing-Dynastie (1644-1911) gekündigt hatte. Über diese Förderung freute sich Yan Fu sehr, und er leistete einen großen Beitrag für diese Universität, obwohl er wegen des Drucks aus dem damaligen Kultusministerium bald kündigen musste. Yan Fu tat sein Bestes, um die finanzielle Krise und die Personalprobleme zu lösen sowie das Unterrichtssystem zu reformieren. Aber einige aus Japan zurückgekehrte hohe Beamte des Kultusministeriums tendierten dazu, ihn aus dem Amt zu drängen. Angesichts dieser Situation kündigte Yan Fu am 7. Oktober 1912 und beendete seine professionelle Bildungskarriere.[42] Zurückblickend hatte er als Rektor der Hochschule Fudan im Jahre 1906 in Shanghai 上海, im September des selben Jahres als Rektor der Hochschule Anqing in der Provinz Anhui 安徽bzw. als Rektor der Universität Peking bei der Arbeit folgende Gemeinsamkeiten: Er legte großen Wert auf die Fähigkeiten der Studenten im Hinblick auf Moral, Intelligenz und Leibeserziehung und betonte die westlichen Wissenschaften, insbesondere Fremdsprachen. Zugleich wollte er den wertvollen Teil der chinesischen Wissenschaften nicht vernachlässigen.[43]

Abbildung 8: Yan Fu in seinen späteren Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Bild wurde aus dem Buch Jingdu Yan Fu, herausgegeben von Liu Lang, entnommen. Darauf ist der 53-jährige Yan Fu in England zu sehen.

Traditionell wird Yan Fu in seinen späteren Jahren in der Forschung als konservativ, sogar rückständig, bewertet. Der Hauptgrund liege darin, dass er Yuan Shikai bei seiner Restauration des Kaisertums unterstützt hätte. Historisch betrachtet wird Yuan Shikai als politischer Verbrecher angesehen, der die Revolutionsfrucht von Sun Yatsen geraubt hatte und unter dem Namen des republikanischen Präsidenten in Wirklichkeit die Restauration des Kaisertums vornahm. Yan Fu war stets gegen eine große Revolution und gegen das republikanische Konzept. Er war der Meinung, China solle durch Reformen einen monarchisch verfassten Staat aufbauen. Dazu hoffte er auf einen starken Staatsmann als Oberhaupt und unterstützte daher Yuan Shikai, weil er das wahre Gesicht des neuen Präsidenten anfänglich nicht erkannt hatte. Aber der schlaue Politiker hatte Yan Fu ausgenutzt. Abgesehen von der Beförderung zum Rektor der Pekinger Universität wurde Yan Fu im September 1912 als Berater des Präsidenten eingestellt. Weiterhin wurde der Name Yan Fus noch im Chou’an hui[44] 筹安会 von Yuan Shikai aufgelistet. Nach manchen Quellen wurde Yan Fu gezwungen, an dem Komitee teilzunehmen. Yan Fu hatte erklärt, er sei nicht gezwungen worden, sondern habe keinen Mut, offiziell dieser Anforderung gegenüber „Nein“ zu sagen.[45] Sein ganzes Leben lang richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft und Politik, hielt aber zur politischen Praxis immer einen gewissen Abstand. Anlässlich der Hundert-Tage-Reformbewegung (1898) schrieb er viele Aufsätze zur Aufklärung, nahm selber aber nicht an der Bewegung teil.

Abgesehen von seinen Verdiensten in Bezug auf Staatstheorien und Übersetzungstheorien beschäftigte sich Yan Fu lebenslang mit der Pädagogik. Knapp 20 Jahre arbeitete er als Lehrkraft der Werftschule in Fuzhou und der Beiyang-Marineakademie in Tianjin. Später wurde er kurz zum Rektor der Universität Peking ernannt. Außerdem errichtete er in Zusammenarbeit mit anderen Kollegen Fremdsprachenschulen, um Übersetzer auszubilden. Als Vater von vier Töchtern war Yan Fu nicht nur an allgemeiner Bildung, sondern besonders an der Förderung der Frauenbildung interessiert und setzte sich für die Befreiung der chinesischen Frau ein. Seine neuen Gedanken zur Allgemeinerziehung und zur Frauenbildung förderten bzw. ergänzten seine modernen Staatstheorien. Nach der Revolution von 1911 wurde er politisch immer konservativer, was von verschiedensten Faktoren im Inland und Ausland, wie z. B. den wiederholten Misserfolgen bei Reformen in China, dem Ersten Weltkrieg u. a. abhing. Die Abdankung der Qing-Dynastie und die Folgen des Ersten Weltkriegs hatten seine Überzeugung vom fortschrittlichen Gedankengut aus dem Westen erschüttert. Er schätzte die Vorteile der tradtionellen chinesischen Werte und spürte Widersprüche innerhalb des westlichen Gedankenguts.

Wegen der Enttäuschung in seiner Beamtenlaufbahn seit der Tätigkeit in der Beiyang Marineakademie und seinem Unglück im Leben bzw. wegen seiner Depressionen aufgrund der zahllosen Probleme in China war Yan Fu inzwischen opiumsüchtig geworden. Er konnte es sich trotz aller Bemühungen nicht abgewöhnen, so dass er eine Lungenkrankheit bekam, an der er schließlich am 27. Oktober 1921 in seiner Heimat starb.[46] Am 20. Dezember 1921 wurde er zusammen mit seiner ersten Gattin Frau Wang in Yangqi beigesetzt.

Abbildung 9: Grab Yan Fus mit seiner ersten Gattin in Yangqi

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Bild wurde entnommen aus der Biographie Yan Fus von Pi Houfeng. Seine Grabinschrift lautet: „Grab Yan Jidaos aus Yangqi in der Qing-Zeit“. Das deutet wohl darauf hin, dass er bis zum Schluss mit der neuen chinesischen Republik nicht zufrieden war.

2.2 Die wichtigsten Übersetzungswerke Yan Fus

2.2.1 Über die Evolution (Tianyan lun)

2.2.1.1 Thomas Henry Huxley (1825-1895) – Person und Werk

Thomas Henry Huxley war ein englischer Naturwissenschaftler und Philosoph. Er bezeichnete sich selbst als Agnostiker und engagierte sich in Auseinandersetzung mit Naturwissenschaften, Religion und Philosophie lebenslang für Wissenschaft, Bildung und Ethik des Menschen. Im Jahre 1825 wurde Huxley als Sohn eines Mathematiklehrers in Ealing bei London in bescheidenen Verhältnissen geboren. Ursprünglich wollte der jugendliche Huxley Ingenieur für Maschinenbau werden, aber aus finanziellen Gründen besuchte er im Jahre 1842 die Charing Cross Hospital Medical School. Anschließend begann er, an der Universität London Biologie, vergleichende Anatomie und Physiologie zu studieren. 1845 erwarb er das medizinische Bakkalaureat (M.B.) für seine ausgezeichneten Leistungen in Anatomie und Physiologie. Daraufhin bewarb sich der zwanzigjährige Arzt bei der Königlichen Marine. Als Marinearzt auf Vermessungsfahrt in australischen Gewässern untersuchte und sammelte Huxley von 1846 bis 1850 Material, das für seine spätere biologische Erforschung über niedere Tiere von großer Bedeutung war. 1851 wurde er Mitglied der Royal Society. Nach seinem Austritt aus der Marine erhielt Huxley im Jahre 1854 eine Stelle als Dozent für Naturgeschichte an der Government School of Mines. Neben seiner Berufstätigkeit als Naturwissenschaftler setzte er sich stets dafür ein, durch seine kulturpolitisch einflussreiche Tätigkeit und seine Kontroversen mit Autoritäten der kirchlichen Orthodoxie, die den biblischen Wortlaut gegen das Evolutionsdenken verteidigten, die englische Bevölkerung zu einem aufgeklärten, den Forschritten der Naturwissenschaften entsprechenden Denken und Verhalten zu erziehen. Insbesondere nachdem Charles Robert Darwin (1809-1882) sein Origin of Species (1859) veröffentlicht hatte, setzte sich Huxley intensiv für die Verteidigung der Evolutionshypothese ein. Er bemühte sich darum, durch unermüdliche Arbeit die Darwinsche Evolutionstheorie publik zu machen. Huxley war ein leidenschaftlicher Verteidiger von Darwins Theorie. Er war so besessen von dieser Aufgabe, dass er den Spitznamen „Darwin’s bulldog“ bekam. Seine anschaulichen und beliebten Vorträge zur Evolution von Organen, die er bis zu seinem Lebensende mehrfach hielt, trugen in der Tat entscheidend zur Akzeptanz der Evolutionstheorie sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit bei. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen Evidences as to Man’s Place in Nature (1863), Evolution and Ethics (1893), Collected Essays (1893 / 94) und Scientific Memoirs (1898-1903).[47]

In seinem vielleicht bekanntesten Essay „Evolution and Ethics“ setzt sich Huxley mit der Frage auseinander, inwieweit sich Ethik aus dem Evolutionsprozess heraus begründen lassen könnte. Das Essay besteht aus zwei Teilen, nämlich einer Einleitung und dem Haupttext. Der Haupttext beruht sich auf seinem 1893 an der Universität Oxford unter dem gleichen Titel gehaltenen Vortrag, und später schrieb er eine Einleitung dazu. Als Essay erschienen diese beiden Teile im Jahre 1894 in seinen Collected Essays. In dem Essay hat Huxley einerseits mit anschaulichen Beispielen aus der Natur die Evolutionstheorie Darwins vorgestellt, andererseits vertritt er die Auffassung, dass das kosmische Geschehen unter dem Gesetz der Evolution in einem Gegensatz zum zivilisierten Menschen stehen würde. Mit einem neutralen wissenschaftlichen Standpunkt erkennt Huxley die Gerechtigkeit als eines der wichtigsten Elemente ethischer Systeme und stellt demgegenüber die Immoralität des kosmischen Geschehen heraus. Für Huxley entspricht die Evolution der menschlichen Ethik nicht dem „survival of the fittest“ im kosmischen Geschehen. Was diese These angeht, meint Huxley Folgendes: Im Allgemeinen haben sich die Tiere und Pflanzen zur Perfektion der Organisation mittels des Kampfes ums Dasein entwickelt, entsprechend dem Gesetz von „survival of the fittest”. Menschen als ethische Lebewesen müssen sich ebenfalls in einem solchen Prozess zur Perfektion entwickeln, aber ein Verständnisproblem besteht wohl in Bezug auf das Wort „fittest”, das eine Konnotation von „best“ hat. Der Einfluss des kosmischen Prozesses auf die Evolution der Gesellschaften sollte eher in einer Zivilisierung bestehen. Sozialer Forschritt bedeutet nach Huxley, den kosmischen Prozess Schritt für Schritt zu prüfen und durch einen ethischen zu ersetzen. Was in dem Prozess beibehalten werden sollte, ist nicht das Angepasste im Sinne von „survival of the fittest“, sondern ethisch bedingt „das Beste“. Die Menschen als ethische Lebewesen sollen im Kampf mit dem Kosmos im ethischen Evolutionsprozess das Gute fördern und das Böse verhindern, um die Menschheit aus der Wildheit zur Zivilisation zu führen.[48]

2.2.1.2 Über die Evolution

Was Yan Fu unter dem Titel Über die Evolution übersetzte, gehört zu den Collected Essays Huxleys. Der Originaltitel der Grundlage für die Übersetzung Yan Fus lautet: Evolution and Ethics. Yan Fu interessierte eher der Inhalt in Bezug auf die Evolution, demzufolge nannte er sein Übersetzungswerk Über die Evolution. Der Anlass zum Übersetzen dieses Buchs war die Niederlage Chinas im Sino-japanischen Krieg im Jahre 1895. Angesichts der sich verschlechternden Lage im Inland und der Bedrohung aus dem Ausland begann dieser sozial verantwortungsbewusste chinesische Intellektuelle, den einige Jahre vorher erschienenen Essay Huxleys zu übersetzen, um die niedergeschlagenen Chinesen mithilfe dieser neuen Theorie aus dem Westen aufzuklären. Innerhalb von einigen Monaten, bis Oktober 1896, war Yan Fu schon fertig mit dem Übersetzungsmanuskript. Wegen mehrmaliger Korrekturen erschien das Übersetzungswerk aber erst Anfang 1898 offiziell. China befand sich traditionell in einem in sich abgeschlossenden Kulturkreis und hatte eine Geschichtsanschauung des Kreislaufs. Angesichts der durch Imperialismus und Kolonialismus geprägten Angriffe der mächtigeren Länder waren die Chinesen aller sozialer Schichten fassungslos. Yan Fus Übersetzung Über die Evolution hatte die Chinesen, vornehmlich die chinesische Elite, mittels der Evolutionstheorie belehrt und gewarnt, dass die chinesische Nation sich durch evolutionäre Reformen stärken müsse, um die neuen Herausforderungen und die Konkurrenz aus dem Ausland zu meistern und die Untergangsgefahr zu überwinden.

[...]


[1] Vgl. Ma Zuyi : Zhongguo fanyi shi, Wuhan: Hubei Jiaoyu Chubanshe 1999, Bd. 1, S. 4.

[2] Siehe Gerhard Wahrig (Hg.): Wahrig Deutsches Wörterbuch, Güterslohn: Bertelsmann Lexikon-Verlag 1968, S. 2460.

[3] Vgl. Alios Hahn: Einführung, in: Konzepte der Moderne, hrsg. v. Gerhart von Graevenitz, in: Wilfried Barner (Hg.): Germanistische Symposien. Berichtsbände. Bd. XX, Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler 1999. S. 19-26, hier: 19.

[4] Vgl. Gerhart von Graevenitz: Einleitung zum Teil I Soziokulturelle Prozesse und Denkfiguren, in: ebd., S. 1-16, hier: 1. Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, in: Grundriss der Sozialökonomik, III. Abteilung. Tübingen: Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1947, S. 126-129 (3. Aufl.).

[5] Vgl. Benjamin Schwartz: In Search of Wealth and Power. Yen Fu and the West, London: Oxford University Press 1964, S. 141.

[6] Vgl. Brunhild Staiger (Hg.): Vorwort, in: Länderbericht China, Darmstadt: Primus Verlag 2000.

[7] Zur Biographie Yan Fus siehe Pi Houfeng : Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003. Es gibt mehrere Biographien von Yan Fu, die von Pi Houfeng geschriebene Version ist die neueste, ausführlichste und umfangreichste auf dem chinesischen Festland. S. auch Sun Yingxiang : Yan Fu nianpu, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003.

[8] Die Namensänderungen deuten meiner Ansicht nach auf verschiedene Ziele in seinen verschiedenen Lebensabschnitten hin. Es gibt in China traditionell mehrere Namensgebungsweisen; bei Yan Fu kann man zwei verschiedene erkennen. Und zwar kann man direkt mit den entsprechenden Schriftzeichen Wünsche für Kinder in ihren Namen einsetzen oder aber indirekt andere Schriftzeichen mit einer ähnlichen Aussprache als Rufnamen benutzen. So bedeutet z. B. Zongguang „für die Vorfahren Ruhm gewinnen“. Jidao bedeutet „mehrere Wege“. Das deutet wohl darauf hin, dass er verschiedene Wege im Leben eingeschlagen hat. Sein endgültiger Rufname Fu klingt im Chinesischen ähnlich wie „Wohlstand“ oder „Glück“, aber er hat nur ein lautähnliches Schriftzeichen benutzt, das im Personennamen quasi sinnlos erscheint. Manche chinesische Intellektuelle drücken ihre Wünsche im Namen auf diese Weise indirekt aus.

[9] Siehe Sun Yingxiang: Yan Fu nianpu, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S.13.

[10] Ebd., S. 14-16.

[11] Ebd., S. 21.

[12] Ebd., S. 22.

[13] Ebd., S. 27-28.

[14] Vgl. Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 39.

[15] Vgl. ebd., S. 42.

[16] Vgl. Lu Xun, zitiert nach Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 41. Nach der alten chinesischen Tradition bzw. dem Aberglauben sollten Möbel bzw. andere Gegenstände an passenden Stellen in der Wohnung stehen. Dementsprechend darf z. B. der Spiegel nicht dem Bett gegenüber stehen, weil man glaubte, dass der Spielgel an dieser Stelle Alpträume oder andere geistige Probleme bringen könnte, so dass man im Leben unerwartete Krankheiten oder Unglück erleben würde.

[17] Siehe Yan Fu (Übers.): Montesquieu: Fa yi, Beijing: Shangwu Yinshuguan 1981, S. 224.

[18] Vgl. ebd., S. 195.

[19] Vgl. Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 45.

[20] Ebd., S. 46.

[21] Vgl. ebd., S. 61 ff.

[22] Vgl. ebd., S. 79-81. Die drei großen Unglücke im Leben beziehen sich darauf, dass man in den frühen Jahren Elternteile, in den mittleren Jahren Ehepartner und in den späteren Jahren Kinder verliert.

[23] Siehe Yan Fu, Wang Shi (Hg.): Yan Fu ji, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe, Bd. 2, S. 361.

[24] Stammt aus Tongcheng in der Provinz Anhui, bekam den Doktortitel jinshi in der späten Qing-Zeit, war hoher Beamter und Dekan der Universität Peking.

[25] Das war die bekannteste Schule des Essays in der mittleren Zeit der Qing-Dynastie. Die Vertreter dieses Essays stammten aus Tongcheng in der Provinz Anhui, weshalb diese Art des Essays als Tongchengpai bezeichnet wurde. Die Sprache dieses Essays orientiert sich an der Morphologie und Syntax der Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) und dem Essay der acht berühmten Essayisten aus der Tang- (618-907) und Song-Dynastie (960-1279). Die grundlegende Theorie der Tongchengpai wurde von Fang Bao dargelegt, der die Auffassung einer angemessenen Einheit von Inhalt und Form (yifa 义法) vertrat. Stilistisch ist sie durch Vornehmheit und Bündigkeit zu charakterisieren.

[26] Siehe Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 84-86.

[27] In der Qing-Dynastie gab es insgesamt neun Stufen der Amtstitel, jeweils für intellektuelle und militärische Beamte. Der Yan Fu verliehene Titel war ein Amtstitel mittleren Ranges für intellektuelle Beamte.

[28] Seit der Ming-Zeit (1368-1644) bis 1905 wurde diese Aufsatzform für kaiserliche Staatsexamen für nahezu 600 Jahre verwendet. Ein solcher Aufsatz besteht aus acht festgelegten Teilen. Die Themen, der Umfang und die Form waren streng festgelegt. Davon ausgehend, konnten die Prüfungsteilnehmer nicht frei ihre Meinungen ausdrücken. Der Erfolg oder Mißerfolg der Prüfung hing hauptsächlich von diesem Aufsatz ab.

[29] Siehe Yan Fu, Wang Shi (Hg.): Yan Fu ji, Beijing: Zhonghua Shuju 1986, Bd. 1, S. 40-42.

[30] Siehe ebd., S. 11.

[31] Siehe ebd., S. 61-77.

[32] Siehe Sun Yingxiang: Yan Fu nianpu, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 79-80.

[33] Stammte aus der Provinz Guangdong, war ein bekannter chinesischer Philosoph, Denker, Politiker und Pädagoge. Er war eine leitende Persönlichkeit für die Reformbewegung im Jahre 1898.

[34] Stammte aus der Provinz Guangdong, war ein wichtiger Denker, Reformer und Literat in China. Als leitende Persönlichkeit hatte er sich auch an der Reformbewegung im Jahre 1898 beteiligt.

[35] Stammte aus der Provinz Guangdong, war einer der wichtigsten chinesischen Politiker und Revolutionäre. Unter seiner Leitung wurden viele wichtige Aufstände und revolutionäre Vereine organisiert. Im Jahre 1911 organisierte er den Aufstand in Wuchang, der zur Abdankung der Qing-Dynastie führte. Daraufhin wurde er im Januar 1912 zum provisorischen Präsidenten der chinesischen Republik gewählt. Die Macht wurde ihm leider nach drei Monaten im April von Yuan Shikai genommen. Trotzdem kämpfte er immer noch für das chinesische Volk. Demzufolge wird er bis heute als „Vater des chinesischen Staates“ verehrt.

[36] Stammte aus der Provinz Hunan, war Marxist, Kommunist, Denker, Revolutionär, Militärtheoretiker, Dichter und der wichtigste Mitbegründer der Volksrepublik China. Als der erste Parteivorsitzende der Volksrepublik China hatte er viele Sympathien, aber wegen der Kulturrevolution (1966-1976) wird sein Beitrag in China neu beurteilt.

[37] Stammte aus der Provinz Sichuan, studierte in seiner Jugend in Frankreich und Russland. Er war Kommunist, Revolutionär, Politiker, Diplomat. Durch seine bekannte Politik der „Öffnung nach außen“ wird China rasch ins globale Wirtschaftsleben integriert.

[38] Vgl. Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Remin Chubanshe 2003, S. 512-515.

[39] Vgl. Fang Huwen: Ershi shiji Zhongguo fanyi shi, Xi’an: Xibei Daxue Chubanshe 2005, S. 19.

[40] Siehe Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 323-324.

[41] Das bezieht sich auf Jingshi Daxuetang京师大学堂[Universität Peking]. Diese Hochschule wurde am 1. Mai 1912 in Beijing Daxue 北京大学[Universität Beijing] umbenannt. Dementsprechend war Yan Fu der erste Rektor der Universität Beijing. Siehe Xiao Chaoran; Zhou Chengen; et. al. (Hg.): Beijing daxue xiaoshi (1898-1949), Beijing: Beijing Daxue Chubanshe 1988, (erweiterte Aufl.), S. 36-40.

[42] Vgl. ebd.

[43] Vgl. Pi Houfeng: Yan Fu dazhuan, Fuzhou: Fujian Renmin Chubanshe 2003, S. 383-403.

[44] Wörtlich „Sicherheitsorganisationskomitee“, war in Wirklichkeit ein Restaurationskomitee.

[45] Siehe ebd., S. 408.

[46] Vgl. ebd., S. 538-546.

[47] Zur Biographie Huxleys siehe Thomas Henry Huxley: Thomas Henry Huxley, in: Gavin de Beer (Hg.): Charles Darwin. Thomas Henry Huxley. Autobiographies, Oxford, New York: Oxford University Press, 1983, S. 91-112. Vgl. auch Karl-Dieter Ulke: Agnostisches Denken im Viktorianischen England, Freiburg, München: Verlag Karl Alber 1980, S. 176-182 (Symposion 62).

[48] Siehe Thomas Henry Huxley: Evolution and Ethics, Vol. IX, in: Collected Essays. Evolution & Ethics and other Essays, Hildesheim, New York: Georg Olms Verlag 1970, S. 1-116 (1. Aufl. 1893-1894).

Details

Seiten
194
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836626163
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226565
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Philosophische Fakultät
Note
1,6
Schlagworte
übersetzung china aufklärung liberalismus

Autor

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Titel: Yan Fu (1854-1921)