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Die Migration indischer Gastarbeiter in die Vereinigten Arabischen Emirate

Magisterarbeit 2008 127 Seiten

BWL - Personal und Organisation

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Grafikverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Interviewverzeichnis

Einleitung

1. Theoretischer Rahmen zu Migrationsprozessen
1.1. Einführung zur Theorie
1.2. Makrotheoretische Erklärungsansätze
1.2.1. Makroansatz der neoklassischen Migrationstheorie
1.2.2. Theorie des dualen Arbeitsmarktes nach Michael J. Piore
1.2.3. Weltsystemtheorie nach Immanuel Wallerstein
1.3. Mikrotheoretische Ansätze der Migrationsforschung
1.3.1. Mikroansatz der neoklassischen Migrationstheorie
1.3.2. Die „Neue Migrationstheorie“
1.3.3. SEU (Subjective-Expected-Utility)- Modell
1.4. Beschriebene Phänomene der neueren Migrationsforschung
1.4.1. Transnationale Migration
1.4.2. Migrationssysteme
1.4.3. Soziale Netzwerke und soziales Kapital
1.4.4. Kettenmigration
1.5. Der integrierende handlungstheoretische Migrationsansatz nach Hartmut Esser

2. Geschichte und Entwicklung der Migration aus Indien in die arabischen Golfstaaten im Allgemeinen und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im Speziellen
2.1. Die Geschichte und Entstehung von Arbeitsmigration in der Golfregion
2.2. Arbeitsmigration in die VAE
2.3. Indien als Emigrationsland
2.4. Die Emigration von Indern in die Golfregion und die VAE

3. Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen des Migrationsprozesses
3.1. Die wirtschaftliche Entwicklung in den VAE und die Verbindung zur Immigration
3.2. Die wirtschaftlich / soziale Situation in Indien am Beispiel Kerala und seine Verbindung zur Emigration
3.3. Die Immigrationsgesetzgebung der VAE
3.4. Das Bürgensystem in den VAE (arabisch: Kafala)
3.5. Indische Gesetzgebung zur Emigration in die VAE (bzw. andere Golfstaaten)
3.6. Charakteristische Merkmale der indischen Golfmigranten

4. Die Feldforschung
4.1. Ziel und Fragestellung der Feldforschung
4.2. Zielgruppen und Methoden der Feldforschung
4.3. Ergebnisse von Feldarbeit und Fragebogen

5. Der Migrationsprozess: Abläufe und Muster
5.1. Die Rekrutierung indischer Gastarbeiter. Strukturen und Entwicklung
5.2. Die Funktionsweise und Bedeutung von Netzwerken bei der Migration
5.3. Die Bedeutung der Bürgen für eine informelle Einreise aus Indien
5.4. Die Entstehung von Illegalität
5.5. Aktuelle Maßnahmen zur Bekämpfung von Illegalität

6. Verdienste vor als auch nach der Migration und die Praxis der Lohnzurückhaltungen in den VAE
6.1. Lohnzurückhaltungen in den VAE
6.2. Die Höhe der Löhne in den VAE
6.3. Die Höhe der Löhne im Herkunftsland Indien und speziell in Kerala
6.4. Das Anreizpotential der Löhne in den VAE

7. Die Rücküberweisungen nach Indien und deren Effekte im Bundesstaat Kerala
7.1. Die Rücküberweisungen nach Kerala
7.2. Rücküberweisungen als Grundlage wirtschaftlicher Veränderungen im Bundesstaat Kerala

8. Erklärungspotentiale des Makroansatzes der neo-klassischen Migrationstheorie sowie des handlungs-theoretischen Ansatzes nach Hartmut Esser
8.1. Erklärungspotentiale der neoklassischen Migrationstheorie
8.2. Erklärungspotentiale des handlungstheoretischen Ansatzes nach Hartmut Esser

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

verzeichnis Der Internetquellen

verzeichnis der Zeitungsartikel

Anhang (Fragebogen)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafikverzeichnis

Grafik 1: Modell zu den Einflüssen auf die Handlung eines Akteurs

Grafik 2: Anteil von Erdöl und Erdölprodukten am Bruttoinlandsprodukt der VAE

Grafik 3: Bürgensystem in den VAE

Grafik 4: Einheimische Bevölkerung der VAE nach Altersklassen

Grafik 5: Nichteinheimische Bevölkerung der VAE nach Altersklassen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Asiatische Zuwanderer in die GCC-Länder

Tabelle 2: Verhältnis zwischen VAE-Staatangehörigen und Migranten

Tabelle 3: Migranten in den VAE nach ihrer Herkunft

Tabelle 4: Asiatische Migranten in den VAE im Jahre 1995

Tabelle 5: Emigration aus Indien in die drei Hauptmigrationsländer (außer Golfstaaten) USA, Kanada und Großbritannien

Tabelle 6: Inder, welche „Emigration Clearance“ bei der indischen Regierung beantragt haben

Tabelle 7: Anteil einzelner Migrationszielländer für welche „Migration clearance“ beantragt wurde

Tabelle 8: Abwanderung indischer Gastarbeiter in die Golfregion

Tabelle 9: Bestand indischer Migranten in der Golfregion

Tabelle 10: Jährliche Abwanderung Indischer Migranten in die VAE

Tabelle 11: Herkunft indischer Gastarbeiter, die eine Emigrationserlaubnis bei der indischen Regierung beantragt haben, nach indischen Bundesstaaten geordnet für 1993 bis 1998

Tabelle 12: Einnahmen der VAE

Tabelle 13: Einnahmen und Investitionen in Entwicklung der VAE

Tabelle 14: Investionen in Entwicklung der VAE und Migrantenzahlen aus Indien

Tabelle 15: Übersicht über Migrationsgenehmigungen und Genehmigungsentbindungen

Tabelle 16: Bildungsgrad von Migranten aus Kerala

Tabelle 17: Anteile verschiedener „Visa-Quellen“

Tabelle 18: Maximalgebühren die ein Agent für die Vermittlung nehmen darf

Tabelle 19: Löhne in den VAE

Tabelle 20: Monatl. Verdienste in der produzierenden Industrie in Indien

Tabelle 21: Löhne in Kerala

Tabelle 22: Auslandsüberweisungen nach Kerala

Interviewverzeichnis

Interview 1: Herr B.S. Mubarak, Consul, Consulate General of India, Dubai, VAE (geführt am 13.11.2007), eigene Mitschriften,

Interview 2: Frau Roda, Department of Naturalisation and Residency Dubai, Abteilung: Öffentlichkeitsarbeit (geführt am 20.11.2007), eigene Mitschriften

Interview 3: Herr Mahesh Paluru, ME Solution Consultant, Servion Global Solutions, Free Zone Sharjah (21.11.2007), eigene Mitschriften

Interview 4: Herr Deepak Ravi, Manager Human Ressources, National Power Erectors and Suppliers, Abu Dhabi, VAE (geführt am 06.07.2008), Tonbandaufzeichnung.

Einleitung

Seit Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erleben die Erdöl fördernden Länder am persischen Golf aufgrund ihrer Einnahmen durch Erdölverkäufe einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind einer dieser Golfstaaten, welche innerhalb weniger Jahre über große Kapitalmengen verfügen konnten und diese in den Aufbau von Wirtschaft und Infrastruktur investierten. Der daraus entstehende Bedarf an qualifizierten oder unqualifizierten Arbeitskräften konnte nicht annähernd aus den Reihen der einheimischen Bevölkerung gedeckt werden und so rekrutierte die emiratische Regierung die nötigen Arbeiter aus arabischen und ostasiatischen Ländern. Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein Migrationsstrom, welcher bis heute anhält und dazu geführt hat, dass die VAE derzeit das Land (bei Ländern über 1 Mio. Einwohner) mit dem größten Migrantenanteil weltweit sind. Arbeitskräfte aus Indien stellen seit den 80 er Jahren die anteilig größte Fremdpopulation in den VAE dar.

Alle Theorien, welche das soziale Phänomen Migration zu begründen versuchen, gehen von einem Einfluss bestimmter Rahmenbedingungen auf die Entstehung von Migration und das Migrationsvolumen aus. Am Beispiel der Arbeitsmigration indischer Gastarbeiter in die VAE sollen in der vorliegenden Arbeit die relevanten Bedingungen, welche eine Migration auslösen und aufrechterhalten, beleuchtet werden. Die wirtschaftlich unterschiedlichen Gegebenheiten von Herkunfts- und Zielregion, welche sich in der Ausprägung eines Lohngefälles widerspiegeln, sind laut neoklassischer Migrationstheorie die wichtigsten Auslösefaktoren für eine Wanderungsbewegung. Auf Grundlage der durch diese formulierten Thesen, sollen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowohl für das Zielland die VAE, als auch für das Hauptherkunftsland Indien am Beispiel des südindischen Bundesstaates Kerala herausgearbeitet werden. Für die VAE wird dabei die Verkettung von Einnahmen durch Erdölverkäufe mit getätigten Investitionen und der darauf folgenden Nachfrage nach Arbeitskräften untersucht werden. Für das Beispiel Kerala wird die außergewöhnlich hohe Arbeitslosigkeit, welche lange Zeit in diesem indischen Bundesstaat herrschte mit wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen in Zusammenhang gebracht. Außerdem werden die auf Migration Einfluss nehmenden sozialen und demografischen Faktoren des Bundesstaates herausgearbeitet.

Neben den wirtschaftlichen Bedingungen soll auch der durch die Bestimmungen von Herkunfts- und Zielland abgesteckte gesetzliche Rahmen betrachtet werden. Bei der Auswertung der Veränderungen des Migrationsvolumens wird dem Einfluss von Gesetzlichkeiten sowohl im Zielland als auch im Herkunftsland Rechnung getragen.

Die Erkenntnisse dieser Untersuchungen werden am Ende der Arbeit in eine Evaluation der Erklärungspotentiale zweier verschiedener Theorien zur Migration einfließen. Es soll geprüft werden, wie umfassend jede dieser beiden Theorien in der Lage ist, eine Erklärung für das Einsetzen und den Fortbestand der Migration aus Indien in die VAE zu liefern.

Ein zweiter Fokus der Arbeit liegt auf einem ausgewählten Phänomen des emiratischen Arbeitsmarktes, welches in jüngster Zeit, im Jahre 2007, durch die Ausrufung einer landesweiten Amnestie massiv in die Schlagzeilen der emiratischen Gazetten geriet. Es handelt sich um die große Zahl an Gastarbeitern, welche sich ohne Aufenthaltsgenehmigung illegal im Land aufhalten. Der Entstehung dieser großen Gruppe an illegalen Gastarbeitern liegen bestimmte politische Strukturen zugrunde, deren Herausarbeitung die zweite Zielstellung dieser Arbeit bilden soll. Bei der Verfolgung dieser Zielstellung werden die mit dieser Thematik in engem Zusammenhang stehenden Varianten des formellen und informellen Zugangs zum Arbeitsmarkt der VAE herausgearbeitet und ihr jeweiliger Anteil am Zustandekommen dieser Situation bewertet. Ausführlich werden hierbei das Bürgschaftssystem, die Tätigkeit der Arbeitsvermittlungsagenten und die Einreise mit Touristen- oder Besuchsvisum behandelt.

Über diese genannten Hauptzielstellungen hinaus sollen dem Leser Einblicke in die Geschichte sowie in allgemeine Abläufe, Aspekte, Strukturen und Charakteristika der Arbeitsmigration von Indien nach den VAE gewährt werden.

Hilfreich für die Erlangung von aktuellen Informationen war eine vom Autor durchgeführte Feldforschung hauptsächlich im Emirat Dubai. Die Feldforschung umfasste vier Experteninterviews und eine an fünfundzwanzig indischen Migranten mittels eigens erstelltem Fragebogen durchgeführte Befragung.

1. Theoretischer Rahmen zu Migrationsprozessen

In diesem Kapitel sollen ausgewählte theoretische Ansätze zur internationalen Migration vorgestellt werden. Dieser Überblick dient der Herstellung einer theoretischen Grundlage für die vorliegende Arbeit. Er macht es sich zum Ziel, verschiedene theoretische Ansätze vorzustellen und die diesen zugrunde liegenden Gedanken zu erläutern. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhhoben. Unter den vorzustellenden Ansätzen befinden sich zwei, welche ausführlicher behandelt werden, und auf deren Erklärungspotentiale im letzten Kapitel dieser Arbeit, unter Bezugnahme auf das allgemeine Thema dieser Arbeit eingegangen werden soll. Diese sind der Makroansatz der neoklassischen Migrationstheorie sowie der handlungstheoretische Ansatz von Hartmut Esser.

1.1. Einführung zur Theorie

„ Migration sei definiert als jeder Wechsel des Hauptwohnsitzes einer Person...“[1]

„Ernst Georg Ravenstein setzte mit einem Vortrag vor der Royal Statistical Society über die Binnenwanderungen im Vereinigten Königreich im Jahr 1885 den Startpunkt zur Entwicklung einer Migrationstheorie. Ravenstein trug dort erstmals die auf statistische Beobachtungen gegründete Argumentation vor, dass Wanderungen nicht regellos verlaufen. Seitdem wurde wiederholt versucht, Ursachen und Ausmaß von Wanderungen mit Hilfe formaler Modelle zu beschreiben. Allerdings konnte bis heute kein umfassendes und befriedigendes theoretisches Modell vorgelegt werden.“[2] Die Erklärungsansätze gehen im Allgemeinen von einer rationalen Entscheidung der Akteure aus, die diese zugunsten einer Migration treffen. Im Zentrum der Betrachtung stehen die Auslösefaktoren für eine solche Entscheidung. Eine dafür gängige Modellvorstellung ist das Push-Pull-Modell, welches davon ausgeht, dass bestimmte „Abstoßungsfaktoren“ einer Herkunftsregion zusammen mit den „Anziehungsfaktoren“ einer Zielregion die Grundlage der Entscheidung für eine mögliche Wanderung bilden. Diese Modellvorstellung stellt jedoch keinen eigenen theoretischen Ansatz dar, sondern muss in eine umfassendere Theorie Eingang finden.

Eine Möglichkeit der Kategorisierung bestehender Migrationstheorien ist deren Unterscheidung bezüglich ihrer Herkunft aus den Bereichen der Wirtschaftswissenschaft, der Soziologie oder der Politikwissenschaft. Eine andere, und hier Verwendung findende Möglichkeit der Einteilung, ist die Unterscheidung danach, ob Migrationsbewegungen als soziales Phänomen auf der Ebene der Gesellschaft (Makrotheoretische Ebene) oder anhand individueller Entscheidungen von Einzelpersonen (Mikrotheoretische Ebene) erklärt werden. Die in Abschnitt 1.2. vorzustellenden Vertreter von makrotheroretischen Erklärungsversuchen sind der Makroansatz der neoklassischen Migrationstheorie, die Theorie des dualen Arbeitsmarktes und die Weltsystemtheorie. Die Repräsentanten einer mikrotheoretischen Herangehensweise werden in Abschnitt 1.3. vorgestellt. Dazu gehören der mikrotheoretische Ansatz der neoklassischen Migrationstheorie, die „Neue Migrationstheorie“ und das SEU-Modell der Entscheidung. Letzteres ist kein eigener Ansatz, aber ein wichtiger Bestandteil einer mikrotheoretischen Erklärung. Nach der Vorstellung dieser beiden Gruppen soll auf Phänomene, welche die neuere Migrationsforschung beschreibt, eingegangen werden. Betrachtet werden dabei Transnationale Migration, Migrationssysteme, soziale Netzwerke und soziales Kapital sowie Kettenmigration. In Abschnitt 1.5. wird der handlungstheoretische Ansatz nach Hartmut Esser, welcher versucht die makrotheoretische und mikrotheoretische Ebene zu verbindenden, ausführlicher vorgestellt.

1.2. Makrotheoretische Erklärungsansätze

Makrosoziologie:

Im Mittelpunkt der Makrosoziologie, welche ihren Höhepunkt in den 50 er und 60 er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte, steht die Untersuchung gesamtgesellschaftlicher Wirkungszusammenhänge. Die Erklärung für das jeweilige soziologische Phänomen wird jenseits aller Einzelmotive von individuellen Akteuren, in feststellbaren Bedingungen und Strukturen gesucht, um daraus allgemeine Gesetze formulieren zu können.[3]

„Makrotheoretische Ansätze versuchen, Migrationsverhalten auf der Aggregatsebene, d.h. auf Basis ganzer Populationen zu beschreiben. Hier soll das aggregierte Wanderunggeschehen zwischen zwei Regionen durch andere „ Kennziffern“ dieser Gebiete, etwa ökonomische oder geografische, erklärt werden.“[4] Mitte des letzten Jahrhundert wurden Modelle entwickelt, welche sich an das Gravitationsgesetz von Newton anlehnten und Ballungsräumen per se eine Anziehung für Migranten zusprachen. In Analogie zu Newton besitzt hier der „massereiche Körper“, der Ballungsraum, eine Anziehungskraft, welche sich mit geringer werdendem Abstand zu ihm vergrößert. Nach dieser Theorie ist das Wanderungsvolumen zwischen urbanem Zentrum und peripherem Raum umso geringer, je größer deren Entfernung zueinander ist.[5]

1.2.1. Makroansatz der neoklassischen Migrationstheorie

Die neoklassische Migrationstheorie ist die durch Wissenschaftler wie Sjaastad, Harris und Todaro weiterentwickelte klassische Migrationstheorie. Der Makroansatz dieser neoklassischen Migrationstheorie geht dabei von der unterschiedlichen Angebots- und Nachfragesituation der Arbeitskräfte aus, die zwischen einzelnen Ländern oder Regionen besteht.[6] In der Ausgangssituation existieren verschiedene Gebiete oder Räume[7], in denen es bezüglich der „Ware“ Arbeitskraft einen Unterschied im Verhältnis von Bedarf und Nachfrage gibt.[8] Ein Gebiet sei gekennzeichnet durch eine, in Relation zur benötigten Arbeitsleistung, gute oder überschüssige Versorgung mit arbeitswilligen und den Aufgaben entsprechend ausgebildeten Arbeitskräften. Ein anderes Gebiet soll demgegenüber einen entsprechenden Mangel an diesen aufweisen. Als Ursache dieses Unterschiedes gilt das Vorhandensein bzw. der Mangel an Arbeitskräfte-bindendem investiertem Kapital.[9] Laut neoklassischer Migrationstheorie, welche einen freien Arbeits- und Warenmarkt unterstellt, wird die „Ware“ Arbeitskraft im Raum mit Arbeitskraftmangel, gleichzeitig gutem Kapitaldargebot und Investitionswillen höher entlohnt werden, als die Arbeitskraft in dem Raum, in welchem an vergleichbaren Arbeitskräften ein Überangebot besteht. In letzterem wurde Kapital – sei es vorhanden oder nicht vorhanden – nicht in Arbeitskräfte-bindende Maßnahmen investiert. Diese unterschiedliche Angebots- und Nachfragesituation an Arbeitskräften sowie die Kapitalsituation drücken sich so in Lohnunterschieden aus. Als Folge dieser Lohnunterschiede wandern, in dem von der neoklassischen Migrationstheorie unterstellten Szenario einer uneingeschränkten Bewegungsfreiheit, Arbeitskräfte aus dem Raum mit weniger Bedarf an Arbeitskräften und geringeren Löhnen in das Gebiet mit höherer Arbeitskraftnachfrage und höheren Löhnen ab. Dieser Vorgang hält unverändert so lange an, bis der Bedarf an Arbeitskräften gedeckt ist. Die Sättigung an Arbeitskräften bewirkt im kapitalreichen Investitionsraum ein Sinken der Löhne. Laut dieser Theorie sinkt das Angebot der Arbeitskräfte in den Ländern, aus denen die Arbeitskräfte abgewandert sind und in der Folge steigen dort die Löhne allmählich wieder an. Eine relative Angleichung der Löhne, bis zu dem Punkt an dem die Schwelle des finanziellen Anreizes unterschritten wird, bewirkt eine Stagnation der Migrationsbewegung. Ein weiterer Grund für das Ansteigen der Löhne in den Auswanderungsgebieten, liegt nach Massey[10] im in die kapitalarmen Länder fließenden Kapital, welches aufgrund hoher Renditechancen dort investiert wird. Dieses führt dort in der Folge zu einer Steigerung des Bedarfes an Arbeitskräften.

1.2.2. Theorie des dualen Arbeitsmarktes nach Michael J. Piore

Piore stellt eine Beziehung zwischen Migrantenströmen und einem segmentierten Arbeitsmarkt in den Industrieländern her. Auch in diesem Ansatz erhält die individuelle Entscheidung eines Migranten bei den Überlegungen zur Ursache von Migrantenbewegungen keine Bedeutung. Laut Piores Theorie sind die Arbeitsmärkte der Industrieländer in einen Primärsektor und einen Sekundärsektor eingeteilt. Der Primärsektor verlangt vom Arbeitnehmer eine anspruchsvolle Fachausbildung und bietet ihm aber gleichzeitig einen relativ hoch entlohnten und „sicheren“ Arbeitsplatz. Der Sekundärsektor hingegen setzt keine oder nur wenig Fachausbildung voraus und hält lediglich unsichere, niedrig bezahlte Arbeitsplätze bereit. Der sekundäre Arbeitsmarkt weist systemimmanent einen zunächst unbefriedigten Bedarf an Arbeitskräften auf. Nach Piore liegen die Ursachen, warum der sekundäre Arbeitsmarkt nicht durch einheimische Arbeitskräfte befriedigt werden kann in Folgendem. Der sekundäre Arbeitsmarkt ist saisonaler Fluktuation unterworfen, bietet kaum Aufstiegschancen und offeriert nur schlechte Bezahlung. Die Bezahlung in diesem Sektor kann sich aber nicht generell erhöhen, da dies auch unerwünschte Aufwärtsbewegungen der Löhne der höher bezahlten Tätigkeiten zur Folge hätte. Die genannten Gründe machen diesen Sektor für einheimische Arbeitnehmer unattraktiv. Aus dieser Situation heraus müssen sich Unternehmen Arbeitnehmer suchen, für die diese Arbeit dennoch attraktiv ist. Solche finden sich in Ländern, in denen das durchschnittliche Lohnniveau um einiges niedriger als in den Industrieländern ist. Als Folge setzt von dort aus eine Migrationsbewegung ein. Die Menge an zur Migration bereiten Arbeitern ist nach der Theorie so groß, dass diese Abwanderung nicht abreißt.[11] Im Gegensatz zur neoklassischen Migrationstheorie kommt es nach diesem Ansatz weder zu einer Veränderung der Löhne in den Industrieländern noch zu einer Rückwirkung auf die Löhne der kapitalschwachen Länder und damit auch nicht zu einem Angleichen der unterschiedlichen Löhne.

1.2.3. Weltsystemtheorie nach Immanuel Wallerstein

Die Weltsystemtheorie basiert auf Analysen des Aufeinandertreffens kapitalistischer Industriestaaten mit weniger industrialisierten Ländern. Arbeitskräftewanderungen werden im Kontext von Waren- und Kapitalströmen erklärt. Im Rahmen der Weltsystemtheorie wird argumentiert, dass internationale Migration der politischen und ökonomischen Struktur eines expandierenden globalen Marktes folgt. Die einzelnen Staaten werden als Teil des weltumspannenden Systems betrachtet. Laut Wallerstein, dem Hauptvertreter dieses makrosoziologischen Ansatzes, funktioniert die Welt bezüglich Kapitalakkumulation, Warenproduktion und Arbeitskräfteverteilung nach einer vorgegebenen sozialen und ökonomischen Struktur. Diese Struktur begann sich im 16. Jahrhundert zu entwickeln. „Aus Sicht der Systemtheorie ist die internationale Migration weder das Resultat rationaler individueller Entscheidung Einzelner mit dem Ziel, die höheren Löhne im Aufnahmeland zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen, noch eine Antwort auf die Nachfrage nach Arbeitskräften, die durch den dualen Arbeitsmarkt der Industrieländer entsteht. Für die Systemtheorie steht die internationale Migration im unmittelbaren Zusammenhang mit der Struktur des weltweiten kapitalistischen Wirtschaftssystem.“[12] Die Welt bzw. jeglicher (Wirtschafts-)Raum wird in drei Zonen eingeteilt: in eine Kernzone, eine Semiperipherie und eine periphere Zone. Diese Zonen sind durch verschiedene wirtschaftliche Entwicklungsstadien gekennzeichnet und es fallen ihnen innerhalb des Weltsystems unterschiedliche Aufgaben bzw. Positionen zu. In den Ländern der Kernzone, in welcher Produktion und Löhne hoch sind, existiert ein Engpass an Arbeitnehmern, die für einen geringen Lohn arbeiten. Die periphere Zone ist zunächst durch gering-produktive bäuerlich-agrarische Wirtschaftstrukturen, eine hohe Arbeitslosenquote und billige Arbeitskräfte gekennzeichnet. Die Theorie unterstellt, dass sich durch das Wirtschaften auf einem hochproduktiven Niveau in der Kernzone viel Überschusskapital anhäuft, für welches rentable Investitionsmöglichkeiten gesucht werden. Diese finden sich laut Theorie beim Investieren in die periphere Zone und der Einführung von Plantagenwirtschaft, Mechanisierung der Landwirtschaft und Massenproduktion. Mit dem Einsetzen dieser Entwicklung kommt es dort durch die Anwendung moderner Techniken bzw. Mechanisierung zur Zerstörung der traditionellen Strukturen und zur Freisetzung von Arbeitskräften, welche in die Gebiete mit Arbeitskräftebedarf, also in eine Kernzone, abwandern.[13] Die Wahrscheinlichkeit der Wanderung zwischen bereits historisch-politisch verbundenen Gebieten oder Ländern ist ungleich höher, als vorherige Verbindungen (Beispiel: ehemalige Kolonialmächte und deren Kolonien).[14] Die Weltsystemtheorie folgt ähnlichen Annahmen wie Piores Theorie des dualen Arbeitsmarktes.

1.3. Mikrotheoretische Ansätze der Migrationsforschung

Mikrosoziologie:

Die Mikrosoziologie befasst sich mit kleinen Gruppen (Familie, Freundeskreis) und grundlegenden „Fein-Strukturen“ im zwischenmenschlichen Verhalten. Diese sind kleinste, selbstständige, nicht mehr weiter reduzierbare Konfigurationen sozialen Verhaltens, die als elementare Totalphänomene unabhängig vom gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang begriffen werden und anzusiedeln sind zwischen Gruppenphänomen und individualpsychologischen Sachverhalten.[15]

Diese Gegenbewegung zur Makrosoziologie betont die Bedeutung der Erklärung der Handlungen individueller Akteure für ein angemessenes Verständnis sozialer Prozesse.

1.3.1. Mikroansatz der neoklassischen Migrationstheorie

Der Mikroansatz der neoklassischen Migrationstheorie, auch Humankapitaltheorie genannt, nimmt jedes Individuum als ein rational denkendes Wirtschaftssubjekt an, welches rationale Entscheidungen trifft, um den eigenen Nutzen zu maximieren. Die Vertreter dieses Ansatzes gehen davon aus, dass ein potentieller Migrant eine Kosten-Nutzen-Analyse bei der Frage nach Arbeitsmigration anstellt und dieser sich nur dann für eine Migration entscheidet, wenn der zu erwartende Nutzen hoch genug erscheint.[16] „Es werden sowohl monetäre als auch nicht-monetäre Kosten und Erträge in das Modell aufgenommen, wie z.B. psychische Kosten und entgangene Gewinne (…).“[17]

„Monetäre Kosten fallen z.B. für einen Umzug in eine entfernte Region an. Nicht monetäre Kosten einer Wanderung können dagegen sozialer Art sein, etwa der Verlust der [des] Freundes bzw. Verwandtenkreises.“[18] Die in Form von Migration zu tätigende Investition in das eigene „menschliche Kapital“ muss aus Sicht des zukünftigen Migranten einen akzeptablen Gewinn erzielen. Eine Gewinnerwartung liegt nach der Humankapitaltheorie jeder positiven Migrationsentscheidung zugrunde. Es existieren unterschiedliche Modelle der Kosten-Nutzen-Ermittlung, von denen eines das SEU-Modell (Subjectiv-Expected-Utility) ist, welches näher im Abschnitt 1.3.3. vorgestellt wird.

1.3.2. Die „Neue Migrationstheorie“

Eine Abwandlung bzw. Weiterentwicklung des Mikroansatzes der neoklassischen Migrationstheorie stellt die „Neue Migrationstheorie“ dar. Die Veränderung, welche diesen Ansatz gegenüber der neoklassischen Migrationstheorie auszeichnet, ist die Bezugsperson der Kosten-Nutzen-Ermittlung. Es steht nicht die Maximierung des individuellen Einkommens, sondern die des Nutzens für die Gemeinschaft, zu welcher das jeweilige Individuum zählt, im Vordergrund. Als Beispiele für Gemeinschaften seien hier Familie oder Großfamilie zu nennen. Die Analyseeinheit Individuum wird durch eine andere Analyseeinheit z.B. den Haushalt ersetzt. Dabei kann der Haushaltsnutzen dem individuellen Nutzen widersprechen, wie dies zum Beispiel bei Ehefrauen der Fall ist, die durch einen Umzug, welcher dem Mann anderenorts mehr Einkommen verspricht, Einkommenseinbußen durch den Verlust ihrer Verdienstquelle am alten Ort erleiden.[19]

1.3.3. SEU (Subjective-Expected-Utility)- Modell

Das SEU-Modell ist keine eigene Migrationstheorie, sondern ein Modell, nach welchem sich z.B. bei neoklassischer und neuer Migrationstheorie der für die Entscheidungsfindung als Grundlage dienende persönliche Nutzen ermitteln lässt. Dieses Modell stellt eine Variante der Werterwartungstheorie dar, die wiederum auf dem Rational-Choice-Ansatz basiert.

Rational Choice (oder rationale Entscheidung) ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene handlungstheoretische Ansätze aus Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Diese schreiben handelnden Subjekten rationales Verhalten zu, wobei die Subjekte aufgrund gewisser Präferenzen ein nutzenmaximierendes (oder auch kostenminimierendes) Verhalten zeigen und diejenige Handlungsalternative wählen, die ihnen den größten subjektiven Nutzen verspricht.

„Das Werterwartungsmodell von DeJong und Fawcett (…) gibt die Absicht zur Migration als Summe der Erwartungswerte in Bezug auf bestimmte Ziele von Akteuren an, die auf den empirisch und theoretisch gewonnenen Dimensionen Wohlstand, Status, Bequemlichkeit, Anregung, Autonomie, Beziehungen und Moralität liegen. Migration ist als instrumentelles Handeln konzipiert; die Entscheidung basiert auf einem kognitiven Kalkulieren subjektiv evaluierter Faktoren in Relation zu den Zielen der Akteure.“[20] Demnach ist es nicht der reale Vorteil, der zur positiven Entscheidung führt, sondern der vom Individuum erwartete Nutzen. Im Abschnitt zur Migrationstheorie nach Hartmut Esser (Abschnitt 1.5.) wird dieses Modell noch etwas ausführlicher dargestellt.

1.4. Beschriebene Phänomene der neueren Migrationsforschung

1.4.1. Transnationale Migration

Bei dem beschriebenen Phänomen der transnationalen Migration handelt es sich um internationale Migration, welche nicht mehr, wie früher definiert, ein unidirektionaler und einmaliger Wohnortwechsel ist, sondern eine Bewegung zwischen verschiedenen Regionen. „Die Transmigranten leben zwischen verschiedenen Wohnorten, sind somit weder am Herkunftsort noch am Einreiseort heimisch und pendeln oftmals auch zwischen den Wohnorten hin und her.“[21] Durch dieses Verhalten einer quantitativ bemerkenswerten Gruppe an Migranten, entstehen enge soziale-kulturell-ethnische Verbindungen zwischen den beiden Aufenthaltsräumen. Es entwickelt sich sowohl durch als auch für die Migranten eine Art „de-lokalisierte soziale Wirklichkeit“. Diese entstandenen Räume werden als transnationale soziale Räume, Global Cities oder transnationale Communities bezeichnet. Die Entwicklung dieser Räume geht mit einer Entkopplung von geografischem und sozialem Raum einher.[22]

1.4.2. Migrationssysteme

Eine mit dem Phänomen der transnationalen Migration in engem Zusammenhang stehende Erscheinung sind Migrationssysteme. „Beim Migrationssystem-Ansatz wird davon ausgegangen, dass zwischen bestimmten Ländern ein relativ intensiver Austausch von Informationen, Gütern, Dienstleistungen, Kapital, Ideen und Personen besteht. Diese bilden ein Migrationssystem, das Herkunfts- und Zielnation verbindet. (…) Es wird davon ausgegangen, dass mehrere spezifische Ausreisenationen sich auf eine Zielnation konzentrieren (Multipolarität), wobei vor allem die Ausreiseländer zu mehreren Migrationssystemen gehören können und geografische Distanz keine Rolle spielt.“[23] Das Augenmerk liegt auf der Unterschiedlichkeit der Orte, zwischen denen durch den Prozess der Migration eine gegenseitige Abhängigkeit entsteht. Soziale Netzwerke sind ein wichtiger Bestandteil dieses Systems, weil dessen Entstehung und Erhaltung eng mit der Existenz dieser Netzwerke einhergeht. Migrationssysteme kann man in zwischenstaatliche Beziehungen, Verbindungen der Massenkultur, persönliche Netzwerke und Familiennetzwerke, sowie Aktivitäten von Migrantenagenturen kategorisieren.[24]

1.4.3. Soziale Netzwerke und soziales Kapital

Der Netzwerk-Ansatz stellt die sozialen Emigrations- und Immigrationsnetzwerke, welche ebenfalls Teil der Betrachtung sowohl der transnationalen Migration als auch der Migrationssysteme sind, in den Vordergrund der Betrachtung. „Persönliche Beziehungen, die Migranten, ehemalige Migranten und Nichtmigranten in Herkunfts- und Zielregion miteinander verbinden, erhöhen demnach die Wahrscheinlichkeit internationaler Migration, was zur Kettenmigration (siehe Abschnitt 1.4.4.) führen kann. Die meisten Migranten haben bereits Verwandte an ihrem neuen Wohnort, reisen mit Verwandten gemeinsam oder Verwandte reisen ihnen später nach.“[25] Wie schon in Abschnitt 1.4.2. erwähnt, erhalten soziale Kontakte oder soziale Netzwerke diese Migrationsströme aufrecht.

Dem Aufspüren und der Beschreibung von sozialen Netzwerken im Zusammenhang mit Migration folgte die Einführung des Begriffes „soziales Kapital“. „Persönliche Kontakte zu Freunden, Verwandten und Landsleuten helfen Migranten, Arbeitsplätze und Wohnungen zu finden und geben finanzielle Unterstützungen. Insofern werden die Kosten der Migration reduziert und der Mangel an ökonomischen Ressourcen wird durch vielfältige nützliche soziale Beziehungen ausgeglichen.“[26] Soziales Kapital kann man als Synonym für alle „positiven ökonomischen Effekte, die sich aus sozialen Strukturen ergeben“[27] betrachten. Als soziales Kapital kann man aber auch die psychische Unterstützung z.B. der Verwandtschaft betrachten, die mentale Stabilität schafft und ein Sicherheitsgefühl erzeugt..

1.4.4. Kettenmigration

Als Kettenmigration wird die auf eine Individualmigration folgende und von dieser abhängige quantitativ starke Migration von Folgemigranten bezeichnet. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem oben behandelten Phänomen der sozialen Netzwerke bzw. des sozialen Kapitals. Kettenmigration unterscheidet sich charakteristisch von Individualmigration. Im Gegensatz zu Individualmigranten genießen Kettenmigranten den Vorteil, dass sie bei der Suche nach einem Arbeitsplatz im Zielland zusätzlich auf Informationen ihres Netzwerkes zurückgreifen können. Weiterhin ist ein Kettenmigrant in der Lage, die Kosten seiner Unterbringung dadurch reduzieren, dass er die Unterkunft sowie die Nutzung verschiedener dauerhafter Konsumgüter, wie z.B. Kühlschrank, mit anderen Mitgranten teilt. So kann er seine Lebenshaltungskosten minimieren und seine Migrations- und Aufenthaltskosten liegen unter denen von Individualmigranten, welche z.B. als Pioniermigranten am Anfang einer Migrationskette stehen. Darüber hinaus ist der Aspekt von vorhandenen sozialen Kontakten im Zielland, welche die psychischen Kosten einer Migration, wie Einsamkeit in der Fremde und Trennung von der Familie, verkleinern helfen, ein wichtiger und eine positive Migrationsentscheidung begünstigender Aspekt. Unter der Annahme, dass der Mensch in seinem Handeln nutzenorientiert vorgeht, wird es somit wahrscheinlicher, dass ein potentieller Migrant sich ein Zielland für eine Arbeitssuche bzw. Arbeitsannahme wählt, in welchem er auf soziale Bindungen zurückgreifen kann.[28]

1.5. Der integrierende handlungstheoretische Migrationsansatz nach Hartmut Esser

Der Erkenntnis, dass jeder einzelne der oben beschriebenen Ansätze nur einen Teil eines komplexen soziologischen Phänomens wie z.B. der Migration beschreibt bzw. erklärt, entsprang der Versuch, die verschiedenen Ansätze und mit ihnen auch die Ebenen von Mikro und Makro in einem Erklärungsmodell zu vereinigen.

Hartmut Esser ist ein Vertreter der soziologischen Denkrichtung des Methodologischen Individualismus.[29] Eine Orientierung am Methodologischen Individualismus meint die Absicht, bei der Untersuchung sozialer und struktureller Phänomene auf Konzeptionen einer eigenständigen, von den handelnden Individuen unabhängigen Systemrealität zu verzichten und alle sozialen Prozesse, Systemerfordernisse und Funktionen auf das Empfinden, interessegeleitete Handeln und das Lernen von Individuen zurückzuführen.[30] Die Grundaussage dieser wissenschaftstheoretischen Richtung und damit auch der Ausgangspunkt von Essers Ansatz ist, dass soziale Tatbestände (Makrophänomene) immer als Resultat individueller Handlungen erklärt werden müssen. Eine soziale Situation (oder soziologisches Phänomen) der Makroebene wird zunächst auf die Mikroebene transferiert, indem die dieser Situation zugrunde liegenden Handlungen der Individuen betrachtet werden. Für dieses Handeln versucht man ein Erklärungsmodell und typische Bedingungskonstellationen zu finden. Ist ein Modell für das Handeln auf individueller Ebene gefunden, kann man versuchen, es zu aggregieren, also es auf die Aggregatsebene, d.h. auf die Ebene ganzer Populationen, zu übertragen und erhält somit eine Deutung der sozialen Situation.[31] Diese Vorgehensweise ist auch als Colemansche Badewanne oder als Makro-Mikro-Makro-Modell bekannt. Die Grundlage für die Erklärung des Makrophänomens stellt somit ein, das Handeln des Individuums erklärender theoretischer Ansatz dar. Es existieren einige Ansätze um das Handeln des Menschen erklärbar zu machen.[32] Zunächst einmal hängt die Art einer solchen Erklärung davon ab, welche Grundeigenschaften bzw. grundlegenden Funktionsweisen dem handelnden Individuum (oder auch dem Handeln des Individuums) zugeschrieben werden. Für das Wesen des Menschen gibt es zwei traditionelle soziologische Beschreibungen. Das eine, aus handlungstheoretischer Sicht beschriebene Wesen ist der Homo oeconomicus, welcher unter idealtypischen Voraussetzungen vollständig informiert ist und immer so handelt, dass er seinen persönlichen Nutzen maximiert. Der zweite Typus ist der Homo sociologicus, welcher normenkonform handelt und nicht an der Maximierung seines eigenen Nutzens interessiert ist. Der Soziologe Siegwart Lindenberg[33] schuf ein weiteres Modell: das des RREEMM (Resourcefull, Restricted, Evaluating, Expecting, Maximizing, Man)[34]. Auf dieses dritte Modell des Menschen wendet Hartmut Esser seine abgewandelte Version des Rational Choice Handlungsansatzes an. Alle auf der Rational Choice Theorie beruhenden Ansätze versuchen drei, die Handlung bestimmende Grundfragen, durch Hypothesen zu beantworten.

1. Motivationshypothese: Was bewegt die Individuen zum jeweiligen Handeln?
2. Selektionshypothese: Nach welchen Kriterien wählen Individuen ihre Handlungen aus?
3. Hypothese von den Handlungsbeschränkungen: Welche Handlungen stehen zur Wahl?

Esser formuliert die genannten Hypothesen wie folgt aus:

1. Motivationshypothese: Handlungen sind immer ein Mittel zur Verwirklichung eines Wunsches / zur Erreichung eines Zieles. Welches Mittel das Bedürfnis am Besten erfüllt und welche Ziele am wünschenswertesten sind, wird von Präferenzen festgesetzt. Ausgangspunkt einer unbewussten oder bewussten Zielvorstellung sind zunächst die beiden grundlegenden Bedürfnisse des Menschen nach physischen Wohlbefinden und sozialer Wertschätzung.[35] Die Wahl des jeweiligen Unterzieles, wie z.B. sich selbst und die eigene Familie gut versorgen zu können oder auch einen Weltrekord im Schwimmen aufzustellen, hängt von persönlichen Präferenzen, welche eigene Werte, Erwartungen und Erfahrungen widerspiegeln, aber auch vom Stand der jeweiligen Bedürfnisbefriedigung ab.[36] Die oben genannten Werte und Erwartungen werden dabei von den sozialen Vorgaben, Traditionen und Werten der Gemeinschaft in der sich der Akteur bewegt und der Rolle die er in dieser einnimmt beeinflusst. Esser spricht hierbei von den inneren Bedingungen des Handelns. Ebenso wie die Zielvorstellungen durch die eben aufgezählten Rahmenbedingungen beeinflusst werden, so werden davon auch die Vorstellungen über die zu verwendenden Mittel und Wege zur Erreichung der Ziele beeinflusst. Beispielsweise kann ein Mittel zur Erreichung des Zieles sich und seine Familie gut versorgen zu können, die Suche nach besser bezahlter Arbeit an einem anderen Ort sein. Ein anderes Mittel könnte aber auch das Stehlen der begehrten Waren sein.
2. Selektionshypothese: Hier gilt das Prinzip der Nutzenmaximierung. Eignen sich mehrere Handlungen oder Mittel zur Erlangung eines Zieles, so wählt das Individuum immer die Handlung aus, die ihm subjektiv gesehen den größten erwarteten Nutzen oder die geringsten Kosten verspricht. Hierbei ist der zu erwartende Nutzen nicht notwendigerweise materieller sondern er kann auch qualitativer oder ideeller Natur (z.B. Ansehen) sein. Eine Theorie, welche die Bewertung der Handlungsalternativen beschreibt, ist die Wert-Erwartungs-Theorie oder auch SEU (Subjective Expected Utility). Diese Werterwartung ergibt sich aus dem Produkt der Eintrittswahrscheinlichkeit P (Probability) und der Bewertung U (Utility) der Konsequenzen einer Handlung (SEU = P x U). Nach Esser unterliegt dieser Vorgang des Abwägens verschiedener Nützlichkeiten der „bounded rationality“[37] eines jeden Menschen.
3. Hypothese von den Handlungsbeschränkungen: Restriktionen sind situative oder strukturelle Variablen, die den Handlungsspielraum einengen. Eingeteilt werden diese in natürliche Restriktionen (dies sind alle Beschränkungen, die eine Handlung aus technischen Gründen verhindern wie Geldmangel oder Zeitmangel) und soziale Restriktionen (dies sind die Restriktionen, welche eine Handlung aus sozialen Gründen ausschließen wie bestimmte Normen oder Ordnungen) eingeteilt. Hat das Individuum diesen, durch die drei Hypothesen beschriebenen Prozess durchlaufen, so reagiert es mit der entsprechenden Handlung, welche natürlich auch das Unterlassen einer Handlung sein kann.

„Situationen des Handelns sind immer Kombinationen von materiellen, institutionellen und kulturellen Bedingungen, als äußere Umstände in der Umgebung und als innere Disposition bei den Akteuren“[38]

Wie oben erklärt, benutzt Essers handlungstheoretisches Modell den Rational Choice Ansatz, welcher innerhalb der Selektionshypothese als Werterwartungstheorie seine Anwendung findet. Fußen die Entscheidungen der Menschen aber immer auf rationalen Erwägungen? Unter den Handlungstheoretikern ist das eine Frage, über die keineswegs Einigkeit herrscht.

Ein viel diskutiertes Problem bei der Rational Choice Theorie ist das Phänomen des Altruismus d.h. des selbstlosen Handelns. Zunächst scheint eine jegliche selbstlose Handlung sich der Einordnung in das Rational Choice Modell zu verweigern. Auf den zweiten Blick kann sich Altruistisches Verhalten allerdings, bei entsprechender Bereitschaft zur Änderung des Blickwinkels, und Betrachtung der dem „Altruismus“ zu Grunde liegenden Motive, zu eigennützigem Verhalten wandeln. Beispiele dafür könnten sein: ein durch eine Person unterstütztes Gruppenziel (z.B. Familienziel) hat bei seiner Erreichung großen (erwarteten) Nutzen für das Individuum. Ein Motiv für das Helfen wäre z.B. die Hebung des eigenen Ansehens innerhalb einer Gemeinschaft oder auch das Vermeiden eines Konfliktes der durch ein Nicht-Helfen entstanden wäre. So betrachtet wären solche Handlungen rational und nutzbringend. Es ist eine offene philosophische Frage, ob es „wahren“ Altruismus gibt oder nicht.

Die gerade vorgestellte Handlungstheorie nach Esser sei durch die folgende vereinfachte Grafik illustriert. Sie zeigt einerseits die Einflüsse auf Zielbildung und Mittelwahl als innere Bedingungen des Handelnden, und andererseits den Einfluss von Opportunitäten und Restriktionen als äußere Bedingungen der Handlung. Den Stadien der Zielausbildung und Wegwahl sind jeweils „innere Filter“ vorgeschaltet. Der schwarze Pfeil, der den Weg von der inneren Zielbildung bis zu einer möglichen Handlungsalternative durchläuft, wird durch die inneren Bedingungen gelenkt und bis auf den mittleren, der die Mittelwahl mit der zweithöchsten persönlichen Präferenz repräsentiert, von den äußeren Bedingungen an einer Weiterverfolgung gehindert. Die Entscheidung, für eine bestimmte Handlung aus dem Pool der möglichen Handlungsalternativen wird durch den Akteur nach dem SEU-Modell gefällt.

In der Grafik erreicht nur der Weg (oder das Mittel) mit Präferenz 1, d.h. der mittlere schwarze Pfeil den Pool der möglichen Handlungsalternativen. Die anderen beiden, der drei Mittelwahlen (Präferenzen 1 und 3), welche die Phase der inneren Bedingungen als vorstellbar eingeschätzt verlassen haben, scheitern an den Beschränkungen durch die äußeren Rahmenbedingungen.

Grafik 1: Modell zu den Einflüssen auf die Handlung eines Akteurs

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Darstellung des Autors

Zu dieser Darstellung sei bemerkt, dass jegliches gewählte Mittel im Falle seiner Wahl selbst zum Ziel wird, welches wiederum andere Mittel erfordert. Zum Beispiel wird das Mittel der Arbeitsmigration eines Inders in die Golfstaaten mit dem Ziel seine Familie ernähren zu können, selbst wieder zum Ziel, wenn es um die Maßnahmen (z.B. sich Geld zu borgen, um den Agenten bezahlen zu können) geht, dies zu erreichen bzw. durchzuführen.

Gemäß dieses Ansatzes muss die Handlung der Migration die innerlichen Phasen zu Zielwahl und Mittelwahl durchlaufen, und danach die Prüfung der äußeren Bedingungen, d.h. der Möglichkeiten des verfügbaren monetären und sozialen Kapitals, sowie eventueller Restriktionen gesetzlicher und gesellschaftlicher Art bestehen.

Dieses Modell soll im letzten Kapitel auf seine Erklärungspotentiale für die Migration von Indern in die VAE hin geprüft werden.

2. Geschichte und Entwicklung der Migration aus Indien in die arabischen Golfstaaten im Allgemeinen und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im Speziellen

Dieses Kapitel gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte der Migration in den beiden diese Arbeit betreffenden Regionen bzw. Ländern. Die VAE sind weltweit der Staat mit der größten Fremdpopulation,[39] wobei indische Gastarbeiter mit 42 % den Hauptteil der Migranten stellen. Dieses Kapitel wird einen Überblick über die Zuwanderung in die Golfregion und speziell in die Vereinigten Arabischen Emirate geben. Des Weiteren soll die Geschichte indischer Arbeitsmigration beleuchtet werden.

2.1. Die Geschichte und Entstehung von Arbeitsmigration in der Golfregion

Vor der Entdeckung des Erdöls basierte die Wirtschaft der Golfregion auf Perlentaucherei, Fischerei, Handel und in begrenztem Maße Landwirtschaft.[40] Auch Piraterie war noch im 19. Jahrhundert eine wichtige Einnahmequelle für die dort heimischen Beduinenstämme.[41] Diese, auch an den zwischen Mesopotamien und Indien verkehrenden Handelsschiffen der British East India Company[42] betriebene Piraterie war der Grund für die Britische Regierung, in der Mitte des 18. Jahrhunderts den dortigen „Piratennestern“ den Kampf anzusagen. Als Folge dieser Kämpfe, bei denen die gesamte Flotte des Stammes der Qawāsim zerstört wurde,[43] erreichten die Briten einerseits das Ziel, die Sicherheit für ihre Schiffe in Zukunft zu gewährleisten. Andererseits wurde durch die Zerstörung der Schiffe auch ein wichtiger Konkurrent im Seehandel ausgeschaltet. Mit der Stationierung von Soldaten in Ras Al-Khaimah schufen sich die Briten eine Basis am Persischen Golf und nahmen ab diesem Zeitpunkt eine wichtige Machtposition in der Region ein. Im Jahre 1820 trafen sie erste Vereinbarungen mit den Scheichs der auf dem Gebiet der heutigen VAE, in Bahrain und des Oman ansässigen Beduinenstämme, um das Piratentum einzudämmen. Die dann im Jahre 1835 getroffene „maritime Waffenruhe“, zunächst für die Zeit der Perlenfischereisaison, und der daraus 1853 hervorgegangene Vertrag über dauernden Waffenstillstand waren wichtige Ergebnisse ihrer Bemühungen um Sicherheit in dieser Region.[44] Die Vorherrschaft für die Region sicherten sich die Briten, indem sie z.B. Verträge mit den Scheichs der sieben Emirate abschlossen, die einerseits anderen Nationen untersagten, diplomatische Vertretungen zu errichten (1892) und ihnen andererseits exklusive Rechte für die Förderung von Erdöl zusicherten (1922).[45] Die sieben Emirate, welche auch als Vertragsstaaten (Trucial States) bezeichnet wurden, erhielten den Status eines britischen Protektorats.[46] Alle, aus anderen Teilen des Imperiums kommenden Menschen, genossen in den Vertragsstaaten britischen Schutz. Dies betraf auch die sich dort aufhaltenden indischen Händler, zu deren wichtigen Handelsgütern Gewürze aus dem Süden von Indien[47], Zucker, Kaffee, Nahrungsmittel aber auch die Perlen aus der Golfregion zählten.[48]

Als in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts britische Firmen Anstrengungen unternahmen, Erdöl in der Golfregion zu finden[49] und sich dafür Arbeitskräfte aus ihrer Kolonie Indien beschafften, kamen die ersten indischen Arbeitsmigranten in das Gebiet.[50] Für die Briten war es nahe liegend ihre Arbeiter aus einer Region zu rekrutieren, deren Bewohner ihnen vertraut und darüber hinaus (mehr oder weniger) ihrer Sprache mächtig waren. Zudem waren es billige Arbeitskräfte und der bürokratische Aufwand einer Überführung aus der eigenen Kolonie war überschaubar.[51] Diesem Vorgang der Rekrutierung von Gastarbeitern aus Indien setzte die Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 kein Ende. Auch postkolonial fand er seine Fortsetzung. Die britischen Ölbohrfirmen am Golf rekrutierten bis zum Jahre 1950 geschätzte 8000 Arbeiter aus Indien. Der Anteil der Inder unter den Mitarbeitern der Firmen betrug damals z.B. bei der Bahrain Petroleum Company und der Kuwait Oil Company zwischen 85 und 95 %.[52] Migration und Rekrutierung von Arbeitskräften liefen schon damals nicht ausschließlich in formalen Bahnen. Viele Inder, meist von der Westküste aus der Region um Bombay, langten mit kleinen Barkassen an den Küsten der Golfregion an und suchten sich eine Anstellung bei den dort ansässigen Ölbohrfirmen. Ein halbformaler Weg war auch der Folgende: Sich schon länger in der Region aufhaltende Händler und Geschäftsleute meist indischer Herkunft ließen sich von der Regierung (z.B. Bahrain) unter dem Vorwand das eigene Geschäft vergrößern zu wollen, eine Bescheinigung ausstellen, welche es Ihnen gestattete, einen oder mehrere weitere Arbeitsmigranten ins Land zu holen. Diese erreichten das Land, bezahlten dem Händler eine vereinbarte Summe und suchten sich darauf eine Anstellung bei einer Ölbohrfirma.[53] Der „Erfolg“ der Emigranten bzw. die das Heimatland erreichenden Berichte darüber ließen weitere Inder diesen Weg einschlagen. Die relativ hohen Löhne, die in der Golfregion gezahlt wurden,[54] gaben ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.[55] In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, da sich durch den hohen Ölpreis das Einkommen der Golfstaaten vervielfachte und diese Staaten das Kapital in den Aufbau von Wirtschaft und Infrastruktur investierten, begann man damit, aktiv Arbeitskräfte in arabischen und ostasiatischen Ländern zu rekrutieren. Auf diese Weise nahm ab jener Zeit die Bevölkerung der Golfstaaten, zu denen die sechs Mitglieder des Gulf Cooperation Council (GCC) Saudi Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören, rapide zu. Die Gesamtbevölkerung dieser sechs Staaten betrug im Jahre 1972 noch 800000 Menschen. 1975 wurde sie bereits auf 1,71 Millionen geschätzt. Fünf Jahre später 1980 zählte sie schon 2,82 Millionen.[56]

Tabelle 1: Asiatische Zuwanderer in die GCC - Länder (Angabe in Personen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Sasikumar (Abschnitt 2.2.2)

Tabelle 1 gibt Auskunft über die Menge an Zuwanderern aus Asien in die sechs GCC- Länder in den Jahren von 1977 bis 1982.

2.2. Arbeitsmigration in die VAE

In den Vereinigten Arabischen Emiraten schufen die Entdeckung von großen Erdöllagerstätten im Jahre 1958 und der Export des Öls ab dem Jahre 1962 die Basis für Reichtum und wirtschaftliche Entwicklung. Bis in die Mitte der 70er Jahre hatten die VAE, deren offizieller Zusammenschluss aus sieben Einzelemiraten im Jahre 1971 stattfand, durch Erdölverkäufe und im Besonderen begünstigt durch eine enorme Ölpreiserhöhung innerhalb kurzer Zeit (1973/1974)[57] eine große Menge an Kapital angehäuft. Zwischen 1971 und 1980 erhöhten sich die Einnahmen durch Erdölverkäufe in den VAE um das Fünfundzwanzigfache.[58] Mit diesem Kapital war es Ihnen jetzt möglich, in den Aufbau von Industrie und Infrastruktur zu investieren.[59] In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre betrugen die jährlichen Zuwachsraten der Investitionen im öffentlichen Sektor über 70 %.[60] Es war die erklärte Politik von Scheich Zayed Bin Sultan Al-Nahyan, damals Regierender des Emirates Abu Dhabi und damit gleichzeitig Präsident der VAE, als auch von Vizepräsident Scheich Rashid, damals Regierender des Emirates Dubai, eine ausgebaute Infrastruktur zu schaffen[61], den Beduinen Häuser zur Verfügung zu stellen[62], sowie die Wirtschaft des Landes zu entwickeln und zu diversifizieren. So wurden in den Jahren von 1975 bis 1982 in den VAE rund 51 Mrd. USD im öffentlichen Sektor investiert[63]. Die weitsichtige Idee war, die Wirtschaft bis zu der Zeit, da der Bodenschatz Erdöl zur Neige gehen würde und man nicht mehr von dessen Einnahmequellen würde leben können, differenziert entwickelt zu haben. Die vom Erdöl unabhängig machende Diversifizierung der Wirtschaft wurde besonders im Emirat Dubai vorangetrieben. Aus einem wirtschaftlich und infrastrukturell unterentwickelten Reich sollte ein moderner Industriestaat werden. Die Grundpfeiler der Wirtschaft sollten neben der Öl-fördernden und Öl-verarbeitenden Industrie auch der Handel, das Bankwesen, die verarbeitende Industrie und später der Tourismus werden. Zur Verwirklichung dieses Zieles und seiner einzelnen Projekte benötigte man eine große Menge an ausgebildeten sowie nicht ausgebildeten Arbeitskräften, deren Rekrutierung nicht annähernd aus den Reihen der eigenen Bevölkerung bewerkstelligt werden konnte.[64] Im Jahre 1968 betrug die Population in den VAE nur ca. 180000 Menschen, von denen 63,5 % Einheimische waren.[65] Die Zuführung von Arbeitskräften war nicht nur für zu verwirklichende Baumaßnahmen und für die Industrie (inklusive der Öl-fördernden und Öl-verarbeitenden Industrie) erforderlich, sondern auch für den Handel und alle Bereiche des Service-Sektors. Anfangs rekrutierte die emiratische Regierung Arbeitskräfte hauptsächlich in anderen arabischen Staaten wie Ägypten, Jordanien, dem Jemen und dem Sudan. Der Anteil der Arbeitskräfte aus Ägypten betrug in diesen Anfangsjahren rund 60 %.[66] Mit dem Beginn des Krieges zwischen Iran und Irak im September 1980 stellte sich die Regierung der VAE - obwohl darüber nicht in allen sieben Emiraten Einigkeit herrschte - auf die Seite Iraks, da eine generelle Furcht vor der Iranischen Revolution herrschte und es darüber hinaus mit dem Iran Streitigkeiten bezüglich der Hoheitsrechte auf der Insel Abū Mūsā und den beiden Tunb-Inseln im Persischen Golf gab. Im Zuge des Golfkrieges verließen viele der arabischen Arbeitsmigranten, deren Regierung auf Seiten Irans stand (z.B. Jemen), die an Erdöl reichen Golfstaaten.[67]

[...]


[1] Wagner (1989, 26).

[2] Kröhnert (2007, 1).

[3] Vgl.: Esser (1999, 7); Vgl.: Fuchs-Heinritz (2007, 408).

[4] Kröhnert (2007, 1f).

[5] Vgl.:Kröhnert (2007, 1f).

[6] Vgl.: Han (2006, 174); Vgl.: Massey u. A. (2006, 18).

[7] Der Raum oder das Gebiet kann, muss aber nicht als Staat oder anders politisch abgegrenzt verstanden werden.

[8] „Diese These könnte man Orsagh und Mooney (1970, S. 306) als "job vacancy thesis" bezeichnen. Nicht regionale Unterschiede im Lohnniveau, sondern Differenzen im Angebot freier Arbeitsplätze bedingen demnach Migration“ Wagner (1989, 30).

[9] Han (2006, 174) und Massey u. A. (2006, 18) sprechen in der Beschreibung der Theorie nur von vorhandenem bzw. nicht vorhandenem Kapital. Mit dem Zusatz „Arbeitskräfte-bindendem investiertem Kapital“ soll herausgestellt werden, dass vorhandenes Kapital, wenn es nicht investiert wird, keine Nachfrage an Arbeitskräften erzeugt.

[10] Vgl.: Massey u. A. (2006, 18f).

[11] Vgl.: Han (2006, 178ff) als Grundlage zur Darstellung der gesamten Theorie.

[12] Han (2006, 210).

[13] Vgl.: Han (2006, 210f).

[14] Vgl.: Lebhart (2002, 16f).

[15] Vgl.: Fuchs-Heinritz (2007, 432).

[16] Vgl.: Han (2006, 175).

[17] Haug (2000, 5).

[18] Kröhnert (2007, 3).

[19] Vgl.: Haug (2000,7); Anm.: Wenn man allerdings nach Sjaastad (1962, 84f) ebenso nicht-monetäre Nutzen in die Rechnung nach der neoklassischen Migrationstheorie mit einbezieht, muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass der Ehefrau kein Mehrnutzen entsteht. Den Nutzen, den eine Aufrechterhaltung oder Verbesserung des interfamiliären Klimas (durch Vermeidung einer Trennung und höherem Familieneinkommen) der Frau bringt, kann man durchaus als privaten Nutzen für die Ehefrau werten.

[20] Haug (2000, 9).

[21] Haug (2000, 17).

[22] Vgl.: Haug (2000, 17).

[23] Haug (2000, 17 f).

[24] Vgl.: Haug (2000, 18).

[25] Haug (2000, 19).

[26] Haug (2000, 21).

[27] Haug (2000, 22).

[28] Vgl.: Helmenstein (1997, 9).

[29] Esser bezeichnet sich selbst als einen Vertreter der „erklärenden Soziologie “, welches (s)eine Modifikation des Methodologischen Individualismus ist. Vgl.: Treibel (2006, 140).

[30] Vgl.: Esser (1980, 13f).

[31] Vgl.: Esser (1999, 15f).

[32] Vgl.: Münch (2003).

[33] Vgl.: Treibel (2006, 145).

[34] Findig, eingeschränkt,(Konsequenzen) bewertend, (Konsequenzen) erwartend, (Nutzen) maximierend, Mensch.

[35] Vgl.: Esser (1999, 92 und 125); Zum Thema der grundlegenden Bedürfnisse des Menschen sind verschiedene Überlegungen angestellt worden. Das berühmteste Beispiel dürfte hierbei die Maslowsche Bedürfnispyramide sein.

[36] Eine Diskussion über die verschiedenen Konzepte von Grundbedürfnissen und höheren Bedürfnissen des Menschen soll an dieser Stelle nicht geführt werden, da dieses zu weit vom Thema wegführen würde. Es soll an dieser Stelle nur darauf hingewiesen werden, dass der Autor das Konzept einer Hierarchie der Bedürfnisse anerkennt. Dies gilt allerdings mit der Einschränkung, dass er eine subjektive Hierarchie wie z.B nach Alderfers ERG-Theorie einer festen, für alle Individuen geltenden Hierarchie wie der nach Maslow vorzieht. Vgl.: Alderfer (1972).

[37] Der Mensch kann nie vollständig informiert sein, seine Erwartungen unterliegen damit immer einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit. „ Das naheliegende Implikat der Theorie rationalen Handelns als ein erklärender Ansatz besteht in der Annahme, dass Menschen ihrem Handeln meist ein beschränktes Modell der Wirklichkeit zugrunde legen und ihre Probleme innerhalb dieses Modells lösen und entsprechend selektiv ihre Entscheidungen treffen“ Kunz (1997, 11).

[38] Esser (1999, 51).

[39] Betrachtet werden nur Länder mit über 1 Million Einwohner.

[40] Vgl:. The Middle East and North Africa 2008 (2007, 1214).

[41] Speziell der Stamm der Qawāsim ist dafür bekannt; Vgl.: Scholz (1999, 210).

[42] Für die British East India Company existierten drei Haupthandelsrouten für den Handel mit Indien. Eine führte nur auf dem Wasserweg um das Kap der guten Hoffnung. Die anderen beiden Strecken verliefen (anteilig auf den Landweg) entweder über das Rote Meer oder den persischen Golf. Vgl.: The British Empire: Internetseite: www.britishempire.co.uk. (02.09.2008).

[43] Vgl.: Scholz (1999, 210).

[44] Vgl.: The Middle East and North Africa 2008 (2007, 1207).

[45] Vgl.: Scholz (1999, 210).

[46] Ebenso war Bahrain ein britisches Protektorat.

[47] 90% des indischen Pfeffers stammen aus Kerala. Vgl.: Bauer (1987, 67).

[48] Vgl.: Scholz (1999, 215 f). Vor 1970 gab es in Dubai, welches das wichtigste Handelszentrum im persischen Golf war, rund 3000 indische Händlerfamilien. Vgl.: Rahman (2001, 17).

[49] Das erste Erdöl der Region wurde im Iran entdeckt und ab 1911 von der Britisch-Persischen Firma APOC gefördert. Nach Ende des ersten Weltkrieges fanden die Briten Öl auf dem Gebiet des Irak. 1932 wurden dann auch in Bahrain von der Standard Oil Company of California förderungswürdige Mengen entdeckt. Die gleiche Firma fand auf dem Gebiet von Saudi Arabien im Jahre 1933 die ersten Erdöllagerstätten. Vgl.: The Library of Congress: Countrystudies: Internets.: http://lcweb2.loc.gov/frd/cs/aetoc.html (02.09.2008).

[50] Vgl.: Massey u. A. (2006, 137).

[51] Vgl.: Sasikumar (Abschnitt 3.3).

[52] Vgl.: Sasikumar (Abschnitt 2.2.1).

[53] Vgl.: Sasikumar (Abschnitt 2.2.2). Als Beispiel wird hier die Bahrainische Firma BAPCO angeführt.

[54] Im Jahre 1941 zahlte die BAPCO ihren Mitarbeitern rund doppelt so viel wie die indische Ölbohrfirma CALTEX in Mumbai, die ihrerseits bereits recht hohe Löhne für indische Verhältnisse zahlte. Vgl.: Sasikumar (Abschnitt 2.2.1).

[55] An dieser Stelle soll noch keine theoretische Diskussion über die verschiedenen Motivationen zur Migration geführt werden.

[56] Vgl.: Sasikumar ( Abschnitt 2.2.2).

[57] Im Zusammenhang mit dem Jom-Kippūr-Krieg im Nahen Osten wollten die OPEC und die OAPEC mit Hochpreis- und Lieferboykott-Politik die Forderung unterstützen, dass sich Israel aus den besetzten palästinensischen Gebieten zurückzieht. So stieg der Ölpreis von 2,81 USD im Jahre 1973 auf 10,41 USD pro Fass im Jahre 1974 und erhöhte sich dann Jahr für Jahr, bis er ab 1980, in welchem er mit 35,69 USD ein Rekordhoch erreichte, zunächst wieder fiel.

Vgl.: British Petrol: Internetseite: www.bp.com/liveassets/bp_internet/globalbp/globalbp_uk_ english/ reports_and_publications (26.04.2008).

[58] Vgl.: The Middle East and North Africa 2008 (2007, 1215).

[59] Vgl.: Massey u. A. (2006, 134).

[60] Vgl.: The Middle East and North Africa 2008 (2007, 1215).

[61] Als Beispiele hierfür mögen sowohl der Bau von drei internationalen Flughäfen in Abu Dhabi, Dubai und Sharjah als auch der Ausbau des Straßennetzes von 15 km Länge im Jahre 1968 auf über 2000 km Länge Mitte der 80er Jahre gelten. Vgl.: Scholz (1999, 224).

[62] „Bis 1976 erhielten allein in Abu Dhabi im Rahmes des ersten "low cost housing"-Programmes 5000 Familien, überwiegend Beduinen, ein kostenlos bereitgestelltes Haus“. Vgl.: Scholz (1999, 224).

[63] Vgl.: Krommer (1986, 104).

[64] Vgl.: Massey u. A. (2006, 135ff).

[65] Nach einer Erhebung der Britischen Regierung. Vgl.: Zachariah, Prakash, Rajan (2002, 39f).

[66] Vgl.: Massey u. A. (2006, 137).

[67] Vgl.: Massey u. A. (2006, 138f).

Details

Seiten
127
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836625852
Dateigröße
17.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226543
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften, Arabistik und Indologie
Note
1,3
Schlagworte
migration vereinigte arabische emirate gastarbeiter arbeitsmigration indien

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Titel: Die Migration indischer Gastarbeiter in die Vereinigten Arabischen Emirate