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Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege

Diplomarbeit 2006 124 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1 Theorieteil
1.1 Begriffsklärungen
1.1.1 Geschlechtliche Berufsklassifizierung
1.1.2 Sex und Gender
1.1.3 Doing Gender
1.1.4 Gender Mainstreaming
1.1.5 Diversity
1.1.6 Stereotype Systeme
1.1.7 Formelle Gruppen
1.2 Der Berufswahlprozeß
1.3 Männliche Sozialisation
1.4 Projekte und Initiativen im Rahmen von Gender
Mainstreaming
1.5 Männliche Rollen
1.6 Das Pflegeverständnis von Männern und Frauen
1.7 Historischer Kontext
1.8 Berufsspezifischer Kontext von Krankenpflegern
1.8.1 Das Berufsimage in der Öffentlichkeit
1.8.2 Vorurteile und Klischees
1.8.3 Die Situation männlicher Auszubildender
1.8.4 Männliches Pflegepersonal und Patienten
1.8.5 Bedeutung der zahlenmäßigen Geschlechterverhältnisse
1.8.6 Geschlechtsspezifische Unterschiede
1.8.7 Abhängigkeit von Geschlecht und Kontext
1.8.8 Geschlechtsspezifische Wahl des Fachgebietes
1.8.9 Mann, Medizin und Pflege
1.9 Präzisierung der Fragestellungen

2 Methodenteil
2.1 Untersuchungsmethode
2.1.1 Mögliche Bearbeitungswege
2.1.2 Gewählte Untersuchungsmethode
2.1.3 Auswahlkriterien der Internetportale
2.1.4 Kurzvorstellung der gewählten Internetforen
2.1.5 Methodische Implementierung
2.1.6 Datenschutz und Urheberschutz
2.1.7 Durchführung und Zeitraum
2.2 Untersuchungsinstrument
2.2.1 Qualitative Inhaltsanalyse
2.2.2 Textformen
2.2.3 Grundformen des Interpretierens
2.2.4 Grundprinzipien der Zusammenfassung
2.2.5 Bildung von induktiven Hauptkategorien
2.3 Durchführung der Untersuchung
2.3.1 Anonymisierung und Kodierung
2.3.2 Fragmentierung
2.3.3 Reduktion des Materials
2.4 Auswertung der Untersuchung
Duplikationen

3 Ergebnisteil
3.1 Quantitatives Ergebnis der Nebenuntersuchung
3.2 Auswertung der Hauptuntersuchung
3.2.1 Gebildete induktive Hauptkategorien
3.2.2 Detaillierte und geschlechtsspezifische Zuordnungen
3.3 Kategorien und Kurzinterpretationen
Kategorie 1: Männliche Eigenschaften
Kategorie 2: Weibliche Eigenschaften
Kategorie 3: Geschlechtsverhältnis
Kategorie 4: Männlicher Einfluß auf die Arbeitsatmosphäre
Kategorie 5: Karrieremöglichkeiten
Kategorie 6: Handlungsfelder
Kategorie 7: Wahrnehmung von Pflegern und Schwestern
3.4 Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede nehmen Krankenschwestern im beruflichen Alltag wahr?
3.5 Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede nehmen Krankenpfleger im beruflichen Alltag wahr?
3.6 Welche berufliche Rolle nimmt ein Krankenpfleger aus Sicht beider Geschlechter ein?
3.7 Wie bewerten Krankenpfleger ihren Einfluß auf ein primär weibliches Team?
3.8 Wie bewerten Krankenschwestern den Einfluß von Krankenpflegern auf ein primär weibliches Team?

4 Diskussionsteil
4.1 Diskussion der Ergebnisse
4.1.1 Was ist ein optimales Geschlechterverhältnis?
4.1.2 Welche Bedeutung haben sexuelle Komponenten?
4.1.3 Offensive oder defensive Solidarität von Krankenschwestern?
4.1.4 Typisches Doing Gender?
4.1.5 Sind geschlechtsspezifische Unterschiede gut?
4.1.6 Gegeneinander oder Miteinander?
4.2 Diskussion der Methode
4.2.1 Richtungslenkende Fragestellung?
4.2.2 Emotionsauslösende Ausdrücke
4.2.3 Integration der Aussagen aus der Nebendiskussion
4.2.4 Richtungslenkung durch Diskussionsteilnehmer
4.2.5 Auswertung der Ergebnisse Möglichkeiten weiterer Analysen des vorhandenen Textmaterials

5 Resümee

6 Ausblick

Literaturnachweis

Anhang

„Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, daß wir je

zuviel Männer in der Pflege haben.“

(Christiane Williams, 1989)[1]

Vorwort

Wer sich als Mann in der Gesundheits- und Krankenpflege mit dem Thema „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege“ befasst, setzt sich auch mit seiner eigenen (Berufs)- Biografie auseinander und stößt dabei immer wieder auf Situationen und Konflikte, die im Nachhinein etwas mit dem Geschlecht, der Rollenzuschreibung und der Rollenerwartung zu tun gehabt haben.

Rollen und Erwartungen an einen Mann haben sich, beruflich wie privat, in den letzten Jahren stark gewandelt. Umrahmt von der gesellschaftlichen Suche nach dem „neuen Mann“ erscheint es, als ob Gesundheits- und Krankenpfleger hier eine Vorbildfunktion einnehmen könnten, da sie sich schon lange mit ihrer Männlichkeit auseinander setzen mußten um ihr Geschlecht in einem weiblich geprägten Berufsfeld zu behaupten.

Es ist mit Spannung zu erwarten, wie sich der Mann in den nächsten Jahren und Jahrzehnten darstellen kann, darf und will.

Mein Dank gilt all den lieben Menschen, die mich in den letzten vier Jahren meines Studiums unterstützt und in verschiedenen Abschnitten von Hochs und Tiefs ein Stück auf meinem Weg begleitet haben.

Mein besonderer Dank gilt Elke, meinen Eltern, Stefanie, Dirk, Peter, Doreen, meinen Arbeitskollegen, meinem Arbeitgeber, Christoph, Thomas, den Teilnehmern der Forendiskussionen und noch vielen anderen.

Torsten Wellmann, August 2006

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Zusammengestellt aus: Statistisches Bundesamt (2004) und Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung- Berufe im Spiegel der Statistik (2005)

Abbildung 2 Originalabbildung in: Peters. Frauen und Männer im Management. Abbildung von Sepheri. S.132. (2002)

Abbildung 3 Angelehnt an: Lambrecht und Bracker. Pilotprojekt „Pflegebereitschaft von Männern“ der interdisziplinären Arbeitsgruppe für angewandte Gerontologie. S. 112. (1992)

Abbildung 4 Angelehnt an : Hoffmann und Baillod. Was bedeutet es für Männer, Krankenpfleger zu sein?. Abbildung 1 in: „Pflege- Die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe“. S. 212. (1996)

Abbildung 5 Originalabbildung in: Wise. Pflegecomics. (o.S.). (1996)

Abbildung 6 Originalabbildung in: Mayring. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. S. 60. (2003)

Abbildung 7 Originalgrafik in: Mayring. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. S. 75. (1998)

Abbildung 8 Zusammengestellte Aussagen von: 28 Mitgliedern der Internetforen „pflegeboard“ (2006) und „krankenschwester“ (2006), drei Arbeitskollegen (2006) und drei Kommilitonen (2006)

Abbildung 9 Zusammengestellt aus: 100 fragmentierten Aussagen der hier vorliegenden Hauptuntersuchung (2006)

Einleitung

Wer ist er, der Mann in der Gesundheits- und Krankenpflege? Was macht ihn aus? Wie fühlt er sich in einem klassischen Frauenberuf? Mit welchen Vorurteilen hat er zu kämpfen? Welche Rolle nimmt er ein? Wie wird er von seinen weiblichen Kolleginnen gesehen? Wie sieht er seine weiblichen Kolleginnen? Gibt es typisch männliche Tätigkeitsbereiche in der Gesundheits- und Krankenpflege? Was macht der männliche Gesundheits- und Krankenpflegenachwuchs? Sind Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege immer auf Karriere und Berufsaufstieg aus? Hat es ein subjektiv attraktiver Mann wesentlich einfacher? Ist es vorteilhaft, ein „Hahn im Korb“ zu sein? Hat die sexuelle Orientierung etwas mit seiner Berufswahl zu tun? Gäbe es ohne den Zivildienst überhaupt noch Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege? Sind Gesundheits- und Krankenpfleger halbe Götter in Weiß?

Die vorliegende Diplomarbeit fokussiert die berufliche Situation und Rolle des Gesundheits- und Krankenpflegers in Deutschland. Die Geschlechterforschung in sozialen Berufen, so auch in der Gesundheits- und Krankenpflege, nimmt primär einen feministisch orientierten Blickwinkel ein, so daß der Mann bisher kaum im Mittelpunkt des Forschungsinteresses gestanden hat. Der geringe Anteil der Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege deutet darauf hin, daß die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Gesundheits- und Krankenpflege weitestgehend einer weiblichen Orientierung unterliegt. Die weibliche Geschlechterrolle weist mit der beruflichen Gesundheits- und Krankenpflegerolle große Ähnlichkeiten auf. Die Berufsrolle ist eine Kombination von Erwartungen, die an die Arbeitsdurchführungen gestellt werden. Die Geschlechterrolle ist eine Kombination von sozialen Erwartungen an Männer und Frauen. Der Geschlechtscharakter ist vor allem in der Gesundheits- und Krankenpflege sehr spezifisch und scheint hier einen besonders großen Stellenwert zu haben. Die Vergeschlechtlichung des Berufs hat indirekte und direkte Auswirkungen auf die Situation und Rolle des Gesundheits- und Krankenpflegers, so daß er im beruflichen Alltag auffällt und mit sich selber als Mann konfrontiert sieht.

Die starke Verbindung von Weiblichkeit und Gesundheits- und Krankenpflege führt anscheinend dazu, daß Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege viel Energie darauf verwenden, sich von der patientennahen Gesundheits- und Krankenpflege am Bett abzugrenzen und sich bestimmte Bereiche und Tätigkeiten zu sichern, die nicht oder als weniger weiblich gelten (Doing Masculinity)[2]. Das heißt, die Gesundheits- und Krankenpflege erfährt noch einmal eine geschlechtsspezifische Aufteilung in eher männliche und eher weibliche Tätigkeiten[3].

Für mich, selber der Berufsgruppe der Gesundheits- und Krankenpfleger angehörend, hat sich schon oft die Frage gestellt, ob sich meine Rolle als Gesundheits- und Krankenpfleger eindeutig definieren läßt, was auch die Motivation zu diesem Diplomthema darstellt. Meine subjektiven Erfahrungswerte fließen in diese Arbeit nicht mit ein, denn man kann als Mann in der Gesundheits- und Krankenpflege nicht die Rolle der Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege unvoreingenommen beurteilen[4].

Diese Arbeit soll einen Teil dazu beitragen, etwas Transparenz in die Berufssituation und Berufsrolle des Gesundheits- und Krankenpflegers zu bringen. Ergänzend zum einleitenden Theorieteil sind insgesamt 67 Aussagen von 58 Gesundheits- und Krankenpflegekräften (42 Männer und 16 Frauen)[5] mit in die Untersuchung eingeflossen. Durch die offene Fragestellung zum Thema „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege“ und die Nutzung des Mediums Internet konnte ich auf ein vielfältiges Meinungsbild zurückgreifen, das eine institutionsunabhängige Schnittmenge quer durch Deutschland darstellt und einen Vergleich zwischen Aussagen von Männern und Frauen in der Gesundheits- und Krankenpflege[6] zuläßt.

1 Theorieteil

Der Theorieteil verdeutlicht wesentliche Aspekte und Hintergründe bei der Frage nach der Situation und der Berufsrolle des Mannes in der Krankenpflege und bettet die anschließende Untersuchung in einen Gesamtzusammenhang ein.

1.1 Begriffsklärungen

Zum einheitlichen Verständnis sind einige Begriffe näher bestimmt, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit zentral thematisiert werden.

1.1.1 Geschlechtliche Berufsklassifizierung

Berufe definieren sich als Männer- oder Frauenberufe, wenn darin ein Geschlecht mit einem Anteil von mindestens 80 Prozent vertreten ist[7]. In der folgenden Grafik wird deutlich, daß nach dieser Definition die Krankenpflege auch heute noch eindeutig als Frauenberuf zu klassifizieren ist und sich schon immer in diesem statischen Geschlechterverhältnis dargestellt hat.

Abb. 1: Beschäftigte in der Krankenpflege in Deutschland von 1993- 2004 (Angaben in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt Wiesbaden (2004), Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (2005)

1.1.2 Sex und Gender

In dem Wortpaar Sex und Gender sind der biologische, der soziale und der psychologische Aspekt der Geschlechtszugehörigkeit in einem einzigen Begriff vereint. Sex bezeichnet die körperlichen Geschlechtsmerkmale sowie die sich daraus ergebenden körperlichen Funktionen. Gender bezeichnet die soziale Geschlechtsrolle bzw. die sozialen Geschlechtsmerkmale, also alles was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird. Der Begriff Geschlechtsrolle wird benutzt, um Dinge zu beschreiben, die eine Person sagt oder tut, um sich als Mann oder Junge, als Frau oder Mädchen auszuweisen. Geschlecht und besonders seine Bewertung hängen von den in einer Gesellschaft vorherrschenden Machtstrukturen ab[8]. Wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher definiert, ist die Differenzierung zwischen Sex und Gender auch in den Krankenpflegeberufen unerläßlich.

1.1.3 Doing Gender

Doing Gender bezeichnet die verstärkte Betonung des eigenen Geschlechts gegenüber dem anderen Geschlecht. Dieses Verhalten bezieht sich sowohl auf Frauen (Doing Feminity) wie auch auf Männer. Besonders Männer in geschlechtsuntypischen Berufen, in der Literatur auch unter den Schlagwörtern „go- betweens“ und „cross- gender- freaks“ zu finden, betonen ihr Geschlecht. Dieses Verhalten wird als Geschlechtsdifferenzverstärkung oder Doing Masculinity bezeichnet.

Es wird angenommen, daß Männer ein besonders starkes Doing Gender an den Tag legen, wenn sie ihre Geschlechtsidentität bedroht sehen. Die Berufstätigkeit genügt nicht mehr als Beweis der Männlichkeit, denn auch Frauen scheinen dazu fähig zu sein. Weitere Anstrengungen sind notwendig: Jeder Mann muß sich als Mann beweisen und es erfolgt ein noch stärkeres Doing Gender[9]. Das Berufsfeld der Krankenpflege mit seinem geschlechtsspezifischen Charakteristikum ist ein prädestiniertes Beispiel für die Interpretation und Fragestellung des Stellenwerts und der Auswirkungen von Doing Gender in einem geschlechtlich durchmischten Kollegium.

1.1.4 Gender Mainstreaming

Der Begriff Gender Mainstreaming bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen und auf jeder Ebene einer Organisation systematisch geschlechtsbezogene Benachteiligungen aufzuspüren. Gender Mainstreaming bezieht beide Geschlechter gleichermaßen in Konzeptgestaltungen mit ein und berücksichtigt dabei die unterschiedlichen Ausgangslagen und möglicherweise unterschiedlichen Wirkungen von Maßnahmen auf Männer und Frauen. Bislang folgt die Implementierung der Konzepte von Gender Mainstreaming jedoch im Wesentlichen den gesellschaftlichen und berufspolitischen Gleichstellungsforderungen von Frauen für Frauen.

In diesem Kontext geht es also auch um ein Grundlagenwissen über Männer in Frauenberufen und um die Aufdeckung von Möglichkeiten, Jungen und Männer für soziale und pflegerische Berufe zu gewinnen, bzw. dieses Berufsfeld attraktiv und transparent darzustellen. Hierzu zählen beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit, Projekte und Präsenz in Schulen[10].

1.1.5 Diversity

Diversity beschreibt die Verschiedenheit, Andersartigkeit und Individualität eines einzelnen Menschen und beinhaltet eine Vielfalt von Eigenschaften. In der Unternehmens- und Personalführung gewinnen Ansätze und Konzepte des sogenannten Diversity Managements im Rahmen von Gender Mainstreaming zunehmend an Bedeutung[11]. Der Vielfalt von Eigenschaften muß in der Krankenpflege ein grundlegender Stellenwert beigemessen werden, da sich die Krankenpflege durch Personal und Patienten auf der Meso-, Makro- und Mikroebene mit Verschiedenheit, Andersartigkeit und Individualität darstellt und Diversity in institutionellen Rahmenbedingungen so wie Krankenpflegekonzeptionen implementiert werden muß.

Abb. 2: Die Vielfalt der Eigenschaften von Individuen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Sepheri (2002)

1.1.6 Stereotype Systeme

Ein Stereotyp entsteht entweder aus der kognitiven Grundorientierung eines Menschen bei der Verarbeitung von Informationen oder aus einem System von Einstellungen, das den Menschen auf bestimmte Reize, teils unpräzise und fehlerhaft, reagieren läßt. Das so genannte Strukturmodell der Einstellungen[12] bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Stereotyp als kognitive Komponente einer Einstellung und unterscheidet weiterhin in die Bereiche Vorurteil und Diskriminierung. Nach diesem Modell haben Stereotype und Vorurteile eine Gemeinsamkeit bzw. Funktion. Sie dienen als Schutz vor Angst und Selbstkritik, als Stabilisierung des Selbstwertgefühls, als aggressiver Ausdruck einer bestätigt gefundenen „Sündenbock- Theorie“ oder als Abgrenzung und Aufwertung der Eigengruppe gegenüber einer Fremdgruppe[13].

Es ist zu erwarten, daß sich im Kontext dieser Arbeit Stereotypen, Vorurteile und teilweise auch Diskriminierungen in der Untersuchung darstellen werden.

1.1.7 Formelle Gruppen

An Gruppen lassen sich verschiedene sozialpsychologische Erscheinungen beobachten. Eine Gruppe besteht aus einer relativ überschaubaren Anzahl von Personen, die aufgrund eines gemeinsamen Ziels oder gemeinsamer Interessen in Interaktion steht und bestimmte Strukturen und Rollen aufweist. Krankenschwestern und Krankenpfleger arbeiten in einer formellen Gruppe. Formelle Gruppen werden meistens aus einer Betriebsorganisation gebildet und haben von dieser klar umrissene Aufgaben. Im Betrieb oder in einer Organisation sind die Kommunikationswege zwischen den formellen Gruppen meist hierarchisch strukturiert.

Einer der Voraussetzungen für das Zustandekommen von Gruppen ist Anziehung und Sympathie. Voraussetzung dafür ist die räumliche Nähe, welche z.B. in einem Krankenhaus gegeben ist. Anziehung erfahren Krankenschwestern und Krankenpfleger durch die Gleichheit von Einstellungen und Interessen. Aber auch Unähnlichkeiten von Personen führen zur Anziehung, wie auch das Geschlecht. Mitglieder einer Gruppe haben untereinander einen engeren und intensiveren Kontakt als mit Außenstehenden und entwickeln durch diese Nähe ein „Wir- Gefühl“. Dies ist die Bedingung dafür, daß sich eine Gruppe überhaupt als solche von ihrer sozialen Umgebung abhebt.

Vielfach findet sich bei gut zusammengeschlossenen Gruppen die Tendenz, sich nach außen abzuschließen und so eine Art Exklusivität herzustellen. Dies ist der Grund, warum es Neulinge sehr schwer haben, von einer Gruppe akzeptiert zu werden, so z.B. auch Krankenpfleger als neue Mitarbeiter in einer dominierenden Frauengruppe[14].

1.2 Der Berufswahlprozeß

Hinsichtlich des Berufswahlprozesses lassen sich grundsätzliche Fragestellungen unterscheiden. Dies ist zunächst die Frage nach der Berufswahl als Entscheidungsprozeß: Wie entscheidet sich der Einzelne für eine der beruflichen Alternativen, die ihm offen stehen?

Des Weiteren kann die Berufswahl unter den Aspekten eines Allokationsprozesses hinterfragt werden: Durch welche sozialen Regelungen werden Heranwachsende auf die verschiedenen zur Verfügung stehenden beruflichen Positionen verteilt?

Zuletzt stellt sich die Frage nach der Berufswahl als Entwicklungsprozeß: In welchem Zusammenhang steht Berufswahl mit der individuellen Entwicklung des Einzelnen[15] ?

Die immer noch vorherrschende Geschlechtsspezifität der Krankenpflege als Frauenberuf hat auf Jungen und Männer deutliche Auswirkungen in allen drei Bereichen dieser Fragestellungen des Berufswahlprozesses. Im Rahmen der Literaturrecherche zu diesem Themenabschnitt haben sich mir aus quantitativer Sicht eher die Antworten zur Frage nach der „Nicht- Berufswahl“ dargestellt. Diese negativ besetzten Aspekte werden im berufsspezifischen Kontext dieser Arbeit (1.8.) thematisiert, so daß der Schwerpunkt an dieser Stelle bei den Männern gesetzt ist, die sich bereits für den Beruf des Krankenpflegers entschieden haben.

In Deutschland spielt hierbei der Zivildienst eine wesentliche Rolle[16]. Des Weiteren ist der Krankenpflegeberuf für Männer ein klassischer Zweitberuf, der nach einer bereits abgeschlossenen Berufsausbildung in einem primär technisch- handwerklichen Beruf, also nicht sozialen Beruf[17], gefunden wird. Der männliche Zugang zur Krankenpflege wird daher generell spät und über Umwege gefunden. Auch Bezugspersonen des nahen Umfelds, die im Bereich der Krankenpflege tätig sind, spielen eine entscheidende Rolle bei der Frage nach der Berufswahl zum Krankenpfleger.

Im Vordergrund der Berufswahl zum Krankenpfleger stehen hauptsächlich soziale Motive wie der Kontakt zu und mit Menschen, der Austausch, das Zusammensein, Zuneigung, Kollegialität, Auseinandersetzungen mit anderen, für Menschen da sein und ihnen helfen, die Vorstellung gleichgesinnte Kollegen und Kolleginnen zu treffen sowie die Aussicht auf Teamarbeit[18].

1.3 Männliche Sozialisation

Eine soziale Unterforderung junger Männer ist in verschiedenen Phasen und Bereichen männlicher Sozialisation feststellbar. Frühkindliche Sozialisation findet bei Jungen in einer überwiegend weiblich dominierten Alltagswelt statt. Bis zum Ende der Grundschule ist der Alltag von Jungen primär durch die Mutter, durch Erzieherinnen und durch Grundschullehrerinnen bestimmt. In all diesen Bereichen fehlen Männer oder sind zumindest unterrepräsentiert[19]. Die Geschlechtsidentität von Jungen bestimmt sich durch Abgrenzung und Negation der ersten Person ihres Lebens, der Mutter. Der Junge darf die ihm am nächsten stehende Person nicht werden, da sie eine Frau ist. Die erste Botschaft des Lebens an einen Jungen wird von Badinter (1993) wie folgt beschrieben: „Die erste Pflicht eines Mannes ist keine Frau zu sein[20] “.

Im schulischen Geschehen setzt sich der konkurrierende Stil der Jungen durch. Von ihnen werden kaum soziale Kompetenzen verlangt und gefordert. Jungen lernen, daß solche Kompetenzen Sachen der Mädchen sind und sie nicht betreffen. Sie sehen sich nicht veranlaßt und aufgefordert, ihre männlichen Status- und Selbstdarstellungsbedürfnisse den Gruppenbelangen unterzuordnen und unter Kontrolle zu halten. Von ihnen wird auch nicht erwartet, sich auf die jeweilige Gruppensituation einzulassen, Rücksicht auf andere zu nehmen und rechtzeitig einzulenken. Das bedeutet, daß Jungen in der Schule im Bereich des sozialen Lernens nicht gefordert und auch zu wenig gefördert werden[21].

Die Geschlechtsidentität von Jungen wird also von Beginn an durch Abgrenzung und Negation bestimmt.

Junge Männer treffen schließlich auf ein geschlechtshierarchisch segmentiertes Ausbildungs- und Berufssystem, innerhalb dessen nach wie vor die Männerberufe die „Ernährerrolle“ implizieren. Berufe im Bereich Pflege, Erziehung und Sorgearbeit spielen dabei insgesamt keine Rolle. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung stellt fest, daß Berufsbezeichnungen an sich bereits die geschlechtsspezifische Berufswahl von Jungen und Mädchen beeinflussen[22]. Jungen nehmen eine ablehnende Haltung ein, wenn Tätigkeiten im sozialen Sektor auf nachrangige Positionen schließen lassen. Wenn sie dennoch auf Berufe im Sozialwesen treffen, hier speziell durch den Zivildienst, erfahren sie oft erstmals ihre eigenen sozialen Fähigkeiten und bislang verborgen gebliebenen sozialen Kompetenzen. Am Beispiel der Aussagen und Erfahrungen eines Zivildienstleistenden wird diese Situation exemplarisch verdeutlicht:

„Ich mein`, das sind ja auch Dinge (gemeint sind soziale Kompetenzen), die man zumindest in der Schule so nicht braucht. In der Schule kommt es auf andere Sachen an. Da muß man halt stark sein oder bei den Frauen gut ankommen. Im Krankenhaus kommt es auf andere Dinge an, die hat man vielleicht vorher auch schon, aber die wollte man vielleicht noch gar nicht so zeigen und jetzt, wenn man im Krankenhaus ist, da ist man ja in einer ganz anderen Atmosphäre, da kann man die Sachen wieder raus lassen und sich eher so zeigen, wie man wirklich ist und nicht den harten Mann da bloß spielen, was man oft macht[23].

Die von dem Zivildienstleistenden formulierten Lernprozesse können als Hinweise auf vorenthaltene Lernchancen in den vorangegangenen Sozialisationsinstanzen interpretiert werden. Erfahrungen des persönlichen Gebrauchtwerdens, von sozialer Verantwortung, die Erweiterung der durch Geschlechterstigmatisierung reduzierten Handlungsmöglichkeiten, Einsichten in Handlungsabläufe, Strukturen sozialer Arbeit, Einblicke in andere Lebenswelten – die Chancen, solche Erfahrungen vor dem Zivildienst zu machen, sind offensichtlich gering[24]. Die Konsequenzen, die sich aus dieser Negation und sozialen Prägung heraus ergeben, sind die entscheidenden Ansatzpunkte, die Projekte und Initiativen im Rahmen von Gender Mainstreaming aufgreifen müssen[25].

1.4 Projekte und Initiativen im Rahmen von Gender Mainstreaming

Dieser Abschnitt stellt exemplarisch Projekte und Initiativen in Deutschland vor, die sich im Rahmen von Gender Mainstreaming mit den Zugangsbedingungen von Jungen und Männern in geschlechtsuntypischen Berufen befassen. Bislang erschien die Transparenz und Kooperation der Bundesländer untereinander noch nicht wirklich abgestimmt zu sein, derzeit haben sich jedoch Netzwerke gefunden, die einen großen Beitrag zur Thematik leisten und die Koordination der Bundesländer untereinander organisieren.

Das mittlerweile fest etablierte Projekt „Girls Day“, das seit einigen Jahren bundesweit von Arbeitsämtern, Schulen und anderen Institutionen organisiert wird, nimmt hier eine Vorreiterposition ein und hat in seinen organisatorischen Grundstrukturen viele Parallelen, die zur institutionellen Etablierung eines „Boys Day“ übertragen werden können. Der „Boys Day“ gewinnt im Rahmen des Gender Mainstreaming immer mehr an Bedeutung, da vor allem der männliche Nachwuchs in sozialen und erzieherischen Berufen fehlt und männliche Vorbilder gefunden werden müssen[26].

Das bundesweite Vernetzungsprojekt „Neue Wege für Jungs“ unterstützt beispielsweise Projekte und Initiativen, die einen „Boys Day“ in allen geschlechtsuntypischen Berufsfeldern realisieren[27]. Das Bildungsnetz Berlin für geschlechtergerechte Bildung und Beschäftigung unterstützt Projekte, die männliche Berufswahlentscheidungen speziell im Bereich der Pflege- und Erziehungstätigkeiten fördern[28]. Das generationsübergreifende Projekt „Sozial engagierte Jungs“ organisiert schulische Praktika in sozialen Bereichen der Kranken-, Alten-, Kinder- und Behindertenarbeit und macht sich für eine projektbegleitende Unterstützung berufserfahrener Männer in den jeweiligen Bereichen stark[29].

Die Erfahrungswerte und evaluierten Ergebnisse der hier exemplarisch dargestellten Projekte so wie die der hier nicht genannten Projekte und Initiativen aus vielen anderen Städten und Koordinationsgemeinschaften zeigen ein nahezu einheitliches Bild auf, das sich für den Bereich der sozialen und pflegerischen Berufe im Wesentlichen wie folgt darstellen:

- Schulpraktika in sozialen und pflegerischen Berufen sollten für Jungen gezielt angestrebt und gefördert werden.
- Jungen brauchen Vorbilder und Identifikationspersonen, d.h. berufstätige Krankenpfleger und Zivildienstleistende sollten an Schulen gehen.
- Eltern sollten ihre eigenen Berufsvorstellungen und deren Vergeschlechtlichung reflektieren, damit sie in Gesprächen mit ihren Kindern z.B. deren soziale Kompetenzen erkennen und entsprechende Berufsfelder erörtern können.
- Soziale Wahlpflichtfächer im Bereich der Pflege und der Gesundheitserziehung sollten angeboten werden.
- Schulen sollten mit Informationsmaterialien, Broschüren, Flyern etc. versorgt sein.
- Mitarbeiter in Einrichtungen der Berufsberatung sollten durch geschlechtsreflektierte Konzepte geschult werden.
- Praktika sollten auf den Zivildienst angerechnet werden. Mehr Männer, die schon überlegen, ob sie Zivildienst mache sollen, würden in der Folge als konkrete Tätigkeit Pflegetätigkeiten wählen. Die Schlüsselerfahrung der eigenen sozialen Kompetenz wird so häufiger gemacht.
- Die Krankenpflegeausbildung muß speziell Männer ab 25 Jahre in den Blick nehmen und ansprechen[30].

1.5 Männliche Rollen

In jeder Gesellschaft finden sich unterschiedliche Definitionen von Männlichkeit. In Deutschland ist noch die hegemonische[31] Männlichkeit vorherrschend, ein feministisch geprägter Begriff, der den Mann mit Eigenschaftsworten wie Herrschertum, Dominanz und Egoismus belegt[32]. Dieses Männlichkeitsmodell lebt von der bereits beschriebenen Abgrenzung zu weiblichen Eigenschaften und untermauert weiterhin die Zuschreibung als Ernährer, Beschützer und Versorger.

In jüngster Zeit verschwimmen diese traditionellen Grenzen „zugunsten“ aktueller Modelle, die die Rolle des Mannes im 21. Jahrhundert neu hinterfragen und sich beispielsweise auf die Suche nach dem Lebensstil des metrosexuellen[33] Mannes begeben.

Daß die geschlechtlichen Rollen für beide Geschlechter in Bewegung gekommen sind, ist nicht zu leugnen. Der Soziologe Heinz Bartjes (1995) beschreibt die Situation der Männer wie folgt: „Männer scheinen diesen Wandel der Geschlechterrollen eher zugeschaut zu haben, und dies durchaus mit gemischten Gefühlen. Jenseits der Rede vom „neuen Mann“ und „neuen Vater“ (...) sind Männer überwiegend in den ihnen angestammten Bereichen geblieben. Hier sind sie allenfalls ein wenig zur Seite gerückt, besser gerückt worden. (...) Wir haben einen geschlechtshierarchisch aufgeteilten Arbeitsmarkt, nicht weil Frauen besser pflegen und Männer besser Bagger fahren (...) können, also nicht, weil Männer und Frauen von ihrer Natur je unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen, sondern weil diese Tätigkeiten unterschiedlich bewertet werden[34].“

1.6 Das Pflegeverständnis von Männern und Frauen

Das Pilotprojekt „Pflegebereitschaft von Männern[35] “ hat herausgefunden, daß nichtprofessionell pflegende Männer und Frauen ein generell unterschiedliches Verständnis von Pflege haben. Die Studie bezieht sich auf den Bereich der Versorgung von Angehörigen durch Angehörige in der häuslichen Pflege. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse dieser Studie läßt sich ableiten, daß sich der Bezug zur Pflege geschlechtsspezifisch selektiert und den erwarteten Geschlechterrollen entspricht. In der direkten Gegenüberstellung zwischen dem internalen und externalen Pflegeverständnis von Männern und Frauen zeigt sich diese Erkenntnis wie in der folgenden Abbildung:

Abb. 3: Vergleich des Pflegeverständnisses von nichtprofessionellen Männern und Frauen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Lambrecht und Bracker (1992)

Der geschlechtliche Bezug zur Pflege bzw. das geschlechtsspezifische Pflegeverständnis zeigt deutlich, welche Konsequenzen die männlichen und weiblichen Unterschiede in der jeweiligen Sozialisation und Rollenerwartung- bzw. -wahrnehmung mit sich bringen. Nichtprofessionelle Pflege wird von Frauen selbstverständlich erwartet und entspricht deren auferlegter und wahrgenommener Rolle, Männern wird die nichtprofessionelle Pflege eher abgesprochen und entspricht nicht den Rollenerwartungen an einen Mann.

1.7 Historischer Kontext

Die Krankenpflege war bis in das 19. Jahrhundert hinein einer patriarchalischen Grundstruktur der christlichen Lehre unterlegen und wurde einer weiblichen Tätigkeit zugeordnet. Das vorherrschende Bild und die Rolle der Frau als ein auf Hausarbeit und Kindererziehung reduziertes Geschlecht, entsprachen genau den Anforderungen an eine gute Krankenpflegekraft. Männer hatten ursprünglich das Diktat über die Organisation der Krankenpflege, da sie hauptsächlich die Initiatoren von Pflegeorden waren[36]. In der Krankenpflege ansich waren sie jedoch kaum zu finden.

Das klassische Bild und Rollenverständnis des Mannes als Familiengründer und Versorger führte dazu, daß es um die Jahrhundertwende zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Krankenschwestern und Krankenpflegern bzw. Lohnwärtern kam. Die patriarchalischen Strukturen und familienideologischen Rollenstrukturen führten ebenso zu unterschiedlichen und geschlechtsspezifischen Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege. Frauen waren ausgebildet, hauptsächlich in Mutterhaussystemen organisiert und mußten sich deren Bedingungen unterordnen.

Die Männer hingegen hatten kaum eine Ausbildung. Sie mußten selten Nachtwachen ableisten, unterlagen dem Kost- und Logiszwang, konnten aber bei Verheiratung aus diesem ausscheiden und außerhalb wohnen, denn es gab für sie kein Berufszölibat. Auch die Entlohnung unterschied sich deutlich zu der der weiblichen Kolleginnen. Der Ursprung der berufspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Frauen und Männern in der Krankenpflege lag in der differenzierten und auf weiblicher Seite auferlegten Organisation der Geschlechter. Während die Frauen aufgrund des Mutterhaussystems und dessen ideologischer Schulung keinen Einfluß auf ihre Arbeitsorganisation hatten, entwickelten die Männer eine eigene Hierarchie. Sie wurden direkt von den Krankenhäusern angestellt, hatten einen Oberkrankenpfleger an der Spitze und feste Aufgabengebiete. Krankenpfleger waren viel eher bereit, gegen ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen zu protestieren, während dies bei den Krankenschwestern äußerst selten vorkam[37]. Auf der anderen Seite waren Krankenpfleger in ihrer Entlohnung viel teurer und nicht in gleichem Maße verfügbar wie die Krankenschwestern, so daß in vielen Krankenhäusern das männliche Personal systematisch durch Krankenschwestern abgelöst wurde.

Es entstand eine paradoxe Situation, in der sich Männer von Frauen unterdrückt und bevormundet fühlten, obwohl sie in einer Zeit lebten, in der alle feministischen und emanzipatorischen Ansätze von Frauen als staats- und gesellschaftsfeindlich bezeichnet wurden. Der Berufsstand des Krankenpflegers unterlief der Gefahr, in eine unterprivilegierte Stellung verdrängt zu werden. Die schlechte Ausbildung bzw. Anleitung, die soziale Herkunft und die damit zusammenhängenden Qualifikationen führten zu einer geringeren Entlohnung und zu einem Abstieg in der Krankenhaushierarchie[38]. Das Berufsbild des Krankenpflegers war nun von Bedingungen geprägt, die denen der Krankenschwestern nur Jahre zuvor entsprach. Die sogenannte Sittlichkeitsfrage weiblicher Krankenpflege an Männern gab dann den entscheidenden Anstoß in Richtung einer neuen Auseinandersetzung von gemischten Krankenpflegesystemen, die die berufspolitische und geschlechtsspezifische Diskussion in das 20. Jahrhundert einleitete. Erst 1938 wurde schließlich der Beruf des Krankenpflegers staatlich anerkannt und 1957 durch das Krankenpflegegesetz dem Beruf der Krankenschwester gleichgestellt[39].

Der Verlauf der geschlechtsspezifischen Diskussionen des 21. Jahrhunderts stellt sich im Rahmen des weiteren Kontextes der Arbeit dar und ist an dieser Stelle nicht weiter aufgeführt.

1.8 Berufsspezifischer Kontext von Krankenpflegern

Der berufsspezifische Kontext von Krankenpflegern präzisiert einen Teil der bereits dargestellten Aspekte und fokussiert dabei die Situation und Rolle des Mannes im konkreten Ausbildungs- und Arbeitsbereich.

1.8.1 Das Berufsimage in der Öffentlichkeit

Der Beruf des Krankenpflegers wird mehrheitlich als positiv und wohlwollend angesehen. Negative Reaktionen beziehen sich meist auf einen vermeintlich niedrigen Status oder Klischeevorstellungen[40]. Für viele Menschen ist der Beruf zusätzlich im Zusammenhang mit den Vorstellungen von einem Krankenhaus negativ assoziiert. In Hoffmanns und Baillods Befragung[41] von 1995 stellten sich die Reaktionen bei Nennung des Berufes wie folgt dar:

Abb. 4: Reaktionen bei der Nennung des Berufes „Krankenpfleger (Angaben in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hoffmann und Baillod (1995)

Dieses Ergebnis zeigt, daß der Beruf des Krankenpflegers zwar tendenziell positiv bewertet wird, die Vorstellungen und Kenntnisse von konkreten Aufgaben und Tätigkeiten jedoch unspezifisch bzw. neutral gewichtet bleiben.

1.8.2 Vorurteile und Klischees

Männer, die den Beruf des Krankenpflegers ausüben oder ausüben wollen, bzw. in einem von Frauen dominierten Tätigkeitsbereich arbeiten oder arbeiten wollen, verletzen die an die Arbeit gebundene Geschlechterauffassung und erleiden damit eine Prestige- Einbuße[42] in der Öffentlichkeit und ihrem sozialen Umfeld, hier vor allem in der Unterstützung und Befürwortung durch Eltern, Familie und Freunde. Sie setzen sich dem Verdacht aus, kein richtiger Mann, ein Softie, ein Weichei, feminin, gefühlsbetont und homosexuell zu sein. „Der durchschnittliche Klischee- Krankenpfleger ist schwul, blond, blauäugig und sensibel“, so das zutreffend zusammengefasste Ergebnis einer Öffentlichkeitsbefragung (1995) von Hoffmann und Baillod[43]. Insbesondere die Angst, für homosexuell gehalten zu werden, wird unterschätzt[44] und häufig als die wesentliche Barriere gegen den Eintritt in den Beruf des Krankenpflegers bezeichnet. Das „in Kauf nehmen müssen“ dieser Prestige- Einbußen hat schwerwiegende Auswirkungen auf den ohnehin schon geschlechtstypisch vorbelasteten Entscheidungs-, Allokations- und Entwicklungsprozeß der Berufswahl[45].

Ein weiteres Klischee, daß sich mir häufig im beruflichen Alltag dargestellt hat, ist das des „Don Juan“. Also ein Frauenheld, ausgestattet mit sozialen, empathischen und feinfühligen Kompetenzen, der genau den „Nerv der Frauen“ trifft und diese Kompetenzen in Kombination mit seinen körperlichen Attributen und sexuellen Reizen inoffiziell ausspielt.

Auch auf der kollegialen Ebene im konkreten Tätigkeitsfeld sind Krankenpfleger mit Vorurteilen und Klischees behaftet, die zum einen den stereotypen Zuschreibungen eines Mannes zuzuordnen sind (z.B.: Körperkraft und Technikinteresse) und sich zum anderen auf der Ebene der geschlechtsspezifischen Aufstiegschancen bzw. Karrieremöglichkeiten ansiedeln. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen dem Doing Gender beider Geschlechter und den strukturellen Einstellungsschemata, so daß Konfliktpotentiale individuell, institutions- und abteilungsabhängig im Sinne von Gender Mainstreaming und Diversity interpretiert und aufgesucht werden müssen.

Im Rahmen meiner Recherche bin ich auf die folgende Karikatur gestoßen, die ich zur Visualisierung der Klischees sehr ansprechend finde und an dieser Stelle für sich sprechen lassen möchte.

Abb. 5: Männer in der Pflege

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wise (1996)

1.8.3 Die Situation männlicher Auszubildender

Männer, die sich für die Krankenpflegeausbildung entscheiden, müssen sich demnach bereits zuvor auf verschiedensten Ebenen mit der Bewertung ihrer Männlichkeit in Bezug zu ihrem Berufswunsch und mit dem Beruf ansich auseinandersetzen[46].

Zu Beginn der Ausbildung begegnet ihnen erstmals im Klassenverband die eindeutige Geschlechtsspezifität in Form des zahlenmäßigen Verhältnisses von Männern und Frauen. Sie fallen also allein schon durch die Minderzahl ihres Geschlechts auf. Der „Ausbildungsalltag“ im praktischen Bereich ist geprägt von einem Tätigkeitsfeld unter Frauen, wobei männliche Auszubildende i.d.R. von ihnen positiv aufgenommen und ermuntert werden. Von den meist männlichen Ärzten fühlen sie sich generell besser behandelt[47].

Praktische Einsatzphasen auf Abteilungen der Gynäkologie, der Wochenstationen und dem Kreißsaal stellen einen Sonderbereich dar, da hier zusätzlich die geschlechtsspezifische Komponente seitens der Patientinnen hinzukommt. An manchen Ausbildungsstätten werden männliche Auszubildende nicht auf den genannten Abteilungen eingeplant bzw. eingesetzt, so daß sie keinen Einblick in diese Fachbereiche bekommen können. Die generellen Grundstrukturen der Ausbildung haben ansonsten keine besonderen Einflüsse oder Auswirkungen auf männliche Auszubildende.

Die Sonderstellung als Mann in der Krankenpflege ist den Auszubildenden bewußt[48], und dieses Bewußtsein begleitet sie bis in das Berufsbild des Krankenpflegers nach erfolgreichem Abschluß der Ausbildung. Ob diese Sonderstellung genutzt oder ausgenutzt wird, kann in diesem Rahmen nicht näher geklärt werden und hätte nur einen rein spekulativen Charakter. Im Kontext meiner empirischen Untersuchung zeigen sich jedoch Tendenzen aus Sicht von weiblicher und männlicher Wahrnehmung, welche die Fragen nach einem Nutzen oder Ausnutzen der männlichen Sonderstellung aufgreifen.

1.8.4 Männliches Pflegepersonal und Patienten

Generell sind Krankenpfleger bei Patienten und Patientinnen beliebt und vor allem für männliche Patienten eine wichtige Anlaufstelle und Bezugsperson. Im Bereich der ambulanten, häuslichen Pflege und der Altenpflege, hier nur als kurze Exkursion in andere Bereiche verstanden, hat ein Krankenpfleger in Bezug zu männlichen (alten) Patienten nochmals einen besonderen Stellenwert, da alte Männer tendenziell in Frauenwelten zurückfallen, in denen ihre Bedürfnisse als Männer wenig berücksichtigt werden. Alte Männer brauchen Krankenpfleger (Altenpfleger), die sie als Männer wahrnehmen und männlichen Interessen und Ausdrucksformen Raum verschaffen[49], dies vor allem unter dem Aspekt eines Langzeitaufenthaltes.

Patienten beider Geschlechter sind im ersten Moment meist überrascht, wenn ein Krankenpfleger in Erscheinung tritt, da sie offensichtlich eine „Schwester“ erwartet hatten[50]. Zunächst als vermeintlicher Arzt/ Zivildienstleistender angesehen oder angesprochen, folgt nach Klärung dieses Mißverständnisses die Frage: „Warum wollten Sie nicht Arzt werden?“

An dieser Fragestellung läßt sich erkennen, daß das prägende Bild von Krankenpflegepersonal weiblich ist und männliches Krankenpflegepersonal mit anderen Berufsgruppen (Medizin) assoziiert wird.

Nach dieser Ausgangssituation kann sich die weitere Erwartungshaltung und Einstellung des Patienten gegenüber dem Krankenpfleger differenzieren. Entweder wird von ihm eine besondere Fachkompetenz erwartet, seine berufliche Stellung aufgewertet und eine gewisse Führungsqualität innerhalb des Krankenpflegeteams zugesprochen. Oder er kann erleben, daß Patienten glauben, daß Krankenschwestern mehr Kompetenzen und Zuständigkeitsbereiche besitzen und sie dann lieber nach einer „Schwester“ verlangen[51]. Das Berufsbild des Krankenpflegers stellt sich also bei Patienten und Patientinnen nicht eindeutig dar und er kann sich immer wieder mit Mißverständnissen konfrontiert sehen. Sein wahrgenommener Berufsstatus kann demnach mit einer Mischung aus positiven Privilegien und negativen Statusdefiziten durchsetzt sein.

Die geschlechtsspezifische Erwartungshaltung an das Krankenpflegepersonal hat zuletzt speziell in den Bereichen der Körper- und Intimhygiene aber auch in behandlungspflegerischen Bereichen wie z.B. dem Legen eines Dauerkatheters oder der präoperativen Rasur, eine Bedeutung.

1.8.5 Bedeutung der zahlenmäßigen Geschlechterverhältnisse

Kanter[52] analysierte 1977 als eine der ersten die spezifische Situation von Personen, die beruflich eine Minderheit darstellen. Unter anderem auch Männer in der Krankenpflege. In Ihrer Tokenism- Theorie[53] betont sie die Wichtigkeit des numerischen Verhältnisses von Personen in einer Gruppe und dem verstärkten geschlechtlichem Verhalten dieser Tokens. Sie prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „Boundary Heightening[54] “, der dem Begriff Doing Gender gleichgesetzt werden kann. Ihre Theorie kommt zu dem Ergebnis, daß ein verstärktes Doing Gender ausschließlich mit der ungleichen zahlenmäßigen Verteilung von Personen in einer Gruppe erklärt werden kann. Dies würde die bereits beschriebene Situation von Männern in Frauenberufen bestätigen. Die sozialen Muster von Doing Gender der Tokens, also der Personen, die nur einen prozentual geringen Anteil einer Gruppe ausmachen, unterteilt Kanter in die Kategorien Sichtbarkeit, Kontrast und Assimilation.

Unter Sichtbarkeit versteht sie die erhöhte Aufmerksamkeit, mit denen Minderheiten bedacht werden- so wie Männer in der Krankenpflege. Aus positiver Sicht kann diese erhöhte Aufmerksamkeit als Vorteil geltend gemacht werden, wenn es z.B. darum geht, für eine Aufstiegsmöglichkeit bemerkt zu werden. Allerdings werden Tokens nicht als Individuen bemerkt, sondern als Vertreter ihrer Kategorie. Dies hat zur Folge, daß sie als stellvertretendes Maß ihrer Kategorie interpretiert und bewertet werden- im positiven wie negativen Sinne. Nach Kanter wird dieses stellvertretende Maß von der prozentual dominierenden Gruppe meist zum Nachteil bewertet, da es immer leichter ist, die nicht zu dem Vorurteil passenden Eigenschaften der Minderheit zu übersehen oder zu ignorieren, als die Vorurteile abzubauen.

Unter Kontrast versteht sie das veränderte Bewußtsein einer bislang homogenen Gruppe, wenn eine „andersartige“ Person in die Gruppe eindringt. Die Gruppe wird sich erst jetzt bewußt, was sie zuvor vereinigt und „gleich“ gemacht hat und muß nun Grenzen betonen, die vorher nicht nötig waren. Der Begriff Assimilation umschreibt diejenigen Effekte, die eine Minderheit dazu bringt, so zu agieren wie es von ihnen erwartet wird.

In Bezug zum Thema könnte dies im übertragenden Sinne bedeuten:

- Männer in der Krankenpflege werden von Frauen immer mit einer erhöhten Aufmerksamkeit bedacht.
- Männer in der Krankenpflege werden von Frauen nicht als Individuen, sondern als Vertreter ihrer Kategorie wahrgenommen.
- Daraus folgend werden sie auch nur als stellvertretendes Maß ihrer Kategorie beurteilt und bewertet.
- Männer in der Krankenpflege werden von der dominierenden Gruppe der Frauen zum Nachteil beurteilt.
- Männer in der Krankenpflege verändern das vorhandene Bewußtsein der Frauengruppe.
- Männer in der Krankenpflege rufen die Betonung von neuen Grenzen einer Frauengruppe hervor.
- Männer in der Krankenpflege unterliegen einem Erwartungsdruck, dem sie nur schwer als Individuum begegnen können.
- Männer in der Krankenpflege können aufgrund ihrer Geschlechtsbetonung einer Diskriminierung unterliegen.

Es sollte hierbei hintergründig bedacht werden, daß die aufgestellte Tokenism- Theorie von Kanter bereits 30 Jahre alt ist und den heutigen Bewegungen der Geschlechterfragen ggf. nur bedingt gerecht wird.

1.8.6 Geschlechtsspezifische Unterschiede

Im Gegensatz zu Kanter bewertet Williams (1992)[55] das numerische Zahlenverhältnis als weniger wesentlich und spezifiziert den entwicklungspsychologischen Ansatz von Männern und Frauen. Den Gegenüberstellungen ihrer Studie an Männern und Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen entsprechend kommt sie zu dem Ergebnis, daß Männer in einem Frauenberuf ein verstärktes Doing Masculinity zeigen, was dem entwicklungspsychologischen Ansatz der Negation und weiblichen Abgrenzung eines Jungen/ Mannes entspricht, dies jedoch auch von der dominierenden Gruppe (Frauen) erwartet wird. Das männliche Doing Gender entspricht generell den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an einen Mann, so daß dieses „typisch männliche Verhalten“ dem zugesprochenen Drang nach Karriere und Berufsaufstieg gleichkommt. Anders ausgedrückt besagt ihre Theorie, daß Frauen ihre Primäridentifikation zur Mutter beibehalten können, Männer jedoch ihrer immer schon geprägten sozialisatorischen Negation folgen und dies ihrem Naturell entspricht.

In Bezug zum Thema könnte dies im übertragenden Sinne bedeuten:

- Männer in der Krankenpflege stellen ihr Geschlecht entsprechend ihrer Sozialisation dar.
- Männer in der Krankenpflege müssen demnach ihrem Drang nach Karriere und Berufsaufstieg nachkommen.
- Männer in der Krankenpflege definieren ihre Geschlechtsidentität selbst, dies geschieht nicht durch die dominierende Frauengruppe.
- Männer in der Krankenpflege entsprechen den Erwartungshaltungen an einen Mann.
- Männer in der Krankenpflege übernehmen im Gegensatz zu Frauen (in einer Männergruppe) ihre zugeschriebene Rolle in der dominierenden Frauengruppe nicht einfach passiv.

1.8.7 Abhängigkeit von Geschlecht und Kontext

Heintz und Nadai (1997)[56] verfolgen den Ansatz: „Wenn Geschlecht aktiv erzeugt wird, muß es auch möglich sein, dies nicht zu tun.“ Auch sie untersuchten Männer in Frauenberufen mit dem Hintergrund, die Kontextabhängigkeit der Darstellung und Bedeutung von Geschlecht aufzuzeigen. Ihren Ergebnissen entsprechend ziehen Männer in Frauenberufen deshalb aktiv Grenzen, weil Männlichkeit mit Berufstätigkeit und Professionalität verbunden ist und Frauen in ihrem Berufsfeld diese Verbindung aufbrechen und ihnen gleichziehen- jedoch die weibliche Geschlechtsidentität dabei nicht bedroht ist.

Ein „Undoing Gender“, also ein Zurückhalten der geschlechtlichen Darstellung, unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen und hat dabei unterschiedliche Konsequenzen. Frauen müssen ihr Doing Feminity[57] zurückhalten wenn sie ihre Berufstätigkeit mit Karrieremöglichkeiten verbinden möchten, da sie sich sonst als „männliche Bedrohung“ präsentieren würden. D.h., sie müssen sich als besonderer, weiblicher Einzelfall oder als weibliche Ausnahme präsentieren, um das Zugeständnis einer Professionalität zu bekommen. Männer hingegen können ihre Geschlechtsidentität nicht über die vermeintlich weibliche Tätigkeit definieren und interpretieren ihre Tätigkeit als professionell und deutlich anders als die der weiblichen Kollegen.

Überspitzt dargestellt würde dies in der Konsequenz für die Krankenpflege bedeuten, daß Frauen entweder weiblich und unprofessionell tätig sind, oder „unweiblich“ und professionell mit Aussicht auf Karrieremöglichkeiten.

In Bezug zum Thema könnte dies im übertragenden Sinne bedeuten:

- Männer in der Krankenpflege sind durch ihre Männlichkeit in Form von Doing Masculinity professionell.
- Männer in der Krankenpflege haben durch Doing Masculinity höhere Karrieremöglichkeiten.
- Männer in der Krankenpflege bewerten ihre Arbeit als professioneller und anders als die der Frauen.
- Männer in der Krankenpflege werden in ihrem Doing Masculinity von Frauen unterstützt.
- Männer in der Krankenpflege dürfen männlich bleiben, Frauen hingegen müssen „männlicher“ werden, um ihre Karrieremöglichkeiten anzutreiben.

1.8.8 Geschlechtsspezifische Wahl des Fachgebietes

Zunächst erfolgt nochmals die Kurzumschreibung der stereotypen Zuschreibungen von Männer- und Frauenberufen. Stiegler (1982) umschreibt Männer- und Frauenberufe vor allem durch den Inhalt der Arbeit: „Frauenberufe sind sehr oft durch Helfen, Dienen oder Assistieren gekennzeichnet und verlangen Ausdauer und Geduld, aber auch weibliche Eleganz und Charme. Häufig stellen sie eine Verberuflichung von früher privat ausgeführter Reproduktionsarbeit dar. Männerberufe zeichnen sich demgegenüber stärker durch den Umgang mit Sachen und Technik als mit Menschen aus. (...) Da werden Gegenstände produziert und Entscheidungen getroffen[58].“

Die häufig vorzufindende Wahl des Tätigkeitsfeldes von Krankenpflegern steht in einem engen Zusammenhang mit der männlichen Rolle, der männlichen Sozialisation und der damit zusammenhängenden Abgrenzung zur Weiblichkeit. Dies hat zur Folge, daß männliche Krankenpflegekräfte vor allem in den Bereichen zu finden sind, in denen offensichtlich männliche Fähigkeiten wie physische Stärke, Umgang mit „unberechenbaren“ Patienten, psychische Widerstandskraft, technisches Geschick und Entscheidungskraft gefragt sind. Dementsprechend sind Männer vor allem in der Psychiatrie, der Forensik, in Bereichen des Drogenentzugs, auf Intensivstationen, in operativen Bereichen und in der Anästhesie, in Notfallambulanzen, in Bereichen der Verwaltung und Leitung, aber auch in geschlechtsspezifischen Bereichen wie der Urologie tätig[59]. Einen weiteren Hinweis auf Geschlechtsspezifität liefern, hier nur als Exkursion verstanden, die Statistiken der Rettungsberufe[60], in denen überproportional viele Männer tätig sind und so das Berufsfeld des Rettungsassistenten oder Rettungssanitäters als Männerberuf angesehen werden kann[61].

1.8.9 Mann, Medizin und Pflege

Welchen Stellenwert letztendlich die Assoziation der Krankenpfleger mit der Verkopplung von „männlicher Medizin“ und „weiblicher Krankenpflege“ einnimmt, ist aus der historischen und soziologischen Sicht ein weiteres Kriterium zur Wahl des Tätigkeitsbereiches. Der Soziologe Hannes Ummel (2004) interpretiert beispielsweise die Aussage eines Krankenpflegers mit der grundlegenden Fragestellung, ob die männliche Krankenpflege als Mittel zum Zweck der Paramedizin betrachtet werden könnte[62]. Der Begriff „Paramedizin“, hier dem Begriff der „Semi- Profession“ zugeordnet, umschreibt die schwierigen Statusverhältnisse zwischen Medizin und Krankenpflege, die schon immer ein hohes Konfliktpotential beinhaltet haben. Die Krankenpflege ist auch heute noch der Medizin nach- bzw. untergeordnet, was zu einem asymmetrischen Verhältnis der Berufsgruppen untereinander führt[63]. Die Geschlechtsspezifität von männlicher Medizin und weiblicher Krankenpflege auf dem Hintergrund ihrer „historischen Sozialisation“ zeigt auffällige Parallelen zum geschlechtlichen Kontext zwischen Krankenpflegern und Krankenschwestern bzw. bedingen diese.

In den zuvor dargestellten Tätigkeitsbereichen von Krankenpflegern ist ggf. eine niedrigere Hierarchieabstufung vorhanden, in dem sich die Männer der Krankenpflege mit den Männern der Medizin auf der Ebene „Mann zu Mann“ solidarisch erklären und ergänzen. Dies ist eine sehr hypothetische Ableitung, die weitere Untersuchungen implementiert, die jedoch in diesem Rahmen nicht konzeptionell umgesetzt werden können.

1.9 Präzisierung der Fragestellungen

Das sich darstellende große Feld des thematischen Gesamtkontextes impliziert eine Präzisierung der Fragestellungen zur Situation und Rolle des Gesundheits- und Krankenpflegers. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen letztendlich folgende Fragen:

- Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede nehmen beide Geschlechter im beruflichen Alltag wahr?
- Welche berufliche Rolle nimmt ein Krankenpfleger aus Sicht beider Geschlechter ein?
- Wie bewerten beide Geschlechter den Einfluß von Krankenpflegern auf ein primär weibliches Team?
- Auf welchem Weg hat ein Krankenpfleger zu seinem Beruf gefunden? (quantitative Auswertung)

2 Methodenteil

Die Fragestellungen ließen sich nach ausgiebiger Recherche nicht mit reinen Literaturbezügen beantworten, da sie entweder nicht mehr dem aktuellen Stand der Geschlechterdiskussion im beruflichen Kontext der Krankenpflege entsprachen oder Studien primär die Geschlechterspezifität von Frauen hinterfragten. Des Weiteren differenzierten vermeintlich interessante Studienergebnisse nicht zwischen Frau und Mann, so daß ein angedachter qualitativer Zugang mit geschlechtsdifferenzierten Kriterien nur bedingt aufgesucht werden konnte.

Ich habe mich dazu entschieden, nicht nur Männer in der Krankenpflege sondern auch Frauen in der Krankenpflege mit in die Diskussion einzubeziehen, um dem Anspruch von Diversity und Gender Mainstreaming zu entsprechen.

Die qualitativen Untersuchungsergebnisse beziehen sich zu 45% auf Aussagen von Männern und zu 55% auf Aussagen von Frauen, was der geschlechtsspezifischen Berufsklassifizierung[64] nicht entspricht.

2.1 Untersuchungsmethode

Das Bestreben nach einer institutionsunabhängigen, geschlechtsdifferenzierten und möglichst bundeslandübergreifenden Schnittmenge ist für die methodischen Überlegungen wesentlich gewesen.

2.1.1 Mögliche Bearbeitungswege

In der ersten Annäherungsphase möglicher Bearbeitungswege habe ich offene Interviews mit drei männlichen Arbeitskollegen aus meinem beruflichen Umfeld durchgeführt und parallel dazu über E-mail Kontakt zu drei männlichen Kommilitonen aufgesucht, wobei mir schnell bewußt wurde, daß ich in diesem Rahmen der Forderung nach Unvoreingenommenheit nicht gerecht werden kann. Dies begründet sich zum einen aus meinen Erfahrungswerten mit den Institutionen und den männlichen Kollegen bzw. Kommilitonen, den Erfahrungswerten der Arbeitskollegen bzw. Kommilitonen mit mir und zum anderen aus der einfachen Tatsache, daß ich selber ein Mann in der Krankenpflege bin[65].

Des Weiteren ergaben sich Interviewsituationen, in denen an meine Sichtweise und Beurteilung appelliert wurde, was einer ungelenkten Weiterführung der Interviews nicht gerecht werden konnte und die Interviewsituation in unerwünschte Richtungen brachte. Alternative Bearbeitungswege, wie z.B. das klassische Prinzip eines Fragebogens, kamen für mich nicht in Frage, da mir die Möglichkeiten der quantitativen und relativ statischen Abfrage als zu begrenzt erschienen und im Wesentlichen ein qualitativer Charakter aufgesucht werden sollte.

2.1.2 Gewählte Untersuchungsmethode

Die methodische Wahl der Untersuchung, unter dem Aspekt einer qualitativen Materialanalyse, hat sich daher zunächst nicht eindeutig dargestellt.

Um mich selber als neutralere Person präsentieren zu können und eine Richtungslenkung weitestgehend zu unterbinden, habe ich mich parallel zu den noch nicht ausgereiften Methodenüberlegungen für eine Internetpräsenz entschieden, die mich als Person nur bedingt erkennen ließ (Beruf, Alter und Ort) und neben den Überlegungen weiterer Untersuchungsmethoden zur Diskussion stand. Zum Zeitpunkt der Einstellung in die jeweiligen Foren hätten sich theoretisch über 13.000 Personen aus dem Bereich der Gesundheitsberufe an der Diskussion beteiligen können[66], was einen zusätzlichen Anreiz hatte. Die Wahl der Internetforen entschied sich unter anderem[67] unter der Prämisse einer Erreichung von berufstätigen Personen im Bereich der Krankenpflege, die im Wesentlichen nicht wissenschaftlich geprägt bzw. „vorbelastet“ sind. Dies kann natürlich weder ausgeschlossen noch konkret erkannt werden, ein nicht wissenschaftliches Forum bietet jedoch allen Interessierten einen Zugang, die eine Plattform des Austausches auf verschiedenen Ebenen suchen, ohne sich mit der Hemmschwelle vor Wissenschaftlichkeit konfrontieren zu müssen.

In diesem Zusammenhang stellte ich eine weitere Frage in selbige Foren, die sich speziell an die Männer in der Krankenpflege wendete und nach deren Motiven zur Berufswahl fragte[68]. Die Ergebnisse dieser Fragestellung lieferten einen quantitativen Beitrag zur aktuellen Untermauerung des Abschnittes 1.2. des Berufswahlprozesses.

Ein weiteres Kriterium war die Gewährleistung eines anonymen Rahmens, der hier durch die Nutzung von Nicknames seitens der eingetragenen Mitglieder der Foren augenscheinlich eingehalten werden konnte, so daß Rückschlußmöglichkeiten auf einzelne Personen nicht nachvollziehbar erschienen[69].

2.1.3 Auswahlkriterien der Internetportale

Internetportale sollten generell Problemfelder[70] berücksichtigen, die entscheidende Kriterien für potentielle Benutzer darstellen und in Bezug zu dieser Arbeit als Ausschlusskriterien galten:

- Hat der Informationsanbieter eine benutzerfreundliche bzw. einfach zu verstehende Oberfläche gewählt, so daß auch ein nicht geübter Benutzer einen einfachen Zugriff erhält und innerhalb des Portals problemlos navigieren kann?
- Ist es auch interessierten Benutzern mit internetfähigen, aber veralteten Computersystemen möglich, auf das Portal zuzugreifen bzw. sich anzumelden?
- Ist das Internetportal über einfache Suchbegriffeingaben einer beliebigen Suchmaschine zu finden?
- Ist die Mitgliedschaft kostenfrei, gibt es Zugangsbedingungen?
- Welche Zielgruppe ist konkret angesprochen?
- Wird ein anonymer Rahmen gewährleistet?
- Kann auch ein nicht eingetragener Benutzer durch die Foren navigieren?

Die von mir gewählten Internetportale berücksichtigen diese Problemfelder, so daß ich weitmöglichst erschwerende bzw. unerwünschte Hindernisse seitens der Benutzermöglichkeiten im voraus minimiert habe.

2.1.4 Kurzvorstellung der gewählten Internetforen

Das Internetportal „www.pflegeboard.de“ besteht seit dem Jahr 2000, hat seinen Sitz in Frankfurt am Main, präsentiert sich mit einer benutzerfreundlichen Oberfläche und läßt sich einfach navigieren. Insgesamt sind dort 6707 eingetragene Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens (Krankenpflege, Kinderkrankenpflege, Altenpflege, Lehrer im Gesundheitswesen, Auszubildende, ...) registriert, die bislang 6957 Themen mit 58576 Beiträgen eingestellt haben. Die Teilnehmer erhalten einen Nicknamen und können des Weiteren Angaben zu Beruf, Bereich, Ort und Alter machen. Das Internetportal bietet insgesamt 11 Foren mit 46 Unterforen an[71], ist kostenfrei, kann auch von nicht registrierten Teilnehmern eingesehen werden und ist mit dem Betriebssystem Windows© ab der Version von 1995 kompatibel. In diesem Portal wurde das Thema „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege: Fluch oder Segen?“ im Forum „Sonstiges“ unter dem Unterforum „Berufspolitik“ zur Diskussion gestellt.

Das Internetportal „www.krankenschwester.de.- Die Online Community für Pflegeberufe“ besteht auch seit dem Jahr 2000, hat seinen Sitz in Hannover, präsentiert sich ebenfalls mit einer benutzerfreundlichen Oberfläche und läßt sich einfach navigieren. Insgesamt sind dort 8397 eingetragene Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens (s.o.) registriert, die bislang 8088 Themen mit 53325 Beiträgen eingestellt haben. Die Teilnehmer erhalten einen Nicknamen und können des Weiteren Angaben zum Ort machen. Das Internetportal bietet insgesamt 10 Foren mit 53 Unterforen an[72], ist kostenfrei, kann auch von nicht registrierten Teilnehmern eingesehen werden und ist ebenso mit dem Betriebssystem Windows© ab der Version von 1995 kompatibel. In diesem Portal wurde das Thema „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege“ im Forum „Sonstiges“ unter dem Unterforum „Talk, Talk, Talk“ zur Diskussion gestellt.

2.1.5 Methodische Implementierung

Nach der Auswahl der Internetforen erfolgte die Einstellung des Themas in jeweils unterschiedliche Unterforen, um ggf. einen Unterschied in der quantitativen Erreichbarkeit von Personen feststellen zu können. Diesbezüglich erschienen die Fragen im Internetportal „pflegeboard“ unter dem Unterforum „Berufspolitik“ und im Internetportal „krankenschwester“ unter „Talk, Talk, Talk“. D.h., zum einen ein Unterforum für eher berufspolitisch Interessierte und zum anderen ein Unterforum für den allgemeinen Austausch zu unterschiedlichsten Themen. Die Auswertung ergab jedoch keinen offensichtlichen Unterschied in der quantitativen Erreichbarkeit durch diese Differenzierung.

Des Weiteren wurde die Headline bzw. Überschrift jeweils mit und ohne „provozierendem Zusatz“ betitelt, so daß sich das Thema entweder mit der herausfordernden Headline „Männer in der Gesundheitspflege: Fluch oder Segen?“ und der Einbindung des Begriffs „Männer als „Zickenprophylaxe“ („pflegeboard“) oder mit der einfachen Headline „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege“ („krankenschwester“) präsentierte[73]. Der Begriff „Zickenprophylaxe“ führte zu Beginn der Diskussion bei einzelnen Teilnehmern (weiblich/ männlich) auf Widerstände bzw. wurde unter ihnen im positiven wie negativen Sinne kontrovers thematisiert[74], im weiteren Verlauf der Diskussion wurden jedoch keine offensichtlichen Bezüge zu diesem Reizbegriff ersichtlich.

2.1.6 Datenschutz und Urheberschutz

Aufgrund der namentlichen Erwähnung der Internetforen „pflegeboard“ und „krankenschwester“ im Rahmen dieser Arbeit relativiert sich die anonyme Gewährleistung[75], da jeder Leser dieser Arbeit mit internetfähigem Computer die Möglichkeit einer Einsicht in die jeweiligen Diskussionsforen hat. Vor diesem Hintergrund mußte mit Rücksprache der Administratoren von „pflegeboard“ und „krankenschwester“ eine nachträgliche Einverständniserklärung jedes einzelnen Diskussionsteilnehmers bezüglich Datenschutz und Urheberschutz eingeholt, so wie die Veröffentlichung des Namens der Internetportale seitens der Administratoren genehmigt werden. Dieses mir nicht bewußte Procedere verzögerte die folgende Materialanalyse, da ich zunächst bis auf das letzte Einverständnis der teilnehmenden Forenmitglieder warten mußte.

2.1.7 Durchführung und Zeitraum

Die Fragestellung stand insgesamt für zwei Monate in beiden Internetportalen zur Diskussion. Nach Ablauf der gesetzten Frist, die sich auf die zeitlichen Rahmen- und Auswertungsbedingungen dieser Arbeit begründet, stellte sich mir eine Vielfalt an Material von Aussagen, Erfahrungswerten, Kriterien, Urteilen und Emotionen dar.

2.2 Untersuchungsinstrument

Als Untersuchungsinstrument wurde eine qualitative Inhaltsanalyse gewählt, um das Material in seinem Gesamtkontext zu erfassen und den Gegenstand- nicht die Technik- in den Vordergrund zu stellen. Eine sozialwissenschaftlich und qualitativ orientierte Inhaltsanalyse ist nicht eindeutig definiert, weist jedoch grundlegende Charakteristika auf, die sie von anderen Methoden zur Analyse von Kommunikation, Sprache und Text unterscheidet[76].

2.2.1 Qualitative Inhaltanalyse

Die qualitative Inhaltsanalyse will die volle Komplexität ihrer Gegenstände erfassen, ohne diese zu zerstückeln, in einzelne Variablen zu zerteilen und auf diese Art deren eigentliche Bedeutung nehmen[77].

Auf eine nähere Beschreibung quantitativer Analyseverfahren wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, da diese Arbeit auf dem Fundament der qualitativen Ebene beruht. Spezifische Charakteristika inhaltsanalytischer Verfahren zeigen sich dementsprechend wie folgt:

- Inhaltsanalytische Verfahren analysieren Kommunikation auf sprachliches, musikalisches, bildliches o.ä. Material.
- Inhaltsanalytische Verfahren haben als Gegenstand vorliegendes Material in seiner fixierten, also protokollierten bzw. festgehaltenden Form.
- Inhaltsanalytische Verfahren gehen systematisch vor und sind frei von Interpretationen.
- Inhaltsanalytische Verfahren zeigen ihr systematisches Vorgehen durch einen expliziten Regelablauf der Analyse.
- Inhaltsanalytische Verfahren gehen theoriegeleitet vor.
- Inhaltsanalytische Verfahren haben das Ziel, Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation zu ziehen.

2.2.2 Textformen

Texte können generell in monologische und dialogische Texte unterschieden werden. Ein monologischer Text entsteht durch einen Kommunikator, also eine Person, die z.B. einen Zeitungsartikel geschrieben hat oder auch das Ergebnis eines narrativen Interviews. Ein dialogischer Text beinhaltet mehrere Kommunikatoren, die situativ miteinander kommunizieren, z.B. ein Protokoll einer Gruppendiskussion.

Der in dieser Arbeit zu analysierte Text entspricht einer Mischform, da Aussagen entweder als monologe Antwort auf die Fragestellung oder als Dialog der Forenteilnehmer untereinander „in Reaktion auf“ entstanden sind. Diese Differenzierung ist in der Analyse berücksichtigt worden und wird mit den Buchstaben „D“ für einen dialogischen Textauszug oder mit „M“ für einen monologischen Textauszug visualisiert.

2.2.3 Grundformen des Interpretierens

Qualitative Techniken inhaltsanalytischer Verfahren können in fundamentale Interpretationsvorgänge klassifiziert werden, die von ihrer Grundtechnik jedoch nicht sehr unterschiedlich sind. Es wird meistens bei bestimmten Textteilen angesetzt, die genauer analysiert, in eine bestimmte Richtung bewertet und in Beziehung zu anderen Textbestandteilen gebracht werden.

Mayring (2003) differenziert diese Grundtechnik in drei Grundformen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Grundprinzipien der Zusammenfassung werden an dieser Stelle näher betrachtet, da sie in dieser Arbeit zur Anwendung kamen.

2.2.4 Grundprinzipien der Zusammenfassung

Das Grundprinzip bzw. die Technik „Zusammenfassung“ ist die genaue Festlegung der Abstraktionsebene, auf die das vorhandene Ausgangsmaterial in einzelnen Schritten immer weiter transformiert wird. Die Abstraktionsebenen dieser zusammenfassenden Technik werden immer allgemeiner, so daß die Zusammenfassung schließlich immer abstrakter wird und in Form eines Kategoriensystems darstellbar ist.

Das Ziel dieser Technik ist also, das vorhandene Material so zu reduzieren, daß die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, jedoch durch Abstraktion ein überschaubarer Corpus geschaffen wird, der immer noch ein Abbild des Grundmaterials ist[78].

Nach Mayring (2003) muß eine zusammenfassende Inhaltsanalyse in 7 Schritten erfolgen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Mayring (2003)

2.2.5 Bildung von induktiven Hauptkategorien

Das vorliegende Ergebnis des Kategoriensystems kann nach Abschluß der zuvor genannten Schritte auf verschiedenen Wegen weiteranalysiert werden. Die Kategorisierung des zu analysierenden Textmaterials dieser Arbeit erfolgte über eine induktive Bildung von Hauptkategorien im Sinne der zusammenfassenden Inhaltsanalyse. Eine induktive Kategoriendefinition leitet die Kategorien direkt aus dem vorhandenen Material in einen Verallgemeinerungsprozeß ab, ohne sich auf vorab formulierte Theorienkonzepte zu beziehen. Sie strebt nach einer möglichst naturalistischen und gegenstandsnahen Abbildung ohne Verfremdung durch Vorannahmen des Forschers[79]. Der Vorgang der induktiven Kategorienbildung läßt sich nach Mayring (1998) in einem Prozessmodell darstellen:

Abb. 7: Prozessmodell der induktiven Kategorienbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Mayring (1998)

Die Beschreibung des Erhebungsinstrumentes bzw. der Erhebungsinstrumente ist an dieser Stelle beendet und leitet nun in die konkrete Umsetzung über.

2.3 Durchführung der Untersuchung

Nach Ablauf der gesetzten Frist von zwei Monaten lag ein Datenmaterial mit insgesamt 52 Aussagen von 36 Männern und 16 Frauen vor, davon 24 Aussagen zum Thema „Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege“ und 28 Aussagen zum Thema „ Wie haben Sie zum Beruf des Krankenpflegers gefunden?“. Der folgende methodische Teil bezieht sich ausschließlich auf die Aussagen zum Thema „Männer in der Krankenpflege“, da die parallel laufende Fragestellung nur als quantitative Nebenuntersuchung ausgewertet wurde.

Wie bereits beschrieben, konnten keine offensichtlichen Unterschiede in der Erreichbarkeit von potentiellen Diskussionsteilnehmern erkannt werden[80], so daß alle Aussagen in eine einheitliche Übersichtstabelle transkriptiert werden konnten, ohne einen weiteren Bezug zum jeweiligen Internetportal, zur Forenwahl oder der Formulierung der Fragestellung zu haben.

2.3.1 Anonymisierung und Kodierung

Im ersten Schritt wurden die Daten anonymisiert, mit einer Kodierzahl in numerischer Reihenfolge versehen und nur mit dem Geschlecht und dem Beruf[81] der Verfasser kenntlich gemacht. Des Weiteren wurden die Zusätze „D“ oder „M“ in die Übersicht eingegliedert, um zwischen einem Dialog bzw. „in Reaktion auf“ und einem Monolog differenzieren zu können[82]. Die gesamten Aussagen stellten sich dementsprechend in kodierter Form wie in den folgenden exemplarischen Auszügen dar.

Monologisches Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.2 Fragmentierung

Das Textmaterial wurde im nächsten Schritt in Bezug zu seinem inhaltlichen Beitrag verfasserbezogen fragmentiert. Dieses Prinzip erleichterte immens die nachfolgenden Zuordnungen und Kategorisierungen, obwohl sich hierdurch im ersten Moment das Aussagenmaterial subjektiv vervielfachte. Eine Fragmentierung implizierte auch hier eine weitere Darstellung im Sinnzusammenhang um den Gegenstandsbezug nicht zu verlieren.

[...]


[1] Williams, C. (1989). Gender differences at work. Women and men in nontraditional occupations.

[2] Williams (1992), S. 108

[3] Bartjes (1995), S.48

[4] Ummel (2004), S.40

[5] Eingetragene Mitglieder der Internetforen „pflegeboard“ und „krankenschwester“. (2006).

[6] Zur besseren Lesbarkeit des Fließtextes sind im weiteren Verlauf dieser empirischen Arbeit die Berufsbezeichnungen

des Gesundheits- und Krankenpflegers und der Gesundheits- und Krankenpflegerin mit „Krankenpfleger/ Pfleger“ und „Krankenschwester/ Schwester“, sowie das Berufsfeld der Gesundheits- und Krankenpflege mit „Krankenpflege“ oder „Krankenpflegeberuf“ betitelt.

[7] Stiegler (1982), S.80

[8] Definition mit Auszügen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Suchwort: Gender. Aufruf am: 12.06.2006.

[9] Heintz, Nadai (1997), S. 54-66 (A)

[10] Siehe auch 1.4.: Projekte und Initiativen im Rahmen von Gender Mainstreaming

[11] Peters (2002), S.132

[12] Güttler (2000), S. 109

[13] Güttler (2000), S.108

[14] Siehe auch 1.8.5.: Bedeutung der zahlenmäßigen Geschlechterverhältnisse

[15] Kohli (1973), S.7

[16] Bartjes (1992), S.216

[17] Hoffmann, Baillod (1995), S.209

[18] Hoffmann, Baillod (1995), S.209

[19] Winter, Willems (1991), S. 193- 209

[20] Badinter (1993), S.65

[21] Böhnisch, Winter (1993), S.106

[22] Krewerth et al (2004), S.423

[23] Bartjes (1996), S. 148

[24] Hammer, Bartjes (1995), S.24

[25] Siehe auch 1.4. : Projekte und Initiativen im Rahmen von Gender Mainstreaming

[26] Siehe auch: 1.3. Männliche Sozialisation

[27] Das Vernetzungsprojekt „Neue Wege für Jungs“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert und vom Kompetenzzentrum Technik- Diversity- Chancengleichheit e.V. in Bielefeld koordiniert.

[28] Das Bildungsnetz Berlin wird im Rahmen des Programms „Lernende Regionen- Förderung von Netzwerken“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, den Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union und dem Land Berlin gefördert.

[29] Das generationsübergreifende Projekt „Sozial engagierte Jungs“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Fachstelle Jungenarbeit des Paritätischen Bildungswerkes in Frankfurt am Main koordiniert.

[30] Siehe auch 1.2.: Der Berufswahlprozeß

[31] Hegemonie bedeutet frei übersetzt: „Soziale Überlegenheit“

[32] Hollstein (1998), S.23

[33] Aus „metropolitan" und „heterosexual" zusammengesetzt bezeichnet die Metrosexualität einen extravaganten Lebensstil von Männern, die keinen Wert auf Kategorisierung in ein maskulines Rollenbild legen. Der Definition nach lassen metrosexuelle Männer auch die feminine Seite ihrer Persönlichkeit zu und zeigen nach außen hin Verhaltensweisen, die bis dato eher dem Lebensstil von Frauen oder dem Klischee des homosexuellen Mannes zugeordnet wurden.

[34] Bartjes (1995), S.47

[35] Lambrecht, Bracker (1992), S.112

[36] Bischoff (1997), S.15-16

[37] Bischoff (1997), S.112

[38] Sütmuller (1993), S.18

[39] Stuve, Krabel (2004), S.18

[40] Siehe auch 1.8.2.: Vorurteile und Klischees

[41] Hoffmann, Baillod (1995), S.212

[42] Jacobs (1993), S.208

[43] Hoffmann, Baillod (1995), S.211

[44] Bradley (1993), S. 10-27

[45] Siehe auch 1.2.: Der Berufswahlprozeß

[46] Siehe auch 1.8.2.: Vorurteile und Klischees

[47] Bartjes (1995), S.47

[48] Hoffmann, Baillod (1995), S.209

[49] Neutzling (2003), S.37

[50] Siehe auch Abbildung 4 in: 1.8.1.: Das Berufsimage in der Öffentlichkeit

[51] Clausen (1990), S.337-338

[52] Kanter (1977), S.2

[53] „Tokens“ sind Personen, die einen geringen Prozentsatz einer Gesamtgruppe ausmachen.

[54] „Boundary Heightening“ bedeutet die Hervorhebung und Betonung von Eigenschaften eines Geschlechts.

[55] Williams (1992), S.10

[56] Heintz, Nadai (1997), S.7-8 (B)

[57] Siehe auch 1.1.3.: Doing Gender

[58] Stiegler (1982), S.87

[59] Rabe- Kleberg (1991), S.37

[60] Bildungsnetz Berlin (2004), S.5

[61] Stuve, Krabel (2004), S.11

[62] Ummel (2004), S.52

[63] Jehle (1990), S.63

[64] Siehe 1.1.1.: Geschlechtliche Berufsklassifizierung

[65] Ummel (2004), S.40

[66] Eingetragene Mitglieder „pflegeboard“: 5957 Personen, eingetragene Mitglieder „krankenschwester“: 7312 Personen (Stand vom: 19.05.2006)

[67] Siehe auch 2.1.3.: Auswahlkriterien der Internetportale

[68] Fragestellung: siehe Anhang A1/ A2

[69] Siehe auch 2.1.6.: Datenschutz und Urheberschutz

[70] Stockmann (2001). (o.S.)

[71] Angaben „pflegeboard“ mit Stand vom 23.07.2006.

[72] Angaben „krankenschwester“ mit Stand vom 23.07.2006.

[73] Originale der Fragestellungen: siehe Anhang B1/ B2

[74] Siehe auch 4.2.2.: Emotionsauslösende Ausdrücke

[75] Siehe auch 2.1.2.: Gewählte Untersuchungsmethode

[76] Mayring (2003), S.12

[77] Mayring (2003), S.18

[78] Mayring (1988), S.53

[79] Lamnek (1995), S.216

[80] Siehe auch 2.1.5.: Methodische Implementierung

[81] Siehe auch: Abkürzungsverzeichnis

[82] Siehe auch 2.2.2.: Textformen

Details

Seiten
124
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836621960
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226325
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld – Pflege und Gesundheit, Studiengang Sozialpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
krankenpflege frauenberuf gender pflegeberuf

Autor

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Titel: Männer in der Gesundheits- und Krankenpflege