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Genese, Verlauf und Ausgang des bewaffneten Konflikts in Osttimor aus konflikttheoretischer Sicht

Bachelorarbeit 2008 50 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konflikttheorie
2.1 Krisenprävention und Konfliktbearbeitung

3 Der bewaffnete Konflikt in Osttimor
3.1 Osttimor
3.2 Historischer Überblick
3.3 Die Bedeutung der Nelkenrevolution in Portugal für Osttimor
3.4 Die Entwicklung der osttimoresischen Parteien

4 Osttimor aus der Sicht Indonesiens

5 Die Invasion Indonesiens in Osttimor
5.1 Der Verlauf der Besatzung
5.2 Das Massaker von Dili
5.3 Die Asienkrise als Wendepunkt

6 Die Positionen des Auslandes
6.1 Portugal
6.2 Australien
6.3 USA

7 Das Eingreifen der UNO in den Konflikt
7.1 Die Vermittlung
7.2 Das Bemühen der UNO, Frieden zu schaffen
7.3 Die „5 May Agreements“
7.4 Die internationale Schutztruppe
7.5 Die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen

8 Evaluation

9 Literatur
9.1 UN-Resolutionen und Berichte des Generalsekretärs

1 Einleitung

Am 20. Mai 2002 konnte das kleine Inselreich Osttimor nach 25 Jahren indonesischer Besatzung seine Unabhängigkeit feiern. Unterbrochen von einer nur wenige Tage anhaltenden Unabhängigkeit im Jahre 1975 kurz vor der Invasion durch den indonesischen Nachbarn und einer zuvor über 500 Jahre andauernden Kolonialherrschaft Portugals, stand das Land von Oktober 1999 bis zu eben jenem 20. Mai 2002 unter einer Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen. Der Weg in die Freiheit war kein einfacher und forderte viele Opfer; die Osttimoreser sahen sich im Laufe der Jahre immer wieder wahllosen Gewaltakten und Massakern des indonesischen Militärs ausgesetzt. Im Zeitraum von 1975 bis 1994 starben ungefähr 200.000 Menschen an den Folgen der Invasion; entweder direkt im Gefecht oder durch Krankheiten und Hungersnöte während der Besatzung. (vgl. Ufen, 71 f.) Die westlichen Länder nahmen das indonesische Vorgehen zunächst billigend zur Kenntnis, ohne sich für das Land und vor allem für die unter der Besatzung leidende Bevölkerung einzusetzen. Zu groß waren die geostrategischen und wirtschaftlichen Bedeutungen des blockfreien und nach China bevölkerungsreichsten Staates Indonesien, vor allem für die USA. Auch die UNO griff anfangs nur sehr zögerlich und mit relativ halbherzigen Resolutionen in den Konflikt ein, ohne dabei einen nennenswerten Erfolg erzielen zu können, obwohl die Handlungen Indonesiens einen eklatanten Bruch des Völkerrechts darstellten. Die 1982 intensivierten Vermittlungen dauerten fast 20 Jahre an. Die Menschen in Osttimor konnten dennoch nicht vor Gewalttaten Indonesiens geschützt werden.

Es scheint unverständlich, warum Indonesien über einen so langen Zeitraum nahezu ungehindert auf dem von ihnen okkupierten Gebiet gewaltsam herrschen konnte und niemand in der Lage war, dieses zu verhindern.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Genese, Verlauf und Ausgang des bewaffneten Konfliktes in Osttimor. Nach konflikttheoretischen Betrachtungen werde ich eine kurze Charakterisierung des Landes unter geografischen, ethnischen und wirtschaftlichen Aspekten vornehmen und anschließend in einem historischen Rückblick die Eckpunkte der Geschichte des Landes während der Kolonialzeit bis zur Invasion durch Indonesien aufzeigen. Der Verlauf der Invasion wird darauffolgend beschrieben. Anschließend werde ich die Positionen der Länder, welche in diesem Konflikt eine entscheidende Rolle spielen, darlegen, sowie die Rolle der Vereinten Nationen in diesem Konflikt beschreiben und analysieren. Im Zentrum dieser Arbeit soll, unter dem Aspekt der Krisenprävention und Konfliktbearbeitung, die Frage stehen, warum es nicht gelungen ist, dem gewaltsamen Vorgehen Indonesiens gegen Osttimor gemäß der UN-Charta entgegenzuwirken und mit welchen Maßnahmen dieses hätte geschehen können.

2 Konflikttheorie

Um das Verständnis des vorherrschenden Konfliktes zu verbessern und ihn konflikttheoretisch einordnen zu können, ist es sinnvoll, die Situation in Osttimor in einem theoretischen Rahmen zu erfassen, um diese kategorisieren und einschätzen zu können. Zu diesem Zweck werde ich im Folgenden einige Vorüberlegungen anstellen, welche die Bedeutung der Terminologie von Konflikt, bzw. Konflikttheorie verdeutlichen sollen.

Der Begriff des Konflikts, sowie die Konflikte selbst, sind sehr vielschichtig und komplex, wie es Bonacker / Imbusch in ihren Ausführungen beschreiben. (vgl. Bonacker / Imbusch, 67 ff.) Von einer derartig ausführlichen Darstellung soll an dieser Stelle abgesehen werden, da ich sie für meine Arbeit als nicht entscheidend betrachte. Die Definition von Norbert Ropers scheint mir auf mein Thema bezogen am sinnvollsten: „Konflikte sind eine unvermeidbare und für den sozialen Wandel notwendige Begleiterscheinung des Zusammenlebens in Gesellschaften. Sie sind ein Ausdruck von Spannungen und Unvereinbarkeit zwischen verschiedenen, voneinander abhängigen Parteien im Hinblick auf ihre jeweiligen Bedürfnisse, Interessen und Wertvorstellungen. Zu gesamtgesellschaftlichen Krisen und destruktiven Eskalationen führen solche Auseinandersetzungen vor allem in Phasen tiefgreifender sozioökonomischer Veränderungen und politischer Transformation. Also dann, wenn es um die Neuverteilung von Lebenschancen und Partizipationsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Gruppen geht. Das Problem sind nicht die Konflikte als solche, sondern die Art und Weise ihrer Austragung.“ (Ropers, 11)

Festzuhalten ist, dass Konflikte nicht per se gewalttätig sein müssen, es aber aufgrund bestimmter Bedingungen zu einem Gewaltausbruch kommen kann.

Schrader berichtet von drei idealtypischen Komponenten, welche in jedem Konflikt zu erkennen sind: „[…] ein Widerspruch, d.h. eine Unvereinbarkeit von Zielen, Interessen bzw. Bedürfnissen, ein den Konflikt anzeigendes und allzu oft verschärfendes Verhalten (z.B. Konkurrenz, Aggressivität, Hass, Gewalt) der Konfliktparteien sowie eine auf den Konflikt bezogene und diesen – bewusst oder unbewusst – rechtfertigende Einstellung/Haltung. Diese ist eng verbunden mit den Wahrnehmungen und Annahmen der Konfliktparteien in Bezug auf ihre eigene Stellung im Konflikt, die Bewertung der anderen Parteien (z.B. Feindbilder) und ihre Vermutungen zu den Konfliktursachen.“ (Schrader, 1) Zwischen diesen Komponenten gibt es einen unauflöslichen Zusammenhang zur Begründung eines Konfliktes. Auch zur Konfliktlösung muss an allen drei Komponenten angesetzt werden. (vgl. Schrader, 2)

Bei einer Zuordnung von Theorie und Konflikt wird man auf die Frage treffen, inwieweit ein Konflikt theorisierbar ist. Peter Imbusch sieht die Problematik an dieser Stelle darin, die vielen unterschiedlichen Arten von Konflikten mit all ihren Facetten in einem umfassenden theoretischen Gebilde verorten zu können. Seiner Ansicht nach müsste die Konflikttheorie in strengem Sinne „als in sich logisches, formalisiertes Theoriegebäude auf hoher Allgemeinheitsstufe mit zumindest mittlerer Reichweite verstanden werden“. Es müssen durch sie „gesellschaftliche Struktur-, Funktions-, und Entwicklungszusammenhänge“ erklärt werden können, welche einer empirischen Überprüfung standhalten und von welcher Hypothesen und Sätze abgeleitet werden können. Außerdem sollte sie „einen gewissen prognostischen Wert besitzen“. (vgl. Imbusch, 144 f.)

Die Doppeldeutigkeit in der Terminologie stellt ein weiteres Problem in der Zuordnung von Konflikt und Theorie dar. Zum einen kann Konflikttheorie als eine „spezifische Theorie über Konflikte bzw. den Konflikt an sich“ gesehen werden, zum anderen kann der Begriff auch in einem umfassenderen Sinne als „Theorie über die Organisation von Gesellschaft und das Verhalten von Menschen und Gruppen“ verstanden werden. Im erstgenannten Verständnis geht es um die „abstrakt-analytische (theoretische) Erfassung eines noch näher zu bezeichnenden Problems“; in der zweiten Variante sollen die Formen der gesellschaftlichen Strukturen und der Strukturen des internationalen Systems und ihre Veränderungen in bestimmten Epochen und in bestimmten Räumen erklärt werden. (vgl. ebd., 145) Es handelt sich also um Erklärungen zu Veränderungen in den internationalen und intergesellschaftlichen Beziehungen aufgrund sozialer Konflikte.

Als dritten Aspekt zum Verständnis von Konflikttheorie nennt Imbusch die Auslegung und das Verständnis des Konfliktterminus. Einem „engen“ Konfliktverständnis, steht ein „weites“ Konfliktverständnis gegenüber. Unter den Anhängern des erstgenannten wird die Ansicht vertreten, dass für je mehr Phänomene der Terminus „Konflikt“ als Sammelbegriff dient, desto unschärfer das Konzept in der Erforschung des Konfliktes wird. Es werden nur „tatsächlich beobachtbare Konflikte nach Maßgabe eigener Definitionen“ erfasst und eine allgemeine Konflikttheorie abgelehnt. (vgl. ebd., 146 f.) Demzufolge hat jeder Konflikt seine bestimmten Eigenarten, welche es mit einer speziellen Analyse zu erforschen gilt und die als einmalig und ausschließlich auf diesen zu untersuchenden Konflikt anwendbar sind.

Die Befürworter eines „weiten“ Konfliktbegriffes treten auch für die Verwendung einer allgemeinen Konflikttheorie ein. Ihrer Argumentation nach lassen sich einzelne Konfliktphänomene, welche in allen Bereichen vorkommen, am besten in einem allgemeinen Rahmen identifizieren. Daher sollten allgemeingültige Variablen und Analyseebenen für Konfliktanalysen aufgestellt werden. Weiterhin kritisiert dieser Ansatz die große terminologische Konfusion durch die Differenzierungen der einzelnen Konflikttypen welche die Vertreter des „engen“ Konfliktbegriffes vornehmen und dadurch vergleichende Arbeiten sowie den weiteren Prozess der Theorieintegration erschweren. (vgl. ebd., 148 f.)

Auf die Theoriebildung und die Analyse hat die Wahl eines engen oder weiten Konfliktbegriffes weitreichende Auswirkungen. Bezüglich der Definition des Konfliktes besitzt ein „enger“ Konfliktbegriff mehr Präzision, jedoch kann eine Vielzahl an Konflikttypen dadurch nicht adäquat erfasst werden, was mit einem weiten Konfliktbegriff möglich ist. Außerdem kann dieser als „Ausgangspunkt für eine umfassende Theoriebildung“ dienen und wäre obendrein noch flexibel auf Veränderungen sowie neue Denkansätze zu reagieren.

Auch auf die Lösungsmöglichkeiten von Konflikten hat die Wahl des Konfliktbegriffes Auswirkungen. Nach dem „weiten“ Verständnis sind Konflikte universell und können nicht gelöst sondern nur reguliert werden. Im Zentrum des Interesses stehen die verschiedenen Möglichkeiten, den Konflikt auszutragen. Ein „enger“ Konfliktbegriff bietet hingegen durchaus Lösungsmöglichkeiten, „die über eine normative Konfliktregelung hinausgehen.“ (vgl. ebd., 149 f.)

Eine umfassende, geschlossene und empirisch überprüfbare Konflikttheorie wird es aber „wegen des breiten Spektrums der untersuchten Wirklichkeitsbereiche und aufgrund der kaum zu vermeidenden Tendenzen zu politisch-ideologischen Streitigkeiten“ nicht geben, so ist sich Imbusch sicher. (vgl., ebd., 151)

Definiert wird Konflikttheorie schließlich als „jeder sozialwissenschaftliche Ansatz, in dem Phänomenen des sozialen Konflikts zentrale Bedeutung für die Erklärung gesellschaftlicher Beziehungen und Vorgänge zugewiesen wird. Als Minimalkonsens gilt dabei, dass soziale Konflikte Auseinandersetzungen zwischen zwei oder mehreren Individuen oder Gruppen (Organisationen, Staaten usw.) sind.“ (ebd.) „Konflikttheorie muss sich dabei keineswegs nur auf Konflikte, soziale Veränderung und sozialen Wandel beschränken, sondern versucht ebenso, Organisation und Ordnung, Stabilität und Legitimität durch die Anwendung von Macht zu erklären.“(ebd., 152)

Eine Konflikttheorie kann auf Grundlage dieser Ausführungen folglich keinen Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit besitzen mit welcher sämtliche Konflikte, sowie deren Ausprägungen erklärt werden können.

2.1 Krisenprävention und Konfliktbearbeitung

Durch verschiedene Maßnahmen, auf die im Folgenden noch genauer eingegangen wird, soll mittels Krisenprävention und Konfliktbearbeitung die gewaltsame Austragung von Konflikten verhindert bzw. die Gewalt überwunden werden und konstruktive Formen der Konfliktregelung herbeigeführt werden. (vgl. Ropers, 11)

Auch hier möchte ich zunächst die exakten Definitionen der beiden Termini einer genauere Betrachtung unterziehen: Die Krisenprävention umfasst dabei „frühzeitiges, systematisches und kohärentes Handeln auf verschiedenen Ebenen von Staat und Gesellschaft“, um gewaltsame Konflikte zu verhindern. Durch krisenpräventive Maßnahmen sollen, „vor, während, oder nach“ einem gewaltsamen Konflikt zum einen das Potential für einen gewaltsamen Konfliktausgang reduziert werden, zum anderen soll der „Aufbau von Institutionen, Strukturen und Kulturen zur friedlichen Konfliktaustragung“ gefördert werden.

Konfliktbearbeitung wird hingegen als Versuch angesehen, „regulierend, Gewalt verhindernd und beendigend auf die Art und Weise der Konfliktaustragung einzuwirken.“ Es sollen konstruktive Lösungen herbeigeführt werden, „von denen alle Beteiligten profitieren können.“ (vgl. ebd., 12)

Diese Lösungen können nun auf verschiedenen Ebenen umgesetzt werden. Diese sind einmal die Konfliktregelung auf der politisch-diplomatischen Führungsebene (Track-1), die Konfliktlösung durch Verbesserung der Beziehungen und der Kommunikation zwischen den Parteien (Track-2), sowie die Konflikttransformation durch die Überwindung der Konfliktursachen und Stärkung der Konfliktbearbeitungskapazitäten (Track-3).

Es ist darüber hinaus durchaus möglich, den Konfliktbegriff durch den Friedensbegriff zu ersetzen, was nicht so sehr unterschiedliche Handlungsfelder beschreibt, sondern vielmehr auf unterschiedliche politische Kontexte zurückzuführen ist.

Mit einer Veränderung der Termini würde Track-1 dann Friedensschaffung durch Verhandlungen und Regelungen der umstrittenen Sachfragen bedeuten und Track-2 und Track-3 würden als Friedensentwicklung durch Überwindung der Konfliktursachen und Stärkung der verbindenden Elemente zwischen den Parteien gelten. Hinzu kommt hier die Friedenserhaltung durch Trennung der Parteien beispielsweise durch Blauhelmsoldaten. (vgl. ebd., 11 ff.)

Für eine weitere Spezifizierung unterscheidet Ropers fünf Phasen. Diese gelten allerdings als idealtypische Abläufe und nicht als universell auf jeden Konflikt anwendbar. Jedoch erleichtern sie bei der Bearbeitung von Konflikten die Festlegung auf bestimmte Arbeitsansätze und Strategien. (vgl. ebd., 36, f.)

Die erste Phase der „Konfliktlatenz bis zur politischen Krise“ beschreibt die Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen, welche jedoch politisch ausgetragen wird. Eine „Polarisierung im Sinne einander ausschließender Gruppenansprüche“ hat bisher noch nicht stattgefunden.

Genau diese gilt als das „Schlüsselmerkmal der zweiten, der konfrontativen Phase“. Die Auseinandersetzungen können allerdings gewaltfrei geregelt werden, beispielsweise durch Kompromisse, Einfrieren des Konflikts oder auch durch die Furcht vor eventuellen Folgen einer Eskalation.

Die dritte Phase beginnt „sobald systematisch Gewalt zum Erreichen der eigenen Ziele eingesetzt wird.“ Es entsteht eine „Spirale von Gewalt und Gegengewalt“ und eine Machtverschiebung „von den politischen zu den militärischen Führern“. Es besteht die Gefahr, dass der ursprüngliche Konflikt durch die Eigendynamik der Gewalt zunehmend überlagert wird.

Die „Kriegsbeendigung“ ist die vierte Phase, welche sich durchaus über einen längeren Zeitraum, z.B. durch gescheiterte Waffenstillstände, hinziehen kann. Schon während dieser Phase sollten durch den Staat bereits Schritte zur strukturellen Vorbereitung auf die Nachkriegszeit eingeleitet werden. Anzuführen wären hier die Wiedereingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen, Wiederaufbau der Infrastruktur, Traumaarbeit oder Fragen der öffentlichen Sicherheit.

Nach einer längerfristig wirksamen Gewaltbeendigung kann die fünfte Phase beginnen, die „Nachkriegskonfliktbearbeitung“ bzw. „Friedenskonsolidierung“. (vgl. ebd., 37 f.)

Der Zeitraum in dem sich die Abarbeitung dieses Phasenmodells abspielt, ist als eine Art Zeithorizont anzusehen mit „unmittelbaren Aktivitäten“ innerhalb von zwei bis sechs Monaten, was z.B. sofortige Handlungen nach Eskalation oder Notfällen miteinschließt. Kurzfristige Planungen werden mit einer Dauer von ein bis zwei Jahren angegeben, mittel- bis langfristige Planungen mit drei bis zehn Jahren. Der soziale Wandel ist ausschließlich in einer Generationenperspektive zu schaffen und wird mit 20 Jahren und mehr quantifiziert. (vgl. ebd., 40 f.)

Um jetzt mit konkreten Maßnahmen beginnen zu können, müssen die Führungsschichten der Konfliktparteien identifiziert werden. Zu diesem Zweck werden diese in drei Gruppen eingeteilt. Die „obersten Führungsgruppen“ mit zivilen und militärischen Elitenangehörigen, die „mittlere Führungsschicht“ mit Funktionseliten in Wirtschaft, Verwaltung, Bildung, Kultur, Kirchen, Medien sowie größeren NGOs. Auf „Grassroot-Ebene“ befinden sich schließlich lokale Führungspersönlichkeiten, Geistliche, Lehrer, Frauenorganisationen und kleinere NGOs.

Die erste Gruppe trägt dabei die Verantwortung für die offiziellen Verhandlungen, vertritt demnach die jeweiligen kollektiven Anliegen. Auf der Ebene der mittleren Führungsschicht können Vorverhandlungen, Runde Tische oder Trainingsmaßnahmen zur Konfliktbearbeitung durchgeführt werden. In der dritten Gruppe können schließlich lokale Gruppierungen durch Arbeit im Gemeinwesen, im kulturellen, sowie im religiösen und im bildenden Bereich Hilfe zur psychischen Verarbeitung, zum Beispiel mit Gewalterfahrungen leisten. (vgl. ebd., 41) „Die bisherigen Erfahrungen mit länger anhaltenden und tief verwurzelten Konflikten zeigen, dass die Einbeziehung der mittleren und unteren Führungsschichten in der Krisenprävention und Konfliktbearbeitung eine notwendige Voraussetzung für nachhaltige Regelungen ist.“ (ebd.)

Treten nun externe Akteure zur Krisenprävention bzw. Konfliktbearbeitung in Aktion, so werden diese drei Gruppen mit den vorher beschriebenen Tracks 1-3 verknüpft. Als ausschlaggebend für eine nachhaltige Friedenspolitik wird hier die Kohärenz zwischen diesen Tracks angesehen. Es ist eine enge Abstimmung zwischen den in diesem Bereich arbeitenden, staatlichen und multilateralen Akteuren, den Kirchen, NGOs, Stiftungen und humanitären Organisationen notwendig. (vgl. ebd., 43) „Leitbild sollte dabei sein, die komparativen Vorteile und Handlungsspielräume all dieser Akteure optimal zu nutzen.“ (ebd.)

3 Der bewaffnete Konflikt in Osttimor

3.1 Osttimor

Die Demokratische Republik Timor-Leste, auch Osttimor genannt, hat eine Fläche von 14.604 km² und 976.000 Einwohner, davon ca. 78% Timorer, 20% Indonesier und 2% Chinesen. Die Hauptstadt Dili ist mit 48.731 Einwohnern die größte Stadt des Landes, gefolgt von Dare mit 17.100, Baucau mit 14.200 und Maliana mit 12.300 Einwohnern.

Tetum und Portugiesisch sind die beiden Amtssprachen im Land. Daneben existieren noch ca. 30 weitere Sprachen. Von den Einwohnern Osttimors sind 91,1% Katholiken, 3% Protestanten, 2% sind muslimischen Glaubens und Anhänger indigener Religionen.

Nach der Verfassung aus dem Jahre 2000 ist Osttimor eine Präsidialrepublik mit dem Staatsoberhaupt José Ramos-Horta, der seit dem 20.5.2007 im Amt ist. Er kann einmal wiedergewählt werden; die Wahlen finden alle fünf Jahre statt.

Das BIP des Jahres 2005 betrug 349 Mio. US-Dollar. Den Hauptanteil dazu tragen Dienstleistungen bei (54%), die Landwirtschaft folgt an zweiter Stelle (32%) und 15% werden durch die Industrie erbracht. Der Großteil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft beschäftigt (75%).

Osttimor ist ein Land, welches in besonderem Maße auf Importwaren angewiesen ist. 2004 wurden Güter im Wert von 143 Mio. US-Dollar importiert, hauptsächlich Nahrungsmittel, Baumaterial und Ölprodukte vor allem aus Indonesien. Exportiert wurden hingegen Güter im Wert von nur sieben Mio. US-Dollar; hauptsächlich Kaffee, der nach Indonesien verkauft wurde. (vgl. Fischer Weltalmanach, 468)

3.2 Historischer Überblick

In mehreren Einwanderungswellen wurde die Insel Timor von malaysischen und melanesischen Völkern besiedelt. Als Urbevölkerung gelten die Atonis (Kurzform für Atonin Pah Meto. Dies bedeutet Volk des trockenen Bodens). Sie ließen sich im Westen der Insel nieder. Im Ostteil entwickelte sich eine ethnisch sehr heterogene Struktur, da sich verschiedene kleinere Völker mit unterschiedlichen Sprachen dort ansiedelten. Das heute noch neben Portugiesisch als Amtssprache existierende Tetum der dominierenden Belu-Völker setzte sich als Verkehrssprache durch.

Es waren die Portugiesen, die, nachdem sie Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hatten, 1520 als erste Europäer die Insel Timor betraten und Mitte des 16. Jahrhunderts eine Mission dominikanischer Padres errichteten.

Nachdem es den Niederländern gelungen war, die Karten mit den geheimen Seerouten aus Lissabon zu schmuggeln, gründeten sie 1602 die „Ostindische Gesellschaft“ und begannen intensiven Handel zu treiben. Dieser Konkurrenz sahen sich die Portugiesen in der Folge nicht gewachsen und mussten sich von ihren Küstenhandelsposten auf Java, Celebes und den Molukken zurückziehen. Kurze Zeit später wurden sie auch von den Inseln Flores, Solor und Westtimor vertrieben. Allein Osttimor blieb in portugiesischer Hand. (vgl. Ludwig / Horta, 20 f.) Die niederländische Kolonialmacht erhob also Anspruch auf den Westteil von Timor, die Portugiesen auf den östlichen Teil. Keine der beiden Kolonialmächte übte zu diesem Zeitpunkt eine territoriale Kontrolle über die Insel aus, sie verfügten lediglich über einen Herrschaftssitz. 1859 wurde der Besitzanspruch der beiden Länder dann rechtlich abgesichert, indem eine erste offizielle Grenzziehung vorgenommen wurde, um die Insel zu teilen. Somit hatten die beiden Länder die Insel nominell in ihrem Besitz, ihre Macht bestand jedoch weitestgehend aus einem Protektorat über die einheimischen Stämme. Beide Teile der Insel teilten sich wiederum in verschiedene kleine Reiche mit eigenen Häuptlingen von denen jeder in seinem Reich der uneingeschränkte Herrscher war. (vgl. Schlicher, 108) Die Frage nach der Legitimität der Okkupation und des Machtanspruches war zu dieser Zeit nicht von sonderlich großer Bedeutung und keineswegs mit dem heutigen Völkerrecht vergleichbar. So schrieb Prof. Theodor Studer im Jahre 1878: „Genaugenommen war die Frage nach dem, worin ihre Macht bestand und woraus sich der Besitzanspruch ableitete, von untergeordneter Bedeutung. Ansprüche Dritter gab es nicht und nach der Ideologie des Kolonialrechts war eine eigenständige Stellung der ursprünglichen Bewohner ausgeschlossen: ‚Die Möglichkeit gar keinen Herren anzuerkennen, war ihnen nicht gegeben. ‘ Die Begrenztheit des Gebietes und vor allem die Art und Weise, in der sich die Teilung vollzog, ließ die Frage nach der Effektivität der Okkupation gar nicht erst aufkommen.“ (zit. nach Schlicher, 108)

1904 wurde die Aufteilung Timors zwischen den beiden Kolonialmächten endgültig geregelt, nachdem zuvor einige Änderungen im Vertrag von 1859 vorgenommen wurden, in denen es hauptsächlich um verschiedene Enklaven auf dem jeweils anderen Teil der Insel ging. (vgl. Schlicher, 130) Die ursprünglichen Grenzen, welche die Atonis und die Belu einst zogen, wurden bei dieser Aufteilung von Portugiesen und Niederländern respektiert. (vgl. Ludwig / Horta, 22) Beide Mächte bemühten sich in der Folgezeit um die Festigung und Ausweitung des bestehenden Herrschaftsgebiets. Die Kontrolle beschränke sich zunächst ausschließlich auf einen Küstenstreifen mit Handelsstützpunkt. Dieser Prozess konnte in Osttimor erst 1912 vollständig abgeschlossen werden. An dessen Ende stand jedoch „die effektive Beherrschung des gesamten beanspruchten Gebiets“. (vgl. Schlicher, 130) Beim Vormarsch ins Hinterland sah sich die Kolonialregierung jedoch häufig mit dem Widerstand Einheimischer konfrontiert. Diese führten allerdings nicht nur gegen die Kolonialherren Krieg, sondern auch untereinander, was schließlich zu völliger Souveränität dieser zahlreichen Stämme und einer ständigen Verschiebung der Grenzen, sowie einer unübersichtlichen Siedlungsgeografie führte. Zeitweise bestand sogar die Gefahr, dass die Portugiesen die Herrschaft über Osttimor völlig verlieren könnten, da es an Truppen und Mitteln fehlte, der Rebellion gegenüberzutreten. Die einzelnen Königreiche waren dem Gouverneur der portugiesischen Herrschaft verpflichtet, Hilfstruppen zu stellen. Jedoch waren diese Königreiche selber ebenfalls den rebellierenden Reichen gegenüber dazu verpflichtet, was zu einer völlig unübersichtlichen Lage führte. (vgl. ebd. f.) „Gegen die ständigen Übergriffe, aber auch die Kämpfe zwischen den einzelnen Reinos, ließen, aus Sicht der portugiesischen Kolonialregierung, ein expansives Vorgehen zur Absicherung des bestehenden Herrschaftsgebietes notwendig erscheinen und damit einhergehend den Aufbau einer Verwaltung. Damit griff die Kolonialregierung direkt in die timoresische Gesellschaftsstruktur ein. Während dieses Prozesses lernte die Kolonialregierung gerade die ständigen Auseinandersetzungen zwischen den Reinos allmählich zu steuern, zu forcieren und für sich zu nutzen.“ (Schlicher, 131)

1896 wurde Osttimor schließlich zu einem autonomen Distrikt Portugals. Der Weg dahin war allerdings alles andere als einfach. Bereits zweimal zuvor, 1850 und 1864, wurde das Land für autonom erklärt. Zunächst schien die Abhängigkeit von der Kolonialverwaltung in Macau unvorteilhaft für die Entwicklungsmöglichkeiten der Insel zu sein. Durch das eigenmächtige Aushandeln eines Grenzvertrages mit den Niederländern durch den Gouverneur Lopes de Lima, sah sich die portugiesische Krone jedoch dazu gezwungen, Osttimor 1856 die Autonomie wieder zu entziehen und es der Kolonialverwaltung in Goa zu unterstellen. An den schlechten Zuständen im Land; es fehlte an finanziellen Mitteln, Personal und Soldaten, änderte dieses jedoch nichts. Auch die Verwaltung in Goa hatte finanzielle Probleme, was dazu führte, dass, nach der kurzzeitigen Autonomie 1864, Osttimor im Jahre 1866 wieder Macau unterstellt wurde. Die Gehälter und die Macht der Verwaltungsbeamten in Osttimor wurden herabgesetzt und die Kader reduziert um Geld einzusparen. Ein funktionierendes Verwaltungssystem war in Osttimor dennoch nicht existent und auch Macau war über den finanziellen Aufwand, den die Verantwortung für die Kolonie mit sich brachte, nicht sehr erfreut. Das Mutterland Portugal hatte andere, wichtigere Interessen zu dieser Zeit, als sich um ein kleines Inselstück zu kümmern. Vor allem die afrikanischen Provinzen waren von großer Wichtigkeit. (vgl. ebd. 132 f.)

Während des Zweiten Weltkrieges blieb Osttimor, trotz der Neutralität Portugals, nicht von einer Beteiligung verschont. 1942 besetzten japanische Truppen im Zuge ihres Eroberungsfeldzuges im südostasiatisch-pazifischen Raum das Land. Australien schickte ein 300 Mann starkes Kontingent zur Unterstützung, welches gemeinsam mit den Einheimischen gegen die Japaner kämpfte. Aufgrund der besseren Vertrautheit mit dem Land und der Unterstützung der Timorer, hatten die japanischen Streitkräfte keine Chance. Die Australier verloren während des dreijährigen Krieges nur 40 Soldaten. Viel größer waren die Verluste in der timoresischen Zivilbevölkerung. Ganze Dörfer wurden aus Rache für die Unterstützung der Australier von den Japanern vernichtet. Während der japanischen Besatzung wurden ca. 40.000 unbeteiligte Männer, Frauen und Kinder gezielt getötet, mehr als bei allen Aufständen der Kolonialgeschichte Osttimors. (vgl. Ludwig, 37) Noch weitaus größere Opferzahlen forderte in der Folge eine durch den Krieg ausgelöste Hungersnot. (vgl. Ludwig / Horta, 23)

Nach der bedingungslosen Kapitulation Japans kehrte am 5. September 1945 die koloniale Verwaltung der Portugiesen zurück. Die Einheimischen wehrten sich nicht dagegen, eine antikoloniale Bewegung wie sie in vielen Teilen Asiens zu dieser Zeit existierte, gab es in Osttimor nicht. Nur im Mai 1959 kam es im Südosten des Landes zu einer Rebellion, welche jedoch durch die Portugiesen brutal niedergeschlagen wurde. Dennoch hatte dieser Aufstand aus Sicht der Timorer einen Erfolg verbuchen können: Portugal stellte mehr Geld für die Kolonie zu Verfügung und begann kleinere Reformen einzuleiten, um der Unzufriedenheit der Einwohner entgegenzuwirken. Es wurden neue Schulen eröffnet, die Hauptstadt Dili mit Strom versorgt, geteerte Straßen angelegt und das Kanalisationssystem verbessert. (vgl. Ludwig, 37 f.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Osttimor durch die in Portugal seit 1926 herrschende faschistische Diktatur zu einem Verbannungsort für gefangene Oppositionelle. Diese konnten sich dort frei bewegen und aufgrund der weiten Entfernung zum Mutterland nahmen sie wichtige Positionen im öffentlichen Leben der Kolonie ein. (vgl. ebd., 38, sowie Ludwig / Horta, 23)

Die Salazar-Diktatur in Portugal wandelte 1951 ihre Kolonien in „Überseeprovinzen“ um, wodurch diese den gleichen Status erhielten wie die Provinzen innerhalb des Mutterlandes. Somit erhielten alle Einwohner der Kolonien automatisch die portugiesische Staatsbürgerschaft. 1972 wurde Osttimor zum „autonomen Gebiet innerhalb der portugiesischen Republik“. (vgl. Ludwig / Horta, 23) „Diese liberal klingende Bezeichnung änderte nichts an den tatsächlichen Machtverhältnissen. Ähnlich wie in den afrikanischen Kolonien sowie im Mutterland selbst herrschten diktatorische Verhältnisse, das Fehlen von Meinungsfreiheit und das Verbot politischer Aktivitäten; was sich jedoch aufgrund der geringen Bedeutung und der weiten Entfernung in Osttimor nicht so deutlich zeigte.“ (ebd.)

Somit war die Herrschaft der Portugiesen in Osttimor, trotz vieler antikolonialer Rebellionen und auch schon vor dieser Umwandlung in eine Überseeprovinz, weniger präsent und spürbar als in anderen Kolonien. Das Interesse an dieser Kolonie war, wie schon erwähnt, nie sonderlich groß und eher eine Belastung für Portugal. Die vordergründige Legitimation und das Verständnis der Kolonialmächte für den Kolonialismus lagen darin, einen Missionsauftrag zu haben und rückständigen Ländern die Zivilisation zu bringen. Nur zu gerne hätte das in den 50er und 60er Jahren wirtschaftlich schwache Portugal sich von Osttimor getrennt und es den Vereinten Nationen übergeben. In diesem Fall hätte Portugal sich jedoch selbst verraten, wenn man das arme Osttimor abgibt, das reiche Angola aber als Kolonie behält.

Als 1961 die Kolonialkriege in den afrikanischen Provinzen ausbrachen, wurde das Engagement dort noch weiter verstärkt, um den Status der letzten europäischen Kolonialmacht aufrecht zu erhalten. Osttimor wurde noch stärker vernachlässigt. Der Handel lag nahezu vollständig in der Hand chinesischer Geschäftsleute. Doch trotz der äußerst geringen Infrastruktur existierte eine vergleichsweise gute Subsistenzwirtschaft und Versorgung der Bevölkerung. (vgl. ebd., 26) „Das Angebot der Märkte in Osttimor war wesentlich reichhaltiger und preiswerter als im Westteil der Insel, die medizinische Versorgung besser. Vermutlich haben gerade die mangelnden Möglichkeiten Portugals, in die timoresische Wirtschaft entscheidend einzugreifen, die Versorgungsstruktur des Landes erhalten.“ (ebd.)

3.3 Die Bedeutung der Nelkenrevolution in Portugal für Osttimor

Am 25. April 1974 wurde die Regierung Caetano in Lissabon im Rahmen der sogenannten „Nelkenrevolution“ gestürzt. Ursächlich für diese Revolution waren die Kriege in den afrikanischen Kolonien, durch welche die portugiesische Regierung versuchte, ihren Status als letzte Kolonialmacht Europas zu wahren. Der Einfluss des faschistischen Regimes in Europa wurde immer geringer und so sollten durch die Niederschlagung der antikolonialen Rebellionen in Afrika zumindest die Kolonien erhalten bleiben, um eine herausragende Stellung gegenüber Ländern wie Frankreich und England zu besitzen, welche ihre Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent schon längst in die Unabhängigkeit entlassen hatten.

In den portugiesischen Streitkräften mehrten sich die Stimmen, die ein Ende des Kolonialismus forderten und den Sinn der Kriege in Afrika in Frage stellten. Unter der Führung von General Spinola erhob sich das Militär schließlich gegen das diktatorische Regime und stürzte es. Ein Revolutionsrat übernahm nun die Regierung. Dieser machte es sich zum vordersten Ziel, Portugal aus sämtlichen Kolonien zurückzuziehen. (vgl. Ludwig, 39)

In den Monaten nach der Nelkenrevolution in Portugal begann sich in Osttimor ein demokratischer Prozess durchzusetzen. Der Revolutionsrat in Lissabon unterstützte diese Bewegung. Ein in Osttimor sehr populärer Stammesführer namens Magali, der von den Portugiesen bisher in der Kolonialverwaltung eingesetzt wurde, wurde nun zurück in seine Heimat gesandt, um den Menschen zu erklären, was sich in Portugal verändert hat und um zu erfahren, was sich die Menschen für die Zukunft wünschen. Nur drei Monate nach der Nelkenrevolution waren die Mitglieder der Heimatregion von Magali, Letemumo, aufgerufen ihren politischen Willen zum Ausdruck zu bringen. Eine Petition über die Unabhängigkeit von Letemumo wurde zur Abstimmung gegeben. Die Mehrheit stimmte zu und so wurde Letemumo, nachdem die Zivilverwaltung die Abstimmung zunächst als offene Rebellion betrachtete, durch das portugiesische Militär zum ersten demokratischen Suku von Osttimor erklärt. (vgl. ebd., 40) Somit kam die erste demokratische Abstimmung in Osttimor zustande, noch bevor sich irgendeine Partei hatte gründen können.

3.4 Die Entwicklung der osttimoresischen Parteien

Die hier begonnene Demokratieentwicklung setzte sich fort. In der Hauptstadt Dili bildeten sich in der Folge drei politische Gruppierungen: Die ASDT (Sozialdemokratische Assoziation Timors), die UDT (Demokratische Union Timors), sowie die APODETI (Demokratische Volksassoziation der Timoresen). (vgl. Ludwig / Horta, 28)

Die Anfänge der ASDT lassen sich in den 60er Jahren finden. Junge, gebildete Timoresen, wie die ehemaligen Priesteramtskandidaten Xavier do Amaral und Nicolao Lobato kamen mit den Ideen der antikolonialen Bewegungen in Afrika in Kontakt und gründeten daraufhin zusammen mit dem heutigen Staatsoberhaupt José Ramos Horta, Borja da Costa und anderen eine erste antikoloniale Gruppierung in Dili, welche zunächst jedoch im Untergrund arbeiten musste. Nach der Nelkenrevolution in Portugal änderten sich die Bedingungen und die Gruppe konnte ihre Anliegen nun öffentlich vertreten. Vor allem die Außenbeziehungen waren der Partei sehr wichtig. So besuchte Horta im Mai 1974 Jakarta, wo er mit dem indonesischen Außenminister zusammentraf. (vgl. Ludwig, 41) Dieser sicherte ihm zu: „[…] dass die Unabhängigkeit eines jeden Landes das Recht eines jeden Volkes, einschließlich des Volkes von Osttimor ist.“ (ebd.)

Die ASDT änderte am 12. September 1974 ihren Namen in „FRETILIN“ (Revolutionäre Front für ein unabhängiges Osttimor) um. Durch die Bezeichnung als Front sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich bei der Partei um eine Sammelbewegung für all diejenigen handelt, welche für ein unabhängiges Osttimor kämpfen wollen, ungeachtet ihrer politischen Überzeugung und Ideologie.

Die UDT vertrat eine völlig andere Ansicht über die Zukunft Osttimors. Ihre Mitglieder hatten keine Kontakte zur antikolonialen Bewegung, vielmehr waren es katholisch getaufte, portugiesisch sprechende Volksschulabsolventen, welche die Mehrheit in dieser Gruppierung bildeten. Sie standen der portugiesischen Kultur positiv gegenüber und erklärten es zu ihrem Ziel, die Verbindung zum „Mutterland“; auch über die Kolonialzeit hinaus weiterhin aufrecht zu erhalten. Daher sahen ihre Forderungen eine Föderation vor, welche innenpolitisch weitestgehend autonom arbeiten konnte, nach außen hin jedoch die Hoheit des portugiesischen Staates anerkannte.

Die dritte Kraft, die APODETI, auch mit Abstand die kleinste, trat für eine Integration mit Indonesien ein. Das Gros der Mitglieder bildeten viele undemokratische Kräfte, die sich nach dem Sturz des diktatorischen Regimes in Portugal nach einer neuen Führungspersönlichkeit sehnten, welche sie in dem indonesischen General Suharto fanden. Zunächst hatte sich die Partei noch „Assoziation für die Integration Timors mit Indonesien“ genannt, aufgrund der großen Ablehnung änderte sie jedoch ihren Namen. An der Spitze der APODETI stand mit Arnaldo Araujo ein in Osttimor sehr bekannter Mann, welcher während des zweiten Weltkrieges eng mit den japanischen Besatzern kollaborierte und dafür von einem portugiesischen Gericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nun konnte Araujo erneut mit einer ausländischen Macht kooperieren. Die APODETI öffneten für den indonesischen Geheimdienst BAKIN die Tür nach Osttimor. (vgl. ebd., 41 ff.)

Im Vordergrund der Arbeit von UDT und APODETI stand der technische Fortschritt. Ihr Entwicklungskonzept war an moderne Industrienationen angelehnt, die Belange der Menschen im Landesinneren wurden von beiden Parteien stark vernachlässigt. Somit war es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Menschen in Osttimor sich den FRETILIN anschloss. In einem Report des Dekolonisationsausschusses aus dem Jahre 1976 heißt es: „Der UDT fehlt es an einer positiven Politik. Ihre Verbindung zum früheren Kolonialregime und ihr anfängliches Zögern, dem Ziel der Unabhängigkeit zuzustimmen, brachte viele UDT Anhänger dazu, zu den FRETILIN überzuwechseln, die im August 1975 schon zur wichtigsten Partei Osttimors geworden war.“ (ebd., 43)

Die Namensänderung der ASDT in FRETILIN und die damit einhergehende Verdeutlichung ihres Ziels, ein unabhängiges Osttimor zu schaffen, stieß in Indonesien auf kein großes Verständnis. Die unterstützenden Worte des Außenministers im Juni 1974 schienen von nicht sonderlich großer Bedeutung gewesen zu sein[1]. Im Dezember dieses Jahres war für ihn eine Unabhängigkeit Osttimors undenkbar. In einer Radiokampagne, welche die indonesische Regierung von Westtimor aus führte, wurden die UDT als faschistisch und die FRETILIN als kommunistisch bezeichnet. Zugleich wurde den APODETI uneingeschränkte Unterstützung zugesichert. Diese reichte sogar soweit, dass APODETI-Mitglieder in Indonesien militärisch ausgebildet wurden. Erschwerend kam für die osttimorische Unabhängigkeitsbewegung hinzu, dass sich mit Australien ein früherer Verbündeter im Kampf gegen die japanischen Besatzer von ihnen abwandte und Verständnis für die indonesische Position äußerte. Zur gleichen Zeit trat der portugiesische Staatspräsident Spinola aufgrund innenpolitischer Streitigkeiten mit der „linken Bewegung der Streitkräfte“ von seinem Amt zurück. (vgl. ebd., 44) Er hatte die Idee einer Föderation Portugals mit seinen früheren Kolonien entwickelt, welches auch den Forderungen der UDT entsprach. Ihrer Argumentationslage wurde durch den Rücktritt Spinolas die Grundlage entzogen und so verbündeten sie sich mit der FRETILIN. Im Januar 1975 wurde für die Übergangszeit bis zur angestrebten Selbstbestimmung eine gemeinsame Plattform geschaffen. Anschließend sollte eine auf demokratischen Grundsätzen basierende Regierung errichtet werden. Der Einfluss, den Indonesien durch die APODETI auf die Ereignisse in Osttimor ausüben konnte, war nicht sonderlich groß und so wurde versucht, dem mit einer verstärkten Propagandaoffensive entgegenzuwirken. Es sollte Misstrauen unter den Koalitionspartnern gestiftet werden, um diese so zu entzweien. So wurden Vertreter beider Parteien getrennt zu Gesprächen nach Jakarta eingeladen. Diese Maßnahme erwies sich aus indonesischer Sicht als überaus erfolgreich: Im Mai kündigte die UDT die Koalition mit der FRETILIN. (vgl. Ludwig / Horta, 29 ff.) Deren Präsident Lopes da Cruz sagte dazu: „Wir sind Realisten. Wenn wir unabhängig werden wollen, müssen wir die Richtlinien Indonesiens befolgen. Sonst wird es nur eine Unabhängigkeit für eine Woche oder einen Monat werden.“ (ebd. 31)

Zudem sollte der Eindruck sollte erweckt werden, dass in Osttimor Gewalt und Chaos herrsche und die pro-indonesischen Kräfte unterdrückt würden. Ausländische Augenzeugen konnten diese Berichte nicht bestätigen. So heißt es in einem Bericht des Christian Science Monitor vom 24. April 1975: „Indonesische Berichte über linksradikale Kräfte in Osttimor, die die Verwaltung bewaffnen und infiltrieren, sind reine Erfindungen Indonesiens.“ (vgl. Ludwig, 44)

Auch wenn die indonesischen Bemühungen ausschlaggebend für den Bruch der Koalition gewesen sein mochten, der alleinige Grund war es sicherlich nicht. Schon seit einiger Zeit gab es politische Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Partnern. Die Gründer beider Parteien entstammten der, durch Portugal geformten, städtischen Elite Osttimors. Während die UDT diesen Elitenstatus beibehalten wollte, war es das Ziel der FRETILIN, durch die Besinnung auf die eigenen Werte, eine neue Identität in Osttimor zu schaffen. (vgl. Ludwig / Horta, 31)

Ebenfalls im Mai 1975 wurden von der Kolonialverwaltung Wahlen auf Dorfebene durchgeführt. Es waren die ersten relativ freien Wahlen, die es jemals in Osttimor gegeben hatte. Die FRETILIN konnten mit 55% der Stimmen eine große Mehrheit auf sich vereinigen, die UDT erreichte knapp über 40% und den Rest erhielten die APODETI. Die UDT wollte ihrem Popularitätsverlusst gegenüber der FRETILIN entgegenwirken, um weiterhin eine wichtige Rolle im Entkolonialisierungsprozess zu spielen und öffnete sich mehr und mehr für eine Zusammenarbeit mit der APODETI, was letztendlich Unterstützung der Kooperation mit Indonesien bedeutete.

Portugal versuchte ein letztes Mal in die Entwicklung einzugreifen und lud die drei Parteien zu einer Konferenz. Diese scheiterte jedoch kläglich, da sich die FRETILIN weigerte mit den APODETI zu sprechen und die Teilnahme an der Konferenz absagte. Somit endete die Rolle der ehemaligen Kolonialmacht Portugal im Entkolonialisierungsprozess.

[...]


[1]Der Standpunkt Indonesiens zu Osttimor wird im folgenden Kapitel behandelt.

Details

Seiten
50
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836620857
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226268
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften, Studiengang Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
osttimor friedensforschung krisenprävention konfliktbearbeitung konflikttheorie

Autor

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Titel: Genese, Verlauf und Ausgang des bewaffneten Konflikts in Osttimor aus konflikttheoretischer Sicht