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Lernen durch Lehren im Generationendialog

Durchgeführt mit einem BVJ

Examensarbeit 2008 45 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lernen durch Lehren
2.1 Historie
2.2 Begriffsbestimmung
2.3 Voraussetzungen für den Einsatz von LdL
2.4 Vorgehensweise nach LdL
2.5 Begründung der Methode

3 Bedingungsanalyse
3.1 Institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen
3.2 Beschreibung der Lerngruppe

4 Didaktische Begründung und Einordnung der Unterrichtsreihe

5 Intentionen und Ziele
5.1 Intentionen meines Unterrichts
5.2 Konkrete Ziele dieser Unterrichtsreihe
5.2.1 Fachliche Ziele
5.2.2 Personale Ziele
5.2.3 Soziale Ziele
5.2.4 Methodische Ziele

6 Didaktisch-Methodische Begründung der Unterrichtsreihe

7 Durchführung der LdL-Methode
7.1 Unterrichtseinheit „Textverarbeitung“
7.1.1 Vorbemerkungen
7.1.2 Ziele und Intentionen
7.1.3 Didaktisch-Methodische Durchführung
7.1.4 Reflexion
7.2 Unterrichtseinheit „Internetrecherche“
7.2.1 Vorbemerkungen
7.2.2 Ziele und Intentionen
7.2.3 Didaktisch-Methodische Durchführung
7.2.4 Reflexion

8 Gesamtreflexion
8.1 Reflexion aus der Sicht der Senioren
8.2 Reflexion aus Sicht der Schülerinnen und Schüler
8.3 Reflexion aus Sicht der Lehrkraft
8.4 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die Gesellschaft, in der wir heute leben, wird in zunehmendem Maße komplexer und undurchsichtiger. Bildung kann in einer solchen Gesellschaft nicht als ein abgeschlossener, feststehender Zustand angesehen werden, sondern ist als ein Prozess ohne festlegbaren Abschluss (lebenslanges Lernen) zu verstehen. Das bereits angeeignete Wissen kann innerhalb kürzester Zeit schon wieder veraltet sein. Um den Anforderungen der komplexen Gesellschaft -speziell der Arbeitswelt- gerecht werden zu können, reicht es nicht mehr aus, dass die Schülerinnen und Schüler lediglich Faktenwissen vermittelt bekommen.

Vor allem die Arbeitgeber fordern, neben einer guten Allgemeinbildung und sprachlichem Ausdrucksvermögen, die Befähigung zum selbstständigen Arbeiten, Teamfähigkeit und ein hohes Maß an sozialer Kompetenz. Des Weiteren sind sich Arbeitgeber, Eltern oder Pädagogen darin einig, dass es bei der Erziehung vor allem darum geht, den jungen Menschen dabei zu helfen, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln, den Lern- und Leistungswillen zu wecken bzw. zu stärken und nicht zuletzt die Jugendlichen zu sozialem und verantwortungsbewusstem Verhalten zu befähigen.[1]

Diese Ziele spiegeln sich auch in den Rahmenvereinbarungen der Kultusministerkonferenz über die Berufsschule wider. Nach diesen Rahmenvereinbarungen hat die Berufsschule die Ziele,

- „eine Berufsfähigkeit zu vermitteln, die Fachkompetenz mit allgemeinen Fähigkeiten humaner und sozialer Art verbindet;
- berufliche Flexibilität zur Bewältigung der sich wandelnden Aufgaben in der Arbeitswelt auch im Hinblick auf das Zusammenwachsen Europas zu entwickeln;
- die Bereitschaft zur beruflichen Fort- und Weiterbildung zu wecken;
- die Fähigkeit und Bereitschaft zu fördern, bei der individuellen Lebensgestaltung und im öffentlichen Leben verantwortungsbewusst zu handeln.“[2]

Während sich Allgemeinbildung und fachliches Wissen vielleicht noch belehrend im klassischen Frontalunterricht vermitteln lassen, erfordert die Vermittlung von Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Konfliktfähigkeit oder Kommunikationsverhalten ein besonderes methodisches wirken. So gesehen liegt es auf der Hand, dass Veränderungen in den Anforderungen der Gesellschaft zu Veränderungen in den Methoden des Lehrens und Lernens führen müssen.[3]

Ausdauer, Präsentationskompetenz, Selbstvertrauen, Teamfähigkeit sowie Selbstständigkeit sind essenzielle Fähigkeiten, welche vor allem bei den schwächeren Schülerinnen und Schülern, die beispielsweise das Berufsgrundbildungsjahr, E.I.B.E.[4]oder das Berufsvorbereitungsjahr besuchen, oft nur unzureichend vorhanden sind. Deshalb liegt es nahe, dass besonders bei diesen jungen Menschen diesbezüglich ein hoher Förderbedarf besteht. Dies führte bei den Überlegungen zu meinem Unterrichtsvorhaben zu dem Entschluss, eine schüler- und handlungsorientierte Methode mit Schülerinnen und Schülern auszuprobieren, die ein sehr niedriges Bildungsniveau und äußerst schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben.

Durch das fremdgesteuerte Lernen zeigen Schülerinnen und Schüler ohne weitere äußere Anreize erfahrungsgemäß nur wenig Interesse am Lernprozess. Soziale und personale Kompetenzen werden kaum gefördert. Des Weiteren fehlen ihnen durch den häufigen Einsatz des Frontalunterrichtes methodische Fähigkeiten, die ihnen ein eigenständiges Lernen ermöglichen. Als Lösungsmöglichkeiten für dieses Dilemma werden schüler- und handlungsorientierte Unterrichtsmethoden genannt, welche die intrinsische Motivation und die methodischen, personalen und sozialen Kompetenzen der Lernenden fördern und damit die angesprochenen Defizite der Schülerinnen und Schüler ausgleichen können.[5]

Eine meines Erachtens erfolgsversprechende Methode ist „Lernen durch Lehren“[6]. Bei dieser Unterrichtsform werden die Schülerinnen und Schüler zu den Gestaltern des Unterrichts, während sich die Lehrkraft zunehmend zurücknimmt und als Beobachter, Moderator und Koordinator wirkt.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Analyse, inwieweit die gewählte Methode LdL dazu beitragen kann, die Lernenden auf die Bewältigung der hohen gesellschaftlichen und beruflichen Anforderungen vorzubereiten und die daraus resultierenden Kompetenzen zu fördern. Es wird auch sehr interessant sein zu beobachten, ob die Schülerinnen und Schüler in ihrer neuen Rolle als Lehrende einen fachlichen Wissenszuwachs verzeichnen können.

Dabei entstand aus einem längeren Gespräch mit meiner Kollegin Frau Rosi Schmitt die Idee ein so genanntes „Generationenlernen“ durchzuführen. Das Konzept beinhaltet, dass die Schülerinnen und Schüler das zuvor erarbeitete Wissen aus dem EDV-Unterricht an Senioren weitergeben sollen, die mit dem Thema „Arbeiten am Computer“ noch keine Erfahrungen haben.

Durch dieses intergenerative Zusammentreffen soll geprüft werden, ob sich die junge und die ältere Generation wirklich nichts mehr zu sagen haben, wie es des Öfteren in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

Zunächst ist einer Bedingungsanalyse der theoretische Hintergrund zur LdL-Methode vorangestellt, welcher die notwendigen didaktisch-methodischen Vorgehensweisen verdeutlichen soll. Hinsichtlich der Rahmenbedingungen für diese Unterrichtsreihe werden anthropogene, institutionelle, und soziokulturelle Faktoren beschrieben, die insbesondere für die nachfolgenden didaktisch-methodischen Überlegungen erforderlich sind und des Weiteren Einfluss auf die Intentionen und Ziele der Unterrichtsreihe ausüben.

Der Darstellung von zwei Unterrichtseinheiten schließt sich eine Reflexion aus der Sichtweise der Lernenden, der Senioren und der Lehrkraft an.

Die Schlussfolgerungen, welche sich aus den Beobachtungen und Konsequenzen dieser Unterrichtsreihe ziehen lassen, geben Anlass zu einem abschließenden Ausblick in die Zukunft.

2 Lernen durch Lehren

2.1 Historie

Die Unterrichtsmethode „Lernen durch Lehren“ wurde Anfang der achtziger Jahre von dem FranzosenDr. Jean-Pol Martin, akademischer Direktor und Professor für Didaktik der französischen Sprache und Literatur an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, entwickelt.

Die Bezeichnung LdL ist deutlich von dem gleichnamigen Ansatz aus den siebziger Jahren zu unterscheiden. Dieser bezog sich hauptsächlich auf den individuellen Lerneffekt, den die Tutoren durch ihre Lehrtätigkeit an der Universität oder an der Hochschule für sich selbst erzielen. Im Ansatz, der heute unter der Bezeichnung LdL praktiziert wird, ist die ganze Lerngruppe am Lehr-/Lernprozess beteiligt.

LdL liegen Ideen wie Schüleraktivierung und eigenständiges Lernen zugrunde, die in der Reformpädagogik wurzeln. Unterrichtstechniken, die LdL-Charakter tragen, sind bereits in der Arbeitsschulbewegung um Kerschensteiner (1914) und im Rahmen des Projektunterrichts bei Dewey/Kilpatrick (1935) zu finden.

Seit 1982 istDr. Jean-Pol Martinbemüht, den Ansatz der LdL-Methode nicht nur kontinuierlich einzusetzen und weiterzuentwickeln, sondern auch wissenschaftlich zu fundieren und bekannt zu machen.[7]

2.2 Begriffsbestimmung

Der Grundgedanke der Methode LdL ist die selbstständige Erarbeitung eines Themas und dessen Vermittlung an die Mitschülerinnen und Mitschüler. Die Lehrkraft steht dabei beratend zur Seite. Dieses Vorgehen erscheint auf den ersten Blick sehr provokant, denn es sieht zunächst so aus, als übergäbe die Lehrkraft ihren Aufgabenbereich an die Lernenden. Man könnte auch annehmen, die Methode solle möglicherweise Lehrkräfte einsparen, indem sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig unterrichten. Diese Vorstellungen treffen jedoch keinesfalls zu. Dr. Jean Pol Martinlegitimiert seine Methode vor allem dadurch, dass sich die Schülerinnen und Schüler zusätzlich zu der Fachkompetenz somit auch Sozial-, Personal- und Methodenkompetenzen aneignen, welche in der heutigen Gesellschaft unabdingbar sind.[8]

„Wenn Schüler einen Lernstoffabschnitt selbstständig erschließen und ihren Mitschülern vorstellen, wenn sie ferner prüfen, ob die Informationen wirklich angekommen sind, und wenn sie schließlich durch geeignete Übungen dafür sorgen, dass der neue Stoff verinnerlicht wird, dann entspricht dies idealtypisch der Methode „Lernen durch Lehren“.[9]

Die Intention der Methode LdL besteht demnach darin, dass die Schüler schrittweise bestimmte Lehrfunktionen übernehmen. Durch diese Rollenveränderung erhalten die Lernenden die Möglichkeit, die für ihre berufliche und private Zukunft notwendigen Kompetenzen zu erwerben und außerdem Vertrauen in die eigene Persönlichkeit zu fassen.

Der Lehrer verteilt Arbeitsaufträge, stellt Arbeitsmaterialien zur Verfügung und steht den Schülerinnen und Schülern während der Vorbereitung als Berater, Koordinator und Helfer zur Seite. Während des Schülerunterrichts ist die Lehrkraft kaum am Unterrichtsgeschehen beteiligt und greift in dasselbe nur ein, wenn Fehler auftreten oder Ergänzungen notwendig sind.[10]

Es ist erforderlich, dass die Schülerinnen und Schüler langsam an die Methode herangeführt werden. Das bedeutet, dass sie zunächst kürzere, später längere Unterrichtssequenzen übernehmen. Ziel ist es, sukzessiv mehr Verantwortung an die Lernenden zu übertragen. Die Gesamtverantwortung des Unterrichts liegt hierbei natürlich weiterhin in der Hand der Lehrkraft.[11]

Innerhalb dieses didaktischen Gesamtkonzeptes werden beim LdL sowohl traditionelle Unterrichts­strukturen aufgegriffen als auch verschiedene Techniken alternativer Ansätze vereint. Aufgrund der Vielschichtigkeit kann die LdL-Methode auch als „Methoden-Mix“ bezeichnet werden.[12]

2.3 Voraussetzungen für den Einsatz von LdL

Bei dem Einsatz der LdL-Methode sind keine besonderen organisatorischen oder rechtlichen Vorgaben zu beachten, wie Jean-Pol Martin feststellt:

"Die Methode -Lernen durch Lehren- lässt sich ohne besondere Genehmigung, mit den übli­chen Lehrmaterialien und Stundenplänen und an allen Schulen verwenden."[13]

Der direkte Unterrichtseinsatz der Methode ist kaum an konkrete Voraussetzungen oder Bedingungen gebunden. Da bestimmte Lehrtätigkeiten von den Schülerinnen und Schülern in Kleingruppenarbeit vorbereitet werden sollen, wäre es von Vorteil, wenn sie in der Lage sind, selbstdiszipliniert und kooperativ zu arbeiten.[14]

2.4 Vorgehensweise nach LdL

Kerngedanke der LdL-Methode ist die Übertragung von Lehrfunktionen auf die Schülerinnen und Schüler, um ihre Aktivität im Unterricht zu steigern. Die Meinungen, welche Lehrfunktionen auf die Schüler zu übertragen sind, gehen dabei auseinander: Einerseits werden ausschließlich Lehrfunktionen übertragen, die im direkten Zusammenhang mit den Inhalten des Unterrichtsfaches stehen, an­dererseits werden sogar organisatorische Aufgaben des Lehrers (z. B. Klassen­bucheintrag, Anwesenheitskontrolle etc.) auf die Lernenden übertragen.[15]

In der hier beschriebenen Unterrichtsreihe werden nur Lehrfunktionen übertragen, welche im direkten Zusammenhang mit den Themengebieten des Unterrichtsfaches stehen.

Bei der Anwendung der LdL-Methode wird folgende chronologische Vorgehensweise empfohlen:

- Zu Beginn wird den Lernenden eine einfache Lehraufgabe übertragen, beispielsweise die Kor­rektur der Hausaufgaben oder das Vorlesen eines Diktates (Eingewöhnungs­phase von 2-3 Wochen).
- In der folgenden Zeit werden die Schülerinnen und Schüler an anspruchsvollere Aufgaben he­rangeführt, zum Beispiel im Fremdsprachenunterricht, Textpräsentation oder Gram­matikvermittlung. Während die Lernenden ihr Wissen an andere weitergeben, bleibt die Lehrkraft im Hintergrund und greift nur bei Fehlern oder notwendigen Ergänzungen ein.
- Schrittweise werden nun immer umfangreichere Stoffmengen zur Präsenta­tion und Einübung an die Lernenden abgegeben. Auch die Erstellung von Übungsblättern kann eventuell übertragen werden.
- Im weiteren Verlauf werden die übertragenen Aufgaben noch komplexer, z.B. Leitung von Diskussionen.
- Parallel zum stoffbezogenen Unterricht wird eine kontinuierliche Prozess­evaluation und Methodenreflexion empfohlen.[16]

Wie bereits gesagt, handelt es sich hierbei lediglich um eine Empfehlung, die nicht strikt eingehalten werden muss, sondern, je nach Situation, modifiziert werden kann bzw. muss.

2.5 Begründung der Methode

Während bis Mitte der siebziger Jahre vorrangig einzelberuflich separiertes, fachliches Wissen verlangt wurde, werden in der heutigen Informations- und Wissensgesellschaft zunehmend verschiedene berufliche Qualifikationen verlangt.[17]

Um diese zu erreichen, hältDr. Jean-Pol Martindie LdL-Methode für besonders geeignet: „Sie erscheint notwendig in einer Gesellschaft, deren Komplexität und Unüberschaubarkeit zunehmen und die deshalb vielfältigere Kompetenzen erfordert als bloßes Wissen. Die Schüler müssen mehr denn je zur Bewältigung und aktiven Gestaltung dieser komplexen Umwelt befähigt werden.“[18]

Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und das Vermögen, sich in kürzester Zeit neues Wissen aneignen zu können, gehören zu den Kompetenzen, die in der heutigen Arbeitswelt verlangt werden. Für die Entwicklung und Verbesserung dieser Kompetenzen siehtDr. Jean-Pol Martinim LdL eine besonders günstige Lernmethode. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich während der Vorbereitung in das neue Themengebiet einarbeiten und im Hinblick auf die Vermittlung „Wichtiges von Unwichtigem“ unterscheiden, um die relevanten Inhalte auszuwählen. Bei der Planung der Präsentation sind Absprachen notwendig – folglich werden Teamfähigkeit und Einfühlungsvermögen gefördert. Bei der Vorstellung des Themas in der Präsentationsphase wird die Kommunikationsfähigkeit erweitert und schließlich das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler nach zahlreichen Präsentationen gestärkt.[19]

Die Methode wirkt sich des Weiteren positiv auf die Motivation, die Aktivierung, die Aufmerksamkeit und die Förderung der Selbstständigkeit des Lernenden aus. Darüber hinaus können die Schülerinnen und Schüler verstärkt ihre eigenen Interessen und Ideen in den Unterricht einbringen. Die dadurch erhöhte Leistungsbereitschaft kann über einen längeren Zeitraum zu besseren Lernergebnissen führen.[20]

Die Aktivität der Lernenden ist in der Vorbereitungsphase sowie in der Präsentationsphase deutlich höher als im rezeptiven und reaktiven Unterricht. Die Übernahme der Lehrerrolle bewirkt zudem eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsinhalt. Durch das selbstständige Erarbeiten des Unterrichtsinhaltes entsteht über die reine Stoffvermittlung hinaus Gelegenheit, das Lernen zu lernen. Die Schülerinnen und Schüler üben durch soziale Interaktionen sich rücksichtsvoll und höflich zu verhalten. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen und erwerben Fähigkeiten, die in unserer komplexer werdenden Welt immer notwendiger werden, wie zum Beispiel die Fähigkeit zur Empathie oder die Bereitschaft, sich verantwortlich mit komplexen Aufgaben auseinander zu setzen und dabei exploratives Verhalten[21]zu lernen und einzuüben.[22]

Ferner können die jungen Menschen durch die Weitergabe ihres Wissens in der Lehrerrolle an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gewinnen. Die Jugendlichen bemerken, dass sie Fähigkeiten haben, die von der Gesellschaft geschätzt und anerkannt werden. Dies ist bei Schülerinnen und Schülern, die in der Gesellschaft eher am Rand stehen und keine guten Perspektiven haben, als ein besonders hoher Zugewinn einzustufen.[23]

3 Bedingungsanalyse

3.1 Institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen

Die Unterrichtsreihe fand in der Klasse 10 BVJK[24]an der Max-Eyth-Schule in Alsfeld statt.

In das Berufsvorbereitungsjahr werden Jugendliche aufgenommen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Durch eine besondere Förderung sollen vor allem das Selbstvertrauen, die Lernbereitschaft und die fachlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler gefördert werden.

Die Unterrichtsthemen für das Berufsvorbereitungsjahr orientieren sich am Lehrplan der Berufsfachschule. Da dieses Berufsvorbereitungsjahr der Vorbereitung auf kaufmännische Ausbildungsberufe dient, ist der Rahmenlehrplan der Berufsfachschule im Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung maßgeblich.

Laut Unterrichtsplan bin ich nicht in dieser Klasse eingesetzt. Da es für mich jedoch sehr wichtig war die Unterrichtsreihe mit schwächeren Schülerinnen und Schülern durchzuführen, schilderte ich mein Konzept meiner Kollegin, Frau Rosi Schmitt. Frau Schmitt signalisierte sofort Begeisterung für dieses Projekt und ihre tatkräftige Unterstützung.

Da meine Kollegin acht Stunden pro Woche in der 10 BVJK eingesetzt ist, ermöglichte sie mir die Übernahme von zwei dieser acht Stunden für die Unterrichtsreihe. Nachdem ich das Vorhaben den Schülerinnen und Schülern der BVJK vorgestellt hatte und der größte Teil der Klasse von der Idee begeistert war, stand dem Projekt nichts mehr im Wege.

Folglich gestalteten Frau Schmitt und ich seit Anfang September gemeinsam den EDV-Unterricht.

Alle Lehrkräfte, die in dieser Klasse eingesetzt sind, wurden von mir über das Vorhaben informiert. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv und es wurde mir von allen Seiten die volle Unterstützung zugesagt.

3.2 Beschreibung der Lerngruppe

Die zehn Schülerinnen und fünf Schüler der Klasse 10 BVJK absolvieren derzeit das Berufsvorbereitungsjahr. Die Aufgabe des Berufsvorbereitungsjahres ist es, Jugendliche auf den Eintritt in die Berufs- und Arbeitswelt vorzubereiten. Es sind vor allem Schülerinnen und Schüler ohne Hauptschulabschluss oder Absolventen der Förderschulen, die diese Schulform besuchen. Das an der Max-Eyth-Schule angebotene Berufsvorbereitungsjahr Wirtschaft und Verwaltung dauert genau ein Jahr[25]und soll den Lernenden fachpraktische und fachtheoretische Grundqualifikationen vermitteln.

Die Jugendlichen dieser Klasse sind zwischen 15 und 18 Jahre alt. Insgesamt acht Schülerinnen und Schüler der Klasse sind ausländischer Herkunft. Davon stammen fünf Schülerinnen aus der Türkei und drei Schüler aus der ehemaligen Sowjetunion. Sprach- oder Verständnisprobleme treten im Allgemeinen jedoch nicht auf.

Das Leistungsniveau und die Leistungsbereitschaft der Klasse ist insgesamt als sehr niedrig einzustufen. Die Lernenden sind sehr unruhig, unaufmerksam und können sich kaum auf eine Sache konzentrieren – insbesondere nicht über einen längeren Zeitraum. Dennoch sind Leistungsunterschiede feststellbar. Von den 15 Schülerinnen und Schülern haben acht einen Hauptschulabschluss. Drei Schülerinnen kommen von einer Förderschule und sind äusserst leistungsschwach. Im Unterricht wird sehr schnell deutlich, dass die Jugendlichen unterschiedliche Schulformen besucht haben, was sich ebenfalls in der Abstufung der einzelnen Leistungen widerspiegelt.

Von Beginn an ist mir die türkischstämmige Schülerin Yüliz aufgefallen. Sie hat mit Abstand das höchste Bildungsniveau in der Klasse. Sie verfolgt aufmerksam das Unterrichtsgeschehen und verfügt über eine hohe Auffassungsgabe. Die Beiträge dieser Schülerin sind von hoher Qualität und ich stellte mir sofort die Frage: Was macht eine derart intelligente und leistungswillige Schülerin in dieser Schulform? Nach einem Gespräch mit Frau Schmitt stellte sich heraus, dass die Schülerin ursprünglich das Gymnasium besuchte. Als dann ihre Mutter vor einigen Jahren starb, musste sie sich um ihre jüngeren Geschwister sowie um den gesamten Haushalt der Familie kümmern. Durch diese Belastungen wurden ihre Leistungen in der Schule immer schlechter und sie konnte lediglich den Hauptschulabschluss erreichen.

Ein gegenteiliges Verhalten zeigt der in Kasachstan geborene Schüler Stan. Er ist der „Klassenkasper“ und sorgt ständig für Unruhe. Ununterbrochen ist er bemüht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dies äußert sich beispielsweise darin, dass er im Unterricht alles, meist unsachgemäß, kommentieren muss. In Arbeitsphasen am PC kann er nicht ruhig sitzen bleiben, er muss dauernd aufstehen und umherlaufen. Es ist ein sehr schwieriger Schüler, was nicht zuletzt durch die Tatsache belegt ist, dass er bereits von einer Schule verwiesen wurde, weil er dort Mitschülerinnen und Mitschüler erpresst hat. Auch an der Max-Eyth-Schule ist er schon aufgrund verschiedener Vorfälle (z.B. Mitschüler/innen in den Mülleimer gesteckt) auffällig geworden.

Besonders auffällig ist auch der 16-jährige Benjamin. Seine Eltern haben sich kürzlich scheiden lassen und er lebt nun abwechselnd jeweils 14 Tage bei seiner Mutter und 14 Tage bei seinem Vater. Während der Vater sehr besorgt um seinen Sohn ist und genau darauf achtet, dass dieser die Schule besucht, wird Benjamin von seiner Mutter regelrecht „beim Schwänzen“ unterstützt. Dies äußert sich darin, dass der Schüler 14 Tage lang regelmäßig zum Unterricht erscheint (wird sogar vom Vater gebracht und abgeholt) und anschließend 14 Tage nur sehr unregelmäßig bzw. nicht zur Schule kommt. Hierfür legt er Entschuldigungen vor, die von seiner Mutter unterzeichnet wurden. Seit kurzem ist auch bekannt, dass der Schüler in nächster Zeit Vater wird.

Die 17-jährige Schülerin Betül aus der Türkei fällt ebenfalls durch eine sehr hohe Anzahl an Fehltagen auf. Bis Mitte Dezember hatten sich es allein bei meiner Kollegin Frau Schmitt 81 Fehlstunden angehäuft. Aus einem daraufhin geführten Gespräch mit der Schülerin ging hervor, dass sie ihren schwer kranken Vater pflegen müsse und aus diesem Grund nicht zur Schule kommen kann.

Die 17-jährige Schülerin Bianca hat überhaupt kein Elternhaus – sie ist in einem Heim aufgewachsen, da ihre Eltern nicht mehr leben. Das ist für die Schülerin nicht einfach und die psychische Belastung ist ihr deutlich anzumerken.

Die 16-jährige Lena ist sehr still, liefert jedoch nach einer Aufforderung, stets qualitativ hochwertige Beiträge zum Unterrichtsgeschehen. Für mich ist sie eine Leistungsträgerin in dieser Klasse.

Es wird deutlich, dass ein großer Teil der Klasse sehr häusliche Situationen aufweist, die überdies von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet sind.

Trotz aller Schwierigkeiten, die diese Lerngruppe mit sich bringt, habe ich ein gutes Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern. Sie haben mich von Beginn an respektiert und akzeptiert und verhalten sich mir gegenüber offen und freundlich. Ich hatte im Unterricht keine größeren Disziplinprobleme, obwohl in der Vergangenheit wegen derartiger Probleme schon einige Klassenkonferenzen einberufen wurden.

Drei Jugendliche weigerten sich strikt an dem Projekt teilzunehmen. Diese drei Schülerinnen und Schüler wurden während der Unterrichtsreihe von meiner Kollegin betreut.

Die gesamte Unterrichtsreihe fand in einem großen EDV-Raum im kaufmännischen Gebäude der Max-Eyth-Schule statt. Die PC-Arbeitsplätze sind in Hufeisenform angeordnet. In der Mitte des Raumes befindet sich ein großer, rechteckiger Tisch, der optimal für Unterrichtssequenzen ohne Computer oder für Besprechungen genutzt werden kann.[26]

4 Didaktische Begründung und Einordnung der Unterrichtsreihe

Vor der hier beschriebenen Unterrichtsreihe erarbeiteten sich die Lernenden die Grundlagen des Textverarbeitungsprogrammes MS Word (Oberfläche, Funktionen in der Menü- und Symbolleiste etc.). Konkrete Problemstellungen aus dem kaufmännischen Bereich, z.B. Briefe normgerecht gestalten, Geschäftsbriefe formulieren, Einladungen entwerfen, Tabellen einfügen etc. sollten die hohe Praxisrelevanz des Textverarbeitungsprogramms verdeutlichen.

Anschließend erarbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler grundlegende Konzepte, die bei einer sinnvollen Internetrecherche zu berücksichtigen sind.

Die im Rahmen dieser Arbeit beschriebene Unterrichtsreihe nahm mit sieben Doppelstunden einen großen Teil im Schulhalbjahr ein. Die Anforderungen, die sich aufgrund dieser Lernsituation für die Lernenden ergaben, waren besonders in methodischer und kommunikativer Hinsicht sehr hoch. Hierzu zählen u.a.:

- Kommunikationsfähigkeit als Fähigkeit, Gruppenprozesse aktiv und konstruktiv mitzugestalten,
- Kooperationsfähigkeit als Fähigkeit, im Team zusammenzuarbeiten,
- die Kenntnis und Nutzung von Informationsquellen (z. B. Bibliotheken, Internet),
- Informationsbeschaffung und -verarbeitung mithilfe der elektronischen Kommunikations- und Informationstechniken und
- die Wahrnehmung von Problemen und die Findung sachgerechter Lösungen.

In fachlicher Hinsicht sollten während dieser Unterrichtsreihe die bisher erarbeiteten Inhalte gefestigt und intensiviert werden und an verschiedenen Punkten sollte es zu einem Wissenszuwachs kommen. Durch die Offenheit der Lernsituation konnten die Lernenden eigene Erfahrungen aus der privaten Nutzung des PCs in den Unterricht einbringen. Eine Besonderheit stellte diese Unterrichtsreihe in Form ihrer hohen gesellschaftlichen Relevanz dar. Schließlich wurden zwei Generationen mit einem Altersunterschied von circa 50 Jahren zusammengeführt, von denen oftmals behauptet wird, dass sie sich nichts zu sagen hätten.

Nach der beschriebenen Unterrichtsreihe geht es in Lernfeld 8 „Kaufmännische Texte und Informationen präsentieren“ im weiteren Verlauf darum, dass sich die Jugendlichen mithilfe moderner Medien Informationen beschaffen, diese bearbeiten und aufbereiten, um sie anschließend angemessen präsentieren zu können.

Anhand verschiedener Problemstellungen werden die Schülerinnen und Schüler in Teams nach Informationen recherchieren und nach erfolgreicher Bearbeitung mit verschiedenen Anwendungsprogrammen (z.B. MS Word, MS PowerPoint) den Mitschülerinnen und Mitschülern präsentieren. Das Üben von Präsentationstechniken ist nicht zuletzt zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfung für die Schülerinnen und Schüler von hoher Bedeutung.

[...]


[1]Vgl. Mattes, 2004, S. 9.

[2]KMK, 1991, S. 1.

[3]Vgl. Mattes, 2004, S. 9.

[4]Programm zur Eingliederung in die Berufs- und Arbeitswelt.

[5]Vgl. Franzen, 2005, S. 2.

[6]Künftig LdL.

[7]Vgl. Martin, J.-P., 1993, S. 1 ff.

[8]Vgl. Martin, J.-P., 1985, S. 2.

[9]Martin, Kelchner, 1998, S. 211.

[10]Vgl. Martin, J.-P., 2000, S. 107.

[11]Vgl. Martin, J.-P.; 1998, S. 159.

[12]Vgl. Ruep, M., 1996, S. 2.

[13]Martin, J.-P., 1989, S. 1.

[14]Vgl. Martin, J.-P., 1985-88, S. 9.

[15]Vgl. Honisch, A., 1998, S. 1.

[16]Vgl. Martin, J.-P., o.J., S. 1.

[17]Vgl. Lehmann, L., 1997, S. 17.

[18]Martin, J.-P., 1985, S. 3.

[19]Vgl. Martin, Kelchner, 1998, S. 212.

[20]Vgl. Graef, Preller, 1994, S. 10.

[21]Unter explorativem Verhalten versteht man hier die Bereitschaft, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Ungewissheiten enthalten.

[22]Vgl. Graef, Preller, 1994, S. 9.

[23]Vgl. Hanel, P., 1991, S. 33.

[24]Berufsvorbereitungsjahr, Wirtschaft und Verwaltung.

[25]Hierbei handelt es sich um die Vollzeitform.

[26]Siehe Anhang A: Raumplan.

Details

Seiten
45
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836620765
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226261
Institution / Hochschule
Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie, Gießen – Betriebswirtschaft
Note
1,0
Schlagworte
generationenlernen lehren unterricht

Autor

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