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Die Bedeutung mittelständischer Unternehmen für die wirtschaftliche Entwicklung der VR China

Diplomarbeit 2008 157 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation der Betrachtungen
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Struktureller Aufbau der Arbeit

2 Die Entwicklung der modernen VR China
2.1 Die Herrschaft Mao Zedongs und der anschließende Staatsaufbau
2.1.1 Wirtschaftlicher und politischer Überblick der Ära Mao
2.1.2 Modernisierungs- und Öffnungspolitik nach Mao Zedong
2.1.3 Erste Entwicklung des modernen Staatapparates
2.2 Etablierung moderner marktwirtschaftlicher Strukturen
2.2.1 Politische Proklamation der sozialistischen Marktwirtschaft
2.2.2 Entwicklung einer Privatwirtschaft in der modernen VR China
2.2.3 Besonderheiten der Volkswirtschaft China heute
2.3 Philosophie und gesellschaftliche Besonderheiten der VR China
2.3.1 Der Konfuzianismus
2.3.2 Der Taoismus
2.3.3 Guan-xi

3 Mittelständische Unternehmen als bedeutender Teil der Privatwirtschaft in der VR China
3.1 Entwicklung von mittelständischen Unternehmen in China
3.1.1 Entfaltung im Zuge der privatwirtschaftlichen Entwicklung
3.1.2 Gesellschaftliche Hintergründe der Mittelstandsentwicklung
3.1.3 Unternehmensgründung mittelständischer Unternehmen
3.2 Definition mittelständischer Unternehmen in der VR China
3.2.1 Problematik und Historie der Definition des Unternehmers
3.2.2 Aktuelle Definition mittelständischer Unternehmen
3.2.3 Vergleich mit Mittelstandsdefinitionen anderer Länder
3.3 Heutige Ausprägung mittelständischer Unternehmen
3.3.1 Ökonomische Bedeutung innerhalb der Volkswirtschaft
3.3.2 Politischer Einfluss mittelständischer Unternehmen
3.3.3 Unternehmertum und soziale Verantwortung

4 Die Rahmenbedingungen mittelständischer Unternehmen in der VR China
4.1 Gesetzliche Grundlagen unternehmerischen Handelns
4.1.1 Das Unternehmensgesetz
4.1.2 Unternehmensbesteuerung
4.1.3 Arbeitsschutz- und Sozialgesetze
4.1.4 Eigentums- und Patentrecht
4.2 Finanzierungsmöglichkeiten mittelständischer Unternehmen
4.2.1 Investitionskredite öffentlicher Banken
4.2.2 Staatliche Kreditförderungsprogramm
4.2.3 Die Börse für mittelständische Unternehmen
4.3 Kulturelle Einflüsse auf unternehmerisches Handeln
4.3.1 Philosophische Einflüsse auf die Unternehmensstruktur
4.3.2 Informelle Handlungsvorgaben an Führungskräfte

5 Aktuelle Hemmnisse und zukünftige Chancen der Mittelstands-entwicklung in der VR China
5.1 Hemmende Faktoren der Mittelstandsentwicklung
5.1.1 Korruption in der chinesischen Wirtschaft
5.1.2 Erschwerter Ressourcenzugang
5.1.3 Mangelndes Rechtsbewusstsein
5.2 Zukünftige Vorteile der Mittelstandsentwicklung
5.2.1 Programme der Mittelstandsförderung
5.2.2 Ausbau der chinesischen Unternehmeridentität
5.3 Internationale Mittelstandsvernetzung
5.3.1 Auslandswanderung chinesischer Unternehmer
5.3.2 Chinesische Unternehmen auf dem deutschen Markt
5.3.3 Kulturelle Differenzen und deren Überwindung

6 Studie: Mittelständische Unternehmen der VR China in der Praxis
6.1 Aufbau und Durchführung der Studie
6.1.1 Ziel und Inhalte der Studie
6.1.2 Aufbau des Fragebogens
6.1.3 Durchführung der Befragung
6.2 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse
6.2.1 Allgemeine Resonanz auf die Befragung
6.2.3 Analyseschwerpunkt 1: Unternehmensentwicklung
6.2.2 Analyseschwerpunkt 2: Unternehmensorganisation
6.2.4 Analyseschwerpunkt 3: Internationale Integration

7 Fazit
7.1 Abschließende Zusammenfassung
7.2 Abschließende Beurteilung und Zukunftsprognose
7 Literaturverzeichnis

S Sonstige Quellen

E Erklärung zur Eigenanfertigung

A Anhang
Anhang 1: Politisch-administratives System der VR China
Anhang 2: Bevölkerungsverteilung in der VR China
Anhang 3: Geographische Verteilung des BIP der VR China
Anhang 4: Steuersystem der VR China
Anhang 5: Fragebogen der Mittelstandsstudie
Anhang 6: Anschreiben der Mittelstandsstudie
Anhang 7: Ergebnisse der Mittelstandsstudie
Anhang 8: Auswertung der Mittelstandsstudie

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Reales Wirtschaftswachstum und Reallöhne, 1985-1994

Abbildung 2: Entwicklung des Bestands realisierter Direktinvestitionen

Abbildung 3: Private Unternehmer und Entwicklung ihrer Beschäftigtenzahl

Abbildung 4: Entwicklung des Chinesischen BIP

Abbildung 5: Anteile der Wirtschaftssektoren an BSP und Beschäftigung

Abbildung 6: Zusammenhang der drei Kernprinzipien nach Konfuzius

Abbildung 7: Symbol der Yin-Yang Theorie

Abbildung 8: Westlicher Individualismus/Chinesischer Kollektivismus

Abbildung 9: Rangfolge der Regulierungen bei Unternehmensgründungen

Abbildung 10: Darstellung der chinesischen Unternehmerlandschaft

Abbildung 11: Definition mittelständischer Unternehmen in der VR China

Abbildung 12: Mittelstandsdefinitionen verschiedener Industrieländer

Abbildung 13: Gesamtwirtschaftliche Bedeutung von KMU in China und der BRD

Abbildung 14: Struktur des Unternehmensgesetz der VR China

Abbildung 15: Individuelle Einkommensteuersätze für Unternehmenseinkünfte

Abbildung 16: Struktur des Arbeitsgesetzes der VR China

Abbildung 17: Patentaktivitäten der BRD und der VR China 2007

Abbildung 18: Eckdaten der SME-Börse Shenzhen

Abbildung 19: Corruption Perception Index ausgewählter Länder

Abbildung 20: Kumulierte chinesische Investitionen im Ausland in Mio. US-$

Abbildung 21: Von chinesischen Investoren übernommene deutsche Unternehmen

Abbildung 22: Zangenbewegung chinesischer Unternehmer

Abbildung 23: Branchen und Regionen befragter Unternehmen

Abbildung 24: Eigenschaften der antwortenden Person

Abbildung 25: Mitarbeiteranzahl und Jahresumsatz befragter Unternehmen

Abbildung 26: Staatlich gegründete Unternehmen in der Auswertung

Abbildung 27: Anzahl der Nennungen wichtigster und größter Abteilungen

Abbildung 28: Auslandsengagement der befragten Unternehmen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

V Vorwort

Der erste Kontakt mit der VR China entstand während eines Praktikums bei einer chinesischen Unternehmensberatung in Shanghai. Während dieser Zeit durfte ich den Facettenreichtum eines faszinierenden Landes mit nahezu unbegrenzten wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten näher kennen lernen. Mit jedem Tag, den ich in Shanghai, aber auch auf Reisen durch das ganze Land verbracht habe, lernte ich Kultur, Wirtschaft, Sprache und Gesellschaft der VR China besser kennen. Aber anders als vielleicht erwartet, gab es dadurch nicht weniger offene Fragen, im Gegenteil, die Zahl der offenen Fragen stieg kontinuierlich an. Glaubt man auf eine Frage eine Antwort gefunden zu haben ist die die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese durch die nächste Erfahrung widerlegt wird. So begegneten mir Chinesen, sofern über die Arbeit oder über gemeinsame Freunde eine Verbindung bestand, äußerst freundlich und hilfsbereit, wohingegen Fremde auf der Straße rücksichtsloses Verhalten zeigten. Diese Gegensätzlichkeit, die sich in der VR China durch alle Bereiche des individuellen täglichen Lebens, durch die Regionen, aber auch durch die im Gesamten betrachtete Wirtschaft und Gesellschaft zieht, wird in der Einleitung näher thematisiert. Sie verbietet es, die VR China zu generalisieren, ein Vorgehen, das häufig in der Literatur vorzufinden ist. Im Gegenteil, alle Aussagen und Erkenntnisse sollten äußerst vorsichtig betrachtet werden, da sie in der Regel nicht auf die gesamte VR China übertragen werden können. So gibt es in den reichen Küstenstädten inzwischen eine Vielzahl an gut verdienenden Chinesen. Diesen stehen etwa 800 Mio. Bauern entgegen, die über weniger als einen Euro am Tag verfügen. Für die Entwicklung der Thematik meiner Diplomarbeit sind hauptsächlich drei Gedankengänge verantwortlich, die mich nach meiner Rückkehr immer wieder beschäftigt haben.

Die erste Frage, die sich mir immer wieder stellte, bezog sich auf die Mentalität der Chinesen, wie ich sie im Alltag beobachten konnte. Dabei fielen mir vor allem die Zufriedenheit und Genügsamkeit, so wie das ausgeglichene Auftreten der Chinesen auf. So gibt es beispielsweise Straßenarbeiter, die mit größtem Verantwortungsbewusstsein anfallenden Dreck vormittags von einer Seite auf die andere Seite der Straße kehren und nachmittags wieder zurück. Man könnte erwarten, dass Verdruss, Langeweile oder Unzufriedenheit zu beobachten sind, aber nichts von dem konnte ich während meiner Beobachtungen erkennen.

Ein weiterer, mir lange unverständlicher Punkt, war das politische System der VR China, vor allem aber der Umgang mit diesem System. Aus westlicher Sicht sind die scheinbar vorherrschende Willkür der Behörden, das Propagandafernsehen und die offensichtliche Zensur der Zeitungen schwer nachvollziehbar. So kam immer wieder die Frage auf, warum dieser Zustand in der Bevölkerung keine Unzufriedenheit hervorruft und wie man mit dieser, aus meiner damaligen Sicht, starken Form der Unterdrückung leben kann. Erst heute, nach dem ich mich intensiv mit der positiven Entwicklungsarbeit der KPCh auseinandergesetzt habe, die Details der chinesischen Vergangenheit kenne und die philosophischen Hintergründe, zumindest in ihren Ansätzen, verstehe, wird mir klar wie wertvoll, schützend und sinnvoll das aktuelle politische System der VR China aus chinesischer Perspektive betrachtet ist.

Der dritte und aus volkswirtschaftlicher Sicht wesentlichste Gedankengang, bezog sich auf die unglaublich schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die vor allem in den reichen Küstenstädten zu beobachten war. Jede Woche eröffneten neue Restaurants, wurden neue Gebäude fertig gestellt und gab es Veränderungen in den Straßenzügen. Auch die Unternehmen verschiedenster Mandanten der Unternehmensberatung, in der ich beschäftigt war, blühten auf und knüpften neue Kontakte - manchmal, wie es schien, sogar ohne eigenes aktives Handeln. Da die organisatorischen Vorgehensweisen und die Produktionstechniken nicht mit den mir an der Universität vermittelten theoretischen Ansätzen überein stimmten und es scheinbar eine Vielzahl an ungenutzten Optimierungsmöglichkeiten gab, war es für mich interessant zu verstehen, auf welchen Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung der VR China aufbaut. Vor allem aber in wie weit sie mit den beobachteten gesellschaftlichen Merkmalen und deren Entwicklung oder auch den politischen Vorgaben und Maßnahmen zusammenhängt. In diesem volkswirtschaftlichen Kontext tauchten erstmals mittelständische Unternehmen, als Träger wirtschaftlicher Entwicklung auf.

Viele westliche Länder verdanken ihren wirtschaftlichen Aufbau und einen Großteil heutiger Wertschöpfung maßgeblich den mittelständischen Unternehmen, die in der Regel nach ihrer Anzahl weit mehr als 90% aller Unternehmen ausmachen. Viele technische Innovationen, und damit einhergehend, viele erfolgreiche Patentanmeldungen gehen von mittelständischen Unternehmen aus. Hier werden aber nicht nur neue Entwicklungen umgesetzt und so nachhaltiges Wachstum generiert, sondern auch harte Arbeit und lange Arbeitszeiten geleistet, um den individuellen wirtschaftlichen Erfolg, und somit auch den gesamtwirtschaftlichen Erfolg, zu sichern. In der Fachwelt wird der Mittelstand immer wieder als wichtiges Rückgrat einer Volkswirtschaft und ihrer Gesellschaft bezeichnet. Es stellt sich somit die Frage, ob der schnelle wirtschaftliche Aufbau der VR China mit der Entwicklung eines chinesischen Mittelstandes zusammenhängt und ob dieser Mittelstand mit dem westlicher Prägung verglichen werden kann. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls zu klären, welchen Einfluss philosophische Werte und politische Rahmenbedingungen auf die Entwicklung mittelständischer Unternehmen haben.

Diese Fragestellungen bilden die Grundlage meiner Themenwahl. Dabei soll der Schwerpunkt der Arbeit auf der Analyse der Verbindung zwischen volkswirtschaftlichen Überlegungen und ethischen und philosophischen Denkansätzen liegen. Eine Abhängigkeit, die angesichts der starken Ausprägung informeller Regeln innerhalb der chinesischen Gesellschaft bei der Untersuchung von Bedeutung und Entwicklung mittelständischer Unternehmen in der VR China nicht außer Acht gelassen werden darf.

1 Einleitung

1.1 Ausgangssituation der Betrachtungen

Die VR China, chinesisch genannt ‚Zhonghua Renmin Gongheguo’, ist mit über 1,3 Mrd. Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde. Nach Russland, Kanada und den USA ist China, als flächengrößter Staat Ostasiens, der viert größte Staat weltweit. Dabei unterscheiden sich die klimatischen Verhältnisse und somit auch die Bewohnbarkeit einzelner Regionen des Landes sehr stark. Bedingt hierdurch variiert die Bevölkerungsdichte von 2 Einwohnern/km² in Tibet bis zu über 40000 Einwohnern/km² in den großen Küstenstädten. Diese breite Spanne spiegelt sich auch in der wirtschaftlichen Entwicklung nieder, sodass es nicht nur große Unterschiede zwischen arm und reich gibt, sondern vor allem eine große regionale Differenzierung. Diese wird auch im Verlauf der Arbeit immer wieder Thema sein.

Wie bereits erwähnt, machen es starke Gegensätze schwer, einheitliche Aussagen über ökonomische und kulturelle Gegebenheiten zu treffen. So existieren innerhalb des weit entwickelten Küstenstreifens deutlich mehr erfolgreiche Unternehmen, als in den von Selbstversorgern geprägten Regionen des Hinterlandes. Gegensätze gibt es aber nicht nur bezüglich der Ökonomie sondern auch in Sprache, Kultur und Lebensweise. So ist es keine Seltenheit, dass es im Geschäftsleben zu Verständigungsproblemen zwischen Chinesen kommt.

Für diese Diplomarbeit ist festzuhalten, dass die VR China in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Industriezentren der Welt aufgestiegen ist und inzwischen nicht mehr nur als Werkstätte, sonder zunehmend als erfolgreiches Entwicklungszentrum angesehen werden muss. Kaum ein westlicher Unternehmer hat nicht wenigstens darüber nachgedacht, seine Produkte in China anzubieten oder zu produzieren. Immer mehr, auch mittelständische Unternehmen, gehen deutsch-chinesische Kooperationen ein und sehen die Entwicklung ihres Unternehmens in enger Verbindung mit dem Engagement auf dem chinesischen Markt. Dabei sehen westliche Unternehmer häufig lediglich das enorme Wirtschaftswachstum der VR China, die große Anzahl potentieller Kunden und billiger Arbeitskräfte. Weniger Beachtung schenken sie hingegen den kulturellen und philosophischen Besonderheiten der Volkswirtschaft China, die eng mit dem ökonomischen Erfolg chinesischer Unternehmer verknüpft sind. Auch die westliche Literatur tendiert dazu, ein sehr einseitiges Bild zu vermitteln, das viel eher versucht die westliche Kultur auf China zu übertragen, anstatt chinesische Kultur zu vermitteln und ihre Vorzüge für eine mögliche Anwendung in westlichen Unternehmen zu erklären.

Dabei sind die moderne Gesellschaft Chinas und somit auch das wirtschaftliche Umfeld in hohem Maße von informellen philosophischen Handlungsweisen und Vorschriften geprägt. Die Lehren des Konfuzius, aber auch der Taoismus, beeinflussen das Handeln chinesischer Unternehmer auf allen Entscheidungsebenen. Diese Prinzipien zu ignorieren kann also weder zum Verständnis chinesischer Entwicklung, noch zur erfolgreichen Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen beitragen. Vielmehr könnte es in Zukunft vermehrt zu großen Schwierigkeiten, sowohl auf dem chinesischen Markt, aber auch auf dem jeweiligen Heimatmarkt, kommen. Westliche Unternehmer sollten beginnen, die ethischen Handlungswege der Chinesen als Kernkompetenzen anzuerkennen und lernen diese auch selbst als Vorteil, sei es im Wettbewerb oder in einer Partnerschaft, zu nutzen. Diese zukunftsorientierte Vorgehensweise kann bisher nur selten beobachtet werden.

Im Gegensatz hierzu versuchen viele chinesische Unternehmer aus westlichen Systemen zu lernen und erfolgreiche Konzepte anzupassen und zu übertragen. So hat sich in den letzten Jahren eine wissbegierige, offene, gut ausgebildete Gesellschaft entwickelt, deren Streben nach wirtschaftlichem Erfolg sehr ausgeprägt ist. Auch an dieser Stelle sollte nochmals darauf hingewiesen werden, dass es große Gegensätze innerhalb des Landes gibt und Regionen existieren, die bisher kaum moderne Denk- und Lebensweisen kennen gelernt haben.

Die Ausgangssituation aller folgenden Untersuchungen stellt eine aufstrebende Republik dar, die zunehmend an ökonomischer Bedeutung gewinnen wird. Zahlreiche Reformen wurden bereits umgesetzt, ebenso viele werden auf dem Weg Chinas zu einer neuen Weltmacht noch folgen. Die chinesische Gesellschaft bringt in diesen Umbruch größtes Engagement ein und sucht zwischen Tradition und Moderne einen Weg der individuellen Verwirklichung.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung der Bedeutung mittelständischer Unternehmen für die wirtschaftliche Entwicklung der VR China. Hierbei soll besonders die Sichtweise chinesischer Unternehmer beleuchtet werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Studien des Mittelstandes der VR China betrachtet diese Arbeit nicht jene Unternehmen, die zwar in China tätig sind, ursprünglich aber aus anderen Ländern stammen, sondern richtet den Fokus auf mittelständische Unternehmen, die von chinesischen Bürgen gegründet und aufgebaut wurden. Diese Betrachtungsweise findet sich in der Literatur sehr selten, da für westliche Unternehmen und somit für den hiesigen Markt bisher die Untersuchung möglicher Kooperationsansätze mit chinesischen Unternehmern deutlich interessanter schien. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass mittelständische Unternehmen der VR China in Zukunft vermehrt als selbstbewusste Konkurrenten auf internationalen Märkten auftreten werden, ist eine Analyse ihrer Entwicklung und ihrer Bedeutung auf dem chinesischen Markt von großer Bedeutung.

Im Verlauf dieser Arbeit soll sowohl der historische, als auch der ethische Hintergrund der privatwirtschaftlichen Entwicklung dargestellt werden. Auf Grund der Jahrzehnte langen Abschottung Chinas während des 20. Jahrhunderts, ist diese Entwicklung sehr jung und in vielen Punkten noch lange nicht abgeschlossen. Eine Analyse bisheriger Reformen muss deshalb auch immer einen Ausblick auf zukünftige Reformen einschließen. Dabei spielen mittelständische Unternehmen bereits heute eine große Rolle innerhalb des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Transformationsprozesses. Neben der Erläuterung einzelner Entwicklungsstufen soll daher vor allem untersucht werden in wie weit die Entwicklung mittelständischer Unternehmen in der VR China mit der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung korreliert.

Einen weiteren zentralen Punkt dieser Arbeit stellt die Betrachtung des heutigen unternehmerischen Umfeldes mittelständischer Unternehmen der VR China dar. Nur mit der Kenntnis entsprechender Rahmenbedingungen lassen sich Aussagen über aktuelle Probleme, aber auch über zukünftige Chancen der betrachteten Unternehmen treffen. Bei der Analyse der Entwicklungsmöglichkeiten werden sowohl innenpolitische Veränderungen, wie zum Beispiel geplante Gesetzesänderungen, als auch externe Faktoren, wie zum Beispiel sich verändernde internationale Verflechtungen, berücksichtigt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Untersuchung in wie fern sich chinesische Unternehmer auf dem deutschen Markt wirtschaftlich erfolgreich etablieren können. Dieses Thema ist auch für deutsche Unternehmen von großer Bedeutung, da die Untersuchung insbesondere kulturelle Unterschiede und Ansätze zur Überwindung dieser Differenzen aufzeigt.

Die vorliegende Arbeit vermittelt dem Leser umfassende Kenntnisse über die Situation mittelständischer Unternehmen in der VR China und deren Bedeutung für den chinesischen, sowie den internationalen Markt. Eingebettet sind alle Ergebnisse dieser Betrachtung in den gesamtvolkswirtschaftlichen Kontext und die ethisch philosophischen Grundlagen der VR China. Auf diese Weise wird nicht ausschließlich eine wirtschaftliche Analyse durchgeführt, sondern eine sozialwissenschaftliche Gesamtbetrachtung mit ökonomischem Fokus. Ziel ist es, auf diese Weise, ein generelles Verständnis für die formellen und informellen Einflussfaktoren auf die ökonomische Entwicklung darzustellen. Angesprochen werden durch diese Darstellung chinesische und westliche Unternehmer, sowie wirtschaftlich oder kulturell an China Interessierte.

1.3 Struktureller Aufbau der Arbeit

Jedes der Kapitel dieser Arbeit befasst sich mit der Gesamtbetrachtung eines Teilaspektes der Bedeutung und Entwicklung mittelständischer Unternehmen in der VR China. Aufeinander aufbauend greifen die Kapitel auf zuvor diskutierte Sachverhalte zurück und verweisen bei Bedarf entsprechende Abschnitte.

Das, der Einleitung folgende, zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung der modernen VR China hin zu ihrer heutigen Staats- und Wirtschaftsform. Dabei wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in einen historischen Gesamtzusammenhang gebracht, um spätere Betrachtungen der heutigen VR China nachvollziehen zu können. Eine besondere Bedeutung kommt hier der ökonomischen und sozialen Lage Chinas nach der Herrschaft Mao Zedongs zu, da sie die heutige Mentalität und somit auch die aktuelle Entwicklung mittelständischer Unternehmen maßgeblich beeinflusst. Ebenso relevant für einen Gesamtüberblick historisch wesentlicher Begebenheiten sind der Aufbau erster marktwirtschaftlicher Strukturen in der VR China und die philosophischen Wurzeln chinesischer Werte. Hierbei beschränkt sich die Darstellung auf für das weitere Verständnis relevante Ereignisse und Faktoren. Wesentliche Ereignisse der jüngeren Geschichte Chinas, wie zum Beispiel das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens im Jahr 1989, finden in dieser Arbeit keine Berücksichtigung, da sie die Entwicklung mittelständischer Unternehmen und deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der VR China nicht unmittelbar beeinflussen.

Wurde im vorangehenden Kapitel vor allem die Gesamtentwicklung einer Privatwirtschaft als Teil marktwirtschaftlicher Strukturen beleuchtet, befinden sich in Kapitel 3 ausschließlich mittelständische Unternehmen im Fokus der Betrachtungen. Zu Beginn des Kapitels wird, in Anlehnung an die vorher beschriebene historische Entwicklung der VR China, auf die Entfaltung, sowie die Hintergründe der Mittelstandsentwicklung eingegangen. Dabei werden auch die veränderten Möglichkeiten einer Unternehmensgründung erläutert und genau definiert, welche Unternehmen innerhalb der VR China als mittelständisch angesehen werden. Abschließend wird die aktuelle Bedeutung chinesischer mittelständischer Unternehmen für die Ökonomie, die Politik und die Gesellschaft der VR China dargestellt. Dabei wird der nicht zu vernachlässigende Einfluss philosophischer Denkweisen stets mit berücksichtigt.

Um den Verlauf einer Entwicklung zu verstehen und Aussagen über mögliche zukünftige Ereignisse zu treffen, ist es wichtig die Rahmenbedingungen zu kennen und zu verstehen. Kapitel 4 widmet sich daher formellen und informellen Faktoren, die eine Weiterentwicklung mittelständischer Unternehmen beeinflussen könnten. Zunächst werden alle, für Unternehmer relevanten, Gesetze vorgestellt und ihr Einfluss auf Unternehmer diskutiert. In der Folge stellt das Kapitel zur Verfügung stehende Finanzierungsmöglichkeiten und deren Problematiken vor, da ohne die nötigen finanziellen Mittel zum Auf- oder Ausbau kaum ein mittelständisches Unternehmen auf Dauer überleben kann. Neben diesen formellen Kriterien sind es vor allem auch informelle Bedingungen, wie ethische Grundsätze oder philosophische Leitlinien, die das Handeln chinesischer Unternehmer bestimmen. Ihr Einfluss auf Unternehmensstruktur und Unternehmensführung wird ebenfalls in diesem Kapitel betrachtet.

Als abschließender theoretischer Beitrag analysiert Kapitel 5, zurückgreifend auf alle vorher dargestellten Fakten, die aktuellen Probleme, sowie die zukünftigen Veränderungen der Mittelstandsentwicklung in der VR China. Es werden sowohl bei den hemmenden, als auch bei den fördernden Faktoren gleichermaßen interne als auch externe Einflussfaktoren betrachtet. So lassen sich die Bedeutung und die Entwicklung mittelständischer Unternehmen in der VR China in einen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang bringen, teilweise sogar in globale Strukturen einordnen. Auch hier wird eine zukunftsorientierte Entwicklungsprognose erstellt, die vor allem für den deutschen Markt im Detail analysiert wird. Ein Schwerpunkt kommt, neben den ökonomischen Gesichtspunkten wieder den kulturellen Einflussfaktoren zu, die durch ihre Unterschiedlichkeit zu westlichen Werten, je nach Umgang und Verständnis westlicher Unternehmer, Problemherd, aber auch Chance sein können.

Zum Ende des Hauptteils bietet Kapitel 6 einen praktischen Blick auf heute am Markt vertretene mittelständische Unternehmen. Dazu wurden im Rahmen einer Studie zahlreiche chinesische mittelständische Unternehmen zu den Themen Unternehmensorganisation, Unternehmensentwicklung und internationales Engagement befragt. Die Ergebnisse belegen einige der theoretisch dargestellten Erkenntnisse, liefern aber zusätzlich individuelle Einschätzungen chinesischer Unternehmer bezüglich der Gesamtsituation und der Entwicklungsmöglichkeiten des Mittelstandes in der VR China.

Den Schluss der Arbeit bildet ein Fazit, das gewonnene Erkenntnisse zusammenfasst und miteinander in Verbindung bringt. Dabei sollen der aktuelle Stand der Entwicklung, sowie die zukünftig zu erwartenden Veränderungen mittelständischer Unternehmen beurteilt werden.

2 Die Entwicklung der modernen VR China

2.1 Die Herrschaft Mao Zedongs und der anschließende Staatsaufbau

Um aktuelle wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge einer Volkswirtschaft, insbesondere einer Volkswirtschaft mit, einem aus westlicher Sicht, völlig fremden kulturellen Hintergrund, zu verstehen, ist es wichtig, die historischen Ereignisse und Zusammenhänge zu kennen, auf denen diese aufgebaut ist. Die Entwicklung der VR China, sowie die Denkweise einer ganzen, heute am chinesischen Markt agierenden Generation, wurden maßgeblich durch die Herrschaft Mao Zedongs geprägt. In dieser Arbeit wird die so genannte Ära Mao daher als Ausgangspunkt der Entwicklung einer modernen VR China angesehen. Dieser Abschnitt liefert zunächst einen Überblick über damalige Vorkommnisse und stellt im Anschluss die unmittelbar folgenden wirtschaftlichen und politischen Reformen dar. Dabei wird versucht die Ereignisse möglichst neutral zu präsentieren und auf eine, in der westlichen Literatur häufig anzutreffende, Meinungsbildung bezüglich der politischen Entscheidungen Mao Zedongs, deren Folgen unabstreitbar grausam und menschenverachtend waren, zu verzichten. Stattdessen sollen vor allem die wirtschaftlichen Folgen und Grundlagen für die weitere Entwicklung der VR China herausgearbeitet werden.

2.1.1 Wirtschaftlicher und politischer Überblick der Ära Mao

Die Herrschaft von Mao Zedong begann im Jahr 1949 mit der Machtübernahme der Kommunisten. Zu diesem Zeitpunkt war China auf Grund der Folgen des zweiten Weltkrieges sowohl sozial, als auch wirtschaftlich zerrüttet, sodass an die neu gebildete Regierung um Mao Zedong hohe Ansprüche gestellt wurden.

Mao Zedong wollte die VR China in einen sozialistischen Staat umwandeln[1] und die „alte chinesische Herrscheraufgabe, die Sorge für das Wohlergehen der Untertanen“[2] in den Mittelpunkt der Politik der KPCh stellen. Im Gegensatz zu einigen seiner Parteikollegen war Mao Zedong dagegen, den sowjetischen Sozialismus ohne Veränderungen auf China zu übertragen und wurde so schnell zu einer Art Revolutionsführer, der unabhängig von seiner Partei an der Spitze der VR China stand.[3] Unterstützt wurde er bei seinen beiden umfangreichen Revolutionsvorhaben, dem großen Sprung und der Kulturrevolution, von der so genannten Viererbande, in der auch seine Frau eine tragende Rolle spielte.

Zu Beginn seiner Amtszeit verfolgte Mao Zedong eine relativierende und lockere Wirtschaftspolitik, die vorsah den Bauern durch Rückgabe ihres Landes ein eigenständiges Dasein und somit mehr Wohlstand zu ermöglichen. Diese Entscheidung brachte Mao Zedong, bedingt durch den sich anhebenden Lebensstandard[4], die Unterstützung des Volkes ein, reichte aber nicht aus, um die Grundversorgung an Nahrungsmitteln langfristig zu decken.[5] Aus diesem Grund wurde nach Abschluss der Bodenreform im Jahr 1953, unter der Bezeichnung Großer Sprung, die Bildung von LPGs beschlossen und durch die Abschaffung von Preis- und Marktmechanismen sowie durch Einschränkung unternehmerischer Freiheiten durchgesetzt.[6] Bereits ab dem Jahr 1958 waren alle Bauernhaushalte in Kommunen, bestehend aus mehreren LPGs, zusammengefasst, innerhalb derer es kein Privateigentum und keine Möglichkeit der Selbstbestimmung mehr gab.[7] Parallel zu dieser Entwicklung, deren Folge, ganz anders als beabsichtigt, ein durch Motivations- und Produktionsdefizite hervorgerufener Mangel an Grundnahrungsmitteln war, wollte die Regierung die Stahlproduktion der VR China international konkurrenzfähig machen. Allerdings war die Umsetzung auch bei diesem Vorhaben nicht nachhaltig geplant, sodass bald schon bis zu 90 Millionen Bauern einen aus Haushaltsgeräten eingeschmolzenen, und damit unbrauchbaren, Stahl produzierten. Gleichzeitig wurden Bildungs- und Verwaltungsaufgaben vernachlässigt, was zu einem völligen Zusammenbruch der Wirtschaft der VR China im Jahr 1961 führte.[8]

Eine weitere Revolution, deren Folgen die Entwicklung der modernen VR China prägen und erklären, ist die im Anschluss an den Großen Sprung beginnende Kulturrevolution. In seiner Machtposition geschwächt, wollte Mao, nach den erfolglosen wirtschaftlichen Veränderungen, wenigstens das gesellschaftliche Bild der VR China durch seine Vorstellungen prägen. Ausgeschriebenes Ziel Maos war die Beseitigung der alten Kultur, der alten Ideologie, der alten Sitten und der alten Bräuche, auch bekannt als die vier Alten.[9] Durch ständige Erziehungsmaßnahmen und Überwachung der Bevölkerung verfolgte Mao eine radikale Umwandlung der Gesellschaft, die Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, sowie die Auflösung sozialer Klassen.[10] Durch Unterdrückung und Gewalt wurde in den Folgejahren nicht nur die Jahrhunderte alte Tradition des Unternehmertums komplett beendet, sondern auch die Infrastruktur und ein Großteil des Binnenhandels lahm gelegt. Ende der sechziger Jahre herrschten in weiten Teilen der VR Chinas bürgerkriegsähnliche Zustände, in denen die rote Garde Maos mit der stärker werdenden Anti-Mao Fraktion kämpfte. Obwohl bereits auf einem Parteitag im März 1969 die Maßnahmen der Kulturrevolution offiziell als beendet erklärt wurden, gab es bis zum Tod Mao Zedongs 1976 immer wieder Auseinandersetzungen.[11]

Für die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung der VR China kann die Zeit nach dem Großen Sprung und der Kulturrevolution als Nullpunkt betrachtet werden. Es gab kaum funktionierende Strukturen, keine Privatwirtschaft und nur eine mangelhafte Versorgung an Konsumgütern. Dass die chinesische Wirtschaft inzwischen zu einem Großteil von mittelständischen Unternehmen getragen wird ist dem im Folgenden beschriebenen Beginn der modernen Entwicklung der VR China zu verdanken.

2.1.2 Modernisierungs- und Öffnungspolitik nach Mao Zedong

Die zentrale Rolle im Reformationsprozess nach dem Tod Mao Zedongs spielt Deng Xiaoping, der sich im parteiinternen Machtkampf der KPCh Ende der siebziger Jahre als neuer Wortführer durchsetzte.[12] Deng Xiaoping hatte im Ausland studiert und brachte seine Lebenserfahrung, sowie seine bescheidene aber bestimmte Art in die Politik der kommenden Jahre ein.[13] Er verfügte bereits über umfangreiche politische Erfahrung und durfte im Jahr 1977, nachdem er unter Mao von allen früheren Ämtern enthoben worden war, an die Parteispitze zurückkehren[14]. Als Mitglied des Politbüros, stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender des zentralen Militärkomitees[15] leitete er daraufhin nicht nur die Absetzung reformfeindlicher Kräfte, sondern auch die kommenden weit reichenden Reformen selbst ein.[16]

Deng Xiaopings Modernisierungspolitik hatte das Ziel marktwirtschaftliche Elemente in die Planwirtschaft zu integrieren ohne die Machtposition der KPCh zu schwächen[17]. Orientiert am Konzept der Vogelkäfigwirtschaft des Wirtschaftsplaners Chen Yun, das vorsieht den Akteuren der Volkswirtschaft, innerhalb strikter planwirtschaftlicher Vorgaben, eigene marktwirtschaftlich orientierte Handlungsspielräume zu gewähren, begann Deng Xiaoping die Transformation der VR China.[18] Auf der dritten Plenartagung des XI. Zentralkomitees der KPCh im Dezember 1978 wurden, von ihm initiiert, als erster Beschluss die vier Modernisierungen, bezogen auf die Bereiche Ökonomie, Technik, Wissenschaft und Landesverteidigung, ausgerufen. Dieser Beschluss verkündete ganz offiziell das Ende des Klassenkampfes, machte die ökonomische Entwicklung der VR China zum neuen Mittelpunkt der Parteiarbeit[19] und stellte das Ende der außenwirtschaftlichen und außenpolitischen Abschottung dar[20].

Angesichts der von jeher als Problem bekannten Gefahr der Nahrungsmittelknappheit, stand zu Beginn der Reformen besonders die Entwicklung der Landwirtschaft im Fokus.[21] Im Jahr 1978, zu Beginn der landwirtschaftlichen Reformen, lebten rund 80% der Chinesen auf dem Land, 31% dieser Bevölkerungsgruppe war nicht ausreichend mit Grundnahrungsmitteln und Kleidung versorgt.[22] Um diesen Mängeln entgegen zu wirken wurde das Land nach dem Prinzip ‚An lao fen pei’ (‚Jedem nach seiner Leistung’), entsprechend der Familiengrößen, neu verteilt und die Bauern erhielten die Erlaubnis langfristig Land zu pachten.[23] In Zukunft konnte jede Familie selbst entscheiden welche Produkte sie neben den vorgegebenen Hauptprodukten, die zur Sicherung des Bedarfs an Grundnahrungsmittel vorgegeben waren, produzieren möchte.[24] Überschüssige Produktion, die nach Abzug einer an den Saat abzuführenden Quote übrig blieb, durfte, nach Belieben der Bauern, ebenfalls an den Staat verkauft oder auf dem Markt frei abgesetzt werden.[25] Auf diese Weise wurde ein System freier Marktwirtschaft für Bauern eingeführt, indem jeder Bauer über das von ihm gepachtete Land frei verfügen kann und lediglich eine bestimmte Menge an Naturalien als Pachtgebühr an den Staat abgeben muss.[26]

Diese Reformen von Deng Xiaoping waren ein großer Erfolg, sowohl für die Bevölkerung selbst, als auch zur Rechtfertigung weiterer Reformen vor der KPCh. Es kam daher zu Folgebeschlüssen im landwirtschaftlichen Sektor, wie zum Beispiel dem Umstieg von der Natural- zur Geldsteuer, der kompletten Freigabe bestimmter Preise und der Übertragung von Verwaltungsaufgaben an die Gemeinden.[27]

Die Reformierung des industriellen Sektors stellte ein deutlich schwierigeres Problem als die Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Betriebe dar. Bisher wurden mehr als 55% an staatlichen Investitionen im Bereich der Schwerindustrie getätigt und lediglich etwa 5% im Bereich der Leichtgüter- bzw. Konsumgüterindustrie. So stand die VR China im Jahr 1980 zwar an den vorderen Plätzen im internationalen Vergleich der Sektoren Kohle, Primärenergie und Zement, konnte ihren Bürgern aber in keiner Weise einen adäquaten Lebensstandard bieten.[28] Da eine grundlegende Umstrukturierung oder Auflösung der großen staatlichen Schwerindustrie im Nordosten des Landes schwere politische und gesellschaftliche Folgen gehabt hätte, konzentrierte man sich zunächst auf die im Süden angesiedelte, schwach ausgeprägte Leichtindustrie.[29] Im Mittelpunkt standen dabei die Trennung von Staat und Betrieb und die Einführung von unternehmerischen Freiräumen.[30] So wurden, nach den Landwirten, auch die Betriebe dazu angehalten, durch Eigeninitiative ihr Ergebnis zu steigern.

Neben den internen Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wurden im Jahr 1982 Sonderwirtschaftszonen für ausländische Investoren geöffnet. Ab 1984 waren innerhalb dieser Sonderwirtschaftszonen erstmals auch Jointventures zwischen chinesischen und ausländischen Unternehmen erlaubt[31] Diese Parteivorgaben lenkten bereits damals den, bis heute anhaltenden, Trend ein, bestimmte Regionen und Sektoren wirtschaftlich zu bevorzugen und so eine schrittweise ungleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung anzustreben. Bedingt durch die dadurch entstehende Unzufriedenheit der weniger privilegierten Arbeiter in den Staatsbetrieben außerhalb der Sonderwirtschaftszonen, denen im Jahr 1988 teilweise keine Löhne mehr gezahlt werden konnten, wurden kleine und mittlere Betriebe ab diesem Zeitpunkt fast komplett privatisiert.[32] Diese Maßnahme legte den Grundstein für die Entwicklung einer Privatwirtschaft und somit auch für einen gesunden Mittelstand in der VR China. Die großen staatlichen Betriebe, die sich vor allem im Bereich der kapitalintensiven und strategisch wichtigen Sektoren fanden, sollten wegen sozialpolitischer Gründe, sicherlich aber auch aus machtpolitischer Intention heraus, erst später in neue Eigentumsverhältnisse überführt werden.[33]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Nominallöhne deflationiert mit dem Konsumentenpreisindex

Abbildung 1: Reales Wirtschaftswachstum und Reallöhne, 1985-1994

Quelle: Bas/Wohlmuth (1996), S. 12, eigene Darstellung

Abbildung 1 zeigt das reale Wirtschaftswachstum, sowie die Reallöhne für die Zeit nach Einrichtung der ersten Sonderwirtschaftszonen und soll veranschaulichen in welchem Tempo die wirtschaftliche Entwicklung nach den Anstößen von Deng Xiaoping anlief.

2.1.3 Erste Entwicklung des modernen Staatapparates

Auf Grund der, dem Großteil des Volkes zugute kommenden, Reformen verlor die KPCh in der Zeit nach dem Tod Mao Zedongs nicht an politischer Macht, im Gegenteil, sie konnte ihre Position als allein herrschende Partei weiter ausbauen. Heute kommt ihr, wie in der Verfassung festgelegt, eine führende Rolle zu[34] und sie ist in allen politischen, sowie vielen wirtschaftlichen Institutionen präsent[35]. Inzwischen werden private wirtschaftliche Initiativen zwar unterstützt, allerdings ausschließlich dann, wenn diese mit den von der Partei festgelegten staatlichen Zielen übereinstimmen und die Machtposition der Partei nicht gefährden.[36] Nach einem Beschluss aus dem Jahr 1982 sollte der Verwaltungsapparat an die neu geschaffene Situation dezentraler Wirtschaftsentscheidungen angepasst werden. Im Rahmen dieser Umwandlung wurden, als erster Schritt, zahlreiche Ministerien abgeschafft um so klarere Strukturen und Verantwortlichkeiten zu schaffen. Zudem wurden dezentrale und lokale Verwaltungen und Parteivertretungen eingerichtet und die Vetternwirtschaft bei der Vergabe politischer Ämter eingeschränkt. Die strategisch wichtigen Bereiche wie Verkehrspolitik, Postwesen, Energieversorgung und Währungspolitik blieben aber zentral geregelt.

Der bis heute gültige Regierungsaufbau sieht eine zentralistische Führung mit dem Staatsrat, dem alle anderen Institutionen unterstellt sind, an der Spitze vor. Im Gegensatz zu unserem Modell der Gewaltenteilung, liegen die staatlichen Aufgaben hier zwar bei verschiedenen Einrichtungen, sind aber nicht voneinander unabhängig.[37] Diese Eigenschaft des politischen Systems der VR China ist nur schwer mit den westlichen demokratischen Vorstellungen zu vereinbaren und steht daher immer wieder im Mittelpunkt systempolitischer Kritik.[38] Für einen Großteil der Bevölkerung der VR China ist die, mit dem westlichen rechtsstaatlichen Prinzip nicht zu vereinbarende, Verankerung der KPCh in der Verfassung allerdings gleichbedeutend mit Stabilität und Schutz vor ideologischen Fanatikern wie Mao.[39] Einen Überblick über das komplexe politisch-administrative System der VR China bietet ein Schaubild im Anhang.

Seit Ende der achtziger Jahre lässt sich auch in China eine Tendenz von auseinander driftender wirtschaftlicher und politischer Macht, vor allem in den reichen und politisch geförderten Küstenregionen, erkennen. Diese ist hauptsächlich auf den neu gewonnenen Reichtum dieser Regionen bei etwa gleich gebliebenem Staatseinkommen, zurück zu führen und erhöht damit die Einflussnahme bei wichtigen Entscheidungen der Regierung.[40]

Aus westlicher Perspektive werden dennoch oft die geringen Einflussmöglichkeiten auf die Politik kritisiert und es herrscht häufig Unverständnis darüber, wie chinesische Bürger die offensichtliche Einschränkung der Meinungsfreiheit oder das Nichteinhalten von Menschenrechten tolerieren können. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen werden diese Einschränkungen von der überwältigenden Mehrheit der Chinesen nicht als solche empfunden, da diese das chinesische Staatssystem als Schutzmechanismus vor extremen Fanatikern wie Mao Zedong ansehen. Zum anderen genießt die Mehrheit aller Bürger der VR China seit den wirtschaftlichen Reformen unter Deng Xiaoping einen höheren Lebensstandard. Außerdem werden Regimekritiker nach wie vor konsequent durch die Regierung verfolgt.

Deng Xiaoping zog sich im Jahr 1990 aus allen politischen Ämtern zurück, blieb aber weiterhin Wortführer der Richtungsbestimmung von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung der VR China. In den Jahren 1989-1992 beschränkte sich das politische Handeln der KPCh vor allem darauf, außenpolitisch zu versöhnen und innenpolitisch keimenden Widerstand einzudämmen.[41]

2.2 Etablierung moderner marktwirtschaftlicher Strukturen

China blickt auf eine lange Tradition erfolgreichen und vielseitigen Unternehmertums zurück. Schon im alten Kaiserreich gab es ausgeprägte Handelsstrukturen und hatten sich Handelswege etabliert. Allerdings wurde auch kaum ein Volk wirtschaftlich und sozial so zu Grunde gerichtet wie das Chinas. Durch die Herrschaft Mao Zedongs fielen das privatwirtschaftliche Engagement und der Ideenreichtum der Chinesen in eine Art Dornröschenschlaf und wurden erst durch die Etablierung marktwirtschaftlicher Strukturen langsam wieder zum Leben erweckt. In den folgenden Abschnitten wird der Weg der VR China hin zu den heutigen Strukturen beschrieben. Dabei wird zunächst auf den Beschluss zum Aufbau einer sozialistischen Marktwirtschaft, die politische Grundlage der folgenden Entwicklungen, eingegangen. Im Anschluss skizziert der Abschnitt die jüngere Entwicklung der aufblühenden chinesischen Privatwirtschaft und charakterisiert die wirtschaftlichen und sozialen Besonderheiten der modernen VR China.

2.2.1 Politische Proklamation der sozialistischen Marktwirtschaft

Einer der bedeutsamsten Schritte in der Entwicklung der VR China auf dem Weg zu einer, nach westlichen Werten betrachtet, modernen, vor allem aber zukunftsfähigen Volkswirtschaft war die Bestätigung der sozialistischen Marktwirtschaft auf dem 14. Nationalkongress im Jahre 1992. Durch diesen Beschluss wurde der Konflikt zwischen Modernisierungsbefürwortern und deren politischen Gegnern geklärt, was dazu beitrug, dass zukünftige Entscheidungen nicht mehr auf ideologischer Basis gerechtfertigt werden mussten.

Nach dem System der sozialistischen Marktwirtschaft werden Produktionsfaktoren immer noch als kollektives Gut angesehen, deren Verwendung aber orientiert sich an marktwirtschaftlichen Prinzipien.[42] In der Ausformulierung, und somit auch in der Umsetzung, orientiert sich das neu gestaltete Prinzip vor allem an drei Grundsätzen. Als erster Grundsatz wurde die Umwandlung einer Vielzahl an Staatsbetrieben in Kapitalgesellschaften beschlossen. Dabei soll die Mehrheit des Eigentums in Staatshand bleiben und so die Grundsäule der Gesellschaft- und Wirtschaftsordnung bilden. Die an dieser Leitlinie angelehnten Beschlüsse tragen wesentlich zur Entwicklung einer heute florierenden Privatwirtschaft bei und werden im folgenden Abschnitt näher erläutert. Des Weiteren wurde festgelegt, dass das zentrale Planungs- und Koordinierungssystem abgeschafft wird. Zur Koordinierung einzelner Einheiten sollen im Gegenzug sowohl Güter-, als auch Kapitelmärkte ausgebaut werden. Die wohl größten Unterschiede der angestrebten sozialistischen Marktwirtschaft im Vergleich zur demokratischen Marktwirtschaft finden sich im dritten Grundsatz der neuen Ordnung. Dieser besagt, dass die totalitäre Autorität der KPCh unantastbar bleibt und jeder Verstoß gegen diese Bestimmung als verfassungswidrig gilt.[43] In der Literatur fällt bei der Betrachtung dieser politischen Leitlinien immer wieder der Begriff der dualen Wirtschaftsordnung, welche, auf der einen Seite durch einen mächtigen Zentralstaat mit sozialistischen Vorstellungen, auf der anderen Seite durch eine dezentrale Wirtschaftskoordination, geprägt ist. Die Vormachtstellung der KPCh hängt in diesem System nicht, wie in den westlichen Ländern oft propagiert, mit dem hohen Grad an gesetzlicher Härte oder der eingeschränkten Meinungsfreiheit, sondern vielmehr mit dem ökonomischen Erfolg der gesamten Volkswirtschaft und den ideologischen Gesellschaftsmerkmalen zusammen.

In der Umsetzung konzentriert sich die Modernisierungspolitik der folgenden Jahre vor allem auf zwei Schwerpunkte. Zum einen wurde der Finanzmarkt schrittweise für private Unternehmen geöffnet, zum anderen wurden, durch Einrichtung weiterer Sonderwirtschaftszonen, vermehrt ausländische Direktinvestitionen angeworben. Dabei beeinflusst die chinesische Regierung durch Gesetzte und Vergünstigungen nicht nur die zu fördernden Regionen, sondern auch die gewünschten Investitionsbereiche.[44] Abbildung 2 zeigt einen Überblick über die Entwicklung des ins Land gebrachten und maßgeblich zur Entwicklung beitragenden Auslandskapitals.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklung des Bestands realisierter Direktinvestitionen

Quelle: Holtbrügge/Puck (2005), S. 13

Den bisherigen Höhepunkt in der nun verfolgten Öffnungs- und Förderungspolitik stellt Chinas Beitritt zur WTO im Jahre 2001 dar. Durch diesen Schritt verpflichtet sich die VR China langfristig den Kriterien der drei zentralen Abkommen GATT, GATS und TRIPS gerecht zu werden. Diese beinhalten Regelungen zum Abbau von Handelshemmnissen, zum Schutz geistigen Eigentums, aber auch zum Abbau von Subventionen und anderen staatlichen Eingriffen in die Volkswirtschaft. Innenpolitisch hat dieser Beitritt unter anderem positiven Einfluss auf die Gleichstellung von Wirtschaftsakteuren und Wirtschaftsräumen, die Schaffung gesetzlicher Zuverlässigkeit und die Finanzierung von Konsumgütern durch ausländische Kredite.[45]

Die von Deng Xiaoping eingeleiteten Reformen werden inzwischen von Hu Jintao als Generalsekretär der KPCh, Präsident der VR China und Vorsitzenden des militärischen Komitees fortgeführt. Hu Jintao handelt ökonomisch deutlich konservativer als seine Vorgänger, was aus chinesischer Sicht durchaus positiv zu bewerten ist, da er so ein kontrolliertes, nachhaltiges und steuerbares Wachstum gewährleistet. Des Weiteren versucht Hu Jintao, zumindest seiner Aussagen nach, der ungleichen Entwicklung gegenzusteuern und sich, sicherlich auch aus Angst vor vermehrten Streiks und Unruhen, den Problemen der weniger gebildeten und ärmeren Bevölkerungsschichten, zuzuwenden.[46]

2.2.2 Entwicklung einer Privatwirtschaft in der modernen VR China

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Privatwirtschaft innerhalb der VR China kann der Zeitpunkt nach dem Tod Mao Zedongs angesehen werden. Damals waren lediglich 0,03% der Bevölkerung selbstständig tätig. Auf Grund der historischen Gegebenheiten war es für die Restbevölkerung aus Angst oder Antriebsmangel in keiner Weise erstrebenswert einer privatwirtschaftlichen Tätigkeit nachzugehen.[47] Erst mit den Reformen von Deng Xiaoping, die wie bereits erörtert in der Freistellung von Bauern aus den LPGs ihren Anfang hatten, begann das Unternehmertum in der VR China langsam wieder aufzublühen.

Die Zahl der Individualunternehmer wuchs mit der Erkenntnis, dass ein privates wirtschaftliches Engagement inzwischen politisch toleriert wird immer schneller und stieg in den ersten zehn Jahren der Reformpolitik um ein Fünfzigfaches an. Im Jahr 1990 existierten in der VR China bereits 16 Mio. Individualunternehmer.[48] Diese unterlagen strengen staatlichen Richtlinien, die vor allem über die erlaubte Mitarbeiterzahl eine Regulierung schafften. So war es lange Zeit nicht erlaubt mehr als sieben Angestellte zu beschäftigen, von denen mindestens fünf den Status eines Lehrlings haben mussten. Diese Restriktion, in Verbindung mit der Tatsache, dass der durchschnittliche chinesische Bürger kaum Gründungskapital aufbringen konnte, leitete das Engagement der Entrepreneurs überwiegend in die Bereiche Gastronomie und Dienstleistung. Für die Bevölkerung brachte diese Entwicklung ein seit Jahren unbekanntes Angebot an Produkten und Serviceangeboten mit sich, was zu einem Erwachen innovativer und geschäftstüchtiger Fähigkeiten führte.[49]

Mit dem Ende der 80er Jahre wurde deutlich wie ineffizient die staatseigenen Betriebe wirtschaften und es gab vermehrt Probleme mit ausstehenden Lohnzahlungen und arbeitslosen Staatangestellten. Im Zuge dieser Entwicklung kristallisierte sich die gesundende Privatwirtschaft als ein immer wesentlicherer Pfeiler der Gesellschaft heraus und wurde so „…in einer gewissen Entwicklung…“ seit 1987 offiziell zur „…Förderung der Produktion, zur Belebung des Marktes und zur Schaffung von Arbeitsplätzen…“ unterstützt, um „…die vielseitigen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen…“ [50] . In der Konsequenz änderte die KPCh im Jahre 1988 Teile der chinesischen Verfassung, die seither in folgendem Absatz die Stellung privater Unternehmen festlegt.

„Der Staat erlaubt im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen die Existenz und die Entwicklung einer Privatwirtschaft. Die Privatwirtschaft ist eine Ergänzung der sozialistischen Gemeineigentumswirtschaft. Der Staat schützt die gesetzmäßigen Rechte und Interessen der Privatwirtschaft und praktiziert gegenüber der Privatwirtschaft Anleitung, Aufsicht und Regulierung“ [51]

Zusätzliche Bestimmungen definieren private Unternehmen als wirtschaftliche Organisationen, deren Eigentümer eine Gewinn erzielende Privatperson ist, die wenigstens acht Arbeitnehmer beschäftigt. Die Obergrenze von sieben Angestellten war somit aufgehoben und von staatlicher Seite stand einer Entwicklung größerer Unternehmen nichts mehr im Weg.[52]

Die Tatsache, dass sich weiterhin zunächst nur kleinere Unternehmen auf den Märkten einfinden zeigt, dass bei den Bürgern, trotz rechtlicher Sicherheit, eine gewisse Skepsis besteht. Diese begründet sich vermutlich in der Angst vor einem erneuten politischen Umschwung oder vor politisch aktiven Neidern und wird erst mit Beginn der Öffnungspolitik nach 1992 abgelegt. Wie in Abbildung 3 dargestellt, wächst die Zahl der privaten Unternehmen seit diesem Zeitpunkt stetig an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Private Unternehmer und Entwicklung ihrer Beschäftigtenzahl

Quelle: Joffe (2003), S. 72/NBSC (2008), eigene Darstellung

Inzwischen gilt die Privatwirtschaft als tragendes Element der Volkswirtschaft, sodass auch der private Sektor an sich als wesentlicher Bestandteil innerhalb der sozialistischen Wirtschaft in der Verfassung Erwähnung findet. Des Weiteren gibt es inzwischen neben den staatlichen Verbänden für Privatunternehmen, deren Zweck zumeist die Kontrolle privater Unternehmer darstellt, auch unabhängige Interessenvertretungen. Eine, von Unternehmern besonders anerkannte Organisation, stellt der Bund für Industrie und Handel dar. Zwar ist auch in dieser Vertretung der Großteil an Führungskräften durch die KPCh bestimmt, dennoch erhalten die Mitglieder eine weitestgehend neutrale Beratung, Unterstützung bei der Beantragung von Krediten, sowie soziale Fürsorge.[53]

2.2.3 Besonderheiten der Volkswirtschaft China heute

Die wirtschaftliche und soziale Situation der heutigen VR China ist in erster Linie durch Gegensätze verschiedenster Art gekennzeichnet. Es kann also kein einheitliches Bild beschrieben werden, sondern lediglich zwischen unterschiedlichen Ausprägungen eines Merkmals abgewogen werden. Oftmals werden bei der Beobachtung wirtschaftlicher oder sozialer Merkmale Erkenntnis erlangt, deren Wahrheitsgehalt, auf Grund der Vielseitigkeit der VR China, wenig später in Frage gestellt werden muss.

Am auffälligsten stellt sich die regional unterschiedliche Ausprägung der Wirtschaft dar. Auf die reichen Küstenregionen entfallen mehr als 80% aller ausländischen Direktinvestitionen, so dass fast das gesamte, in Abbildung 4 dargestellte, Wirtschaftswachstum der VR China dort statt findet.[54]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Entwicklung des Chinesischen BIP

Quelle: Kasperk/Woywode/Kalmbach (2006), S. 8

Inzwischen liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Shanghai, der führenden Region Chinas, bei etwa 5000 US-$, so dass privilegierte Bewohner der Küstenregionen ein Leben auf westlichem Niveau führen können.[55] Es gibt kaum Produkte oder Dienstleistungen, welche in den großen Städten wie Shanghai oder Peking nicht käuflich zu erwerben wären.

Dem entgegen steht ein Bevölkerungsanteil von über 60%, der auf dem Land von einem Pro-Kopf-Einkommen von lediglich etwa 300 US-$ leben muss. Im Vergleich zu 1978, als das Pro-Kopf-Einkommen um die 31 US-$ betrug, ist inzwischen auch die Landbevölkerung besser gestellt.[56] Allerdings darf bei Betrachtung dieser Zahlen die wirtschaftliche Gesamtentwicklung, auch der Preise, und die Tatsache, dass 1978 kaum Chinesen ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt waren, nicht außer acht gelassen werden. Zudem herrscht in den ländlichen Gebieten, durch einen Arbeitskräfteabbau in den effizienter werdenden landwirtschaftlichen Betrieben, eine Arbeitslosenquote von bis zu 30%.[57]

Das Ausmaß der wirtschaftlichen Ungleichheiten wird bei der Gegenüberstellung des Bruttosozialproduktes der VR China mit den ausgeübten Tätigkeiten der Bevölkerung in Abbildung 5 deutlich. So erwirtschaften 49,1% der Bevölkerung mit Ausübung einer landwirtschaftlichen Tätigkeit lediglich 13,8% des gesamten Bruttosozialprodukts der VR China.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Anteile der Wirtschaftssektoren an BSP und Beschäftigung

Quelle: Kasperk/Woywode/Kalmbach (2006), S. 11

Als Folge dieser Diskrepanz zwischen den Arbeits- und Lebensbedingungen kommt es in den letzten Jahren vermehrt zu einer Abwanderung der Arbeitskräfte in die bereits überlaufenen Städte. Zur Veranschaulichung findet sich im Anhang eine Übersicht über die regionale Bevölkerungsverteilung, sowie das regional verteilte Bruttosozialprodukt. Problematisch gestaltet sich bei der Abwanderung vor allem die Tatsache, dass die meisten Bewohner der ländlichen Regionen weniger gebildet sind und somit nur für niedere Tätigkeiten, wie zum Beispiel auf dem Bau eingesetzt werden können.

Die Politik wurde bereits auf die hier beschriebenen Problematiken aufmerksam und hat diese in den, am 11. Oktober 2005 verabschiedeten, 11. Fünfjahresplan aufgenommen. Dieser Plan sieht unter anderem vor bis Ende 2010 die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern, die Wirtschaftsentwicklung zu stabilisieren und ein einheitliches Bildungssystem zu fördern.[58] Allerdings ist bereits jetzt absehbar, dass die Lösung der wirtschaftlichen und der damit einhergehenden sozialen Probleme innerhalb der Gesellschaft der VR China nicht mit Abschluss der nächsten Fünfjahrespläne gefunden ist. Vielmehr werden in Zukunft, zum Beispiel in den Bereichen der sozialen Sicherungssysteme oder des Gesundheitswesens, weitere Herausforderungen auf die chinesische Regierung zukommen.

2.3 Philosophie und gesellschaftliche Besonderheiten der VR China

Neben den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten prägen auch historisch gewachsene Denk- und Handlungsrichtlinien die chinesische Gesellschaft. Hierbei handelt es sich weitestgehend um Ethikrichtlinien, die philosophischen Lehren aufbauen und deren Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nicht unterschätzt werden darf. Entscheidungen unterschiedlichster Lebensbereiche sind eng mit diesen Richtlinien verknüpft, sodass der folgende Abschnitt in gewisser Weise auch eine Erklärung voran beschriebener Ereignisse liefert. Als wesentlichste Einflussgröße wird der Konfuzianismus gleich zu Beginn dieses Abschnitts betrachtet, gefolgt von einer Erklärung des Taoismus, sowie einer Erläuterung der Einflüsse von Guan-xi. Im Gegensatz zu ethischen Vorgaben westlicher Länder, die meist religiös begründet sind, handelt es sich bei den chinesischen Philosophien um vorgeschlagene Handlungswege. Diese sollen dazu beitragen größtmögliche Harmonie oder auch persönliches Glück zu erlangen, verlangen aber nicht den Glauben an einen Gott und können somit nur als Philosophie, nicht aber als Religion angesehen werden.

2.3.1 Der Konfuzianismus

Der Konfuzianismus ist die bedeutendste philosophische Lehre in der Geschichte Chinas und prägt noch heute, trotz immer wiederkehrender Gegenbewegungen, maßgeblich Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Die frühe Grundidee des Konfuzianismus war die Einhaltung der nur schwer zu erlangende Mitte. Dabei handelte es sich nicht um die Einhaltung eines angepassten Mittelmaßes, sondern um die Kunst in jeder Situation einen Ausgleich zwischen den verschiedenen ethischen Ansprüchen der Parteien zu finden.[59] Im Zentrum der konfuzianischen Ethik steht dabei die Beziehung eines Menschen zu anderen Menschen, die ihre Menschlichkeit durch die Einhaltung vorgegebener ethischer Prinzipien erlangt. Nach Konfuzius sind die wesentlichen ethischen Richtlinien, deren Zusammenspiel in Abbildung 6 dargestellt wird, Gegenseitigkeit, Gerechtigkeit und Anstand.[60]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Zusammenhang der drei Kernprinzipien nach Konfuzius

Quelle: Meisig (2005), S. 10

Orientiert an diesen Kernaussagen werden heute nicht nur die Beziehungen zwischen Bürgern und Staat, sondern auch die Beziehungen der Bürger untereinander durch konfuzianisches Denken bestimmt. Wie bereits erwähnt, legt der Konfuzianismus großen Wert auf die Gestaltung dieser Beziehungen, sowie ihre Abhängigkeiten zueinander. Im Mittelpunkt des vorgegebenen Wertesystems stehen Pflicht, Loyalität und Respekt gegenüber den Eltern, dem Alter und der Ehrlichkeit. Dabei spielen die Erziehung, die Harmonie der gegenseitigen Verpflichtungen und die Hierarchie als gesellschaftliche Ordnung eine wesentliche Rolle.[61]

Nach Konfuzius braucht es ein streng hierarchisches Gesellschaftssystem in dem jedes Individuum einen fest zugewiesenen Platz erhält und dessen Führer durch seine Verantwortung für bzw. seine Sorge um die ihm anvertrauten Individuen legitimiert ist.[62] Nur so lässt sich die gewünschte Harmonie und Stabilität der Gesellschaft, zu deren Gunsten ein Individuum bereit ist, auf einen Teil seiner Freiheit zu verzichten, erreichen. Wissenschaftlich begründet wird diese Einstellung durch das chinesische Familienmodell, das Konflikte als Auslöser für mangelnden Zusammenhalt und internes Chaos betrachtet.[63] Die Familie kann daher auch als kleinster Kern eines, nach dem Zwiebelmodell aufgebauten Komplexes, einzelner Hierarchiesysteme angesehen werden. Innerhalb der Familien, deren Führer in der Regel der Familienvater ist, erlernt ein Individuum die grundlegenden Werte wie Vertrauen und Höflichkeit. Diese können dann in anderen Hierarchiesystemen, beispielsweise am Arbeitsplatz oder in der Schule, angewandt werden, sodass am Ende eine große harmonische Gesamtsozialhierarchie mit der KPCh an der Spitze entsteht. Es geht im Kern der konfuzianischen Ordnung also auch darum, dass jedes Individuum eigenständig seinen untergeordneten Platz in der Gesellschaft erkennt und anerkennt.[64]

Der Konfuzianismus in der hier beschriebenen Ausprägung hat nicht nur großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen innerhalb der Wirtschaft, ein Aspekt, der für diese Arbeit besonders relevant ist, sondern auch auf die noch andauernde Ausgestaltung einer sozialen Umgebung durch Reformen. So wurde aus westlicher Sicht häufig ein schlecht ausgeprägtes Rechtssystem mit mangelhafter Rechtssicherheit und Ungleichheit der Bürger vor dem Gesetzt bemängelt. Diese Kritik ist sicherlich verständlich, betrachtet man allerdings die konfuzianische Lehre und deren Bedeutung innerhalb der chinesischen Gesellschaft sollte auch anerkannt werden, dass die Übertragung eines westlich orientierten Rechtssystems, wie es sich eben diese Kritiker wünschen, nur bedingt sinnvoll ist. In der Vergangenheit konnte immer wieder beobachtet werden, dass Gesetze zwar existierten, von den Bürgern aber nicht als solche anerkannt und eingefordert wurden, da sich das Zusammenleben an den ethischen Regeln von Konfuzius orientiert, die eine Meidung von Konflikten fordern.[65]

[...]


[1] Vgl. Wegmann (1996), S. 39 f.

[2] Reisach/Tauber/Yuan (2006), S. 27

[3] Vgl. Hartmann (2006), S. 42

[4] Vgl. Wegmann (1996), S. 52

[5] Vgl. Joffe (2003), S. 117

[6] Vgl. Reisach/Tauber/Yuan (2006), S. 27

[7] Vgl. Geffken (2005), S. 30

[8] Vgl. Hartmann (2006), S. 46

[9] Vgl. Wegmann (1996), S. 50

[10] Vgl. Joffe (2003), S. 120

[11] Vgl. Wegmann (1996), S. 52 f.

[12] Vgl. Hyckyung (2005), S. 34

[13] Vgl. Joffe (2003), S. 18

[14] Vgl. Joffe (2003), S. 17

[15] Vgl. Hartmann (2006), S. 53

[16] Vgl. Geffken (2005), S. 31

[17] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 7

[18] Vgl. Hyekyung (2005), S. 34

[19] Vgl. Hyekyung (2005), S. 30

[20] Vgl. Kasper/Woywode/Kalmbach (2006), S. 7

[21] Vgl. Böhn/Bosch/Haas/Kühlmann/Schmidt (2003), S. 17

[22] Vgl. Joffe (2003), S. 20

[23] Vgl. Hartmann (2006), S. 54

[24] Vgl. Böhn/Bosch/Haas/Kühlmann/Schmidt (2003), S. 19

[25] Vgl. Hartmann (2006), S. 54

[26] Vgl. Chow (1994), S. 10

[27] Vgl. Böhn/Bosch/Haas/Kühlmann/Schmidt (2003), S. 20

[28] Vgl. Klenner (1981), S. 18

[29] Vgl. Hyekyung (2005), S. 35

[30] Vgl. Hyekyung (2005), S. 37

[31] Vgl. Hartmann (2006), S. 54

[32] Vgl. Böhn/Hartmann/Kühlmann/Schmidt (2003), S. 21

[33] Vgl. Hyekyung (2005), S. 41

[34] Vgl. Geffken (2005), S. 40

[35] Vgl. Reisach/Tauber/Yuan (2006), S. 29

[36] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 15

[37] Vgl. Reisach/Tauber/Yuan (2006), S. 29

[38] Vgl. Wegmann (1996), S. 72

[39] Vgl. Geffken (2005), S. 40

[40] Vgl. Wegmann (1996), S. 72

[41] Vgl. Pilny (2005), S. 102

[42] Vgl. Hotlbrügge/Puck (2005), S. 7 f.

[43] Vgl. Feng (1998), S. 52

[44] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 11

[45] Vgl. Kasperk/Woywode/Kalmbach (2006), S. 15 ff.

[46] Vgl. Geffken (2005), S. 37 f.

[47] Vgl. Joffe (2003), S. 55

[48] Vgl. Kraus (1989), S. 64 und Schmitt (1999), S. 302 f.

[49] Vgl. Joffe (2003), S. 61 ff.

[50] Zhao (1987), S. XVII

[51] Verfassung der VR China, Artikel 11; nach Heilmann (1997), S. 272

[52] Vgl. Joffe (2003), S. 71

[53] Vgl. Gutowski (1999), S. 17 f.

[54] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 15

[55] Vgl. Kasperk/Woywode/Kalmbach (2006), S. 9

[56] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 8

[57] Vgl. Kasperk/Woywode/Kalmbach (2006), S. 11

[58] Vgl. Faber (2006), S. 8

[59] Vgl. Roetz (2006), S. 58

[60] Vgl. Meisig (2005), S. 10

[61] Vgl. Holtbrügge/Puck (2005), S. 20

[62] Vgl. Nutzinger (2006), S. 118

[63] Vgl. Nutzinger (2006), S. 114

[64] Vgl. Nutzinger (2006), S. 154

[65] Vgl. Nutzinger (2006), S. 156

Details

Seiten
157
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836620178
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226219
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Wirtschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
china mittelstand entwicklung wirtschaft

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Titel: Die Bedeutung mittelständischer Unternehmen für die wirtschaftliche Entwicklung der VR China