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Multimediale Kunsttherapie im Rahmen einer Christlichen Lebensberatungsstelle

Diplomarbeit 2002 53 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Menschenbild

2. Kunsttherapie: Begriffsdefinitionen

3. Praxis: Kunsttherapie in der Einzelberatung
3.1 Atem und Klang
3.2 Wort als Therapie
3.3 Musiktherapie als sozial - kommunikatives Erfahrungsfeld
3.4 Kunsttherapie bei Streßpatienten

4. Praxis: Kunsttherapie in der Paarberatung

5. Praxis: Kunsttherapie in der Gruppenarbeit
5.1 Workshop: Begegnung
5.2 Workshop: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen
5.3 Workshop: Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung

6. Praktikum

7. Literaturverzeichnis

1. Gedanken zum Menschbild, das meiner Arbeit zugrunde liegt

In den heutigen Sozialwissenschaften findet das Bio-Psycho-Soziale Modell des Menschen eine weite Verbreitung. Dabei wird der Mensch aus drei Blickwinkeln beschrieben:

Bio : Somatischer Anteil

Psycho: Erleben und Verhalten

Sozial: Lebenssituation, Beziehungsnetz, KontroIle

Alle diese Bereiche sind untereinander verbunden und beeinflussen einander; jede versuchte Trennung kann nur ein Kunstgriff sein im Bemühen ein besseres Verständnis von der Komplexität des Menschen zu gewinnen. Mit dieser wissenschaftlichen Methode versucht man nun, den Mensch unter diesen drei Aspekten zu beschreiben:

Schematische Darstellung des Bio-psycho-sozialen Modell des Menschen:

Dieses Modell beschreibt eine Wirklichkeit, wie sie mit den derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln der naturwissenschaftlichen Forschung wahrgenommen werden können. Es beinhaltet, wie alle wissenschaftlichen Modelle, nur eine vorläufige, dem heutigen Stand der Erkenntnis entsprechende Ansicht.

Für eine Arbeit in sozialen Feldern ist dieses Menschenbild jedoch eine wichtige Hilfe. Es hilft wichtige Phänomene bei den Klienten wahrzunehmen, zu interpretieren und als Grundlage für eine Interventionen zu nutzen.

Der systemische Aspekt dieses Modells weist auch darauf hin, daß die einzelnen Teile untereinander verbunden sind, in Beziehung zueinander stehen. Es ist der Versuch eines ganzheitlichen Ansatzes.

Nach A.H. Maslow ist jedoch das Bedürfnis nach Transzendenz eines der vier existenziellen Grundbedürfnisse des Menschen. In jedem Lebensbereich begegne ich denn auch immer wieder den Fragen nach der Transzendenz, nach dem Sinn des Lebens, der Frage nach dem Woher und Wohin, nach Schuld und Erlösung. Trotz der Säkularisierung in den Industrienationen stellen diese Fragen, wenn die Not groß wird, für die meisten Menschen nach wie vor eine bedeutende Dimension dar. Hat man nur das Bio-psycho-soziale Modell zur Verfügung, werden diese Fragen dem psycho-sozialen Anteil zugeordnet.

In allen existenziellen Lebensfragen aber ist für mich die Grenze dieses Modells erreicht, das den Menschen in seinem transzendenten Zusammenhang nicht erfassen kann.

Um einen wirklich ganzheitlichen Ansatz zu erreichen, erweitern Fachleute dieses Biopsychosoziale Modell um die religiöse Dimension. Religiosität bzw. Spiritualität stellt ein eigenständiger und in gewisser Weise übergeordneter Bereich dar, der alle anderen Bereiche durchdringt und nicht unter eine der anderen drei Dimensionen subsummiert werden kann.

Ich möchte hier ein solches erweitertes Biopsychosoziales Modell eines Menschenbildes vorstellen, wie es Dr. med. René Hefti[1] von der Stiftung Ganzheitliche Medizin, Langenthal, und auch die Fachklinik De’Ignis in Egenhausen verwenden.

Aus obigem Schema ergeben sich drei grundsätzliche Interaktionsbereiche, die natürlich ineinandergreifen:

- die Religionspsychologie: Interaktion mit dem psychologischen Bereich, z.B. Beeinflussung des SW-Gefühls, des Selbstbildes, der Identität, Umgang mit Emotionen etc.
- die Religionssoziologie: Interaktion mit dem sozialen Bereich, Beziehungsgestaltung, Bedeutung der Ehe, der Familie, religiöse Sozialisation, soziales Netz, spirituelle Gemeinschaft, etc.
- die Religionsbiologie oder -physiologie, die Interaktion mit dem biologischen oder physiologischen Bereich.

2. Kunsttherapie: Begriffsdefinitionen

Sammelbegriff für ein[2] therapeutisches Verfahren, das mit Medien arbeitet, deren sich auch professionelle Künstler bedienen. Sie umfaßt das ganze Spektrum menschlichen Ausdrucks. Zu unterscheiden sind Therapieformen, die schwerpunktmässig mit einem Medium arbeiten, z.B. Musik-, Tanz-, Maltherapie, und der multimedialen Kunsttherapie, die mit mehreren Medien arbeitet.

Im Mittelpunkt kunstherapeutischer Arbeit steht der zum Ausdruck gebrachte, oft unbewußte, seelische Zustand des Klienten. Im Ausdruck werden innerpsychische Zustände oder Vorgänge in körperlichen Erscheinungen, Verhaltensweisen und Ergebnissen menschlicher Tätigkeiten wahrnehmbar. Die Aufarbeitung kunsttherapeutischer Prozeße wird durch den Ausbildungshintergrund und die Weltanschauung des Kunsttherapeuten beeinflußt.

Bedeutsam für die Kunsttherapie sind der „direkte Gefühlsausdruck“ eines Menschen durch verbale und nonverbale Äußerungen, wie auch der „künstlerische Ausdruck“ in Form von verbalen und nonverbalen Gestaltungen (Gestaltungsprozeß) durch verschiedene kreative Medien. Die Wechselwirkung zwischen beiden spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, so können „Gefühlsausdruck“ und „künstlerischer Ausdruck“ sich gegenseitig unterstützen. Ausdruckskompetenz und Wahrnehmung sind notwendige Bestandteile jeder Kommunikation und Beziehung und können heilsam verbessert werden.

2.1 Multimediale Kunsttherapie

In den letzten Jahren entwickelten sich Konzepte, die mehrere künstlerische Ausdrucksformen zusammen oder in Abfolge im therapeutisch-künstlerischen Prozeß einsetzen: z.B. Musik, Tanz, Malerei, Plastik, Literatur, Rollenspiele, Video, Masken.

Diese „multimediale“ Arbeitsweise wird durch begleitende Reflexion und theoretische Konzepte ergänzt. Ziel dieser Arbeitsweise ist es, die spezifischen Eigenschaften der verschiedenen kreativen Ausdrucksformen für den therapeutischen Prozeß zu nutzen und diese wirkungsvoll zu kombinieren.

Im Mittelpunkt dieser Arbeitsweise steht die Erweiterung des Handlungsspielraumes, der Zugang zu oft unbewußten Konflikten, aber auch Ressourcen, das Erweitern der Wahlmöglichkeiten in Einstellungen und Verhalten. Multimediale Kunsttherapie fördert eine alle Sinne umfassende Kommunikation; sie unterstützt die Integration unbewußter Inhalte und stimuliert das vernetzte Denken beider Gehirnhälften.

2.2 Gestaltungsprozeß

ist ein Wechselspiel von Wahrnehmung und Aktion, das unser Umfeld ordnet, formt und entspricht der Innenwelt der Gefühle und Gedanken, die auf der symbolischen Ebene ein „Probehandeln“ ermöglichen. Der bildnerische Prozeß an sich wirkt (selbst-) therapeutisch, weil er selbstformende, selbstregulierende, integrierende und harmonisierende Prozesse initiiert und fördert.

In diesem Geschehen entwickelt der Therapeut gemeinsam mit dem Klienten eine kreative Sprache, um dessen Ausdrucks- und Mitteilungsmöglichkeiten zu erweitern. Wo neue Ausdrucksmöglichkeiten entstehen, wächst die Fähigkeit, bisher Unbewußtes, Abgespaltenes oder Verdrängtes bewußt zu machen und zu integrieren. Durch diese Förderung des kreativen Potentials werden neue Bewältigungsstrategien und Lösungsmöglichkeiten gefunden.

Im Vergleich zu Behandlungsmethoden in der Medizin und anderen Psychotherapiemethoden, entspricht dieser Ansatz nicht der Symptombehandlung, sondern der Stärkung von Selbstregulativen Systemen, die es dem Menschen ermöglichen, selber seinen ureigensten Weg ent-decken, er-finden und gehen zu lernen.[3]

2.3 Kreativität

ist ein Persönlichkeitsmerkmal[4], das die Lebensgestaltung und –bewältigung grundlegend mitbestimmt und im Lebensvollzug mit seelischen Gesundheit gleich gesetzt wird.

Etwas Neues, bisher nicht Gedachtes zu denken, zu tun und zu gestalten und Dichotomien in Einheiten aufzulösen, zu integrieren, das ist Kreativität.

Kunst und Kreativität werden von Kohut[5] nicht nur als eine Möglichkeit zur Spannungsminderung, sondern auch der Ich-Stärkung angesehen.

Winnicott: „Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, daß das Leben lebenswert ist.“ [6]

In der Kunsttherapie wird Wachstum, Fähigkeit zur Interaktion und Kommunikation, Selbstaktualisierung mit kreativen Medien stimuliert und trainiert.

2.4 Synästhesie

Die Stimmulierung eines Sinnes ruft entsprechende Empfindungen auch in einer anderen Stimmulations-modalität hervor. z.B. Farbenhören: Klänge evozieren gleichzeitig mit der auditiven Wahrnehmung das visuelle Bild einer Farbe. Andere Querverbindungen wie z.B. Hören/Tasten, Sehen/Riechen, ...entspricht dem amodalen (nicht auf einen Sinn eingegrenzten) Wahrnehmungsmodus des Kleinkindes. An dieser Stelle erinnern wir uns an die Worte Jesu: „... wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, ...“

Es ist dies die Fähigkeit – die mit einer Sinnesmodalität aufgenommene Information in eine andere Sinnesmodalität übersetzen zu können. [7]

„Kreuzmodale Assoziationen“ [8] sind eigentlich eine Basis unseres Denkens, die von einer abstrakteren Ebene überlagert, auf einer unbewußten Ebene ablaufen.“

In der multimedialen Kunsttherapie wird die Synästhesie und die Kreuzmodale Assoziation mit dem „intermedialen Transfer“ stimuliert, tiefe (frühe) Schichten der Psyche angesprochen und Selbstheilungsprozesse eingeleitet.

2.5 Intermedialer Transfer

In einem bestimmten Ausdrucksmedium arbeiten und dann direkt zu einem anderen Medium übergehen, wobei die Erfahrungen und Ergebnisse des vorangegangenen Prozesses miteinbezogen werden. (Paolo Knill, 1979,82)

2.6 Intermediale Verstärkung

kann dazu dienen, Erlebnisse der Wahrnehmung und des „Begreifens“ zu intensivieren, in Berührung mit bisher unentdeckten seelischen Inhalten zu kommen, möglicherweise eine umfassende Katharsis (Läuterung) zu erreichen.

3. Praxis: Kunsttherapie in der Einzelberatung

Wenn Menschen mit anderen Menschen Probleme haben, bietet sich in der integrativen Arbeit einer Lebensberatungsstelle Multimediale Kunsttherapie als Möglichkeit an, solche Beziehungsschwierigkeiten[9] genauer anzusehen.

Kunsttherapeutische Methoden ermöglichen ein Probehandeln, ein Ausprobieren von Versuch und Irrtum, geben Raum für eigenes kreatives Suchen und er-finden von Problemlösungsmöglichkeiten, geben Raum für eigenes Schaffen im umfassenden Sinn und lassen eigene Ressourcen wieder aufsteigen und erkennbar werden.

3.1 Atem und Klang

Näphäsh (hebr.) = Seele im Sinne von Rachen, Gurgel, Kehlkopf, Stimmapparat

Im Rachenraum entsteht die Stimme, mit der der Mensch Kommunikation aufnehmen kann mit dem Schöpfer und seinen Mitmenschen; zugleich ist der Rachenraum engstens verbunden mit dem Hörorgan, das zum Hören, Horchen, Ge-horchen dient.

Unser ganzes materialhaftes Dasein ist Schwingungskörper, ist Resonanzraum für den Atem, der, von Gott geschenkt, über unsere Stimmbänder streicht und uns zum Klingen bringen will – als „ein Gott Antwortender“- als unsere Bestimmung.

ÜBUNG: Atmen

Ruach (hebr.), der Atem ist der existenziellste Ausdruck unserer Lebendigkeit.

Atmen – um in das Hier und Jetzt zu kommen, dem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit - das kann einen katarrthischen Prozeß einleiten.

Entspannungsübung: Leise Hintergrundmusik „In the Beginning“, Simeon & John.

Wir suchen uns einen Ort in diesem Raum, an dem wir uns für eine Weile wohlfühlen können und lassen uns nieder, strecken uns aus und finden eine Körperhaltung, in der wir möglichst entspannen können.

Anleitung zu einer christlichen Meditation:

„Als Gott den Menschen schuf, hauchte ER ihm seinen lebendigen Odem ein und der Mensch ward eine lebendige Seele. Gottes Odem also ist es, der uns zu einer lebendigen Seele macht; nimmt ER ihn zurück, sind wir alle tot. Durch unser Atmen sind wir also alle mit dem lebendigen Gott verbunden.

Stellen sie sich vor, sie atmen dieselbe Luft ein wie ER, der Herr aller Schöpfung.

Mit diesem schönen Gedanken können wir also wirklich tief einatmen, so tief wie wir nur irgendwie können, und uns Lebendigkeit holen, Kraft und Freude, Mut und Hoffnung, uns auftanken, unsere Lungen, unser Herz, unser Bauch, bis hinunter in unseren Beckenboden darf seine Lebendigkeit kommen und uns füllen mit Sauerstoff und Vertrauen; Gottes Fülle ist leicht, ohne Mühe wird sie geschenkt.

Im Ausatmen lassen wir los, all das, was uns schwer ist, was uns zuviel ist, was uns Angst und Sorge macht, den Ärger mit unserem Nächsten, die Mühen mit unseren Kindern und Ehemännern oder Vorgesetzten, bei Gott dürfen wir alles abladen, und leicht werden.

FALLGESCHICHTE

Ein 55 jähriger Geschäftsmann erzählt : „Wenn ich nach Hause komme, gestreßt, verspannt und erschöpft, bin ich unfähig, mich meiner Frau und meiner Familie zu widmen, so gerne ich das auch vom Kopf her möchte.

Nun habe ich gelernt, wie ich mich als Christ entspannen kann. Nach dieser Atem – Meditation fühle ich mich wie neu geboren. Alle meine Last habe ich auf Jesus geworfen; ich weiß, er sorgt für mich. Neue Kraft und Zuversicht, Leichtigkeit, Freude und Lebendigkeit erfüllen mich bis hinein in meine Fußspitzen und ich darf mich meinen Mitmenschen wieder zumuten.“

3.2 Wort als Therapie

„Ihr seid schon rein [10] um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ (Joh. 15,3). Das Wort, das durch ein weises Herz gegangen ist, das aus der rechten Gehirnhälfte kommt. Das Wort das mit Bedacht geformt worden ist. Das Wort ist eine Kunst, die heilen kann.

Durch diesen Gestaltungsvorgang werden die Einbildungskraft und die Gedanken in eine Sprache übersetzt, deren Bestandteile nicht nur linear informieren, sondern die durch Wiederholung, Auslassung, bildhafte Umschreibung die Phantasie des Lesers oder Hörers aktivieren. Dies entspricht dem, was Watzlawick als „die Sprachstrukturen der rechten Gehirnhälfte“ bezeichnet.[11]

In allen alten Kulturen war die Rhetorik ein wichtiger Bestandteil der richtigen Lebensweise – ein Bereich, der damals für die Gesundheit als ebenso wichtig angesehen wurde wie Medizin und Chirurgie. Die Literatur war eine Hilfe für die Lebenden (ars vivendi) und für die Sterbenden (ars moriendi). Bevor es geeignete Betäubungsmittel gab, war es üblich, bei Operationen Stellen aus den Evangelien oder den Psalmen vorzutragen.

ÜBUNGEN: Synästhesie – Vom Klang zum Wort

Wir entspannen uns bei Flötenmusik: „A world out of time“ Henry Keiser und D. Landley

- Assoziationen in einer Schale sammeln – Licht drauf fallen lassen

Was kommen mir für Bilder ? Ich halte meine Hände über meinen Kopf und forme eine Schale, sammle dort meine Empfindungen in Bildern, beobachte, wie ein Lichtstrahl vom Himmel in diese Schale fällt, nehme alles ganz wachsam war – präverbal – und transponiere dieses Empfinden in ein anderes Medium –(Synästhesie). Welches sind die Bilder, die mir zukommen?

Male diese Bilder auf ein großes Blatt Papier; wende dich um und schreibe ein Gedicht:

FALLGESCHICHTE: Eine Frau schreibt:

„Weite, Leichtigkeit, Heiterkeit, Licht –

alles, was hier wichtig erscheint

ist entschwebt wie die Morgennebel über dem Fluß

Licht durchflutet die Landschaft

Strom Mäander gleißen in unberührbarer Selbstverständlichkeit

Musik vibriert durch den Raum

ich bin

oder auch nicht

es ist alles da, grenzenlose, lichtdurchflutete Weite

ich bin Teil davon

sind nicht auch Hirten mit Schafen auf den Hängen ?

der Klang ihrer Flöten klingen so süß

wie Klänge aus dem Friedensreich

das schon immer da ist.“

THERAPIE: In der verbalen Aufarbeitung formuliert diese Frau:

„Als ich dieser Musik lauschte, das Atmen, die Entspannung, das hören und das singen – und diese Flötenmusik wie aus einer reineren Welt, wußte ich plötzlich, daß ich nun meine seit Jahren verschleppte Beziehungssucht überwinden konnte.

Hier erhaschte ich einen langgesuchten Einblick in eine Welt, die vorher war, die Welt vor dem Sex und der Hoffnung auf ideale Zweierschaft, Seelenverwandtschaft mit dem, mit dem man Tisch und Bett teilte. Mit dieser Musik und dem Atmen und Singen könnte ich die Angst vor dem Steckenbleiben in Einsamkeit und Hilflosigkeit überwinden.

Hier hatte ich etwas viel schöneres, reineres, gefunden, unabhängiges von diesen Idealisierungen menschlicher Beziehungen – und erlebte, daß diese hohen, reinen Klänge ja immer schon da waren – immer da sind. Hier fing ich an, sie wieder zu hören.“

THEORIE: die lustbesetzteren Bilder ermöglichen das Loslassen der weniger lustbesetzten. Erst aber muß ein Neues dasein, um das Alte loslassen zu können.

3.3 Musiktherapie als kreatives, emotionales, sozial-kommunikatives Übungs- und Erfahrungsfeld:

In einem mehr oder weniger offenen Handlungsraum wird mit Hilfe der freien Instrumentalimprovisation zunächst „eine der größten Ängste, die Angst vor dem Falschmachen“ genommen. Die Fixierung der Aufmerksamkeit auf das musikalische Produkt wird damit aufgelockert und der Perfektionismus sowie die Leistungsorientierung allmählich geringer. Dadurch kann der medizinisch-therapeutische Auftrag einer Verhaltensbeeinflussung im Patient-Therapeut-Dialog (auch in der Gruppe) erfolgen. Dabei kann idealtypisch folgende Sequenz von Erlebnis- und Therapieschritten beschrieben werden:

1. In einer optimalen Hör- und Spielbereitschaft vorbereitenden entspannten und gleichzeitig konzentrativen Stimmung wird dem Patienten ein leicht überschaubares und spielbares Tonmaterial geboten.
2. Im gesammelten Verweilen beim vom Patienten selbst produzierten Ton- und Klangphänomen entstehen durch Abwarten oder Anregen Impulse zum Spielen.
3. Dieses mit eingeschalteten Reflexionen frei improvisierende Spielen, das eine Verbindung mit anderen Gestaltungsbereichen (Bewegung, Tanz, usw.) erlaubt, berücksichtigt dann spezielle therapeutische Zielsetzungen.
4. Beim „Üben ohne Übung“ der individuellen Schwerpunkte (Selbstwerterhöhung, Spontaneität, Flexibilität, Produktivität) und der sozialen Zielsetzungen (Kommunikation, Durchsetzen und Anpassen, gemeinsames Gestalten und verantwortliches Führen) geht der Therapeut immer mehr in die Rolle des „Zuhörers“ bzw. „Partners“ über.
5. Die neu erlernten Einstellungen, Erlebens- und Verhaltensweisen werden schrittweise von der therapeutischen Modellsituation auf die Bereiche Familie und Beruf erweitert und dort geübt.

Die dabei meist ausgelöste emotionale Betroffenheit läßt den Patienten wieder in Kontakt mit sich selbst und seiner Problematik kommen, die verbale Ausdrucksfähigkeit beleben und dadurch mithelfen, einen klärenden Aufarbeitungsprozeß einzuleiten.

Unter dem Leitgedanken „Üben ohne Übung“ wird die Vermittlung persönlichkeitseigener Aktivitäten und die neu zu erlernende und zu erlebende Einstellung zum Aktivitätsvollzug angestrebt. „Die dabei gewonnene Selbsteinsicht durch Überwindung von Hemmungen, Angst und der Tendenz zur Perfektion ist hier ebenso ein positives Kriterium wie die geglückte Sammlung oder die erworbene Gelassenheit.“ (Schmölz 1973)

[...]


[1] RELIGIOSITÄT, Handicap oder Bewältigungsstrategie, Religionspsychologische Aspekte in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Skripten zum Seminar 2002

[2] aus einem Arbeitspapier der Ausbildung zum Multimedialen Kunsttherapeuten im ÖAGG VerfasserInnen: Stella Mayr, Andy Chicken, Sigrid Schneider-Sommer, Thomas Mayr,

[3] Literatur dazu: SCHOTTENLOHER, Gertraud,,: Weg als Ziel: Bildnerisches Gestalten als Therapie ?

in: „Wenn Worte fehlen...“ Kösel Verlag, München, 1994 S. 38

[4] vgl.: CHICKEN, Andy,: Seminarunterlagen zur Ausbildung für Multimediale Kunsttherapeuten, S. 1

[5] KOHUT, Heinz,: Die Heilung des Selbst, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1993, S. 31

[6] WINNICOTT, D.W.: Vom Spiel zur Kreativität, Klett-Cotta, Stuttgart, 1989, S. 78

[7] STERN, Daniel, N. Die Lebenserfahrung des Säuglings, Klett-Cotta, Stuttgart 1994, S. 79

[8] CYTOWIC, Richard, E.: Farben hören, Töne schmecken, ... DTV, München, 1995, S. 119

[9] vgl.: SCHMEER, Gisela: in KRAUS, Werner: „Die Heilkraft des Malens“ Beck‘sche Reihe, München 1998

[10] vgl. MURET, a.a.O., S. 147f

[11] WATZLAWICK, Paul: Die Möglichkeit des Andersseins, Huber, 1986 1969 entstand in New York eine Vereinigung für Poesietherapie (Ass. for Poetry Therapy), 1977 in Columbus (Georgia) das Bibliotherapy Research Institute. Die Bibliotherapie wird als zusätzliches Hilfsmittel in der medizinischen und psychiatrischen Behandlung eingesetzt. Sie besteht in einer geleiteten Lektüre von Texten.[11]

Details

Seiten
53
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783836619394
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226144
Institution / Hochschule
Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik – Multimediale Kunsttherapie
Note
1
Schlagworte
menschenbild kunsttherapie atem klang musiktherapie paarberatung gruppenarbeit

Autor

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Titel: Multimediale Kunsttherapie im Rahmen einer Christlichen Lebensberatungsstelle