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Psychische Gewalt in der Erziehung und die Prävention durch Elternbildung

Diplomarbeit 2006 160 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Der Gewaltbegriff
2.1 Definition
2.2 Begriffsabgrenzungen
2.2.1 Gewalt und Aggression
2.2.2 Aggression und Aggressivität
2.3 Gewaltformen
2.4 Zusammenfassung

3. Psychische Gewalt
3.1 Definition
3.2 Formen psychischer Gewalt
3.2.1 Ablehnung
3.2.2 Überforderung
3.2.3 Überbehütung
3.3 Psychische Gewalt als entwicklungshemmende Erziehung
3.4 Uraschen psychischer Gewalt
3.4.1 Stress- und Konfliktsituationen
3.4.2 Beziehungsprobleme
3.4.3 Unbefriedigte Bedürfnisse von Eltern
3.5 Charakteristische Merkmale von Familien misshandelter Kinder
3.5.1 Das psychopathologische Erklärungsmodell von Kindesmisshandlungen
3.5.2 Gemeinsame Merkmale misshandelnder Eltern
3.6 Die Auswirkungen psychischer Gewalt
3.7 Zusammenfassung

4. Erziehung
4.1 Definition
4.2 Erziehungsmittel
4.2.1 Das elterliche Vorbild
4.2.2 Strafe
4.2.3 Psychische Gewalt als Erziehungsmethode am Beispiel der Schwarzen Pädagogik
4.3 Theoretische Erziehungsstil – Konzepte
4.3.1 Der autoritäre Erziehungsstil
4.3.2 Der Laissez faire Erziehungsstil
4.3.3 Der demokratische Erziehungsstil
4.3.4 Die autoritative Erziehung
4.4 Die Person des Erziehers
4.4.1 Die Bedeutung eigener Kindheitserfahrungen
4.4.2 Verborgene Gefühle aus der Kindheit und ihre Auswirkungen
4.4.3 Das Weitergeben eigener Diskriminierung
4.4.4 Selbstreflexion und Selbsterziehung
4.5 Zusammenfassung

5. Die Bedürfnisse von Kindern
5.1 Seelische Grundbedürfnisse von Kindern
5.1.1 Das Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung
5.1.2 Das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung
5.1.3 Das Bedürfnis nach Expansion und Exploration
5.2 Bedürfnisbefriedigung durch eine entwicklungsfördernde Erziehung
5.3 Folgen unbefriedigter Bedürfnisse
5.3.1 Urvertrauen und Urmisstrauen
5.3.2 Psychische Deprivation
5.4 Verhaltensstörungen
5.4.1 Definition von Verhaltensstörung
5.4.2 Formen von Verhaltensstörungen
5.5 Zusammenfassung

6. Faktoren des Entwicklungsgeschehens
6.1 Entwicklungsphasen
6.1.1 Die Trotzphase
6.1.2 Erzieherische Fehlhaltungen
6.2 Kindliche Widerstandskraft
6.2.1 Die Kauai Studie
6.2.2 Schützende Faktoren
6.3 Der Beitrag von Umwelt und Genen an der kindlichen Entwicklung
6.3.1 Die Wechselwirkung von Genen und Umwelt
6.3.2 Die Bedeutung der Umwelt für die kindliche Entwicklung
6.4 Zusammenfassung

7. Prävention und Elternbildung
7.1 Prävention
7.1.1 Definition
7.1.2 Präventionsformen
7.2 Elternbildung
7.2.1 Definition
7.2.2 Zielsetzung und Aufgabe von Elternbildung
7.2.2.1 Wissensvermittlung
7.2.2.2 Selbsterfahrung
7.2.2.3 Prävention psychischer Gewalt
7.4 Der Elternkurs des deutschen Kinderschutzbundes: Starke Eltern, starke Kinder
7.5 Zusammenfassung

8. Schluß

9. Bibliographie

1. Einleitung

1.1 Hinführung zum Thema

„Ich schütze nur, was ich liebe.

Ich liebe nur, was ich kenne.

Ich kenne nur, was ich wahrnehme.

Ich nehme nur wahr,

was für mich Bedeutung hat,

…und diese Bedeutung vermitteln Erwachsene den Kindern“

(Knauer /Brandt 1995, 14).

Kinder in ihrem Leben zu begleiten, gehört zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Art und Weise, wie Eltern ihre Kinder behandeln, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welches Selbstbild Kinder entwickeln, wie sie mit sich und anderen Lebewesen umgehen und infolgedessen auch, wie die Welt von morgen aussehen wird. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist eine der grundlegendsten und kritischsten sozialen Beziehungen. Dieses Verhältnis ist nicht immer normal oder gesund, da es Eltern gibt, die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln, sich nur unzureichend um sie kümmern und ihre Zuneigung ihnen gegenüber nicht ausdrücken (vgl. auch Zimbardo 1983). Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder gilt, dass alle Lebenserfahrungen – seien sie bewusst oder unbewusst - ihre Wirkungen hinterlassen. Dies gilt insbesondere für die Erfahrungen, die ein Mensch in der Kindheit mit seinen Bezugspersonen macht. Da die Persönlichkeit eines Menschen während seiner Entwicklung durch äußere Einwirkungen entscheidend geformt wird, können seelische und körperliche Verletzungen die Persönlichkeitsentwicklung und den weiteren Lebensweg eines Menschen nicht unbeeinflusst lassen. Jedes Kind hat - laut § 1631, 2 BGB[1] - das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Das bedeutet, dass neben körperlichen Bestrafungen auch seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind. In der vorliegenden Arbeit möchte ich einen Bereich aus dem Komplex Gewalt und Familie thematisieren. Während meiner Literaturrecherche wurde deutlich, dass Gewalt häufig auf den physischen Aspekt beschränkt wird, der leichter ins Auge fällt.

Die seelische Gewalt in der Erziehung stellt ein kaum beachtetes Phänomen dar. Sie wird nicht nur in der Literatur sehr spärlich behandelt und häufig nur am Rande erwähnt, sondern auch die Gesellschaft ist kaum sensibilisiert und es herrscht nur wenig Bewusstheit über diese Problematik. Da gerade dieses vernachlässigte Thema - nicht nur als angehende Pädagogin, sondern auch als Mutter eines kleinen Sohnes - mein Interesse weckte, stellt die psychische Gewalt in der Erziehung den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar.

1.2 Aufbau der Arbeit

Es handelt sich um eine reine Literaturarbeit, da die psychische Kindesmisshandlung ein vielschichtiges, komplexes und empirisch methodisch sehr schwer fassbares Thema ist. Infolgedessen stellt sich die Frage, ab wann man von seelischer Gewalt sprechen kann und wo die Grenze zu gerechtfertigten Erziehungsmaßnahmen liegt? Kann einem derartigen Phänomen, welches so schwer greifbar und kaum offenkundig ist, überhaupt vorgebeugt werden? Und auf welche Art und Weise lässt sich dies erreichen? Die anschließenden Kapitel dienen dazu, diesen Fragen auf den Grund zu gehen und eine Antwort darauf zu finden. Zunächst wird erläutert, was man ganz allgemein unter dem Begriff Gewalt versteht und in welche Gewaltformen er sich unterteilen lässt. Zudem soll die psychische Gewalt von anderen Formen der Kindesmisshandlung abgegrenzt werden (Kapitel 2). Im Folgenden wird dargelegt, wie sich psychische Gewalt im elterlichen Verhalten äußern kann, aufgrund welcher möglichen Ursachen es zu seelischen Misshandlungen kommen kann und wie sich das auf die Entwicklung und das Verhalten von Kindern auswirkt (Kapitel 3). Im nächsten Kapitel geht es darum, wie die psychische Gewalt in der Erziehung zum Ausdruck kommt. Es werden zunächst häufig praktizierte Erziehungsmittel sowie die verschiedenen Erziehungsstilkonzepte beschrieben, um der Frage nachzugehen, bei welchen Erziehungsstilen und mit welchen Maßnahmen psychische Gewalt ausgeübt wird. Außerdem möchte ich in diesem Kapitel auch auf die Person des Erziehers eingehen. Ich werde mich konkret damit beschäftigen, welche Bedeutung dessen eigene Kindheitserfahrungen für die Beziehung zu den eigenen Kindern haben und wie sich verborgene Gefühle aus frühen Jahren auf die Kinder auswirken können. Im Rahmen dieser Fragestellung sind auch die Bedürfnisse von Kindern bedeutsam. Deren seelische Bedürfnisse sowie die Folgen bei unzureichender Befriedigung werden in Kapitel 5 thematisiert.

Kapitel 6 handelt insbesondere davon, welche Faktoren am Entwicklungsgeschehen von Kindern mitwirken. Es wird auf die Resilienz von Kindern eingegangen und anschließend darauf, welche Bedeutung die Umwelt für die kindliche Entwicklung hat. Im letzten Kapitel (7) geht es darum, wie seelischer und physischer Misshandlung vorgebeugt werden kann. Das Verhindern von Gewalt gehört zu den zentralen Aufgaben der pädagogischen Praxis. Daher soll die Elternbildung beispielhaft als eine Präventionsmöglichkeit dargestellt werden. Ihre Aufgabe besteht allen voran in der Unterstützung der elterlichen Erziehungskompetenz durch die Wissensvermittlung über kindliche Entwicklungsphasen und Bedürfnisse von Kindern.

2. Der Gewaltbegriff

„Der Begriff Gewalt (eine Bildung des althochdeutschen Verbes walten, bzw. waltan – stark sein, beherrschen) bezeichnet von seiner etymologischen Wurzel her das `Verfügen - können über das innerweltliche Sein`. Er bezeichnet ursprünglich also rein das Vermögen zur Durchführung einer Handlung und beinhaltet kein Urteil über deren Rechtmäßigkeit.“[2]

Auch Kleber (2003, 23) weist darauf hin, dass der Gewaltbegriff zunächst eine neutrale Bedeutung hat. Er differenziert den Gewaltbegriff in drei unterschiedliche Bedeutungen:

a) ein „Recht“, Staatsgewalt, elterliche Gewalt, Macht, ordnende Gewalt (potestas) im Sinne eines Macht- und Herrschaftsverhältnisses;

b) Energie, Kraft, Stärke, z.B. Naturgewalt, körperliche Kraft (vis);

c) Verletzendes oder gewalttätiges Handeln gegenüber Personen oder Sachen (violentia).

Der Gewaltbegriff ist sehr ambivalent und hat mehrere Bedeutungen. Im Lateinischen (wie auch im Englischen und Französischen) wird die positive Form von Gewalt (potestas) von der negativen Gewalt (violentia) unterschieden.[3] Mit „violentia“ ist immer eine physische Einwirkung und die Schädigung einer Person gemeint, während „potestas“ eher das Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen darstellt. In der deutschen Sprache werden beide Aspekte vereinigt, wobei im alltäglichen Sprachgebrauch eher die negative Erscheinungsform von Gewalt im Vordergrund steht (vgl. Sommer 2002). Diese beruht auf Handlungsweisen, die durch Anwendung von physischem oder psychischem Zwang auf die Schädigung von Menschen abzielt.[4] Obwohl Gewalt hauptsächlich negativ betrachtet wird, sollen ihre positiven Anteile nicht unerwähnt bleiben. Im positiven Sinne bedeutet dieser Begriff „sich behaupten“ und „gegen andere durchsetzen“ zu können und impliziert somit eine naturgegebene und rechtmäßige Macht. Einen einheitlichen und allgemein akzeptierten Gewaltbegriff gibt es nicht. Seine Verwendung variiert in Abhängigkeit von dem jeweiligen Erkenntnisinteresse und je nach theoretischen Hintergrund werden verschiedene Gewaltbegriffe verwendet. Zudem hängt es auch von der subjektiven Betrachtungsweise jedes Menschen ab, wie er Gewalt definiert (vgl. Kleber 2003; Hörmann/Rapold 2004)[5].

2.1 Definition

„Gewalt im negativen Sinne wird häufig als schädigende Einwirkung auf andere verstanden. Als Gewaltformen werden psychische oder physische, personale oder strukturelle, statische oder dynamische sowie direkte oder indirekte unterschieden (…) Ein enger Gewaltbegriff, auch als `materialistische Gewalt` bezeichnet, beschränkt sich auf die zielgerichtete, direkte physische Schädigung einer Person, der weiter gefasste Gewaltbegriff bezeichnet zusätzlich die psychische Gewalt (etwa in Form von Deprivation, emotionaler Vernachlässigung, verbaler Gewalt) und in seinem weitesten Sinn die `strukturelle Gewalt`“.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Darstellung verschiedener Gewaltformen (Kleber 2003, 28; vgl. auch Hörmann/Rapold 2004, 3).

Wie in der vorhergehenden Abbildung deutlich wird, unterscheidet auch Kleber (2003) zwischen einem engen und einem weiten Gewaltbegriff. Während die enger gefasste Definition von Gewalt nur die körperliche Schädigung beinhaltet, bezieht der weiter gesetzte Gewaltbegriff auch die strukturelle und die psychische Gewalt mit ein. In seinem Schaubild differenziert Kleber zunächst zwischen struktureller und personaler Gewalt. Unter struktureller Gewalt wird jegliche Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung durch die sozialen Verhältnisse (z.B. durch Armut) verstanden. Hier tritt niemand in Erscheinung, der einem anderen direkt Schaden zufügt, sondern Gewalt ist in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folglich auch in ungleichen Lebenschancen.[7] Die personale Gewalt dagegen bezeichnet das individuelle gewalttätige Handeln. Sie wird wiederum unterteilt in physische und psychische Gewalt. Auch Galtung (1975)[8], der als Begründer des Konzepts der „strukturellen Gewalt“ gilt, versteht unter Gewalt nicht nur die direkte physische Einwirkung von außen, sondern jegliche Einschränkung der Möglichkeiten eines Menschen durch Strukturen. Nach seiner Definition ist Gewalt

„…jener Faktor, der eine mögliche Selbstverwirklichung verhindert und dann vorliegt, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre aktuelle potentielle Verwirklichung.“

Durch Gewalt werden Menschen daran gehindert, sich selbst zu verwirklichen und ihr Potential auszuschöpfen. Nicht nur durch die physische Machtausübung erfahren Personen eine Beeinträchtigung, sondern auch durch andere Gewaltformen, insbesondere durch die psychische Gewalt, die als eine Form von personaler Gewalt im Vordergrund der vorliegenden Arbeit steht. Psychische Gewalt ist ein Phänomen der Gesellschaft, von dem nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene betroffen sind. So kann sie z.B. zwischen Ehepartnern oder Arbeitskollegen stattfinden (vgl. Hirigoyen 2002). Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass psychische Gewalt auch in Institutionen verübt werden kann wie z.B. in der Schule[9]. Es würde jedoch den gesetzten Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf all diese Faktoren einzugehen.

Was die Gewalt gegen Kinder betrifft, gibt es diese in vielen Erscheinungsformen. Bevor ich einige dieser Misshandlungsformen darstelle, werde ich zunächst eine Abgrenzung der häufig synonym verwendeten Begriffe „Gewalt und Aggression“ sowie „Aggression und Aggressivität“ vornehmen.

2.2 Begriffsabgrenzungen

2.2.1 Gewalt und Aggression

In der Literatur sind viele verschiedene Definitionen von Gewalt und Aggression zu finden, wobei auf eine Differenzierung der beiden Begriffe oft völlig verzichtet wird. Für beide Wortbedeutungen existiert keine eindeutige und allgemeingültige Definition, aber es gibt bestimmte Komponenten, die in den unterschiedlichsten Erklärungen immer wieder auftreten. Gewalt und Aggression beinhalten ein großes Spektrum von Gefühlsäußerungen und Verhaltensweisen. Sie sind schwer voneinander abgrenzbar und nicht gleichzusetzen. Für den Gewaltbegriff sind vor allem die beiden Kriterien der Grenzüberschreitung sowie der bewussten Schädigung entscheidend. Gewalt ist ein Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, die individuellen Grenzen einer Person zu überschreiten. Mit einem Menschen wird etwas getan, was er nicht will und sein Wille wird durch die Ausübung von Macht gebrochen. Zudem wird Gewalt als beabsichtigte Verhaltensweise angesehen, deren Ziel es ist, einem anderen zu schaden. Aggression dagegen meint eine dem Menschen innewohnende Disposition oder Energie. Demnach müssen sich Aggressionen nicht immer in Verhalten äußern und müssen nicht immer Auslöser für Gewaltakte sein. Die Differenzierung zwischen Verhaltens- und Gefühlsebene in Bezug auf Aggression macht eine Unterscheidung zwischen Aggression und Gewalt möglich. Wird Aggression als ein Gefühl verstanden, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Die destruktivste Form mit diesem Gefühl umzugehen ist die Gewalt (vgl. Korn/Mücke 2000). Sie ist eine Teilmenge der Aggression, die sich vornehmlich in deutlich antisozialen, scharfen Ausprägungen äußert. In Beschränkung auf die Aggression zwischen Menschen, ist Aggression jedes absichtlich ausgeführte körperliche Handeln, welches verletzt oder gar zerstört. Dazu gehören allerdings auch psychische Aggressionen wie Drohungen oder andere verbale Angriffe.

Gewalt bildet die noch extremere und gesellschaftlich nicht mehr akzeptierte Form der Aggression. Als Besonderheit bei Gewalt wird die Anwendung von Zwang angesehen, durch den anderen Menschen vorsätzlich Schaden zugefügt werden soll.[10] Kleber (2003, 30) differenziert zwischen einem weiten und einem engen Aggressionsbegriff. Die erste Bedeutung von Aggression, die vom lateinischen „agredi“ (aktives oder tatkräftiges Zugehen) abgeleitet wird, ist eine normale, zielgerichtete Aktion, ein Durchsetzungswille, der ein gesunder und positiver Bestandteil der Persönlichkeit ist. Diese Form von Aggression ist angeboren und gehört zur Natur und zum biologischen Erbe des Menschen. Dieser steht die feindselige Aggression gegenüber, die ein schädigendes Angriffsverhalten bezeichnet (vgl. auch Pöldinger 1995).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Weiter und enger Aggressionsbegriff (Kleber 2003, 30).

Die Aggression bei Kindern betreffend unterscheidet Cierpka (2005, 18) ebenfalls eine konstruktive und eine destruktive Form:

„Der erstere (sic!) Aggressionstyp basiert auf einem ausgeprägten inneren Drang - der schon bei Kindern unter sechs Monaten zu finden ist -, die Umgebung zu erkunden und sich durch sensomotorische Aktivitäten gegenüber der Umwelt zu behaupten. Anders verhält es sich bei der feindseligen Aggression, die nicht spontan, sondern als Folge von starken Unlust- oder Frustrationserlebnissen entsteht.“

Auch Nissen (1995) ist der Ansicht, dass die feindselige Aggression immer die Existenz einer Frustration voraussetzt, und umgekehrt führt eine Frustration immer zu irgendeiner Form von Aggression. Das Zeigen destruktiver Verhaltensweisen stellt eine Reaktion auf Ängste, Frustrationen oder Versagungen dar. Überall wo Angst, Ausweglosigkeit und Verzweiflung herrschen, sind aggressive Handlungsweisen gegen andere sowie gegen sich selbst möglich.

Zusammenfassend lassen sich zwei Formen der Aggression unterscheiden: Die Selbsterhaltungsaggression ist angeboren und dient der Verteidigung, der Ermittlung der eigenen Grenzen sowie dem Erhalten von Sicherheit und Selbstwertgefühl. Die destruktive Aggression dagegen meint schädigendes Verhalten, das den Zweck hat, durch Leidzufügen materiellen Gewinn, Anerkennung und Macht sowie innere Befriedigung zu erreichen. Ein ausgewogenes Aggressionspotential gehört zu den ganz normalen Bewältigungsstrategien von Menschen. Die Aggression hat hierbei die Funktion der Erhaltung der Selbstachtung sowie der Erhaltung des seelischen Gleichgewichts (vgl. auch Petermann/Petermann 1978).

2.2.2 Aggression und Aggressivität

Auch die Begriffe Aggression und Aggressivität werden häufig synonym verwendet, bedeuten aber nicht dasselbe. Aggression als Verhalten bezeichnet einen verbalen oder tätlichen Angriff auf andere Lebewesen oder Dinge, während Aggressivität die relativ überdauernde Bereitschaft zu Aggressionen darstellt.[11] Ebenso definiert Selg (1974)[12] Aggressivität als

„…eine relativ überdauernde Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen. Es handelt sich demnach bei der Aggressivität um eine zur Gewohnheit gewordene aggressive Haltung, die eine Grundstimmung im Fühlen, Denken und Handeln einer Person darstellt und aggressive Handlungen in Kombination mit besonderen Situationen ermöglicht.“

Während also Aggression als ein physisches, verbales oder nonverbales Verhalten, mit der Absicht zu verletzen oder zu zerstören, angesehen wird, deren Erscheinungsformen vielfältig sein können, meint Aggressivität eine Persönlichkeitseigenschaft oder Disposition, welche ebenfalls bei verschiedenen Menschen höchst unterschiedlich ausgeprägt sein kann (vgl. auch Kleber 2003; Zimbardo 1983; Nolting/Paulus 2004; Lenzen 1989).

Die am meisten verbreitete Form von Gewaltausübung stellt die Gewalt in der Familie dar, wozu die Gewalt gegen die Ehefrau, die Eltern-Kind-Gewalt, die Gewalt zwischen Geschwistern und die Gewalt gegen die Alten gezählt werden können (vgl. Cierpka 2005).

Die vorliegende Arbeit handelt von der Misshandlung in der Kindheit. Dazu zählen neben der sichtbaren physischen auch die psychische Kindesmisshandlung[13] sowie Vernachlässigung und sexueller Missbrauch (vgl. Sommer 2002). Diese möglichen Erscheinungsformen von Gewalt gegenüber Kindern werden im nächsten Punkt beschrieben.

2.3 Gewaltformen

„Gewalt???

Als ich dich fragte, was Gewalt ist, sagtest du, schlagen und geschlagen werden.

Wenn du oft über mein Aussehen klagst und wenn du so tust, als ob wir nicht zusammengehören, wenn du mich nicht mit zu deinen Freunden nimmst, wenn du sagst, ich bin zu nichts zu gebrauchen, merke ich, dass Du nicht weißt, was Gewalt ist“.[14]

Die Gewalt in der Familie hat viele Gesichter und zeigt sich in der Gesellschaft vor allem in Form physischer Gewalt. Doch die Ausgrenzung der anderen Gewaltformen, insbesondere der psychischen Gewalt, ist nicht gerechtfertigt, da beide Gewaltformen Auswirkungen im seelischen Bereich haben. Auch Donath u.a. (1989, 365) weisen darauf hin, dass

„…körperliche Misshandlungen immer zugleich psychische Misshandlungen sind. Das Kind erfährt nicht nur den körperlichen Schmerz, es erlebt zudem Bedrohung, Feindseligkeit und übermächtige Gewalt gegen sich gerichtet, ausgehend von Personen, auf die es – zumindest im Kleinkindalter – in jeder Weise angewiesen ist.“

Daher werden die psychischen Beeinträchtigungen häufig sogar als schwerwiegender und nachhaltiger angesehen als die körperliche Schädigung.

„Schwerwiegender ist wohl die Erfahrung, von den eigenen Eltern abgelehnt zu werden, in dem Ringen um Zuwendung, Liebe und Anerkennung keine Chance zu haben.“[15]

Auch Engfer (1986, 13) verdeutlicht, dass beide Gewaltformen untrennbar miteinander verbunden sind:

„Da Eltern ihre Kinder in der Regel nicht wortlos verprügeln, sondern im Akt der Bestrafung mit dem Kind schimpfen, es anschreien und sein Verhalten kritisieren, erfährt das Kind über sich wenig Gutes, wenn es geschlagen wird, so daß es unter den Schlägen eben nicht nur körperlich, sondern auch psychisch leidet.“

Gewalt gegen Kinder umfasst verschiedene Formen, die in unterschiedlichem Schwere- und Schädigungsgrad, allein oder zusammen vorkommen können.

- Körperliche Gewalt: Sie umfasst alle Handlungen (z.B. Schläge), die körperliche Beeinträchtigungen oder gar Verletzungen beim Kind hervorrufen können. Sie werden zur Machtausübung, Demütigung und Erreichung von Erziehungszielen eingesetzt.
- Seelische Gewalt: Sie ist die häufigste Form von Gewalt gegen Kinder. Darunter werden Aussagen, Handlungen oder Haltungen Erziehender verstanden, die dem Kind das Gefühl der Ablehnung, der Herabsetzung oder der Überforderung vermitteln, aber auch Verhaltensweisen, die Angst auslösen und so den Aufbau des Selbstwertgefühls verhindern.
- Vernachlässigung: Unter dieser Gewaltform wird verstanden, dass grundlegende körperliche Bedürfnisse des Kindes nicht oder unzulänglich befriedigt werden, d.h. sie erhalten nicht die notwendige Fürsorge im Hinblick auf Ernährung, Pflege, Hygiene und gesundheitliche Versorgung. Sie werden zu wenig vor Gefährdungen geschützt oder erhalten zu wenig Anregungen und Unterstützung für ihre motorische, geistige emotionale und soziale Entwicklung.
- Sexueller Missbrauch: Ein Kind oder Jugendlicher wird von einem Erwachsenen bewusst und absichtlich als Objekt der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt. Das Vertrauen des Kindes wird missbraucht, das Macht- und Abhängigkeitsverhältnis ausgenützt.[16]

Kinder werden auf ganz unterschiedliche Art und Weise misshandelt. Aus neuesten Studien scheint hervorzugehen, dass die psychische Gewalt auch immer ein Bestandteil aller anderen Misshandlungsformen ist.

„Wer den Körper schlägt, schlägt auch die Seele.“[17]

Die Grenzen der einzelnen Gewaltformen sind meist fließend. Alle Formen sind untrennbar miteinander verbunden. Die seelische Gewalt stellt den Kern aller Misshandlungen dar und ist, wie bereits erwähnt, jene Gewaltform, die in der Gesellschaft, insbesondere in der Familie am häufigsten auftritt (vgl. Amelang/Krüger 1995; Engfer 1986; Hartmann 2004).

Die Kindesmisshandlung allgemein lässt sich keineswegs auf bestimmte soziale Klassen bzw. ethnische Minderheitsgruppen beschränken. Sie findet in allen Bildungsschichten statt, sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten (vgl. Wolff 1975; Reisel 1993). Alle Milieus sind vertreten, wenn auch ein Schwergewicht auf Familien mit niedrigem sozialem und ökonomischem Status liegt. Pringle Kellmer (1979) weist darauf hin, dass Familien der unteren sozialen Schichten mehr zu Gewalt, insbesondere körperlicher Gewalt neigen, da sie ihre Gefühle nicht so gut in Worte kleiden können. Die Beteiligten setzen ihre Absichten und Prinzipien mit Hilfe physischer oder psychischer Gewalt durch, was den Gegenpol zum argumentativen Aushandeln darstellt[18] (vgl. auch Stellamans-Wellens 2002; Harnach-Beck 1995). Dasselbe gilt auch für die Qualität der Erziehung. Je sozial schwächer die Eltern sind, desto mangelhafter die Erziehung der Kinder. Dennoch kommen Überforderungen und Unsicherheiten auch in den besten Familien vor. Gewalt gegen Kinder wird in der Gesellschaft eindeutig negativ bewertet und die Ausübung körperlicher Gewalt in Form einer Prügelstrafe und vorsätzlicher körperlicher Züchtigungen ist als Erziehungsmittel mittlerweile offiziell verpönt. Doch diese Einstellung spiegelt sich keinesfalls in der Praxis wieder. Auf der einen Seite wird zwar von einem Abbau körperlicher Gewalt in den zwischenmenschlichen Beziehungen und einem Rückgang in der Verbreitung von körperlichen Aggressionen zwischen Eltern und Kindern ausgegangen, andererseits gibt es auch Studien der letzten Jahre, die darauf hinweisen, dass der Einsatz von Körperstrafen nur teilweise zurückgegangen ist. Ein Großteil aller Väter und Mütter wenden die Körperstrafe gegenüber ihren Kindern nach wie vor an, da die Ausübung von Gewalt zum letzten Mittel gehört, wenn Eltern die Selbstkontrolle sowie die Kontrolle über die Beziehungen zu ihren Kindern verloren haben. Für den leichten Rückgang der Körperstrafe haben sich neuartige Formen der Aggressivität herausgebildet, die bisher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Es kommt zu einer Zunahme anderer Gewaltformen, so z.B. emotionale Ablehnung, seelische Quälung, verbale Demütigung und soziale Vernachlässigung (vgl. Miller 1980).[19]

Es muss auch heute noch explizit deutlich gemacht werden, dass ein Kind das Recht auf eine Erziehung ohne physische und psychische Gewalt hat; dass dies im Gesetz verankert werden muss, zeigt, dass die gelebte Realität vieler Kinder anders aussieht und in der Gesellschaft ein Problembewusstsein und die nötige Sensibilisierung für dieses Thema fehlen. Vor allem die psychische Gewalt wird häufig nicht als solche identifiziert, sondern als Erziehungsmaßnahme von der Allgemeinheit gebilligt (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003).

2.4 Zusammenfassung

Der heute hauptsächlich negativ betrachtete Gewaltbegriff hat mehrere Bedeutungen. Während die negative Seite von Gewalt ein unrechtmäßiges, in den meisten Fällen verletzendes Handeln gegenüber Personen oder Sachen in den Vordergrund stellt, wird Gewalt in positiver Hinsicht als Energie, Kraft und Stärke verstanden, die es einem Menschen ermöglicht, sich durchzusetzen, zu behaupten und etwas bewirken zu können. Desweiteren findet eine Differenzierung statt zwischen einem engen und einem weiten Gewaltbegriff. Der enge Gewaltbegriff beinhaltet nur die körperliche Schädigung, während der weiter gefasste Gewaltbegriff auch andere Formen wie die psychische und die strukturelle Gewalt impliziert. Es muss zudem eine Abgrenzung zwischen den Begriffen Gewalt und Aggression, sowie Aggression und Aggressivität vorgenommen werden, deren Bedeutung nicht synonym ist. Während Aggressivität eine relativ überdauernde Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen ist, stellt die Aggression eine dem Menschen innewohnende Disposition oder Energie, die sich jedoch nicht in gewalttätigem Verhalten äußern muss und als gesunder Durchsetzungswille zum biologischen Erbe des Menschen gehört. Wird Aggression als Gefühl verstanden, wäre Gewalt die destruktivste Weise, mit diesem Gefühl umzugehen. Am zahlreichsten kommt Gewalt in der Familie vor, und dann meistens gegenüber den Schwächsten - den Kindern. Gewalt gegen Kinder gibt es vielen Erscheinungsformen. Dazu gehören die physische und die psychische Misshandlung sowie Vernachlässigung und sexueller Missbrauch. Alle Formen sind untrennbar miteinander verbunden und die Grenzen der einzelnen Gewaltformen sind fließend. Sie können einzeln, aber auch in Kombination vorkommen. Mit jeder Form von Misshandlung wird auch immer seelische Gewalt gegenüber dem Kind verübt. Die psychische Gewalt als die subtilste und am schwersten fassbare Form, stellt den Kern aller Misshandlungen dar und tritt die in der Familie, insbesondere in der Eltern-Kind-Interaktion am häufigsten auf.

3. Psychische Gewalt

Psychische Gewalt gegen Kinder ist ein in der wissenschaftlichen Forschung und Literatur weitgehend vernachlässigter Problembereich, zu dem es nur wenige Veröffentlichungen gibt. Eine der ersten, sich wissenschaftlicher Methoden bedienende Untersuchung, die sich explizit mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat, ist die Dissertation von Levetzow (1934)[20]. Psychische Gewalt ist in unserer Gesellschaft die wohl am häufigsten angewandte Form von Gewalt in der Erziehung, da sie auch bei allen anderen Formen von Gewalt beteiligt ist.[21] Sie stellt ferner die von allen Gewaltarten am schwersten fassbare Form dar, was eine objektive und methodisch korrekte Erfassung der „reinen“ seelischen Misshandlung nicht möglich macht. Über ihre Häufigkeit können nur schwer Aussagen gemacht werden. Da es sich zudem um ein sehr subjektives Thema handelt, lässt sich schwer definieren, was als legitim und was als bereits schädigend bzw. verletzend im Umgang von Eltern mit ihren Kindern gilt. Die Übergänge sind fließend und eine Grenze zwischen gerechtfertigten Erziehungsmaßnahmen und psychisch gewaltsamen Beeinträchtigungen ist schwer zu ziehen. Die Schwierigkeit der begrifflichen Abgrenzung spiegelt die widersprüchliche Einstellung der Gesellschaft gegenüber Kindern wider. Häufig wird die seelische Misshandlung unterbewertet, da sie eine sehr subtile Gewaltform ist, die keine augenscheinlich sichtbaren Spuren hinterlässt (vgl. Engfer 1986; Covitz 1992; Wolff 1975).[22] Tschöpe-Scheffler (2003) macht darauf aufmerksam, dass psychische Gewalt in der Erziehung bis heute nicht ausreichend thematisiert ist und entweder ignoriert, abgewehrt oder als Erziehungsmaßnahme umgedeutet wird. Auch in den Medien findet dieses Thema selten Sendeplatz, da es nicht spektakulär genug ist. Dagegen ziehen Themen wie körperliche Gewalt und sexuelle Ausbeutung rascher die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich (vgl. auch Hartmann 2004). Während solche Gewaltformen große Publizität ernten, wird seelische Misshandlung häufig übersehen und verleugnet.

Die fehlende Präsenz erweckt den Eindruck, dass psychische Gewalt etwas Normales ist und verhindert die Entstehung eines Problembewusstseins.

Die Disziplinierung von Kindern ist eine Angelegenheit, die innerhalb der Familie stattfindet und geregelt wird. Die Machtausübung des Erwachsenen über das Kind bleibt verborgen und ungestraft (vgl. Miller 1980; Forward 1990). Bis zum heutigen Zeitpunkt wird die psychische Gewalt nicht gerichtlich geahndet, was aufgrund einer nicht möglichen objektiven Erfassung nicht machbar ist. Wie ich zu Beginn dieser Arbeit bereits erwähnt habe, schreibt das BGB vor, dass Erziehung gewaltfrei sein soll. Daher gilt auch die psychische Gewalt als nicht tolerierbares Erziehungsmittel. Doch in der Praxis sieht die Situation oft ganz anders aus. Bleuel (1981, 94) schreibt:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar, doch die Freiheit des Kindes verletzlich.“

Er will damit ausdrücken, dass Kinder weniger Rechte haben und durch die Tatsache elterlicher Gewaltanwendung von diesen Garantien der Menschenrechte ausgenommen werden. Eltern dürfen physische und psychische Gewalt gegenüber ihren Kindern anwenden und das als Erziehung bezeichnen, wobei sie in Wirklichkeit Aggressionen, Frustrationen und Hilflosigkeit abreagieren. Herzka (1989) sieht psychische Gewalt gegen Kinder in einem Kontrast zwischen den Gewohnheiten und den Bedürfnissen der Erwachsenen und den altersgemäßen Bedürfnissen des Kindes begründet, die weitgehend durch seinen Entwicklungsstand bedingt sind. Seiner Meinung nach ist seelische Gewalt Ausdruck des Machtkampfes zwischen Eltern und Kindern. Es gibt die Hypothese[23], dass das Ausmaß körperlicher Gewaltanwendung in der Erziehung von Kindern, die in der Gesellschaft nicht geduldet und immer mehr geächtet wird, in den letzten Jahrzehnten gesunken ist, und die seelische Gewalt als alltägliches Erziehungsmittel und als Mittel zur Konfliktaustragung eher zugenommen hat. Aus diesem Grund bedarf es mehr denn je einer gezielten Prävention[24] hinsichtlich der Erziehungstechniken, aber auch hinsichtlich der Haltung und Einstellung zu Kindern, um psychische Gewaltvorkommnisse einzudämmen bzw. zu minimieren. Bei körperlichen Misshandlungen kann man sich auf objektive Kriterien stützen, da die Folgen meist direkt sichtbar sind. Ein seelisch misshandeltes Kind hat häufig keine deutlich sichtbaren Verletzungen, sondern zeigt ein Fehlverhalten wie etwa Angst, trotziges Verhalten, Depressionen, Sprechhemmungen, Schul- und Prüfungsversagen oder clownartige Geltungssucht.

Da die Konsequenzen, die seelische Misshandlungen nach sich ziehen können, unklar und unabsehbar sind, müssen solche Symptome und Verhaltensauffälligkeiten nicht unbedingt auf seelischen Missbrauch beruhen (vgl. Sommer 2002; Dardel 2004; Tschöpe-Scheffler 2003; Miller 1983; Herzka 1989).

3.1 Definition

Die psychische Gewalt ist eine schwer zu definierende Art der Misshandlung, da hier, wie bereits erwähnt, keine Wunden und Verletzungen sichtbar sind. Im Jahre 1955 definierte die APSAC (American Professional Society on Abuse of children)[25] die psychologische Misshandlung wie folgt:

„Ein sich wiederholendes Verhaltensmuster von Seiten eines Elternteils (oder desjenigen Erwachsenen, der sich um das Kind kümmert), welches das Kind zur Überzeugung bringt, dass es ohne Selbstwert, schuldig, ungeliebt, unerwünscht oder in Gefahr ist, oder dass sein Wert davon abhängt, ob es die Bedürfnisse des Andern erfüllt.“

Garbarino, Guttmann und Seeley (1986)[26] verstehen unter psychischer Gewalt „…alle Handlungen und Unterlassungen von Eltern und Bezugspersonen, die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit übermitteln und sie in ihrer psychischen und /oder körperlichen Entwicklung beeinträchtigen können.“

In der Definition der APSAC wird deutlich, dass es sich bei psychischer Gewalt nicht um vereinzelte, sondern wiederholte bzw. einen längeren Zeitraum überdauernde Verhaltensweisen handelt. Allerdings wird nicht erläutert, um welche elterlichen Verhaltensweisen es genau dabei geht; es wird lediglich genannt, welche Gefühle beim Kind durch die psychische Misshandlung ausgelöst werden können. Garbarino u.a. dagegen weisen nicht nur darauf hin, dass man beim Verhalten der Erzieher zwischen Handlungen und Unterlassungen differenzieren kann, sondern sie nennen auch einige dieser Verhaltensweisen, die beim Kind zu den genannten Auswirkungen führen können.

Lutter (1992)[27] unterteilt diese Verhaltensweisen in drei verschiedene Unterformen. Er versteht unter seelischer Kindesmisshandlung:

„…elterliche Verhaltensweisen, die das Kind herabsetzen, quälen und sein Selbstwertgefühl schwer beeinträchtigen. Dies kann durch Ablehnung (ständige Kritik, Überforderung, „Sündenbockrolle“), durch Terrorisieren (Bedrohen, Ängstigen, Einschüchtern) oder durch Isolieren (Einsperren, Verhindern von Außenkontakten, Vermitteln von Einsamkeit und Verlassenheit) geschehen.“

Ähnlich ist auch die Begriffsbestimmung von Honkanen-Schoberth (2002, 20). Sie unterscheidet zwischen seelischen Verletzungen und entwürdigenden Maßnahmen, und bezieht zudem auch massive Formen der Partnergewalt mit ein. Schon die Anwesenheit bei Gewalthandlungen kann gleichermaßen schädigend wirken:

„Seelische Verletzungen werden hervorgerufen, wenn sie das Kind häufig, oft, immer anbrüllen; es niedermachen, klein halten, kritisieren, bloßstellen, von Freunden isolieren, schuldig machen; dem Kind ständig mit Rausschmiss oder gar mit Trennung, mit Scheidung, mit Tod oder Krankheit drohen. Auch Gewaltanwendung zwischen den Eltern vor den Augen der Kinder kann zu seelischen Verletzungen der Kinder führen. Entwürdigende Maßnahmen haben häufig das Ziel, das Kind zu beschämen und seinen Willen zu brechen. Dauerhafte Entwürdigungen verursachen massiven seelischen Schaden bei den Kindern.“

Alle Definitionen beweisen die verheerenden Auswirkungen seelischer Misshandlungen für ein Kind, allen voran das Gefühl unerwünscht, ungeliebt und wertlos zu sein. Hierbei müssen allerdings deren Intensität, Häufigkeit und Dauer sowie das aktuelle Entwicklungsstadium des Kindes berücksichtigt werden (vgl. auch Dardel 2004). Bei psychischer Gewalt geht es aber nicht nur um das, was Eltern tun oder nicht tun, sondern um ihre gesamte Haltung und Einstellung gegenüber dem Kind, die sie häufig auf subtile Art und Weise zum Ausdruck bringen. Wie bereits deutlich wurde, ist das Resultat in den meisten Fällen, dass sich das Kind abgelehnt und wertlos fühlt, was wiederum seine gesamte Entwicklung beeinträchtigen kann. Psychische Gewalt kommt im ganz normalen Erziehungsalltag vor, wobei sie oft unabsichtlich und nicht bewusst angewendet wird; auch ein ständiges Zurechtweisen und Nörgeln fällt unter psychische Gewalt. Allerdings sind solche Formen im Vergleich zu Ablehnung und Liebesentzug verhältnismäßig milde.

„Manche Kinder müssen bis zum Überdruß hören, was sich alles für Kleine nicht ziemt, wohl aber Großen erlaubt ist. Sie müssen sich mit einer Verächtlichkeit behandeln lassen, die ihnen alles Selbstgefühl zerstört, statt es zu heben. Das ist ein fortwährendes Verbieten und Nörgeln und Herumbessern, daß ein armes Kind nie recht zur Ruhe und zu sich selbst kommen kann“(Lhotzky 1911, 67).

Die Definition von Lhotzky stellt vor allem heraus, wie unterschwellig seelische Gewalt ausgeübt wird und wie schwierig es ist, diese von alltäglichen Erziehungsmaßnahmen zu unterscheiden. In vielen Fällen ist eine Doppelmoral von Seiten der Eltern festzustellen, die an ihr Kind Erwartungen stellen, denen sie selbst nicht entsprechen. In allen aufgeführten Definitionen wird zweifellos deutlich, dass die Verhaltensformen seelischer Gewalt die Eltern-Kind-Beziehung, insbesondere das Vertrauensverhältnis beeinträchtigen und das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl des Kindes stark schädigen oder sogar zerstören können.

3.2 Formen psychischer Gewalt

Kindler (2006, 1) führt folgende fünf Formen psychischer Gewalt an, die einzeln oder in Kombination auftreten können:

- feindselige Ablehnung (z.B. ständiges Herabsetzen, Beschämen, Kritisieren oder Demütigen eines Kindes);
- Ausnutzen und Korrumpieren (z.B. wird das Kind zu einem selbstzerstörerischen oder strafbaren Verhalten angehalten oder gezwungen bzw. ein solches Verhalten des Kindes wird widerstandslos zugelassen);
- Terrorisieren (z.B. Kind wird durch ständige Drohung in einem Zustand der Angst gehalten);
- Isolieren (z.B. Kind wird in ausgeprägter Form von altersentsprechenden sozialen Kontakten fern gehalten;
- Verweigerung emotionaler Responsivität (z.B. Signale des Kindes und seine Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung werden anhaltend und in ausgeprägter Form übersehen und nicht beantwortet).

Eine ähnliche Einteilung nehmen Harnach-Beck (1995) und Dardel (2004) vor. Sie zählen zu den bereits genannten Formen auch die Vernachlässigung der physischen und psychischen Integrität (Gesundheit) sowie der intellektuellen Entwicklung. Dem Kind wird Hilfe verweigert und es wird zudem daran gehindert, anderweitig Hilfe zu finden. Auch Tschöpe-Scheffler (2003) nennt diese elterliche Gleichgültigkeit als eine mögliche Form seelischer Grausamkeit neben Liebesentzug, Einsperren, massiver Drohung und Überforderung. Diese Klassifizierung beinhaltet nur einige Beispiele, wie seelische Misshandlungen sich äußern können.

Eine lange und detaillierte Liste möglicher Formen psychischer Gewalt, wie Eltern sie gegenüber ihren Kindern zeigen können, findet sich in Sommer (2002, 64)[28]:

- Anschreien, Ignorieren, Demütigen, Bevormunden, Missachten (verbal, nonverbal), Entmutigen, Spielen mit Angst/Schüren der Angst, Vernachlässigen, Einschüchtern, Abwerten, Bedrohen, Erpressen, Bloßstellen, Überfordern, Unterfordern, Übertragen von zuviel Verantwortung, Verspotten, Verletzen mit Worten, Hänseln, Auslachen, Isolieren, verbale Attacken gegen Kinder, Diskriminieren, Ausgrenzen, Terrorisieren
- Ignoranz gegenüber den Wünschen und Bedürfnissen von Kindern, Machtdemonstration, zu wenig Zuneigung, zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig Anerkennung, Liebesentzug als Strafe, versagte Liebe, Lieblosigkeit, keine emotionale Zuwendung, Gleichgültigkeit, keine Zärtlichkeiten, keine/fehlende Wertschätzung der Kinder, Nicht - Annehmen der Stärken und Schwächen, Missachtung der persönlichen Charaktereigenschaften, Zerstören des Selbstwertgefühls
- Kind nicht sein lassen (zu hohe Anforderungen stellen), Kindern die Erwachsenenrolle zuweisen, keine eigenen Entscheidungen zulassen, ständig die Schwachstellen/ Probleme der Kinder vor ihnen betonen, kein Lob oder Anerkennung für Leistungen verbunden mit dem Satz „Aus dir wird ja eh nichts“, fehlende Achtung, Angriffe auf Selbstwertgefühl, Vertrauensbruch/Vertrauensmissbrauch, Schuldgefühle einreden, Sinnleere Sanktionen, ungerechtfertigte Verbote, Einsperren, Psychoterror
- Kein gleichberechtigter, respektvoller Umgang von Erwachsenen mit Kindern, Rechte von Kindern werden nicht beachtet/ Kinder nicht für „voll“ nehmen, „wenn Kinder nicht ernst genommen werden“, Kinder nicht zu Wort kommen lassen, keine Zeit für Kinder haben, Kindern nicht zuhören.

Die Vielfalt der hier angeführten Verhaltensweisen gegenüber Kindern wird unterschiedlich bewertet, so dass die Grenzlinie zwischen tolerierten Erziehungspraktiken und Misshandlung oft nicht einfach zu bestimmen ist. Was als Überschreitung der Erziehungsaufgabe anzusehen ist und was nicht, ist abhängig vom jeweiligen Bewertungsmaßstab (vgl. auch Wolff 1975). Tschöpe-Scheffler (2003) gibt deutlich zu verstehen, dass man die einzelnen Gewaltformen im Erziehungsalltag nicht voneinander trennen kann und sie meist in unterschiedlicher Weise miteinander kombiniert als Mischformen auftreten. Es liegt an der subjektiven Betrachtungsweise, was der einzelne als psychische Gewalt bezeichnet.

Bei den vielen Möglichkeiten, wie psychische Gewalt sich ausdrücken kann, kristallisieren sich zwei Formen heraus, je nachdem, ob bei der Gefährdung elterliches Tun oder Unterlassen im Vordergrund steht. Die direkte und aktive Form beinhaltet abweisende, ignorierende oder feindselige Verhaltensweisen von Eltern gegenüber dem Kind, so z.B. Anschreien, Verletzen mit Worten, Auslachen, Verspotten oder ständiges Kritisieren, die man dann als Misshandlung bezeichnen kann, wenn sie länger andauern und zum festen Bestandteil der Erziehung gehören. Dieser Aspekt, dass die meisten Formen psychischer Gewalt vor allem dann Gefährdungsqualität annehmen, wenn sie extrem ausgeprägt oder lang anhaltend sind, ist enorm wichtig und wird auch von Harnach-Beck (1995, 225) vertreten,

„…also z.B. extremer Mangel an Zuwendung, übermäßige Kälte, starke Feindseligkeit, außergewöhnlich inkonsistentes Erziehungsverhalten, erhebliche Einschränkung der Autonomie des Kindes, Vereinnahmung des Kindes für eigenen Bedürfnisse und Interessen weit über das normale Maß hinaus.“

Die zweite, eher indirekte Form, ist durch ein Unterlassen bestimmter Verhaltensweisen gekennzeichnet, wie zuwenig Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Besonders gravierend sind in frühen Entwicklungsphasen die Auswirkungen fehlender elterlicher Zuwendung, da liebevolle Zuwendung und Aufmerksamkeit wichtig für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kind sowie für eine gesunde Entwicklung des Kindes sind (vgl. Engfer 1995; Nuber 2005a). Ein Unterlassen ist nicht nur seelische Grausamkeit, es werden zudem auch grundlegende Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt.[29] Die seelische Misshandlung drückt sich bereits in der Einstellung der Eltern gegenüber ihrem Kind aus. Es ist ein Unterschied, ob das Kind als gleichberechtigter Partner gesehen wird, dessen Ansichten und Bedürfnisse ernst genommen werden und dessen Individualität respektiert wird, oder ob es als Objekt der Erziehung betrachtet wird, dass sich dem Erwachsenen anzupassen hat und dessen Meinung daher nicht als wichtig erachtet wird. Covitz (1992) schreibt, dass die psychische Kindesmisshandlung oft daher kommt, dass das „echte Selbst“ und die authentischen Gefühle des Kindes nicht als gleichberechtigt anerkannt und geachtet werden.

Doch nicht nur extreme Formen seelischer Grausamkeit, wie eine fehlende emotionale Zuwendung und Wertschätzung, Ablehnung oder Vernachlässigung zählen dazu, sondern auch scheinbar mildere Varianten elterlichen Verhaltens wie z.B. ständiges Schimpfen und Zurechtweisen oder verbale Gewaltformen wie beleidigen, sich lustig machen, hänseln, Kritik üben etc. In fast allen konflikthaften pädagogischen Situationen sind psychische Wirkungen zu beobachten, die als Gewalt des anderen erlebt werden. Dennoch darf hier der Fokus nicht nur auf das Verhalten der Eltern gerichtet werden, sondern auch das subjektive Empfinden der Kinder spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Sowie nicht jeder Mensch die gleiche Situation als traumatisch erlebt, handelt es sich auch bei psychischer Gewalt um ein subjektives Erleben, das sich nicht für jedes Kind gleich darstellt (vgl. Hadorn 2006). Jedes Kind erlebt eine Situation oder eine elterliche Verhaltensweise anders. Was bei sehr sensiblen Kindern zu tief greifenden Störungen führen kann, wird bei robusteren Kindern ohne schädliche Auswirkungen bleiben. Verbale Gewalt, z.B. Anschreien oder Verspotten, wird von einem sensibleren Kind schlimmer und stärker empfunden, während bei einem weniger feinfühligen Kind keine Reaktionen zu erkennen sind (vgl. Engfer 1986; Dardel 2004; Amelang/Krüger 1995). Doch die Reaktion eines Kindes hängt nicht nur von seiner Empfindlichkeit ab, sondern auch von seinem Alter und dem Entwicklungsstand:

„Je nach Alter und Entwicklungsstand wird das Kind unterschiedlich reagieren, weil es die Interaktion in Abhängigkeit von seinen kognitiven Fähigkeiten und seinen vorangegangenen Erfahrungen unterschiedlich wahrnehmen wird. So kann harte Kritik im Beisein Gleichaltriger vom Kindergartenkind als Zurückweisung erlebt werden, von einem Teenager jedoch als Herabsetzung“ (Harnach-Beck 1995, 242).

Auch Hadorn (2006) misst dem Alter eines Kindes große Bedeutung bei. Je früher ein Kind seelischen Misshandlungen ausgesetzt ist, desto weniger Ressourcen stehen ihm zur Verfügung, um sich selbst zu schützen. Egal ob es sich um psychische, physische Misshandlung oder Vernachlässigung handelt, alle Gewalterfahrungen sind für ein kleines Kind äußerst traumatisch, wobei es weniger um eine einmalige Situation geht als um die Summe der verletzenden Erfahrungen. Allen Gewaltformen gemeinsam und übergeordnet ist die die Missachtung als Grundform jeglicher Gewalt, da alle Formen eine Missachtung von Gefühlen und Bedürfnissen des Kindes beinhalten. Das Kind wird nicht als eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Bedürfnissen und Rechten gesehen, sondern mehr als ein Objekt, über das man nach Belieben verfügen kann. Im Folgenden werde ich die Ablehnung, die Überforderung und die Überbehütung als drei potentielle Formen seelischer Misshandlung näher erläutern.

3.2.1 Ablehnung

Nach Tschöpe-Scheffler (2003, 99) bedeutet Ablehnung:

„…dass ein Mangel an Fürsorge, Schutz, emotionaler Stützung, Nähe und Verantwortung dem Kind gegenüber besteht. Der Erwachsene lehnt das Kind offen ab, ignoriert es und zeigt Desinteresse an seiner Person und seinem Verhalten. Er zeigt ein abweisendes, kühles Verhalten und distanziert sich von den Belangen des Kindes. Er ist wenig anteilnehmend und vermeidet Körperkontakt. Bedürfnisse des Kindes werden weder gesehen, noch wird auf sie eingegangen. Das Kind wird physisch, psychisch und/oder sozial vernachlässigt“.

Dardel (2004, 5) ist der Ansicht „…dass es in allen Kulturen zwei verschiedene Formen der Ablehnung gibt: Vernachlässigung und Indifferenz sowie Feindseligkeit und Aggressivität.“

Ablehnung oder emotionale Kälte kann sich in vielerlei Hinsicht äußern. Der Erwachsene kann das Kind ganz offen ablehnen, indem er es ignoriert oder für die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes kein Interesse zeigt. Ablehnung kann auch darin ihren Ausdruck finden, dass das Kind durch verbale Gewalt in Form abwertender Bezeichnungen gedemütigt, verspottet oder herabgesetzt wird. Da jedes Kind in seiner Entwicklung auf die emotionale Annahme der Eltern angewiesen ist, wirkt sich eine offene oder verdeckte Form von Ablehnung als psychische Zerstörung aus. Dies ist auch dann der Fall, wenn ein Elternteil emotional nicht verfügbar ist. In diesem Fall ist die Eltern-Kind-Beziehung distanziert und leidenschaftslos. Das Kind wird auf Abstand gehalten, z.B. durch die Unterlassung von Körperkontakt oder indem eine räumliche Trennung hergestellt wird. Nicht nur bestimmte Verhaltensweisen des Kindes, sondern seine ganze Person wird abgelehnt, was sich wiederum negativ auf das künftige Verhalten des Kindes auswirkt.

Eine alte Redensart besagt:

„Sag einem Kind oft genug, wie schlecht es ist, und es wird mit Sicherheit schlecht werden.“[30]

Häufig abwertende Bezeichnungen von Eltern gegenüber ihren Kindern haben die Wirkung einer „self fulfilling prophecy“[31], da Kinder verbale wie nonverbale Botschaften ihrer Bezugspersonen verinnerlichen. Kinder werden häufig das, was ihre Eltern ihnen einreden zu sein.

Werden sie dauerhaft abgelehnt, fühlen sie sich schlecht und minderwertig, sind emotional labil, verhalten sich aggressiv und haben eine negative Weltanschauung sowie den Eindruck, die Menschen in ihrer Umgebung nie genügend zufrieden stellen zu können (vgl. Forward 1990; Dardel 2004). Dies bestätigen auch Untersuchungen von Biddulph (2004), die gezeigt haben, dass feindselige und demütigende, sich oft wiederholende Äußerungen von Eltern einen hypnotischen Effekt haben und im Unterbewusstsein weiter wirken. Sie beeinflussen das Selbstverständnis des Betroffenen und prägen seine Persönlichkeit. Sie führen zu einem negativen Selbstbild, einer erhöhten Neigung, die eigenen Erfahrungen negativ zu bewerten sowie zu negativen Zukunftserwartungen (vgl. auch Harnach-Beck 1995). Was die Eltern betrifft, kommt ein Mangel an emotionaler Wärme häufig bei solchen Erwachsenen vor, deren eigene Eltern ebenfalls emotional nicht verfügbar waren oder sich anderweitig ablehnend verhielten. Sie haben diese Erfahrung genauso wenig verarbeitet wie ihre Anpassung daran, dass ihre Bindungsbedürfnisse nicht erfüllt wurden (vgl. Hartzell/Siegel 2004; Forward 1990). Auch elterliche Hilflosigkeit kann eine ablehnende Haltung hervorrufen. Das Selbstkonzept des Kindes wird durch die Eltern und ihre Kommunikation mit ihm geprägt. Das Gefühl der emotionalen Zurückweisung ruft beim Kind Angst hervor und ist schmerzlich für sein Selbstbild, was es wiederum besonders schwierig macht, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen. Eine feindselige Haltung und das Vorenthalten emotionaler Wärme und Geborgenheit durch eine geliebte Person schädigt das Kind in seiner psychosozialen Entwicklung. Unter Umständen kann keine sichere Bindung entstehen, welche aber für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes von grundlegender Bedeutung ist (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003). Beim Kind kann sich eine Ablehnung durch die Mutter bzw. durch die Bezugsperson in einer ständigen Zurückgezogenheit, einer leisen Sprache, in einer versteinerten Mimik, einer verkrampften Körperhaltung sowie in psychosomatischen Reaktionen, z.B. Daumenlutschen, Bettnässen und nächtlichem Aufschreien äußern. Das Kind zeigt ein größeres Maß an Abhängigkeit, Unsicherheit und Unangepasstheit in seinen sozialen Orientierungsversuchen (vgl. Pringle Kellmer 1979; Rogge/Mähler 2004; Spahn 1979; Amendt 1990).

3.2.2 Überforderung

Eine weitere Form seelischer Misshandlung ist die Überforderung, die sich darin äußern kann, dass dem Kind zuviel Verantwortung übertragen wird.[32] Manche Erwachsene verlangen von ihren Kindern Verhaltensweisen, die dem Alter des Kindes nicht entsprechen; das ist z.B. dann der Fall, wenn Kinder in die Rolle von Eltern bzw. Erwachsenen gedrängt werden, wie es häufig bei elterlichen Trennungen der Fall ist (Parentifizierung). Die Kindheit und Kindlichkeit gehen dadurch verloren, während die Kinder gleichzeitig massiv überfordert werden.[33]

„Wenn die elterliche Verantwortung einem Kind aufgezwungen wird, werden die Familienrollen verschwommen, verzerrt und umgekehrt. Ein Kind, das gezwungen wird, zu einem eigenen Elternteil zu werden, oder zum Elternteil der Eltern, hat niemanden, mit dem es verschmelzen kann, von dem es lernt und zu dem es aufblicken kann“ (Forward 1990, 41).

Durch den Rollentausch und die Übertragung der elterlichen Verantwortung werden Kinder nicht nur überfordert, sondern auch verwirrt. Wenn Eltern ihre Kinder an Regeln messen, die für Erwachsene gelten, erwarten sie von ihren Kindern die Früchte eines reifen Lebens zu einer Zeit, in der ihre Grundstrukturen kaum gebildet sind. Da es für Kinder unmöglich ist, als Erwachsene zu funktionieren, scheitern sie und fühlen sich deshalb unzulänglich und schuldig. Dasselbe gilt, wenn von ihnen Leistungen erwartet werden, die weder ihren Fähigkeiten noch ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Wild (1995) schreibt, dass Kinder, die von klein auf zu Leistungen herangezüchtet werden, die nicht ihrer wirklichen Reife entsprechen, im Erwachsenenalter oft ohne lebendigen Inhalt sind. Laut Pieper/Pieper (2003) muss ein Kind kindgerecht, d.h. seiner jeweiligen Entwicklungsstufe entsprechend, behandelt werden und man kann von ihm nicht erwarten, dass es über das moralische Empfinden und die Selbstbeherrschung von Erwachsenen verfügt.

3.2.3 Überbehütung

Eine andere Seite seelischer Misshandlung, die häufig übersehen wird, ist die Überbehütung, auch Overprotection genannt. Das Kind bekommt oft mehr Zuwendung als es seinen Bedürfnissen entspricht.

Dieses überfürsorgliche Verhalten muss dann als Misshandlung definiert werden, wenn über dieses Verhalten Gefühle der Ohnmacht, Abhängigkeit und Wertlosigkeit vermittelt werden, welche die kindliche Entwicklung beeinträchtigen. Überbehütende Eltern halten das Kind in einer gefühlsmäßigen Abhängigkeit, schränken seinen Handlungsraum ein und behindern seine Autonomie. Für das Kind besteht kaum eine Chance, Selbständigkeit zu erlangen und sich als Urheber seiner Handlungen und Verantwortlicher für deren Auswirkungen zu erleben. Desweiteren lernt es häufig, unerfüllbare Ansprüche an seine soziale Umwelt zu stellen. Da die Eltern möglichst jede Situation zu vermeiden suchen, die bei ihm Unlust erzeugen könnte, ist das Anspruchsniveau eines überbehüteten Kindes gegenüber der Mitwelt so groß, dass es von seinen Mitmenschen kaum erfüllt werden kann. Overprotection ist nicht weniger entwicklungshemmend als emotionale Kälte. Nachteilige Folgen für das Kind können Unselbständigkeit und ein mangelndes Selbstvertrauen sein. In Langzeituntersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass bei überbehüteten Kindern die Neigung zu aggressivem Verhalten stark ausgeprägt ist. Es handelt sich insgesamt, je nach Temperament, um ängstliche oder aggressive Kinder, mit wenig Selbstbewusstsein und einer unzufriedenen - unsicheren Grundstimmung (vgl. Tschöpe-Scheffler 2002; 2003; Rogge/Mähler 2004; Forward 1990; Spahn 1979; Largo 1993; Amendt 1990; Bleuel 1981).

„Durch Überbehütung wird dem Kind in vielen Situationen, die es eigentlich selbst bewältigen müsste, die Möglichkeit dazu genommen. So werden ihm viele Chancen vorenthalten, sich selbst als kompetente Persönlichkeit in anspruchsvollen Situationen zu erleben und zu entwickeln“ (Tschöpe-Scheffler 2003, 103).

Eltern lösen Aufgaben des Kindes, die es selbst bewältigen könnte; einerseits trauen sie ihm nicht zu, dass es seine Probleme allein lösen kann, und andererseits können sie dadurch zeigen, wie kompetent sie selber sind. Overprotection ist nach Bleuel (1981, 113) dadurch charakterisiert,

„…dass dem Kind für eigene Entscheidungen überhaupt kein Raum mehr bleibt. Die überbordende Mutterliebe wird obsessiv, besitzergreifend, und beansprucht mit dem schönen Argument, nur das Beste zu wollen, die totale Kontrolle über das Kind. Das Bild von der Glucke ist hier angebracht. Der mütterliche Schutz begleitet und lenkt jeden Schritt des Kindes, schirmt es gegen jede konfliktträchtige Berührung mit der bösen Außenwelt ab und bettet es stoßsicher in die Brutwärme des Familiennestes. Erwachsen wird man dabei nicht. Das ganze Erziehungsverhalten ist darauf angelegt, dem Kind ständig seine Unmündigkeit und Schutzbedürftigkeit vorzuhalten – und dafür immerwährenden Dank und Anerkennung zu fordern. Selbständigkeit wird verhindert, Unabhängigkeit unmöglich gemacht, lebenslängliche Bevormundung angebahnt.“

Auch hier wird Macht ausgeübt, wenn auch auf eine sanfte Art. Dieses Übermaß an erstickender Liebe fällt genauso wie Vernachlässigung oder Missachtung in den Bereich seelischer Kindesmisshandlung (vgl. auch Gruen 2005). Mögliche Gründe, warum Eltern sich ihren Kindern gegenüber so verhalten, sind häufig schlechtes Gewissen, falsche Erkenntnisse oder verdrängte Aggression. Auch die Angst, nicht gebraucht zu werden, veranlasst die Erwachsenen dazu, Gefühle der Machtlosigkeit und Unzulänglichkeit in ihren Kindern zu fördern (vgl. Forward 1990).

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Formen elterlichen Verhaltens, die beim Kind Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Wertlosigkeit erzeugen, zu psychischer Gewalt zählen. Egal um welche Form seelischer Misshandlung es sich handelt, die Resultate sind immer ähnlich. Das Kind sieht sich besonders in den ersten Lebensjahren durch die Augen seiner Bezugsperson. Durch die Art und Weise, wie Eltern das Kind verbal oder nonverbal behandeln, erfährt es, wie sie zu ihm stehen. Je mehr missachtende Äußerungen es von Seiten der Eltern erfährt, desto geringer wird sein Selbstwertgefühl sein. Ein Problem besteht darin, dass es Eltern in vielen Fällen gar nicht bewusst ist, dass sie mit ihrem Verhalten ihre Kinder seelisch misshandeln:

„Ein Mensch, der ohrfeigt oder schlägt oder bewusst beleidigt, weiß, dass er dem anderen weh tut. Er ist nicht ahnungslos. Aber wie oft waren unsere Eltern und wir selber unseren Kindern gegenüber ahnungslos darüber, wie schmerzlich, wie tief und wie nachhaltig wir ihr keimendes Selbst verletzt haben“( Miller 1983, 116).

Miller weist in ihrem Zitat darauf hin, dass körperliche Gewalt in der Gesellschaft anders wahrgenommen wird. Sind Eltern physisch gewalttätig gegenüber ihrem Kind, wissen sie in der Regel, was sie tun, und dass sie das Kind verletzen. Bei seelischer Gewalt fehlt dieses Bewusstsein zum Teil. Psychische Gewalt wird von den Eltern häufig unbewusst ausgeübt und als berechtigtes Erziehungsverhalten betrachtet (vgl. auch Covitz 1992). Ich möchte diese Problematik anhand eines Beispiels deutlich machen. Man hat Eltern Fallbeispiele mit „Konfliktsituationen im Alltag“ vorgelegt und sie sollten unter mehreren vorgegebenen Lösungsstrategien diejenige auswählen, die sie am ehesten in ihrem Erziehungsalltag anwenden würden. Von den dargebotenen Lösungsbeispielen stand auch immer eines zur Auswahl, in dem der Konfliktfall mit psychischer Gewalt gelöst wurde. Auffallend viele Eltern entschieden sich für Strategien, in denen psychische Gewalt zum Einsatz kam, z.B. Missachtung, Demütigung oder Liebesentzug.

Allerdings war den Eltern nicht klar, dass es sich bei diesen Verhaltensweisen um seelische Misshandlung gegenüber ihren Kindern handelte und sie empfanden ihr Verhalten keineswegs als eine Form von Misshandlung, sondern als gerechtfertigte Erziehungsmaßnahme (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003).[34] Wie sich die Formen psychischer Gewalt konkret im Umgang mit Kindern als Erziehungsverhalten äußern, soll im nächsten Punkt dargestellt werden.

3.3 Psychische Gewalt als entwicklungshemmende Erziehung

Die psychische Gewalt in der Erziehung zeigt sich in der Interaktion zwischen Eltern und Kindern: „Alle Erziehungsmaßnahmen, die die Persönlichkeit und Würde eines Kindes verletzen, es demütigen und herabsetzen und seine Entwicklung hemmen, werden als Erziehungsgewalt verstanden…“ (Tschöpe-Scheffler 2003, 78).

Damit Eltern wissen, wo sie mit ihrem Erzieherverhalten stehen, hat Tschöpe-Scheffler (2005) ein idealtypisches Modell mit dem Namen „Fünf Säulen der Erziehung“ entwickelt. Während ich die entwicklungsfördernden Säulen - die dazugehörige Abbildung inbegriffen - in Kapitel 5 (5.2) darstellen werde, sollen in diesem Kapitel die Schattensäulen im Vordergrund stehen. Kommen diese im Erziehungsalltag überwiegend zum Ausdruck, deutet das eher auf ein entwicklungshemmendes Verhalten und eine mangelnde Kompetenz der Eltern in der Erziehung hin.[35] Die fünf entwicklungshemmenden Säulen mit den Namen „Missachtung, Emotionale Kälte, Dirigismus, Chaos und Überfürsorge“ können als Komponenten seelischer Misshandlung angesehen werden. Umgekehrt kann man auch sagen, dass, egal welche psychische Gewaltform von Eltern in der Erziehung angewendet wird, es für das Kind immer entwicklungshemmend ist. Ablehnung und Überfürsorge als zwei dieser Säulen, wurden bereits als mögliche Gewaltformen unter Punkt 3.2 dargestellt. Dazu führt Tschöpe-Scheffler in ihrem Modell ergänzend die entwicklungshemmenden Säulen Dirigismus sowie eine mangelnde Alltagsstruktur an. Dirigismus zeigt sich in einem bestimmend - kontrollierenden Kommunikationsstil der Eltern. Der Erwachsene bestimmt und gibt dem Kind das Verhalten vor.

Die kindliche Autonomie wird eingeschränkt, was sich durch Kontrolle, Liebesentzug und Verbote äußert. Durch diese dirigistische Haltung und die Fremdbestimmung, wie sie auch den autoritären Erziehungsstil auszeichnet, erlebt sich das Kind als unfähig und inkompetent (vgl. Tschöpe-Scheffler 2005). Eine mangelhafte oder fehlende Alltagsstruktur zeigt sich in Beliebigkeit und Grenzenlosigkeit. Kinder bekommen durch die Erwachsenen keine klare Orientierung, wie es für ihre gesunde Entwicklung notwendig wäre. Das Kind kann sich auf nichts verlassen, weder auf einen bestimmten Tagesablauf, noch auf die Qualität der Atmosphäre in der Familie, und die Grenzen werden beliebig gesetzt.

„Entwicklungshemmendes Verhalten verstehen wir als psychische Gewalt, die in einem ´zu Viel´ oder ´zu Wenig´ von Nähe, Distanz, emotionaler Befriedigung, Förderung, Schutz, Sicherheit und Annahme zu finden ist. Die Ausübung psychischer Gewalt findet immer auf der Kommunikationsebene statt“ (Tschöpe-Scheffler 2003, 98).

Entwicklungshemmendes Verhalten meint also meist ein „zu viel“ oder „zu wenig“. Die Beziehung ist entweder geprägt von zuviel Distanz, Ablehnung und emotionaler Kälte oder genau das Gegenteil ist der Fall und die Kinder werden durch Überbehütung in ihrer Entwicklung gehindert. Dieses Verhalten findet seinen Ausdruck in folgenden beiden Erziehungsstilen, welche die Extremformen darstellen.[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Gegenüberstellung der Erziehungsstile (modifiziert nach Bleuel 1981, 110).

Missachtendes Verhalten in der Erziehung äußert sich in Demütigungen, ironischen Kommentaren und häufigen Maßregelungen. Erst wenn eine der entwicklungshemmenden Dimensionen zu stark und über einen längeren Zeitraum das Erziehungsgeschehen dominiert, wird es problematisch (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003). Auch Covitz (1992) ist dieser Ansicht. Wenn familiäre Situationen gelegentlich außer Kontrolle geraten, sind Kinder zu beeindruckender Flexibilität fähig; erst eingewurzelte, chronisch negative Eltern-Kind-Interaktionen, können die Fähigkeit des Kindes zu einer gesunden Entwicklung schmälern.

Perrez (1985, 61) gibt aus seiner Beratungspraxis ein Beispiel für ein Elternverhalten, das durch mangelnde Wärme und Wertschätzung gekennzeichnet ist:

„Frau M. wartet mit ihrem vier Monate alten Kleinkind und dem sechsjährigen Stiefkind Michael, um dessentwillen sie die Erziehungsberatung aufsucht, im Kinderspielraum der Beratungsstelle. Michael beginnt auf der Tafel zu zeichnen und versucht nach einiger Zeit, durch Blicke und Klopfen auf der Tafel die Aufmerksamkeit der Mutter auf die Zeichnung zu lenken. Die Mutter ist mit dem Kleinkind beschäftigt und lässt sich auch durch eine Aufforderung Michaels, die Tafel anzuschauen, dabei nicht stören. Michael nähert sich dann dem Kleinen und versucht, diesen mit einer Klapper zu unterhalten. Die Mutter schiebt ihn gedankenlos beiseite. Mit recht trübsinnigem Gesichtsausdruck beginnt daraufhin Michael, sich wieder selbst zu beschäftigen. Er steht vor dem Spiegel und legt mit einem Spielzeugkamm verdrossen seine Haare in verschiedene Richtungen. In der Beratung berichtet Frau M., die durchaus am Wohle des Jungen interessiert zu sein scheint, von dessen Nägelbeißen und anderen Symptomen.“

Eltern erkennen häufig nicht, dass sie im Umgang mit ihren Kindern psychische Gewalt anwenden, weil ihnen das Bewusstsein dazu fehlt. Dies wird auch in diesem Beispiel nochmals deutlich. Die Mutter sucht mit ihrem Kind eine Beratungsstelle auf, was zeigt, dass ihr das Wohl des Jungen wichtig ist. Sie erkennt aber nicht, dass die Symptome, die er zeigt (z.B. das Nägelbeißen), möglicherweise eine Reaktion auf ihr eigenes Verhalten ihm gegenüber sind. In diesem Beispiel versucht Michael mehrmals, mit seiner Mutter in Kontakt zu treten und ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, was von der Mutter nicht erwidert wird. Die seelische Misshandlung findet hier zwar keinen direkten verbalen Ausdruck, wie es bei Anschreien oder anderweitigen verbalen Verletzungen der Fall ist, aber auch das Ignorieren gegenüber den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes ist psychische Gewalt und wirkt entwicklungshemmend. Durch eine entwicklungshemmende Erziehung wird die wichtige Selbstregulierungskraft des Kindes verhindert, die es benötigt, um aus eigenem Antrieb lebenskompetent zu sein.

3.4 Ursachen psychischer Gewalt

Die meisten Eltern lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie, doch in der Eltern- Kind-Beziehung kommt es immer wieder zu schwierigen Situationen, in denen sich die Erwachsenen ihren Kindern gegenüber nicht so verhalten können, wie sie es sich vorgenommen haben. Dafür, wie auch für das Ausüben seelischer Misshandlungen, gibt es verschiedene Gründe, von denen ich exemplarisch nur einige nennen werde. Das Elternsein lernt man nicht und die einzigen Vorbilder sind oft die eigenen Eltern (vgl. Biddulph 2004).

Das bekannteste Erklärungsmodell für psychische Gewaltanwendung besteht in der Annahme, dass gewalttätige Eltern als Kinder selbst Opfer solcher Gewalt waren. In diesem sogenannten psychopathologischen Erklärungsmodell[37] werden elterliche Persönlichkeitsprobleme für das Auftreten von Kindesmisshandlungen verantwortlich gemacht. Sie resultieren oft aus Vorerfahrungen mit harten Strafen und Ablehnung in der eigenen Kindheit. Doch neuere Befunde erklären, dass nur etwa ein Drittel der Eltern die selbst erfahrene Gewalt an ihre Kinder weitergibt. Andererseits misshandeln auch Eltern, ohne selbst in ihrer Kindheit seelisch oder körperlich misshandelt worden zu sein (vgl. Engfer 1995).[38] Diese eine mögliche Ursache für psychische Gewalt soll hier nicht weiter ausgeführt werden, da ich die Person des Erziehers und die Bedeutung seiner Kindheitserfahrungen für den Umgang mit den eigenen Kindern ausführlich in Kapitel 4 darstelle. Im Folgenden möchte ich einige Gründe für das Entstehen seelischer Gewalt anführen.

3.4.1 Stress- und Konfliktsituationen

Psychische Gewalt entsteht häufig aufgrund von Konflikten, in Krisen und Stresssituationen. Wenn Eltern überfordert sind, unter besonderem Druck stehen oder außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt sind, ist die Gefahr groß, es am Kind auszulassen. In Stresssituationen verlieren Erwachsene leicht die Kontrolle und es fällt ihnen schwer, ihren Kindern Beachtung zu schenken, sie liebevoll zu behandeln und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Sie neigen dazu, in Verhaltensmuster zu verfallen, die sie nicht frei gewählt haben und sagen möglicherweise Dinge, die sie später nicht mehr nachvollziehen können. Dies kann auch dann der Fall sein, wenn sie sich in einer Situation der erzieherischen Ausweglosigkeit befinden, unsicher und hilflos sind. Es besteht ein Zusammenhang von Überforderung, Hilflosigkeit, Unsicherheit und Gewalthandlungen im Familienalltag. Wenn Erwachsene an ihren Erziehungsfähigkeiten zweifeln, baut sich eine körperliche Spannung auf und diese inneren Verspannungen werden an den Kindern abreagiert in Form von körperlicher oder seelischer Gewalt (vgl. Forward 1990).

Auch bei familiären Konflikten, die aufgrund unterschiedlicher Wünsche und Bedürfnisse von Eltern und Kindern entstehen, kann es zu psychischer Gewalt kommen. Sie wird in dem Fall als Bewältigungsform eingesetzt, um eigene innerseelische Konflikte oder Konflikte in der Familie zu lösen und den Erziehungsalltag aufrecht zu erhalten. Psychische Gewalt kommt als Bewältigungsform von Stress dann zum Einsatz, wenn den Eltern keine anderen Möglichkeiten der Bewältigung zur Verfügung stehen. In diesem Fall ist die psychische Gewalt ein Zeichen für eine geringe Problemlösekompetenz; es handelt sich um die niedrigste Form, die Menschen dann wählen, wenn ihnen keine adäquatere Form der Konfliktlösung zur Verfügung steht (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003; 2005; Herzka 1989; Biddulph 2004; Kalff 1974; Valentin 2005; Honkanen-Schoberth 2002; Textor 1992).

3.4.2 Beziehungsprobleme der Eltern

Die zwischen den Eltern bestehende Bindungsqualität hat großen Einfluss auf das Erziehungsklima. Lang anhaltende Spannungen und Konflikten zwischen den Eltern stellen einen großen Risikofaktor für das Auftreten elterlicher Gewalt dar.

„Es hat sich gezeigt, daß Unstimmigkeiten auf der Elternebene nachweislich mit einer geringeren Selbstkontrolle und Belastbarkeit sowie mit Verhaltensauffälligkeiten auf der Seite der Kinder gekoppelt sind. Darüber hinaus gibt es auch Belege dafür, dass eine belastete Paarbeziehung mit einer reduzierten elterlichen Kooperation einhergeht.“[39]

Die Beziehung der Eltern und die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen sich wechselseitig. Eltern, die eine unbefriedigende Beziehung zu ihrem Lebenspartner haben, fällt es schwer, ihren Kindern gegenüber annehmend zu sein, denn sie sind darauf angewiesen, von ihren Kinder die Freude und Befriedigung zu bekommen, die in ihrer ehelichen Beziehung fehlen. In Krisenzeiten der Elternbeziehung gerät ein Kind leicht zwischen die Fronten. Es kann zum Sündenbock werden, indem z.B. die Eltern einen ehelichen Konflikt auf das Kind projizieren. Durch die Überlagerung der gestörten Paarbeziehung durch die vermeintlichen Probleme des Kindes, können die Eltern den problematischen Aspekten ihres eigenen Lebens ausweichen und müssen sich infolgedessen auch nicht damit auseinandersetzen (vgl. Tschöpe-Scheffler 2003; Covitz 1992; Kalff 1974; Forward 1990; Gordon 1972; Schneewind 1999; Harnach-Beck 1995).

3.4.3 Unbefriedigte Bedürfnisse von Eltern

Eine weitere Ursache psychischer Gewalt können unbefriedigte Bedürfnisse eines Elternteils sein. Das Kind wird in dem Fall als narzisstisches Objekt besetzt, d.h. es hat den Auftrag, die narzisstischen Bedürfnisse der Eltern zu befriedigen, was sich auf verschiedene Weisen äußern kann. Die Eltern erleben das Kind nicht als eigenständige Persönlichkeit, sondern als einen Teil von sich selbst, und es muss die Fähigkeiten und Begabungen entwickeln, die die Eltern für sich selbst nicht verwirklichen konnten. Innerlich unzufriedene Eltern, die keine Selbstachtung und keine Quellen der Befriedigung im eigenen Leben haben, müssen weitgehend Befriedigung aus der Art ziehen, in der andere ihre Kinder einschätzen. Das Kind hat somit Auftrag, dem Leben der Eltern einen Sinn zu geben und eigene Defizite auszugleichen. Zeigt es nicht das von ihnen erwartete Verhalten, sind sie enttäuscht und gekränkt. Ist das Selbstwertgefühl des Elternteils von dem Verhalten des Kindes abhängig und verhält sich das Kind nicht nach den Wünschen und Vorstellungen der Eltern, ist das Kind gefährdet, psychischer Gewalt ausgesetzt zu werden[40] (vgl. Tschöpe-Scheffler 2002; 2003; Pieper/Pieper 2003; Gordon 1972; Clauser 1969). Folgendes Beispiel soll dies verdeutlichen:

[...]


[1] zit. in Tschöpe-Scheffler 2003, 45

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt

[3] http://www.gewalt-online.de/gewalt.php

[4] http://wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/erziehung.html

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt; http://wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/erziehung.html

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt

[7] vgl. http://www.medizinerboard.de/lexikon/Gewalt,erklaerung.htm

[8] zit. in Sommer 2002, 33; http://www.gewalt-online.de/gewalt.php

[9] Über psychische Gewalt in der Schule berichtet die Enquete 2001, 90-95.

[10] zit. in Cierpka 2005, 18; www.gewalt-online.de/gewalt.php

[11] zit. in Pöldinger 1995, 51

[12] zit.n. Petermann/Petermann 1978, 8

[13] Stellamans-Wellens (2002, 84) versteht unter Kindesmisshandlung „…jede gewalttätige Interaktion, bei der ein Kind aktiv oder passiv von einem Erwachsenen, der für das Kind verantwortlich ist, körperlich oder psychisch unterdrückt oder geschädigt wird.“

[14] zit.n. Sommer 2002, 60

[15] zit.n. Engfer 1986, 123

[16] vgl. Tschöpe-Scheffler 2003; Amelang/Krüger 1995; Engfer 1986; Harnach-Beck 1995; http://www.kinderschutzzentrum.at/kinderschutzzentrum/rat_und_hilfe/zum_nachlesen/gewalt.html; http://www.salzburg.gr.at/themen/ls/ls-gewaltgegenkinder.htm; http://www.km.bayern.de/km/berichte/jugend_und_gewalt/teil1/nah.html

[17] zit.n. Harnach-Beck 1995, 241

[18] In privilegierteren Familien finden ebenfalls Gewalthandlungen statt, doch im Gegensatz zu den unteren sozialen Schichten haben diese bessere Möglichkeiten, Gewalttaten zu vertuschen und zu verschweigen.

[19] http://www.kassel.de/cms01/prokassel/praevention/info/weitere/04181/index.html

[20] zit. in Sommer 2002, 55

[21] zit. in Hartmann 2004, 4 ; Enquete 2001, 8; 27; Wolff 1975, 28; Tiber Egle 2005, 41

[22] http://www.kinderschutzzentrum.at/kinderschutzzentrum/rat_und_hilfe/zum_nachlesen/gewalt.html; http://www.salzburg.gr.at/themen/ls/ls-gewaltgegenkinder.htm

[23] Enquete 2001, 27

[24] Die Prävention durch Elternbildung als eine Möglichkeit, psychische Gewalt zu minimieren bzw. zu verhindern, wird in Kapitel 7 dargestellt.

[25] zit.n. Dardel 2004, 4. Im amerikanischen Original lautet die Definition: „Psychological maltreatment means a repeated pattern of caregiver behavior or extreme incidents that convey to children that the are worthless, flawed, unloved, unwanted, endangered, or only of value in meeting another`s needs.”

[26] zit.n. Engfer 1995, 961; vgl. auch Enquete 2001, 23

[27] zit.n. Sommer 2002, 57

[28] Man hat 56 Erstsemester Studentinnen und Studenten der Fachbereiche Sozialwesen und Sozialwirtschaft an einer Berufsakademie schriftlich nach für sie bedeutsam erscheinenden Aspekten des Begriffes Psychische Gewalt befragt und deren Antworten ergeben die Liste von möglichen Formen psychischer Gewalt.

[29] Die grundlegenden kindlichen Bedürfnisse werden in Kapitel 5 behandelt.

[30] zit.n. Gordon 1972, 39

[31] Damit ist gemeint: je öfter eine Aussage wiederholt wird, desto eher tritt sie ein, da Kinder normalerweise die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen.

[32] Das Übertragen von Verantwortung kann auch als etwas Positives betrachtet werden, je nachdem, in welchem Alter sich ein Kind befindet. Was bei einem Vorschulkind überfordernd ist, kann für einen Teenager durchaus angebracht sein, um seine Selbständigkeit zu unterstützen.

[33] http://www.psycholexikon.de/N-R.htm; Forward (1990, 43) gibt aus ihrer beruflichen therapeutischen Praxis ein Fallbeispiel über „geraubte Kindheit“.

[34] Dieses Beispiel ist aus der Evaluationsstudie von Tschöpe-Scheffler und ihrer Forschungsgruppe zu dem Elternkurs „Starke Eltern-Starke Kinder“ entnommen worden. Dieser Test wurde mit den Eltern vor ihrem Besuch des Elternkurses durchgeführt.

[35] Um Eltern eine Orientierung zu ermöglichen, was sie in der Erziehung gut machen bzw. wo ihre Stärken liegen und an welchen Stellen sie Defizite aufweisen und sich weiterentwickeln können, hat Tschöpe-Scheffler mit ihrem Forschungsteam in Anlehnung an dieses Fünf-Säulen-Modell einen Elternorientierungstest ausgearbeitet, welcher sich in Tschöpe-Scheffler (2005, 47ff.) befindet. Es muss natürlich auch davon ausgegangen werden, dass die Eltern bei der Durchführung dieses Tests ehrlich sich selbst gegenüber sind.

[36] Die beiden Erziehungsstile werden in Kapitel 4 ausführlich erläutert und sollen hier lediglich als Beispiele für entwicklungshemmende Verhaltensweisen stehen.

[37] Dieses Modell wird in Punkt 3.5.1 genauer erläutert.

[38] http://www.km.bayern.de/km/berichte/jugend_und_gewalt/teil1/nah.html

[39] zit.n. Schneewind 1999, 138

[40] Eltern, die Selbstwertprobleme haben, suchen diesen Mangel oft dadurch auszugleichen, dass sie andere Familienmitglieder tyrannisieren. Der Familientyrann (ob Vater oder Mutter) zeigt einen grausamen, unflexiblen, häufig äußerst brutalen Stil im Umgang mit den Kindern (Covitz 1992, 94).

Details

Seiten
160
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836619257
Dateigröße
6.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226137
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Studiengang Pädagogik
Note
3,3
Schlagworte
gewalt erziehung elternbildung überbehütung erziehungsstil

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Titel: Psychische Gewalt in der Erziehung und die Prävention durch Elternbildung