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Die Rolle von Fachkräften mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit

Potentiale und Kompetenzen: Grenzen und Chancen von ausländischen Sozialarbeiter/innen in Deutschland dargestellt am Beispiel einer Beratungsstelle in München

Diplomarbeit 2008 119 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Summary

Vorwort

1 Die Rolle von Fachkräften mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit

2 Begriffsdefinitionen

3 Migration im Zeitalter der Globalisierung
3.1 Globale Migrationsbewegungen
3.1.1 Menschheitsgeschichte ist Wanderungsgeschichte
3.1.2 Migrationsverläufe in der Globalisierung
3.1.3 Enträumlichung des Sozialen
3.1.4 Migrationsleistungen
3.2 Migrationsbewegungen von Frauen
3.2.1 Ursachen und Formen weiblicher Migration
3.2.2 Fluchtmigration
3.2.3 Arbeits- und Heiratsmigration
3.3 Zuwanderungsbewegungen in der BRD
3.3.1 Gastarbeitergeneration bis Greencardregelung
3.3.2 Defizitäre Sichtweise von Zuwanderern
3.3.3 Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt
3.4 Die Bedeutung von Zuwanderung für die Gesellschaft
3.4.1 Zuwander/innen als kreative Akteure der Zukunft
3.4.2 Versäumnisse der Zuwanderungspolitik
3.4.3 Berufliche Chancen für Zuwanderer
3.4.4 Die Arbeitssituation von Migrant/innen
3.4.5 Gesellschaftliche Veränderungen durch Zuwanderung
3.5 Zuwanderungspolitik
3.5.1 Einwanderungsland BRD
3.5.2 Steuerung von Zuwanderung
3.5.3 Erfolgreiche Integrationspolitik – Beispiel Kanada
3.5.4 Paradigmenwechsel in der deutschen Zuwanderungspolitik
3.5.5 Bestimmung von integrationspolitischen Zielsetzungen

4 Migrationshintergrund und Migrant/innen in der BRD
4.1 Definition von Migrationshintergrund
4.2 Facetten des Migrationshintergrunds
4.3 Ergebnisse der Sinus-Studie „Die Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland“
4.4 Student/innen mit Migrationshintergrund an deutschen Hochschulen
4.5 Situation von Migrant/innen an Fachhochschulen
4.6 Situation von Migrant/innen an Fachhochschulen Sozialer Arbeit
4.7 Weiterbildungsstudium „Interkulturelle Bildung und Beratung“

5 Soziale Arbeit und Migration
5.1 Kompetenzen im Umgang mit dem/n Fremden in der Sozialen Arbeit
5.2 Fremdheitskompetenz
5.3 Interkulturelle Kompetenz
5.4 Ethnospezifische Kompetenz
5.5 Transkulturelle Kompetenz
5.6 Ressourcenorientierte Soziale Arbeit

6 Interkulturelle Ausrichtung von Institutionen
6.1 Grundlagen der interkulturellen Ausrichtung von Institutionen
6.2 Die Bedeutung interkultureller Beratung für die Integration

7 IN VIA KOFIZA – Kontakt-, Förderungs- und Integrationszentrum
für außereuropäische Frauen und deren Familien
7.1 Darstellung der Einrichtung IN VIA KOFIZA
7.2 Selbstverständnis der Einrichtung
7.3 Kompetenzen von Mitarbeiterinnen der Einrichtung

8 Methode der empirischen Arbeit: Experteninterviews
8.1 Begriff des Experteninterviews
8.2 Erhebungsverfahren der Daten
8.3 Hypothesen zur Rolle von Migrant/innen als Fachkräfte in der Sozialen Arbeit
8.4 Erstellung des Interview-Leitfadens
8.5 Vorstellung des Interview-Leitfadens
8.6 Auswahlverfahren der sechs Experten
8.7 Vorstellung der Experten
8.8 Durchführung der Experteninterviews

9 Zusammenfassung der Ergebnisse – Experteninterviews
9.1 Besondere Potentiale von Fachkräften mit Migrationhintergrund
9.2 Spezifische Kompetenzen von Fachkräften mit Migrationhintergrund
9.3 Mögliche Schwierigkeiten oder Problematiken
9.4 Diskussion der empirischen Ergebnisse in Hinblick auf methodische Ansätze und Konzepte in der Sozialen Arbeit
9.4.1 Die Potentiale und Kompetenzen von Fachkräften mit Migrations- hintergrund
9.4.2 Interkulturelle Kompetenzen von Fachkräften mit Migrations- 71 hintergrund
9.4.3 Mögliche Problematiken von Fachkräften mit Migrationshintergrund
9.4.4 Berufliche Chancen von Fachkräften mit Migrationshintergrund

10 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Summary

Bei der vorliegenden Arbeit geht es um die Auseinandersetzung mit der Rolle, die Fachkräfte mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit spielen. Nach einem Blick auf Definitionen und grundlegende Fragestellungen, beschäftigt sich die Arbeit mit globalen Migrationsbewegungen und ihren Auswirkungen auf die Zuwanderungs-situation in Deutschland. Die Lebensbedingungen von Migrant/innen sowie die beruf-lich-gesellschaftliche Integration von Zuwander/innen wird untersucht. Dabei stellen wir fest, dass die Facetten von Migrationshintergründen sehr vielfältig sind und es sehr unterschiedliche Lebensbedingungen gibt. Diese Erkenntnis wird auch anhand einer in die Tiefe gehenden Milieustudie von Sinus-Sociovision erläutert. Die Situation von Migrant/innen an Hochschulen und Fachhochschulen Sozialer Arbeit wird dahin-gehend betrachtet, welche Schwierigkeiten aber auch welche Chancen sie birgt.

Ausgehend von 5 Hypothesen werden die Erkenntnisse der empirischen Unter-suchung, mit Hilfe von Experteninterviews, aufgezeigt und bewertet. Sie zeigen, dass die im Sozialen tätigen Migrant/innen (wie bei IN VIA KOFIZA) über vielseitige Poten-tiale und Kompetenzen – aber auch über Grenzen verfügen. Dabei wird deutlich, dass sie u. U. anders handeln als ihre deutschen Kolleg/innen, aber auch auf ganz ähnliche Reflexionsformen und Lösungswege zurückgreifen wie diese. In der Zusammenarbeit von deutschen und nicht-deutschen Fachkräften ist eine wachsende Kollegialität festzustellen, nur bei der vollen Teilhabe von Migrant/innen an der Sozialen Arbeit sind noch Entwicklungen nötig. Die Ergebnisse der Expertenmeinungen werden in Hinblick auf Konzepte, wie Fremdheitskompetenz, interkulturelle Kompetenz und ressourcen-orientierte Sozialer Arbeit untersucht und bewertet. Dabei ist festzustellen, dass Fachkräfte mit Migrationshintergrund über ein großes Potential für die Soziale Arbeit verfügen, enorm wichtige Kompetenzen mitbringen und diese besonders gut ent-wickeln können, wenn sich Gesellschaft und Träger ihnen gegenüber öffnen. Migrant/innen dienen als »Wegweiser«, sie sind Kulturdolmetscher/innen und haben dabei eine Vorreiter-Rolle – sowohl für ihre Community als auch für die Mehrheitsge-sellschaft. Interkulturelle Kompetenz wird in unserer Einwanderungsgesellschaft immer mehr zur sozialen Schlüsselkompetenz. Für die anstehenden Entwicklungen der Sozialen Arbeit in Hinblick auf Themen wie Bildung, Migration, Älterwerden, Partizipation, Integration u. a. müssen die Ressourcen der Migrant/innen vermehrt aktiviert werden. Denn sie sind wichtige Akteure und ihre Rolle als erwiesene Experten für vielfältige Aufgaben in der Sozialen Arbeit sollte ihren angemessenen Platz finden.

Vorwort

Das Thema Migration bzw. Migrationshintergrund spielt auch in meinem eigenen Lebens(ver)lauf eine wichtige Rolle. Brasilien, mein Herkunfts- bzw. Heimatland, ist ein klassisches Einwanderungsland mit einer langen Zuwanderungsgeschichte und einer multiethnischen bzw. -kulturellen Bevölkerungsstruktur. Heute hat es gewaltige Probleme mit der Ungleichheit seiner Gesellschaft, dem Prozess einer wachsenden sozialen Desintegration und der Vergeudung von natürlichen Ressourcen und von Kapital, auch humanem. Brasilien weist eine intensive Binnenmigration auf, viele Bewohner/innen aus armen, ländlichen Gebieten flüchten bis in die Gegenwart in die großen Städte. Durch die Entwicklung bestimmter ländlicher Regionen, die z. B. durch extensiven Sojaanbau wirtschaftlich und infrastrukturell wachsen, kehren aber inzwischen auch wieder Menschen in diese Gebiete zurück. Durch diese Migrationsbe-wegungen erhoffen sie sich stets eine Verbesserung ihrer Lebenssituation, versprechen sich davon, eine Arbeit zu finden bzw. Zugang zu Bildung und wirtschaftlicher Stabilität zu erhalten. Daneben gibt es auch ca. 4 Mio. Brasilianer/innen, die im Aus-land leben, wobei sie überwiegend in die USA bzw. in den europäischen Raum emigriert sind (vgl. dazu Bernecker et al. 2000, S. 318).

Als achtjähriges Kind erlebte ich selbst die Binnenmigration meiner Familie von einer Kleinstadt im brasilianischen Hinterland in die ca. 500 km entfernte Hauptstadt des Bundeslandes Piauí. Dort konnten meine Geschwister und ich eine höhere Schule besuchen, was an meinem Geburtsort nicht möglich gewesen wäre. Nach dem Abschluss meines Sprachstudiums in Englisch und Portugiesisch an der dortigen Hoch-schule ging ich nach Europa, zuerst als Au-Pair nach Belgien, später für vier Jahre nach England, um dort ein Sprachzertifikat zu erlangen und eine weitere Ausbildung abzu-schliessen. Vor acht Jahren kam ich nach München, lernte die deutsche Sprache von Grund auf und studiere seit 2002 an der KSFH, unterbrochen von einer zweijährigen Familienpause.

Eine glückliche Gelegenheit war für mich im Jahr 2001 die Möglichkeit, bei der Beratungsstelle für Migrant/innen von IN VIA KOFIZA ein Vorpraktikum bei einer brasilianischen Mitarbeiterin absolvieren zu können. Dadurch konnte ich zum einen meine ersten praktischen Erfahrungen in Sozialer Arbeit mit Menschen, die ebenfalls Migrationshintergrund haben, sammeln; zum anderen lernte ich im direkten Aus-tausch mit Migrant/innen und Fachkräften aus verschiedenen Ländern und Kulturen ihren Hintergrund besser verstehen und konnte meine eigene Geschichte sowie meine Motivationen für ein Studium der Sozialen Arbeit besser kennen lernen.

Für die bereitwillige Unterstützung, die vielfältigen Anregungen und die wertvollen Erkenntnisse, die ich durch alle Interviewpartnerinnen bei der vorliegenden Arbeit erhalten habe, möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken!

Mein besonderer Dank gilt meiner betreuenden Dozentin, Frau Ulrike Wachsmuth – Biller für ihre stets konstruktive und hilfreiche Unterstützung bei der Erstellung dieser Arbeit!

Hinweis:

Wenn im Verlauf der vorliegenden Arbeit von » Fachkräften « die Rede ist, sind damit stets ausdrücklich »Fachkräfte Sozialer Arbeit mit Migrationshintergrund« gemeint.

„… Migranten sind die Fen !Syntaxfehler, + ster, durch die

die Einheimischen die Welt sehen können“

entnommen aus:

Flusser, Vilém 1994: Von der Freiheit des Migranten.

Einsprüche gegen den Nationalismus. Bensheim.

1 Die Rolle von Fachkräften mit Migrationshintergr und in der Sozialen Arbeit

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle von Fachkräften mit Migrations-hintergrund in der Sozialen Arbeit. In Zeiten der Globalisierung rückt die Bedeutung von weltweiten Migrationsbewegungen, verbunden mit all ihren Auswirkungen, in immer komplexer werdende Zusammenhänge - auch in der BRD. Trotz einer kürzlich geschätzten Anzahl von ca. 15,3 Mio. Menschen mit unterschiedlichsten Migrations-hintergründen ist die BRD für viele Einheimische und Politiker bestimmter Coleur anscheinend immer noch kein Einwanderungsland, obwohl es - de facto - längst eines geworden ist.

Der Blick auf die hier lebenden Zuwanderer ist massiv geprägt von einer defizitär orientierten Sichtweise - auch oder gerade in der Sozialen Arbeit! Hier interessiert mich die Frage, ob es nicht nur gegenüber der Klientel mit Migrationshintergund, sondern auch gegenüber Fachkräften Sozialer Arbeit ähnlich gelagerte Vorurteile oder Vorbehalte gibt. In der Literatur »erleiden« zugewanderte Menschen häufig »Migra-tionsschicksale« (vgl. z. B. Vahsen 2000, S. 2) und ihnen werden multiple Akklima-tisierungs-, Kultur-, Lern- und Sprachdefizite zugeschrieben. Sie scheinen sich nicht so in die deutsche (oder abendländische) »Leitkultur« zu integrieren, wie sich die Mehr-heitsgesellschaft das vorstellt. Zuwanderung, Ausländerfeindlichkeit, Integration, Qualifizierung, Beschäftigung und die damit verbundenen Perspektiven sind Themen von großer gesellschaftlicher und sozial-politischer Sprengkraft - aber auch von beträchtlichen Chancen für Migrant/innen und die Aufnahmegesellschaft.

Einwanderer genießen hier nicht die vollen Bürgerrechte, sie sind in vielen, z. B. politischen Gremien, unterrepräsentiert und ihr Anteil an der Bevölkerung spiegelt sich noch nicht in ihrer Teilhabe an Arbeitsplätzen in sozialen Diensten wider. In dem durchaus kontrovers diskutierten Rahmen des Migrationshintergrunds findet sich meine Motivation für die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit und bewegt sich mein besonderes Interesse für die Frage, welche Rolle heute die Migrant/innen in der Sozialen Arbeit bzw. in der deutschen Gesellschaft spielen (können). Angesichts der relativ hohen Ansprüche an Ausbildung, Bildung und der Handhabung von ethnischer und kultureller Vielfalt, sind meiner Meinung nach neue Denkansätze und zukunfts-fähige Lösungen für eine erfolgreiche, auch berufliche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund notwendig. Zugespitzt formuliert, stellt sich mir die Frage, ob es unter den Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land vielleicht so etwas wie eine »ignorierte Ressource« - Schultejans (2007) spricht hier sogar von einer »ignorierten Elite« - gibt? Anders gefragt, kann es sich diese Gesellschaft weiterhin erlauben, das vorhandene Potential und die vielseitigen Kompetenzen seiner Zuwan-derer so sehr zu vernachlässigen bzw. so ungenutzt zu lassen wie bisher?

Auf der Grundlage der Ergebnisse von leitfadengestützten Experteninterviews mit Fachkräften, die über langjährige Erfahrungen in der Sozialen Arbeit mit Migrant/ innen verfügen, sollen aussagekräftige Erkenntnisse bezüglich der Lebenswirklichkeit von Fachkräften mit Migrationshintergrund - in Hinblick auf ihre berufliche Rolle in der Praxis Sozialer Arbeit gewonnen werden. Diese vielfältigen Impulse und Migra-tionsleistungen sowie die vorhandenen bzw. erworbenen interkulturellen Kompe-tenzen von Fachkräften der Sozialen Arbeit sollen in der vorliegenden Diplomarbeit differenziert aufgezeigt, kritisch hinterfragt, empirisch untersucht und überprüft, dazu bewertet und danach in Bezug zu Theorie und Praxis Sozialer Arbeit gesetzt werden.

2 Begriffsdefinitionen

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Begrifflichkeiten definiert, mit denen sich die vorliegende Arbeit befasst und die einer grundlegenden und umfassenden Erklärung bzw. Definition bedürfen.

Migration

Migration (lateinisch u. englisch = Wanderung) bezeichnet als Oberbegriff den Wande-rungsprozess von Einzelnen und Gruppen über Nationalitätsgrenzen hinweg (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002, S. 643). Migration hat vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung von Produktionsstrukturen ein Ausmaß erreicht, das sie zu einem prägenden Faktor der heutigen Welt macht. Bei den weltweit geschätzten ca. 200 Mio. Migrant/innen handelt es sich allerdings um sehr unterschiedliche Gruppen, die sich so verteilen lassen: Arbeitsmigrant/innen mit gesichertem Rechts-status, illegale Arbeitskräfte, Asylbewerber/innen und nach der Genfer Flüchtlings-konvention von 1951 anerkannte Flüchtlinge (vgl. v. Schlippe/El Hachimi/Jürgens 2003, S. 38).

Hamburger beschreibt den Begriff Migration als „eine allgemeine Sammelbe-zeichnung für den Umstand, dass Personen für einen längeren oder unbegrenzten Zeitraum einen früheren Wohnort verlassen haben und in der Gegenwart in einem anderen Land als ihrem Herkunftsland leben“ (Hamburger 2001, S. 1211). Der soziologische Migrationsbegriff versteht unter Wanderung eine räumliche Bewegung, die einen Wechsel der Wohnsituation bedingt, also eine Veränderung der Position im physischen und sozialen Raum. Im Begriff der Migration sind also die Dimensionen Raum, Zeit und Sozialität in spezifischer Weise enthalten (vgl. ebenda, S. 1212). Hamburger unterscheidet bei Migrationsursachen zuerst zwischen gewaltsam erzwungener Wanderung und freiwilliger Mobilität. Der Wanderungsgrund ist für ihn wichtig für das Verständnis des individuellen Sinnzusammenhangs, wie auch der sozialen Bedeutung der Migration (vgl. ebenda, S. 1212). Der weitere Verlauf des Migrationsprozesses soll nach Hamburger auch davon abhängen, „ob das Handeln des Migranten auf die Erreichung bestimmter Migrationsziele ausgerichtet ist oder ob er sich nur an den Gelegenheiten, die sich ihm bieten, orientiert. Hat er feststehende Ziele im Herkunftsland im Auge, beispielsweise in der Sozialstruktur des Auswande-rungslandes einen höheren Rang zu erreichen, wird er sich auch im Einwan-derungsland ganz auf dieses Ziel konzentrieren und vor allem mit Personen Kontakt halten, die ähnliche Aspirationen haben. Strebt er jedoch Ziele eher im Einwande-rungskontext an, wird sein Handeln stärker auf Veränderung beispielsweise der Art des familialen Zusammenlebens und der Erziehungsvorstellung ausgerichtet sein“ (ebenda, S. 1212).

Wenn man die Migration als Gestaltung kultureller Übergänge versteht, ist das eine Erfahrung, in der sich ein Individuum oder eine Familie auf einer Reise durch viele Phasen und soziale Systeme begibt und sich eine neue Heimat schafft (vgl. Radice von Wogau/Eimmermacher/Lanfranchi 2004, S. 46).

Kultur

Der Begriff der Kultur weist überaus vielfältige Definitionen auf. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist der Umgang mit dem Begriff der Kultur in Hinsicht auf die »inter- oder transkulturelle Dimension» von Migrationshintergründen wichtig, denn wie wäre z. B. der interkulturelle Diskurs beschaffen, ohne eine klare Definition dessen, was man unter Kultur versteht?

Nach Aussage von Staub-Bernasconi (2007) wird der Bedeutungsreichtum von »Kultur« nur noch in Bezug auf das Wort »Natur« übertroffen und bezieht sich nicht nur auf »ethnische Kulturen«, sondern auch auf andere, wie »schichtspezifische, ländliche, städtische« etc. Für Staub-Bernasconi ist Kultur „eine Eigenschaft von sozialen Systemen, und meint die unterschiedliche Verteilung von Bedeutungssys-temen oder Wissensinhalten irgendwelcher Art unter den Mitgliedern solcher (Teil-) Systeme. Beachtet man diese Verteilung, kann man beispielsweise von einer Mehrheits- und Minderheitskultur sprechen, wobei letztere oft als Subkultur bezeich-net wird“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 335).

Nach Radice v. Wogau et al. ist Kultur, in Zusammenhang gesehen mit Migration, die sie als eine „Gestaltung kultureller Übergänge“ verstehen, definiert als „das Verhalten, Sprache, die Normen, Werte, Bedeutungssysteme, und Traditionen, die Menschen seit ihrer Geburt gelernt haben und die von Generationen zu Generationen weitergegeben wurden. Das menschliche Verhalten ist ohne kulturellen Bezug nicht denkbar, es ist wie Geräusche ohne Rhythmus und Melodie oder wie Farbe ohne Form. Kultur liegt zwischen den beiden Polen der Einmaligkeit der genetischen Ausstattung des Individuums und seiner persönlichen Biographie einerseits und der Vielfältigkeit der universell vergleichbaren Erfahrungen der Menschen andererseits“ (Radice v. W. et al. 2004, S. 46).

Thomas (2003) beschreibt Kultur als ein „universelles, für eine Gesellschaft, Organi-sation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungs-system wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orien-tierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung“ (Thomas 2003, S. 36).

Integration

Integration als Begriff wird in der Umgangs- und Wissenschaftssprache benutzt. Er bedeutet grundsätzlich die „Wiederherstellung oder Einfügung in ein größeres Gan-zes“ (Fachlexikon der Soz. Arb. 2002, S. 487f). „Soziale Integration ist ein Begriff der klassischen Soziologie, mit dem die normative Einbindung von Individuen in die Gesell-schaft bezeichnet wird“ (Kleve 2005, S. 2). Diese Einbindung gilt als Voraussetzung für soziale Partizipation. Bei diesem Begriffsgebrauch geht es vor allem um die Beschrei-bung von Minderheiten und Randgruppen. Die Gesellschaft erscheint in dieser Pers-pektive als eine Einheit, deren integrierte Teile die einzelnen Individuen sind. Integra-tion versteht sich nach Auffassung der meisten Experten als Gegenbegriff zur Desinte-gration, zur Ab- und Ausgrenzung. Es geht um individuelle und gesellschaftliche Teilhabe und Zugehörigkeit. Leitbild ist eine plurale Gesellschaft, die auf der Grundlage einer für alle verbindlichen Werte- und Normenordnung ein Zusammenleben ohne Ausgrenzung anstrebt (vgl. Süssmuth 2006b, S. 138).

In Zusammenhang mit interkultureller Verständigung wird Integration nicht mehr als einseitige Anpassung oder Assimilation beschrieben, sondern als ein wechsel- und gegenseitiger Lernprozess, bzw. als ein offener Austausch, der auch die Mehrheits-kultur – im Sinne einer Bereicherung – verändert. Identität und Integration werden dabei nicht als festgelegt, sondern als dynamisch und prozesshaft (z. B. durch Aushandeln) angesehen (vgl. Fachlexikon der Soz. Arb. 2002, S. 488).

Partizipation

Partizipation meint als Begriff verschiedene Arten von Beteiligung, Teilhabe und Mitwirkung. In der Sozialen Arbeit wird Partizipation verstanden als gesellschaftliche bzw. auch materielle Ermöglichung allgemeiner, beruflicher, politischer, sozialer, kultureller Teilhabe bzw. Teilnahme für ihre Klientengruppen, wie Behinderte, Migrant/innen, Obdachlose, u. a. In der Soziologie bedeutet Partizipation die Einbin-dung von Individuen und Organisationen in Entscheidungs- und Willensbildungs-prozessen. Sie ist Mittel zum Ziel der Integration und gilt aus emanzipatorischen bzw. legitimatorischen Gründen häufig als wünschenswert. Partizipation kann die unter-schiedlichsten Beteiligungsformen annehmen (z.B. Bürgerinitiative, Interessenver-band, Partei u. a.). Sie gilt als gesellschaftlich relevant, weil sie zum Aufbau von sozialem Kapital führen kann und dann soziales Vertrauen verstärkt (vgl. Fachlexikon der Soz. Arb. 2002, S. 688).

Bezogen auf Migration sind Experten der Meinung, dass ohne Partizipation – die Interaktion, Teilhabe und Artikulation beinhaltet – keine Eingliederung von Zuwan-derern möglich ist. Vielmehr wird Partizipation als der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration bzw. für eine gelungene Integrationspolitik angesehen, auch wenn sie u. U. mit Konflikten und schwierigen Aushandlungsprozessen von Werten, Normen und Deutungsmustern einhergeht. Die Merkmale der Partizipation von Migrant/innen sind: Interaktion mit der Aufnahmegesellschaft, Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, und Artikulation ihrer Interessen in den politischen Prozessen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2007a).

3 Migration im Zeitalter der Globalisierung

3.1 Globale Migrationsbewegungen

Durch die Globalisierung sind wir weltweit mit Herausforderungen beschäftigt, die mit einem extremen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wandel einhergehen. Diese Globalisierungsprozesse haben auch eine zentrale Bedeutung als Impulsgeber für Migrationsbewegungen (vgl. dazu Handschuck/Klawe 2004, S. 23). Da das Thema Globalisierung sehr umfangreich ist, beschränke ich mich hier auf eine Skizzierung der Ansätze von globalen Entwicklungen in Hinblick auf die weltweit stattfindenden Migrationsbewegungen.

3.1.1 Menschheitsgeschichte ist Wanderungsgeschichte

Die Menschheitsgeschichte ist von Beginn an auch als eine Wanderungsgeschichte zu verstehen. Manche Autoren, wie Schlögel (2000) oder Keller (2005)[1], gehen sogar so weit, anzunehmen, dass nicht Sesshaftigkeit sondern nomadisierende Wanderungs-bewegungen der »menschliche Normalfall« zu sein scheinen. Als Begleiterscheinung des »Zeitalters der Globalisierung« kennzeichnen Migrationsbewegungen – historisch betrachtet - kein neu auftretendes Phänomen. Sie sind vielmehr die Zeichen der Beschleunigung eines Prozesses, der spätestens vor über 500 Jahren mit den Ent-deckungen der Seefahrernationen bzw. der „Europäisierung der Welt“ (Butterwegge/ Hentges 2006, S. 23) begonnen hat. Die kolonialen Eroberungen durch die Iberer u. a. waren der Beginn einer Arbeits-, Auswanderungs- und Besiedlungspolitik, die bis heute weltweit Folgen zeigt. Ganze Kontinente (wie z. B. Amerika) begannen damit, ihr ethnisches und kulturelles Gleichgewicht zu verändern und eine Unzahl von Menschen wurde in die »neue Welt« transportiert, um dort das Land zu besetzen und auszubeuten, Handel zu treiben und sich mit den Ureinwohnern zu vermischen (vgl. dazu Bernecker/Pietschmann/Zoller 2000, S. 11ff).

3.1.2 Migrationsverläufe in der Globalisierung

Die heutige internationale Migration hat die dynamischen Prozesse des weltweiten Wirtschaftswachstums aber auch des kulturellen Austausches gefördert. Durch die Globalisierung hat sich die Welt grundlegend verändert (hier könnte man heute eher von der »Amerikanisierung der Welt« sprechen). Länder, Gesellschaften, Kulturen, Märkte und Menschen in allen Regionen der Erde sind heutzutage enger unter-einander verbunden aber auch stärker voneinander abhängig. Die neuen Technologien haben den Transfer von Daten, Kommunikation, Handelgütern, Dienstleistungen, Ideen und vielem anderen über nationale Grenzen und Kontinente hinweg enorm beschleunigt. Obwohl die weltweite Wirtschaft zum einen ertragsmäßig wächst und hohe Gewinne ausweist, bedeutet Globalisierung zum anderen aber auch eine wachsende Ungleichheit an Chancen und Partizipationsmöglichkeiten für Menschen in Regionen der weniger entwickelten Welt (vgl. dazu WIM 2006, S. 1). Die Zunahme dieser weltweit stattfindenden Wanderungsbewegungen ist eine spürbare Folge dieses Ungleichgewichts zwischen Erster und Dritter Welt, oder anders betrachtet, ein Ausdruck der Dynamiken innerhalb der bestehenden Weltgesellschaft (vgl. Staub – Bernasconi 2007, S. 419).

Der Soziologe Ludger Pries (2002, S. 2) sieht die Veränderungen in der Globalisierung in „der Lockerung der Kongruenz von Territorialstaat und Lebensraum“ sowie in der Zunahme „transnationaler sozialer Räume“. Der Historiker Karl Schlögel geht einen Schritt weiter: Er beschreibt Migrant/innen als neuen Typ des Nomadentums und sieht die heutige Weltgesellschaft als einen „Raum permanenter Mobilität“. Er stellt Fragen nach den gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Welt für die „global citizens“ und erkennt in diesen modernen Wanderungsbewegungen weniger ein zu erleidendes Schicksal, sondern vielmehr eine Chance für die sich global gestaltende Zukunft (Schlögel 2004, S. 2).

3.1.3 Enträumlichung des Sozialen

Ulrich Beck (der den von ihm vor 22 Jahren geprägten Begriff »Risikogesellschaft« 2007 zur » Weltrisikogesellschaft « erweitert hat), sieht den Kern der Globalisierung in der „Enträumlichung des Sozialen“ angesiedelt und beobachtet zudem ein „paradoxes Verständnis von Mobilität und Migration“. Sobald Menschen nämlich – z. B. auf der Suche nach Arbeit - nationalstaatliche Grenzen überschreiten, wird aus der eigentlich „erwünschten Flexibilität“ schnell eine als gefährlich angesehene „unerwünschte Migration“. Die mobilen Arbeiter/innen sind dann massiven Restriktionen unterworfen und werden zudem vorschnell als »Asylanten«, »illegale Einwanderer« oder »Wirt-schaftsflüchtlinge« diskriminiert bzw. kriminalisiert (vgl. dazu Beck 2007b, S. 53 ff).

Im späten 20. Jahrhundert intensivierte sich das globale Wanderungsgeschehen, aus-gelöst durch akute politische Probleme, Menschenrechtsverletzungen, wirtschaftliche Nöte und Anreize, Verfolgung, Armut, Bürgerkriege, Gewalt etc. Mit den Migrant/ innen bewegen sich auch ihre normativen und kulturellen Werte, ihre Ängste und Erfahrungen über Grenzen hinweg (vgl. dazu Süssmuth 2006b, S. 13). Die Schub- und Sogfaktoren, die Wanderung auslösen, haben sich auf den ersten Blick nicht verändert. Laut Angaben der Vereinten Nationen sind heute ca. 200 Mio. Menschen auf Wander-schaft, knapp 30 Mio. davon sind legale Arbeitsmigrant/innen (vgl. UNDP 2006, S. 12).

3.1.4 Migrationsleistungen

Zuwander/innen, darunter ca. 40 % Frauen, gehören zu den dynamischsten und flexi-belsten Mitgliedern von Gesellschaften. Sie zeigen die Motivation und Bereitschaft, sich über unterschiedliche Grenzen hinaus zu wagen und neue Lebensperspektiven und berufliche Chancen für sich zu finden. Die vielfältigen Migrationsleistungen spielen weltweit eine wichtige Rolle, auch wenn diese oft nicht als solche anerkannt werden. In den meisten Ländern der sog. unterentwickelten Welt stellen die Rück-überweisungen von Migrant/innen bedeutsame Einkommensquellen für die dort verbliebenen Familien und Gesellschaften dar. Daneben spielen auch die kulturellen Transfers und Modernisierungseffekte durch die Migrant/innen, die sich in verschie-denen Welten bewegen, eine große Rolle. Die Weltkommission für Internationale Migration (WIM) sieht geradezu die „Notwendigkeit für die internationale Gemeinschaft, dieses Potential zu maximieren und von dem Einfallsreichtum dieser Menschen zu profitieren, die versuchen ihr Leben zu verbessern, in dem sie von einem Land in ein anderes ziehen“ (WIM 2006, S. 5) und betont damit auch die - selten wahrgenommenen - positiven Aspekte dieser weltweit wirkenden und meist ambiva-lent bewerteten Migrationsbewegungen.

3.2 Migrationsbewegungen von Frauen

3.2.1 Ursachen und Formen weiblicher Migration

Da die Fachkräfte Sozialer Arbeit mit Migrationshintergrund fast ausschließlich weiblich sind, beschäftige ich mich im folgenden Kapitel etwas ausführlicher mit den Ursachen und Formen der Migration von Frauen.

Die Wanderungsbeweggründe von Frauen sind denen von Männern durchaus ähnlich, sie heißen: „Armut, Abenteuer, Kalkulation, Verzweiflung“ (Stalker 1992, zitiert und übersetzt von Treibel 2006, S. 105). Migration befriedigt meist existenzielle mensch-liche Grundbedürfnisse nach Nahrungsversorgung, Sicherheit, Freiheit, Arbeit und Unversehrtheit, vielleicht aber auch nach einer grundsätzlich neuen Lebenspers-pektive. Treibel (2006 S. 105f) bietet uns eine Aufzählung von Migrationsmotiven, die ich wegen ihrer Vollständigkeit im Folgenden wiedergeben will.

„Demnach haben Frauen folgende Migrationsmotive:

- aus existenzieller Notwendigkeit, zur Sicherung des Lebensunterhalts für sich und/oder Angehörige;
- aus Lust am Abenteuer oder an der Veränderung, auf der Suche nach einer neuen Heimat;
- zu Ausbildungs- und Studienzwecken;
- weil ihre Firmen sie als Expertinnen für eine befristete Zeit ins Ausland schicken;
- weil sie verfolgt werden.

Bezüglich ihrer Wanderungsformen gilt Entsprechendes zu oben, Frauen sind beteiligt:

- an freiwilliger Migration (sog. Arbeitsmigration)
- an Zwangsmigration (Flucht, Vertreibung) ;
- an Armuts- und Expertenmigration;
- an Binnen- und internationaler/interkontinentaler Migration;
- an temporärer und permanenter Migration“

(Treibel 2006, S. 105f, Hervorhebungen: C. K.).

Aus beiden Auflistungen können wir entnehmen, wie unterschiedlich und wie viel-fältig die Wanderungsgründe bzw. –formen von Frauen sind. Problematisch erscheint auch Treibel die fehlende Trennschärfe bei den Migrationsmotiven, wie z. B. bei der Einschätzung von freiwilliger und unfreiwilliger Migration. Die meisten Wanderungs-motive gelten jedoch für beide Geschlechter. Die geschlechtsspezifischen Wande-rungsmotive von Frauen sieht Treibel bei verschärfter Mittellosigkeit, struktureller Diskriminierung und besonderen Verfolgungssituationen angesiedelt. Diese Aufzäh-lung würde ich noch um religiös motivierte Unterdrückungsmechanismen, Exklusion vom Arbeitsmarkt und strukturelle Bildungsbenachteiligung erweitern (ebenda, S. 106).

3.2.2 Fluchtmigration

Bei der Betrachtung von globalen Migrationsbewegungen - mit ca. 200 Mio. Menschen - fällt der geringste Anteil davon auf Flüchtlinge, dennoch liegt ihre Zahl bei ca. 50 Mio.

Von allen Migrantengruppen sind Flüchtlinge mit Abstand in der verwundbarsten Lage. Der überwiegende Teil von ihnen sind Frauen (und Kinder), vor allem bei den Bin-nenflüchtlingen. Bei Überschreitungen von Staatsgrenzen oder Kontinenten ist der Frauenanteil geringer, bei Asylsuchenden liegt er bei ca. 35 % (vgl. v. Schlippe et al. 2003, S. 40; WIM 2006, S. 23). Neben den geschlechts neutralen Motiven, wie Armut, Krieg, politische Verfolgung und Vertreibung, spielen als geschlechts spezifische Fluchtmotive bei Frauen vor allem folgende Ursachen eine Rolle: Diskriminierung, Verfolgung, Beschneidung, sexuelle und andere Gewalt, Mitgiftmorde usw. Verfolgungen von Frauen finden oft wegen Verstößen gegen herrschende, oft mittel-alterlich anmutende Moralvorstellungen, statt. Das Charakteristische an der Verfol-gung von Frauen liegt auf zwei Ebenen: zum einen in der Bedrohung mittels sexueller Gewalt, zum anderen in der Verfolgung wegen des Verstoßens gegen explizit für Frauen geltende Normen und Gesetze - wie z. B. der Scharia - in traditionell islamisch geprägten Ländern (vgl. Treibel 2006, S. 106f).

In der BRD stellen von allen Gruppen, wie Asylberechtigte, Bürgerkriegsflüchtlinge, Konventions- und Kontingentflüchtlinge die De-facto-Flüchtlinge die größte dar. Sie haben entweder keinen Asylantrag gestellt oder dieser wurde negativ beschieden. Aus humanitären Gründen erhalten sie einen Duldungsstatus. Da sie hier in ständiger Angst bzw. Erwartung ihrer Abschiebung leben müssen, ist ihre Situation besonders geprägt von Unsicherheiten. Insgesamt sind die Lebensumstände von Flüchtlingen oft (z. B. rechtlich gesehen) derartig kompliziert, dass sie mit keinem Schema zu erfassen sind (vgl. v. Schlippe et al. 2003, S. 40f)

3.2.3 Arbeits- und Heiratsmigration

Frauen sind an der globalen Arbeitsmigration etwas geringer beteiligt als Männer. Heutzutage wandern sie wesentlich häufiger als früher allein, ohne die Begleitung ihrer Familien, in Länder die eine chancenreichere wirtschaftliche Zukunft für sie bieten. Obwohl Frauen inzwischen fast 50 % der Arbeitsmigrant/innen weltweit stellen – mit steigender Tendenz (vgl. WIM 2006), wurde diese Tatsache in der BRD weitgehend ignoriert. Die Bildung des Begriffs »Feminisierung der Migration« weist aber darauf hin, dass sie von großer Bedeutung ist. Doch die Suche nach Arbeit stellt oft nur eines von mehreren Migrationsmotiven für Frauen dar. Neben der Hoffnung nach einer Arbeit, geht es auch um Möglichkeiten von wirtschaftlicher Unabhängig-keit, Aufwertung ihres Familienstatus´, größerer persönlicher Freiheit und individueller Selbstverwirklichung (vgl. Treibel 2006, S. 108; Süssmuth 2006b, S. 59f)). Die Arbeits-situation von Migrantinnen werde ich noch genauer in Kapitel 3.4.4 untersuchen.

Eine weitere wichtige Form der Zuwanderung von Frauen ist die Heiratsmigration, die nicht unter Arbeitsmigration im eigentlichen Sinn fällt. Für die anwachsende Zahl von Migrantinnen, die in der BRD heiraten wollen, sind folgende Faktoren maßgeblich: Armut und das Fehlen einer zukunftsfähigen Perspektive im Herkunftsland, schlecht bezahlte Arbeitsangebote, Eheschließungen zwischen Zuwanderern mit sicherem Aufenthaltsstatus und Frauen aus ihren Herkunftsländern (z. B. zwischen Deutsch-türken und Türkinnen), Globalisierung und internationaler Tourismus, Internet-Hei-ratsagenturen, zunehmende Bereitschaft für bikulturelle Partnerschaften, Au-Pair-Auf-enthalte etc. Oft entscheiden Heirat bzw. Scheidung auch über den Aufenthaltsstatus von Migrantinnen, denn das Ausländergesetz verfügt nicht grundsätzlich ein eigen-ständiges Aufenthaltsrecht für Ehepartner. Für viele Frauen bietet die Ehe mit einem Deutschen die Möglichkeit, sich und u. U. der Herkunftsfamilie eine neue wirtschaft-liche Perspektive zu verschaffen, auch wenn dies nicht unbedingt im Vordergrund der Motivationen für eine Heirat stehen muss. Daneben hat Heiratsmigration auch damit zu tun, dass es immer schwieriger wird (seit den Anwerbestopps in den 70ern), nach Europa auf legalem Weg als »normale Arbeitsmigrantin« zu gelangen (vgl. v. Schlippe et al. 2003, S. 42; Treibel 2006, S. 108).

3.3 Zuwanderungsbewegungen in der BRD

Da dieses Thema in der Literatur sehr umfangreich behandelt wird, erlaube ich mir, in diesem Kapitel nur einen kurz gefassten Überblick über die Zuwanderungsbewe-gungen in Deutschland zu geben.

Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von anderen Kulturkreisen hierher gekommen sind, bilden schon seit längerer Zeit einen beträchtlichen Anteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Die BRD ist seit gut fünf Jahrzehnten ein Zuwan-derungsland – daneben aber auch ein Aus- und Durchwanderungsland. Aber schon zu Ende des 2. Weltkrieges erfolgten Zuwanderungen, denn es strömten Millionen von sog. „Vertriebenen“ - deutschstämmigen Bürgern aus dem Osten Europas - nach West-deutschland. Seit 1951 haben hauptsächlich drei große Zuwanderungsgruppen die sich verändernde deutsche Gesellschaft geprägt: »Gastarbeiter«, Aussiedler/innen, humanitäre Flüchtlinge und all deren Familien (vgl. dazu OECD 2005, S. 14).

3.3.1 Gastarbeitergeneration bis Greencardregelung

Anfang der 5oer Jahre begannen mit den überwiegend in Südeuropa und der Türkei angeworbenen Arbeitskräften - den sog. Gastarbeitern - größere Zuwanderungsbewe-gungen in die BRD zu fließen, die ca. 1965 die erste Million überschritten. Heute leben die Nachkommen dieser Gastarbeiter/innen bereits in der zweiten bzw. dritten Gene-ration hier. In den darauf folgenden Jahren kamen »Spätaussiedler«, Bürger mit »deutscher Volkszugehörigkeit« aus osteuropäischen Staaten, jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR, sog. Kontingentflüchtlinge, EU-Binnenmigrant/innen, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Konfliktregionen, Asylbewerber/innen, Familiennachzüg-ler aus Drittstaaten, Studierende, Saisonarbeitnehmer/innen u. a. hierher.

In jüngster Vergangenheit wurden - unter dem Stichwort »Greencard« - IT-Spezia-listen ins Land geholt, die ihre befristete Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Je nach individuellen Migrationserfahrungen und aufenthaltsrechtlichem Status der Zuwanderer ergeben sich sehr divergierende Lebenswelten und Perspek-tiven für diese so unterschiedlichen Menschen, die jahrzehntelang vereinfachend als „die Ausländer“ von der deutschen Mehrheitsbevölkerung bezeichnet wurden (vgl. dazu Brucks 2001, S. 46).

3.3.2 Defizitäre Sichtweise von Zuwanderern

Beim Thema Migration gehen noch immer viele Experten (auch der Sozialen Arbeit) in der BRD von einem defizitär geprägten Ansatz aus. Migrant/innen werden in der Öffentlichkeit und in der Literatur sowohl von Befürwortern als auch Skeptikern der Migration tendenziell als »bedürftige, fremde und hilflose Wesen« beschrieben, die es zu »integrieren und zu kulturalisieren« gilt, denn Differenzen und Heterogenitäten werden nicht toleriert (vgl. Gültekin 2003, S. 2f). Mit Migration wird vor allem eine »Krisensituation« assoziiert und sie ist oft mit beängstigend konstruierten Bildern verbunden, die eine »Überflutung der BRD« oder »das Boot (BRD) ist voll« suggerieren sollen. Auf der anderen Seite werden die Herkunftsländer der Migrant/innen (Entwicklungs- oder Schwellenländer) in ähnlicher Weise als defizitär eingeschätzt. Sie sollen mit Hilfe der Europäer oder Amerikaner befähigt werden, ihre Unterentwicklung zu kompensieren und endlich – international gesehen – wettbewerbsfähig zu werden. Diese beiden Bereiche sind lange mit einer dritten Defizit-Idee verknüpft worden, der des „brain-drain“ – dem Abwandern der Gebildeten aus dem Süden in den Norden oder ihres Verbleibens nach dem Studium in Europa bzw. Amerika. Die deutsche Entwicklungspolitik ist geprägt von der festen Überzeugung, dass die hier ausge-bildeten Fachkräfte konsequent in ihre Heimatländer zurückgeführt werden müssten, sobald sie ihre Ausbildung vollendet hätten – sofern diese Rückkehr nicht durch eine Eheschließung abgewendet werden konnte (vgl. dazu Tränhardt 2005, S. 13).

3.3.3 Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt

Butterwegge stellt beim Thema Migration fest, dass Globalisierung und Zuwanderung kein harmonisches Wechselverhältnis bedeuten, sondern eher ein widersprüchliches und konfliktreiches Spannungsfeld sind, das sich in Fragen von Arbeitsmarktinte-gration und gesellschaftlicher Teilhabe teilweise massiv widerspricht (vgl. Butter-wegge/Hentges 2006, S. 55). Gleichzeitig ist Migration nach Deutschland in den 90er Jahren weitgehend regional auf Europäer und zeitlich auf IT-Experten aus dem öst-lichen Raum beschränkt worden. Dieses Vorgehen erscheint jedoch in Hinblick auf eine erfolgreiche Migrationspolitik und einen nachhaltigen Nutzen für den nationalen Arbeitsmarkt äußerst fraglich. Denn welche hoch qualifizierten Expert/innen werden sich schon auf eine – international gesehen - geschichtlich eher belastete Gesellschaft (die u. a. auch ganz aktuelle ausländerfeindliche Tendenzen erkennen lässt), eine lokal begrenzt einsetzbare Sprache und eine fremde Kultur einlassen wollen, wenn sie diese – gerade wenn die Bewältigung einer langwierigen Eingewöhnungszeit vollzogen ist - postwendend wieder verlassen müssen? Ohne die Garantie einer klaren, zukunfts-fähigen Perspektive und eines verbindlich geregelten Bleiberechts werden diese Spezialisten es wahrscheinlich vorziehen, in die USA, nach Kanada oder andere, wesentlich aufnahmefreundlichere Länder als Deutschland zu gehen und sich dort auf Dauer niederlassen.

3.4 Die Bedeutung von Zuwanderung für die Gesellschaft

3.4.1 Zuwander/innen als kreative Akteure der Zukunft

Zu den Sichtweisen von Migration bietet uns der tschechische Philosoph Vilém Flusser, einer großbürgerlichen jüdischen Familie entstammend, und selbst über vielfältige Migrationserfahrungen verfügend, folgende Hypothesen – unter dem Titel »Exil und Kreativität« aus dem Jahr 1984 an, die nichts an Herausforderung und Aktualität verloren haben: „Im Exil ist alles ungewöhnlich. Das Exil ist ein Ozean von chaotischen Informationen. Der Mangel an Redundanzen dort erlaubt nicht, diesen Informations-schwall als sinnvolle Botschaften zu empfangen. Das Exil ist, da ungewöhnlich, unbewohnbar. Man muss, um dort wohnen zu können, die umherschwirrenden Informationen zu sinnvollen Botschaften erst verarbeiten, man muss diese Daten «prozessieren». Das ist eine Frage des Überlebens: leistet man die Aufgabe der Datenverarbeitung nicht, dann wird man von den Wellen des Exils verschlungen. Daten verarbeiten ist synonym mit Schaffen. Der Vertriebene muss kreativ sein, will er nicht verkommen. (…) Die Migration ist eine kreative Situation, doch will die mit ihr verbundene Freiheit auch ausgehalten sein“ (Flusser 2007, S. 103).

Bei näherer Betrachtung seiner Aussagen wird klar, dass Flusser´s Sicht auf Migration und Integration zu Beginn mit Leid, Informationsüberflutung und Verwirrung verbunden ist, und die neue Umgebung (Beschaffenheit, Sprache, Kultur etc.) erst einmal mühevoll entziffert bzw. übersetzt werden muss, bevor diese Informationen verstanden werden können und es möglich wird, sich dort niederzulassen. Interessant finde ich Flusser´s Ideen in Hinblick auf die Dualität von Migration und Kreativität. Hieraus ist auch die Bedeutung der komplexen und zeitraubenden Integrationspro-zesse zu lesen, die jede/r Zuwander/in durchläuft.

Schlögel (2004) konstatiert umwälzende Veränderungen durch Zuwanderung in allen Aufnahmeländern, denn sie „verändert die ethnische, sprachliche und kulturelle Balance. Migranten sind beweglich. Sie sind (…) die Avantgarde der Innovation und Modernisierung. Die Migranten sind es vor allem, die Innovationen, risikoreiche Unter-nehmen initiieren. Auf sie ist die Rolle, die Max Weber den Protestanten bei der Ent-stehung des modernen Kapitalismus zugeschrieben hatte, übergegangen. In ihnen mischt sich die Situation des Neu-und-von-ganz-unten-anfangen-Müssens, des Tradi-tionsbruchs, mit dem Improvisierenkönnen, mit der Fähigkeit, eine Zeitlang in Provi-sorien leben zu können“ (Schlögel, 2004, S. 1f). Die Sichtweise Schlögels orientiert sich am genauen Gegenteil der oben ausgeführten, defizitären und von Vorurteilen geprägten Haltung gegenüber dem wahlweise »bemitleidenswerten oder gewaltbe-reiten Ausländer«. Für Schlögel bringen Migrant/innen auch eine Verschiebung des gesellschaftlichen Gleichgewichts mit sich, aber sie werden von ihm nicht als nur potentiell bedürftige Klienten Sozialer Arbeit oder destabilisierende Subjekte einge-schätzt, sondern als engagiert, motiviert und kompetent Handelnde wahrgenommen. Er erkennt bei ihnen die hohe Bereitschaft, sich dem Risiko auszusetzen, dadurch können sie innovativ als »Akteure der Modernisierung« wirken, als die sie immer noch nicht anerkannt werden (vgl. ebenda, S. 2).

3.4.2 Versäumnisse der Zuwanderungspolitik

Süssmuth (2006b) ist der gleichen Auffassung wie Schlögel (2004), dass es in Deutsch-land „politisch wie gesellschaftlich an Wertschätzung der Zugewanderten fehlt. Sie erfahren in aller Regel nicht, dass sie willkommen sind und gebraucht werden. (…) Im Gegensatz zu den USA oder Kanada müssen Migranten ständig begründen und rechtfertigen, warum sie ausgewandert sind. Das verstärkt das Gefühl, nicht willkom-men zu sein, ebenso wie Tatsache, dass man hier, anders als dort, von vornherein davon ausgeht, dass sie nur auf Zeit im Lande sind“ (Süssmuth 2006b, S. 145). In der BRD hat sich durch eine jahrzehntelange, nicht betriebene Zuwanderungspolitik bzw. die Ignorierung einer längst eingetretenen Realität eine massive Ungleichverteilung von Partizipationsmöglichkeiten gegenüber den zugewanderten Menschen in der BRD etabliert. Die neuesten Ergebnisse der PISA-Studie[2] belegen eindeutig, dass ein geringer sozialer Status, in Kombination mit einem Migrationshintergrund, den Kindern aus wirtschaftlich schwächeren Zuwandererfamilien den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen weitgehend verwehrt und damit auch eine spätere gleichbe-rechtigte beruflich-gesellschaftliche Teilhabe nahezu verunmöglicht wird.

3.4.3 Berufliche Chancen für Zuwanderer

Auch nach über 50 Jahren Immigrationsgeschichte in Deutschland ist es immer noch relativ ungewöhnlich, eine Migrantin in einer beruflich höher qualifizierten Position (auch in der Sozialen Arbeit!) anzutreffen. Bei der näheren Betrachtung der Biografien von Zuwanderer/innen ist jedoch festzustellen, dass diese meist von großen Heraus-forderungen und enormen Anpassungsleistungen geprägt sind. Jeder, der mit einem fremden Land konfrontiert ist, malt bewusst oder unbewusst seine neue, individuelle „Landkarte“, um sich allmählich in seiner neuen Umgebung zu Recht zu finden (vgl. Veneto-Scheib 1996a, S. 19f). Neben der Sprachbarriere, anderen vorhandenen kultu-rellen Deutungsmustern, Normen und Werten, begegnen Migrant/innen in der BRD erst einmal vielen Hindernissen und Hemmnissen. Eine besondere Hürde stellt meist die mangelnde Anerkennung von ausländischen Bildungs- und Studienabschlüssen dar, die für die meisten Migrant/innen mit solchen Zeugnissen noch immer sehr unbe-friedigend geregelt ist. Die Realität konfrontiert sie dann – nach der längeren Durst-strecke der Eingewöhnungsphase - mit Beschäftigungsmöglichkeiten auf niedrigstem Niveau oder/und dem steinigen Weg eines zweiten Studiums, z. B. der Sozialen Arbeit - in einer ihnen fremden Sprache - und des darauf folgenden Berufseinstiegs. Falls es ihnen nicht gelingt, hier ein zweites Studium zu absolvieren, besteht die Gefahr, in u. U. nicht besonders qualifizierten und unterbezahlten Jobs zu landen.

[...]


[1] Schlögel, Karl 2000: Planet der Nomaden. Schriftenreihe der Vontobel - Stiftung. Zürich. Keller, Johanna 2005: Neue Nomaden? Zur Theorie und Realität aktueller Migrationsbewegungen in Berlin. Berlin.

[2] Vgl. OECD: PISA 2006. Die Ergebnisse der internationalen Vergleichstudie. Berlin.

Details

Seiten
119
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836617994
Dateigröße
981 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226072
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München – Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
soziale arbeit migrationshintergrund sozialarbeiter migrant fachkräfte

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Titel: Die Rolle von Fachkräften mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit