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Zwischen beruflicher Unabhängigkeit und familiärer Verantwortung

Lebensplanung von jungen Frauen in Deutschland und Polen: eine vergleichende empirische Untersuchung

Diplomarbeit 2007 120 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Begriffsklärung
1.1.1. Rolle der Frau
1.1.2. Lebensplanung
1.1.3. Religiosität

2. Wissenschaftliche Bezüge
2.1. Typen der Lebensplanung
2.1.1. Die doppelte Lebensplanung
2.1.2. Die familienzentrierte und modernisiert-familienzentrierte Lebensplanung
2.1.3. Die berufsorientierte Lebensplanung
2.1.4. Die individualisierte Lebensplanung
2.2. Leitbilder gute Mutter/Matka Polka
2.3. Religiosität

3. Zugang zum Forschungsgegenstand und Methoden
3.1. Methode: Problemzentrierte Interviews
3.1.1. Ausarbeitung des Leitfadens
3.1.2. Fallauswahl und Kontaktaufnahme
3.1.3. Interviewverläufe

4. Methodische Auswertung
4.1. Fallübersicht und Fallbeschreibung
4.1.1. Aussagen zur persönlichen Lebensplanung
4.1.2. Aussagen zur Religiosität
4.2. Auswertung der empirischen Daten

5. Revision

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lebensplanungen der jüngeren Generationen von Frauen in Deutschland und in Polen haben sich in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich der Familien- und Berufsplanung gewandelt.

Frauen in Deutschland haben im Zuge von Bildungsexpansion und Emanzipationsbewegung die Möglichkeit erlangt, eine für sie sinnvolle Erwerbstätigkeit zu erlernen und zu ergreifen. Ebenso schuf der Sozialismus in Polen eine Basis für die Erwerbstätigkeit der Frau. Die Berufstätigkeit wird die Frauen eventuell ein Leben lang begleiten, dementsprechend wird der Berufswahl eine besondere Bedeutung zugemessen. Die weibliche Erwerbstätigkeit ist häufig identitätsstiftend und ein wichtiger Bestandteil der Unabhängigkeit. Somit können sie den Status der materiellen und persönlichen Autonomie erreichen. Demgegenüber steht das Problem, die Gründung einer Familie und die damit einhergehende Verantwortung in den Lebensplan einzubetten. Eine wie immer gewichtete Balance dieser beiden Bereiche zu erreichen, ist eine Schwierigkeit, der sich Frauen heute stellen müssen, da eine ausschließliche Konzentration auf die Familie, ohne einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, legitimiert werden muss.

In der sozialistischen Gesellschaft in Polen war die arbeitende Frau und Mutter, welche familiäre Pflichten und Berufstätigkeit miteinander verknüpfte aufgrund von Arbeitskräftemangel in den 1950er Jahren staatlich gefordert und gefördert (vgl. Chołuj/Neusüß, 2004: 184). Zusätzliche Rahmenbedingungen zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit wurden geschaffen, wie beispielsweise staatliche Kinderbetreuung. Die weibliche doppelte Lebensführung, Familie und Beruf zu verbinden entstand nicht aus der weiblichen Wahlmöglichkeit, sondern eher aus ökonomischen Zwängen. Diese Art der Lebensführung war eine Doppelbelastung für die Frauen und von der polnischen Bevölkerung abgelehnt, da dieses Modell den traditionellen Strukturen und Werten widersprach, welche die Frauen in der Familie verorteten (vgl. Zulehner/Deuz, 1993: 81f, Gomilschak/Haller/Höllinger, 2000: 4ff). Dennoch wurde diese Art der Doppelbelastung als Selbstverständlichkeit wahrgenommen, unterstützt durch das historische Leitbild der Matka Polka (auf dieses Leitbild wird ausführlicher in Kapitel 2.2. eingegangen). Nach 1989 endete die Selbstverständlichkeit der staatlich geförderten weiblichen Vollzeiterwerbstätigkeit (vgl. Chołuj/Neusüß, 2004: 185).

Die hohe Frauenerwerbstätigkeit in der Volksrepublik hat in keiner Weise zu einem Wandel der Werte und Normen der Menschen geführt. Noch 1993 waren über 90% der polnischen Bevölkerung der Ansicht, dass ein Kind leiden würde, wenn die Mutter berufstätig ist (vgl. Zulehner/Deuz, 1993: 81). Abbildung 1 zeigt, dass sich im Jahr 1994/95 die Einstellung der Menschen geringfügig verändert hat, 65% der Bevölkerung unterstützen weiterhin traditionelle Ansichten (vgl. Gomilschak/Haller/Höllinger, 2000: 4).

Abbildung 1

Einstellung zur Frauenrolle in 20 Ländern:

Zustimmung zur Aussage „Einen Beruf zu haben ist ja ganz schön, aber was Frauen wirklich wollen ist ein Heim und Kinder.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gomilschak/Haller/Höllinger, 2000

Auch aufgrund von Arbeitsplatzmangel ist ein traditionelleres Familien- und Frauenbild von der Regierung gewünscht. Walczewska bringt die politische Meinung eines Präsidentschaftskandidaten und Abgeordneten im EU-Parlament auf den Punkt: „Die Frauen würden viele Arbeitsplätze freimachen, die dann von arbeitslosen Männern besetzt werden könnten“ (Walczewska, 2006: 31). Die Regierung sieht die Frau im Haushalt und bei der Kindererziehung, was die katholische Kirche in Polen grundsätzlich befürwortet (vgl. Rudolph/Klement, 2006: 14). Insbesondere verbunden mit dem damaligen Pontifikat des Papstes Johannes Paul II. sind die Ausprägungen von Religiosität in Polen äußerst intensiv. In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass über 90% der polnischen Bevölkerung dem katholischen Glauben angehören, sich als religiös einschätzen und an Gott glauben (vgl. Zulehner/Deuz, 1993: 19ff, Zdaniewicz/Ciecieląg, 2001: 226f).

Die jungen polnischen Frauen wollen jedoch eine Erwerbsarbeit ausüben, aus Gründen der Existenzsicherung, zur Selbstverwirklichung oder individuellem Karriereaufbau (vgl. Niedzielska, 1999: 58, Rudolph/Klement, 2006: 32). 1996 wollten 71,8% der polnischen Frauen ihre Erwerbstätigkeit weiter ausüben, auch wenn die ökonomische Notwendigkeit nicht bestehen würde (vgl. Titkow, 1996: 63).

In Deutschland orientieren sich immer weniger junge Frauen an traditionellen Leitbildern, denn mit dem Gleichheitsanspruch der Frauen, mit dem Wandel der Geschlechterrollen und des Alltagslebens ändern sich die Lebenslage und die Möglichkeiten der Lebensführung. Althergebrachte Leitbilder lösen sich weitgehend auf (vgl. Geissler/Oechsle, 1996: 15f). Geburtenrückgang, erweiterte Bildungschancen für Frauen, das Streben nach Selbstständigkeit und Autonomie sowie die Pluralisierung der Familienformen sind relevante Prozesse für diesen Wandel (vgl. Nave-Herz, 2002: 12). Erwerbstätigkeit in der Lebensplanung von Frauen nimmt heute einen wichtigen Platz ein. Der Anteil der deutschen Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen lag 2002 bei 44,3% (vgl. BMFSFJ, 2004: 10). Hierbei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass der Anteil der Frauen mit Kindern, die ausschließlich einer Teilzeitarbeit nachgehen, in Deutschland bei 38%, in Polen jedoch nur bei knapp 10% liegt (vgl. Stoebe-Blossey, 2005: 4, BIB, 2005: 6). Frauen heute werden sich immer die Frage stellen müssen, “wie sie als Frauen sein sollten“ und „wie sie als individuelle Person sein wollten, wenn sie könnten“, gerade auch hinsichtlich normativer Leitbilder (Keddi/Pfeil, 1999: 71).

Aufgrund der Wiedervereinigung in Deutschland ist die Zugehörigkeit zu einer christlichen Religionsgemeinschaft in West- und Ostdeutschland zu unterscheiden. Gut 70% der Westdeutschen und weniger als 30% der Ostdeutschen sind Mitglieder einer christlichen Kirche (vgl. EKD, 2003). Kirchenmitgliedschaft ist jedoch kein Indikator für gelebte Religiosität. Studien hinsichtlich der Religiosität ergaben, dass sich die Westdeutschen zu 55% und die Ostdeutschen zu ungefähr 30% als religiös einschätzen (vgl. Zulehner/Deuz, 1993: 19). In Ostdeutschland liegt der Anteil der Menschen, die sich als unreligiös einschätzen bei circa 40%, in Westdeutschland bezeichnen sich unter 30% als nicht religiös (vgl. Zulehner/Deuz, 1993: 19). Die unterschiedlichen Ausprägungen von Religiosität, die sich aufgrund der Wiedervereinigung 1990 und der vorangegangenen strukturellen Trennung und der damit verbundenen Entwicklungsunterschiede ergeben, sind Bestandteil der Arbeit.

Nachfolgend ist zu überprüfen, ob sich in Deutschland und Polen mit ihrer verschieden hoch ausgeprägten Religiosität Frauen an traditionelle Vorstellungen halten und wie sich dies in deren Lebensplanung äußert. Um Unklarheiten zu vermeiden, werden in den nachfolgenden Kapiteln Aussagen über polnische bzw. deutsche Frauen besonders gekennzeichnet.

Die verschiedenen Phasen der Lebensplanungsmodelle basieren auf der Studie von Birgit Geissler und Mechthild Oechsle „Lebensplanung junger Frauen“ (1996). Für meine Untersuchung wurden jedoch ausschließlich Studentinnen befragt, die in Deutschland bzw. Polen beheimatet sind. Als Grundlage der Untersuchung wurden mit je drei Studentinnen im Alter von 21 bis 26 Jahren aus Duisburg und Danzig qualitative Interviews durchgeführt. Diese wurden methodisch aufgearbeitet und unter Berücksichtigung der bestehenden Literatur analysiert.

Das Thema der Diplomarbeit steht in Verbindung mit einem Projekt an der Universität Duisburg-Essen, welches das Ziel „(…) einer interkulturellen Kommunikation und Kooperation zwischen Studierenden und Lehrenden (…)“ an den Universitäten Danzig und Duisburg hat (Internetbrücke Danzig-Duisburg). Unter den Projektteilnehmerinnen und –teilnehmern wurden unterschiedliche Themen wie gesellschaftspolitische, ökonomische und kulturelle diskutiert. In Zusammenhang mit diesen Gesprächen entwickelte sich bei mir das Interesse, in meiner Diplomarbeit einen Vergleich von deutschen und polnischen Studentinnen hinsichtlich ihrer Lebensplanung durchzuführen.

Die Arbeit untergliedert sich einschließlich Einleitung und Fazit in sechs Kapitel. Neben dem kurzen Überblick in der Einleitung wird in Kapitel 1.1. eine Klärung der für diese Arbeit zentralen Begriffe erfolgen. Kapitel 2 gibt einen wissenschaftlichen Überblick über die Themen Leitbilder, Lebensplanung und Religiosität. Kapitel 2.1. hat eine Studie zur Lebensplanung junger Frauen von den Wissenschaftlerinnen Birgit Geissler und Mechthild Oechsle zur Grundlage. Verschiedene Formen von Lebensplanungen sind hier in übersichtlichen Modellen dargestellt. Ergänzend zu dem Thema wurde bestehende Literatur anderer deutscher und polnischer Autoren und Autorinnen verwandt. Das Kapitel 2.2. befasst sich mit den Leitbildern der guten Mutter in Deutschland und der Matka Polka in Polen. Um Aussagen über die Entwicklung von Religiosität im Vergleich zu treffen, ist eine breitere Betrachtung notwendig. Aus diesem Grund wird die unterschiedliche historische religiöse Entwicklung in den Ländern Polen, Ost- und Westdeutschland bis zur Gegenwart in Kapitel 2.3. behandelt. Zur Beschreibung von Religiosität werden verschiedene Dimensionen der religiösen Ausprägungen, nach Gert Pickel, dargestellt.

Kapitel 3 schildert den Aufbau und die Methode des Untersuchungsgegenstandes. Der Leitfaden der Interviews, die Fallauswahl und die Interviewverläufe werden vorgestellt. Mit der Aufbereitung der erhobenen Daten und deren Auswertung befasst sich Kapitel 4. Die einzelnen Fälle werden mit ihren Aussagen detailliert vorgestellt und auf zwei Ebenen ausgewertet. Die formale Ebene befasst sich mit dem biographischen Verlauf. Auf der inhaltlichen Ebene wird versucht, die einzelnen Aussagen zu Lebensplanung und Religiosität in kollektive und subjektive Sinnzusammenhänge zu setzen. Die Revision in Kapitel 5 befasst sich mit der kritischen Betrachtung der angewandten Methode und ihrer Durchführung. Die abschließende Zusammenfassung und Überprüfung der Anschlussfähigkeit der Untersuchung erfolgen im Fazit.

Der Arbeit werden drei Thesen vorangestellt:

- Die Lebensplanungen der Frauen in Polen und in Deutschland differieren bedeutend
- Religiosität ist als ein wesentlicher Faktor für diese Differenz anzunehmen
- Werden Unterschiede in der Intensität des Glaubens gemessen, werden auch Unterschiede in der Lebensplanung gemessen

1.1. Klärung zentraler Begriffe

1.1.1. Rolle der Frau

Die Betrachtung der Rolle der Frau in der Familie setzt eine Bestimmung des Familienbegriffs voraus. Mittlerweile umfasst dieser Begriff mehr als nur die Kernfamilie. Ausgehend von einem engen Familienbegriff zitiert Nave-Herz die 1964 von Parsons entwickelte Definition von der bürgerlichen Familie als das „Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind/ern“ und die strikte Trennung der Arbeitsbereiche: „(…) der Ehemann und Vater hatte für die ökonomische Sicherheit zu sorgen, die Ehefrau und Mutter war für den Haushalt und vor allem für die Pflege und Erziehung der Kinder verantwortlich“ (Nave-Herz 2002: 14). In den 1960er Jahren gab es in Westdeutschland starke normative Regulierungen durch Staat und Kirche zum Schutz von Ehe und Familie. Die Geschlechterrollen waren klar definiert; das Modell des Familienvaters als Haupternährer und der fürsorgenden Mutter wurde gefördert. Der Lebenslauf war in dem Maße strukturiert, dass Familiengründung und ökonomische Tätigkeit gut zueinander passten (vgl. 7. Familienbericht, 2006: 56). Auch in der Volksrepublik Polen wandelte sich in den 1960er Jahren aufgrund von Arbeitsplatzmangel die Rolle der Frau von der berufstätigen Mutter zur Mutter, die sich ausschließlich auf die Familie konzentriert (vgl. Chołuj, 2003: 209f). Die „sozialistische Familie“ in der DDR, welche weibliche Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern voraussetzte, konnte weitgehend nicht realisiert werden, weil die Ressourcen der Politik für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht ausreichten (Gysi/Meyer, 1993: 140). Die DDR-Frau musste verschiedene soziale Rollen gleichzeitig meistern. Ausführlich wird auf diese Entwicklungen in Kapitel 2.2. eingegangen.

Die klassischen Rollen vom Ernährer bzw. der Hausfrau und Mutter haben sich gewandelt. Frauen heute wollen mehrheitlich lebenslang arbeiten und auch die Beteiligung der Väter im häuslichen Bereich hat zugenommen. Verschiedenste Modelle von Lebensformen werden von der Gesellschaft akzeptiert, „die traditionell strukturierte Familie ist inzwischen zu einer zwar immer noch sehr verbreiteten, aber keineswegs konkurrenzlosen Form der privaten Lebensführung geworden“ (Rerrich 1990: 12). Der Typ der Kernfamilie hat sich aufgrund verschiedenster Rollenzusammensetzungen differenziert und mittlerweile bilden sich aufgrund von Trennung, Wiederverheiratung, Nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften, etc. diverse Familienmodelle.

1.1.2. Lebensplanung

Lebensplanung meint die verschiedenen Ziele, Wünsche und Vorstellungen über das eigene zukünftige Leben, wie Berufswahl und -einstieg, Partnerbeziehung, Ehe und Familiengründung sowie Vereinbarung von Familie und Beruf. Unter Einfluss gesellschaftlicher Vorgaben, wie zum Beispiel verschiedener Leitbilder, besteht der Entscheidungszwang Prioritäten zu setzen, um Gegenwart und Zukunft aktiv zu gestalten (vgl. Geissler/Oechsle, 1996: 13). Auch wenn Lebensplanung sich an vorgegebenen Mustern orientiert, gestaltet sie sich durch eigene biographische Entscheidungen und ist durchaus veränderbar (vgl. ebd.).

1.1.3. Religiosität

Religion im Allgemeinen muss von zwei Seiten betrachtet werden: die objektive Seite, welche eine formale Struktur besitzt, wie zum Beispiel die Organisation der Institution Kirche und die subjektive Seite, welche die persönliche Anbindung an das Wertgefüge innehat. Die subjektive Seite ist in diesem Zusammenhang interessant, daher erfolgt hier ausschließlich die Betrachtung von Aussagen, aber auch bestimmter institutioneller Praxen, die einen Rückschluss auf Religiosität erlauben, da in dieser Untersuchung Religiosität als Einflussgröße der Lebensplanung zu sehen ist.

Dimensionen der Religiosität werden in dieser Untersuchung beschrieben mit der Institution Kirche, der kirchlichen Integration und der persönlichen Religiosität/Glauben (vgl. Pickel, 1998: 66). Diese Dimensionen verbinden die Institution Kirche und die Individualität Mensch.

Aspekte dieser Dimensionen sind das Vertrauen in die christlichen Kirchen und die Häufigkeit des Kirchgangs. Voraussetzung ist der Glaube an Gott.

2. Wissenschaftliche Bezüge

Gegenwärtig gibt es verschiedene Modelle für Frauen, ihr Leben zu gestalten. Private Entscheidungen, das Verhältnis von Beruf und Familie zu gewichten, unterscheiden die verschiedenen Modelle der Lebensplanung. Birgit Geissler und Mechthild Oechsle stellen in ihrem Buch „Lebensplanung junger Frauen“ unterschiedliche Dimensionen verschiedener Lebensplanungen vor (vgl. Geissler/Oechsle, 1996). Somit ergibt sich ein umfassender Überblick über gängige Lebensverläufe von Frauen, welcher dieser Untersuchung als Gerüst dient. Die Studie von Geissler und Oechsle befasst sich ausschließlich mit deutschen Frauen, dennoch ist diese Untersuchung eine legitime Grundlage für diese Arbeit, da Firlit-Fesnak in ihren Ausführungen von strukturell gleichen Modellen spricht (vgl. Firlit-Fesnak, 2002). Kapitel 2.1. befasst sich mit den, von Geissler und Oechsle erarbeiteten, Modellen der doppelten, der familienzentrierten und der modernisiert-familienzentrierten, der berufsorientierten und der individualisierten Lebensplanung.

2.1. Typen der Lebensplanung

Die weibliche Normalbiographie hat sich gerade in Bezug auf Familie, Partnerschaft und Erwerbsarbeit modernisiert. Die Nichterwerbstätigenquote ist bei Frauen in Europa von 40,5% im Jahr 1999 auf 37,5% im Jahr 2005 zurückgegangen (vgl. Hardarson, 2006). Frauen in Europa mit Kindern unter 12 Jahren sind zu 60% erwerbstätig (vgl. Aliaga, 2005). Jedoch muss beachtet werden, dass die Arbeitszeiten in den Ländern Polen und Deutschland in Bezug auf Vollzeit- und Teilzeitarbeit variieren. Weibliche Teilzeitarbeit ist gerade in Westdeutschland vorherrschend und die Frau fungiert als zuverdienende Ehefrau (vgl. Tengs, 2007: 41). 45% der westdeutschen und 27% der ostdeutschen Frauen gingen 2005 einer Teilzeitbeschäftigung nach (BMAS, 2005). In Polen muss die Ehefrau mit ihrer Vollzeiterwerbstätigkeit zusätzlich für die ökonomische Absicherung der Familie sorgen. Dennoch sind aufgrund der herrschenden Arbeitslosigkeit nur 46,5% der polnischen Frauen tatsächlich erwerbstätig, davon aber nur 14,5% Teilzeiterwerbstätig (vgl. European Foundation, 2005, Europäische Gemeinschaften, 2005: 110). In Polen sind zu 49% beide Partner vollzeiterwerbstätig, in Deutschland zu 37%. Die Verteilung männliche Vollzeit- und weibliche Teilzeiterwerbstätigkeit wird in Deutschland mit 28% eher realisiert, während in Polen diese Variante nur zu 8% auftritt (vgl. Tabelle 1). Aus Tabelle 1 wird allerdings nicht ersichtlich, ob die Paare kinderlos sind oder aber ob zu betreuende Kinder im Haushalt leben. Dennoch sollte diese Tabelle beachtet werden, da die vorherrschenden Erwerbskonstellationen bei Paaren deutlich dargestellt werden.

Tabelle 1

Aufteilung der Erwerbstätigkeit bei Paaren im Alter von 20 bis 49 Jahren, bei denen mindestens ein Partner erwerbstätig ist (in % der Paare)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 zeigt das Stundenvolumen von arbeitenden Frauen mit und ohne Kinder. Hier wird ersichtlich, dass polnische Frauen auch als Mütter über 30 Stunden erwerbstätig sind, wohingegen die deutschen Frauen mit Kindern unter 30 Stunden in der Woche arbeiten. Über 30 Stunden wird in diesem Schaubild als Vollzeit erwerbstätig angesehen, unter 30 Stunden als Teilzeit erwerbstätig.

Abbildung 2

Erwerbstätigenquote und Wochenarbeitszeit von Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren, mit und ohne Kinder unter 12 Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eurostat, Europäische Arbeitskräfteerhebung 2003

Die weibliche Geschlechterrolle hat sich insofern gewandelt, dass Frauen nicht mehr als abhängige Wesen gesehen werden (wollen), sondern selbstbestimmte Menschen sind (vgl. Walczewska, 2006: 25f). Sie haben jetzt mehr Chancen und Wahlmöglichkeiten als früher, indem sie Entscheidungen über ihr Leben treffen können, gerade in Bezug auf Karriere und Mutterschaft. Ursachen für ihre ökonomische Selbständigkeit und Selbstbestimmung sind unter anderem die gestiegenen Bildungschancen, die Berufsbeteiligung der Frauen und die Geburtenkontrolle. Weibliche Erwerbstätigkeit wird in Deutschland nicht mehr nur als materieller Zugewinn in der Ehe gesehen. Die persönliche Entfaltung hat einen hohen Stellenwert eingenommen (vgl. Geissler, 1996: 111). Polnische Frauen müssen, auch wenn sie arbeiten wollen, die Priorität auf die Existenzsicherung und nachfolgend auf die Selbstverwirklichung legen (vgl. Niedzielska, 1999: 58). Gerade in Polen schreitet die Modernisierung des Frauenlebens langsamer voran als in Deutschland. Die Modernisierung der Frauenrolle aber bedeutet in beiden Fällen, dass Frauen ihr Leben individuell planen müssen, wollen sie die Anforderung, den Lebensunterhalt selbst zu finanzieren mit dem Wunsch nach einer Familie vereinbaren.

Im 21. Jahrhundert sind unterschiedliche Familienentwürfe Normalität geworden, da sie, nicht zuletzt aufgrund der Modernisierung der Frauenrolle, immer mehr an Bedeutung und Akzeptanz gewonnen haben. Die Frau, die zeitlebens ausschließlich Hausfrau und Mutter ist, hat ihre Legitimation aufgrund geringerer Kinderzahl und den Übergang von Erziehungsaufgaben an Kindergarten und Schule einerseits und modernerer Haushaltstechnik und Verlagerung von Haushaltsaufgaben auf die Marktproduktion andererseits verloren. Für viele junge Frauen in Deutschland bedeutet die Gestaltung des eigenen Lebenslaufs eine Form der Gleichberechtigung, da ihnen weder Bildung, Berufstätigkeit und die damit verbundene Unabhängigkeit verwehrt wird (vgl. Peuckert, 1996: 198f.). Dennoch müssen sich junge Frauen in Deutschland und Polen, gerade wenn es um die Familie geht, mit Weiblichkeitsleitbildern beschäftigen, welche weiter ungebrochene Norm sind, wie dem Mythos der guten Mutter und der Matka Polka. Dies wird ausführlich in Kapitel 2.2. beschrieben.

2.1.1. Die doppelte Lebensplanung

Die Möglichkeit, sein Leben individuell zu gestalten und nicht dem traditionell weiblichen Lebensverlauf zu folgen, führt zu einer Planungsungewissheit im Lebensmodell vieler junger Frauen. Für die doppelte Lebensplanung gibt es kein ausgearbeitetes Modell, an dem sich junge Frauen orientieren können. Dennoch ist die Vereinbarung von Beruf und Familie das derzeitig normative Modell, das am häufigsten gewünscht und praktiziert wird (vgl. Geissler/Oechsle, 1996: 29). Geissler und Oechsle bezeichnen diese Balance als „Leitbild der doppelten Lebensführung“ (ebd.: 114).

52% der deutschen und 48% der polnischen Mütter mit Kindern bis zu 2 Jahren sind erwerbstätig (vgl. Abbildung 3) und zusätzlich in hoher Intensität für die Familie da (vgl. Tengs, 2007: 45). Je älter das Kind wird, desto höher steigt die Erwerbstätigenquote der Frauen. Die Bedeutung der Relevanz für das Modell der doppelten Lebensplanung wird an diesen Zahlen deutlich.

Abbildung 3

Erwerbstätigenquote von Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren nach Alter des jüngsten Kindes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eurostat, Europäische Arbeitskräfteerhebung 2003

Entscheidend bei diesem Modell sind eine qualifizierte Ausbildung und ein Beruf, der den Vorstellungen der Frauen entspricht, ebenso wie das Selbstverständnis einer Familiengründung. Das Ziel dieser Lebensplanung ist das Erreichen einer Balance zwischen Erwerbsarbeit und Familie, die Gewichtung der Bereiche ist individuell zu setzen. Nicht nur organisatorische Probleme sind zu lösen, auch persönliche Motive und Prioritäten müssen bestimmt werden. In diesem Modell hat weder der Beruf, noch die Familie eine durchgehend untergeordnete Rolle, vielmehr wird durch die Balance versucht, eine Parallelität herzustellen. Dieses Modell durchläuft verschiedene Phasen mit unterschiedlicher Prioritätensetzung (vgl. Oechsle, 1998: 191f). In der Zeit vor der Familiengründung, Geissler/Oechsle nennen diese Phase ein „Lebenslauf-Modell“, ist es den Frauen wichtig, eine qualifizierte Erwerbstätigkeit auszuführen, um materielle Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu erreichen (Geissler/Oechsle, 1996: 115). Weil der Beruf Frauen ein Leben lang begleitet, wird der Berufswahl eine besondere Bedeutung zugemessen. Die Erwerbstätigkeit ist in diesem Modell identitätsstiftend und ein wichtiger Bestandteil der Unabhängigkeit der Frauen. Irrelevant sind Karrierepläne einschließlich hoher Einkommen. Aufstiegsmöglichkeiten werden den Interessen untergeordnet, das Einkommen dient lediglich einer ökonomischen Unabhängigkeit. Die Relevanz des Einkommens ist in der Zeitspanne vor der Familiengründung hoch. Diese wird so lange hinausgezögert, bis eine Unabhängigkeit und eine Identifikation mit dem Beruf erreicht sind. Die Autonomie in der Zeit vor der Familiengründung über selbst bestimmtes Leben und Handeln sind Aspekte eines neuen Leitbildes, der „selbständigen Frau“ (Geissler/Oechsle, 1996: 108). Voraussetzungen für eine Familiengründung sind die Realisierung der beruflichen Ziele und eine anschließende mehrjährige Berufspraxis, um sich im erlernten Beruf zu bewähren. Der richtige Zeitpunkt, der Berufserfolg, das passende Alter und die berufliche Situation des Partners sind elementar für eine Familiengründung. Die Frauen müssen in dieser Phase Probleme der Zeitknappheit bewältigen. Sie wollen bis zum 30. Lebensjahr die Voraussetzungen geschaffen haben im Hinblick auf Partner, Kind und Beruf.

Die Prioritäten verschieben sich, wenn das erste Kind geboren ist. Auch aufgrund emotionaler Bindung ist es Frauen wichtig, die ersten Lebensjahre intensiv mit dem Kind zu verbringen, um sich vollständig der Erziehung und Pflege zu widmen. Dies führt zu einer Berufsunterbrechung, die in der Zeit vor der Familiengründung einkalkuliert wurde. Frauen sehen sich und ihr Kind nicht als Einheit. Sie wollen es zur Selbständigkeit erziehen, um bald ihre Erwerbstätigkeit wieder aufnehmen zu können. Diese Berufsunterbrechung mit den Aufgaben der Betreuung und Pflege des Kindes wird nicht als Belastung oder Einschränkung erlebt, sondern in gewisser Weise auch als Herausforderung, da eine hohe Verantwortung und verschiedene Fähigkeiten notwendig sind, um diese Aufgabe zu bewältigen. Kinderbetreuung und Erziehung werden als anspruchsvolle Tätigkeiten begriffen. Eine Fremdbetreuung wird grundlegend abgelehnt, da die Betreuung des eigenen Kindes als Form von Autonomie gesehen wird und eine Bereicherung darstellt, mit beglückenden Erfahrungen. In der Phase der Familiengründung wird das Leitbild der selbständigen Frau abgelöst durch die gute Mutter, mit der Einschränkung, dass die Mutter sich nicht ihr Leben lang für ihr Kind aufopfern, sondern zeitnah in ihren Beruf zurückkehren möchte.

Die Frauen wollen ihre Erwerbstätigkeit wieder aufnehmen, wenn das Kind im Kindergartenalter ist, die Teilzeiterwerbsarbeit wird in dieser Zeit bevorzugt. Dadurch haben Frauen die Möglichkeit, Beruf und Kind miteinander zu vereinbaren. Sie erfüllen somit die Norm „immer für die Kinder da sein“ zu wollen, während sie gleichzeitig im Erwerbsleben präsent sind (Geissler/Oechsle, 1996: 119f).

Frauen fühlen sich nicht als schlechte Mutter, wenn sie ihr Kind in den Kindergarten bringen, um ihre Erwerbstätigkeit wieder aufzunehmen. Sie sind im Gegenteil davon überzeugt, dass gerade eine gute Mutter ihren Kindern eine Kindergartenerziehung angedeihen lässt und dass diese wichtig für die Entwicklung der Kinder ist (vgl. Geissler/Oechsle, 1996: 120). Die Rückkehr in die Erwerbsarbeit hat für die Frauen nicht mehr den Stellenwert der materiellen Unabhängigkeit, wie in der Zeit vor der Familiengründung, sondern bedeutet soziale Unabhängigkeit und Teilhabe am öffentlichen Raum. Das Einkommen wird in dieser Phase als Zuverdienst angesehen (vgl. Geissler/Oechsle, 1993: 64f).

Berufliche Kontinuität vor und nach der Familienphase, ebenso wie der Status der berufstätigen Mutter sind elementar für Frauen, auch wenn dies bedeutet, durchgehend eine Balance zwischen Familienleben und Erwerbsarbeit halten zu müssen. Eine Teilzeitarbeit bei zwei Kindern wird von deutschen Frauen zu 24,1% befürwortet. Polnische Frauen streben zu 27,7% eine Vollzeiterwerbstätigkeit an (vgl. BIB, 2005: 16).

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Details

Seiten
120
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836616584
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225986
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Gesellschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
lebensplanung familie frau polen deutschland

Autor

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