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Intervention in dem System Familie

Schnittmengenbestimmung aus den Leistungsbereichen Pflege und Sozialpädagogik

Diplomarbeit 2007 75 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund: Interventionstheorie nach Helmut Willke
2.1 Systemtheorie
2.1.1 Begriffserklärung
2.1.2 Geschichtlicher Abriss der Systemtheorie
2.2 Das Problem der Veränderung
2.3 Beobachtung als Instrument der Erschließung von Wirklichkeit
2.4 Erste Folgerungen zu den Bedingungen gelingender Intervention
2.5 Identität und Veränderung psychischer Systeme
2.6 Strategien therapeutischer Interventionen
2.7 Interventionsformen
2.8 Zusammenfassung der Ergebnisse

3 Familiengesundheit – Ein neues Arbeitsfeld für Pflegende und Hebammen
3.1 WHO
3.1.1 Ottawa Charta
3.1.2 Gesundheit 21
3.1.3 Die Erklärung von München
3.2 WHO – Projekt: Family Nursing im ambulanten Bereich
3.3 Projektphase
3.4 Implementierungs- und Machbarkeitsphase
3.5 Berufsbegleitende Weiterbildung zur Familiengesundheitspflegerin
3.6 Aktueller Stand
3.7 Familien – Fundament und Potenzial für eine gesunde Bevölkerung
3.8 Zusammenfassung der Ergebnisse

4 Die Theorie des systemischen Gleichgewichts in der familien- und umweltbezogenen Pflege nach Marie-Luise Friedemann
4.1 Konzepte der familien- und umweltbezogenen Pflege
4.2 Der systemische Ansatz
4.3 Systemische Pflege der Familie
4.4 Einflussfaktoren im Familienprozess
4.5 Die Theorie des systemischen Gleichgewichts im Praxistransfer
4.6 Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Reflexion des aktuellen Standes von Interaktion in Familien mit Hilfebedarf
5.1 Dokumentenanalyse der Arbeitsfelder Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH)
5.2 Dokumentenanalyse der Arbeitsfelder von Family Health Nurses
5.3 Schnittmengenbestimmung der Felder Family Health Nurse und SPFH
5.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Erschließung neuer Felder für die Pflege
6.1 Eigene Erfahrungen im sozialpädagogischen Feld
6.2 Ideen und Bedenken
6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

7 Abschließende Betrachtung

8 Literatur

9 Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Szenarien der Expertengruppe

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die 6 Regionalbüros der WHO

Abbildung 2: Die Theorie des systemischen Gleichgewichts

Abbildung 3: SPFH-betreute Familien

Abbildung 4: Kinderanzahl in Familien

Abbildung 5: Kinderalter in SPFH-betreuten Familien

Abbildung 6: Nationalitätenverteilung von SPFH-betreuten Familien

Abbildung 7: Die Familiengesundheitsschwester im Kontext ihrer Umwelt

Abbildung 8: Informationsaustausch SPFH-FGP (Eigenerstellung)

Abbildung 9: Modifiziertes 6-Phasen-Modell des Pflegeprozesses nach Fiechter & Meier

1 Einleitung

Durch das Studium des Pflegemanagements kam ich während meiner Studienzeit mit verschiedensten Theorien, Feldern und Ansätzen in Berührung, welche sich zum Ende hin immer mehr zu einem Eigenkonstrukt verdichteten. Dieses Konstrukt kanalisierte sich in der hier vorliegenden Diplomarbeit. Es besteht aus 3 Pfeilern, welche sich unter dem Dach der Systemtheorie versammeln: Die WHO als Vertreter der Gesellschaft, die Theorie der familien- und umweltbezogenen Pflege von Marie-Luise Friedemann als Stellvertreter der Pflege und die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) als Repräsentant der Sozialpädagogik. Die Universalität der Systemtheorie lässt sich am einfachsten mit den Worten von Helmut Willke (2005, S. 1-3) ausdrücken: „...Die moderne Systemtheorie hat sich zu einer der produktivsten Konzeptionen in den Sozialwissenschaften entwickelt, weil in unserer hochkomplexen und zugleich hoch organisierten Welt nur solche Theorien und Konzepte erfolgsversprechend sein können, die ihrerseits eine entsprechende Eigenkomplexität besitzen. Der systemische Ansatz führt seit geraumer Zeit zu weit reichenden Innovationen in Theorie und Praxis therapeutischer Arbeit, insbesondere der Familientherapie. Er lässt sich umgekehrt seinerseits von den Problemstellungen und Erfahrungen dieses Feldes anregen. In der Organisationstheorie und im Bereich des Managements komplexer Systeme gewinnt systemtheoretisches Denken zunehmend an Bedeutung und beeinflusst in vielfältiger Weise unterschiedliche Ansätze systemisch orientierter Beratung, Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Unternehmenssteuerung. Ein gemeinsames Problem, welches mit der therapeutischen Arbeit einhergeht, ist die Notwendigkeit, den althergebrachten Aktionskreis von Interventionen in komplexen Systemen zu überwinden. Die Revision gängiger Annahmen über Veränderungen, Anpassung, Beeinflussung, Entwicklung oder Lernen wird zum zentralen Anliegen eines angemessenen Verständnisses der Dynamik nichttrivialer Systeme. An allen Ecken und Enden wird uns inzwischen überdeutlich vor Augen geführt, dass die herkömmlichen Strategien der Intervention die Probleme nicht lösen, sondern in der Regel noch verschlimmern, weil nicht-intendierte Folgeprobleme die Undurchsichtigkeit und Brisanz der Lage noch erhöhen...“.

Durch meine studiumsbegleitende Arbeit als Sozialarbeiter, ergab sich mir ein intensiver Einblick in die sozialpädagogische Arbeitswelt. Dabei betrachtete ich dieses Milieu immer auch durch die „Brille“ der Krankenpflege. Es ergaben sich für mich ständig neue Situationen, die der krankenpflegerischen Arbeit sehr nahe kamen (Siehe auch Kapitel 6.1). Ich löste mich vom traditionellen Rollerverständnis und versuchte, je mehr ich mich mit dem Thema Systemtheorie befasste, um eine systemische Betrachtungsweise der Dinge.

Durch eine Schnittmengenbestimmung der Arbeitsbereiche Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) auf der Sozialpädagogischen Seite und Family Health Nursing (WHO – Projekt) auf der krankenpflegerischen Seite, versuche ich aufzuzeigen, wo eine bessere Zusammenarbeit der beiden Professionen möglich ist. Für ein besseres Verständnis des Systems „Familie“ aus krankenpflegerischer Sicht, bediene ich mich der Theorie des systemischen Gleichgewichts in der familien- und umweltbezogenen Pflege nach Marie-Luise Friedemann.

Als Leitsatz und zur Bestärkung meiner Überlegungen diente mir immer ein Zitat von Herrn Professor Bonato: „...die Pflege muss sich neue Felder zu erschließen...“. Das Ziel meiner Diplomarbeit soll eine transparente Darstellung der bisherigen Interventionsmöglichkeiten im System „Familie“ aufzeigen und die Schnittmengen der einzelnen Arbeitsfelder darstellen. Die Interventionstheorie nach Helmut Willke dient mir dabei als theoretischer Rahmen, und ich versuche anhand dieser Theorie Verknüpfungspunkte für die Felder Familiengesundheitspflege und Sozialpädagogische Familienhilfe zu erarbeiten. Im zweiten Teil der Arbeit stelle ich den theoretischen Hintergrund der Interventionstheorie nach Helmut Wilke dar. Die Systemtheorie als Basis der Interventionstheorie wird ausführlich behandelt, um die interventionstheoretischen Bereiche Willkes besser zu verstehen. Im dritten Teil schildere ich den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierten Bereich der Familiengesundheitspflege. Im anglo-amerikanischen Raum besser bekannt als „Family Health Nursing“. Dieses Arbeitsfeld wird vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bund für Krankenpflege (DBfK) und der privaten Universität Witten/Herdecke zurzeit als Projekt bearbeitet. Um ein besseres pflegerisches Verständnis vom System „Familie“ zu bekommen, veranschauliche ich die Theorie des systemischen Gleichgewichts in der familien- und umweltbezogenen Pflege nach Marie-Luise Friedemann im vierten Teil meiner Diplomarbeit. Durch eine Reflexion des aktuellen Standes von Interaktion in Familien mit Hilfebedarf und anhand von Dokumentenanalysen der Felder Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH) sowie Family Health Nursing (Familiengesundheitspflege) versuche ich, Schnittmengen der einzelnen Arbeitsfelder herauszuarbeiten. Diese Schnittmengenbestimmung werde im darauf folgenden Kapitel mit meinen eigenen Erfahrungen im sozialpädagogischen Feld verknüpfen, um dann darzulegen, wie die Felder Krankenpflege und Sozialpädagogik besser und synergetischer miteinander am zu intervenierenden System zusammenarbeiten könnten.

2 Theoretischer Hintergrund: Interventionstheorie nach Helmut Willke

Die Systemtheorie und speziell die aus ihr hervorgegangene Interventionstheorie berühren interdisziplinär die verschiedensten Praxisfelder. Da sich die Problemstellungen der vorgestellten Arbeitsbereiche in meiner Diplomarbeit sehr ähnlich sind, kann durch die Interventionstheorie eine Basis für einen Wissenstransfer geschaffen werden. Es geht mir in dieser Diplomarbeit in erster Linie darum, die einzelnen Felder untereinander anschlussfähiger zu machen. Die Interventionstheorie von Helmut Willke geht auf die Funktionsweise von Systemen und die sich daraus ergebenen Möglichkeiten der Intervention ein. Sie beschreibt demnach praxisorientierte Aspekte.

Ausgangspunkt der Interventionstheorie ist die Unwahrscheinlichkeit gelingender Intervention. „Im Ergebnis tut jedes System das, was es ohnehin tut, nach seiner eigenen Logik“ (Willke, 1996, S. 10). In der jüngsten Ausgabe seines Buches „Systemtheorie II: Interventionstheorie“ schreibt er: „Zum Normalfall wird vielmehr die Unwahrscheinlichkeit gelingender Intervention, das Scheitern trivialisierender Strategien der Veränderung...“ (Willke, 2005, S. 4). Willke begründet dies mit der Vorstellung autopoietischer, selbstreferenzieller und operational geschlossener, also komplexer Systeme und den daraus resultierenden Möglichkeiten der Beobachtung.

Demnach lässt sich die eher selbstverständliche Forderung, dass Interventionsstrategien nicht aus der Sicht des Beobachters, sondern aus der Sicht des Systems entworfen und implementiert werden müssen, dahin konkretisieren, dass es der Operationsmodus des Systems ist, welcher über den Erfolg von Interventionen entscheidet (Willke, 1996, S. 88).

Die Interventionstheorie nach Helmut Willke soll in meiner Diplomarbeit als theoretischer Rahmen dienen. Innerhalb dieses Rahmens versuche ich, in den von mir beschriebenen unterschiedlichen Bereichen Gemeinsamkeiten zu finden. In Hinblick auf das System „Familie“ muss das Verständnis von systemischen Zusammenhängen immer wieder in den Fokus des pflegerischen/therapeutischen/sozialpädagogischen Arbeitens gerückt werden.

2.1 Systemtheorie

Die Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Die Systemtheorie befasst sich mit der Art und Weise, wie Systeme funktionieren, und umfasst ein sehr breites Gebiet. Sie bietet einen formalen Rahmen, der mit den verschiedensten Inhalten gefüllt werden kann: Eine Familie, eine Unternehmung oder ein Staat kann ebenso als ein selbst organisierendes System betrachtet werden, wie auch der Mensch, die Psyche oder sogar ein Ameisenhaufen oder die Milchstrasse. So kann die ganze Welt aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Gerade im hohen Abstraktionsgrad und der damit verbundenen allgemeinen Anwendbarkeit liegt der Reiz systemischer Konzepte. Jedoch ergeben sich daraus nicht automatisch neue Handlungsoptionen. Denn die Gefahr solch abstrakter Modelle liegt gerade in dem, was auch ihren Vorzug ausmacht: in ihrer Abstraktion (Simon, 2002, S. 139-150).

Simon (Simon, 1988, S. 1-9) schreibt über die Systemtheorie, dass kaum eine andere Idee in den letzten Jahrzehnten mit vergleichbarer Faszination von den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen aufgenommen und entwickelt wurde. Die Faszination und die rasante und vielschichtige Entwicklung in den verschiedensten Bereichen, haben auch zur Folge, dass es keine in sich geschlossene Systemtheorie gibt. So meint Luhmann (Luhmann, 2002, S. 41), einer der zentralen Systemtheoretiker, dass der Begriff der allgemeinen Systemtheorie beträchtlich übertreibe, denn „eigentlich gibt es eine solche allgemeine Systemtheorie nicht“. Es gibt mehrere Systemtheorien und es gibt Versuche, systemtheoretische Ansätze zu verallgemeinern.

Auch im Bereich der Psychologie gibt es die Systemtheorie an und für sich nicht. Von Schlippe und Schweizer (Von Schlippe und Schweizer, 2002, S. 49) schreiben zum „Wörtchen systemisch“: „Alle führen es im Munde und meist tun zwei, die darüber reden, als meinten sie damit das gleiche. Bei genauem Hinhören zeigt sich aber oft eine babylonische Bedeutungsvielfalt des Begriffs“. Trotz ihrer Unschärfe entwickelt sich die systemische Sichtweise zu einer ernst zu nehmenden Richtung der Psychologie. So schreiben Nolting und Paulus (Nolting und Paulus, 1999, S. 167), dass sich neben den vier bekannten Grundströmungen der Psychologie (Tiefenpsychologie, Behaviorismus, Kognitivismus, Humanistische Psychologie) „in den letzten Jahren, sozusagen quer zu diesen, eine systemische Sichtweise entwickelt, die immer mehr an Bedeutung gewinnt“. Anfangs wurde sie vor allem in der klinischen Psychologie im Umgang mit Familien aufgegriffen. Es wurden eine Vielzahl an Familientherapien entwickelt, welche meist „herkömmliche Theorieeinrichtungen“ mit systemischen Überlegungen verbanden. Darüber hinaus hatte der systemische Ansatz einen starken Einfluss auf das sich entwickelnde Anwendungsfeld der Familienpsychologie. Daneben verbreitete sich der systemische Ansatz in der Organisationspsychologie und der ökologischen Psychologie beziehungsweise Umweltpsychologie. Von Schlippe und Schweizer (Von Schlippe und Schweizer, 2002, zitiert nach Deplazes, 2004, S. 3-4) beschreiben zusätzlich eine Auswahl an Anwendungsbereichen, welche außerhalb des klassischen Therapie- oder Beratungskontextes die systemische Perspektive ein- oder umgesetzt haben: Familienmedizin, Psychiatrie, soziale Arbeit, Schule, Management und Politik.

Bei der inhaltlichen Einführung ins Thema des systemischen Denkens zeigen sich zwei Schwierigkeiten: So wenig es die Systemtheorie gibt, gibt es das systemische Denken. Eine weitere Schwierigkeit stellt die vorhandene Literatur dar, welche vor allem von Anfängern als sehr schwierig, kompliziert und abstrakt empfunden wird. Willke (Willke, 2000, S. 11) schreibt gar: „Wer systemtheoretische Lektüre nach dem ersten Lesen verstanden hat, ist verdächtig: Entweder ist er ein Genie, oder – und das scheint empirisch der häufigere Fall zu sein – er hält sich nur für ein solches“.

Die Lektüre ist schwierig, weil einige inhaltliche und didaktische Probleme zusammenstoßen:

- Die einzelnen Aspekte der Systemtheorie sind so stark ineinander verwoben und voneinander abhängig, dass sie simultan dargestellt werden müssten, was jedoch mit unserer geschriebenen (linearen) Sprache nicht möglich ist. Somit wird beim Lesen immer wieder auf noch unbekannte Konzepte verwiesen, welche für das behandelte Problem relevant wären.
- Um einen Teilaspekt der Systemtheorie einordnen zu könne, wäre ein Überblick über die Hauptlinien der Systemtheorie nötig. Dieser Überblick kann jedoch nur geschaffen werden, wenn einige Grundbegriffe und Grundprobleme bekannt sind.
- Die Sprache der Systemtheorie erscheint anfangs unbekannt. Dies ist jedoch nötig, da die Entwicklung einer neuen Wissenschaft voraussetzt, dass man sich von herkömmlichen Vorstellungen und teilweise auch von herkömmlichen Begriffen trennt.

2.1.1 Begriffserklärung

Der Begriff „System“, griechisch „systema“, ist kein wissenschaftlicher Term der Neuzeit. Er kam in seiner Grundbedeutung „syn“ bereits in der Antike vor und bedeutet „zusammen“ und „stell ein“, also „ordnen, aufstellen“ (Glaser, 2000, S. 68). Ein System ist demnach ein „Zusammengesetztes, ein Zusammenwirken von Teilen zu einem komplexen, aber auch geordneten und überschaubaren Ganzen“ (Glaser, 2000, S. 68).

So vielfältig der Begriff der „Systemtheorie“ und des „Systems“ heute gebraucht wird, so viele Definitionen sind denn auch zu finden. Willke (Willke, 2000, S. 51) beschreibt den Systembegriff wie folgt:

„...dass der Systembegriff der neueren Systemtheorie nicht mehr nur ein Netz von Beziehungen bezeichnet, welches Teile zu einem Ganzen zusammenordnet; vielmehr wird unter System ein Netz zusammengehöriger Operationen verstanden, die sich von nicht-dazugehörigen Operationen abgrenzen lassen. In der Bestimmung des Systems wird also das Nicht-dazugehörige als Umwelt immer schon mitgedacht und mithin in der Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt das grundlegende Problem gesehen. Denn die spezifische Problematik seiner Umwelt macht für ein bestimmtes System überhaupt erst erkennbar, welche interne Systemstruktur zu welchen Zwecken und mit welchen Stabilisierungs- und Veränderungschancen funktional sein kann“.

Die Abgrenzung, was zum System gehört und was zur Umwelt, beschreibt Willke im weiteren Verlauf, indem er die Beziehungen innerhalb eines Systems als quantitativ intensiver und qualitativ produktiver als die Beziehung zu Elementen der Systemumwelt bezeichnet.

Der Kybernetiker Heinz Förster unterscheidet zwischen Trivialen und Nicht-Trivialen Maschinen. Er schreibt 1993 (Förster, 1993, S. 357): „Triviale Maschinen sind langweilig. Nützlich, aber langweilig. Sie antworten auf eine Eingabe immer so, wie wir es von ihnen erwarten, außer sie sind kaputt. Triviale Maschinen sind solche, die immer nur eine Funktion ausüben. Eine Triviale Maschine ist durch eine eindeutig Beziehung zwischen Input (Stimulus, Ursache) und Output (Reaktion, Wirkung) charakterisiert. Es existiert eine unbedingte und unveränderliche Relation zwischen Input und Output. Die Triviale Maschine ist ausgesprochen zuverlässig, ihre inneren Zustände bleiben stets dieselben, sie ist vergangenheitsunabhängig, synthetisch und analytisch bestimmbar. Zum Beispiel mit zwei multiplizieren: Gibt man in diese Maschine die Zahl zwei ein, erhält man vier, gibt man fünf ein, erhält man zehn und so weiter und so fort. Aber was die Natur und uns Menschen betrifft, gibt es da wenig Triviale Maschinen. Anders bei den Nicht-Trivialen Maschinen, zu denen wir Menschen uns zählen, diese ändern ihre Operationen jedes Mal. Also einmal wird mit zwei multipliziert, beim nächsten mal wird fünf abgezogen und beim dritten mal die Quadratwurzel der Zahl gezogen. Diese Maschinen sind analytisch nicht zu durchschauen, oder „trans-computational“, wie die Computerwissenschaft dazu sagt. Ihre Input-Output-Beziehung ist nicht klar definierbar, sondern wird durch den zuvor erzeugten Output festgelegt, mit anderen Worten: Die vorausgegangenen Arbeitsgänge legen die gegenwärtigen Reaktionen fest. Unsere Lebensumwelt ist demzufolge ein Nicht-Triviales System. Denn wir wissen ja nie, wie unser Gegenüber auf bestimmte Aktionen reagieren wird“.

Autopoiese (altgriechisch αὐτός, „selbst“, und ποιέω, „schaffen“) ist der Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems. Autopoiesis ist das charakteristische Organisationsmerkmal von Lebewesen bzw. lebenden Systemen. Der Begriff wurde von dem chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana geprägt.

Autopoietische Systeme (z.B. Menschen) sind rekursiv organisiert, d.h. das Produkt des funktionalen Zusammenwirkens ihrer Bestandteile ist genau jene Organisation, die die Bestandteile produziert. Durch diese besondere Form der Organisation lassen sich lebende von nicht-lebenden Systemen unterscheiden: Nämlich dadurch, „dass das Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt, es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis. Das Sein und das Tun einer autopoietischen Einheit sind untrennbar, und dies bildet ihre spezifische Art von Organisation“ (Maturana/Varela, 1987, S. 56).

2.1.2 Geschichtlicher Abriss der Systemtheorie

Angesichts der vagen Verwendung des Begriffs „systemisch“ auch in der psychologischen Praxis, kann kein Ursprung des systemischen Therapieansatzes definiert werden. Jedoch enthalten fast alle „klassischen“ Denkansätze ansatzweise systemische Aspekte. So können zum Beispiel in der Transaktionsanalyse (Spiel- und Skriptanalyse), im Psychodrama, bei Alfred Adler (Einbezug der Familie) oder Viktor Frankl (Interventionsform der „paradoxen Intention“) und sogar in der Psychoanalyse (Symptom als sinnvolle Leistung) systemische Aspekte gefunden werden. Der Durchbruch der Systemtheorie erfolgte mit Hilfe der Kybernetik – also der Lehre der Steuerung technischer Systeme – nach dem zweiten Weltkrieg. Die Anfänge der systemischen Familienforschung wurden in Palo Alto in den USA gemacht. Dies war nicht zufällig, denn an diesem Ort blühte die Computerindustrie. Kernfrage war die Erhaltung eines Gleichgewichts, einer Homöostase, nachdem ein Soll-Zustand erreicht war. Die Prämisse der Forschung war die Plan- und Steuerbarkeit auch komplexer Prozesse. In der Familientherapie wurden Vorstellungen entwickelt, wie ein „funktionales“ Familiensystem aussehen sollte. Um in der Praxis den Übergang in einen solchen „funktionalen“ Zustand zu erreichen, wurden teils massiv eingreifende Interventionen abgeleitet. Diese Phase (ca. 1950 – 1980) wurde auch „Kybernetik 1. Ordnung“ genannt. Die Entwicklung zeigte sich jedoch als trügerisch, immer öfter wurde hinterfragt, wer dieses „funktionale“ Familiensystem bestimmen könne, wer im Besitz dieser Norm sei. Damit wurde das Konzept des „funktionalen“ Familiensystems in Frage gestellt und später völlig beiseite gelegt. In der Chemie wurde entdeckt, dass chemische Prozesse scheinbar „wie von selbst“ neue Ordnungen fanden, und in der Physik wurden mit der Chaostheorie ähnliche Phänomene aufgespürt, nämlich, dass Systeme sich verändern und aus sich heraus neue Strukturen entwickeln können. Auch in der psychologischen Forschung stand nicht mehr die Homöostase im Zentrum des Interesses, sondern die Veränderung in Systemen, die innere, autonome Selbstorganisationslogik, die Autopoiese (Maturana & Varela, 1987, zitiert nach Deplazes, 2004, S. 6). Dazu wurde auch die operative Geschlossenheit von Systemen erkannt, welche die Grenzen der Interventionen von außen aufzeigte. Die Idee, dass Therapeutinnen in der Lage seien zu kontrollieren, was in Systemen passiert, wurde aufgegeben. Stattdessen sollten sie nur anstoßen, verstören und anregen, um so zu versuchen, die Eigendynamik des Systems in Bewegung zu setzten. Dass Systeme von außen zerstört werden können, wurde aber weiterhin als möglich erachtet. Diese Erkenntnis führte somit nicht zum Ende der therapeutischen Verantwortung.

Auch rutschte die Idee ins Zentrum, dass die Wirklichkeit durch Beobachtende erschaffen wird; eine Übereinstimmung zum radikalen Konstruktivismus. Beide Theorien, Autopoiese und Konstruktivismus, gehen davon aus, dass die Wirklichkeit niemals von den Beobachtenden losgelöst werden kann, denn sie entsteht erst während der Beobachtung.

Ab ca. 1980 wurden Theorien über beobachtende Systeme entwickelt, in welchen die Prinzipien der Kybernetik auf diese selbst angewandt wurden. Dies wird Kybernetik der Kybernetik oder „Kybernetik 2. Ordnung“ genannt (Von Schlippe & Schweitzer, 2002, zitiert nach Deplazes, 2004, S. 6).

Die neue Sichtweise der Kybernetik 2. Ordnung hatte großen Einfluss auf die Praxis. Die Bilder und die Rollen der Beratenden und Therapierenden haben sich dadurch verändert. Massive Interventionen rücken in den Hintergrund, die Klienten werden als Experten des eigenen Systems betrachtet (Von Schlippe & Schweizer, 2002, zitiert nach Deplazes, 2004, S. 6-7).

Die Analyse von Strukturen und Funktionen soll häufig Vorhersagen über das Systemverhalten erlauben. Der zentrale Grundbegriff der Systemtheorie ist das System (nach gr. to systeme = Zusammenstellung). Die Annahme, es gäbe Systeme, kann quasi als Grundaxiom dieses Ansatzes betrachtet werden. Ein System ist etwa wie folgt definiert:

- Ein System ist begrenzt und abgrenzbar (System/Umwelt-Differenz). Es besteht aus einer Systemgrenze ("Boundary"), einem Systemkern, Systemelementen, dem Zusammenwirken dieser Elemente sowie aus Energie oder Signalen. Wird etwas über die Systemgrenzen hinweg transportiert, ist dieses System ein offenes, sonst ein geschlossenes System. Alles außerhalb der Systemgrenze Liegende ist nicht Teil des Systems, sondern dessen Umwelt.
- Ein System ist eine Menge von Elementen, die in einem abgegrenzten oder abgrenzbaren Bereich so zusammenwirken, dass dabei ein vollständiges, sinnvolles, zweck- und zielgerichtetes Zusammenwirken in einem funktionellen Sinne erzielbar wird.
- Aufbau und Funktionsweise eines Systems hängen von dem Standpunkt des Betrachters ab.

Soziologische Systemtheorie:

Als wichtigste Vertreter der Soziologischen Systemtheorie gelten Talcott Parsons (handlungstheoretische Systemtheorie) und Niklas Luhmann (kommunikationstheoretische Systemtheorie).

Systemtheorie bei Parsons:

Der soziologische Systembegriff geht auf Talcott Parsons zurück. Parsons betrachtet dabei Handlungen als konstitutive Elemente sozialer Systeme. Er prägte den Begriff der strukturell-funktionalen Systemtheorie.

Erweiterung und Neuformulierung durch Luhmann:

Luhmann unterscheidet drei besondere Typen sozialer Systeme: Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme. Die Gesellschaft ist dabei ein System höherer Ordnung, ein System „anderen Typs“. Sie umfasst die anderen Systeme, ohne dass sie in ihr aufgehen.

Systemtheorie nach Luhmann:

Luhmann bezeichnet sein eigenes Systemmodell als „operatives Systemmodell“, d.h. ein System wird als die Verkettung kommunikativer Operationen betrachtet. Demgegenüber entwickelte sich nach Luhmann ein alternatives Systemmodell, das von dem Bild eines Netzes (lat. rete) ausgeht und als „retives Systemmodell“ bezeichnet wird.

Innerhalb der soziologischen Systemtheorie besteht eine Kontroverse darüber, aus welchen Elementen soziale Systeme bestehen. Nach Talcott Parsons sind es Handlungen, Niklas Luhmann zufolge sind es dagegen Kommunikationen, die soziale Systeme konstituieren.

2.2 Das Problem der Veränderung

Um das Problem der Veränderung darzustellen, beginnen wir am besten mit Frederick Taylor als den Begründer des „scientific managements“. Dieses wissenschaftliche Management zielt auf eine Rationalisierung der Arbeitsabläufe in großen Unternehmen hin. Ein Zitat von Frederick Taylor bringt es auf den Punkt: „ In the past the man has been first, in the future the system must be first “. Statt „Einzelmeister“ werden nun Spezial- und Funktionsmeister mit Übernahme von Führungsaufgaben beschäftigt und Arbeitsverteilungsbüros zur besseren Organisation der Arbeit eingerichtet. Es erfolgt eine Normierung aller Geräte und Werkzeuge und Reduzierung der Leitungsaktivitäten um Führungskräften „Zeit für neue Gedanken“ zu verschaffen.

Mit dem „scientific management“ begann die Karriere des Organisationsfaktors „Managemententwicklung“, unter dem Leitgedanken der Rationalität des Faktoreneinsatzes ging es vor allem um eine gesteigerte Effizienz der Arbeit. Ziel war und ist die Rationalisierung des Unternehmens unter dem Gesichtspunkt eines methodischen Einsatzes der Ressource „Management“. Der Manager sagt, wo es lang geht. Diese Idee erlebt in unseren Zeiten eine Renaissance.

Der nächste Schritt erfolgte durch die „Hawthorne studies“. Durch diese wegweisenden Studien bekam die Ressource „Mensch“ entscheidend mehr Bedeutung zugesprochen. Der aus den Hawthorne-Studien als Gegengewicht zum Taylorismus hervorgegangene Human-Relations-Ansatz suggerierte, dass den Arbeitern weniger an einer Lohnsteigerung gelegen sei, als vielmehr an einer sozioemotionalen Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, besonders des Führungsstils. Der Manager ist nicht mehr nur derjenige, der bestimmt und befiehlt.

Von Elton Mayo, einem namhaften Wissenschaftler, der an den Hawthorne-Experimenten beteiligt war, wurden im großen Stil Führungskräfte im nicht-direktiven Führungsstil unterrichtet.

Seit den Hawthorne-Studien reißen die Wellen an neuen Ideen zur Nutzung der Humanressource einer Organisation nicht ab. Sie variieren das Thema, dass der Mensch die wichtigste Ressource in einem Unternehmen sei. Dies ist, je nach Kontext, richtig und falsch, denn die Formel von der Zentralität der Humanressource führt schnell in die Irre, wenn darüber die Bedeutung systemischer Faktoren vernachlässigt wird. Anders gesagt, es macht es wenig Sinn, über die Ausschöpfung Humanressource zu reden, ohne den Kontext an verhaltenssteuernden Regeln zu berücksichtigen, in welchem die Ressourcen zur Entfaltung kommen sollen. Das ganze Spiel der wechselnden Moden von „Wiederentdeckung“ des Menschen im Unternehmen wird gegenstandslos, wenn klar ist, dass System und Akteur (Unternehmen und Mitarbeiter) zwei Seiten einer Form darstellen, deren Reduktion auf nur eine Seite der Form des Unternehmens nicht gerecht werden kann. Die Intervention muss immer an beiden Seiten der Form erfolgen!

Der historisch nächste Schritt der Organisationstheorie erfolgte durch die Einbeziehung der Umwelt des Systems. Die Kontingenztheorie erweiterte die Perspektive durch die Beobachtung der Abhängigkeit (contingency) zwischen System und Umwelt. Die Generallinie der Intervention ist eine Optimierung der Umweltanpassung (Strukturen des Marktsektors, Kundenprobleme, politische und rechtliche Strukturen).

Aus der Kontingenztheorie entwickelte sich die Interorganisationstheorie. In der Umwelt befinden und interagieren noch andere Unternehmen, welche in ein dichtes Geflecht von Beziehungen eingebunden sind, und zwar von direkter Konkurrenz bis synergetischer Kooperation.

Daraus entwickelte sich die Netzwerktheorie, welche die unterschiedlichen Netzwerkstrukturen von Interorganisationsbeziehungen systematisch auf ihre Folgen für das Organisationshandeln untersucht. Die frühen Ansätze eines system-theoretischen Organisationsverständnisses, einschließlich der Kontingenz- und Interorganisationstheorie haben sich selbst mit Blindheit geschlagen! Sie erkannten zwar richtigerweise die Bedeutung der Umwelt und die daraus hervorgehende Offenheit des Systems gegenüber Umwelteinflüssen, übersahen jedoch in der Begeisterung für das Neue, dass die älteren Einsichten und Erfahrungen einer Eigenlogik und eines eigensinnigen Beharrungsvermögens der Organisation folgen und sich damit nicht einfach wegwischen ließen.

Der entscheidende Paradigmenwechsel besagt, an die Stelle der Leitidee offener Systeme die Idee der operativen Geschlossenheit komplexer, nichttrivialer Systeme zu setzen.

Die Leitfrage der Theorie offener Systeme lautet: Wie passt sich ein System optimal seiner Umwelt an? Die Leitfrage der Theorie komplexer Systeme dagegen heißt: Wie konstituiert und rekonstruiert sich ein nichttriviales System in einer überkomplexen, chaotischen Umwelt?

Die Unwahrscheinlichkeit gelingender Ordnungsbildung inmitten einer im Prinzip in Entropie (Maß für den Grad der Ungewissheit) versinkenden Welt ist mithin der Kristallisationspunkt für Erklärungen der Operationsweise komplexer Systeme. Es geht nicht um Anpassung, sondern um Konstituierung von Ordnung. Wenn es einem System nicht gelingt, seine eigene, höchst unwahrscheinliche und deshalb permanent gefährdete Ordnung als System zu erhalten, dann erübrigt sich die beste Umweltanpassung. Wenn es einem System nicht gelingt, sich kontinuierlich in seiner Besonderheit und Identität zu rekonstruieren, dann ist nichts mehr da, was sich als Identisches an Veränderungen anpassen könnte.

Interdisziplinäre Erkenntnisse:

Personen als Individuen oder als Familienmitglieder nehmen aus „internen Gründen“ eher schwerste Krankheiten oder Selbstzerstörung in Kauf, als sich ihrer Umwelt anzupassen.

Frösche verhungern eher, als sich ihrer veränderten Umwelt anzupassen.

Etablierte Firmen treiben sehenden Auges in den Ruin, indem sie hartnäckig an ihrer Tradition und ihren Regeln kleben bleiben, anstatt sich den veränderten Marktbedingungen anzupassen.

2.3 Beobachtung als Instrument der Erschließung von Wirklichkeit

Willke entwickelte fünf Merkpunkte systemischer Beobachtung. Die Logik der Beobachtung beschreibt, den Zusammenhang des Beobachters mit dem Beobachteten. Somit ist gesagt, dass es der Beobachter ist, der – über die Art und Weise, wie er beobachtet – festlegt, was er beobachten kann. Die Instrumente des Beobachtens (seien dies Sinnesorgane, technische Beobachtungsinstrumente wie Mikroskope oder Ultraschallgeräte, oder seien es kognitive Strukturen, Begriffe, Theorien oder Weltsichten) definieren den Möglichkeitsraum der Beobachtung. Der Gegenstand der Beobachtung ist für den Beobachter dann eine beobachtbare Einheit, wenn er ihn bezeichnen und beschreiben kann. Bezeichnen heißt, den „Gegenstand“ in Differenz zu allem anderen zu sehen. Konkret: Wenn ich keinen Begriff für ein „Phänomen“ habe, dann existiert dieses Phänomen für mich nicht. Beschreiben heißt, sich ein sprachliches Bild eines Gegenstandes oder eines Ereignisses der Beobachtung zu machen. Daraus folgt zwanglos, dass jeder Beobachter zunächst zu einer ganz eigenen Beschreibung seiner Beobachtung kommt, und es fraglich ist, ob unterschiedliche Beschreibungen unter einen Hut gebracht werden können. Mit der Referenz der Beobachtung ist nur vordergründig der beobachtete „Gegenstand“ gemeint. Aufgrund der Beobachter-basierten Konstruktion des Gegenstandes ist die Referenz der Beobachtung der Beobachter, also Selbstreferenz. Das heißt: Nicht erst die Tatsache, dass das beobachtete System ein komplexes ist, schließt eine direkte Beobachtung aus; schon daraus, dass der Beobachter als Mensch ein nichttriviales, (für sich und andere) nur schwer durchschaubares psychisches System ist, folgt, dass eine unmittelbare und unvermittelte Beobachtung fremder Systeme nicht möglich ist. Die Beobachtung der Beobachtung kompliziert nicht nur die Beobachtung, sondern auch das Problem der Referenz. Wenn ich beobachte, dass der Mitarbeiter, der Klient oder der Vorgesetzte mich beobachtet, um Informationen über mich zu gewinnen, und dieser mein Beobachten beobachtet, dann wird es sehr schnell kompliziert und undurchschaubar. Die Beobachtung von Fremdbeobachtung und Selbstbeobachtung sind zwei Möglichkeiten, die jedem beobachtenden, selbstreferenziellen System offen stehen und deren Differenzierung besondere Probleme und entsprechende Chancen schafft. Innerhalb des für das Problem der Intervention in komplexe Systeme relevanten Bereiches spielt sich alle Beobachtung in den Köpfen von Menschen ab. Da das menschliche Nervensystem etwa 10 hoch 13 Synapsen, aber der Mensch insgesamt nur etwa 10 hoch 8 Nervenzellen hat, „sind wir gegenüber Änderungen in unserer inneren Umwelt 100.000-mal empfänglicher als gegenüber Änderungen in unserer äußeren Umwelt“ (Foerster, 1985, S. 51). Dies heißt auch, wenn man linear extrapoliert, dass die Wahrscheinlichkeit 100.000-mal größer ist, dass die im Zentralnervensystem prozessierten Informationen aus diesem selbst stammen, und nicht aus der Umwelt (Willke, 2005, S. 22-26).

2.4 Erste Folgerungen zu den Bedingungen gelingender Intervention

Bei den ersten Folgerungen zu den Bedingungen gelingender Intervention geht Willke davon aus, dass die Ausgangslage für Interventionen in komplexe, selbstreferenzielle Systeme dadurch gekennzeichnet ist, dass sich zwei (oder mehrere) verschiedene, nichttriviale, operativ geschlossene und selbstreferenzielle Systeme gegenüber stehen.

Jede externe Intervention ist darauf angewiesen, sich als Ereignis im Bereich der möglichen Perzeptionen des intervenierten Systems darzustellen und als Information in den operativen Kreislauf dieses Systems eingeschleust zu werden.

Die Auswirkungen dieser Informationen hängen nicht von den Absichten der Intervention ab, sondern von der Operationsweise und den Regeln der Selbststeuerung des intervenierten Systems. Für eine konstante Veränderung, müssen die aus diesen Differenzen intern gewonnenen Informationen Veränderungen dieses Regelwerkes induzieren, ohne dabei den Zusammenhang des Regelwerkes als Netzwerk der Autopoiese des Systems zu zerstören.

Nur die Erfahrung von Differenzen und differierenden Optionen der Selbstbeschreibung, denen ein System ausgesetzt ist, kann ein Anstoß zur Selbstveränderung sein. Eine gelingende Intervention kann nur gelingen, wenn externe Anstöße interne Entwicklungsmöglichkeiten des intervenierten Systems beobachtbar machen und den Verfügungsraum möglicher Optionen für dieses System offen legen. Alle Interventionen in komplexen Systemen laufen auf Selbständerung hinaus.

2.5 Identität und Veränderung psychischer Systeme

Willke stellt fest (Willke, 2005, S. 90-115), dass Veränderung von Personen ein heikles Unterfangen ist, denn nach den Regeln heutiger „westlicher“ Kultur gibt es erstaunlich wenig legitime Gründe für eine von außen ansetzende und betriebene Veränderung. Legitim sind im Wesentlichen nur Sozialisation als Einpassung der Person in Primärgruppen und Gesellschaft, Erziehung und Ausbildung als Vermittlung notwendiger Expertise für den materiellen Reproduktionsprozess und Resozialisation als extern erzwungene Korrektur im Falle eines die private Autonomie überwiegenden öffentlichen Schutz- und Restitutionsinteresses. Im Übrigen gehen wir davon aus, dass die Person für ihre Veränderung selbst zu sorgen habe und dass sie dies auch könne.

Gezielt ist eine Intervention nur dann, wenn sie in den „normalen“, naturwüchsigen Lauf der Dinge eingreift, indem neue und in diesem Sinne künstliche Bedingungen gesetzt werden, auf die sich das zu verändernde System einstellen kann – und einstellen wird, wenn es selbst an einer Veränderung interessiert ist, und die Veränderungsimpulse an der Logik des Systems anknüpfen. Damit ist auch schon die entscheidende Voraussetzung gelingender Intervention in komplexe Systeme genannt: Das System selbst muss – in der Regel aufgrund eines verspürten Leidensdrucks – eine Veränderung wollen. Der intervenierende Akteur, ob Therapeut, Berater, Entwicklungsexperte oder Lehrer, wirkt als Mediator einer Selbständerung. Denn nur das System selber ist in der Lage, seine Operationsweise nachhaltig zu verändern, ohne seine Identität aufzugeben oder seine Autonomie zu verlieren. Wir müssen das komplizierte und indirekte Verhältnis von Autorenschaft und Lektüre zugrunde legen, wenn es um Intervention in autonome Systeme geht. Das intervenierte System „liest“ und interpretiert die angebotene Intervention nach seinen eigenen Regeln, nach seinem eigenen Verständnis und im Kontext seiner eigenen Welt. So wenig wie es eine Autorin in der Hand hat, was ihre Leserinnen mit dem Text anfangen und wie sie ihn verstehen, so wenig kann der Berater oder die Therapeutin wissen, wie sich ihre Interventionen auswirken werden. Die Konsequenz daraus heißt nicht Beliebigkeit, sondern Bescheidenheit und Risikobewusstsein. Das therapeutische Handeln ist nicht plötzlich unwichtig oder bedeutungslos, nur weil das intervenierte System nach seiner eigenen Regelstruktur operiert. Aber es bekommt einen anderen, indirekteren, mediatisierenden Stellenwert, weil das Klientensystem nicht wie eine Maschine ausrechenbar auf externe Stimuli reagiert. Vielmehr „liest“ es stattdessen therapeutische Interventionen in seiner eigenen Sprache und im Rahmen seiner eigenen Welt. Diese Welt ist eine eigene und eigensinnige, weil sie konstruiert ist von mentalen Prozessen, deren auffälligstes Merkmal ihre operative Geschlossenheit ist.

Mentale Prozesse - wie Wahrnehmen, Wissen, Denken Fühlen oder Lernen – sind systemisch organisiert und laufen selbstreferenziell ab. Im therapeutischen Prozess ist es entscheidend, wo die Linien der Differenzierungen des Systems mit seiner Umwelt gezogen werden, wo sich die Systeme aus der Welt ausgrenzen. Die Beobachtung von Differenzen als grundlegendes Charakteristikum mentaler Prozesse, lässt sich generalisieren zu der Vorstellung, dass Verstehen der Nachvollzug systemadäquater Differenzierung ist – und im Falle der Beobachtung systemischer Pathologien insbesondere auch system inadäquater Differenzen. Der Therapeut muss sich die „Leitdifferenzen“ des intervenierten Systems selber erschließen, z.B. an den Beziehungsmustern, den Kommunikationsregeln oder anderen Regelsystemen der familiären Interaktion.

Es bleibt festzuhalten, dass es Differenzen sind, aus denen Bedeutungen gemacht werden, und dass die Einheit jeder bedeutsamen Differenz die Basis systemspezifischer Informationsverarbeitung ausmacht. Über reflexive Abstraktion ist es möglich, imaginäre, symbolische oder virtuelle Realitäten zu erzeugen, die für den Kommunikationsprozess dieselbe Relevanz haben können wie „wirkliche“ Realitäten.

Im weitern Verlauf des Kapitels beschreibt Willke die Theorie autopoietischer Systeme. Die mentalen Prozesse werden erklärt als mehrstufige abstrahierende Projektion und Reflektion, als mehrstufiges Prozessieren und Umcodieren von Differenzen in einem nicht-hierarchischen, rekursiven System, in welchem Kausalitäten deshalb nicht linear, sondern nur als zirkuläre Kontexte verstanden werden können. Das von Maturana und Varela entwickelte Autopoiese-Konzept bezieht sich auf die Beobachtung, dass es offensichtlich Systeme gibt, die sich selbst reproduzieren; und zwar sich selbst reproduzieren nicht nur im herkömmlichen Sinne der genetischen Replikation in der Generationenfolge, sondern in dem sehr viel spezifischeren Sinne einer kontinuierlichen gegenwärtigen Selbsterneuerung des eigenen Systems. Autopoietische Systeme sind operativ geschlossenen Systeme, die sich in einer „basalen Zirkularität“ selbst reproduzieren. Sie stellen in einer bestimmten räumlichen Einheit in einem Produktionsnetzwerk die Elemente, aus denen sie bestehen, wiederum mit Hilfe der Elemente her, aus denen sie bestehen (Maturana, 1982, S. 58). Maturana und Varela schlossen daraus auf eine Geschlossenheit der Tiefenstruktur der Selbsterneuerung („basale Zirkularität“) jedes lebenden Systems in Form einer homöostatischen Organisation, deren Funktion darin besteht, eben diese basale Zirkularität selbst zu erzeugen und zu erhalten (Maturana, 1982, S. 35).

Und genau daraus folgt das eigentlich Unerhörte: Lebende Systeme oder autopoietische Systeme erscheinen nun entgegen dem systemtheoretischen Grundpostulat der notwendigen Offenheit lebender Systeme in ihrem Kernbereich, in ihrer inneren Steuerungsstruktur als geschlossene Systeme. In der Tiefenstruktur ihrer Selbsterneuerung sind sie geschlossene Systeme, also gänzlich unabhängig und unbeeinflussbar von ihrer Umwelt. Wird diese operative Geschlossenheit zerstört, so bricht ihre Autopoiese zusammen. Sie hören auf, als lebende Systeme zu existieren. Konkret heißt dies, dass etwa eine Zelle, ein Organismus oder ein menschliches Nervensystem die eigene Kontinuierung ausschließlich nach den eigenen eingebauten operativen Gesetzmäßigkeiten bewerkstelligt und steuert. Eine Steuerung des systemspezifischen Operationsmodus von außen ist nicht möglich, es sei denn um den Preis der Zerstörung der autopoietischen Qualität und Identität des Systems. Die operative Geschlossenheit eines autopoietischen Systems bezieht sich nur auf die basale Zirkularität der Selbsterneuerung der eigenen Reproduktion. In anderen Hinsichten, insbesondere bezüglich der Aufnahme von Energie und Information (d.h. der Verarbeitung möglicher bedeutsamer Differenzen), ist es notwendigerweise offen. Willke schreibt weiter treffend, das das System für Informationen insofern offen ist, weil jedes komplexe selbstreferenzielle System Lernmechanismen entwickelt, mit deren Hilfe es Erfahrungen in Erwartungen transformiert und mithin sich in die Lage versetzt, gezielt nach Informationen im Sinne von attraktiven/nicht-attraktiven Signalen Ausschau zu halten. Auch an ein autopoietisches System brandet demnach also nicht einfach der Lärm der Welt an. Vielmehr schreibt das System in diese Lärmwand seine eigenen Muster ein und filtert aktiv dasjenige aus, was es finden oder vermeiden, konfirmieren oder negieren möchte. Diese umweltsensible Aktivität des Systems ist der prekäre Ansatzpunk jeder Intervention.

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Details

Seiten
75
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836616416
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225972
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
interventionstheorie willke familiengesundheit family nursing pflege

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Titel: Intervention in dem System Familie