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Homosexualität als Thema von Spielfilmen

Eine Analyse anhand ausgewählter Beispiele

Diplomarbeit 2006 89 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Grundsätzliches zur Homosexualität
1.1 Einführung
1.2 Homosexualität
1.2.1 Definition
1.2.2 Begriffe
1.3 Kulturelle Eingliederung der Homosexualität
1.4 Kampf für Gleichberechtigung
1.5 Weibliche Homosexualität

2. Homosexualität im Spielfilm
2.1 Einführung
2.2 Übersicht zur weiblichen Homosexualität im Spielfilm
2.2.1 Zeitliche Eingliederung
2.2.2 Erläuterungen
2.2.3 Resümee
2.3 Symbolik und körperliche Annährung in Lesbenfilmen
2.3.1 Einführung
2.3.2 Zeichen und körperliche Annährungsformen
2.3.3 Resümee
2.4 Kommentierte Filmografie zur weiblichen Homosexualität
2.4.1 Einführung
2.4.2 Alphabetisch geordnete Filmografie
2.4.3 Resümee

3. Exkurse
3.1 Einführung
3.1.1 Zukunftsweisende Faktoren für schwul-lesbische Filme
3.1.2 Resümee

Zusammenfassung / Schlussgedanke

Literatur- und Quellenverzeichnis

Kurzfassung

In der vorliegenden Arbeit wird die Entwicklung von Spielfilmen mit lesbischen Inhalten im Zeitraum von 1930 bis 2005 dargestellt. Es wird Grundlegendes zur Homosexualität erläutert und vor allem auf die Darstellung der weiblichen Homosexualität und der lesbischen Liebe in deutschen und deutschsprachigen Spielfilmen sowie in Spielfilmkoproduktionen näher eingegangen. Bei der Auswahl der behandelten Filme war wichtig, dass die Zuneigung, die erotische Anziehung oder die Liebe zwischen zwei Frauen ersichtlich ist. Außerdem wird gezeigt, dass die scheinbare Unsichtbarkeit der weiblichen Homosexualität in der Realität durch den Film sichtbar gemacht wird und der Film ein wichtiges Mittel ist, um ein solches Tabuthemen aufzugreifen und zu thematisieren. In der alphabetisch geordneten und kommentierten Filmografie sind Filmbeschreibungen enthalten, die zum besseren Verständnis der vorangehenden Ausführungen über die jeweiligen Filme beitragen, ohne dass diese gesehen werden müssen. Die behandelten Exkurse runden das Thema ab und informieren über einzelne Personen und Bereiche, die mit der Sparte Lesbenfilm zusammenhängen und die bei der Entwicklung und der Wahrnehmung von Filmen mit homosexuellen Inhalten maßgeblich beteiligt sind und waren.

Schlagwörter: deutscher Spielfilm, lesbischer Film, Lesbenfilm, lesbische Liebe, weibliche Homosexualität

Abstract

The available work represents the development of feature films with lesbian contents in the period from 1930 to 2005. Homosexuality is described fundamentally. It particularly deals with the representation of female homosexuality and lesbian love in German and German-speaking features as well as in co-productions of feature films. With the selection of the discussed films it was important to show that the affection, the erotic attraction or the love between two women is obvious. In addition it is shown that the apparent invisibility of real female homosexuality is made visible by the film. It is also an important instrument to take up and to broach the issue for discussion of such taboo topics. The alphabetically arranged and commentated filmography contains descriptions of films, which contribute to assist in the better understanding of preceding comments of the respective films, with no need to see them. The topic is rounded off by treated digressions, and informs about individual persons and ranges, who are connected with the lesbian film section and which are and were considerably involved in the development and the perception of films with homosexual contents.

Key words: German feature, lesbian film, lesbian movies, lesbian love, female homosexuality

Einleitung

Mein Interesse an Filmen lässt sich leicht erklären. Ich bin mit dem Fernseher aufgewachsen und es gab in meiner Kindheit häufig Momente, in denen es nichts Schöneres gab, als sich stundenlang von den Phänomenen Film und Fernsehen unterhalten zu lassen und in eine andere Welt einzutauchen. Diese Faszination, für speziell Filme, hat sich bis heute gehalten. Deshalb hat mich das Angebot des Wahlmoduls Medienästhetik [1] auch sehr gefreut. Die Belegung dieses Moduls hat mir einen neuen Einstieg und ein gesteigertes Interesse an der Sparte Film ermöglicht.

Aufgrund dieser Tatsachen war klar, dass ich mir ein Thema für meine Diplomarbeit aus dem Bereich Film suchen werde. Durch meine eigene Lebenseinstellung und privatem Interesse daran habe ich mich letztendlich für das Thema "Homosexualität im Spielfilm" entschieden. Durch private Recherchen habe ich festgestellt, dass es sehr wenige Zusammenstellungen oder Auflistungen von Filmen mit homosexuellen Inhalten gibt. Diese Tatsache bestärkte mich darin, dem Ganzen Abhilfe zu schaffen. Die erste Euphorie, ein Thema gefunden zu haben und auch ungefähr eine Vorstellung zu haben, wie dieses Thema behandelt werden könnte, wandelte sich bald in Skepsis. Das, was ich mir zu Beginn vorgenommen hatte, zu bearbeiten, war ein viel zu umfangreicher Bereich zu meinem Thema. Herr Bendig gab mir dann den Ratschlag, einen bestimmten Bereich auszuwählen, auf den ich mich konzentrieren sollte, da das Thema "Homosexualität im Spielfilm" ein weites Feld ist, das sich in unterschiedliche Teile gliedern lässt. Somit habe ich entschieden, im speziellen Teil der Arbeit bezüglich "Homosexualität im Spielfilm", die weibliche Homosexualität im deutschen, deutschsprachigen und koproduzierten Spielfilm zu behandeln. Ich musste mir nicht viele Gedanken machen, um zu dieser Themeneinschränkung zu gelangen. Zum Einen sehe ich mir gerne solche Filme an und zum Anderen habe ich mich schon im Vorfeld gefragt, wie Spielfilme mit lesbischen Inhalten in der früheren Zeit waren, beziehungsweise gab es überhaupt schon Filme mit der Thematik vor circa 70, 80 Jahren? Wenn ja, wie wurde die weibliche Homosexualität in dieser Zeit dargestellt? Und wie ist die Entwicklung bis heute?

Anfangs hatte ich große Bedenken, ob ich überhaupt genügend Literatur zu diesem Thema finden würde. Aber durch zahlreiche Recherchen im Internet und in Bibliotheken, vor allem auf der Webseite des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland, in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart und in der Universitätsbibliothek in Freiburg habe ich genügend und geeignete Literatur gefunden. Die Suche nach literarischem Material zu den Filmen war auch kein Problem, da das Internet sehr viele Informationen auch zu unbekannten Filmen bereit hält. Aber es war schwer und fast unmöglich, Spielfilme, die ich ausgewählt hatte, dann auch wirklich zu sichten, weil sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind oder auch nicht mehr ausgestrahlt werden. Einige Filme sind zwar im Internet käuflich zu erwerben, aber die horrenden Preise haben mich daran gehindert relevante Filme zu bestellen und eine Ausleihe war leider nicht möglich. Im Videobestand der Universitätsbibliothek Freiburg habe ich schließlich doch einige Filme gefunden, die ich sichten konnte. An dieser Stelle vielen Dank an die Universitätsbibliothek Freiburg, die es mir ermöglicht hat, die Filme durch Sichtung zu analysieren, da diese nicht ausleihbar sind und eigentlich auch nur an Mitglieder der Universitätsbibliothek Freiburg ausgehändigt werden.

Fragen zur Auswahl der Spielfilme stellten sich mir auch. Welche Filme soll ich genauer analysieren und welche Kriterien soll ich dabei beachten? Um das Ganze überschaubar zu halten und einzugrenzen habe ich die Spielfilme nach folgenden Kriterien ausgewählt: mir war zunächst wichtig, dass die Liebe und/oder erotische Anziehung zwischen Frauen, ob angedeutet oder abgewendet, als Thema im Film ersichtlich ist und eindeutig behandelt wird. Scheinbare Ausnahmen werden aufgrund der Anfänge im lesbischen Film gegeben sein, diese werden auf den ersten Blick oder je nach Sichtweise nicht zu den aufgezählten Kriterien passen. Des Weiteren habe ich darauf geachtet, dass die Filmhandlungen mit der Realität konform sind und keine brutalen, abstoßenden und sexistischen Inhalte aufgezeigt werden, deshalb habe ich spezielle Filmvarianten, auf die ich im Kapitel "Homosexualität im Spielfilm" zurückkommen werde, außen vor gelassen. Zur besseren Übersicht werden die ausgewählten Filme zunächst chronologisch bearbeitet und dann in einer alphabetischen Auflistung dargestellt und kommentiert. Darüber hinaus werden in einem weiteren Punkt Symboliken und körperliche Annährungsformen, die in Filmen mit lesbischen Inhalten häufiger vorkommen, genauer erläutert.

Das Kapitel "Exkurse" soll ein informatorischer Bestandteil dieser Arbeit sein. In den jeweiligen Exkursen werden Informationen enthalten sein, deren Erwähnung in Bezug auf Filme mit homosexuellen Handlungen wichtig sind und nicht unbeachtet bleiben sollten.

Die Vorarbeit war somit weitgehend abgeschlossen. Eine Frage war dennoch offen. Wie ausführlich sollte der allgemeine Teil zur Homosexualität sein? Aufgrund der Tatsache, dass es sich durchaus noch um ein Tabuthema in unserer Gesellschaft handelt, werde ich den allgemeinen Teil zur Homosexualität etwas ausführlicher behandeln.

1. Grundsätzliches zur Homosexualität

1.1 Einführung

Jeder weiß, dass es in unserer Gesellschaft [2] schwierig ist, über Tabuthemen zu reden. Der Einzelne kann das feststellen, gerade in seinem näheren Umkreis. Haben Sie schon einmal das Thema Sexualität bei Ihnen im Freundeskreis zur Sprache gebracht? Und wie hat der Einzelne reagiert? Wahrscheinlich jeder unterschiedlich. Manche zurückhaltend, andere beschämt oder interessiert und wieder andere sprechen offen darüber, wie über das Kochen. Und genau so, wie viele das Thema Kochen auf eine Ebene mit dem Thema Sexualität setzen können, wird zunächst "Grundsätzliches zur Homosexualität" erläutert.

Jeder kennt Tabus [3] und Tabuthemen. Die Sexualität ist bei vielen Menschen tabu und wird sehr oft als peinliches Thema angesehen. Und besonders Homosexualität gehört bei der Mehrzahl der Menschen in unserer Gesellschaft immer noch zum Kreis der Tabuthemen, die verschiedene emotionale Reaktionen hervorrufen. Es ist überwiegend der Fall, dass hierbei immer wieder Fragen aufkommen, die typisch sind für Verständnislosigkeit und weniger, was eigentlich hinter diesem Begriff steht. Was sind die Ursachen? Spielt die genetische Vererbung eine Rolle? Sind einschlägige Familienerlebnisse der Grund dafür? Ist die Erziehung schuld daran? Diese und weitere Ursachenfragen stellen die Homosexualität als Krankheit dar und somit auch als unnormal, und es wird davon ausgegangen, dass man die betroffenen Menschen nur davon heilen muss oder es sogar, mit Wissen der Ursache, verhindern kann. Das Erkennen und Hinterfragen steht dabei im Hintergrund.[4] Und genau das soll im Nachfolgenden in Bezug auf die Homosexualität zunächst gemacht werden. Was ist Homosexualität? Welche kulturellen Eingliederungen für Homosexualität gibt es? Was lässt sich über den Kampf für Gleichberechtigung und über die weibliche Homosexualität sagen? Da die weibliche Homosexualität einen übergeordneten Platz in dieser Arbeit einnimmt, wird diese auch genauer beleuchtet werden.

1.2 Homosexualität

1.2.1 Definition

Durch die folgende Definition soll eine kurze Orientierung gegeben und keine Bewertungen oder Abgrenzungen der einzelnen Menschen gemacht werden.

Der Begriff Homosexualität bezeichnet die Gleichgeschlechtlichkeit und somit die Liebe und Sexualität zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts.

Jeder Mensch hat eine eigene Identität und diese spielt bei diesem Thema unter anderem eine Rolle. Zur Identität von Homosexuellen gehört die Liebe zum eigenen Geschlecht, wie es zur Identität von Heterosexuellen gehört, einen Menschen des anderen Geschlechts zu lieben.[5]

Wie schon in der Einführung zu diesem Bereich erwähnt wurde, ist teilweise die gleichgeschlechtliche Liebe noch unvorstellbar. Aber warum? Homosexualität ist nichts anderes als Heterosexualität. "Zuneigung, Liebe, Vertrauen, Begehren, Eifersucht, Lust, Verantwortung"[6] und Geborgenheit lassen keine Abgrenzung zu. "Homosexualität ist lieben und geliebt werden"[7].

1.2.2 Begriffe

Das Wort Homosexualität ist eine Erfindung von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl-Maria Kertbeny aus dem Jahre 1868. Er verband den griechischen Begriff homo (= gleich, gleichartig) mit dem lateinischen Begriff sexus (= das männliche und weibliche Geschlecht).[8] Ein weiterer gleichbedeutender Begriff für Homosexualität ist die Homophilie. Eine abwehrende Haltung und meist hasserfüllte Einstellung gegen Homosexualität bezeichnen die Begriffe Homophobie und Heterosexismus[9], auf die nicht weiter eingegangen wird.

Frauen, die Frauen lieben, werden als lesbisch, Lesben oder Lesbierinnen bezeichnet. Diese Begriffe sind auf die antike griechische Dichterin Sappho zurückzuführen, die in ihren Gedichten und Liedern die Liebe zwischen Frauen darstellte. "Das Wort lesbisch leitet sich von der griechischen Insel Lesbos […] ab"[10], auf welcher die Dichterin lebte. Für homosexuelle Frauen, die nach ihrem Äußeren eher maskulin auftreten, werden heute Bezeichnungen genommen, wie Amazone, Butch (Mannweib), Kampflesbe, früher dagegen wurden maskuline Lesben als kesse Väter bezeichnet. Der Gegenpart dazu sind die weiblich auftretenden Lesben, die als Femmes (Frauen) bezeichnet werden.

Die männlichen Homosexuellen werden als Schwule oder schwul bezeichnet, diese Benennungen werden von den Begriffen schwül und Schwulität [11] abgeleitet. Die Bezeichnung Homo wird heute eher als altmodisch angesehen. Beide Varianten wurden früher abwertend betrachtet, aber der Begriff schwul ist heute mehr oder weniger ein neutrales Wort im Sprachgebrauch. Jugendliche verwenden es trotzdem häufig als Schimpfwort, da sie es "als Synonym für langweilig, weichlich"[12] und schwächlich verstehen. Bei einem speziellen Kreis von homosexuellen Männern werden aufgrund ihres weiblichen Auftretens und Verhaltens Benennungen verwendet wie Tunte oder Schwuchtel.[13]

Der Begriff Coming-out erklärt zwei Situationen im Leben homosexueller Menschen. Einerseits das Selbst-Begreifen der homosexuellen Orientierung und anderseits die öffentliche Bekanntmachung der eigenen Sexualität. Dies geschieht in den meisten Fällen bei Personen, von denen eine positive Reaktion auf das Outing erwartet werden kann.

"Das Coming-out bedeutet einen biographischen Bruch: häufig einen Konflikt mit den Erwartungen der Familie und Umwelt oder auch einen Widerstreit mit sich selbst, mit übernommenen Werthaltungen, in der Homosexualität etwas Schlechtes zu sehen."[14]

Das Coming-out ist der Weg in ein neues Leben, indem sich homosexuelle Menschen nicht mehr vor sich selbst und anderen verstecken müssen.

1.3 Kulturelle Eingliederung der Homosexualität

Gleichgeschlechtliche Liebe ist und war in unterschiedlichen Kulturen weit verbreitet. Wie Homosexualität angesehen und bewertet wird oder wurde ist abhängig von unterschiedlichen Interessen, Einstellungen und Lebenskulturen.[15] Im Folgenden soll dies an einigen Beispielen veranschaulicht werden.

Der Begriff Homosexualität wurde in der Antike noch nicht verwendet. Allerdings gab es gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern. Grund dafür waren Erziehungsmaßnahmen in Hinsicht auf den Charakter, die Bildung und das Militär, die ältere Männer an ihre jüngeren Liebhaber weitergaben, bis diese das Erwachsenenalter erreicht hatten.[16]

Des Weiteren gab es im Sudan eine Armee von jungen Männern, die sich als vorübergehende Sexualpartner und Kriegshelfer männliche Jugendliche suchten. Hatten die männlichen Burschen auch das Alter, um in die Armee aufgenommen zu werden, suchten sie sich auch einen vorübergehenden, jüngeren, männlichen Lebenspartner.[17]

Auch in heutigen Kulturen, wie zum Bespiel in einigen Teilen von Westafrika, gibt es homophile Kontakte zwischen Frauen und Mädchen, um diese für das Leben als erwachsene Frau vorzubreiten.

In den westlichen Kulturen werden die Geschlechter in männlich und weiblich aufgeteilt. In anderen Kulturvölkern, wie zum Beispiel bei den Indianern in Nordamerika, wurde die Unterscheidung nicht gemacht. Es gab Frauen, die das Leben eines Mannes lebten und dem hingegen gab es Männer, die das Leben einer Frau führten. Aufgrund dessen hatten sowohl Männer als auch Frauen homosexuelle Kontakte. Demzufolge war das Geschlecht, in biologischer Hinsicht, nicht von Bedeutung.[18]

Verschiedene Religionen (Judentum, Christentum und Islam) können und konnten Homosexualität nicht akzeptierten. Aufgrund des Glaubens wird die gleichgeschlechtliche Liebe als Perversion und Sünde vor Gott angesehen. Die Christen gehen von der Heiligen Schrift aus. Diese "bestimmt die geschlechtliche Vereinigung zwischen Mann und Frau als Schöpfungsplan zur Fortpflanzung und verurteilt die fleischliche Lust"[19].

Die damaligen Verhältnisse können nicht mit der heutigen Homosexualität in den westlichen Kulturkreisen verglichen werden. "Schwule und Lesben bilden eine neue Ausdrucksform von Homosexualität"[20] in den westlichen Kulturen. Sie wollen keine Traditionen weiterführen, in Form von Geschlechterrollen, sondern die Gleichberechtigung für ein Leben, das sich in Hinsicht auf die Sexualität im Vergleich zur Mehrheit der Gesellschaft unterscheidet, aber nach den Lebens- und Liebenseinstellungen nicht abgrenzen lässt. Denn homosexuelle Menschen verlieben sich, gehen zur Arbeit, freuen sich über eine Gehaltserhöhung, gehen italienisch essen, machen Urlaub, spielen Fußball und so weiter. Sie führen ein Leben wie viele andere Menschen auch.

1.4 Kampf für Gleichberechtigung

Der Kampf von Schwulen und Lesben für ein gleichberechtigtes Leben ist seit über 100 Jahren im Gange. Einer der ersten Vorreiter, war Magnus Hirschfeld (Arzt und Sexualforscher). Er gründete 1897 das Wissenschaftlich Humanitäre Komitee, die erste Bewegung für homosexuell orientierte Menschen im Kampf für Gleichberechtigung. Hauptaugenmerk setzte das Komitee vor allem auf den Paragraphen 175, dessen Streichung gefordert wurde. Diese Bestimmung war eine große Hürde, die von männlichen Homosexuellen unfreiwillig genommen werden musste.[21]

Der Paragraph 175 stand seit dem 15. Mai 1871 bis zum 10. März 1994 im deutschen Strafgesetzbuch und beinhaltete Strafen, die bei sexuellen Handlungen zwischen Männern angewandt wurden. Circa 140.000 Männer wurden in diesem Zeitraum insgesamt verurteilt.[22] Die lesbische Sexualität wurde nicht unter Strafe gestellt, aber totgeschwiegen aufgrund der Tatsache, dass Frauen, ob hetero- oder homosexuell, in der Vergangenheit keinerlei Beachtung geschenkt wurde. "Das Weltbild [...] sah für Frauen keine Rolle jenseits von Ehe und Mutterschaft vor"[23].

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden alle bis dahin entstandenen, homosexuellen Vereinigungen zerschlagen und ausgemerzt. Schwule, nach dem Paragraphen 175 Verurteilte wurden in Konzentrationslager gebracht und/oder kastriert.[24]

Die Nachkriegszeit war für homosexuell orientierte Menschen nicht angenehmer. Der Paragraph 175 hatte noch Bestand, und das Leben von homophilen Menschen lief hinter verschlossenen Türen ab.[25]

Es mussten 20 Jahre vergehen, bis der besagte Paragraph im Jahr 1969 neu reformiert, die Strafen gelockert und Homosexualität unter bestimmten Voraussetzungen nicht mehr strafbar war. Im gleichen Jahr entstanden einige schwule Vereinigungen. Grund dafür war nicht nur die neue Reformierung des Paragraphen 175, sondern auch der damals ausgestrahlte Film Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation in der er lebt [26] von dem schwulen Regisseur Rosa von Praunheim. Die lesbischen Frauen schlossen sich Frauenbewegungen [27] an. Demzufolge gab es sowohl Lesbenbewegungen in Form von feministischen Vereinigungen und getrennt davon die Schwulenbewegungen.[28]

Am 28. Juni auch im Jahre 1969 kam es in den USA zu einem denkwürdigen Ereignis der Lesben- und Schwulenbewegungen auf der ganzen Welt. "Anlässlich einer Polizeirazzia in der New Yorker Schwulenbar Stonewall [...] in der Christopher Street"[29], haben sich erstmalig Schwule und Lesben gegen die Diskriminierung in der Öffentlichkeit gewehrt. Dies war mitunter ausschlaggebend für den Gleichberechtigungskampf von homosexuellen Menschen.

Seit den achtziger Jahren finden jedes Jahr im Sommer in großen Städten Europas sowie Amerikas, politische Demonstrationen, Paraden und Feste anlässlich des Christopher Street Days statt. Bei diesen Veranstaltungen ist auch immer das Symbol der Schwulen und Lesben zu sehen, die so genannte Regenbogenflagge. Sie ist das internationale Erkennungszeichen der Schwulen und Lesben auf der ganzen Welt. Sie wurde ursprünglich als Zeichen für die Schwulen- und Lesbenbewegungen entworfen. Rot steht für das Leben, Orange ist kennzeichnend für die Kraft der Heilung, Gelb symbolisiert die Sonne, Grün steht für die Natur, Blau charakterisiert die Kunst und Violett ist stellvertretend für die Seele. Mittlerweile ist der Christopher Street Day (CSD) nicht nur für Homosexuelle Anlass zu feiern, sondern auch für Heterosexuelle interessant geworden. "Allein in Berlin und Köln brachte der CSD 1999 insgesamt eine Million Menschen auf die Straße"[30].

Heute ist es nahezu unvorstellbar, dass Homosexualität unter Strafe gestanden hat. Was aber genauso unvorstellbar ist, ist die Tatsache, dass der Paragraph 175 erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch in Deutschland gestrichen wurde.

Im Unterschied zu früheren Jahren gibt es heute zahlreiche Gruppen, Vereine, Verbände und Organisationen, die sich für die Rechte und Belange der homosexuellen Menschen einsetzen, wie zum Bespiel der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland.

In Hinsicht auf soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung wurden in den letzten Jahren einige Ziele erreicht. Unter anderem die Verabschiedung des Lebenspartnerschaftsgesetzes, das den homosexuellen Paaren ein eheähnliches Leben ermöglicht, um nur ein Bespiel zu nennen. Ein noch nicht erreichtes Ziel ist aktuell die Forderung nach einem Antidiskriminierungsgesetz [31], in dem die sexuelle Identität verankert sein soll, um der Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlich orientierten Menschen in der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Der Kampf um Gleichberechtigung wurde immer erschwert. Durch Vorurteile, wie zum Beispiel Homosexualität sei eine Krankheit und müsse therapiert werden oder Homosexualität habe keinen Sinn und Zweck, weil keine Kinder aus Partnerschaften hervorgehen und durch die Krankheit Aids [32], wurden die Akzeptanzprobleme in unserer Gesellschaft noch ausgeprägter. Aids wurde als Krankheit der Schwulen angesehen. Es wurde lange nicht verstanden, dass auch heterosexuelle Menschen die Krankheit bekommen können.

Wahrscheinlich wird eine vollständige Gleichberechtigung nie aufkommen, da Homosexuelle eine Minderheit in unserer Gesellschaft sind, und Minderheiten seit eh und je benachteiligt, diskriminiert und/oder verurteilt wurden. Was aber gefordert werden kann, "ist Respekt für schwule und lesbische Liebe"[33].

Eine weitere Gruppe, die in unserer Gesellschaft benachteiligt wird, sind die Frauen, zu denen auch die lesbischen Frauen gehören. Frau zu sein und homosexuell zugleich, verbirgt zusätzliche Probleme in unserer Gesellschaft, auf die im nächsten Abschnitt zur weiblichen Homosexualität näher eingegangen wird.

1.5 Weibliche Homosexualität

Die folgenden Punkte sollen einige allgemeine Einblicke zur weiblichen Homosexualität geben. Im darauf folgendem Kapitel "Homosexualität im Spielfilm" wird die weibliche Homosexualität eine übergeordnete Rolle spielen, aufgrund dessen ist es wichtig, grundlegende und wissenswerte Informationen im Voraus zu vermitteln.

Geschichtliche Hintergrundinformationen gibt es für fast alle Gruppierungen in unserer Gesellschaft. Für die Gruppe der lesbischen Frauen ist ihre Vergangenheit lückenhaft und es sind kaum Informationen über deren Geschichte erhalten. Deshalb lässt sich im Folgenden keine zeitliche Gliederung vornehmen und kein Zeitpunkt für die Entstehung der ersten lesbischen Beziehung festlegen.

Lesbische Liebe hat es schon in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten gegeben. Allerdings wurde die Liebe zwischen Frauen hinter den Begriffen 'innige Freundschaft' oder 'weibliche Seelenverwandtschaft'[34] versteckt. Die Liebe zwischen Frauen wurde nicht thematisiert, sondern belächelt, totgeschwiegen oder "als neckischer Zeitvertreib"[35] angesehen. Demzufolge wurde die weibliche Homosexualität nicht beachtet und als unsichtbar gekennzeichnet. Womit sich erklären lässt, warum Liebe zwischen Frauen nicht bestraft oder verfolgt wurde.

Eine Zeit, in der sich diese Nichtbeachtung der lesbischen Identität gut erklären lässt, ist der Nationalsozialismus. Lesbische Frauen wurden nicht bestraft aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, sondern wurden "als 'politisch', 'kriminell' oder 'asozial'"[36] bezichtigt. Es ist bekannt, dass die weibliche Homosexualität unter Strafe gestellt werden sollte aber letztendlich nicht als politisches Problem angesehen wurde. Lesbische Frauen wurden in ihrer Identität nicht ernst genommen, sie wurden durch Bemerkungen, wie zum Beispiel "stets 'geschlechtsbreit', [...] 'bevölkerungspolitisch nach wie vor nutzbar'"[37] diskriminiert und misshandelt. Somit waren homosexuelle Frauen nach wie vor unsichtbare Wesen.

Lesbische Frauen sind eine Minderheit aus einer Minderheit in unserer Gesellschaft und haben nicht nur wegen ihrer Homosexualität, sondern auch wegen der Tatsache, dass sie Frau sind, zweierlei Kämpfe zu führen. In den meisten Kulturen wurden, beziehungsweise werden Frauen "als zweitklassiges Wesen, als Objekt des Mannes angesehen"[38], ohne jegliche Persönlichkeitsrechte zu haben. Kommt der Faktor Homosexualität hinzu, wird es als Verhalten, dass gegen die Normen verstößt und als Bedrohung betrachtet, aufgrund der Entziehung der männlichen Begierde. Das heißt, homosexuelle Frauen stehen in der Gesellschaft dem Geschlechterkampf gegenüber, des Weiteren müssen sie sich gegen Vorurteile hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung wehren und schließlich werden sie mit den heterosexuellen Geschlechterrollen seit Kindesalter konfrontiert, dem sie nicht nachkommen wollen.[39] Aufgrund dieser Tatsache ist und war das Coming-out von Lesben erschwert, sodass ihr homosexuelles Leben meist hinter verschlossenen Türen abläuft, womit sie sich selbst zu Unsichtbaren machen.

Des Weiteren stehen lesbische Frauen grundsätzlich einem Vorurteil gegenüber. Und zwar der Äußerung, dass sie noch keinen richtigen Mann abbekommen hätten. Allein an dieser Äußerung lässt sich gut die Verständnislosigkeit, die Unverstandenheit, die Anfeindung und Diskriminierung und die Intoleranz der Gesellschaft, vor allem von Seiten der Männer aufzeigen, mit denen homosexuelle Frauen konfrontiert werden. Mit dieser Äußerung wird die weibliche Homosexualität ein weiters Mal nicht wahrgenommen. Der Respekt von den Mitmenschen, eine Frau lieben und mit ihr zusammenleben zu dürfen, wäre tolerant und gemeinschaftlich, dieser Faktor würde unter anderem die Wahrnehmung der weibliche Homosexualität skizzieren.

In Hinsicht auf die Anzahl und Verbreitung von homosexuellen Frauen gibt es keine genauen Forschungsergebnisse[40]. Somit ordnen sie sich unter die heterosexuellen Frauen in der Gesellschaft ein und sind demnach nicht vorhanden. Sie werden nicht erkannt, da eine Unterscheidung zu heterosexuellen Frauen, bis auf die sexuelle Neigung, nicht gegeben ist.

Heutzutage ist es nicht mehr ganz so schwierig lesbisch zu sein, die Neigung ausleben zu können und teilweise in der Gesellschaft akzeptiert und wahrgenommen zu werden. Der Arbeit von Frauenbewegungen ist zu verdanken, dass lesbische Frauen im 20. Jahrhundert ihre eigene Subkultur in unserer Gesellschaft aufbauen konnten. "Subkultur oder kurz 'Sub' bezeichnet die Gesamtheit der Begegnungsstätten wie Cafés, Bars, Diskotheken"[41], Buchläden, Sportvereine oder Beratungsstellen, in denen sich Lesben unter Gleichgesinnten frei bewegen, austauschen und aufhalten können, ohne Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Das vermittelt auf der einen Seite eine Abgrenzung und Unsichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft, auf der anderen Seite toleriert und akzeptiert die Gesellschaft die Abgrenzung durch die Subkulturen. Der beste Weg sollte trotz allem keine Subkultur sein, sondern ein gemeinschaftliches Zusammenleben in der Gesellschaft ohne Ausgrenzungen.

Aus oben beschriebenen Punkten wird deutlich, dass die homosexuelle Frau oder vielmehr die weibliche Homosexualität in der Geschichte nicht vorkommen sollte. Lesbische Liebe wurde nicht geduldet, vielmehr ignoriert, verleumdet, nicht beachtet und war deshalb unsichtbar. Im nächsten Kapitel "Homosexualität im Spielfilm" wird jedoch die Möglichkeit des Films aufgezeigt, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

2. Homosexualität im Spielfilm

2.1 Einführung

In diesem Kapitel wird die weibliche Homosexualität im Spielfilm in den Vordergrund gestellt und behandelt. Auf die männliche Homosexualität im Spielfilm wird nicht eingegangen.

Für die Auswahl der Filme, die in der Übersicht und der alphabetischen Filmografie aufgenommen wurden, waren folgende Faktoren entscheidend: in der vorliegenden Arbeit werden nur deutsche und deutschsprachige Spielfilme oder Spielfilmkoproduktionen behandelt. Der Begriff Spielfilm beschreibt sowohl Kinofilme, Filme die nicht ins Kino gekommen sind, die so genannten B- oder C-Filme, als auch TV-Produktionen, die von den Fernsehanstalten produziert und im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Außerdem wurden die ausgewählten Spielfilme von 1930 bis 2005 produziert und somit nur Tonfilme und keine Stummfilme [42] mit einer Mindestlänge von 45 Minuten verwendet. Kurz- und Dokumentarfilme werden nicht behandelt. Des Weiteren wird auf nachfolgende Filmvarianten verzichtet, da diese nicht realitätsnah sind oder brutale, abstoßende und sexistische Handlungen aufzeigen oder nicht in den Blickpunkt der Arbeit passen. Demnach keine Verwendung von lesbischen Vampirfilmen (zum Beispiel Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula), Trashfilmen (zum Beispiel 99 Frauen), Sex-, Softpornofilmen (zum Beispiel Die Klosterschülerinnen), Sadomasochismusfilmen (zum Beispiel Verführung – Die grausame Frau) und Frauengefängnisfilmen (zum Beispiel Das Frauenlager oder Komplizinnen)[43].

Die ausgewählten Spielfilme beinhalten die Darstellung der lesbischen Liebe und der weiblichen Homosexualität, die in sehr verschiedene Handlungen und Thematiken eingebunden ist. Diese Auswahl soll die Vielfalt der homosexuellen Darstellung zwischen Frauen im Film verdeutlichen und eine Normalität der Liebe zwischen Frauen aufzeigen. Außerdem sollen die ausgewählten Filme nur eine kleine Übersicht geben von den zahlreichen Produktionen der vergangenen 70 bis 80 Jahren.

In der "Übersicht zur weiblichen Homosexualität im Spielfilm" werden die Filme zeitlich eingegliedert und auf wichtige Details und Informationen eingegangen, wonach sich die Entwicklung des lesbischen Films kennzeichnen lässt. Außerdem wird in einem weiteren Abschnitt die körperliche Annährungsformen der lesbischen Sexualität und der lesbischen Liebe im Spielfilm näher erläutert. Des Weiteren, wird in der Filmografie die Handlung der ausgesuchten Filme wiedergeben und kommentiert.

Die weibliche Homosexualität ist, wie aus einigen genannten Gründen nicht sichtbar, lässt sich nicht erklären und ist einfach anders. Hilfsmittel aus den Medien und der Kunst, wie das Medium Film, sind notwendig, um die lesbische Außenseiterrolle erkennbar zu machen, zu erklären, eindeutig darzustellen und die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Der Film ist unter anderem eine visuelle Quelle und "durch seine medienspezifischen Eigenschaften dazu prädestiniert, Dinge sichtbar zu machen"[44], so auch die Liebe zwischen Frauen.

In den kommenden Abschnitten wird deutlich, dass die scheinbare Unsichtbarkeit von lesbischen Identitäten im Spielfilm durch Zeichen, Mimik, Gestik und Darstellung sichtbar gemacht wird. Ob es sich letztendlich um lesbische Frauen handelt, ist in der Hinsicht nicht von Bedeutung. Die Wirkung und Sicht auf den Zuschauer [45] ist entscheidend. Das spiegelt sich vor allem in den Anfängen des lesbischen Films, bei den so genannten Hosenrollenfilme [46] wieder. Durch die Weiterentwicklung des lesbischen Films wird eine Wandlung vollzogen, nach der eine bestimmte Sichtweise vom Zuschauer nicht mehr gefordert wird, da die weibliche Homosexualität eindeutig sichtbar ist.

2.2 Übersicht zur weiblichen Homosexualität im Spielfilm

2.2.1 Zeitliche Eingliederung

Die Anfänge des lesbischen Tonfilms ab 1930

Der absolute Klassiker der lesbischen Spielfilme ist der Internatsfilm MÄDCHEN IN UNIFORM von 1931. Das Drehbuch wurde von der lesbischen Autorin Christa Winsloe geschrieben. In der Filmgeschichte nimmt dieser Film bis dato ein besondere Stellung ein aufgrund der eindeutigen Feststellung der lesbischen Zuneigung von einer Schülerin zu deren Lehrerin. Diese Zuneigung wird in den Blicken der Darstellerinnen zueinander deutlich, und über Großaufnahmen werden diese Blicke in Szene gesetzt. Allerdings, wurde MÄDCHEN IN UNIFORM nicht durch die Begierde zwischen zwei Frauen berühmt, sondern wegen der wahren Darstellung von der harten und unbarmherzigen Führung eines Mädcheninternats, wie es zur damaligen Zeit üblich war.[47] Auffallend ist, dass es keinen Selbstmord von der Hauptdarstellerin gab, die der Liebe zu ihrer Lehrerin verfallen war, denn Selbstmorde in Filmen mit lesbischen Inhalten sind in der lesbischen Filmgeschichte nichts Außergewöhnliches.[48] Der Film ist über Jahrzehnte hinweg ein Paradebeispiel für die Anfänge der lesbischen Liebe im Film. Er hat es sogar geschafft, dass die Liebe zwischen Frauen wahrgenommen wurde. Deshalb stellt sich die Frage, was wäre gewesen, wenn es den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich nicht gegeben hätte? Wie wäre die Entwicklung der Filme mit lesbischen Inhalten dann verlaufen? Diese offenen Fragen bleiben aufgrund der Tatsache, dass die Nationalsozialisten MÄDCHEN IN UNIFORM verboten und teilweise vernichtet haben[49], weil er durch seine lesbische Thematik ein Film gegen den Faschismus, vor allem wegen der benannten Liebe von der Schülerin zur Lehrerin, war. Dieser Spielfilm wurde fast ausschließlich mit und von Frauen produziert, was einen Unterschied zu nahezu allen anderen Filmen dieser Zeit aufzeigt. Gerade deshalb unterscheidet sich MÄDCHEN IN UNIFORM in der gezeigten Materie von Filmen, die Männer produziert haben. Aufgrund der Tatsache, dass die Drehbuchautorin und die Regisseurin lesbisch waren, ist die angeschlagene Thematik nicht verwunderlich.[50]

Im Jahre 1933 wurde der Film VIKTOR UND VIKTORIA unter nationalsozialistischen Bedingungen produziert. Das Naziregime war noch nicht in seiner Vollständigkeit aufgebaut, ein Grund dafür, dass dieser Spielfilm noch aufgeführt werden konnte.[51] VIKTOR UND VIKTORIA gehört in die Kategorie der Hosenrollenfilme, in denen Frauen in Männerrollen schlüpfen. In diesem Zusammenhang bedeutet die Verwandlung oder maskuline Darstellung von Frauen die Vorstufe zur Lesbe. Hosenrollen boten dem lesbischen Publikum somit die Möglichkeit, sich selbst in ihrer Identität zu finden, obwohl es sich um versteckte Merkmale zur weiblichen Homosexualität handelte. Dies sollte durchaus nicht für die Allgemeinheit der lesbischen Frauen gelten. Das Wichtige an Hosenrollenfilmen war, zur Charakterisierung der lesbischen Frauen beizutragen. Die direkte Konfrontation mit der lesbischen Liebe wird nicht gezeigt, sondern die Handlungen laufen auf die Heterosexualität der verkleideten Frau hinaus.[52] In diesen Filmen ist die Anziehung zwischen Frauen nur skizzenhaft festzustellen und dies an den zugeneigten Blicken, die durch die Verwandlung in das andere Geschlecht entstehen. Am Ende von solchen Hosenrollenfilmen kommt stets die Umkehrung und Auflösung, dass eine Frau in einen Mann verkleidet war, so auch in VIKTOR UND VIKTORIA . Die Hosenrollenfilme vermitteln nicht nur lesbische Merkmale, sondern durch die Vermännlichung auch eine gesellschaftliche Größe, die sich alle Frauen zur damaligen Zeit nur erträumen konnten. Ein Unterschied zu anderen Hosenrollenfilmen in der Zeit des Nationalsozialismus wird bei VIKTOR UND VIKTORIA deutlich: die Frau in der Rolle des Mannes wird stets als Frau erkannt.[53]

Der Film DAS MÄDCHEN JOHANNA von 1935 zeigt die andere Art einer Hosenrolle. In dieser Darstellung ist genau zu erkennen, dass sich die Frau in Männerkleidung von ihrem Geschlecht entfremdet und sich als Mann in einer militärischen Männerwelt behaupten muss.[54] Demzufolge, wurde die Frau in DAS MÄDCHEN JOHANNA keineswegs unabhängig, sondern sie wurde eher zur Marionette der Männer.

In den folgenden Jahren des Nationalsozialismus wurden aufgrund der Pflichtvorlage aller Produktionen bei der Reichsfilmkammer[55] keine lesbischen Filmproduktionen ermöglicht. Dieser Einschnitt lieferte der Geschichte des lesbischen Films einen jahrelangen Stillstand. Die Produktion konnte erst wieder in den fünfziger Jahren fortgesetzt werden. Trotz der abgeschafften Zensur in Deutschland wurden Anfang der fünfziger Jahre keine nennenswerten lesbischen Spielfilme veröffentlicht. Dies lässt sich durch die Darstellung der Frau in den damaligen Filmen erklären, da sie als Frauen von Männern gezeigt wurden, wie es in der Gesellschaft üblich war. Lesbische Frauen waren sowohl gesellschaftlich, als auch filmisch nicht zu entdecken.[56]

Erst 1957 wurde die Ära des lesbischen Spielfilms durch eine Neuverfilmung von VIKTOR UND VIKTORIA fortgesetzt. Hosenrollenfilme wurden oft herausgekramt und neu verfilmt.[57]

Im Jahre 1958 wurde der Klassiker MÄDCHEN IN UNIFORM wieder auf die Leinwand gebracht. Die Neuverfilmung von Géza von Radványi hat zwar die Thematik des Originals behalten, jedoch wird diese verharmlost und banaler dargestellt.[58] Aufgrund dessen kann die Neuverfilmung mit dem Original nicht konkurrieren, obwohl die direkte Konfrontation mit der lesbischen Liebe dargestellt wird. Es ist fast immer so, dass die Remakefilme nicht das Original übertreffen und als Abklatsch kritisch angesehen werden.

Es ist auffallend, dass zunächst Remakefilme verwendet wurden, um die Geschichte des lesbischen Films fortzuführen. Über neue Produktionen gibt es keine geschichtlichen Vermerke. Außerdem hatte die Sparte des lesbischen Films seine Anlaufschwierigkeiten in den ersten zwanzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, zumal es bis Ende der sechziger Jahre dauerte, bis eine neue lesbische Produktion veröffentlicht wurde.

Sechziger und siebziger Jahre

Der Internatsfilm THERESE UND ISABELLE , wurde 1968 produziert und ist eine Filmkoproduktion zwischen Deutschland und den USA. Auffällig für die Filmproduktion in den sechziger Jahren in Deutschland ist die Nichtbeachtung der lesbischen Liebe. Koproduzierte Ausnahmefilme wie THERESE UND ISABELLE waren sehr rar, ansonsten wurde die weibliche Gleichgeschlechtlichkeit in Form von Gruppensexszenen in Sexfilmen (zum Beispiel Die Mädchen der Madame von 1968) abgebildet[59].

Filme wie THERESE UND ISABELLE wurden produziert und veröffentlicht, um im Gegensatz zur Nichtbeachtung der lesbischen Liebe eine offenere und freiere Darstellung der Liebe zwischen Frauen zu zeigen. Knackpunkt bei THERESE UND ISABELLE ist, dass es wie so oft kein Happy End für die Liebe zwischen den Frauen gibt und auf die Heterosexualität zurückgegriffen wird.

[...]


[1] Das Wahlmodul Medienästhetik wurde im Sommersemester 2006 von Herrn Bendig angeboten und behandelte das Thema Western.

[2] Wenn in der vorliegenden Arbeit von unserer Gesellschaft oder der Gesellschaft die Rede ist, meine ich damit Deutschland in geographischer Hinsicht und die Bevölkerung von Deutschland.

[3] Tabu bedeutet Verbotenes, etwas, worüber man nicht spricht. Siehe dazu http://www.wissen.de.

[4] Vgl. Kranich, C. u. a. (2000): Liebe Leben. Homosexualität und die Vielfalt der Lebensformen in Zeiten der Individualisierung. In: Flensburger Hefte, Heft 68. Flensburg: Flensburger Hefte Verlag, S. 9-10.

[5] Vgl. Hessisches Sozialministerium (Hrsg.) (o.J.): Da fiel ich aus allen Wolken URL: http://www.sozialnetz.de/homo/dokument/Elternbroschuere.pdf [Stand: 21.07.2006], S. 7.

[6] Hessisches Sozialministerium (o.J.), http://www.sozialnetz.de, S. 7.

[7] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. a): Was heisst Homosexualität?. Was ist Homosexualität. URL: http://www.homosexualitaet.de/basics.htm [Stand: 21.07.2006].

[8] Vgl. Wikipedia (2006a): Homosexualität. Zum Begriff Homosexualität. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität [Stand: 14.07.2006].

[9] Vgl. Wikipedia (2006b): Heterosexismus. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Heterosexismus [Stand: 14.07.2006].

[10] Wikipedia (2006c): Lesbe. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Lesbe [Stand: 14.07.2006].

[11] Schwulität bedeutet Schwierigkeit, Bedrängnis, Verlegenheit; in Schwulitäten sein. Siehe dazu http://www.wissen.de.

[12] Wikipedia (2006a), http://de.wikipedia.org.

[13] Vgl. Wikipedia (2006a), http://de.wikipedia.org.

[14] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. a), http://www.homosexualitaet.de.

[15] Vgl. Heigl, W. (2005): Out Now. Arbeitsblätter zum Film. URL: http://www.dioezese-linz.at/pastoralamt/medienverleih/arbeitshilfen/ah060116.pdf [Stand: 14.07.2006], S. 4.

[16] Vgl. Liese, K. (2004a): Geschichte der Homosexualität. Die Anfänge. URL: http://www.kinofenster.de/ausgaben/kf0410/hinter2.htm [Stand: 14.07.2006].

[17] Vgl. LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. b): Gibt es überall Schwule und Lesben?: Andere Länder, andere Sitten. URL: http://www.homosexualitaet.de/kulturgeschichten.htm [Stand: 14.07.2006].

[18] Vgl. LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. b), http://www.homosexualitaet.de.

[19] Liese, K. (2004a), http://www.kinofenster.de.

[20] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. b), http://www.homosexualitaet.de.

[21] Vgl. LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. c): Homo-historische Trends. URL: http://www.homosexualitaet.de/homo_hist_trends.htm [Stand: 14.07.2006].

[22] Vgl. Wikipedia (2006d): Paragraph 175. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Paragraph_175 [Stand: 12.05.2006].

[23] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. c), http://www.homosexualitaet.de.

[24] Vgl. Liese, K. (2004b): Geschichte der Homosexualität. Die Entwicklung in Deutschland. URL: http://www.kinofenster.de/ausgaben/kf0410/hinter2.htm [Stand: 14.07.2006].

[25] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. c), http://www.homosexualitaet.de.

[26] Der provokante Film Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt wurde in Deutschland 1970 veröffentlicht, Länge 67 Minuten, Regie führte Rosa von Praunheim. Die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen war ein Skandal. Siehe dazu http://de.wikipedia.org.

[27] Frauenbewegungen bezeichnen organisierte Vereinigungen, die für die Rechte und Gleichberechtigung der Frauen kämpfen. Siehe dazu http://www.wissen.de.

[28] Vgl. Wikipedia (2006e): Homosexualität. Emanzipationsbewegungen. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität [Stand: 14.07.2006].

[29] Wikipedia (2006e), http://de.wikipedia.org.

[30] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. c), http://www.homosexualitaet.de.

[31] Siehe dazu LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. d): Lesben- und Schwulenrechte in die Verfassung!. URL: http://typo3.lsvd.de/36.0.html [Stand: 14.07.2006].

[32] Aids ist eine tödliche Immunschwächekrankheit. Siehe dazu http://de.wikipedia.org.

[33] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. e): Was ist zu tun? Gegen Vorurteile angehen. URL: http://www.homosexualitaet.de/was_ist_zu_tun.htm [Stand: 14.07.2006].

[34] Lifeline.de (2000): Lesbische Liebe im Spiegel der Wissenschaft. URL:

http://www.lifeline.de/llspecial/content-129276.html [Stand: 02.08.2006].

[35] Lifeline.de (2000), URL: http://www.lifeline.de.

[36] Metzing, A. (o.J.): Lesben im Nationalsozialismus - Lesben bei ASF. URL: http://www.asf-ev.de/zeichen/97-3-12.htm [Stand: 18.08.2006].

[37] Metzing, A. (o.J.), http://www.asf-ev.de.

[38] Müthel, E. (1973): Zärtlichkeit & Rebellion. Zur Situation der homosexuellen Frau; ein Bericht. In: VHS, Fernsehmitschnitt ZDF, 20.5.2003; siehe dazu Videobestand der Universitätsbibliothek Freiburg unter der Signatur VF/K 2003/730.

[39] Vgl. Geißler, M. / Przyklenk, A. (2004): Lesbische Töchter - ganz anders? Doppelter Kampf. URL: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Haeutige_Probleme/s_700.html [Stand: 15.08.2006].

[40] Vgl. LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (Hrsg.) (o.J. f): Wie leben sie denn? URL: http://www.homosexualitaet.de/basics_leben.htm [Stand: 14.07.2006].

[41] LSVD Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (o.J. f), http://www.homosexualitaet.de.

[42] In den Jahren von 1895 bis 1927 war die Zeit des Stummfilms. 1927 löste der Tonfilm den Stummfilm ab. Siehe dazu http://de.wikipedia.org.

[43] Siehe dazu Schock, A. / Kay, M. (2003): Out im Kino!. Das lesbisch-schwule Filmlexikon. Berlin: Querverlag.

[44] Hetze, S. (1986): Happy-End für wen?. Kino und lesbische Frauen. Frankfurt/M.: Tende, S. 7.

[45] Der Begriff Zuschauer beinhaltet sowohl die weiblichen, als auch die männlichen Zuschauer.

[46] Hosenrolle bedeutet, dass eine Männerrolle von einer Schauspielerin dargestellt wird. Siehe dazu http://www.wissen.de.

[47] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 19.

[48] Vgl. Schmidt, S. M. (2005): Lesbenlust und Kinoliebe. Kirchlinteln: HoHo Verlag, S. 16.

[49] Vgl. Weiss, A. (1995): Vampires & Violets. Frauenliebe und Kino. Dortmund: Ed. Ebersbach im eFeF-Verlag, S. 15-16.

[50] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 19.

[51] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 20.

[52] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 111.

[53] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 21.

[54] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 21.

[55] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 21.

[56] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 25.

[57] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 26.

[58] Vgl. Brauner, A. (2004): Mädchen in Uniform. In: DVD. Potsdam-Babelsberg: Galileo Medien AG.

[59] Vgl. Hetze, S. (1986), S. 32.

Details

Seiten
89
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836616393
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225970
Institution / Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart – Fakultät Information und Kommunikation
Note
2,3
Schlagworte
homosexualität spielfilm lesbenfilm lesbe film

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Titel: Homosexualität als Thema von Spielfilmen