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Depression

Ursachen, Zusammenhänge und Veränderungsmöglichkeiten

Diplomarbeit 2007 79 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Depression, was ist das?
2.1. Depression, eine Definition
2.2. Häufigkeit
2.3. Depression nach ICD-10
Bipolare affektive Störung:
Depressive Episode
Rezidivierende depressive Störung
Zyklothymia
Dysthymia
Saisonal Abhängige Depression (SAD), Winterdepression
2.4. Symptome der Depression

3. Ursachen und Auslöser einer Depression
3.1. Der neurobiologische Erklärungsansatz der Depression
Gestörte Funktion der Botenstoffe im Gehirn
Der hormonelle Einfluss
Biologische Rhythmen
Die Genetische Veranlagung
3.2. Der Psychologische Erklärungsansatz der Depression
Tiefenpsychologische Erklärungsansätze
Verhaltenspsychologische Erklärungsansätze
- Das Verstärker-Verlust-Modell
- Das Modell der erlernten Hilflosigkeit
- Das kognitive Modell

4. Schlaf und Depression
4.1. Normaler, gesunder Schlaf
Die Natur des Schlafes
4.2. Gestörter Schlaf
4.3. Schlafstörungen
4.4. Neurobiologische Zusammenhänge
Schlaf und Hormone
Schlaf und Biorhythmus
4.5. Die Wechselwirkung von Schlaf und Stimmung/Depression

5. Hilfe aus der Depression
5.1. Klassische Behandlungsmöglichkeiten
Antidepressiva
Der Schlafentzug
Lichttherapie
Elektrokrampftherapie (EKT)
Transkranielle Magnetstimulation (TMS)
5.2. Alternative Hilfen
5.3. Alternative Hilfen, die auf der körperlichen (somatischen)
Ebene wirken
Gesunden Schlaf aneignen (Schlafplan erstellen)
Ernährung
Sport (Herz-Kreislauf)
5.4. Hilfen, die einen psychologischen Ansatz haben.
Gesunde soziale Kontakte und Selbsthilfegruppen
Neue Verhaltensweisen und Einstellungen erlernen und erproben
Neuerlernung von Glück
Meditation
Autosuggestion
Suggestive Visualisierung
Hypnose
5.5. Weitere Hilfen
Gedankenkreisel anhalten
Den Tag angenehm strukturieren
Die Macht des bewussten Wahrnehmens
Kleine Schritte führen auch zum Ziel

6. Praxisorientiertes Konzept zur Vorbeugung und Minderung von depressiven Zuständen

7. Zusammenfassung und Schluss

8. Abbildungsverzeichnis
8.1. Tabellen
8.2. Abbildungen

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

Beispiel zur Autosuggestion

1. Einleitung

Diese Arbeit soll einen Überblick über das Krankheitsbild Depression geben. Dabei wird auf die verschiedenen Formen von Depression eingegangen und auf deren Ursachen. Es soll zudem verdeutlicht werden, dass sich Depressionen auf sehr unterschiedliche Art äußern können und verschiedenste Gründe für die Entstehung solcher beteiligt sein können. Dies macht das Krankheitsbild nicht gerade durchschaubar; eine vielschichtige, multidimensionale Betrachtungsweise ist daher erforderlich.

Um dies zu ermöglichen, wird in dieser Arbeit zwischen neurobiologischen und psychologischen Faktoren differenziert. Etwas genauer wird hierbei auf den Schlaf eingegangen, der bei Depressionen sehr häufig gestört ist.[1]

Später wird auf verschiedene Möglichkeiten hingewiesen, die helfen sollen, sich selbst aus einer Depression zu befreien. Bewusst möchte ich dem Leser alternative Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen, die neben der klassischen pharmazeutischen und psychotherapeutischen bei der Behandlung von Depression wirken können.

Interessante ist auch die Betrachtungsweise von Gesellschaft und Depression: Überlegungen, ob Depressionen durch den gesellschaftlichen Wandel mitbedingt sind, sind meiner Meinung nach sehr wichtig. Diese Betrachtungsweise wird im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht angestellt, da dies mitunter zu einer politischen Auseinandersetzung mit diesem Thema führen würde. Außerdem möchte ich dem Leser eine relativ schnelle Hilfe für Depressionen darstellen, ohne dass hierbei zuerst ein gesellschaftlicher Wandel nötig wäre. Ich sehr diesen zwar auch als langfristige und nötige Möglichkeit, doch gerade ein persönlicher Wandel (zum Beispiel der Einstellungen und Lebensgewohnheiten) kann meiner Meinung Depressionen heilen. Und wandelt sich nicht auch die Gesellschaft, wenn Individuen sich verändern?

2. Depression, was ist das?

2.1. Depression, eine Definition

Depression stammt aus dem Lateinischen Wort „depressio“, was soviel heißt wie „das Niederdrücken“[2]. Kennzeichnend für eine Depression ist demnach eine niedergedrückte Stimmung. Doch nicht bei jeder niedergedrückten Stimmung muss es sich gleich um eine Depression handeln. Denn Depression ist ein Krankheitsbild, während gelegentliche Gefühle von depressiver Stimmung für den Menschen ganz normal sind. Menschen können so den Satz „ich fühle mich heute so depressiv“ benutzen, obwohl sie nicht an einer Depression erkrankt sind, sondern einfach ein Gefühl der Trauer oder des Unbehagens äußern. Dies macht es nicht unbedingt leichter den Begriff Depression zu erklären. In der Tat lässt sich eine depressive Verstimmung manchmal nicht leicht von einer tatsächlichen Depression unterscheiden. Dies liegt daran, dass die Übergänge sich nicht haarscharf trennen lassen. Hilfe bietet hier der ICD-10 („International Classification of Diseases“, 10. Revision)[3], ein internationales Klassifizierungssystem für Krankheiten, der eine mögliche Trennung vollzieht und später gesondert behandelt wird. Auch der DSM-IV („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“)[4] bietet Hilfe, ich werde ihn allerdings in dieser Arbeit nicht näher behandeln, da ich es vorziehe nur eine Klassifizierung zu benutzen und es das Arbeiten leichter macht und weniger Verwirrung stiftet. Damit ziehe ich das internationale Klassifizierungssystem dem amerikanischen vor.

Die Tatsache, dass Depression sich in sehr vielen unterschiedlichen Facetten äußern kann, erschwert wie gesagt eine einheitliche Definition. Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine mögliche allgemeine Definition von Depressionen bereitstellen.

Depression beschreibt einen krankhaften Zustand, indem sich der Erkrankte in Zuständen von Hoffnungslosigkeit, großer Traurigkeit und mangelndem Antrieb befindet. Passivität macht es dem Betroffenen

schwer, alltägliche Dinge zu verrichten. Selbstvorwürfe und Klagen sowie eine negative Ansicht der Dinge treten bei dieser Krankheit gehäuft auf und verstärken die Problematik. In vielen Fällen sind kognitive Fähigkeiten – wie zum Beispiel das Gedächtnis und die Konzentration – beeinträchtigt. Auch der Verlust des Selbstvertrauens geht mit einer solchen Erkrankung einher. Insbesondere die Folgewirkungen der Depression können verheerend sein. So wird vermutet, dass zwei Drittel der begangenen Selbstmorde mit Depressionen zusammenhängen.[5]

Depressive befinden sich oft in einem Teufelskreis aus dem sie eigentlich ausbrechen wollen, es aber häufig mit eigener Kraft nicht schaffen. Oft machen sie sich Selbstvorwürfe, was die Depression verstärken kann. Nicht umsonst werden Depressionen in anderen Kulturen mit Dämonenaustreibung behandelt. Denn ein Depressiver gleicht einem, der etwas selbstverletzendes (also dämonisches), das er in sich trägt, loswerden will.

Diese annähernde Definition soll vorerst ausreichen. Im Laufe dieser Arbeit werden weitere Symptome beschrieben.

Da Depressionen oft bagatellisiert und verschwiegen wurden und werden ist es schwierig zu sagen, wie viele Menschen von Depressionen betroffen sind. Im Folgenden wird deshalb unter anderen auf die geschätzte Häufigkeit der in Deutschland lebenden Erkrankten eingegangen.[6]

2.2. Häufigkeit

Die Krankheit Depression ist eine weit verbreitete Krankheit. Die genauen Zahlen lassen sich jedoch schwer feststellen. Dies ist mitunter damit zu erklären, dass nicht jeder Erkrankte bereit ist, über seinen Zustand zu berichten. Geschätzt wird die Zahl der in Deutschland Lebenden und an Depression Erkrankten auf etwa vier Millionen. Jährlich begehen in Deutschland über 11.000 Personen Suizid, die Zahl der Suizidversuche liegt bei etwa 100.000 Personen im Jahr. Hegerl geht davon aus, dass zwei Drittel der Personen, die Suizid begehen, an einer Depression erkrankt sind.[7] Die Selbstmordanfälligkeit ist bei depressiv verstimmten Personen auffällig groß. Mehr als jede zweite von einer Depression betroffene Person versucht sich im Lauf ihres Lebens umzubringen, auch in mehrmaligen Versuchen.[8]

Aus diesen Tatsachen zeigt sich, wie gravierend die Folgen einer Depression sein können und wie weit verbreitet Depressionen sind. Bei Depression handelt es sich um eine ernstzunehmende Krankheit, mit der auf richtige Weise umgegangen werden muss.

Abbildung 1 zeigt die Suizidrate in Deutschland im Jahre 1998 in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Suizidraten in Deutschland 1998“[9]

Auch weitere negative Begleiterscheinungen bei Depression sollten nicht unterschätzt werden. Gerade bei Menschen mit Herzkreislaufproblemen oder bei Personen, die einen Herzinfarkt hatten, beeinträchtigt eine Depression den Krankheitsverlauf auf negative Weise. Dies liegt einerseits daran, dass Depression viele Körperfunktionen beeinträchtigt und anderseits, dass diese das Gesundheitsverhalten der betroffenen Person auf ungünstige Weise beeinflusst.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verlorene Lebensjahre durch Krankheit[11]

Depressionen sind auch in anderen Ländern weit verbreitet: Weltweit gehören sie zu den häufigsten Erkrankungen, die meist unterschätzt wird. Gerade westliche Industrienationen sind stark betroffen: Hier ist die Depression an Platz zwei hinter den Herz-Kreislauf-Erkrankungen Verglichen mit der entstandenen beeinträchtigten Lebenszeit liegt die Depression sogar vor den Herz-Kreislauf-Erkrankungen (siehe Abbildung 2). Denn die Depression behindert längere Zeit die glücklichen Momente im Leben.

Dennoch ist sie die am besten behandelbare Krankheit unter den seelischen Störungen. Und das, obwohl es nur wenige dieser gibt, die richtig behandelt werden können. Depressionen können also generell wirksam und sicher behandelt werden. Das Problem liegt eher darin, dass die Krankheit oft nicht erkannt oder bagatellisiert wird. So können Jahre verstreichen, bis Depressive zu einer adäquaten Behandlung gelangen. Im Durchschnitt liegt diese Zeit bei sieben Jahren.[12]

Hilfe beim Erkennen und Diagnostizieren einer Depression bietet der ICD-10, der im folgenden Abschnitt behandelt wird.

2.3. Depression nach ICD-10

Gemütsschwankungen sind Teil des menschlichen Daseins. Wohl jeder hat Situationen erfahren, in denen er sich verstimmt oder depressiv gefühlt hat. Das liegt in der Sache Mensch: Der Mensch besteht aus Gefühl und Vernunft. Deshalb ist es nicht wirklich einfach eine Depression zu diagnostizieren. Man bedarf hierzu einer genaueren Definition von Depression. Diese ist an Hand des ICD-10-Systems möglich. Hierin werden Kriterien zusammengestellt, welche der Zuordnung und somit der Diagnose einer Krankheit erleichtern sollen. Erfüllt der Patient einige der Kriterien nach ICD-10, so kann beispielsweise die Diagnose „Depression“ gestellt werden. Depression findet sich im ICD-10-System unter den affektiven Störungen. Sie kann verschiedene Gestalten annehmen:

Bipolare affektive Störung:

„Hierbei handelt es sich um eine Störung, die durch wiederholte (d. h. wenigstens zwei) Episoden charakterisiert ist, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau des Betreffenden deutlich gestört sind. Bei dieser Störung treten einmal eine gehobene Stimmung, vermehrter Antrieb und Aktivität (Manie oder Hypomanie) auf, dann wieder eine Stimmungssenkung, verminderter Antrieb und Aktivität (Depression).“[13] Man spricht bei dieser Krankheit auch von einer „manisch-depressiven Psychose“.

Die auftretenden Episoden bei einer bipolaren affektiven Störung können verschiedenen Charakter haben. Der ICD-10 unterteilt diese Episoden in:

- Hypomanische Episoden

Bei einer Hypomanie herrscht eine leicht gehobene Stimmung, die einige Tage anhält. Man könnte auch von einer leichten Manie sprechen. Der Betroffene hat einen erhöhten Antrieb und eine gesteigerte Aktivität. Auffallende ist in diesen Episoden, dass eine erhöhte Geselligkeit auftritt und eine gesteigerte Libido. Häufig wird das Bedürfnis nach Schlaf geringer. Außerdem kann es vorkommen, dass sich Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen einstellen.

- Manische Episoden ohne psychotischen Symptomen

Bei der Manie handelt es sich um eine stark gehobene Stimmung. Es herrscht eine gesteigerte Aktivität und häufig ist ein Verlust von adäquaten sozialen Umgangsweisen vorhanden. Eine Manie kann sich auch in einem übertriebenen Selbstbild und in Größenideen sowie einem gesteigerten Rededrang äußern. Aber auch Gereiztheit und Misstrauen können in einer Manischen Phase auftreten.

Dieser Zustand muss mindestens 1 Woche andauern, damit man von einer Manie sprechen kann.

- Manische Episoden mit psychotischen Symptomen

Die Symptome der Manie sind sehr stark ausgeprägt. So kann sich Größenideen in Wahn verwandelt haben und ein Verfolgungswahn anstelle von Gereiztheit und Misstrauen treten.

- Leichte oder mittelgradige depressive Episode
- Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
- Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptome

Zu der Erscheinung der schweren Depression treten Wahnideen, Halluzinationen oder ein depressiver Stupor auf. Wahngedanken können zum Beispiel „… Ideen der Versündigung, der Verarmung oder einer bevorstehenden Katastrophe …“[14] sein.

- Gemischte Episode

In der Episode treten manische, hypomanische und depressive Symptome im Wechsel oder gemischt auf. Bereits, wenn zwei Symptome sich abwechseln, beziehungsweise mischen, kann von einer gemischten Episode gesprochen werden.

- Gegenwärtig remittiert

„Der Betreffende hatte wenigstens eine manische, hypomanische oder gemischte Episoden in der Anamnese und zusätzlich wenigstens eine andere hypomanische, depressive oder gemischte Episoden, leidet aber gegenwärtig nicht unter einer deutlichen Störung der Stimmung und hat auch in den letzten Monaten nicht darunter gelitten. Der Betreffende kann jedoch eine Behandlung erhalten, die das Risiko von zukünftigen Episoden reduziert.“[15]

- Sonstige bipolare affektive Störungen
- Nicht näher bezeichnete bipolare affektive Störung

Depressive Episode

Depressive Stimmung [vom Autor hervorgehoben] in einem für den Betroffenen deutliche abnormen Ausmaß, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, weitgehend unbeeinflußt durch äußere Umstände und mindestens zwei Wochen [vom Autor hervorgehoben] anhaltend.“[16]

Rezidivierende depressive Störung

Bezeichnet eine depressive Erkrankung, die wiederholt auftritt.

Anhaltende affektive Störungen können sich in Form einer Zyklothymia oder Dysthymia äußern:

Zyklothymia

Bei dieser Art der Depression herrschen abwechseln niedergeschlagene und gehobene Stimmung. Sie ähnelt der bipolaren Störung, ist allerdings weniger stark ausgeprägt und dauert mindestens zwei Jahre.[17]

Dysthymia

Die Dysthymia ist eine Form der Depression, die nicht zyklisch abläuft, vielmehr befindet sich die betroffene Person in einem Zustand der ständigen Schwermut. Früher wurde diese Erkrankung als neurotische oder depressive Neurose bezeichnet. Sie gleicht der verminderten Form einer schweren Depression und hält mindestens zwei Jahre an. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch eine pessimistische Einstellung und durch anhaltende Müdigkeit und Freudlosigkeit.[18]

Die Saisonal Abhängige Depression findet man zwar nicht im ICD-10, dennoch sollte sie hier kurz angeführt werden:

Saisonal Abhängige Depression (SAD), Winterdepression

Von einer Winterdepression wird gesprochen, wenn die Symptome einer Depression verstärkt in den Herbst und Wintermonaten auftreten, also saisonal bedingt sind. Sonnige, südlichere Länder wie Italien oder Griechenland verzeichnen eine geringere Selbstmordrate als nördlichere Länder mit weniger Sonnetage im Jahr. Eine amerikanische Studie, die in Alaska, New York und Florida durchgeführt wurde bestätigt die Theorie der Winterdepression. In Alaska waren es mehr als 20%, in New York circa 12% und in Florida weniger als 3% der Bevölkerung, die unter Symptomen einer Winterdepression litten.[19]

Generell lassen sich depressive Episoden in unterschiedliche Schweregrade aufteilen. Unterteilt wird in leichte, mittelgradige und schwere Episoden sowie in Haupt-, und Zusatzsymptome.

Hauptsymptome sind:

- Depressive Stimmung
- Verlust von Interesse und Freude
- Erhöhte Ermüdbarkeit

Zusatzsymptome sind:

- Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
- Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit
- Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
- Suizidgedanken / Suizidale Handlungen
- Schlafstörungen
- Appetitminderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: „Diagnosekriterien für eine depressive Störung (unipolare Depression) im Rahmen der ICD-10“[20]

Es handelt sich um eine leichte depressive Episode, wenn mindestens zwei Hauptsymptome und mindestens zwei Zusatzsymptome vorliegen. Als mittelgradig wird sie dann bezeichnet, wenn mindestens zwei Hauptsymptome und drei Zusatzsymptome vorliegen. Bei schweren depressiven Episoden müssen die drei Hauptsymptome sowie mindestens vier Zusatzsymptome vorliegen (vergleichen Sie hierzu die Abbildung 3). Im Normalfall wird nur von einer depressiven Episode gesprochen, wenn diese Symptome über zwei Wochen anhalten.[21]

Im Folgenden werde ich mich mit den möglichen Symptomen der Depression beschäftigen.

2.4. Symptome der Depression

Für Depressionen gibt es kein eindeutiges Krankheitsbild, wie man es beispielsweise bei einer Virenerkrankung hat. Depressionen sind vielschichtiger und komplizierter und können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Es handelt sich bei der Depression um ein Syndrom, das sich aus verschiedenen Symptomen zusammensetzt.

Depressionen können unterschiedlich stark ausfallen. Treten sie leicht auf spricht man von einer „minoren“ Depression, bei starken von einer „majoren“ Depression. Depressionen zählen zu den affektiven Störungen, da sie Affekte („Gemütsbewegungen“) beeinflussen. Kennzeichnend für eine Depression ist der Verfall in negative Denkstrukturen und das Auftreten einer gedrückten Stimmung. Hinzu tritt der Verlust der Freude. Oft geschieht es, dass die betroffene Person an einer Gefühlsarmut leidet. Das bedeutet, dass ihre Gefühlswelt stark eingeengt ist. Viele Depressive berichten von einer „inneren Leere“. Charakteristisch für eine Depression ist auch das Fehlen von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Damit verbunden treten Gefühle der Minderwertigkeit, Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit auf. Wenn diese Gefühle zu stark werden und die Überhand über den Kranken gewinnen, kann dies zu suizidalen Gedanken und Handlungen führen.[22]

Neben diesen Symptomen tritt Angst auf. Diese Ängste sind häufig irrationaler Art – das heißt sie treten ohne tatsächlichen äußeren Einfluss auf – und können körperliche Begleiterscheinungen mit sich bringen. Auch Panikattacken können vorkommen.

Daneben ist bei einer unter einer Depression leidender Person der Antrieb gestört. Es scheint so, als fiele ihm alles schwer, der Gang zur Toilette, zu lesen oder sich die Socken anzuziehen. Konträr kann ein übertriebener Antrieb vorherrschen: die Patienten fühlen sich ruhelos, hin- und hergerissen, aufgedreht und rastlos. Dies führt oftmals zu einer Beeinträchtigung in der Arbeitswelt: Vormals leichte, bekannte Arbeiten werden als schwierig und nicht zu erledigend betrachtet. Dies einer depressiven Person nicht unbedingt angesehen werden, da es vor allem in ihrem Inneren geschieht. So kann es leicht geschehen, dass Betroffene Personen als „faul“ abgestempelt werden.[23]

Ein weiterer Aspekt ist das Denken. Neben der Gefühlsleere kommt es zu einer „Gedankenleere“. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und sich Dinge zu merken. Sachen durchzudenken fällt ihnen schwer und ermüdet sie. Das Denken wird zunehmend schwerfällig

und beschäftigt sich mit selbst zerstörerischen Gedanken, die sich zu Gedankenkreisen ausweiten können (zum Beispiel „keiner liebt mich“). Bei schweren Depressionen können sich diese zum Wahn entwickeln. Das Leben wird als sinnlos gesehen, was zu Suizidgedanken und Handlungen führen kann.[24]

Berichtet wird auch von einer Entscheidungslosigkeit. Banale Dinge wie zum Beispiel, was man am Tag anziehen könnte, kann zu langen Grübelphasen ausgeweitet werden, die nicht immer zu einer wirklichen Entscheidung führen, sondern die Person in ihrem Grübeln aufgehen lässt.

Die körperlichen Symptome einer Depression können vielschichtig sein. Ein frühes Warnzeichen für eine Depression sind Schlafstörungen. Wie genau diese aussehen wird weiter unten in einem eigenen Kapitel beschrieben. Daneben kann Verdauung, Appetit, Herz und Atmung betroffen sein. So klagen Depressive über Magenkrämpfe, Verstopfung, Durchfall, Blähungen, auch Kreislaufbeschwerden, eine verminderte Libido, Verspannungen, Appetitlosigkeit beziehungsweise Heißhunger und vertrübte Sinneswahrnehmungen (zum Beispiel geringeres Geruchsempfinden) oder Übersensibilisierung der Sinne (Stimme einer Person hört sich übertrieben laut an).

Nicht nur körperlich und geistig macht sich eine Depression bemerkbar. Auch in sozialen Beziehungen kann sich eine Depression zeigen. Soziale Kontakte gehen zurück und neue werden nicht mehr eingegangen. Der Betroffene fühlt sich häufig unfähig, neue Kontakte einzugehen.[25]

Die mögliche Vielfalt der Symptome einer Depression lässt die Frage aufkommen, worin die Ursachen für diese liegen könnten. Hierzu gibt es verschiedenste Ansätze, von denen ich die gängigen Erklärungen aufzeigen möchte.

3.Ursachen und Auslöser einer Depression

Depressionen lassen sich nicht eindeutig auf körperliche oder psychologische Ursachen zurückführen. Am ehesten wird ihre Ursachenerklärung in einer Kombination von körperlichen und psychologischen Erklärungen gerecht. Aber dies ist immer im Einzelfall zu klären, denn es kann durchaus der Fall sein, dass eine Depression beispielsweise überwiegend körperlich ist. Dann hilft es dem Betroffenen nur wenig, zur Psychotherapie zu gehen. So berichten U. Hegerl u. a. von einem Patienten, der in der Klinik aufgenommen wurde und an einer bipolaren Depression erkrankt war. Auffällig war, dass die Phasenwechsel zwischen Manie und Depression für ihn vorhersagbar geworden waren, da sie in einem bestimmten Rhythmus auftraten. Weiterhin hatte man keine psychologischen und psychosozialen Ursachen für die Depression feststellen können. Hier wurde eher eine Störung des Schlaf-Wachrhythmus vermutet. Die durchgeführte Schlafentzugstherapie veränderte den Patienten auf erstaunliche Weise und bestätigte die Vermutung. Da allerdings nie von einem Einzelfall auf alle Fälle geschlossen werden kann, ist es notwendig, beide Aspekte genauer zu betrachten.[26]

3.1. Der neurobiologische Erklärungsansatz der Depression

Wie die Depression im Gehirn genau abläuft ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Zwar gibt es immer wieder neue Erkenntnisse und Zusammenhänge, dennoch ist das Gehirn bis heute immer noch ein großes Rätsel. Kein Wunder, wenn man sich vorstellt, dass es sich aus circa 100 Milliarden Nervenzellen zusammensetzt, die miteinander korrespondieren. Diese Nervenzellen – auch Neuronen genannt – sind durchgehend aktiv und beeinflussen sich gegenseitig. Sie beschäftigen sich dabei fast durchgehend mit sich selbst. Von den 100 Milliarden Nervenzellen sind etwa nur drei Millionen für die Aufnahme von äußeren Reizen zuständig. Damit kommt den Nichtsinnesneuronen im Gehirn eine weit größere Bedeutung zu, als den Sinnesneuronen. Neuronen bilden sich zurück, wenn sie nicht benutzt werden und verbinden sich neu, wenn man sie trainiert.[27]

Es wurde festgestellt, dass Menschen, bei denen der Hippocampus zerstört worden ist, erhebliche Gedächtnisseinbussen hatten. Dass bei Depressionen bestimmte Schaltkreise aktiviert werden, zeigte sich bei einem Patienten, der unter Parkinson litt: Elektroden, die elektrische Impulse sendeten, wurden in sein Gehirn gesetzt um dem Zittern Einhalt zu gebieten. Allerdings stimulierten die Elektroden eine Region mit, die sich zwei Millimeter unter der für das Zittern verantwortlichen Stelle befand. Die Folge war, dass der Patient innerhalb von wenigen Sekunden depressive Symptome verspürte, diese hielten für circa 1,5 Minuten. Immer wieder, wenn diese Region stimuliert wurde, folgten die depressiven Symptome. Diese Region lag in der Substantia nigra, einer Nervenzellansammlung im Gehirn.[28] Es handelt sich hierbei allerdings um eine Einzelbeobachtung. Eine Region, die eindeutig für Depressionen verantwortlich ist, ist bis heute nicht bekannt. Dazu ist das Gehirn zu kompliziert und bedarf weiterer Forschung. Vielleicht wird das Gehirn auch nie enträtselt. Und wenn doch, wissen wir nicht, ob uns das alles erklären kann. „Das Geheimnis des Lebens und unserer Existenz sitzt nicht im Gehirn und wäre auch mit einem genaueren Verständnis der Hirnfunktion nicht enträtselt. Schließlich ist die Vorstellung, dass alle unsere Sinneseindrücke, Gedanken und Gefühle auf Hirnaktivität zurückzuführen sind, selbst nur eine Vorstellung.“[29]

Trotzdem ist es wichtig, sich über Vorgänge, die im Gehirn vorgehen auseinander zu setzen um die Biologie der Depression verstehen zu können. Dazu bedarf es einer genaueren Betrachtung von Botenstoffsystemen im Gehirn, hormonellen Einflüssen, biologischen Rhythmen und der Genetik des Menschen.

Gestörte Funktion der Botenstoffe im Gehirn

Viele Hinweise aus der Neuropsychologie und Neurochemie zeigen, dass die Stimmung von verschiedenen Botenstoffsystemen mitbestimmt wird.

Die biochemische Erklärung für Gefühle wird mit unterschiedlichen Transmittersubstanzen (Transmitter=Botenstoff) in Zusammenhang gebracht. Mit Dopamin, Noradrenalin und Serotonin.[30]

Diese Stoffe gehören zu der Gruppe der Monoamine. Diese Gruppen enthalten nur eine Aminogruppe (-NH2).

Bei Depressionen sind vor allem die Transmitterstoffe Noradrenalin und Serotonin beteiligt. Hergestellt werden diese Substanzen hauptsächlich im Hirnstamm. Interessant ist, dass diese Stoffe nicht nur für Gefühle verantwortlich sind, sondern auch den Schlaf-Wach-Rhythmus und Antrieb und Aufmerksamkeit steuern. Bei einigen depressiven Patienten hat man festgestellt, dass bestimmte Nerven-Schaltkreise gestört waren, und zwar solche, die Serotonin und Noradrenalin als Botenstoffe verwendeten.[31]

Serotonin wird in einer Zellansammlung im Hirnstamm vom Körper hergestellt. Diese besteht aus ein paar hunderttausend Nervenzellen. Jedes Axon der jeweiligen Nervenzellen verzweigt sich tausendfach und verbindet sich mit mehreren tausend anderen Nervenzellen. Trotz des vergleichsweise geringen Anteils der serotoninproduzierenden Nervenzellen übt das sogenannte serotonerge System (siehe Abbildung 6: Das serotonerge System, S. 23) durch die vielfache Verästelung der Nervenzellen einen großen Einfluss auf das gesamte Gehirn aus. Die Verbindung zu den anderen Nervenzellen geschieht mittels Synapsen, die sich am anderen Ende des Axons befinden. Dabei berühren sich die Nervenzellen nicht, sondern „kommunizieren“ über den sogenannten synaptischen Spalt. Dort tritt Serotonin aus der ersten Zelle zur nächstgelegenen, indem es in diese diffundiert. Die empfangenden Enden einer Nervenzelle nennt man Rezeptoren. Die Axone des serotonergen Systems übermitteln nicht nur Serotonin, sondern senden auch elektrische Impulse aus. Diese Entladungen geschehen mehrmals in der Sekunde und werden über die Verästelungen an anliegende Neuronen übermittelt, die mit der Ausschüttung von Serotonin reagieren. Serotonin gelangt dann vom synaptischen Spalt in die jeweilige nächste Nervenzelle, indem es über die Rezeptoren dieser Zelle diffundiert. Um nicht zu viel Serotonin zu produzieren sind die serotonergen Neuronen mit Serotoninrezeptoren ausgestattet. Sie nehmen das der eigenen Nervenzelle produzierte Serotonin auf und werden daher Autorezeptoren genannt. Dies dient somit der Überprüfung, wie viel Serotonin ausgeschüttet wird. Wird zu viel ausgeschüttet, kommt es zu einer Regulierung, bei der der Ausschüttungsprozess zurückgeht. Auch während des Schlafs nimmt der Ausschüttungsprozess ab. Beim REM-Schlaf sogar vollkommen, das heißt hier senden die serotonergen Neuronen keine elektrischen Impulse aus.[32] Auf diesen Sachverhalt wird in einem späteren Kapitel noch genauer eingegangen (siehe: Schlaf und Depression, Seite 31 ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Das Transmittersystem[33]

Diese Erkenntnisse führten zu verschiedenen Theorien. Als Erstes wurde davon ausgegangen, dass Depressionen durch ein zu geringes Vorkommen des Botenstoffes Noradrenalin zurückzuführen seien. Aus dieser Hypothese entstand eine differenziertere Hypothese, die so genannte „Rezeptorintensivitäts-Hypothese“. Diese besagt, dass die Rezeptoren, die normalerweise das Noradrenalin aufnehmen, nicht ausreichend stark auf das Noradrenalin reagieren und sozusagen die Aufnahme verweigern. Zwar ist Noradrenalin in ausreichender Menge vorhanden, aber es kommt nicht zur Übermittlung an andere Nervenzellen.[34]

[...]


[1] Vgl. Hautzinger M. 1998: 8-12

[2] Vgl. Brockhaus 2006: 462

[3] Weltgesundheitsorganisation 1992

[4] American Psychiatric Association 1996

[5] Vgl. Hegerl U., Althaus D., Holger R. 2005: 13-17

[6] Zusammentragung aus verschiedenen Quellen: Hegerl u. a. 2005 &. Hautzinger 1998 & Eberhard-Metzger C. 2001 & Meyer-Spelbrink H. 1995 & Mauthe K. 1999

[7] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 13-17

[8] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 5

[9] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 205

[10] Vgl. Hegerl u. a. 2005: S. 16

[11] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 15

[12] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 5-6

[13] Dilling H.; Mombour W., Schmidt M. H. 2000: 135

[14] Dilling u. a. 2000: 143

[15] Dilling u.a. 2000: 139

[16] Hautzinger 1998: 10

[17] Vgl. Hautzinger 1998: 8-12

[18] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 18 & Hautzinger 1998: 30-32

[19] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 18

[20] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 27

[21] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 27 & Dilling u. a. 2000: 139

[22] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 9-14

[23] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 9-14

[24] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 9-14

[25] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 9-14

[26] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 57-59

[27] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 77-85

[28] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 77-85

[29] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 84

[30] Kolb B., Whishaw I. 1993: 380

[31] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 23-29

[32] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 87-91

[33] Vgl. Hegerl u. a. 2005: 89

[34] Vgl. Eberhard-Metzger 2001: 23-29

Details

Seiten
79
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836615938
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225950
Institution / Hochschule
Fachhochschule Regensburg – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
depression schlafentzug antidepressiva schlafstörung alternativbehandlung

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Titel: Depression