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Champions im Fußball - Champions im Leben?

Eine qualitative Studie zum Fußballprojekt DIAMBARS im Senegal, Teil 2

Diplomarbeit 2007 110 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Die Fragestellung
1.2 Systematischer Aufbau der Arbeit

2 Sport in der Entwicklungspolitik
2.1 Die Möglichkeiten des Sports
2.1.1 Persönlichkeitsentwicklung und soziale Integration
2.1.2 Gesundheitsförderung
2.1.3 Gender
2.1.4 Förderung von Frieden, Krisenbewältigung und –prävention
2.1.5 Humanitäre Hilfe
2.1.6 Mobilisierung
2.2 Meilensteine in der Anerkennung von Sport in der Entwicklungszusammenarbeit
2.3 Risiken und Grenzen des Sports in der Entwicklungszusammenarbeit

3 Fußball als Mittel der Entwicklungszusammenarbeit
3.1 Weltweite Verbreitung
3.2 Die Fußball WM und Afrika
3.3 Fußballprojekte in Afrika
3.3.1 FIFA – Football for Hope
3.3.2 Right to play
3.3.3 Mathare Youth Sports Association
3.3.4 Play Soccer

4 Institut DIAMBARS
4.1 Das Institut
4.2 Die Auswahl der Schüler
4.3 Die Leistungen des Instituts
4.3.1 Fußballtraining
4.3.2 Das Schulsystem
4.3.3 Das pädagogische Konzept
4.3.4 Das e-learning Projekt „keep the ball moving“
4.3.5 Die weitere Planung
4.4 Auswirkungen auf das Land
4.4.1 Wirtschaftlich
4.4.2 Sportlich
4.4.3 Sozial

5 Untersuchungsdesign
5.1 Fragestellung der Untersuchung und Forschungsansatz
5.2 Methodisches Vorgehen
5.2.1 Beschreibung der angewandten Erhebungsmethode
5.2.2 Vorgehensweise bei der Erhebung der Daten
5.2.3 Vorgehensweise und Problematik bei der Auswertung der gewonnenen Daten

6 Darstellung der Ergebnisse
6.1 Was ist DIAMBARS?
6.2 Ziele des Instituts
6.3 Das Leben im Institut für die Schüler
6.4 Das Schulkonzept des Instituts
6.5 Vermittlung von Werten

7 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
Deckblätter der Interviews 01 bis 15
Interviewleitfäden
Leitfaden Schüler
Leitfaden Trainer
Leitfaden Lehrer
Verwendetes Transkribierschema
Inhaltsverzeichnis der DVD
DVD (Umschlagseite)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 4-1: Die Hauptgebäude des Instituts, ©Heiko May 2006

Abb. 4-2: Modell des Geländes ohne Trainingsplätze, ©Heiko May 2006

Abb. 4-3: Die Zwischenstationen bei der Auswahl, ©DIAMBARS 2003

Abb. 4-4: Zeitplan der Auswahlspiele, ©DIAMBARS 2003

Abb. 4-5: Trainingsgelände im Institut, ©Heiko May 2006

Abb. 4-6: Fußballplatz in Thiès, ©Heiko May 2006

Abb. 4-7: Match in Dakar, Demba Diop Stadion, ©Jean-Marc Pochat 2006

Abb. 4-8: Klassenraum im Institut DIAMBARS, ©Jean-Marc Pochat 2006

Abb. 4-9: e-learning Projekt "keep the ball moving", ©DIAMBARS 2006

Abb. 4-10: Das Projekt DIAMBARS Africa 2015 (diambars.org)

Abb. 5-1: Interviewraum im Institut Diambars, ©Heiko May, 2006

1 Einleitung

1.1 Die Fragestellung

Der Senegal gehört trotz einer stabilen Demokratie zu den am wenigsten entwickelten Ländern und nimmt im Human Development Index (HDI) den 157. von 177 Rängen ein.[1] Die Primarschulen sind größtenteils überfüllt und nicht für jeden verfügbar, wobei die Einschulungsquote lediglich 75% beträgt.[2] Somit sind die Zukunftsperspektiven für Jugendliche nicht die besten.

Mehr als Verständlich erscheint in diesem Zusammenhang die Wirkung afrikanischer Fußballstars aus Europäischen Spitzenklubs auf Kinder und Jugendliche. Fußball ist nicht nur ein Spiel das Spaß macht, sondern das vor allem in Entwicklungsländern oftmals als Tor zu einer besseren Welt angesehen wird.[3]

Seit 2003 existiert das Projekt DIAMBARS in Saly, einem der touristisch und infrastrukturell gut erschlossenen Orte des Landes. Idee und Leitmotiv der Gründer ist es, die Leidenschaft der Kinder und Jugendlichen, das Fußballspiel, als einen Motor für die Erziehung und Ausbildung zu benutzen.

Einmal im Jahr finden in jeder Provinz Senegals Auswahlspiele für das Institut DIAMBARS statt. Aus mehreren Tausend Kindern im Alter von 13 Jahren werden auf diese Weise 18 ausgewählt, die jeweils ab Oktober eine fünfjährige Ausbildung beginnen dürfen.

DIAMBARS erhebt den Anspruch mehr als nur Fußball und Schule zu verbinden. Im Institut sollen Jungen zu selbstständigen „Männern“ werden. Es wird versucht ihnen nicht nur fußballerisches Können und Schulwissen, sondern auch moralische Werte und Tugenden näher zu bringen. An letzterem fehlt es derzeit sicherlich vielen Fußballtalenten die sozusagen von heute auf morgen aus ihrer afrikanischen Heimat in einen europäischen Club transferiert wurden.

Die Untersuchung dieser Arbeit dreht sich um die Frage, ob die Idee, Fußball als einen Motor für Entwicklung zu benutzen, im Falle von DIAMBARS wirklich realisiert werden kann. Ist es möglich die Schüler nicht nur zu Champions im Fußball, sondern auch zu Champions im Leben auszubilden und wie soll dabei vorgegangen werden?

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Champions im Fußball – Champions im Leben?“ wurde als eine qualitative Studie über das Fußball- und Schulprojekt DIAMBARS in Saly (Senegal, Westafrika) angelegt. Dafür wurden Ende 2006 vor Ort 15 Interviews mit Schülern, Trainern und Lehrern durchgeführt. Die ebenfalls verwendeten Notizen und Beobachtungsprotokolle entstanden im selben Zeitraum von ca. 6 Wochen. Aus diesem Forschungsansatz entstanden zwei Arbeiten zum Thema Diambars die denselben Titel tragen. Diese bilden jedes für sich ein geschlossenes Werk, sind aber dennoch als Ganzes zu betrachten. Teil 1 der Studie wurde von Frau Melanie Rank verfasst und behandelt schwerpunktmäßig den Senegal, die Situation des Fußball in Afrika/Senegal und verschieden Themen der Migration.

1.2 Systematischer Aufbau der Arbeit

Dieser Einleitung folgt in Kapitel 2 eine kontroverse Auseinandersetzung mit dem Thema Sport in der Entwicklungspolitik. Es werden die möglichen Einsatzgebiete und gewünschte Auswirkungen besprochen. Da der Sport in diesem Arbeitsfeld noch keine lange Tradition hat, wird ein kurzer Abriss des zeitlichen Verlaufs der Anerkennung des Sports in der Entwicklungszusammenarbeit (EWZ) dargestellt.

Dass Sport kein Allheilmittel für jegliche Probleme darstellen kann steht fest. Deshalb wird auch auf die Risiken und Grenzen des Sports in dem Bereich der EWZ hingewiesen.

Kapitel 3 beschäftigt sich anschließend mit dem Medium Fußball an sich, und dessen Eignung als Mittel der Entwicklungszusammenarbeit. In diesem Zusammenhang wird auf die weltweite Verbreitung des Fußballs hingewiesen, sowie auf die Bedeutung der Weltmeisterschaft (WM) für Afrika. Exemplarisch werden einige der bereits in Afrika laufenden Projekte aus diesem Bereich vorgestellt.

Anschließend wird in Kapitel 4 das Projekt DIAMBARS und seine einzelnen Arbeitsbereiche genauer präsentiert. Es geht darum, zu erfahren wie und nach welchen Kriterien die Schüler ausgewählt werden, welche Leistung das Institut bietet, und welche langfristigen Auswirkungen das Projekt auf den Senegal hat.

In Kapitel 5 der Arbeit wird das Untersuchungsdesign und die Vorgehensweise konkretisiert. Im Einzelnen werden die Fragestellung, der Forschungsansatz und die dementsprechende methodische Verortung der Untersuchung dargestellt. Da es sich bei der Frage nach der Wirksamkeit des DIAMBARS -Konzeptes um keinen objektiv messbaren Gegenstand handelt, wurde eine nicht-standardisierte, qualitative Methode gewählt. Demzufolge wird das Leitfadeninterview als gewählte Befragungsmethode vorgestellt und die Methode der teilnehmenden Beobachtung als Möglichkeit der zusätzlichen Informationsgewinnung.

Kapitel 6 beinhaltet die Ergebnisse der Arbeit, die nach den Kategorien „Was ist DIAMBARS “, „Ziele des Instituts“, „Das Leben im Institut für die Schüler“, „Das Schulkonzept des Instituts“ und „Vermittlung von Werten“ gegliedert sind.

Die einzelnen Ergebnisse werden abschließend kausal miteinander verknüpft und diskutiert.

Die Arbeit endet in Kapitel 7 mit einer Zusammenfassung aufgeführter Aspekte und liefert zudem einen Ausblick für die Zukunft des Projekts DIAMBARS.

2 Sport in der Entwicklungspolitik

Spätestens seit 2005, dem von der UNO ausgerufenen internationalen Jahr des Sports und der körperlichen Aktivität, wird versucht den Sport nicht mehr nur als einen Zeitvertreib anzusehen. Tatsächlich übernimmt er eine wichtige Rolle in allen gesellschaftlichen Bereichen, sei es nun als Spiel, körperliches Training oder Leistungssport.

Kooperation, Respekt, Fair Play und andere für Entwicklung und Frieden notwendige Prinzipien können dadurch effektiv und kostengünstig vermittelt werden.[4]

Zur Vollständigkeit muss erwähnt werden, dass im Sport auch negative Erscheinungen wie Gewalt, Korruption, Diskriminierung, Nationalismus oder Doping auftreten können. Eine Begleitung und Steuerung der Sportaktivitäten ist daher von großer Bedeutung um die positiven Auswirkungen des Sports in den Vordergrund zu stellen.[5]

In diesem Zusammenhang wird Sport definiert als alle Formen körperlicher Aktivität die zur physischer Fitness, mentalem Wohlbefinden und sozialer Interaktion beitragen. Das beinhaltet Spiel, Erholung, organisierten gelegentlichen Sport, sportliche Wettbewerbe und indigenen Sport oder Spiele.[6]

2.1 Die Möglichkeiten des Sports

Was kann man mit Sport erreichen, das man nicht auch anders erreichen kann? Dies ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Die Fragestellung sollte aber viel mehr lauten: Kann man durch den zusätzlichen Einsatz von Sport bestimmte Entwicklungsziele einfacher, ja vielleicht sogar schneller erreichen?

„Der Sport ist ein Instrument von Entwicklung und Konfliktlösung, von Gesundheit, Bildung, nachhaltiger Entwicklung und Frieden, das wir bisher noch gar nicht wirklich in seinem Wert erkannt und noch gar nicht wirklich systematisch eingesetzt haben.“[7]

In Anlehnung an den Zwischenbericht der Sports and Development International Working Group (SDP IWG)[8] der UNO und der Informationsbroschüre zum Engagement der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) im Rahmen des Internationalen Jahrs des Sports und der Sporterziehung 2005[9] sollen im Folgenden einige der Bereiche, in denen Sport wirkungsvoll eingesetzt werden kann näher erläutert werden

2.1.1 Persönlichkeitsentwicklung und soziale Integration

Durch Sport werden bei Kindern und Jugendlichen nicht nur die motorischen Fähigkeiten und die körperliche Verfassung verbessert. Das im Spiel Erlebte vermittelt grundlegende soziale Fähigkeiten wie Teamwork, Fairness, Einhalten von Regeln, organisatorische Fähigkeiten und den Umgang mit extremen Emotionen, die bei einem Sieg bzw. einer Niederlage auftreten können. Ebenso wäre kein funktionierendes Spiel denkbar ohne den nötigen Respekt vor dem Anderen. Im sportlichen Wettkampf können Möglichkeiten ausgetestet und nur durch Selbstdisziplin und stetige Arbeit die eigenen Grenzen nach oben verschoben werden.

Es gibt auch Anzeichen dafür, dass regelmäßige körperliche Aktivität und Spielen zu besseren Leistungen in der Schule führen.[10]

Für Randgruppen, wie z.B. Schulaussteiger, Strassenkinder, Kindersoldaten, Behinderte, ethnische Minderheiten, Flüchtlinge oder HIV/AIDS-Infizierte bieten begleitete Sportangebote die Möglichkeit wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft, sei es nun in „Dritte-Welt“ Ländern oder in Europa. Als identitäts- und solidaritätsfördernde Mittel können Sportaktivitäten, wie z.B. Fußballturniere, dabei die Bereitschaft des Einzelnen erhöhen, sich aktiv in der Gemeinschaft zu engagieren. Dies zeigte sich in einer Studie des Institute of Sport and Leisure Policy der Loughborough University am Beispiel von Flüchtlingen und Asylbewerbern in Schottland.[11]

2.1.2 Gesundheitsförderung

Sport bietet die Möglichkeit sich regelmäßig körperlich aktiv zu betätigen. Dadurch wird ein wichtiger Beitrag zur Gesundheit jedes Einzelnen und der Gesellschaft geleistet. Weiterhin bietet die Popularität und Anspruchslosigkeit einiger Sportarten, z.B. Fußball, gute Möglichkeiten, die in ihrer Gesundheit am meisten gefährdeten Randgruppen (vgl. 3.1.1.) zu erreichen.

Sportliche Betätigung im Allgemeinen verbessert die Konstitution und stärkt das Immunsystem. Sie bietet Wege Stress abzubauen und kann den bewussten Umgang mit dem eigenen Körper fördern. Wer über einen längeren Zeitraum Sport treibt entwickelt nicht nur ein Gefühl für seinen Körper, sondern baut eine spezifische Kontrollüberzeugung auf, in der Gesundheit und Krankheit nicht mehr zufällig auftretende Faktoren sind, sondern etwas, das man aktiv gestalten und beeinflussen kann.[12]

In einigen Bereichen sind die positiven Auswirkungen des Sports besonders hervorzuheben und erfolgreich nachgewiesen. So ist der Zusammenhang zwischen Bewegung und Herz-Kreislauferkrankungen mittlerweile recht gut abgesichert, wobei kontinuierliche körperliche Aktivität einen Schutzeffekt gegenüber diesen zur Folge hat. Die förderlichen Effekte eines moderaten Ausdauertrainings etwa stellen sich dabei weitgehend unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Status der Person ein.[13]

Bei der Krebsvorsorge lassen sich durch Sport, in Zusammenhang mit ausgeglichener Ernährung, Nikotinkarenz und sparsamem Alkoholgenuss, bessere Bedingungen für ein aktives Immunsystem schaffen, welches Krebs erst gar nicht entstehen lässt. Natürliche Killerzellen werden aktiviert und ihre Krebs abtötende Wirkung verbessert. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahre 2002 von 170 epidemiologischen Studien lässt sich das Krebsrisiko durch regelmäßige körperliche Aktivität, je nach Art und Lokalisation der Erkrankung, deutlich reduzieren. Bei Dickdarmkrebs beträgt die Reduktion des Risikos 40 – 50%, bei Brustkrebs 30 – 40%, bei Prostatakrebs 10 – 30%, bei Gebärmutterkrebs 30 – 40% und bei Lungenkrebs 30 – 40%.[14]

2.1.3 Gender

Der englische Begriff Gender wird oft als "Geschlecht" oder "geschlechtsspezifisch" übersetzt. In der deutschen Sprache existiert jedoch kein entsprechendes Wort, welches die Gesamtheit der Bedeutungen umfasst.[15]

Gender bezeichnet die sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Dimensionen der Geschlechtszugehörigkeit, also die gesellschaftlich bedingten, erlernten Aufgabenunterschiede zwischen Mann und Frau. Der Begriff ist somit sozial konstruiert und nicht biologisch determiniert.

Seit den 1970er Jahren ist dieser Punkt zu einer wichtigen Kategorie geworden, sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Entwicklungspolitik. „Die Gesellschaft wird nicht mehr als geschlechtsneutrale Kategorie und entwicklungspolitische Programme werden nicht mehr als geschlechtsneutrale Interventionen verstanden.“[16] Den Fokus auch auf spezielle Themen und Ziele der Frauen zu lenken hat seitdem immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Geschlechtsspezifische Benachteiligungen können oftmals ein Hindernis auf dem Weg zu der erfolgreichen Entwicklung eines Landes sein. In den meisten Fällen wird dabei die Rolle der Frauen und Mädchen in den Hintergrund gerückt, indem ihnen z.B. eine Schulausbildung verweigert wird und/oder sie Opfer von Gewalt in der Familie werden.

Sport kann hierbei einen großen Einfluss auf Normen und Werte innerhalb einer Gemeinschaft haben. Geschlechterstereotypen können aufgebrochen werden, so dass soziokulturelle Erwartungen an Frauen und Mädchen in Frage gestellt werden. Projekte die auf diesem Hintergrund aufbauen können helfen die sozialen Kontakte der betroffenen Personen und deren Teilnahme am öffentlichen gesellschaftlichen Leben zu verbessern. Dadurch bieten sie Ansatzpunkte für die soziale Entwicklung und die Anpassung von Geschlechternormen.

In einer gemischten Gruppe von Jungen und Mädchen einen weiblichen Trainer oder Schiedsrichter zu haben gibt gleichzeitig das Signal, dass Frauen einen ansonsten von Männern dominierten Sport beherrschen und sich dort behaupten können. Die andere Variante, dass Frauen und Männer zusammen in einer gemischten Mannschaft spielen bewirkt Ähnliches, denn jeder Mann kann sich so selbst von den sportlichen Fähigkeiten der Frauen überzeugen und somit evtl. bestehende Vorurteile ablegen. Wofür man sich entscheidet hängt schließlich auch vom soziokulturellen Hintergrund ab, in den das Projekt eingebunden wird. Dort wo es Frauen verboten ist mit Männern zusammen Sport zu treiben, wird es sicherlich die bessere Lösung sein mit getrennten Sportprojekten zu starten, um somit zuerst die Aufmerksamkeit auf die Problematik zu lenken. Ist ein gewisses Verständnis dafür entstanden, kann man sich in einem zweiten Schritt an die Implementierung von gemischten Teams heranwagen.

2.1.4 Förderung von Frieden, Krisenbewältigung und –prävention

Respekt vor einander, Ehrlichkeit, Teamwork und die Einhaltung von Regeln sind nur einige der sportbezogenen Fähigkeiten und Werte, die im Bereich der Konfliktprävention bzw. –lösung von Bedeutung sind.

Dadurch kann der Sport den Austausch zwischen Gemeinschaften, Völkern und Kulturen verstärken und mithelfen den Dialog zwischen betroffenen Gruppen in offenen und latenten Konfliktsituationen aufrecht zu erhalten. Er kann die Identität und Zusammengehörigkeit von Gemeinschaften fördern, sowie die Bereitschaft des Einzelnen, sich aktiv in der Gesellschaft zu engagieren.

Rudi Gutendorf, mittlerweile 80 Jahre alt und im Guinness Buch der Rekorde als Trainer mit den meisten internationalen Engagements vertreten, berichtet in diesem Zusammenhang folgendes Erlebnis aus seiner Zeit als Nationaltrainer in Ruanda:

„1994 gab es dort ja dieses Gemetzel, bei dem sich fast eine Millionen Menschen gegenseitig umgebracht haben, [...] Die Söhne hab ich dann vereint in der Nationalmannschaft. Und dann haben wir das Glück gehabt, Kenia im Afrika-Pokal zu schlagen. Da hat der Tutsi geflankt, und der Hutu eingeköpft. Da haben die vor Freude gekuschelt und sich geküsst, das ganze Stadion und das ganze Land. Seit der Zeit weiß ich, was Fußball bewirken kann.“[17]

2.1.5 Humanitäre Hilfe

In Regionen, in denen mit einer hohen Zahl an traumatisierten Personen zu rechnen ist, wie dies z.B. in Flüchtlingslagern nach Naturkatastrophen oder in Konflikt- und Postkonfliktsituationen der Fall ist, kann der Sport sehr effektiv zu einer Renormalisierung des Lebens beitragen. Das Angebot einer strukturierten und konstruktiven Beschäftigungsmöglichkeit verhilft Kindern und Erwachsenen zumindest zeitweise zu einer Ablenkung vor der ungeheuren Aufgabe des Wiederaufbaus bzw. Neuanfangs und erleichtert es ihnen, wieder ein Gefühl der Sicherheit und Normalität zu erlangen. Sport hat erwiesenermaßen einen hohen therapeutischen Wert in der Bewältigung von Traumata bei Kindern.[18]

2.1.6 Mobilisierung

Das hohe Mobilisierungspotenzial des Sports verhilft dazu, Brücken zwischen den Generationen zu bauen. Dies ist am Beispiel des Fußballs gut ersichtlich. Ganz gleich welchen Alters die Mitspieler sind, der Ball kann von allen gespielt werden. Durch dessen hohe Reichweite und Popularität eignet sich der Sport hervorragend als Vermittler von sozialen, gesundheitsbezogenen- und Friedensbotschaften. Gerade in Verbindung mit HIV/AIDS-Präventionskampagnen können diese Vorteile effektive eingesetzt werden.

Mehr als die Hälfte aller neuen HIV/AIDS Infektionen betreffen Personen unter 25 Jahren. Mädchen sind davon schlimmer betroffen als Jungen und vor allem auch in jüngeren Jahren. Die Mortalitätsrate von Kindern und Jugendlichen hat stark zugenommen, so dass diese zwei die von der Krankheit am stärksten betroffene Gruppe bilden. Gleichzeitig ist es aber auch diese Gruppe, in die man die größten Hoffnungen zur Bekämpfung der Epidemie steckt.

Vielen Projekten bieten HIV/AIDS Kampagnen an, doch die Informationen werden oftmals nicht optimal vermittelt. Sport bietet hierbei sehr gute Möglichkeiten die Vermittlung der Themen besser zu gestalten. Er kann altersgemäß eingesetzt werden, hat einen hohen Aufforderungscharakter bei den Jugendlichen und bietet ein sicheres und angenehmes Umfeld in dem über AIDS und HIV offen geredet werden kann.[19]

2.2 Meilensteine in der Anerkennung von Sport in der Entwicklungszusammenarbeit

Auf der dritten internationalen Konferenz für Minister und leitende Regierungsmitglieder aus dem Bereich Sport und körperliche Erziehung (MINEPS III) wurde 1999 die Deklaration von Punta del Este[20] angenommen, in der die Bedeutung von körperlicher Erziehung und Sport als ein unabdingbares Element in der menschlichen und sozialen Entwicklung niedergeschrieben wurde.

Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City wurde unter Leitung der NRO Right to play eine Gesprächsrunde geführt mit dem Thema „Gesünder, Sicherer, Stärker: Sport für die Entwicklung nützen um den Kindern weltweit ein bessere Zukunft zu bieten“. Daraufhin wurde von der UNO die Arbeitsgruppe Sport for Development and Peace ins Leben gerufen, die in ihrem Bericht 2003 die vielen positiven Aspekte des Sports und damit die Einsatzmöglichkeiten für die Entwicklung hervorhob und der UNO empfahl, Grundlagen für die Einbindung von Sport in ihren Programmen zu entwickeln.[21]

Dieses Ziel wurde im selben Jahr auf der ersten Magglingen Konferenz für Sport und Entwicklung wieder aufgegriffen und bestärkt.[22] In einem nächsten Schritt wurde ebenfalls 2003 unter Führung der non-profit Organisation NCDO (Nationale Commissie voor Internationale Samenwerking en Duurzame Ontwikkeling) ein weiteres Treffen von mehr als 200 Experten auf dem Gebiet Sport und Entwicklung in Amsterdam organisiert. Als Ergebnis davon entstand das Next Step Toolkit on Sport for Development, welches Berichte von verschiedenen erfolgreich laufenden Projekten enthält, sowie Allgemeine Informationen zu Fragen der Entwicklungszusammenarbeit und Anleitungen bzw. Tipps zur Arbeit in diesem Bereich.[23]

Als Ergebnis des Europäischen Jahrs für Sport und körperliche Erziehung (EYES) 2004 wurde die enorme Bedeutung dieser zwei Punkte im Bereich der Entwicklung in dem Entwurf zur europäischen Verfassung verankert. Ebenso wurde die Resolution über Entwicklung und Sport[24] vom Europäischen Parlament angenommen. Darin wird unter anderem die EU Kommission dazu aufgerufen, auf Sport basierende Entwicklungsprogramme durch ein bereitgestelltes Budget zu fördern sowie Sport und Entwicklung in die Leitlinien zur Armutsbekämpfung aufzunehmen.

Das Jahr 2005 wurde von der UNO zum internationalen Jahr des Sports und der körperlichen Erziehung (IYSPE) ausgerufen. Die Leitung hierbei wurde Adolf Ogi übertragen, der auf den Konferenzen und Seminaren in diesem Jahr als Vertreter der UNO zugegen war. Die Ergebnisse dieses Jahres wurden auf der 2. Magglingen Konferenz besprochen.

Im Jahr 2006 wurde der erste Zwischenbericht der IWG SDP vorgelegt, der auf 184 Seiten schon konkrete Ergebnisse und Vorschläge liefert.[25] Der Abschlussbericht mit weiteren Langzeitergebnissen wird im Jahr 2008 vorliegen.

2.3 Risiken und Grenzen des Sports in der Entwicklungszusammenarbeit

Die positiven Werte des Sports in den speziellen Projekten zur Entwicklungs- und Friedensförderung schaffen es sicherlich, eine große Aufmerksamkeit auf die Ziele der Entwicklungszusammenarbeit zu lenken. Der Sport allein kann jedoch weder Frieden sichern, noch komplexe soziale Probleme lösen. Dennoch werden die ganzheitlich geplanten und im Zusammenhang mit anderen Verfahren entstehenden neuen Möglichkeiten und Vermittlungswege bisher unterschätzt und nicht voll ausgeschöpft.

Der Sport ist teilweise ein Spiegel seiner Gesellschaft, wodurch sich auch negative Dinge im sportlichen Umfeld finden lassen. Diesen sollte man aktiv entgegentreten, um das positive Potenzial des Sports voll auszunützen. Beispiele dafür wären die Ausbeutung von jugendlichen Fußballspielern aus Entwicklungsländern, das Tolerieren von gewalttätigen Fans oder auch der Gedanke um jeden Preis gewinnen zu müssen.

Erfolgreiche Programme im Bereich „Sport für Entwicklung und Frieden“ schaffen es auf diese Herausforderungen zu reagieren und arbeiten stetig daran, die besten Ausprägungen des Sports voranzubringen, indem sie dessen Integrität und positive soziale Werte bewahren.[26]

„Fußball ist weder Krieg noch ein Allheilmittel für zwischenstaatliche und gesellschaftliche Konflikte, er ist von Natur aus weder gut noch böse. Er ist das, was wir aus ihm machen. Er hat die Bedeutung die wir ihm geben.“[27]

3 Fußball als Mittel der Entwicklungszusammenarbeit

Das Fußballspiel hat sowohl als Spitzensportart mit Aktienbörsen-Präsenz, wie auch als Breitensportart bis zu den untersten Bevölkerungsschichten große Bedeutung. Es wird in Vereinen und Schulen gespielt, aber auch von Straßenmannschaften mit freierer Regelinterpretation auf Bolzplätzen und beliebigen Freiflächen. Fußball ist ein weltumspannendes und durchaus mehrdeutiges Phänomen: es produziert Gewinner und Verlierer – nicht nur auf dem Spielfeld. Besonders in ärmeren Ländern ist die minimale Möglichkeit, ein Fußballstar zu werden, eine der wenigen Chancen, den Armenvierteln zu entrinnen.

Auch beim Fußball geht es, trotz seines Charakters als Massenphänomen, um die Begegnung von Menschen. Wenn einzelne Menschen in Vereinen und Teams aus aller Welt bei Spielen aufeinander treffen, ergeben sich selbst bei ungünstigen Gesellschaftspolitischen und internationalen Rahmenbedingungen immer Möglichkeiten für ein gemeinsames (Kennen)lernen. Nelson Mandela, der ehemalige südafrikanische Präsident und Friedensnobelpreisträger sagte dazu: „Fußball ist eine der wichtigsten Aktivitäten die Menschen zusammenbringt.“[28] Durch die kollektive Begeisterung für den Fußball als verbindendes Element entsteht Raum für die Akzeptanz bestehender Unterschiede. Dies gilt für die Spieler und die Zuschauer gleichermaßen. Im Sport im Allgemeinen und beim Fußball im Besonderen sind diese Möglichkeiten besonders ausgeprägt weil sie Teil des noch immer vorhandenen Fairplay Gedankens sind. Dieses Ideal des Sports ist zwar vielfach gefährdet, wird aber besonders von Kindern und Jugendlichen ernst genommen. Für eine in diesem Sinne sportliche Fairplay-Sozialisation ist nicht nur die Bereitschaft zum Miteinander entscheidend, sondern auch die gemeinsame Erfahrung.

Die »Eine Fußball-Welt« besteht nicht nur aus dem Spiel mit dem runden (Kunst-) Lederball. Sie weist Widersprüche auf, und wer sich mit ihr kritisch beschäftigt, wird immer dann mit angenehmen Überraschungen konfrontiert, wenn – abgesehen von guten Fußballspielen – Fußballfreunde ins Spiel kommen, die über den Spielfeldrand hinausschauen. Sie zeichnet ein großes soziales und politisches Engagement aus und den unbedingte Willen, an Fair Play festzuhalten. Es könnten mehr sein, aber es gibt sie.[29]

3.1 Weltweite Verbreitung

Fußball kann fast überall mit minimalem Aufwand betrieben werden. Zudem gelten auf der gesamten Welt die gleichen anerkannten Regeln. Vor allem diesen beiden Tatsachen verdankt der Fußball seine Popularität.

Fußball hat einen wichtigen sozial verbindenden Einfluss: Die Fußballinteressierten sind aus allen Altersschichten. Ähnlich ist es beim Publikum. Es zieht nahezu alle Schichten auf die regionalen Fußballplätze und in die modernen Arenen. Für viele Millionen Menschen ist der Fußball vor allem Freizeitvergnügen, er ist aber auch Gesprächsthema, für einige Fußballfans sogar eine Art Ersatzreligion.

Der Fußball ist für die Medien von großer Bedeutung. Er füllt die regionalen und überregionalen Zeitungen sowie Fachzeitschriften und sorgt für höchste Einschaltquoten im Fernsehen. „Der Fußball [ist], beinahe das letzte neben dem Wetter, das einer auseinanderstrebenden Sozialgemeinschaft noch Stoff fürs globale Gespräch gibt.“[30]

3.2 Die Fußball WM und Afrika

Viele Jahrzehnte war die WM auf Länder aus den Fußballhochburgen Europas oder Latein- und Südamerikas begrenzt. Seit Beginn der neunziger Jahre jedoch sind Asien und Afrika als Bestandteil der Fußballwelt nicht mehr wegzudenken. Vor allem der afrikanische Kontinent hat einen steilen Aufstieg hinter sich.

Das Team von Kamerun erreichte bei der WM 1990 als erstes afrikanisches Team ein WM Viertelfinale. Nach diesem Erfolg entschied die FIFA, dass sich für die WM ’94 in den USA drei statt zwei afrikanische Teams qualifizieren dürfen. 1998 waren sogar fünf afrikanische Teams unter den Mannschaften die um den Weltmeistertitel kämpfen. Senegal hatte seinen ersten WM-Auftritt 2002 und gewann sogar ein Spiel gegen Frankreich, die ehemaligen Kolonialherren. Experten prognostizieren, dass die Siegermannschaft schon in naher Zukunft aus Afrika kommen könnte und bei der WM 2010 in Südafrika ist sicherlich mit einigen positiven Überraschungen zu rechnen.

3.3 Fußballprojekte in Afrika

Die Swiss Academy for Development (SAD) bietet auf der Internetseite www.sportanddev.org eine internationale Plattform für Projekte aus dem Bereich Sport und Entwicklung an. Allein für Afrika sind derzeit schon 127 Projekte angemeldet, die in den aufgezählten Bereichen (Kapitel 3.1.) tätig sind. Im Folgenden werden exemplarisch vier der Bekanntesten und Größten davon vorgestellt:

3.3.1 FIFA – Football for Hope

Artikel 2 der Statuten der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) gibt als Zweck dieser internationalen Nichtregierungsorganisation (NRO) an:

„den Fussball fortlaufend zu verbessern und weltweit zu verbreiten, wobei der völkerverbindende, erzieherische, kulturelle und humanitäre Stellenwert des Fussballs berücksichtigt werden soll, und zwar im Einzelnen durch die Förderung des Fussballs durch Jugend- und Entwicklungsprogramme.“[31]

In diesem Zusammenhang entstand das Projekt Football for Hope (FFH), durch welches bis zum heutigen Tag über 60 Programme in 40 Ländern durch nachhaltige Projekte unterstützt werden.

Football for Hope ist das Schlüsselelement einer strategischen Allianz zwischen der Fussballorganisation FIFA und der NRO Streetfootballworld, einem globalen Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen mit weiteren Projekten, in deren Mittelpunkt der Fussball steht.

Ziel ist es, nachhaltige Entwicklungsprogramme in den Bereichen Gesundheitsförderung, Rechte der Kinder, Bildung, Friedensstiftung, Antidiskriminierung, soziale Integration und Umwelt zu unterstützen. Fussball soll dabei einen Beitrag zur Realisierung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen bis 2015 leisten.[32]

3.3.2 Right to play

Right to play ist ein humanitäre Organisation, die speziell entwickelte Sport- und Spielprogramme benützt um eine ganzheitliche Entwicklung von Flüchtlingskindern, ehemaligen Kindersoldaten, Kindern in Konfliktgebieten und solchen, die von HIV bzw. AIDS betroffen oder bedroht sind, zu fördern.[33]

Hauptsächlich werden dabei folgende Bereiche gefördert:

1. Basiserziehung und Kindesentwicklung
Die Sportprogramme des Projektes zielen darauf ab, die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder zu stärken und ihnen wichtige Werte und Fähigkeiten zu vermitteln.
2. Förderung von Gesundheit und Vorbeugung von Krankheiten
Ein weiteres Ziel ist es, Gemeinschaften über allgemeine Gesundheitsfragen und zum Thema Vorbeugung von Krankheiten aufzuklären und dementsprechend zu erziehen. Besondere Bedeutung wird dabei den Themen HIV/AIDS, Malaria und Immunisierung zugesprochen.
3. Konfliktlösung und Förderung von Frieden
Die Programme werden genutzt um verschiedene Wege der Konfliktlösung zu bearbeiten und aufzuzeigen. Die regelmäßigen Aktivitäten tragen zu einer Normalisierung, Rehabilitation und Reintegration der vom Krieg betroffenen Kinder bei.
4. Entwicklung von und Eingliederung in Gemeinschaften

Freiwillige werden vor Ort zu Coach Leaders ausgebildet und sind in den Dörfern bzw. Stadtteilen für die Durchführung der Projekte zuständig. Dadurch werden sie zu positiven Vorbildern für die Kinder und Jugendlichen und erlernen Führungsqualitäten und Fähigkeiten, die Grundlage für die weitere Entwicklung einer Gemeinschaft sind. Lokale Gegebenheiten werden dabei berücksichtigt. Freiwillige aus der ganzen Welt unterstützen diese Projekte, die durch lokales Personal geleitet werden.

Unterstützt wird die Organisation von einem Team internationaler Topathleten aus über 40 Ländern, die mit ihrer Vorbildfunktion die Kinder inspirieren und durch ihre Medienpräsenz sowie Bekanntheit das Verständnis für derartige Probleme erhöhen sollen. Präsident und leitender Vorstand ist der vierfache olympische Goldmedaillengewinner Johann Olav Koss. Sportliche Botschafter sind u.a. Wayne Gretzky, Martina Hingis, Haile Gebrselassie, uvm.

Derzeit werden Programme in 21 Ländern betreut, darunter u. a. Aserbaidschan, Benin, Tschad, Äthiopien, Ghana, Indonesien, Libanon, Liberia, Pakistan, Sierra Leone, Sri Lanka und Thailand.[34]

3.3.3 Mathare Youth Sports Association

Die Mathare Youth Sports Association (MYSA) versucht in erster Linie Kinder aus dem Gebiet bei Mathare (Kenia), eines von Afrikas größten und ärmsten Slums, in sportliche Aktivitäten einzubinden. Dem Fußball kommt hierbei die zentrale Rolle zu.

In diesen Bereich fällt auch dass Bereitstellen von Sportgeräten und Materialien für Schulen, das Organisieren von Fortbildungen für die dortigen Lehrer, sowie das Organisieren von Schulturnieren.

MYSA wurde 1987 als ein reines Sportprojekt gegründet, arbeitet mittlerweile aber in den drei Bereichen Sport, Erziehung und Umweltschutz.[35]

Heute ist es die größte Selbsthilfe-, Jugendsport- und Gemeindeentwicklungsorganisation in Afrika mit über 15000, Jugendlichen die an den Programmen teilnehmen. Weitere 10000 nehmen an ähnlichen Projekten in Nordwest-Kenia, Botswana, Süd-Sudan, Tansania und Uganda teil, die ebenfalls von MYSA mitbetreut werden. Es existieren mehr als 730 Jungen-, und 290 Mädchenfußball Teams, die an den Wochenenden im Jahr über 10000 Spiel bestreiten in 120 Ligen, welche auf 16 Zonen verteilt sind. Nicht selten gewinnen diese Jugendlichen auch internationale Jugendfußballturniere.

Jeder Jugendliche, der sich einer der MYSA Teams vor Ort anschließt wird automatisch Mitglied. Es fallen keine Mitgliedsbeiträge oder andere Gebühren an.

Die Ziele der Organisation sind:

1. Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten ihre physischen und psychischen Fähigkeiten zu verbessern, indem sie sich aktiv am Gemeindeleben bzw. der Gemeinschaft beteiligen.
2. Bedeutende Werte und Fähigkeiten zu vermitteln und junge Menschen zu motivieren sich für ihre eigenen Interessen und ihre Umwelt einzusetzen.
3. Ein Verständnis für Umweltprobleme zu schaffen.
4. Viele Mädchen zum Teilnehmen an den Sportprojekten zu motivieren indem eine große Bandbreite an Programmen für diese angeboten wird.

MYSA wird größtenteils von Jugendlichen geleitet, die meist als freiwillige Trainer, Schiedsrichter oder Organisatoren tätig sind. Für ihre Arbeit in den verschiedenen Sport- und Gemeindeaktivitäten erhalten sie Punkte. Jedes Jahr werden die besten der 16 Zonen, aufgeteilt nach Alter und Geschlecht, mit einem Preis ausgezeichnet und erhalten Stipendien die direkt an die Schulen in Form von Schulgebühren ausbezahlt werden. Das Prinzip dieses Selbsthilfe-Jugendprojektes lautet „Tust du etwas, tut MYSA etwas; tust du nichts, tut MYSA nichts“ Andere Projekte, die betreut werden sind z.B. das Fotografieprojekt, durch das Kenntnisse der Fotografie und das Erstellen von Filmen vermittelt werden. Das „Kinder in Gefahr“ Programm, bei dem Kinder in Gefängnissen Essen und Unterstützung erhalten, stellt eine weitere Initiative dar. Weiter gibt es ein Programm, das sich mit der Abschaffung der Kinderarbeit beschäftigt sowie ein Theater-, Musik- und Tanzprojekt bietet.[36]

3.3.4 Play Soccer

Der Schwerpunkt dieses Projektes liegt in der Förderung der Gesundheit sowie der körperlichen und sozialen Entwicklung von Kindern (insbesondere Mädchen) in benachteiligten Gemeinden. Ziel ist somit, die Gesundheit, den sozio-ökonomischen Status und die Entwicklung von benachteiligten Kindern zwischen 5 und 14 Jahren zu verbessern. Während des ganzen Jahres werden wöchentlich Fußballspiele und andere erzieherische Aktivitäten ohne Wettkampfcharakter durchgeführt.[37]

Der größte Teil der Mitarbeiter besteht aus lokalen freiwilligen Jugendlichen, die zu Trainern ausgebildet werden. Um möglichst frühzeitig grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln können Kinder bereits ab fünf Jahren teilnehmen.

PLAY SOCCER stellt keine religiösen oder politischen Vorraussetzungen und gerade Mädchen werden zur Teilnahme an dem Projekt motiviert. Aktuelle Programme laufen derzeit in Afrika und Asien. Zentral- und Südamerika sollen in naher Zukunft folgen.

Jede der wöchentlichen Einheiten besteht aus einem Teil mit Leseaktivitäten und drei Grundlagenerziehungsteilen. Fußballtechnik- und taktiktraining bilden die sportlichen Komponenten. Außerdem ist die Aufklärung über Gesundheitliche Themen und das Erlernen von wichtigen Fähigkeiten sowie Regeln der Gesellschaft bzw. des Lebens von Bedeutung. Diese sog. Life Skills (Alltagsfähigkeiten) werden in Form von Lernzirkeln vermittelt, die z.T. auch auf dem Fußballfeld stattfinden. Themen sind dabei u. a. HIV/AIDS-Prävention, Malaria, Hygiene und soziale Themen wie Fair Play, Respekt gegenüber anderen und Gleichberechtigung der Geschlechter.

Beitreten darf jeder und einmal im Jahr finden unter der Initiative von PLAY SOCCER die Global Peace Games für Kinder und Jugendliche statt. Teilnehmen kann dabei jeder Verein und jede Organisation, die in ihrem Gebiet in etwa am 21. September, dem von der UNO proklamierten internationalen Tag des Friedens, dieses Sportfest veranstaltet. Welcher Art die Spiele sind bleibt den Veranstaltern überlassen, jedoch dürfen keine kommerziellen Zwecke verfolgt werden und die Kosten sollen so niedrig wie möglich gehalten werden. Nationale Fußballorganisationen werden von der FIFA dazu angehalten, an den Spielen teilzunehmen und das FAIR PLAY Symbol dort zu zeigen. Wenn möglich werden Botschafter der SOS Kinderdörfer vor Ort sein und ihre Organisation repräsentieren.[38]

4 Institut DIAMBARS

Seit seiner Unabhängigkeit gilt der Senegal als afrikanisches Musterland der Demokratie[39] und erhielt 2005 insgesamt 689 Millionen US-Dollar an finanzieller Entwicklungshilfe[40]. Dennoch sind 65% der Bevölkerung Analphabeten und die Einschulungsquote beträgt lediglich 60%[41]. Einige haben keine Möglichkeit zur Schule zu gehen weil sie in abgelegenen Dörfern ohne Lehrer oder Schulanbindung wohnen. Andere wiederum haben keine Zeit dazu, weil sie mithelfen müssen ihre Familie zu ernähren. Und viele widmen sich lieber anderen Dingen als der Schule, allem voran dem Fußballspielen, denn dies ist eine Leidenschaft die alle teilen. In Afrika ist Fußball ein wichtiger Baustein im sozialen Gefüge und bei Weitem die beliebteste Sportart.[42]

In diesem Kontext entstand 1997 die Idee eine Einrichtung zu gründen, in der talentierte Kinder ähnlich den französischen sport-etudes Schulen (Sport und Unterricht), nicht nur ein professionelles Fußballtraining, sondern auch die ihrem Kenntnisstand entsprechende bestmögliche Schulausbildung erhalten.[43] Fußball und Schule sollen sich nicht im Wege stehen, sondern sich ergänzen.

DIAMBARS “ ist ein Wort der Sprache Wolof, die von ca. 80% der senegalesischen Bevölkerung beherrscht wird.[44] Es bedeutet wörtlich übersetzt „Krieger“. In seinem tieferen Sinn beinhaltet es aber vor allem Mut und die hohe Ideale, die eine Person mit sich bringen sollte um sein Leben zu meistern. Champions im Fußball und Champions im Leben zu werden, das ist eines der zentralen Anliegen bei der Ausbildung der jungen Talente.

Für die meisten Neuankömmlinge war also das Fußballspielen bzw. die Aussicht ein berühmter Fußballer zu werden der Anreiz, um sich an dem schwierigen und langwierigen Auswahlprogramm zu beteiligen. Keiner ging alleine der guten schulischen Ausbildung wegen dorthin, was allerdings einer der Punkte ist, die DIAMBARS von anderen Fußballschulen unterscheidet. Die Schulbildung hat für die Jungen mindestens den gleichen Stellenwert wie das Fußballtraining, und wenn man den Alltag der Schüler betrachtet, steht sie sogar darüber. Immerhin verbringen sie wöchentlich 30 Stunden auf der Schulbank und maximal 14 auf dem Trainingsplatz.

Fußball ist der Motor, die treibende Kraft, und mit Hilfe von DIAMBARS treibt er die Bildung und persönliche Entwicklung der jungen Menschen voran.

4.1 Das Institut

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Abb. 4-1: Die Hauptgebäude des Instituts, ©Heiko May 2006

Die vier Gründer des Projekts sind Jimmy Adjovi Boco (französischer Ex-Fußballprofi und Direktor des Instituts) Saer Seck (senegalesischer Geschäftsmann sowie Präsident von DIAMBARS -Senegal), Bernard Lama (ehemaliger Torwart der französischen Nationalmannschaft und Präsident von DIAMBARS -Frankreich), und Patrick Viera (aktiver französischer Fußballprofi und Präsident von DIAMBARS -Großbritannien)

Nach vielen Jahren der Vorbereitung und Planung wurde am 24. Mai 2003 der Grundstein des Instituts gelegt. Das 38 Hektar große Gelände auf dem es sich befindet ist eine Spende der Regierung Senegals. Der Entwurf der Gebäude und die Gestaltung des Geländes ist dem senegalesischen Architekten Ramatoulaye Diagne Sall Sao zu verdanken (s. Abb. 5-2).[45]

Die beiden Hauptgebäude (4, 6 in Abb. 5-2) sind in Form eine Fußballfeldes angelegt in dessen Mittelpunkt man im letzten Bauabschnitt einen riesigen Fußball (5) errichtet, der das Restaurant und einen Konferenzraum beinhalten wird. Die Schulräume, Bibliothek und der Multimediabereich sind im ersten Stock des Empfangsgebäudes (6) untergebracht. Ebenso die Verwaltung, das Büro des Direktors, ein Besprechungsraum für Trainer, ein weiterer Konferenzraum und mehrere Büros. Das rückwärtige Gebäude (4) steht derzeit noch leer, ist aber größtenteils fertig gestellt. Die obere Etage besteht aus einem großen Trainingsraum in dem Fitnessgeräte aufgestellt werden sowie einem großen Gymnastikraum. Dazu kommen einige kleinere Räume für Masseure und Ärzte. Im Erdgeschoss befinden sich vier große Mannschaftskabinen, die jedoch noch nicht verwendet werden können. Die Fertigstellung und Inbetriebnahme der Räume in Haus 4 ist erst in einigen Jahren zu erwarten, wenn das große Stadion (s. Abb. 5-2) mit Platz für 5000 Zuschauer gebaut ist und dort Gastspiele bekannter Mannschaften stattfinden können.

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Abb. 4-2: Modell des Geländes ohne Trainingsplätze, ©Heiko May 2006

Die Wohnräume für Trainer und Schüler (1) sowie die Appartements für Besucher (3) befinden sich an den Längsseiten des Feldes. Nicht zu sehen sind auf Abbildung 5-2 die fünf Trainingsplätze im hinteren Teil des Geländes. Derzeit spielt man noch auf Sand, in naher Zukunft werden jedoch mehrere Kunstrasenplätze hinzukommen. Den künstlichen Rasen gibt es bisher nur ein einziges Mal in ganz Senegal, im Demba Diop Stadion in Dakar. Dort finden fast jedes Wochenende die Trainingsspiele der DIAMBARS -Mannschaften statt.

4.2 Die Auswahl der Schüler

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Abb. 4-3: Die Zwischenstationen bei der Auswahl, ©DIAMBARS 2003

Die einzigen Kriterien bei der Auswahl der 18 Jungen die jedes Jahr aufgenommen werden, sind das Alter und ihr fußballerisches Talent. Zum Zeitpunkt der Testspiele dürfen sie das 13. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und um letztendlich dabei zu sein, müssen sie sich während der fast 6-monatigen Auswahlphase (vgl. Abb. 6.4.) mehrere Male in physischerTopform präsentieren. Die Testspiele finden in 10 Regionen des Landes statt (s. Abb. 6.3). Der abschließende Test in Dakar dauert eine Woche. Im Jahr 2006 nahmen mehr als 3000 Kinder daran teil.[46]

Anfang Oktober beginnt das neue Schuljahr. Wer die Aufnahme am Institut schafft, hat die nächsten fünf Jahre eine sichere Zukunft und kann anschließend auf die weitere Unterstützung und Zusammenarbeit mit DIAMBARS zählen, selbst wenn sich der Traum vom Fußballprofi nicht erfüllen sollte.

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Abb. 4-4: Zeitplan der Auswahlspiele, ©DIAMBARS 2003

4.3 Die Leistungen des Instituts

Gemäß der Charta des Instituts gibt es drei Hauptziele, die DIAMBARS erfüllen will:[47]

1. Den Schülern soll ein Fußballtraining auf höchstem Niveau ermöglicht werden.
2. Durch die Zusammenarbeit mit gut ausgebildeten Pädagogen, modernen Lehrmethoden und den Einsatz multimedialer Technik in Klassen mit geringer Schülerzahl sollen die Absolventen den für sie bestmöglichen Abschluss erreichen. Zusammenhänge zwischen Lehrplan und dem sportlichen Umfeld werden dabei in besonderer Weise berücksichtigt.
3. Die Vermittlung ethischer und moralischer Werte im Sport und Alltag soll laufender Bestandteil sein und die nötige psychische Stärke liefern um anschließend mit den Schwierigkeiten des Lebens im allgemeinen und denen des Profisports im Speziellen umgehen zu können.

4.3.1 Fußballtraining

Im Institut befinden sich derzeit fünf Jahrgänge, 1989 bis 1993. Erst im nächsten Schuljahr wird voraussichtlich die volle Kapazität von sechs, eventuell auch sieben erreicht. Im Sommer 2008 beenden die ersten Absolventen ihre Ausbildung.

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Abb. 4-5: Trainingsgelände im Institut, ©Heiko May 2006

Bis auf die beiden Ältesten bildet jede Altersklasse eine eigene Mannschaft. Lediglich ’89 und ’90 wurden gemischt und nach Leistung in Team A, bzw. Team B geteilt. Dies bedeutet für die betreffenden Spieler einen noch größeren Ansporn, gute Leistungen zu zeigen um in die bessere Mannschaft aufrücken zu können.

Die 13- und 14-jährigen werden von jeweils zwei Trainern betreut, alle anderen von einem. Hinzu kommt ein eigener Torwarttrainer.

Da die geplanten Kunstrasenfelder bisher nicht fertig gestellt werden konnten, findet das Training auf festgetretener harter Erde statt. Somit sind die Bedingungen, im Vergleich zu europäischen Maßstäben, sicherlich noch nicht optimal. Dies mindert jedoch keineswegs die Leistungsbereitschaft der Schüler, denn nach senegalesischen Maßstäben ist es das Beste was das Land zu bieten hat.

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Abb. 4-6: Fußballplatz in Thiès, ©Heiko May 2006

Trainiert wird fünf- bis siebenmal die Woche. Montag bis Freitag nach der Schule von 17 bis 19 Uhr und (bis auf die 13-jährigen) zusätzlich Dienstag und Mittwoch vor dem Frühstück von 06:30 bis 08:00 Uhr. Da fast alle Trainer selbst professionelle Fußballspieler waren – in europäischen oder Afrikanischen Clubs – oder ihre Trainerausbildung in Europa erwarben, gibt es im Hinblick auf die theoretischen und praktischen Inhalte des Trainings keinen großen Unterschied zu den europäischen Ligen. Die Trainingsinhalte für das komplette Schuljahr werden vorab festgelegt und nur falls notwendig in kleinen Bereichen angepasst. Die Schwerpunkte liegen dabei auf vier Teilbereichen: [48]

- Technik: Ballkontrolle, Passen, Dribbeln, Täuschungsmanöver
- Taktik: Verteilung auf dem Feld, Verhalten in der Defensive/Offensive, Spielstrategie
- Physis: Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit
- Psyche: Respekt, Fair-Play, Führungsqualitäten, Leistungsbereitschaft

Inhalte bzw. geplante und erreichte Ziele werden in wöchentlichen und monatlichen Berichten der Trainer festgehalten.

Spiele finden jedes Wochenende statt, möglichst samstags, damit die Schüler noch einen freien Sonntag haben. Da es für die jüngeren Altersklassen im Senegal keinen organisierten Liga-, bzw. Spielbetrieb gibt müssen die Trainer von Woche zu Woche Gegner und Spielfelder organisieren. Der Platz wird von DIAMBARS gestellt oder gezahlt. Andere Mannschaften könnten es sich meistens nicht leisten ein Spiel auf Kunstrasen im Demba Diop-, oder auf echtem Rasen im Nationalstadion durchzuführen, den einzigen zwei Stadien mit guten Spielfeldern.

Ab und zu werden die Spiele aber auch dort durchgeführt, wo die meisten der Schüler vor nicht allzu langer Zeit selber noch nach dem runden Plastik, manchmal auch Leder traten: In den Vororten Dakars, auf staubigen Sandplätzen die mit Steinen und Mulden gespickt sind. Die Seitenlinie ist dann nicht weiß markiert, sondern beginnt irgendwo kurz vor den Zuschauern, die auf Bänken, Baumstümpfen und alten Autoreifen um das Feld gruppiert sind. Um eine ausgeglichenes Spiel zu bieten sind die gegnerischen Mannschaften zumeist ein bis zwei Jahre älter und oft auch einen Kopf größer. Nicht nur deswegen treffen dabei jedes Mal zwei ungleiche Welten aufeinander. Auf der einen Seite Kinder in alten Kleidern und Gummischuhen – nur die Wenigsten besitzen richtige Fußballschuhe – auf der anderen die zukünftige Fußballelite Senegals. Von Kopf bis Fuß mit Adidas ausgestattet, schöner noch als die meisten Fußballmannschaften von deutschen Sportvereinen.

Bei den Mannschaften gegen die man in den schönen Stadien spielt ist dieser Kontrast natürlich nicht so groß. Der Altersunterschied bleibt, aber immerhin wird in Fußballschuhen und einheitlichen Trikots gespielt.

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Abb. 4-7: Match in Dakar, Demba Diop Stadion, ©Jean-Marc Pochat 2006

In Training und Spiel geht es nicht allein um das Gewinnen oder Technik und Taktik. Neben der Schule gilt es auch im Fußball die jungen Spieler immer wieder an die Wichtigkeit und das Einhalten von moralischen wie auch ethischen Werten im sozialen Umfeld zu erinnern. Sei es im Spiel oder Alltag. Für die Neuzugänge hält einer der Trainer wöchentlich eine Stunde Theorieunterricht zu dem Thema moralische Werte im Sport.[49] Respekt und Fair-Play sind Schlagwörter, die in diesem Zusammenhang immer wieder aufgezählt werden.

Mitte Juni geht das Schuljahr zu Ende und die Sommerferien beginnen. Diese bestehen aber nicht nur aus Freizeit. Innerhalb der nächsten drei Monate, bevor es Ende September wieder weitergeht, gehen die verschiedenen Gruppen auf Europatour um dort an Turnieren teilzunehmen und sich im Trainingslager mit anderen Mannschaften zu messen. Die Kosten für die Flüge übernimmt die Fluggesellschaft AirFrance und die Zusammenarbeit mit der „Regiòn Nord Pas de Calais“ ermöglicht die kostenlose Unterbringung der Schüler in französischen Gastfamilien. Weitere Stationen sind für einige der Gruppen der Donosti-Cup in San Sebastiàn (Spanien) und der Norway-Cup in Oslo.

4.3.2 Das Schulsystem

Das Schulsystem im Senegal orientiert sich stark an dem französischen Vorbild[50]. Mit drei Jahren beginnt die Vorschule. Drei Jahre später, mit sechs, folgt die Grundschulausbildung, welche die sechs Jahre dauert und aus den Klassen CI, CP, CE1, CE2, CM1 und CM2 (s. Abkürzungsverzeichnis) besteht. Es folgen vier Jahre Collège (6ème bis 3ème) und weitere drei Jahre Lycée (2nde, 1ère, Terminale), die zur Erlangung des Baccalauréat führen, dem französischen Abitur.

Das System des Institut DIAMBARS gleicht diesem größtenteils, ist aber in einigen Punkten an die spezielle Situation der Schüler angepasst. Wer vor DIAMBARS eine reguläre Schulausbildung begann kann diese im Institut weiterführen. Ein Team von vier Festangestellten und ca. 20 stundenweise bezahlten Pädagogen lehrt von 6ème bis 1ère alle Stufen des Collège bzw. Lycée. Dies ist allerdings nur bei den wenigsten der Fall. Viele besuchten die Schule nur ein paar Jahre, manche gar nicht. Für diese Sonderfälle gibt es drei spezielle Klassen (F1, F2, F3), in denen innerhalb von drei Jahren das komplette Grundschulprogramm nachgeholt wird, bevor sie wieder in die reguläre Laufbahn einsteigen.

Im Jahr 2007 erlangten 9 von 11 Schülern ihr Brevet d’Enseignement Fin d’Etude Moyen (BEFEM), das französische Pendant zur mittleren Reife. Mit einer Erfolgsquote von mehr als 80% liegen sie damit weit über dem nationalen Durchschnitt von nur 35%. Anvisiertes Ziel in DIAMBARS ist es, die Quote nicht unter 50 % sinken zu lassen, um eine gleich bleibend gute Qualität der Schulausbildung sicherzustellen.[51]

Des Weiteren gibt es noch die classe multimedia ein Projekt das im Schuljahr 06/07 unter der Leitung von Jean-Luc Murraciole gestartet wurde und sich lernschwachen Schülern widmet oder solchen, die mit gewöhnlichen pädagogischen Mitteln nicht zu erreichen sind. Auf lange Sicht soll diese Unterrichtsform (vgl. 4.3.3) jedoch auch in den übrigen Klassen eingeführt werden.

4.3.3 Das pädagogische Konzept

Seit 2006 wird der gesamte pädagogische Bereich von Jean-Luc Murraciole, Professor für Philosophie und Erfinder des Konzepts Lycée Plus in Reims geleitet.

17 Jahre lang (1983 bis 2000) unterrichtete dieser in Reims auf seine Weise sog. „schwierige Fälle“. Überwiegend Schüler über 16 die vom traditionellen Schulsystem ausgeschlossen waren bzw. deren Ausbildung unterbrochen worden war[52].

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Abb. 4-8: Klassenraum im Institut DIAMBARS, ©Jean-Marc Pochat 2006

Zusammen mit drei weiteren Lehrern schuf er eine völlig neuartige Unterrichtsform, eine Klasse mit bis zu achtzig Schülern in der die Jahrgangsstufen seconde, première und terminale gleichzeitig unterrichtet wurden. Gearbeitet wurde in Gruppen. Die Besseren teilten ihr Wissen denen die Nachholbedarf hatten mit und es wurde sehr darauf geachtet alle Schüler einzubeziehen und niemanden auszuschließen. Querverbindungen zu bereits Gelerntem oder Bekanntem – im Internetjargon „Hyperlinks“ genannt – und die Übertragbarkeit des behandelten Gegenstandes auf andere Bereiche sind weitere Eckpfeiler des Konzepts. Nimmt man das Beispiel „Landschaft“, so wäre in Philosophie ein Diskurs über das Wesen der Natur denkbar. In Geschichte bespricht man Kriegslandschaften, in Erdkunde die Beschaffenheit des Bodens, in Mathe die Geometrie und in Spanisch liest man, welche Landschaften Don Quijote durchquerte.[53]

Des Weiteren gründete man Arbeitsgruppen für verschiedene Projekte, welche die Schüler in Eigenregie durchführten. Unter anderem wurden Diskussionsrunden mit bekannten Persönlichkeiten durchgeführt, die man live im örtlichen Radio übertrug – in Zusammenarbeit mit dem Little Big Man Verlag wurden einige Bücher mit von Schülern verfassten Aufsätzen herausgegeben.[54]

Dieses Konzept und viel Erfahrung sind nur zwei der Dinge die Jean-Luc Murraciole in das Institut DIAMBARS mit einbringt. Auf die Frage, was man denn im pädagogischen Bereich in Senegal ändern sollte hat er eine einfache Antwort: „Alles.“[55]

Man könnte wahrlich meinen, die Unterrichtsmethoden im Senegal hätten sich seit dem Ende der Kolonisation nicht verändert. Körperliche Bestrafung ist zwar offiziell verboten, jedoch immer noch nicht ganz verschwunden. Da die meisten Schulen so gut wie keine Arbeitsmaterialien besitzen, beschränkt sich die Vermittlung des Wissens auf das, was an der Tafel steht und/oder wörtlich erklärt wird. Es herrscht eine strenge Hierarchie. Was der Lehrer sagt, wird nicht angezweifelt. Außerdem wird den Schülern wird ein Übermaß an theoretischen Inhalten vermittelt. Diese auf andere Bereiche zu transferieren fällt ihnen umso schwerer. Der Lehrplan wird ohne Anpassung wörtlich übernommen. Geredet wird nur, wenn man dazu aufgefordert wird und trotz der riesigen Klassen gibt es so gut wie keine Gruppenarbeit.[56]

Und genau hier, bei all diesen Defiziten setzt das Konzept von DIAMBARS an. „... DIAMBARS ist ein verkleinertes Modell senegalesischer Unterrichtsmethoden“[57], konstatiert Jean-Luc Murraciole, und so muss erst einmal die Arbeitsweise der am Institut angestellten Lehrer angepasst werden, bevor man neue Mittel einsetzen kann.

In zukünftigen Fortbildungen soll diese multimediale Arbeitsweise auch auswärtigen Lehrkräften näher gebracht werden.[58] Die Nutzung der Mediathek bleibt somit nicht nur den Lehrkräften in DIAMBARS vorbehalten. Jeder der sich in dieses Thema einarbeitet und damit die vielfältigen Möglichkeiten der neuen Medien kompetent zur Anwendung bringen kann darf diese auch verwenden. Ebenso wird es immer wieder Aktionen geben, bei denen Schüler aus dem Institut die umliegenden Schulen besuchen und dort diese Arbeit vorstellen bzw. selbst eine vorbereitete Unterrichtseinheit halten können.[59]

Dass die Auswahl der Schüler ausschließlich über ihr fußballerisches Können erfolgt bedeutet eine große Herausforderung für die Lehrer, denn das schulische Niveau ist im Allgemeinen eher schlecht. Die guten Arbeitsbedingungen ermöglichen es aber, den Rückstand wieder aufzuholen. Während sich in gewöhnlichen Schulen im Umland manchmal vier Kinder einen Tisch teilen und Klassen mit bis zu 100 Schülern keine Seltenheit sind, gibt es in DIAMBARS durchschnittlich nur 8-10 Jungen pro Gruppe. Diese werden nicht nach Alter, sondern Kenntnisstand zugeteilt.

Das neue Konzept wird als erstes mit der Multimediaklasse in einer Art Pilotprojekt durchgeführt. In Zusammenarbeit mit Apple und verschiedenen Stiftungen sowie Organisationen wird dort jeder der Schüler an seinem eigenen Laptop (Apple Ibook) der neuesten Generation arbeiten. Mit den darin enthaltenen Programmen der ILife Serie (IPhoto, IMovie, IDVD, IWeb und Garage Band) können die Schüler selbstständig arbeiten und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. DVDs, Podcasts und auch Radiosendungen werden damit erstellt werden. Die erste Themen DVD ist schon geplant und wird sich um das Medium „Wasser“ drehen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll zusätzlich eine monatliche Zeitschrift erstellt werden, die in Zusammenarbeit mit einem französischen Verlag herausgegeben wird.[60]

Das Klassenzimmer wird drahtlos vernetzt und die Lehrkraft kann von ihrem Platz aus jederzeit auf die Daten der Schüler zugreifen. Zusätzlich wird ein sog. ACTIVBOARD installiert. Über einen zugehörigen Beamer wird damit der Bildschirminhalt jedes beliebigen Computers im Netzwerk auf eine mit speziellen Sensoren ausgestattete elektronische Tafel projeziert. Mit dem ebenfalls enthaltenen ACTIVPEN kann diese interaktiv genutzt werden und Bemerkungen, Bilder Videos usw. können dem gerade gezeigten Bild hinzugefügt werden.[61] Eine von der norwegischen Regierung gestiftete Solarstromanlage wird demnächst die dafür benötigte Energie liefern wenn - wie so oft - wieder einmal der Strom ausfällt.[62]

[...]


[1] Vgl. auswaertiges-amt.de, Zugriff am 22.09.2007

[2] auswaertiges-amt.de, Zugriff am 22.09.2007

[3] Vgl. Rank, M; 2007

[4] Vgl. UN IAT-SDP; 2003 , S. 1-2

[5] Vgl. DEZA; 2005, S.2

[6] Vgl. UN IAT-SDP; 2003 , S. 8

[7] Ogi, A; 2005

[8] UN IAT-SDP; 2006, S. 87-90

[9] DEZA; 2005, S. 2

[10] Vgl. del Busto, D; 2005

[11] Vgl. Amara, M; 2004, S.61

[12] Vgl. Brinkhoff, K-P; 1998, S. 111

[13] Vgl. Hollmann, W; 1983, S. 107-114

[14] Vgl. Friedenreich, C; 2002

[15] InWEnt; 2004, S.3

[16] InWEnt; 2004, S.4

[17] Schaar, T; 2003

[18] Vgl. : Henley, R; 2005

[19] sportanddev.org, Zugriff am 26.09.2007

[20] unesco.org, Zugriff am 18.09.2007

[21] UN IAT-SDP; 2003

[22] International Conference on Sport and Development; Februar 2003

[23] toolkitsportdevelopment.org, Zugriff am 18.09.2007

[24] European Parliament; 2005

[25] UN IAT-SDP; 2006

[26] Vgl. UN IAT-SDP; 2006, S. 12

[27] Erhart, H-G; 2006, S. 25

[28] eknbg.de, Zugriff am 27.09.2007

[29] Jäger, U; 1998, S. 14

[30] Eichler, C; 2004, S. 50

[31] FIFA - Statuten; 8. Juni 2006

[32] Vgl. FIFA.com, Zugriff am 17.09.2007

[33] Vgl. sportanddev.org, Zugriff am 17.09.2007

[34] Vgl. righttoplay.com, Zugriff am 17.09.2007

[35] Vgl. sportanddev.org, Zugriff am 18.09.2007

[36] Vgl. mysakenya.org, Zugriff am 18.09.2007

[37] Vgl. sportanddev.org, Zugriff am 18.09.2007

[38] Vgl. playsoccer-nonprofit.org, Zugriff am 18.09.2007

[39] Vgl. Grimm, S; 2003

[40] oecd.org, Zugriff am 12.04.2007

[41] Vgl. auswaertiges-amt.de, Zugriff am 11.04.2007

[42] Vgl. Ganns, H; 2006

[43] Vgl. diambars.org, Zugriff am 11.04.2007

[44] Vgl. wikipedia.de, Zugriff am 10.04.2007

[45] Vgl. Perucca, B; 2006 S. 2

[46] Vgl. Perucca, B; 2006, S. 53

[47] Vgl. diambars.org, Zugriff am 26.09.2007, Artikel 1

[48] Vgl. Kamara, C; 2006

[49] Vgl. May, H.; Rank, M. Interview mit Seck, E H A; 2006, Zeile 140-143

[50] Vgl. icsu.org; 2007

[51] diambars.org, Zugriff am 16.05.2007

[52] Vgl. Perucca, B; 2006, S. 52

[53] Vgl. enseignants.com, Zugriff am 18.04.2007

[54] Vgl. Eschapasse, B; 2001

[55] May, H.; Rank, M. Interview mit Murraciole, J-L; 2006, Zeile 354

[56] Vgl. May, H., Diambars - Protokolle; 2006, S. 1

[57] May, H.; Rank, M. Interview mit Murraciole, J-L; 2006, Zeile 400-401

[58] Vgl. May, H.; Rank, M. Interview mit Murraciole, J-L; 2006, Zeile 420-423

[59] Vgl. May, H., Diambars - Protokolle; 2006, S. 31ff

[60] Vgl. Murraciole, J-L; 2006, S. 3

[61] Vgl. e-teaching.org, Zugriff am 22.04.2007

[62] Vgl. Murraciole, J-L; 2006

Details

Seiten
110
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836614863
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225891
Institution / Hochschule
Technische Universität München – Fakultät für Sportwissenschaften, Sportwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
fußball entwicklungsarbeit senegal diambars sport

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Titel: Champions im Fußball - Champions im Leben?