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Moralische Anforderungen an Mitarbeiter heute

Eine Dokumentenanalyse aus wirtschaftspädagogischer Sicht

Diplomarbeit 2007 78 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 PROBLEMSTELLUNG
1.1 Themenerläuterung
1.2 Vorgehensweise bei der Argumentation

2 MORALPSYCHOLOGISCHE SICHT
2.1 Lawrence Kohlbergs Stufenmodell
2.1.1 Wissenschaftliche Vorbedingungen für das Entstehen des Modells
2.1.2 Charakterisierung der Stufen
2.2 Aktuelle Kritik am Modell und seine Weiterentwicklung
2.3 Moralverständnis in dieser Arbeit

3 WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHE SICHT
3.1 Zugrunde liegendes Menschenbild: der homo oeconomicus
3.1.1 Was ist ein Menschenbild?
3.1.2 Der homo oeconomicus und seine Verhaltensannahmen
3.1.3 Versuch einer differenzierten Sicht des homo oeconomicus
3.2 Verbreitung des Menschenbilds in der Betriebswirtschaft
3.2.1 Der tayloristische Ansatz
3.2.1.1 Grundannahmen des Ansatzes
3.2.1.2 Das Menschenbild im Taylorismus - der homo oeconomicus?
3.2.2 Der „neue Mitarbeiter“ aus organisationstheoretischer Perspektive
3.2.2.1 Die Entstehung neuer Organisationsformen
3.2.2.2 Strukturelle Merkmale neuer Organisationsformen
3.2.2.3 Unternehmenskulturelle Merkmale neuer Organisationsformen
3.2.2.4 Geforderte Eigenschaften des neuen Mitarbeiters
3.3 Untersuchung der Ansätze aus moralpsychologischer Sicht
3.3.1 Moralische Anforderungen an den homo oeconomicus
3.3.2 Moralische Anforderungen an den neuen Mitarbeiter

4 DOKUMENTENANALYSE
4.1 Die qualitative Inhaltsanalyse
4.1.1 Allgemeines zur qualitativen Methodik
4.1.2 Die Dokumentenanalyse
4.1.3 Allgemeines Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse
4.1.4 Die strukturierende Inhaltsanalyse
4.1.5 Vorgangsbeschreibung der aktuell angewandten Forschungsmethode
4.2 Wal-Mart
4.2.1 Kurze Skizzierung des Unternehmens
4.2.2 Erläuterung der zu untersuchenden Textpassagen
4.2.3 Analyse der Textstellen nach Stufenzugehörigkeit
4.2.4 Analyse der Textstellen nach moralischen Problemfeldern
4.2.5 Analyse der Textstellen nach zugrunde liegendem Menschenbild
4.3 dm – Drogeriemarkt
4.3.1 Kurze Skizzierung des Unternehmens
4.3.2 Erläuterung der zu untersuchenden Textpassagen
4.3.3 Analyse der Textstellen nach Stufenzugehörigkeit
4.3.4 Analyse der Textstellen nach moralischen Problemfeldern
4.3.5 Analyse der Textstellen nach zugrunde liegendem Menschenbild
4.4 Erstes Zwischenfazit

5 SYNTHESE AUS WIRTSCHAFTSPÄDAGOGISCHER SICHT – EIN RICHTUNGSSTREIT
5.1 Inhaltliche Erläuterung der Ansätze
5.1.1 Klaus Becks Ansatz der Stufenmoral
5.1.2 Jürgen Zabecks Ansatz der Universalmoral
5.1.3 Versuch einer Gegenüberstellung der konträren Positionen
5.2 Einbindung der Standpunkte in die Dokumentenanalyse
5.3 Zweites Zwischenfazit

6 KRITISCHE REFLEXION

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Verzeichnis der Abbildungen

Abbildung 1: Stufen und Ebenen der moralischen Entwicklung nach Kohlberg

Abbildung 2: Ablaufmodell der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kategoriensystem für Wal-Mart

Tabelle 2: Kategoriensystem für dm-Drogeriemarkt

„Dort, wo das Wohlergehen der

Menschen vom Verhalten anderer

Menschen abhängig ist, betreten wir

den Bereich der Moral.“

(Fritz Oser, 1992, S.11)

1 PROBLEMSTELLUNG

1.1 Themenerläuterung

Das oben angeführte Zitat bringt es auf den Punkt: Moralische Fragen treten immer dort auf, wo Menschen interagieren. Sie sind dabei niemals solche, denen einfache, genaue Antworten genügen. Schon in der Antike reflektierten große Denker wie Sokrates, Platon oder Aristoteles darüber, wie ein gutes Leben aussieht, ob es dafür moralische Regeln geben müsse und wer diese aufstellen solle. Auch in dieser Arbeit ist Moral von zentraler Bedeutung. Konkret wird der Frage nachgegangen, welche moralischen Anforderungen heutzutage an Mitarbeiter in Unternehmen gestellt werden. Zu diesem Zwecke wird eine Dokumentenanalyse durchgeführt, in der zwei ausgewählte Unternehmen hinsichtlich moralischer Anforderungen an Mitarbeiter, Moralverständnis und zugrunde liegendem Menschenbild untersucht werden. Was ist zunächst aber unter Moral zu verstehen? In unterschiedlichen wissenschaftlichen Betrachtungen werden oftmals die Begriffe „Moral“ und „Ethik“ parallel verwendet. Mit Moral (lateinisch mos, moris: Sitte, Gewohnheit, Brauch) ist der Bestand an faktisch herrschenden Normen eines abgrenzten Kulturkreises gemeint (Löhr, 1996, S. 53-54). Ethik (griechisch: die am Ort des Wohnens geltenden Regeln) dagegen bezeichnet das methodisch disziplinierte Nachdenken über diese faktisch herrschende Moral. Mit der Unterscheidung von Moral und Ethik wird auch betont, dass eine bestimmte Moral in jeder Kultur zwangsläufig gelebt wird. In jedem Land gibt es beispielsweise eine „Geschäftsmoral“, die sagt, welche Handlungsweisen im Wirtschaftsverkehr üblich sind und deshalb beachtet werden sollten. Stellt man an einen Menschen moralische Anforderungen, erwartet man von ihm bestimmte Qualitäten, die er bezüglich seines moralischen Handelns vorweisen sollte. Möglich ist auch, dass erwartet wird, dass bestimmte Qualitäten nicht vorhanden sind. In dieser Arbeit wird der Mensch in seiner Rolle als Mitarbeiter in einem Unternehmen betrachtet. Der Begriff „Mitarbeiter“ wird dabei kontrastiv zum Begriff des „Manager“ verwendet und bezieht sich somit auf die operative Ebene eines Unternehmens. Der Blick wird bewusst auf den Mitarbeiter gerichtet, da er sich in gewisser Weise in die Obhut eines Unternehmens begibt, und dieses damit auch einen pädagogischen Auftrag, unter anderem hinsichtlich Moralerziehung, zu erfüllen hat.

Schon seit über 30 Jahren wird im angelsächsischen Sprachraum über Moral und Ethik in Unternehmen reflektiert (Blickle, 1998, S. 3). Im deutschen Sprachraum wurde dieses Problem erst etwa zehn Jahre später aufgegriffen und ist heute hoch aktuell. Als Handwerkszeug zur Erarbeitung der moralischen Anforderungen an Mitarbeiter wird die Dokumentenanalyse angewendet. Sie ist eine qualitative, d.h. interpretativ - beschreibende Inhaltsanalyse. Ihr Ziel ist es, aus Textdokumenten, die bereits fertig vorliegen, Textstellen herauszufiltern, die Aussagen zu eingangs festgelegten Forschungskriterien enthalten und diese zu interpretieren. Da die Moral den Menschen in seinen unterschiedlichen Rollen als Familienmitglied, Arbeitnehmer, Lerner, Wähler etc. tangiert, ist dieses Thema für die Wirtschaftspädagogik, die sich traditionell mit dem Menschen im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Erfordernissen und Bildungsbedürfnissen beschäftigt, ein Anliegen, wie auch für viele andere Forschungsgebiete. Diese Arbeit wird im Fach Wirtschaftspädagogik angefertigt. Deshalb wird eine wirtschaftspädagogische Perspektive eingenommen. In dieser Disziplin besteht aktuell ein konstruktiver Dissens über das Moralverständnis und über moralische Anforderungen, die an Mitarbeiter in einem Unternehmen gestellt werden können, dürfen oder sollen. Dieser spannende Diskurs wird in die folgenden Ausführungen mit eingebunden. Nachdem nun das Thema dieser wissenschaftlichen Arbeit genau erläutert wurde, wird im nächsten Schritt die Vorgehensweise bei ihrem Aufbau dargelegt.

1.2 Vorgehensweise bei der Argumentation

Zur theoretischen Untermauerung der Arbeit wird in Kapitel 2 zuerst das Stufenmodell der moralischen Entwicklung von Kohlberg erläutert. Das Modell ordnet den Inhalt moralischer Urteile, die von Probanden in fiktiven Dilemmasituationen gefällt werden, einer Stufe zwischen 1 und 6 zu, wobei Stufe 1 für das niedrigste moralische Niveau steht, Stufe 6 für das höchste. Anschließend werden die wichtigsten Kritikpunkte am Modell angesprochen und Verbesserungsvorschläge aufgezeigt. Nicht annehmbar ist für viele Wissenschaftler vor allem Kohlbergs Universalismuspostulat, d.h. dass die Urteilenden sich in allen Lebenslagen an demselben moralischen Urteilsniveau orientieren. Auch Kohlbergs Moralverständnis ist nur auf Fragen der Gerechtigkeit bezogen. Daher wird es hier auf weitere Aspekte erweitert, die auch z.B. Sichtweisen wie die der Verantwortung mit einbeziehen. Kapitel 3 ist der Wirtschaftswissenschaft und den in ihr präsenten Menschenbildern gewidmet. Nachdem zu allererst geklärt wird, was ein Menschenbild überhaupt ausmacht, richtet sich der Blick auf den Klassiker in der Wirtschaftswissenschaft: den homo oeconomicus. Seine Entstehungsgeschichte wird kurz skizziert, seine Verhaltensannahmen werden aufgezeigt und auch einige Vorurteile ihm gegenüber ein wenig abgemildert. Schließlich wird nach der Verbreitung des homo oeconomicus in betriebswirtschaftlichen Ansätzen zur Unternehmensorganisation geforscht. Im Konzept des Taylorismus, das im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelt wurde und annimmt, dass man mit rein wissenschaftlichen Methoden eine Steigerung der Produktivität bei gleichzeitiger Zunahme der Mitarbeiterzufriedenheit erreichen könne, dürfte man dabei eventuell fündig werden. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich in Sachen Unternehmensorganisation einiges getan. Ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden lebhafte Diskussionen über Alternativen zum Taylorismus vor allem in den USA geführt. Mittlerweile ist die Existenz neuer Organisationsformen mehrfach wissenschaftlich nachgewiesen (Hesch, 1997, S. 111-132). In dieser Arbeit wird die Entstehung der neuen Organisationsformen kurz nachgezeichnet und hinsichtlich struktureller und unternehmenskultureller Merkmale untersucht. Da das Menschenbild des homo oeconomicus für solche Organisationsformen nicht mehr passend ist, wird das Profil des „neuen Mitarbeiters“ aufgestellt, der idealerweise all die Eigenschaften aufweist, die die neuen Organisationsformen verlangen. Um den Anknüpfungspunkt zu Kapitel 2 zu setzen, wird Kohlbergs Stufenmodell schließlich dazu verwendet, die Menschenbilder des homo oeconomicus und des neuen Mitarbeiters hinsichtlich moralischer Anforderungen zu untersuchen. Nach zwei theoretisch sehr gehaltvollen Artikeln wird Kapitel 4 etwas praxisorientierter. Hier wird die Dokumentenanalyse durchgeführt. Zuerst wird das qualitative Forschungsparadigma vorgestellt und zur quantitativen Forschung abgegrenzt. Dann wird die Dokumentenanalyse als Forschungsmethode innerhalb des qualitativen Paradigmas definiert und anhand zweier Ablaufmodelle beschrieben: Das generelle Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse und das hier angewandte Modell der strukturierenden Inhaltsanalyse. Anhand der strukturierenden Inhaltsanalyse wird die Vorgehensweise in dieser wissenschaftlichen Arbeit dargelegt. Wal-Mart ist das erste Unternehmen, das einer Analyse unterzogen wird. Erst wird es in seiner Geschichte und seiner Entwicklung kurz vorgestellt, dann werden die Textpassagen erläutert, die aus den Dokumenten zur Analyse selektiert wurden. Sie werden zuerst in das Kohlbergsche Stufenschema eingeordnet, schließlich wird Hinweisen auf das vorliegende Moralverständnis nachgegangen und auch das zugrunde liegende Menschenbild wird sichtbar. All die Ergebnisse werden in einer im Anhang zu findenden Tabelle festgehalten. Zum wird mit dem zweiten Unternehmen, dm-Drogeriemarkt, genauso verfahren. Eine Synthese aus allen bisher in der Dokumentenanalyse gewonnen Einsichten wird im ersten Zwischenfazit gebildet. In Kapitel 5 werden alle Ergebnisse aus der Perspektive der Wirtschaftspädagogik neu betrachtet. Innerhalb der Wirtschaftspädagogik herrscht Uneinigkeit über die moralische Erziehung. Während Klaus Beck, der sich intensiv mit der Kohlbergschen Theorie befasst hat und empirisch vor allem das Universalismuspostulat widerlegen konnte, für eine segmentierte, d.h. auf verschiedene Lebensbereiche angepasste Moralerziehung plädiert, hält Jürgen Zabeck an einer universellen Moral im Sinne Kants fest. In einer Gegenüberstellung der beiden Positionen wird versucht, sie trotz ihrer vermeintlichen Kontrastivität zu vereinen und sie in die Dokumentenanalyse einzubinden. In einem zweiten Zwischenfazit werden alle bisher gefundenen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. Wie üblich werden am Schluss in Kapitel 6 rückblickend das Vorgehen in der Arbeit betrachtet und alle Resultate kritisch reflektiert. Dabei wird eine persönliche Einschätzung abgegeben und abschließend ein vorsichtiger Blick in die Zukunft gewagt. Nun aber beginnen wir unseren theoretischen Teil mit Kohlbergs Stufenmodell des moralischen Urteilens und den wissenschaftlichen Vorbedingungen für die Entstehung des Modells.

2 MORALPSYCHOLOGISCHE SICHT

2.1 Lawrence Kohlbergs Stufenmodell

2.1.1 Wissenschaftliche Vorbedingungen für das Entstehen des Modells

Lawrence Kohlberg (1927-1987) wurde während seiner Studienzeit von zwei philosophischen und wissenschaftlichen Strömungen beeinflusst. In sein Denken flossen Ideen von Aristoteles und des Psychologen und Pädagogen John Dewey ein. Kohlberg bezeichnet sich als kognitiven Entwicklungspsychologen. Dewey prägte ihn durch das Gedankengut der Chicagoer Schule, die durch eine empirische Philosophie charakterisiert ist. Auch der Entwicklungsgedanke im darwinistischen Sinne ist bei der Theoriebildung präsent. Wegweisend für die Entwicklung seines Stufenmodells jedoch ist vor allem der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget, der ein kognitionspsychologisches Stufenmodell entwickelte, in dem er ausführlich beschreibt, welche Entwicklungsstadien Kleinkinder bis zum Jugendalter durchlaufen. Kohlberg strebt mit seiner Modellbildung eine Verbindung von Philosophie und Wissenschaft und von Theorie und Empirie an (Garz, 1996, S. 11-36). Durch die Verbindung von Philosophie und Wissenschaft beabsichtigt er, dass einerseits verdeutlicht wird, was Menschen meinen, wenn sie Wertebegriffe gebrauchen, andererseits auch klar wird, was sie mit ihnen meinen sollen. Mit der Verbindung zwischen Theorie und Empirie meint Kohlberg, dass die Stufen keine reinen Konstrukte sind, die ein Theoretiker sich ersonnen hat, sondern dass sie aufgrund der Ergebnisse empirischer Untersuchungen gebildet werden. Kohlbergs Stufenmodell entspricht formal den vier Anforderungen, die Piaget an ein solches stellt (ebd., S. 46). So müssen sich erstens die Entwicklungsfolgen deutlich voneinander unterscheiden, d.h. qualitative Unterschiede müssen vorliegen. Zweitens sollten hierarchische Integrationen stattfinden, d.h. die jeweils niedrigere Folge wird in die nächste integriert. Drittens treten die Entwicklungsfolgen dabei immer in einer invarianten Ordnung auf, d.h. Regressionen sind zwanglos nicht möglich. Viertens repräsentiert jede Folge eine von den anderen deutlich abgrenzbare Einheit, d.h. eine strukturierte Ganzheit wird gebildet. Im Folgenden werden die einzelnen Stufen detailliert beschrieben.

2.1.2 Charakterisierung der Stufen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Stufen und Ebenen der moralischen Entwicklung nach Kohlberg

(Quelle: o.V. Gefunden am 10.06.07 unter http://www.answers.com/topic/kohlberg-s-stages-of-moral-development)

Die oben stehende Abbildung zeigt, dass das Kohlbergsche Modell aus drei Ebenen besteht, die sich wiederum in je zwei Stufen gliedern. Zusätzlich ist eine Stufe 0 oder prämoralische Phase vorhanden, die aber nicht in der Abbildung zu finden ist, da in dieser Phase Denkstrukturen, die sich mit Hilfe des Kohlbergschen Stufenmodells erfassen und kategorisieren ließen, noch nicht identifizierbar sind. Stufe 0 bezeichnet den Entwicklungsabschnitt der ersten Lebensjahre des Menschen, also eines Kleinkindes bis etwa vier Jahren (Parche-Kawik, 2003, S. 37).

Die präkonventionelle Ebene besteht aus den Stufen 1 und 2. Moralische Urteile der Stufe 1 werden stets von einem egozentrischen Standpunkt her gefällt. Die urteilende Person ist einzig dazu bereit, die Dinge aus ihrer eigenen Perspektive zu sehen. Etwaige Ansprüche und Interessen anderer Personen können zwar erkannt werden, nehmen aber auf die Argumentation keinen entscheidenden Einfluss. Sollten Interessen anderer überhaupt thematisiert werden, dann wiederum nur mit egozentrischem Hintergrund, also mit der Frage, welche Konsequenzen für den Urteilenden mit dem Interesse des Dritten verbunden sind. Grundsätzlich geht der Urteilende auf Stufe 1 davon aus, dass alle anderen Personen dieselbe Sichtweise der Dinge einnehmen. Eine andere als die eigene Beurteilung eines Sachverhaltes wird nicht als rationale Sichtweise anerkannt und in Betracht gezogen. Sehr oft ist zu beobachten, dass der Handelnde und Urteilende auf Stufe 1 in seiner Argumentationsweise den Standpunkt einer von ihm respektierten Autoritätsperson übernimmt. Dies können im Kindesalter die Eltern sein, später dann der Staat in Form der Gesetzgebung. Dieser Autorität bringt das Subjekt bedingungslosen Gehorsam entgegen. Was sie verbietet, wird als „falsch“ angesehen, was sie gutheißt, als „richtig“. Bestrafung wird als unvermeidbare Konsequenz von „falschem“ Handeln betrachtet. Als Metapher für Stufe 1 gilt: „Die Macht bestimmt, was richtig ist“ (Might makes right), oder „Gut ist, was mir nützt“ (Garz, 1996, S. 56-57).

Stufe 2 kann als instrumentell zweckorientiert und konkret austauschorientiert charakterisiert werden. Konkret austauschorientiert bedeutet, dass in die Argumentation nur die Personen mit eingebunden werden, die unmittelbar am konkreten Konflikt beteiligt sind. Die eigene egozentrische Perspektive wird also zum Teil für die Eröffnung und Durchführung einer wechselseitigen Transaktion zurückgenommen. Die eigenen Bedürfnisse sollen auf jeden Fall befriedigt werden, es wird aber gleichzeitig auch anderen zugestanden, Interessen anzumelden, auch wenn sie unter Umständen von den eigenen abweichen und möglicherweise mit ihnen in Konflikt geraten. Die Handlungsmaxime ist: „Wie du mir, so ich dir“. Jeder darf und soll seinen persönlichen Zielen nachgehen, sich dabei aber an die für alle gültigen Regeln und Gesetze halten, damit jeder individuell seinen Nutzen maximieren kann. Verletzt jemand Regeln und läuft damit den Interessen anderer zuwider, gilt als legitim, dass die anderen im Gegenzug ebenfalls den Interessen des Regelmissachters zuwiderhandeln. Wer hingegen durch sein Handeln einen Beitrag dazu leistet, dass eine andere Person ihre Interessen verwirklichen kann, darf ebenfalls Unterstützung erwarten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Individuum auf präkonventioneller Ebene ausschließlich seine eigenen Interessen und die anderer isolierter Individuen berücksichtigt. Begründungen werden stets aus der Perspektive einzelner Personen vollzogen, sei es bei Stufe 1 die des Handelnden selbst oder bei Stufe 2 zusätzlich die irgendeiner anderen Konfliktpartei.

Mit Stufe 3 ist der Übergang zur konventionellen Ebene vollzogen. Sie wird von Kohlberg als die Stufe der interpersonal – normativen Moral bezeichnet (Spielthenner, 1996, S. 67). Stufe 3 repräsentiert die Idee der wechselseitigen zwischenmenschlichen Erwartungen und Beziehungen. Diese Stufe ist charakterisiert durch das bewusste Eingehen auf die Mitmenschen. Zum ersten Mal bezieht der Handelnde und Urteilende in seiner Reflexion auch die vermuteten bzw. unterstellten Erwartungen der anderen mit ein und versucht, sie zu erfüllen. Ausschlaggebend für diese Form der Moralität ist die umgebende Primärgruppe, d.h. vor allem die Familie oder die Gruppe der Freunde und Bekannten. Auf der dritten Urteilsstufe sind zugewiesene Rollen erstmals von Bedeutung. Damit ist zum einen eine konkrete Rolle (z.B. Berufsrolle) gemeint. So verlangt man zum Beispiel von einem Staatsmann, dass er sich für das Wohl seines Landes einsetzt. Allgemeine Rollenerwartungen (z.B. „ein guter Mensch sein“) können ebenso mit herangezogen werden. Das Individuum versucht, als guter Rolleninhaber die Wertschätzung seiner Umgebung zu gewinnen bzw. zu erhalten und somit in die Gruppe integriert zu sein (Parche-Kawik, 2003, S. 40). Gegebenenfalls räumt man sogar den Interessen des Bezugspartners Vorrang vor den eigenen Interessen ein, um nicht die Gruppenzugehörigkeit zu verlieren. Auf Stufe 3 kann es vorkommen, dass ein Individuum in einen Rollenkonflikt gerät, wenn z.B. die Anforderungen an seine Rolle als „guten Menschen“ mit denen der Berufsrolle konkurrieren. Auf dieser Stufe kann das Individuum diesen Konflikt allerdings noch nicht argumentativ unter Rückgriff auf ein übergeordnetes Kriterium lösen, sondern es muss sich letztlich für eine Rolle entscheiden.

Interaktionsbeziehungen werden auf der dritten Stufe oftmals im Sinne einer konkreten Variante der „Goldenen Regel“ gestaltet. Dies geht weiter als bei dem Grundgedanken von Stufe 2, wo es sich ja nur um den Austausch konkreter Handlungen dreht. Auf Stufe 3 dagegen verlangen die Individuen, dass sich der Handelnde an die Stelle der von seiner Handlung betroffenen versetzt und die Handlung nur dann ausführt, wenn er sie an deren Stelle auch selbst akzeptieren könnte. Auf Stufe 3 ist also eine soziozentrische Perspektive vorzufinden. Diese ist generell getragen vom Bewusstsein gemeinsamer Wertevorstellungen und Rollenerwartungen. Das Individuum beurteilt im Sinne der konkreten Goldenen Regel Handlungen aus der Sicht der Bezugspartner und versucht sich in deren Positionen hineinzuversetzen.

Stufe 4 ist die Stufe der Moral sozialer Systeme (Spielthenner, 1996, S. 73). Diese Bezeichnung beruht darauf, dass die gesamte Gesellschaft mit ihren Interessen, Rechten und Pflichten stärker in den Mittelpunkt rückt. Moralische Überzeugungen werden im Bezug auf diese gerechtfertigt. Individuen fühlen sich der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung verpflichtet und unterscheiden verstärkt zwischen gesellschaftlichen und eigenen Sichtweisen. Eine Person, die moralisch-kognitiv auf Stufe 4 einzuordnen ist, zieht die von den sozialen Systemen und Institutionen erlassenen Gesetze, Verordnungen und Regeln als Urteilskriterium bei der Reflexion moralischer Problemlagen heran (Parche-Kawik, 2003, S. 41). Es spielt dabei keine Rolle, um welche sozialen Systeme es sich handelt. Sowohl der Staat mit seinen Einrichtungen ist denkbar, aber auch religiöse Institutionen sowie das System „Familie“ oder ein Unternehmen. Der Stufe-4-Handelnde fühlt sich dem Fortbestand der Regeln und Normen verbunden, die in diesen sozialen Systemen gelten. Unter diesem Aspekt bewertet er sowohl eigene als auch fremde Interessen. Auch stellt er diese Regeln und Normen nicht in Frage und sieht sie als für alle Systemmitglieder gleichermaßen gültig an. Hält sich das Individuum an die Regeln, sind positive Reaktionen des Systems zu erwarten, im gegenteiligen Fall negative. Gültige Normen werden als gegeben hingenommen und nicht im Bezug auf höhere Maßstäbe hinterfragt. Eine Parteinahme, d.h. ein Urteil, das von persönlichen Beziehungen abhängig ist („Vetternwirtschaft“), wird abgelehnt.

Auf dem konventionellen Niveau greifen handelnde Personen also zusammenfassend gesehen in ihren Begründungen auf sozial geltende Normen zurück. Auf der 3. Stufe sind es die Normen, die sich aus Rollen ergeben, auf der 4. Stufe solche, die sich aus sozialen Systemen ergeben. Wie Kohlberg in seinen umfassenden Untersuchungen herausfand, argumentiert die Mehrzahl der Jugendlichen und Erwachsenen auf diesem Niveau.

Mit den Stufen 5 und 6 wird das postkonventionelle Niveau erreicht. Die 5. Stufe der Moral bezeichnet Kohlberg als die der Menschenrechte und des sozialen Wohls („human rights and social welfare morality“). Diese Stufe ist von zwei Grundideen geprägt. Einerseits gibt es gewisse Rechte, die für alle Menschen in gleichem Maße gelten, andererseits müssen konkret bestehende Gesetze und moralische Regeln letztendlich im Bezug auf das Wohl der Menschen gerechtfertigt werden (Spielthenner, 1996, S. 78). Solche übergeordneten Rechte sind beispielsweise die Menschenrechte, die 1948 von der UNO deklariert wurden, oder die Virginia Bill of Rights, nach der alle Menschen von Natur aus gleich frei und unabhängig sind und inhärente Rechte auf Leben, Freiheit und Besitz sowie auf Glück und Sicherheit haben. Während auf Stufe 4 bestehende Normen, Regeln und Gesetze als gegeben hingenommen und akzeptiert werden, werden sie auf Stufe 5 hinsichtlich idealer Werte hinterfragt. Universell gültige Werte und Rechte haben dabei Vorrang vor sozialen Bindungen und Übereinkünften. Sind geltende Rechtsnormen nicht mit den idealen Werten zu vereinbaren, rechtfertigt dies Regelübertretungen und Gesetzesverstöße. Problematisch an der Stufe 5 ist, dass sich die Art und Weise des moralischen Denkens recht uneinheitlich darstellt. Jeder Handelnde und Urteilende kann sich seine individuelle Werteskala selbst ausdenken. Er kann aber nicht begründen, warum er welchen Wert an welche Stelle seiner persönlichen Wertehierarchie setzt (Parche-Kawik, 2003, S. 42). Ebenso spielt es keine Rolle, ob er die Werteskala, die er vertritt, selbst konstituiert hat oder sich auf eine von extern vorgegebene Werteskala beruft; von Bedeutung ist nur, dass irgendwelche Faktoren als vorrangig zu allen etablierten Verhältnissen betrachtet werden.

Stufe 6, die höchste aller Stufen, ist die der universalisierbaren, reversiblen und präskriptiven allgemeinen ethischen Prinzipien. Diese Stufe ist wissenschaftlich umstritten, da sie weder endgültig definiert wird noch ihre empirische Absicherung gewährleistet ist (Spielthenner, 1996, S. 84-89). Kohlberg ist dennoch der Auffassung, dass die Stufe 6 in seiner Theorie der Stufen moralischer Urteilsfähigkeit enthalten sein sollte, da nur durch sie moralisches Handeln auf anderen Stufen beschrieben werden könne, sie also eine Art „Meta-Stufe“ darstelle. Stufe 6 kann nur als hypothetische Stufe oder als „theoretical postulation“ angesehen werden. Hier nehmen Gerechtigkeitsoperationen nicht nur neue Formen an, sondern sie werden auch bewusste Prinzipien. Der Begriff des „Prinzips“ ist dabei nicht mit „Grundsatz“ gleichzusetzen, von dem keine Abweichung möglich ist, sondern als „grundsätzliches Denken“. Prinzipien sind dabei moralischen Regeln stets übergeordnet. Als Beispiel für diese recht abstrakte Argumentation sei das Prinzip der Achtung vor der Würde der menschlichen Person zu nennen. Dieses Prinzip bedeutet nicht, dass menschliches Leben grundsätzlich zu erhalten sei, sondern dass es in manchen Fällen zur Erhaltung menschlichen Lebens verpflichtet, in manchen zur Tötung berechtigt. Diese abwägende Argumentation fließt aktuell in den Bereich der pränatalen Diagnostik in Deutschland ein, wo die Ansichten im ethischen Diskurs so stark variieren, dass eine abschließende Konsensfindung über das Machbare bis hin zum ethisch Vertretbaren noch nicht absehbar ist.

Prägend für Stufe 6 ist die Erkenntnis, dass die Pluralität von Wertüberzeugungen und Wertehierarchien ein enormes Konfliktpotenzial darstellen kann. Eine Verständigung zwischen den Vertretern der jeweiligen Ansicht ist also unabdingbar. In den Vordergrund treten Problemlöseverfahren und ihre Gestaltung. Die moralische „Richtigkeit“ der Wahl einer bestimmten Problemlösung ist dabei davon abhängig, ob bei der Erarbeitung die Prinzipien der Prozedur der Moralbegründung eingehalten wurden. Prinzipien der Stufe 6 beschreiben den für moralische Entscheidungen geeigneten Verständigungsprozess selbst.

Zusammenfassend bilden die Stufen 5 und 6 das postkonventionelle oder auch universalistische Niveau, welches durch einen „idealen Standpunkt“ gekennzeichnet ist. Das moralische Denken weist aber im Vergleich mit Stufe 6 noch Mängel auf, da sich bei Stufe 5 jeder Handelnde und Urteilende auf eine individuelle Werteskala beruft, während bei Stufe 6 bereits allgemeine Prinzipien zugrunde gelegt werden und dabei die Konsensfindung zwischen den Konfliktparteien eine bedeutende Rolle spielt. Erwähnenswert ist auch, dass bisher in allen Studien und Versuchen die Stufe 6 bei so gut wie keinem Probanden festgestellt werden konnte. Kohlberg zog zur exemplarischen Untermauerung dieser Stufe stets Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King heran. Diese sind aber nicht repräsentativ für die Mehrheit der Bevölkerung.

Kohlbergs Stufentheorie ist in den letzten Jahrzehnten vielfach kritisiert worden; Versuche, sie zu falsifizieren, waren zahlreich. Im Folgenden werden die hier relevanten Kritikpunkte am Modell dargestellt und auch Weiterentwicklungstendenzen aufgezeigt.

2.2 Aktuelle Kritik am Modell und seine Weiterentwicklung

Anlass zur Kritik boten insbesondere folgende Aspekte am Modell Kohlbergs, die im Laufe dieser Arbeit relevant sind: Die Annahme der strukturellen Ganzheit der Denkweise und somit die Homogenität der moralischen Denkstruktur und das eingeengte Moralverständnis.

Kohlberg setzt in seiner Theorie eine strukturelle Ganzheit der Denkweise und somit eine Homogenität der moralischen Denkstruktur voraus. Diese These ist ohne Zweifel eine seiner umstrittensten, da mehrfach empirisch nachgewiesen konnte, dass ein Individuum eben nicht in allen Entscheidungssituationen auf der identischen moralischen Stufe urteilt (Minnameier et al., 1999, S. 430). Aus diesem Befund heraus entstand die lebhaft geführte Segmentierungsdebatte, die auch in der Wirtschaftspädagogik Einzug gehalten hat. Argumente dieser Debatte werden in einem späteren Teil dieser Arbeit aufgegriffen und erläutert werden.

Kohlbergs Moralverständnis kann durchaus als eingeengt angesehen werden. Der Kern der Moral ist für ihn das Prinzip der Gerechtigkeit als Fairness. Im Laufe der menschlichen Entwicklung verändert sich dabei die Struktur des Gerechtigkeitskonzepts. Entscheidende Veränderungen in der Moralentwicklung sind also laut Kohlberg systematische Transformationen in der Struktur operativen Denkens über Gerechtigkeitsfragen (Oser & Althof, 1992, S. 46). Weitere Auffassungen von Moralverständnis können beispielsweise auf einer Moral der Fürsorge (die dann nach einer moralischen Entscheidung verlangt, wenn das Wohlergehen anderer gefährdet ist), auf dem Idealbild des „guten Menschen“, auf Nutzen-Implikationen von Handeln oder auf der Konformität mit normativen Standards beruhen (Heinrichs, 2005, S. 228-231). Zudem können moralphilosophische Ansätze und auch individuelle Moralvorstellungen danach unterschieden werden, welche Werte oder ethischen Prinzipien sie in den Mittelpunkt stellen: die Rechte des Individuums (z.B. bei Kant), das Gemeinwohl (z.B. im Utilitarismus) oder Konfliktregelungsverfahren (z.B. in der Diskursethik). Die Auflistung der genannten Kriterien verdeutlicht, wie stark sich moralische Standpunkte unterscheiden. Auch in dieser Arbeit wird das Moralverständnis nicht auf die Kohlbergsche Sichtweise beschränkt bleiben. Weitere Auffassungen von Moral werden bei der Dokumentenanalyse herangezogen. Diese werden in Punkt 2.3 näher erläutert. Ziel dieses Abschnitts war es, kritische Einwände gegen die Kohlbergsche Theorie zu erläutern. Teilweise hat Kohlberg seine Theorie auf diverse Einwände hin modifiziert, so dass sie sich im Laufe der Jahrzehnte stetig verändert hat. Gleichzeitig ist festzustellen, dass sich das Kohlbergsche Modell in mannigfaltigen Disziplinen der Wissenschaft etabliert hat und oft und gerne zu weiteren Überlegungen und Analysen bezüglich des moralischen Gehalts anderer Theorien herangezogen wurde. Auch im Folgenden wird das Kohlbergsche Modell als Analyseinstrument verwendet. Zunächst ist es aber nötig, das in der Arbeit verwendete Moralverständnis zu konkretisieren und im Bezug auf Kohlberg zu erweitern.

2.3 Moralverständnis in dieser Arbeit

Kohlbergs Moralverständnis dreht sich um das universelle Prinzip der Gerechtigkeit als Vorstellung einer Balance zwischen Ansprüchen und Bedürfnissen. Gerechtigkeit im Unternehmen wird hauptsächlich unter dem Aspekt der Lohngerechtigkeit behandelt (Liebig, 1998, S. 39). Ein weiteres Moralverständnis beinhaltet größtenteils Fragen der Verantwortung (Lenk & Maring, 1998, S. 19-35). Nach diesem sind moralische Urteile und ethische Probleme in Organisationen gewöhnlich solche der Zuschreibung, Zumessung und Verteilung von Verantwortung. Lenk & Maring (1996, S. 8) verstehen unter Moral in unternehmensbezogenen Fragen eine

„…angewandte Ethik auf der Grundlage einer gemischten pluralistischen Ethik, welche die Maßstäbe des guten Handelns nicht aus einem einzigen Prinzip begründet, sondern verschiedene ethische Grundsätze wie Allgemeingültigkeit, Gleichberechtigung, Fairness, [...], Anerkennung der Menschenwürde, Leistungsangemessenheit […] sowie ein gewisses quasi-[k]aritatives Wohlwollens- und Wohltunsprinzip vereint.“

Diese Definition ist sehr weit umfassend und impliziert sogar das vorhin genannte Moralverständnis. Als drittes ist die Moral der Fürsorge zu nennen. Dieser Begriff wurde von Carol Gilligan, einer Schülerin und später Kritikerin Kohlbergs, geprägt. Sie störte sich an Kohlbergs stark reduziertem Moralverständnis. Ihr Moralverständnis kreist um Ideen wie die der Verantwortung und gegenseitigen Abhängigkeit, um Bindung und Gemeinschaft, um Netzwerke von Beziehungen. All dies sind Punkte, die in einem Unternehmen ebenfalls von Relevanz sind. In Punkt 4 werden die Dokumente unter anderem hinsichtlich des zugrunde liegenden Moralverständnisses analysiert. Zunächst aber wird eine wirtschaftliche Perspektive eingenommen. Darin werden zwei unterschiedliche Menschenbilder vorgestellt und analysiert.

3 WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHE SICHT

3.1 Zugrunde liegendes Menschenbild: der homo oeconomicus

3.1.1 Was ist ein Menschenbild?

Sobald die Schlagworte Wirtschaftswissenschaft und homo oeconomicus in Zusammenhang mit dem Menschenbild der Ökonomik in Verbindung gebracht werden, denkt man an den schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723-1790), der als „Vater“ des homo oeconomicus gilt. Meist wird allerdings nur Smiths Hauptwerk „Wealth Of Nations“ (1776) als Argumentationsgrundlage für die Darstellung des Menschenbilds in der Ökonomik verwendet. Aufschluss über Smiths Menschenbild liefert aber hauptsächlich sein ebenso bedeutendes Werk „Theory Of Moral Sentiments“, das bereits im Jahre 1759 erstmalig erschien.

Ziel des aktuellen Kapitels ist es, zunächst die Entstehung des Menschenbildes in der Ökonomik zu skizzieren und die Verhaltensannahmen des „klassischen“ homo oeconomicus aufzuzeigen. Diese werden dann aber etwas abgemildert. Weiterhin werden ausgewählte Ansätze aus Betriebswirtschaftslehre und Organisationstheorie auf Spuren des homo oeconomicus untersucht. Schließlich werden diese Ansätze aus moralpsychologischer Perspektive kritisch hinsichtlich moralischer Anforderungen an die Mitarbeiter durchleuchtet.

Zunächst ist zu klären, was ein Menschenbild ist und welche Zwecke es erfüllen soll. Nach Hesch (1997) ist „ein Menschenbild [...] eine bestimmte Vorstellung über den Menschen, die aus Annahmen und/oder Erkenntnissen zu seinem Wesen besteht“ (Hesch, 1997, S. 6). Verschiedene Disziplinen haben dabei eine ganz unterschiedliche Auffassung vom Menschen. So wird in der Philosophie das Menschenbild gesehen als

„...ein vereinfachtes, zeitlich variables und gesellschaftsabhängiges Deutungsmuster, das Menschen über sich selbst und über andere Menschen entwickeln. Es kann aufgrund theoretischer Erkenntnisse sowohl ein Abbild menschlicher Charakteristika sein, es kann aber auch als Leitbild, d.h. normativ, wirken“ (ebd., 1997, S. 11).

In der Psychologie dagegen wird unter einem Menschenbild ein „...vereinfachtes Bild vom Menschen als individuelle, vom Selbstbild und Idealbild abhängige Antwort auf die Frage, was der Mensch ist“ (ebd., S. 12) verstanden. Grundsätzlich ist beim Umgang mit Menschenbildern festzuhalten, dass sie Ergebnisse von subjektiven Erkenntnisprozessen sind, die sowohl von Wissenschaftlern als auch von Praktikern stammen (ebd., S. 25). Sie werden „konstruiert“ und können damit nur in Abhängigkeit von den sie erzeugenden Menschen angemessen interpretiert und beurteilt werden. Zudem sind sie lediglich Abbilder und sollten daher nicht mit dem realen Menschen in seiner Komplexität gleichgesetzt werden. Im Folgenden werden die Entstehungsgeschichte des homo oeconomicus als Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften und seine Verhaltensannahmen beschrieben.

3.1.2 Der homo oeconomicus und seine Verhaltensannahmen

Schon in der Antike und im Mittelalter reflektierten bedeutende Denker über die Ökonomik als Haushaltskunst. Dort wurde aber noch nicht bewusst zwischen ökonomischen und ethischen Fragen unterschieden (Hesch, 1997, S. 63-68). Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde im Zuge eines Liberalisierungsprozess die Forderung nach Zurückhaltung des Staates im Wirtschaftsgeschehen gestellt. Ein Vertreter dieser Auffassung war Adam Smith. Seine Ansichten legte er in „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” (1776) dar. Dieses Gedankengut bildete die Grundlage für eine eigenständige, analytisch-theoretische Spezialdisziplin, die Nationalökonomie, und war die theoretische Basis für die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts. Smith gilt als Begründer des homo oeconomicus, der sich im Wesentlichen durch folgendes Verhaltensmodell charakterisieren lässt:

So wird zunächst unterstellt, dass eine allgemeine Situation der Knappheit herrscht und das Individuum nicht alle Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen kann (Kirchgässner, 2000, S. 12). Eine Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten wird verlangt. Verhalten wird im Rahmen dieses Modells als rationales Handeln angesehen. Entscheidungssituationen des Individuums werden beschrieben durch Präferenzen einerseits und Restriktionen andererseits, die den Handlungsspielraum des Individuums begrenzen. Restriktionen sind zum Beispiel Einkommen, Preise, rechtliche Rahmenbedingungen und ähnliches. Das Individuum bewertet die ihm gegebenen Wahlmöglichkeiten entsprechend seiner (stabilen) Präferenzen und entscheidet sich für die Alternative mit dem höchsten Nettonutzen. Menschliches Verhalten ist also eine rationale Auswahl aus den dem Individuum zur Verfügung stehenden Alternativen. Wichtig für die Entscheidung eines Individuums zwischen mehreren Alternativen ist zum einen, dass das Individuum die Entscheidung eigenständig trifft und somit gemäß seinen persönlichen Präferenzen handelt, und zum anderen, dass es rational handelt. Zusammenfassend ist der homo oeconomicus also ein

„Modell eines ausschließlich „wirtschaftlich“ denkenden Menschen, […]. Hauptmerkmal des homo oeconomicus ist seine Fähigkeit zu uneingeschränktem rationalen Verhalten. Handlungsbestimmend ist das Streben nach Nutzenmaximierung, […]. Zusätzliche charakteristische Annahmen [sind] [l]ückenlose Information über sämtliche Entscheidungsalternativen und deren Konsequenzen [und] vollkommene Markttransparenz. […]“ (Alisch, Arentzen & Winter, 2004, S. 1406).

3.1.3 Versuch einer differenzierten Sicht des homo oeconomicus

Wie sich oben stehend aus der etwas überspitzt formulierten Charakterisierung des homo oeconomicus in einem Wirtschaftslexikon bereits erahnen lässt, wird dieses Menschenbild in der Wirtschaftswissenschaft nicht in dieser Form verwendet. Bei diesem ist als erstes zu kritisieren, dass der Mensch als vollständig informierter und immer blitzschnell entscheidender wandelnder Computer dargestellt wird (Kirchgässner, 2000, S. 27-39). Entgegen dieser Annahme muss das Individuum nicht alle Handlungsmöglichkeiten genau kennen; in der Regel kennt es nur einen Teil davon. Diese Annahme ist also unrealistisch und zudem bereits falsifiziert. Der moderne homo oeconomicus ist eben nicht immer und überall ein Optimierer und das Verhaltensmodell ist eher mit dem Konzept der „eingeschränkten Rationalität“ vereinbar. Zudem ist der Begriff „Rationalität“ generell mit Vorsicht zu genießen. Rationalität bedeutet nicht, dass das Individuum zu jedem Zeitpunkt optimal handelt; schließlich ist optimales Handeln nicht immer objektiv überprüfbar. Vielmehr handelt ein Individuum dann rational, wenn es in der Lage ist, gemäß seinem relativen Vorteil zu handeln.

Auch der Charakter des homo oeconomicus bleibt zu diskutieren. In der radikalen Annahme wird davon ausgegangen, dass der homo oeconomicus nur seine eigenen Interessen verfolgt und egoistisch ist. Egoismus gilt allgemein nicht als positive Charaktereigenschaft. So sträuben sich viele, diesen als Verhaltensannahme zu akzeptieren. Der homo oeconomicus ist aber gar nicht so unsympathisch. Denn seinen Mitmenschen gegenüber verhält er sich nicht egoistisch, sondern lediglich neutral. Diese gegenseitig desinteressierte Vernünftigkeit ist zwar nicht gerade konform mit christlichen Vorstellungen, aber vermutlich in vielen Situationen eine zutreffende Beschreibung des menschlichen Verhaltens. Zu betonen ist auch, dass die Frage des Eigeninteresses und somit die Frage nach der Motivation des homo oeconomicus keiner moralischen Beurteilung gleichkommt, da es sich um eine rein erklärende, positive Theorie menschlichen Verhaltens handelt, nicht um eine normative. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, inwieweit der homo oeconomicus in organisationstheoretischen Ansätzen der Betriebswirtschaftslehre Einzug gehalten hat.

3.2 Verbreitung des Menschenbilds in der Betriebswirtschaft

3.2.1 Der tayloristische Ansatz

3.2.1.1 Grundannahmen des Ansatzes

Der tayloristische Ansatz oder Taylorismus, benannt nach dem amerikanischen Ingenieur und Arbeitswissenschaftler Frederick W. Taylor (1856-1915), entwickelte sich im Zuge der industriellen Revolution gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit der sich erstmals auf Massenproduktion ausgerichtete Großbetriebe etablierten. In seinem Hauptwerk „The Principles of Scientific Management“ (1911) beschreibt er, wie durch die Optimierung fertigungstechnischer Abläufe eine Produktivitätssteigerung erreicht werden kann und gibt vor, die Richtigkeit seines Ansatzes empirisch nachgewiesen zu haben. Er geht davon aus, dass Arbeitnehmer bewusst zu wenig leisten und stellt sich die Frage, wie man den Arbeiter bei zunächst konstant gehaltenem Lohn zu mehr Leistung bewegen könne, ohne sie dabei wesentlich mehr zu belasten. Durch wissenschaftliche Analysen kommt er zu dem Schluss, dass die Lösung in mehreren Punkten liege (Taylor, 1977, S. 123-137). So sind planende und ausführende Arbeit strikt zu trennen. Die Methodik der Arbeitszerlegung ist auf die ausführende Arbeit anzuwenden. Jede Arbeitstätigkeit ist bezüglich Bewegungsfolge, Zeitbedarf und zu verwendender Arbeitsgeräte festzulegen. Dabei sind alle planenden, steuernden und kontrollierenden Arbeitsinhalte aus der Fertigung auszugliedern. Die Arbeitenden sind sorgfältig auszuwählen und direkt am Arbeitsplatz anzulernen. Arbeitsmotivation kann dabei durch ein System der Leistungsentlohnung erzielt werden. All diese Elemente sollen die Anforderungen an den mit ausführender Arbeit beschäftigten Menschen reduzieren und dazu beitragen, seine Arbeitsleistung besser zu quantifizieren und zu kontrollieren (ebd., S. 7). Taylor stritt es stets ab, im Rahmen seines Systems „aus dem Arbeiter eine Maschine, einen bloßen Automaten zu machen“ (ebd., S. 133). Dennoch führte seine Auffassung von menschlicher Arbeit dazu, dass der arbeitende Mensch als maschinenähnlich funktionierender Mechanismus angesehen wurde. Damit konnte der Mensch ebenso in fertigungstechnische Abläufe eingeplant werden wie jeder andere Produktionsfaktor. Zudem geht Taylor davon aus, dass die Arbeitnehmer nach möglichst hohen Löhnen trachteten, während die Arbeitgeber bestrebt waren, die Herstellungskosten so gering wie möglich zu halten (ebd., S. 8). Zusammenfassend hält Taylor das Ideal der „ersten Kraft“ hoch. Diese bezeichnet „de[n] Arbeiter, der genau tut, was ihm gesagt wird und nicht widerspricht“ (ebd., S. 49).

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Details

Seiten
78
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836613316
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225802
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Betriebswirtschaftslehre
Note
2,0
Schlagworte
kohlberg moralische anforderungen wal-mart drogeriemarkt unternehmensleitlinien

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Titel: Moralische Anforderungen an Mitarbeiter heute