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Genogramme in der beratenden Tätigkeit

Beispiel der Herkunftsfamilien der Indexpatientin Frau X

Studienarbeit 2006 73 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Arbeit mit Genogrammen
2.1 Der Ansatz der systemischen Familientheorie
2.2 Einschränkungen

3. Das Erstellen von Genogrammen
3.1. Das Zeichnen von Genogrammen
3.1.1 Graphische Darstellung der Familienstruktur
3.1.2 Dokumentation wichtiger Familieninformationen
3.1.3 Dokumentation von Familienbeziehungen
3.2 Komplexe Genogramme
3.3 Das Genogramm - Interview
3.3.1 Der „Rashomon – Effekt“
3.3.2 Das „Informationsnetz“
3.3.3 Das Ausgangsproblem und der unmittelbare Haushalt
3.3.4 Die aktuelle Situation
3.3.5 Der umfassendere Familienkontext
3.3.6 Das soziale Umfeld
3.3.7 Die Fakten
3.3.8 Die historische Perspektive
3.3.9 Innerfamiliäre Beziehungen und Rollen
3.3.10 Schwierige Fragen nach der individuellen Funktionalität
3.3.10.1 Physische und psychische Probleme
3.3.10.2 Probleme in Arbeit und Beruf
3.3.10.3 Drogen und Alkohol
3.3.10.4 Schwierigkeiten mit dem Gesetz
3.3.11 Prioritäten bei der Strukturierung gewonnener Informationen

4. Interpretation von Genogrammen
4.1 Kategorie 1: Familienstruktur
4.1.1 Haushaltszusammensetzung
4.1.1.1 Haushalt einer intakten Kernfamilie
4.1.1.2 Haushalt einer Familie mit einem allein erziehenden Elternteil
4.1.1.3 Stieffamilien
4.1.1.4 Dreigenerationenhaushalte
4.1.1.5 Haushalte, in denen auch Mitglieder der erweiterten Familie leben
4.1.2 Geschwisterkonstellation
4.1.2.1 Position in der Geschwisterreihe
4.1.2.2 Geschwisterreihe und Geschlecht
4.1.2.3 Altersunterschiede zwischen den Geschwistern
4.1.2.4 Andere Faktoren, die die Geschwisterkonstellation beeinflussen können
4.1.2.4.1 Der Zeitpunkt der Geburt der Kinder im Kontext der Familiengeschichte
4.1.2.4.2 Besondere Charakteristika eines Kindes
4.1.2.4.3 Elterliche „Programmierung“ eines Kindes
4.1.2.4.4 Einstellung der Eltern zu den traditionellen Geschlechterrollen
4.1.2.4.5 Geschwisterposition des Kindes im Verhältnis zur Geschwisterposition der Eltern
4.1.2.5 Ungewöhnliche Familienkonstellationen
4.2 Kategorie 2: Übergänge im familiären Lebenszyklus
4.3 Kategorie 3: Generationen übergreifende, repetitive Muster
4.3.1 Muster der Funktionalität bzw. Dysfunktionalität
4.3.2 Beziehungsmuster
4.3.3 Familienstruktur
4.4 Kategorie 4: Lebensereignisse und Funktionalität
4.4.1 Zusammentreffen wichtiger Ereignisse
4.4.2 Auswirkung von Veränderungen und traumatischen Erfahrungen in der Familiengeschichte
4.4.3 Jahrestagsreaktionen
4.4.4 Soziale, ökonomische und politische Ereignisse
4.5 Kategorie 5: Beziehungsmuster und Dreiecke
4.5.1 Beziehungsdreiecke
4.5.2 Eltern – Kind – Dreiecke
4.5.3 Verbreitete Paar – Dreiecke
4.5.4 Dreiecke in Scheidungs- und Stieffamilien
4.5.5 Beziehungsdreiecke in Familien mit Adoptiv- oder Pflegekindern
4.5.6 Generationen übergreifende Beziehungsdreiecke
4.5.7 Beziehungen außerhalb der Familie
4.6. Kategorie 6: Familiengleichgewicht bzw. –ungleichgewicht
4.6.1 Familienstruktur
4.6.2 Innerfamiliäre Rollen
4.6.3 Ebene und Stil der Funktionalität
4.6.4 Ressourcen

5. Klinische Einsatzmöglichkeiten von Genogrammen
5.1 Das Genogramm in der Familientherapie
5.1.1 Die Mobilisierung der gesamten Familie
5.1.2 Befreiung des Systems von Blockierungen
5.1.3 Klärung von Familienmustern
5.1.4 Normalisierung und Neuformulierung von Familienthemen
5.1.5 Andere Einsatzmöglichkeiten in der Familientherapie
5.2 Anwendung von Genogrammen in der Familienmedizin
5.2.1 Systemischorientierte Aufzeichnung von Krankengeschichten
5.2.2 Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient
5.2.3 Medizinische Überwachung und Präventivmedizin

6. Die Zukunft des Genogramms
6.1 Forschung über das Genogramm als klinisches Hilfsmittel
6.2 Forschung über Familien und Familienprozesse
6.3 Computergenerierte Genogramme

7. Schluss

8. Das Genogramm der Familie X

9. Die im Genogramm verwendeten Symbole und ihre Bedeutungen

10. Interpretation des Genogramms der Familie X

11. Zusammenfassung

12. Literaturverzeichnis

13. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich über ein für Sozialarbeiter durchaus wichtiges Instrument, das Genogramm referieren. Ich möchte aufzeigen, inwiefern diese Methode in der Arbeit mit Familien von Bedeutung ist, wie es anzuwenden, zu analysieren und auszuwerten ist. Es soll deutlich werden, dass das Genogramm ein Mittel zum Zweck ist, der Weg zum Ziel sein kann und sowohl dem Therapeuten als auch der Familie eine Hilfe zur Bewältigung bestehender Probleme bei korrekter Anwendung sein kann. Aufgrund dessen halte ich es für sehr relevant, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Um sich ein fundiertes Urteil bilden zu können, werde ich nun erläutern, wie ich in dieser Arbeit vorgehen werde. Zunächst werde ich eine Einführung in die Arbeit mit Genogrammen geben, um zu verdeutlichen, was unter dem Begriff Genogramm zu verstehen ist und wozu es dient. Anschließend werde ich erläutern, wie Genogramme zu erstellen sind und was dabei zu beachten ist. Nachdem dieses geschehen ist, möchte ich erklären, wie die erstellten Genogramme zu interpretieren und zu analysieren sind. Im Anschluss daran werde ich noch kurz auf die Einsatzmöglichkeiten von Genogrammen im klinischen Bereich eingehen und einen kurzen Einblick in die Zukunft von Genogrammen geben. Um dann die Arbeit abzurunden und um zu zeigen, wie das zuvor theoretisch erworbene Wissen praktisch Anwendung findet, werde ich ein Fallbeispiel aus der Praxis darstellen.

Ziel dieser Arbeit ist es, ein Wissen darüber zu vermitteln, was Genogramme sind, wozu sie nützlich sind und wie sie anzuwenden sind. Weiterhin strebe ich an, dass diese Methode vermehrt genutzt wird. Ich möchte deutlich machen, wie hilfreich dieses Instrument ist.

2. Einführung in die Arbeit mit Genogrammen

Als Genogramm ist die Darstellung eines Familienstammbaums zu verstehen. Es enthält wesentliche Informationen über die einzelnen Familienmitglieder, ihre Beziehungen und sollte mindestens aus drei Generationen bestehen. In graphischer Form zeigen Genogramme Informationen über eine Familie und geben die Möglichkeit, einen schnellen Überblick über die Familienstrukturen zu bekommen. Obwohl viele Ärzte und Familientherapeuten mit Genogrammen arbeiten, gibt es keine verbindliche Methode zur Anfertigung solcher, die allgemeine Gültigkeit besitzt. Es existiert lediglich eine ungewisse Zustimmung unter den Anwendern, welche Informationen zum Erstellen von Genogrammen benötigt werden, wie diese festzuhalten sind und welche Bedeutung man ihnen schenkt.

Mit Hilfe eines Genogramms ist es möglich, das „Bild“ einer Familie in klarer Form zu umreißen, dieses aber auch jeder Zeit wieder zu ergänzen und auf den neuesten Stand zu bringen. Ist ein Therapeut mit einem Fall noch nicht vertraut, kann er im Vorfeld anhand eines Genogramms etliche Informationen über eine bestimmte Familie erfassen und eventuelle Problemfelder erkennen. Die Arbeit mit Genogrammen stellt außerdem eine Erleichterung für Therapeuten dar, da sie sich bei der Betreuung einer Familie auf einen Blick die Familienmitglieder, Strukturen und Ereignisse ins Gedächtnis rufen können. Das Genogramm – Interview ist ein Aspekt einer ausführlichen, systemischen, klinischen Diagnostik. Mit einem Genogramm ist es möglich, vorläufige Hypothesen zu formulieren. In der Regel wird das Genogramm in der ersten Sitzung erstellt und nach Erhalt neuer Informationen überprüft. Die erste Diagnose stellt dementsprechend die Weichen für die weitere Behandlung. Die Familienmitglieder erhalten durch ein Genogramm die Möglichkeit, sich selbst und ihre Stellung in dem Familiensystem auf eine neue und andere Weise wahrzunehmen. Der Interviewer schafft mit einem Genogramm eine systemische Sichtweise, diese ermöglicht der Familie und dem Therapeuten das „größere Bild“ der Familie in Bezug auf aktuelle Probleme und auch im historischen Sinne, zu erkennen. Die Informationen über Struktur, Beziehungsmuster, das Funktionieren oder Nichtfunktionieren einer Familie können einerseits horizontal, also innerhalb des derzeitigen Familienkontexts oder andererseits als vertikal, also innerhalb mehrerer Generationen wahrgenommen werden. In einem Genogramm finden alle Mitwirkenden Berücksichtigung, d.h. Mitglieder der Kernfamilie und Mitglieder der erweiterten Familie, aber auch Menschen, die einmal in der Familie gelebt haben oder eine wichtige Bedeutung hatten. Zudem werden die aktuelle Situation, relevante Ereignisse und Probleme dargestellt. Die Person, die das Problem hat oder ein Symptom aufweist, der sogenannte Indexpatient kann im Zusammenhang mehrerer Systeme betrachtet werden, so beispielsweise im Geschwistersystem, in Beziehungsdreiecken, innerhalb der Institution Schule etc.

Durch Diagnostizieren früherer Krisen kann auf aktuelle Konflikte im Familiensystem geschlossen werden. Aus diesem Grunde ist es wichtig, mindestens drei Generationen und alle kritischen Vorkommnisse einer Familie in einem Genogramm zu erwähnen. Verbindet man dann aktuelle Problemfelder mit den Konflikten aus den früheren Generationen, werden sich wiederholende Muster sehr deutlich. Genogramme geben die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen verschiedenen Ereignissen in der Familie aufzudecken. So können z.B. Muster von vergangenen Krankheiten erkannt werden. Genogramme eignen sich zur Darstellung eines emotionalen Systems einer Familie, sie decken Hierarchien, Koalitionen und Grenzüberschreitungen zwischen den Generationen auf.

Als nächstes soll es um die Voraussetzungen systemischer Familientheorie gehen, auf die die Anwendung von Genogrammen basiert.

2.1 Der Ansatz der systemischen Familientheorie

Unter einem System ist eine Gruppe von Menschen, die als eine Funktion des Ganzen interagieren, zu verstehen. Das erste und einflussreichste System stellt für einen Menschen die Familie dar. Eine Familie beinhaltet mindestens drei Generationen und alle verwandtschaftlichen Beziehungen. Sie wird ebenso in ihrer aktuellen Situation, wie auch in ihrer geschichtlichen Entwicklung gesehen.

Menschen und ihre Probleme sind nicht voneinander zu trennen. Das Wohlbefinden eines Mitglieds der Familie steht in einer wechselseitigen Wirkung zum gesamten Familiensystem. Das bedeutet, treten Veränderungen in einem Teil des Systems auf, verändern sich auch die anderen Teile. Von grundlegender Bedeutung für die Arbeit mit Familien ist auch die Tatsache, dass die Beziehungen in Familien von bestimmten Mustern gekennzeichnet sind, die sich von Generation zu Generation wiederholen. Anhand dieser Muster können bestimmte hypothetische Voraussagen über evtl. Persönlichkeitsmerkmale und Beziehungsschwierigkeiten erarbeitet werden.

Es wird vermutet, dass Probleme und Symptome die Anpassung eines Systems an das Gesamtsystem Familie widerspiegeln. „Bowen nennt dies die Generationen übergreifende Übertragung von Familienmustern. Seine These lautet, dass Beziehungsmuster in früheren Generationen einen impliziten Modellcharakter für das Familiengeschehen in der nächsten Generation besitzen.“[1]

Für uns sind dementsprechend die Verhaltens- und Beziehungsmuster, die sich über die Generationen wiederholen oder verändert weitergegeben werden, von großer Bedeutung.

Aus historischer Sicht nehmen wir das gleichzeitige Auftreten von Ereignissen in unterschiedlichen Teilen des Familiensystems nicht als „zufällig“ wahr, sondern als systemisch miteinander verbunden. Kritische Ereignisse, Probleme und Symptome treten oftmals in den Krisen- und Übergangsstadien im familiären Lebenszyklus auf. Bestimmte Probleme oder Symptome werden erhalten, um ein besonderes Beziehungsmuster nicht aufzugeben oder zu vermeiden oder diese Entwicklung aus früheren Generationen zu bewahren. In einer Familie gibt es verschiedene Beziehungsmuster. Für die Familienberatung sind die extremen Beziehungsmuster wichtig. Das eine Extrem besteht aus Familienmitgliedern, die in einer distanzierten oder von Konflikten besetzten Beziehung zueinander stehen und das andere Extrem besteht aus einer emotionalen Verschmelzung zwischen einzelnen Familienmitgliedern. Sind die Grenzen eines Systems sehr eng, ist das System unempfänglich für Umwelteinflüsse, allerdings werden auch die Familienstrukturen undurchlässig. Problematisch wird es, wenn das Familiensystem eine Dysfunktion aufweist. Mit Genogrammen werden die Grenzen des familiären Systems erkennbar. Ein emotionales System basiert auf einem Beziehungsdreieck. Anhand von Genogrammen ist es dem Therapeuten möglich, Schlüsseldreiecke und die Wiederholung von Beziehungsdreiecken über Generationen hinweg zu erkennen und Veränderungen einzuleiten.

Es ist allerdings auch anzumerken, dass es bestimmte Einschränkungen bei der Arbeit mit Genogrammen gibt, auf die ich in dem nächsten Punkt eingehen möchte.

2.2 Einschränkungen

Es ist wichtig zu erwähnen, dass es sich bei der Analyse von Genogrammen lediglich um vorläufige Hypothesen handelt. Die Informationen eines Genogramms müssen eingeschränkt sein und eingeschränkt werden. In der Praxis ermittelt der Therapeut wesentlich mehr Informationen über eine Familie als in einem Genogramm dargestellt werden können. Das Genogramm ist nur ein Aspekt der Exploration, die sich in einem ständigen Prozess befindet.

Nachdem nun ein grundlegendes Wissen über Genogramme vermittelt wurde, soll es im folgenden Kapitel um die Erstellung dieser gehen.

3. Das Erstellen von Genogrammen

Die Arbeit mit Genogrammen stellt einen Teil in dem gesamten Prozess der Familiendiagnostik dar.

Als nächstes möchte ich erklären, wie man Genogramme anfertigt und wie man die für dieses Instrument relevanten Informationen über eine Familie einholt.

3.1. Das Zeichnen von Genogrammen

Im Wesentlichen geht es bei der graphischen Anfertigung eines Genogramms um 1. die zeichnerische Darstellung der Familienstruktur, 2. das Festhalten relevanter Informationen über die betreffende Familie und 3. um das Dokumentieren der innerfamiliären Beziehungen.

Wenden wir uns der ersten Aufgabe beim Zeichnen eines Genogramms zu.

3.1.1 Graphische Darstellung der Familienstruktur

Der Grundstein eines Genogramms wird mit der Darstellung der biologischen und rechtlichen Beziehungen der Familienmitglieder gelegt. Es werden verschiedene Symbole benutzt, um die Mitglieder der Familie festzuhalten und Linien, die ihre Beziehung untereinander widerspiegeln.

Mit Hilfe eines Kästchens oder Kreises wird jedes Mitglied gemäß seines Geschlechts aufgezeichnet. Bei dem Familienmitglied, dessen Genogramm erstellt wird, dem Indexpatienten, werden die Linien des Kästchens oder Kreises doppelt eingezeichnet. Verstorbene Menschen werden durch ein X im entsprechenden Symbol gekennzeichnet, über dem Symbol werden links und rechts die Geburts- und Sterbedaten eingetragen. Das Alter zum Zeitpunkt des Todes einer Person wird in das Symbol geschrieben. Es werden sowohl Schwangerschaften, Fehlgeburten, Abtreibungen, sowie Totgeburten im Genogramm mit Hilfe von speziellen Symbolen aufgeführt. Anhand von Linien werden die biologischen und rechtlichen Beziehungen der Familienmitglieder zueinander verzeichnet. Ehepaare werden durch eine Querlinie, die nach unten versetzt verläuft, dargestellt, wobei der Mann links und die Ehefrau rechts eingezeichnet werden. Das Jahr, in dem das Ehepaar geheiratet hat, wird mit einem H und der entsprechenden Jahreszahl aufgeschrieben. Schrägstriche auf der Querlinie zwischen Eheleuten weisen auf Trennungen („T“) oder Scheidungen („S“) hin, wobei ein Schrägstrich für eine Trennung steht und ein doppelter Schrägstrich für eine Scheidung. Eine durchbrochene, gestrichelte Linie kennzeichnet Paare, die unverheiratet zusammenleben. Für jedes Kind, das ein Paar hat, wird eine Linie von der Verbindungslinie des Paares nach unten gezogen und daran ein entsprechendes Symbol angezeichnet. Geschwister werden ihrem Alter nach, das älteste Kind ganz links, das jüngste Kind rechts eingeordnet. Personen, die gemeinsam in einem Haushalt leben, werden durch eine die Personen umgebene, gestrichelte Linie kenntlich gemacht. Häufig ist es in der Praxis der Fall, dass in einem Genogramm sogar vier oder fünf Generationen dargestellt werden, wenn der Indexpatient z.B. selbst Kinder oder Enkelkinder hat.

Mit einem Genogramm ergibt sich auch die Möglichkeit, das Auftreten eines bestimmten Symptoms oder kritische Ereignisse aus der Vergangenheit der Familie aufzuzeichnen. Gibt man ein bestimmtes Datum im Leben eines Familienmitglieds an, sollte man relevante Geschehnisse in diesem Zeitraum nicht außer Acht lassen. Sollte dies der Fall sein, kann es von Vorteil sein, das damalige Alter der Personen, ebenso das Sterbealter bei verstorbenen Familienmitgliedern in das Genogramm aufzunehmen.

Selbst vage Informationen über die betreffende Familien sollten im Genogramm Beachtung finden.

Damit komme ich auf den nächsten Punkt zu sprechen, das Dokumentieren von wichtigen Familieninformationen.

3.1.2 Dokumentation wichtiger Familieninformationen

In diesem Punkt soll es darum gehen, wie man weitere Informationen über die betreffende Familie dem Grundgerüst des Genogramms hinzufügt. Damit sind vordergründig demographische Informationen, also Altersangaben, Geburts- und Sterbedaten, Wohnort, Beruf und Ausbildungsstand, sowie Informationen über Funktionalität bzw. Dysfunktionalität und Informationen über kritische Ereignisse angesprochen. Mit Informationen über Funktionalität bzw. Dysfunktionalität sind Angaben über die gesundheitliche, emotionale und verhaltensbezogene Verfassung der einzelnen Familienmitglieder gemeint.

Informationen, die eine bestimmte Person des Genogramms betreffen, sollten neben dem dazugehörigen Symbol aufgeführt werden. Kritische Lebensereignisse sind von besonderer Bedeutung, da sie Veränderungen, Verschiebungen in Beziehungen, Verluste und Erfolge mit sich bringen und zeigen, welche Auswirkungen solche Ereignisse auf jedes Familienmitglied haben bzw. hatten. Solche kritischen Ereignisse kann man entweder am Rande des Genogramms oder auch auf einem zusätzlichen Blatt auflisten, wobei das Jahr und eine kurze Beschreibung des betreffenden Ereignisses festgehalten werden. Sollte es nicht möglich sein, konkrete Daten anzugeben, reichen auch ungefähre Jahreszahlen aus. Auf einem zusätzlichen Blatt lassen sich die verschiedenen Ereignisse in chronologischer Form festhalten.

Kommen wir nun zu der Dokumentation von familiären Beziehungen.

3.1.3 Dokumentation von Familienbeziehungen

Die Dokumentation der Beziehungen der verschiedenen Familienmitglieder zueinander gibt uns die wichtigsten Hinweise zur späteren Interpretation des Genogramms. Die Beziehungen zwischen den Personen werden graphisch dargestellt, wobei die Informationen über die Beziehungsqualität entweder von den Familienmitgliedern selbst stammen oder aus Beobachtungen hervorgehen. Zur Darstellung werden verschiedene Linien benutzt.

Als nächstes werde ich darauf eingehen, wie man komplexe Genogramme erstellt und welche Probleme sich dabei ergeben könnten.

3.2 Komplexe Genogramme

Je umfangreicher die Familienstrukturen sind, desto komplexer sind die dazugehörigen Genogramme. Deshalb stellt sich zunächst einmal die Frage, wie man ein Genogramm am sinnvollsten plant. Als erstes sollte man prüfen, wie viele Geschwister und Ehen der elterlichen Generation vorhanden sind. Es ist von Vorteil, sich die folgenden Fragen vor der Erstellung des Genogramms zu stellen, denn sie sind bei der Planung sehr hilfreich: 1. wie oft waren die beiden Elternteile verheiratet und 2. wie viele Geschwister haben die beiden Elternteile und wie viele waren jünger oder älter als sie?

Im Vordergrund eines Genogramms steht der Indexpatient, weshalb Informationen über die Verwandtschaft nur festgehalten werden, wenn sie für den Indexpatienten relevant sind. Wie komplex also ein Genogramm ist, hängt von der Ergiebigkeit der vorhandenen Informationen ab. Bei der Darstellung komplexer Genogramme stößt man allerdings auch schnell an die Grenzen des Machbaren. Es kann sinnvoll sein, einzelne Teile des Genogramms umzustrukturieren, möchte man spezielle Aspekte näher untersuchen. Hat man es mit besonders komplexen Familienstrukturen zu tun, ist es auch möglich, die Situation auf mehreren Genogrammen darzustellen. Die verschiedenen Genogramme werden dann mit bestimmten Symbolen miteinander verbunden. Man muss bedenken, dass es unmöglich ist, die Ereignisse einer Familie detailliert in einem Genogramm darzustellen. Bei der Erstellung eines Genogramms kann es problematisch werden, wenn innerhalb der Familie geheiratet wurde oder wenn Kinder bei verschiedenen Menschen z.B. Pflegefamilien oder Verwandten aufwachsen. Ist dies der Fall, verwendet man zusätzliche Blätter. Komplex ist ein Genogramm auch dann, wenn Kinder in Adoptivfamilien aufwachsen bzw. leben.

Schwierig ist das Erarbeiten eines Genogramms, wenn der Therapeut widersprüchliche Informationen erhält, wenn einzelne Familienmitglieder beispielsweise unterschiedliche Daten benennen oder eine Beziehung unterschiedlich charakterisieren. Auch solche Widersprüche sollten im Genogramm verzeichnet werden.

Viele Scheidungen, Eheschließungen, vielschichtige Beziehungen zu anderen Familien und unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten stellen den Praktiker vor eine große Herausforderung, denn er muss diese komplexen Familienstrukturen komprimiert in einem Genogramm graphisch darstellen.

Im folgenden Gliederungspunkt wird es um das Genogramm – Interview gehen.

3.3 Das Genogramm - Interview

Bei einer ersten Familienbefragung werden in der Regel die Informationen über die Familie eingeholt, die für das Anfertigen eines Genogramms benötigt werden.

Sollte der Therapeut das Anliegen einer Familie nicht ernst nehmen, ist diese Haltung beim Sammeln wichtiger Informationen äußerst hinderlich und könnte die Familie entmutigen. Die eigentliche Aufgabe der Behandlung besteht darin, der Familie beizustehen und ihr zu helfen. Die Gewinnung von Informationen und das Erarbeiten eines Genogramms stellt einen Teil dieser übergeordneten Aufgabe dar.

3.3.1 Der „Rashomon – Effekt“

Informationen, die für die Erstellung eines Genogramms benötigt werden, können durch die Befragung eines oder mehrerer Familienmitglieder eingeholt werden. Das Befragen von mehreren Familienmitgliedern hat einige Vorteile, so kann man zum einen davon ausgehen, dass übereinstimmende Angaben verlässlich sind und zum anderen kann der Interviewer bei der Befragung die verschiedenen Sichtweisen der Personen miteinander vergleichen. Außerdem bekommt der Therapeut die Möglichkeit, den Umgang bzw. die Interaktion zwischen den Familienmitgliedern direkt zu beobachten.

Häufig stellt sich bei einer solchen Befragung der „Rashomon – Effekt“ ein, bei dem dasselbe Ereignis aus der Perspektive verschiedener Menschen, also unterschiedlicher Charaktere berichtet wird.

Trotz der genannten Vorteile, das Genogramm – Interview mit mehreren Personen durchzuführen, ist es auch möglich, nur ein Familienmitglied zu interviewen. Die für solch ein Interview benötigte Zeit ist von Familie zu Familie sehr unterschiedlich. Die grundlegenden Informationen können bereits in weniger als 30 Minuten zusammengetragen werden, wogegen ein umfangreiches Befragen mehrerer Familienangehöriger etwa 50 bis 90 Minuten dauern kann. Aus diesem Grund wird das Interview auch oftmals in mehreren Treffen durchgeführt.

3.3.2 Das „Informationsnetz“

Der Vorgang der Informationsermittlung beginnt mit einem geschilderten Aspekt und breitet sich dann in einem größer werdenden Umkreis aus. Solch ein „Informationsnetz“ breitet sich in unterschiedliche Richtungen aus:

„- vom aktuellen Problem zum umfassenderen Kontext;
- vom unmittelbaren Haushalt zur erweiterten Familie und zu komplexeren sozialen Systemen;
- von der gegenwärtigen Familiensituation zu einer historischen Chronologie von Familienereignissen;
- von leichten, wenig bedrohlichen Fragen zu schwierigen, Angst auslösenden Themen;
- von offensichtlichen Tatsachen zu Einschätzungen der Funktionalität und Familienbeziehungen bis hin zu hypothetisierten Familienmustern.“[2]

Einige dieser Richtungen sollen in den folgenden Punkten näher beleuchtet werden.

3.3.3 Das Ausgangsproblem und der unmittelbare Haushalt

Meistens kommen Familienmitglieder mit einem aktuellen, bestimmten Problem zu einem Therapeuten. Dieses Problem stellt den Ausgangspunkt für die Arbeit des Therapeuten dar, er erklärt den Familienangehörigen, dass er zum Verständnis des Problems noch weitere Informationen benötigt. In der Regel erhält er diese Informationen ganz automatisch bei der Untersuchung des aktuellen Problems und welche Auswirkungen dieses Problem auf die verbleibenden Verwandten hat. Wer lebt in dem Haushalt? Wie sind die verwandtschaftlichen Verhältnisse? Wo leben die restlichen Familienmitglieder? Diese Fragen könnte ein Therapeut stellen, um näheres über die unmittelbaren Angehörigen und über den Kontext, in dem das Problem auftritt, zu erfahren. Zudem fragt er nach Alter und Geschlecht aller Personen, die in einem Haushalt leben. Um weitere Informationen zu erhalten, kann man zu dem Ausgangsproblem etwa folgende Fragen stellen:

- Welchen Familienmitgliedern ist dieses Problem bekannt?
- Wie denken sie darüber und wie war ihre Reaktion darauf?
- Gab es bereits ähnliche Probleme in der Familie?
- Welche Lösungsmöglichkeiten wurden von wem in Erwägung gezogen?

Bei dieser Gelegenheit kann man auch nach Krankenhausaufenthalten oder Therapien fragen.

3.3.4 Die aktuelle Situation

Als nächstes werden Fragen nach der derzeitigen familiären Situation gestellt, die auch im Zusammenhang mit dem Ausgangsproblem stehen. Es wird danach gefragt, was in der vergangenen Zeit in der Familie geschehen ist, ob sich irgendetwas verändert hat, ob neue Personen in die Familie dazugekommen sind oder die Familie verlassen haben, ob es Krankheiten gab, usw. Sowohl aktuelle Veränderungen wie auch zukünftige Veränderungen in der Familie sind von großer Bedeutung, so kann ein Therapeut beispielsweise nach Geburten, Scheidungen, Todesfälle oder das Ausziehen und Wegziehen eines Angehörigen fragen.

3.3.5 Der umfassendere Familienkontext

Nun soll es darum gehen, den umfassenderen Familienkontext zu untersuchen. Ein Therapeut fragt nach den erweiterten Familien der betroffenen erwachsenen Familienmitgliedern. Allerdings muss dazu eine Verbindung zwischen dem Ausgangsproblem und den Familienbeziehungen gewährleistet sein. Diese Verbindung muss den Familienmitgliedern klar werden. Bei der Exploration des umfassenderen Familienkontexts kann man beispielsweise mit der Seite der Mutter beginnen und nach der Anzahl und dem Alter ihrer Geschwister fragen, nach ihrem Geburtsdatum, evtl. Sterbedatum. Sollte sie nicht verstorben sein, kann man erfragen, wo sie wohnt, was sie macht, wann sich die Eltern kennenlernten und heirateten, ob sie schon einmal verheiratet war, wie lange die Ehe dauerte, ob es Kinder aus früheren Ehen gab, frühere Scheidungen, Todesfälle etc. Wichtig ist auch, soweit dies möglich ist, nach Daten zu fragen.

Anschließend geht es um die Familie des Vaters, über ihn werden die gleichen Fragen gestellt.

Dann findet eine Exploration der Herkunftsfamilie der Eltern statt. Eheähnliche Beziehungen, Fehlgeburten, Abtreibungen, Totgeburten, Pflege- und Adoptivkinder sind ebenfalls festzuhalten.

3.3.6 Das soziale Umfeld

Um Informationen über das soziale Umfeld einer Familie zu ermitteln, fragt ein Kliniker nach Freunden, Geistlichen, Haushaltshilfen, Pflegekräften, Lehrern, Ärzten usw. Geht es um außerfamiliäre Personen, die für die Familie von besonderer Bedeutung sind oder waren, sollten auch diese ins Genogramm einbezogen werden. Um diese Informationen zu ermitteln, kann man den Familienmitgliedern folgende Fragen stellen:

„- Welche Rolle haben Nichtfamilienmitglieder in Ihrer Familie gespielt?
- Welche Personen außerhalb der Familie sind für Ihr Leben besonders wichtig gewesen?
- Haben Nichtfamilienmitglieder mit in Ihrer Familie gelebt? Wann? Wo sind sie jetzt?
- Welche Erfahrungen hat Ihre Familie mit Ärzten und anderen Vertretern helfender Berufe und Institutionen gesammelt?“[3]

3.3.7 Die Fakten

Über jedes einzelne Familienmitglied sollten die wichtigsten „Fakten“, objektive Daten, die überprüfbar sind, festgehalten werden. Diese bilden dann die grundlegende Familienstatistik. Über jedes Familienmitglied sollten Datum der Geburt, Heirat, Trennung und Scheidung, Krankheiten, Todesdatum einschließlich Ursache des Todes, Position in der Geschwisterreihe, ethnischer und religiöser Hintergrund, Beruf und Ausbildung und die gegenwärtige Lebenssituation, in Erfahrung gebracht werden.

3.3.8 Die historische Perspektive

Anhand eines Genogramms lässt sich die historische Entwicklung einer Familie nachvollziehen. Häufig lassen sich wichtige Ereignisse aus einer Familie mit gesellschaftlichen historischen Ereignissen verbinden. Ein Therapeut sollte Ereignisse, wie Geburten oder Todesfälle besonders genau explorieren, indem er z.B. fragt, wie die Familie auf die Geburt oder den Tod eines bestimmten Familienmitglieds reagierte, wer die Tauffeier bzw. die Beerdigung besuchte, wer nach wem benannt wurde oder wer nach wem hätte benannt werden sollen, wer unter dem Tod einer bestimmten Person am meisten litt und wer am wenigsten, wie die Testamentseröffnung verlief, ob jemand dabei nicht anwesend war, der hätte da sein sollen, usw. Fragen über Geburten und Todesfälle innerhalb einer Familie sind von besonderer Bedeutung, da der Therapeut durch Veränderungen, die durch solche Ereignisse ausgelöst wurden, Hypothesen über bestimmte Anpassungsmechanismen aufstellen kann. Wichtig ist es, bestimmte Muster der Anpassungsfähigkeit oder Rigidität, die nach solchen Ereignissen aufgetreten sind, zu erkennen, denn gerade dieses Erkennen ist die Voraussetzung dafür, einer

Familie helfen zu können.

Regeln, Erwartungen und Organisationsmuster einer Familie kommen häufig zum Vorschein, wenn man die familiäre Vergangenheit und die Beziehung der Familienmitglieder zu ihrer Vergangenheit betrachtet. Zudem ist es wichtig, die Geschichte bestimmter Probleme zu explorieren, wobei es hauptsächlich darum gehen soll, wie sich familiäre Muster vor, bei und nach dem Problem verändert haben. Von Relevanz sind bei dieser Exploration, wann das erste Auftreten des Problems war, wer es zuerst bemerkt hat, wer es für ernst und wer für weniger ernst befunden hat, ob die familiären Beziehungen vor dem Problem anders waren, welche Probleme es außerdem gab, ob die Familienmitglieder der Meinung sind, das Problem habe sich verändert und inwiefern eine Veränderung eingetreten ist, ob es nun besser oder schlechter geworden ist, was geschehen würde, wenn das Problem weiterhin existieren würde, was wäre, wenn es nicht mehr da wäre, wie die Zukunft aussieht und welche Veränderungen sich die Personen weiterhin vorstellen können.

[...]


[1] McGoldrick, Monica; Gerson, Randy (2000). Genogramme in der Familienberatung, S. 18

[2] McGoldrick, Monica; Gerson, Randy (2000). Genogramme in der Familienberatung, S. 43

[3] McGoldrick, Monica; Gerson, Randy (2000). Genogramme in der Familienberatung, S. 46

Details

Seiten
73
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836612814
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225769
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Sozialwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
familienstruktur genogramm familienmuster beziehungsmuster beratung

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