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Nachgefragt - die Systemtheorie im Praxistest

Diplomarbeit 2007 151 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Systemtheorie - „eine denkbare Wahrheit“
1.1. Herausbildung des Systemdenkens
1.1.1. Der Paradigmenwechsel vom linearen zum systemischen Denken
1.1.2. Dominanzgefüge der sich wandelnden systemischen Konzepte
1.1.3. Resümee zur Historie
1.2. „Was ist ein System?“
1.3. Luhmanns universale Theorie sozialer Systeme
1.3.1. Operation: System-Umwelt-Differenz
1.3.2. Beobachtung: System-Umwelt-Differenz
1.3.3. Operation: Selbsterhaltung
1.3.4. „Jeder ist sich selbst der Nächste“ - Über Komplexität und Kontingenz
1.3.5. Kommunikation ist nicht gleich Kommunikation
1.3.6. Resümee zur Theorie sozialer Systeme
1.4. Eine Theorie psychischer Systeme
1.5. Das Zusammenspiel von Bewusstseins- und Sozialsystemen

2. Das Systemmodell in der Sozialen Arbeit
2.1. Sozialarbeit - Funktion, Gegenstand und Aufgaben
2.2. Helfer- und Klientensystem
2.2.1. Das System und sein Beobachter
2.2.2. Stimulation der Selbstbeobachtung durch Umweltbeobachtung
2.2.3. Struktur und Autonomie des Klientensystems
2.2.4. Komplexität, Kontingenz und Information
2.3. Die psychosoziale Einheit im Beratungsprozess
2.4. Grenzen des Systemmodells in der Sozialarbeit

3. Der Praxistest - Exploration in sozialen Handlungsfeldern
3.1. Die Methodologie der empirischen Forschung
3.2. Die Dokumentation der Interviews
3.2.1. Kontaktaufnahme und Interviewsetting
3.2.2. Erschließung der systemischen Arbeitswelt
3.2.3. Das Selbstverständnis
3.2.4. Persönlicher Gewinn und Effektivität systemischer Beratung
3.2.5. Mühen und Grenzen in der systemischen Beratung

4. Resümee

Anhang A: Interview Joost

Anhang B: Interview Lessing

Anhang C: Interview Mertens

Literaturverzeichnis

Erklärung

0. Einleitung

Die systemische Beratung ist ein inzwischen einschlägiger theoretischer und praktischer Wirkungsbereich der Sozialen Arbeit und in den verschiedensten Handlungsfeldern anzutreffen. Doch nicht überall hat das Systemdenken Einzug erhalten - sei es aus Gründen mangelnder finanzieller Möglichkeiten, fehlender Sachkenntnis, des Desinteresses oder der Ablehnung heraus. Mögliche Anlässe dafür werden im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit thematisiert. Im Vordergrund steht die Fragestellung, aus welchem Grund bereits vielfältig nach dem systemischen Paradigma praktiziert wird bzw. was die Systemtheorie der Sozialen Arbeit darbieten kann.

Nach Lüssi fehlt es der Sozialen Arbeit an einer eigenen beruflichen Identität. Aufgrund dessen gilt es zu ergründen, wie es dem Sozialarbeiter gelingt, sich von seiner hilflosen Situation zu befreien, wenn er beispielsweise Freunden sein Arbeitsfeld beschreiben möchte, „was sie und warum sie es tun“[1]. Eine Lösung für diese Identitätsproblematik verkörpert laut Lüssi das systemische Arbeiten. Hingegen sieht er in der ganzheitlichen Übernahme therapeutischer Methoden die Gefahr der Selbstentfremdung der Sozialarbeit. Die Praxis verliere ihren eigenen Arbeitsgegenstand sowie ihre eigenen Klienten und daraus resultierend ihr eigenes Wesen. Therapiemethoden entfremden nach ihm jene, die wirklich Sozialarbeit ausüben wollen, von der praktischen Sozialarbeitstheorie. Geradeso würde berufliche Identität verhindert werden.[2] Viele Wissenschaftler befürworten, dass die Theorie der Sozialarbeit, sofern sie eine Berufstheorie darstellen möchte, sich aus der Praxis herausbilden muss. Es geht darum, von ihrer eigenen Sozialarbeitstheorie ausgehend, die aus der Reflexion unmittelbarer Praxiserfahrung erwächst, Elemente anderer Disziplinen zu integrieren, sich z. B. psychologische oder soziologische Erkenntnisse nach den eigenen Bedürfnissen und Kriterien dienstbar zu machen. Lüssi spricht von der Sozialarbeitstheorie in der Metapher eines Gewebes, das viele verschiedene Fäden enthält und diese zu einem wahrlich bunten Stoff bündelt. Genau aus diesem Grunde sieht er die Notwendigkeit eines spezifischen Grundkonzeptes, das jenes vielfältige Material konsequent integrieren kann, außerdem ein überzeugendes, klares Muster erkennen lässt und dadurch berufliche Identität herbeiführt.[3]

Die Systemtheorie als ein Konzept des Erkennens der Wirklichkeit aus einer bestimmten Perspektive heraus, stellt nach Lüssi eine ideale Grundlage für die Aufgabe der Sozialen Arbeit dar, dem Lösen sozialer Probleme. Zu untersuchen ist, ob die Systemtheorie dieser Behauptung gerecht werden kann. Das Interesse richtet sich dabei darauf, wie sich mit der Übernahme systemtheoretischer Vorstellungen die Selbstbeschreibungen und Funktionszuweisungen Sozialer Arbeit verändern. Ist damit beispiels-weise auch eine Rücknahme von Aufgaben und Leistungen nahe gelegt? Es ist demzufolge zu überprüfen, wie eine um Systemdenken angereicherte Theorie ihren Gegenstand neu erfasst und ob sie das Handlungsfeld schließlich begrenzt oder erweitert. Es geht dabei jedoch nicht darum, rigoros zu beweisen, dass die Systemtheorie alles erfassen bzw. alle Probleme im Rahmen Sozialer Arbeit lösen kann, wie es der Titel der vorliegenden Arbeit „Nachgefragt - die Systemtheorie im Praxistest“ eventuell vermuten lässt.

In einem interpretativen Zugang sollen zum einen das Bedeutungs- und Handlungsfeld drei verschiedener Pädagogen, die sich in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit systemisches Denken zur Aufgabe gemacht haben, ergründet werden. Dabei steht zur Debatte, ob und wie sich durch das Selbstorganisations-Paradigma ihre Selbstdefinitionen verändert haben. Von Interesse ist ebenso die Bedeutung für die Akteure selbst, d. h. die Motive und Intentionen, die sich innerhalb eines Handlungsfeldes herausbilden. Als Fundament der Exploration sollen die folgenden aufgestellten Thesen dienen:

„Die Übernahme systemtheoretischer Konzepte und Orientierungen wirkt sich in den Handlungsvollzügen Sozialer Arbeit entlastend aus und wird als Erweiterung der Handlungskompetenz bewertet“[4]

„Systemtheorie ist ein Konzept zur Begründung und Analyse widersprüchlicher Entwicklungen im Sozialsektor und zur Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit“[5].

In der zweiten These kommt der zeitgeschichtlich bestimmte Wirkungszusammenhang zum Ausdruck, der auf der Ebene der gesellschaftlichen Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit fassbar wird. Theoriebildung ist schließlich Folge sowie Voraussetzung von Veränderungsprozessen in der Gesellschaft. Gemeint ist der Wandel von der sozialen zur ökologischen Denkweise. Relevant ist, inwiefern sich die Funktionszuweisung Sozialer Arbeit verändert.

Für den Aufbau der vorliegenden Arbeit ist zunächst die reine Darstellung der Theorie des Systemparadigmas (Teil I) vorgesehen. Dessen pragmatischer Nutzen im sozialpädagogischen Bereich findet daraufhin auf theoretischer Basis (Teil II) sowie auf praktischer Ebene (Teil III) Beachtung. Das bedeutet, die Systemtheorie erfährt ihre Rezeption in den praktischen Kontext zum einen durch Recherchen mittels Literatur und zum anderen durch qualitative Erhebungsverfahren.

Sofern ich der vorliegenden Diplomarbeit den Titel „Nachgefragt - die Systemtheorie im Praxistest“ verliehen habe, orientiert sie sich im ersten Teil, anknüpfend an eine historische Einführung, primär an derjenigen Variante der soziologischen Systemtheorie, die durch Luhmann und seine Epigonen vertreten wird. Diese ist von grundlegender Bedeutung für den systemischen bzw. sozialen Beratungskontext. Dabei wird deutlich, welche sozialtheoretischen Konsequenzen mit der „Theorie selbstreferentieller Systeme“ von Luhmann durch die Rezeption des ursprünglich aus der Biologie stammenden „Autopoiesis-Konzeptes“ Maturanas/ Varelas getroffen werden.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die „Theorie sozialer Systeme“ trotz ihres hohen Abstraktionsniveaus auf die Handlungspraxis der Sozialen Arbeit bezogen. Gezeigt wird anhand der vorliegenden Literatur, welche Auswirkung die Systemtheorie auf das beraterische Handeln hat, d. h. was beachtet werden muss und welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen. Um eine Vergleichbarkeit der epistemologischen Ergebnisse aus Teil I mit den praxisbezogenen Schlussfolgerungen zu gewährleisten, wird die Reihenfolge der einzelnen Kapitel auch im zweiten Teil eingehalten. Dadurch lässt sich der Praxisbezug analog mit den vorausgegangenen theoretischen Grundlagen abgleichen.[6]

Daran anschließend werde ich mich auf die Suche nach den persönlichen Erfahrungen im Umgang mit der Systemtheorie in verschiedene Handlungsfelder begeben. Diese spannende Aufgabe soll letztlich ein „eigenes“ Ergebnis zu Tage führen, welchen Nutzen die Theorie in der Praxis bezieht. Dabei stellt sich die Frage, ob sich die Eindrücke aus der dortigen Praxis mit den theoretischen Wissensbeständen der vorliegenden Werke zum systemischen Denken überschneiden. Im Schlussteil wird die handlungstheoretische Konsequenz der systemischen Sichtweise kritisch beleuchtet.

1. Die Systemtheorie - „eine denkbare Wahrheit“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Albert Einstein)

Durch die Systemtheorie ist dem erkennenden Denken ein komplexes, umfassendes Modell gegeben, anhand dessen es vorgehen kann, um die Realität zu verstehen. Voraussetzung ist, dass die Welt an sich, als unbegriffenes Konkretes, prinzipiell systemisch sein muss.[7] Die Systemtheorie beleuchtet, wie komplexe Systeme strukturell und prozessual organisiert sind und wie sie sich mit ihrer Umwelt auseinander setzen.

1.1. Herausbildung des Systemdenkens

Die Systemtheorie - wobei anzumerken ist, dass es nicht die einzige Theorie gibt - ist als eine Integrationsleistung verschiedener Wissenschaftsdisziplinen anzusehen, deren Fokus auf die Strukturähnlichkeiten ihres Gegenstandes gerichtet ist. Sie bezieht verschie-dene Prinzipien aus unterschiedlichen Kontexten ein, überwiegend aus physikalischen, chemischen, biologischen, psychologischen und soziologischen. Sie hat dementsprechend in zahlreichen Teildisziplinen Einzug gefunden, z. B. in der Philosophie, den Kommunikations- und Naturwissenschaften, der Organisationsentwicklung, der Psychotherapie und eben auch im Feld der Sozialen Arbeit. Von einer homogenen System-theorie kann aufgrund der vielfältigen Anwendungsbereiche nicht gesprochen werden.[8] Eine Ursache für diese „Artenvielfalt“ ist der Wandel der Systemtheorie. Systemisches Denken war und ist stark in Bewegung, genau wie unsere Zeit überhaupt.[9] Diese Entwicklung lässt sich schillernd historisch skizzieren, denn in der Systemtheorie fließen Beiträge der Naturwissenschaften und eine ganzheitliche Denktradition der Philosophie, die sich bis zur Antike zurückverfolgen lässt, zusammen.

1.1.1. Der Paradigmenwechsel vom linearen zum systemischen Denken

Als „Paradigma“ bezeichnet man im Allgemeinen ein wissenschaftliches Grunddenkmodell, eine Axiomatik, die das Fundament für verschiedene Theorien bildet. Ein Exempel für ein Paradigma ist das ptolemäische Weltbild, das auf dem Axiom „Die Sonne dreht sich um die Erde“[10] aufbaute. Dieses bedingte nach der kopernikanischen Wende unausweichlich den Bedeutungsverlust der auf ihm gründenden Theorien über die genaue Berechnung der Bahnen der Gestirne. Die neue Prämisse „Die Erde dreht sich um die Sonne“[11] erforderte komplett neue Theorien. Das bedeutet zusammenfassend, ein Paradigma ist maßgebend für das, was beobachtet wird bzw. beobachtet werden kann.

Der Systemgedanke selbst ist kein neuer, kennen ihn die Naturwissenschaften doch schon sehr lange. Bereits in der Antike bediente man sich des Systems, um Ordnung in den unsere Welt umgebenden Kosmos zu bringen. Erwähnt sei an dieser Stelle erneut das bekannteste Planetensystem des antiken Zeitalters, das Ptolemäus. Oder führen wir uns einmal das periodische System der Elemente in der Chemie vor Augen oder das System von Arten, Gattungen und Klassen in der Biologie. Diese Systeme waren vom Kausalitätsprinzip geprägt, d. h. vom einfachen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. In diesem Kontext fällt auch häufig der Begriff des „trivialen Systems“, das sinnbildlich als ein mechanisches System wie ein Flugzeug, eine Uhr, ein Motor oder ähnliches beschrieben werden kann, sprich als eine Maschine, die in ihre Einzelteile zerlegbar ist.[12] Hier kommt zwar auch der Systemgedanke zum Tragen, jedoch handelt es sich um ein „analytisch-dualistisches“[13] Denken, im Gegensatz zum „ganzheitlich-systemischen“[14] Denken.

Der Beginn des systemtheoretischen Paradigmas lässt sich demzufolge zeitlich nicht genau festmachen. Dessen ungeachtet kann sinnigerweise in der Physik des 18. Jahrhunderts angesetzt werden. Isaac Newtons Bild des Kosmos als mechanisches System einfacher Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge geriet als erstes durch Albert Einstein ins Wanken. Seine Relativitätstheorie gilt als grundlegende Vorarbeit zur Quantentheorie, die zu drastischen Änderungen in der Physik führte. Relativitätstheorie und Atomphysik zerstörten alle Begriffe der Newtonschen Weltanschauung, d. h. die Vorstellung vom absoluten Raum, absoluter Zeit, der festen Elementarpartikel und der kausalen Natur physikalischer Phänomene.[15] Mit inbegriffen änderte sich die Auffassung vom Menschen und anderen lebenden Organismen, die gleichermaßen durch das mechanistische Denken bestimmt waren: „Lebende Organismen sind nichts als Automaten“[16]. Die Dynamik verschiedener biologischer Funktionen des Körpers wurden auf mechanische Vorgänge reduziert, vergleichbar mit den Bewegungen eines gut funktionierenden Uhrwerkes.

Die Relativitätstheorie und die Quantenphysik demonstrierten, dass das Universum nicht aus einer Vielzahl einzelner voneinander unabhängiger Teile besteht (Atomismus), sondern als ein harmonisches, nicht teilbares Ganzes, als ein Netz dynamischer Beziehungen verstanden werden muss, das auf ganz entscheidende Weise den Beobachter und sein Bewusstsein mit einbezieht.[17] Bei der Betrachtung und Beschreibung von Phänomenen wurden diesen fortan Zyklen, Schwankungen, Unbestimmtheiten, Unregelmäßig-keiten und Wahrscheinlichkeiten zugrunde gelegt. Das Forschungsinteresse richtete sich nicht mehr auf isolierte Einzelerkenntnisse, sondern auf das Funktionieren des „Ganzen“. Die Art und Weise der Einordnung der Teile in ihren Gesamtzusammenhang, ihre Art der Beziehung zueinander und ihre Eigenschaften rückten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In der Konsequenz wurden diese Überlegungen ebenfalls auf andere Bereiche übertragen. „Wenn-Dann-Aussagen“ verloren in der Ökonomie, Soziologie, Biologie, Chemie und in weiteren wissenschaftlichen Disziplinen an Bedeutung. Die Physiker z. B. wollten das Universum, die Soziologen die Gesellschaft, die Ökonomen die Wirtschaft und die Biologen die Lebensformen als „Ganzes“ erfassen.[18]

Die Konsequenzen aus den genannten Erkenntnissen der Physik für unsere gesamte Sicht von Wirklichkeit waren bahnbrechend. Davon ist die, für unsere Fragestellung relevanteste Erkenntnis, die, dass subatomare Teilchen keine Bedeutung als isolierte Gebilde sondern nur in der Beziehung haben. Die Signifikanz dieser Erkenntnis für die Sozialwissenschaften und die Psychologie hat zahlreiche Theoretiker angeregt und beeinflusst. Mit der Fragestellung „Welches ist das Muster, das alle Lebewesen verbin-det?“[19] formuliert Bateson die Anwendung und Weiterentwicklung einer systemischen Sichtweise. In der Wissenschaft wie auch in unserem gesamten öffentlichen Leben konstituiert sich immer stärker die Erkenntnis, dass wir nicht in einer Welt von Individuen leben, sondern in einem komplexen ökologischen Kontext, in einem globalen System mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.[20] Der Mensch wird somit immer weniger als mechanistisches Triebaggregat oder als Reflexmaschine verstanden, sondern eher als ein aktives Persönlichkeitssystem, das mit seiner Umwelt in einem komplexen Beziehungsgeflecht interagiert.

Viele Autoren bringen den Beginn des systemtheoretischen Paradigmas mit der Gründung der „Society for General System Research“ im Jahre 1954 durch Bertalanffy et al. in Verbindung.[21] Ihre Forschung konzentrierte sich insbesondere auf naturwissenschaftliche, soziale, ökonomische, politische und militärische Phänomene, die durch kausal-analytische Erklärungsmuster nicht ausreichend beschreibbar waren. Sie wollten dynamische Szenarien auf ihre Strukturen, Korrelationen, Konstanten und Variablen hin analysieren und eine methodische Basis erschaffen, um Komplexität greifbar zu machen. Aufbauend auf den Ergebnissen der Thermodynamik[22] und der biologischen Theorie des Organismus[23] hat Bertalanffy die Denktradition des ganzheitlich-ökologischen Denkens mit Resultaten neuer wissenschaftlicher Entwicklungsrichtungen zu einer „General System Theory“ (engl.: Allgemeine Systemtheorie) verschmolzen, wobei er erstmals die Begrifflichkeit des „offenen“, die Umwelt berücksichtigenden, Systems gebrauchte.[24] Die Allgemeine Systemtheorie nach Bertalanffy hat in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem unter ökonomischen und politischen Nutzenkalkülen an Einfluss gewonnen.

1.1.2. Dominanzgefüge der sich wandelnden systemischen Konzepte

Nach Lüssi ist das systemtheoretische Denken auf zwei Linien zum heute führenden wissenschaftstheoretischen Paradigma erwachsen. Als erste benennt er ebenfalls die wissenschaftlich-erkenntnistheoretische Entwicklungslinie, die seit den Dreißigerjahren aus der Biologie herkommend zur Allgemeinen Systemtheorie führte. Die andere stellt für ihn die der kybernetischen Technologie dar, die sich in der Rüstungsforschung des Zweiten Weltkrieges unter Anwendung des Rückkopplungsprinzips herausgebildet hat und heutzutage durch „den Computer“ bestimmt ist.[25] Das systemische Paradigma hat nach Lüssi das lineare Denken zwar überholt, diesem aber nicht seine Gültigkeit genommen. Dennoch wird alles - sei es ein Element, eine Summe, ein Produkt, eine Folge oder Sonstiges - das in linearer Sichtweise erkannt wird, ebenfalls der Prüfung aus der umfassenderen Systemperspektive unterzogen, wobei eine im Anschluss daran abweichende systemische Erkenntnis mehr Gültigkeit besitzt als die lineare. Hier wird die Dominanz des System-Paradigmas deutlich.

Die Beschäftigung mit der Systemtheorie impliziert die Notwendigkeit, genau anzugeben, auf welcher Ebene man Beschreibungen vornimmt bzw. welchen Kontext man betrachtet. Eine für ein einziges Lebewesen innerhalb eines bestimmten Kontextes vollzogene Ursache-Wirkungs-Korrelation mag aufgrund der vorhandenen Komplexität sinnvoll sein, da eine Person die komplexen Rückkoppelungs- bzw. Wirkungskreisläufe nicht vollständig erfassen kann. Somit bedeutet Komplexität Selektionszwang. Die Person greift einen kleinen Teilbereich von Wirkungszusammenhängen heraus, während sie andere ignoriert. Auf diese Weise werden lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge konstruiert. Dies ist nicht falsch zu beurteilen. Im Gegenteil, im richtigen Kontext betrachtet, ist ein solches lineares Denken notwendig und sinnvoll. Will ein Einzelsystem bestehen, muss es aus einer unendlichen Vielzahl und Verkettung von Wirkungszusammenhängen einige selektieren, die speziell für seinen Sinn und seine Identität von Bedeutung sind. Es wird subjektiv „Welt erschaffen“. Eine weitere Sichtweise entsteht erst, wenn man den Kontext, das Metasystem, die Umwelt mit einbezieht. Das Ziel einer systemischen Betrachtung beläuft sich somit darauf, kontextbezogen zu denken. Auf diese Weise erschließen sich neue zirkuläre anstelle kausaler Beschreibungsweisen.[26]

Analog dazu lässt sich die Entwicklung familientherapeutischer Konzeptionen betrachten. Die beiden Entwicklungsphasen der Systemtheorie werden von Geschichtsschrei-bern manchmal als „Kybernetik erster Ordnung“ und „Kybernetik zweiter Ordnung“ beschreiben. Kybernetik bezeichnet ein wissenschaftliches Programm zur Beschreibung der Regelung und Steuerung komplexer Systeme. In der ersten Phase von ungefähr 1950 bis 1980 wurden „ Theorien über beobachtete Systeme[27] entwickelt. Grenzen, Regeln, Subsysteme, Koalitionen usw. wurden bestimmt als das, was ein System hat und darüber hinaus, was es „wirklich“ ist. Theorien über beobachtete Systeme implizieren ein Denken in Begriffen von Kontrolle, Steuerung und Regelung. Etwa ab 1980 begann die Zeit der Entwicklung von „ Theorien über Beobachter, die ein System beobachten[28]. Bei der Kybernetik zweiter Ordnung werden die Prinzipien der Kybernetik auf diese selbst bezogen. Dabei geht es um die „Landkarten“ bzw. um die Fragen, wie menschliche Erkenntnis kybernetisch organisiert ist. Es wird bezweifelt, dass objektiv vom Therapeuten erkennbare Systeme wirklich existieren. Der Beobachter und seine Erkenntnismöglichkeiten als Teil des Kontextes, den er beobachtet, findet Berücksichtigung. Der Wandel der systemtheoretischen Konzepte bedeutet - wie bereits erwähnt - nicht, dass die „alten“ unbrauchbar werden, denn auch diese stellen Versuche dar, die Komplexität sozialer Wirklichkeit zu erfassen. Es kann durchaus hilfreich sein, Hierarchien, Grenzen, Koalitionen usw. zu thematisieren, sofern man nicht glaubt, es gäbe diese wirklich und dass man das System damit in eine bestimmte Richtung steuern kann.

1.1.3. Resümee zur Historie

Der Versuch, die Genese der Systemtheorie strukturiert darzustellen, weist ersichtlich Schwierigkeiten auf, da der Systemgedanke, welcher zum Inhalt hat, dass alle Phänomene in der Welt miteinander in Verbindung stehen, an verschiedenen wissenschaftlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten aufgetaucht ist. Bei der Systemtheorie handelt es sich demzufolge um ein multidisziplinäres Werk, das Anfang des 20. Jahrhunderts in der Physik begann, wenig später in der Biologie seinen Lauf nahm und schließlich im Kontext von Kybernetik und Kommunikationstheorie die Computerisierung unserer Welt vorantrieb. In den 1950er Jahren erreichte die Systemtheorie schließlich das Feld der Psychotherapie, wo sie in der Familientherapie und -arbeit ihre konkrete Anwendung fand.[29] Sie ist grundlegend ein Konzept des Erkennens, eine Methode des gedanklichen Begreifens. Unter systemischem Denken wird verstanden, die Wirklichkeit in einer bestimmten Perspektive zu sehen, und zwar unter der Leitvorstellung, dem Grundmuster des „Systems“.

Wie zu erkennen war, gibt es nicht „die eine“ Systemtheorie. Genauso wenig lässt sich auch von „der“ Definition des Systems sprechen. Der Systembegriff hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit der jeweiligen theoretischen Konzeption, der er entsprungen ist, gewandelt. Somit lassen sich hier zahlreiche Begriffserklärungen finden.

1.2. „Was ist ein System?“

Eine allgemeingültige Begriffsbestimmung liegt nicht vor. Außerdem kann aufgrund der komplexen Thematik eine bündige Definition an dieser Stelle noch nicht erfolgen[30]. Der Systembegriff wird in verschiedenen systemtheoretischen Ansätzen in unterschiedlicher Weise verwendet. Als grundlegende Attribute von Systemen, die sich allen systemischen Ansätzen zuschreiben lassen, sind jedoch besonders zwei Aspekte zu benennen:

1. Systeme bestehen aus Elementen, die für sich genommen als abgeschlossene Einheiten interpretiert werden können und
2. Systeme stehen miteinander in Wechselbeziehungen.

Bereits der Terminus „System“ (griechisch-lateinisch: das Zusammengestellte) lässt die Orientierung an den Beziehungen der Teile zueinander erkennen. Damit ist ein System mehr als nur die Anhäufung von Einzelteilen, es weist die Existenz einer Beziehungsstruktur zwischen den Elementen auf. Z. B. fehlen einem Haufen Sand wesentliche Kennzeichen eines Systems, weil dieses eben die wichtige Eigenschaft besitzt, dass seine Teile nicht beliebig nebeneinander liegen, sondern zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind.[31] Systeme werden als „dynamische Ganzheiten“ begriffen, deren Verhalten das Zusammenwirken der einzelnen Teile bestimmt und die gewisse Eigenschaften und Merkmale besitzen.[32]

Dennoch reicht die Berücksichtigung der in Wechselwirkung stehenden Elemente nicht aus, um „System“ zu definieren. Denn zum einen geht es nicht nur um die Beziehungen der Elemente untereinander, sondern ebenfalls um Ihre Beziehungen zur Gesamtheit der Elemente, d. h. zum System selbst, und zum anderen gehört notwendigerweise das Verhältnis zur Umwelt dazu.[33] Auch Lüssi verweist in seiner Definition konkret auf die Begrifflichkeit des „offenen Systems“: „ Alle biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Systeme sind offene Systeme. Der Fall des <<geschlossenen Systems>> betrifft die unbelebte (physikalisch-chemische) Welt und interessiert hier nicht. Das offene, lebende System, von dem allein wir reden, steht in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umwelt, ja System und Umwelt <<interpenetrieren einander>>, wie es Parsons, der große soziologische Systemtheoretiker, ausdrückt.“[34]

Ausschlaggebend für die Sozialarbeit ist die soziologische Systemtheorie, in deren Zentrum das soziale System steht. Sie wurde größtenteils vom amerikanischen Soziologen Talcott Parsons konzipiert. Wer folglich heutzutage Aussagen über soziale Systeme trifft, ist Parsons Denken verpflichtet. Im Rahmen deutscher Soziologie ragt als Systemtheoretiker Niklas Luhmann hervor. Auf Parsons Ansatz aufbauend hat er mit seiner allgemeinen Theorie sozialer Systeme die gesamte soziologische Erkenntnis unter den Systembegriff gebracht. Nach Luhmann wird jeder soziale Kontakt als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte. Seine allgemeine Theorie sozialer Systeme erhebt für ihn den Anspruch, den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologe zu erfassen und in diesem Sinne universelle soziologische Theorie zu sein.[35]

Luhmanns Gegenstand sind soziale Systeme samt Kontext. Dazu gehört all das, was im folgenden Kapitel behandelt wird: die Operationsweise, genauer gesagt „Kommunikation“, sowie die handlungsleitenden Prinzipien „System-Umwelt-Differenz“ und „Auto-poiesis“. Neben sozialen gibt es nach Luhmann biologische Systeme - bezogen auf Organismen, Zellen, Nervensysteme, Immunsysteme etc. - und psychische Systeme - bezogen auf das menschliche Bewusstsein. Diese stellen bei dem Soziologen die drei Haupttypen dar. Der Mensch oder auch mehrere Personen zusammen bilden nach ihm kein System. Vielmehr ist das Individuum ein Konglomerat autopoetischer, eigendynamischer, nicht-trivialer Systeme, das Anteil an verschiedenen Systemtypen hat. Der Mensch an sich stellt keine Analyseeinheit seiner Systemtheorie dar, wozu sich Luhmann mit einem radikal antihumanistischen Gesellschaftsbegriff in aller Deutlichkeit bekennt.[36] Um Phänomene richtig erfassen zu können, muss man sich nach ihm vom Menschen als Analyseeinheit und vom intuitiven Alltagsverständnis trennen. Luhmann spricht im Zusammenhang mit dem Systembegriff nicht von der Summe der Teile, sondern von „Elementen“. Systeme bestehen nach ihm aus ihren Elementen. Das sind Handlungen, Erlebnisse, Systemmitglieder, Führungseigenschaften, Strukturelemente, Arbeitsklima und viele Aspekte mehr.

1.3. Luhmanns universale Theorie sozialer Systeme

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Margot Berghaus)

Neben sehr unterschiedlichen systemtheoretischen Ansätzen in der Sozialen Arbeit wird in der aktuellen Diskussion eine Theorie angeboten, die den Ausgangspunkt beim Beobachter setzt. Diese Perspektive, welche die Bedeutsamkeit des Beobachters für das, was beobachtet wird, besonders hervorhebt, wird auch als „systemisch-konstruktivistische Systemtheorie“[37] bezeichnet. In dieser Richtung nimmt die soziologische Systemtheorie Luhmanns eine elementare Position ein, da seine Arbeiten in den Diskursen der Soziologie, der systemischen Therapie und der Sozialen Arbeit Eingang erhalten haben. Luhmann ist Konstruktivist, jedoch kein radikaler. Für ihn existiert die Welt, wenn auch unerreichbar, ist somit keine Konstruktion unserer Einbildung. Als Umwelt holt ein System sich die Welt nahe, wodurch sie aber letztendlich Konstruktion des Systems ist. In seiner Universaltheorie ist der Umwelt-Begriff zentral. Luhmann betont: „Sie reklamiert für sich selbst nie: Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes. Auch nicht: Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes. Daher auch nicht: Ausschließlichkeit des Wahrheitsanspruchs im Verhältnis zu anderen, konkurrierenden Theorieunternehmungen. Wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, dass sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte (wie z. B. Schichtung und Mobilität, Besonderheiten der modernen Gesell-schaft, Interaktionsmuster etc.).“[38]

Diese neue systemtheoretische Auffassung platziert Personen außerhalb des sozialen Systems, wodurch sie öfter zunächst auf Skepsis und Ablehnung stößt und ihr sogar Menschenfeindlichkeit vorgeworfen wird. Durch die theoretische Herausverlagerung des Menschen aus dem sozialen System wird die Bedeutung des Individuums jedoch nicht geschmälert, sondern sogar betont. Denn auf diese Weise lässt sich die Besonderheit der beteiligten Menschen unabhängig von den spezifischen Handlungsweisen des Sozialsystems, in das sie eingebunden sind, beschreiben. Personen werden daher als autonome Einheiten verstanden und infolgedessen als „psychische Systeme“ definiert.[39]

1.3.1. Operation: System-Umwelt-Differenz

Der Ausgangspunkt der Luhmannschen Theorie ist sehr allgemein gefasst. Dabei handelt es sich um die Unterscheidung von System und Umwelt. Für Luhmann ist der Umweltbezug konstitutiv für die Systembildung. Die Schlussfolgerung daraus ist, es muss immer von der Gleichzeitigkeit von System und Umwelt ausgegangen werden. System und Umwelt können getrennt als die zwei Seiten einer Form, jedoch nicht ohne die zweite andere Seite existieren. D. h. System und Umwelt identifizieren sich immer nur durch diese Differenz und ein System bildet nur anhand dieser Unterscheidung seine Identität aus.[40] Die Bestimmung eines Systems kann demnach nur im Sinne einer System-Umwelt-Differenzierung erfolgen. Diese systemhervorbringende Unterscheidung geschieht durch einen Beobachter, der eine Einheit von einer Umwelt subjektiv unterscheidet.

Systeme verfügen über Systemgrenzen, durch die sie sich von der Umwelt distinguieren. Sie heben sich einerseits von ihrer Umwelt ab und sind andererseits gleichzeitig auf sie ausgerichtet und strukturell bezogen. Das bedeutet, jedes System wird von seiner eigenen relevanten Umwelt umgeben, mit der es kommunikative Austauschprozesse vollzieht.[41] Umwelt ist also stets „systemrelativ“ bzw. für jedes System etwas anderes, nämlich jeweils das außerhalb des Systems Bestehende aus Sicht des Systems selbst. Umwelt ist kein eigenes System, sondern stellt die Summe von Systemen, Handlungen und Geschehnissen dar, die außerhalb des Referenzsystems[42] liegen. Die relevante Umwelt lokalisiert sich nach Bronfenbrenner auf den Ebenen der Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosysteme.[43] Luhmann stellt sich die Umwelt als Verlängerung der Handlungssequenzen des Systems nach außen vor. Die Umwelt ist für ihn „einfach alles andere“[44] außerhalb des Systems. Die Umwelt ist somit komplexer als das System.

Systeme sind gleichzeitig immer auch Umwelt für die Systeme ihrer Umwelt und damit möglicherweise Objekt ihrer Operationen. Die jeweiligen Systemgrenzen lassen sich dabei nicht klar und eindeutig bestimmen, sondern sind deutungsabhängig. Sie müssen von den Systemakteuren oder denjenigen, die sie rekonstruieren, definiert werden. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, was systemfunktional Sinn macht. D. h. es gibt oft keine klaren theoretischen Festlegungen, wo die Grenzen zu ziehen sind, also was zum System dazugehört und was zur Umwelt. Die Grenzen sind zu konstruieren und die Grenzziehung bedarf häufig der Verständigungsarbeit. Es wird also davon ausgegangen, dass jedes soziale System eine spezifische Sinnstruktur aufweist, die die Grenzziehungen zur Umwelt bestimmt.

Die System-Umwelt-Differenz ist die „Leitdifferenz“ der Systemtheorie. Denn Erkenntnisse über die Welt lassen sich nur als Erkenntnisse über Umwelten von Systemen gewinnen. Die Betonung der Unterscheidung von System und Umwelt ersetzt die veraltete Auffassung früherer Systemtheoretiker, ein System sei ein aus Teilen zusammengesetztes Ganzes. Die alte Auffassung ist zu statisch und lenkt fälschlicherweise den Blick auf das Systeminnere anstatt auf die Systemgrenze. Gegenstand der Systemtheorie ist folglich nicht das System selbst, sondern die Differenz von System und Umwelt.[45] System und Umwelt können als zwei Seiten derselben Medaille begriffen werden, d. h. es ist absurd etwas über ein System aussagen zu wollen, ohne diese spezifische Differenz, seine Grenze zur Umwelt, zu berücksichtigen. „ Ein System ist Differenz zur Umwelt. Umwelt gibt es nur durch das System.[46]

Systeme operieren in System-Umwelt-Differenz. Sie sind dynamisch und bestehen nicht aus Dingen, sondern aus Operationen. „Operation“ bezeichnet die entscheidenden Aktivitäten von Systemen, die für Systeme konstitutiv sind, d. h. mit denen ein System sich selbst produziert und reproduziert. Auf biologische, psychische und soziale Systeme bezogen bedeutet „operieren“ leben, Bewusstseinsprozesse durchführen und kommu-nizieren. Indem sie operieren, erzeugen Systeme die Unterscheidung von System und Umwelt. Die Differenz ist nicht ontologisch, d. h. sie zerschneidet nicht die gesamte Realität in zwei Teile, auf der einen Seite das System, auf der anderen die Umwelt stehend. Ihr Entweder-Oder ist nichts Absolutes. Es ist systemrelativ, aber gleichzeitig objektiv.[47]

1.3.2. Beobachtung: System-Umwelt-Differenz

Neben dem Operieren gibt es eine weitere zentrale Aktivität, das Beobachten. Damit ist das Unterscheiden und Bezeichnen gemeint. Die Systeme kopieren die System-Umwelt-Differenz noch einmal in sich hinein und nutzen diese Abgrenzung intern als Grundkategorie für ihr sämtliches Unterscheiden bzw. Beobachten. Luhmann bezeichnet diesen Wiedereintritt als „re-entry“ und den Akt der Unterscheidung als Selbstreferenz bzw. Fremdreferenz. Ein System muss zuerst operieren, beispielsweise ein soziales System etwas kommunizieren, bevor es die auf diese Weise erzeugte Differenz intern als Unterscheidung und somit als Basis eigener Beobachtung verwenden kann. Dies hat zur Konsequenz, dass alle Erkenntnis eine Konstruktion ist. Denn die System-Umwelt-Differenz ist vom System selbst erzeugt und nicht in der Welt außerhalb des Systems vorhanden.[48]

Selbstreferenz beschreibt die Dynamik einer Einheit, die stets wieder auf sich selbst zurückkommt bzw. an sich selbst anschließt. Intern läuft ein Prozess ab, der die Strukturen des Systems zum Ausgangspunkt nimmt und durch sie bestimmt wird. D. h. man kann sich nur auf sich selbst beziehen, wenn man sich von sich selbst unterscheidet. Die momentane Struktur des Systems wird folglich modifiziert, indem etwas Neues passiert.

Doch wie kann Neues im System entstehen, wenn es nur Bezug auf sich selbst nimmt? Hier setzt der Gedanke der Fremdreferenz an. Über den Prozess der Selbstreferenz wird die Unterscheidung zu sich selbst getroffen, während mittels der Fremdreferenz eine Differenzierung zur Umwelt für den innersystemischen Prozess nutzbar gemacht wird. Die Umwelt wird intern abgebildet, sodass Umweltreize wirken können. Wie sie wirken, bestimmt jedoch das System. Fremdreferenz kann somit als Spezialform der Selbstreferenz verstanden werden[49].

1.3.3. Operation: Selbsterhaltung

Das zweite Basismerkmal von Systemen ist neben der System-Umwelt-Differenzierung das Operieren in Autopoiesis. Luhmann charakterisiert seine Systemtheorie auch als die „Theorie der sich selbst herstellenden, autopoetischen Systeme“[50]. Der aus zwei Komponenten bestehende Begriff der Autopoiesis [51] wurde von dem Biologen Maturana geprägt. Luhmann hat das Konzept der Selbstreproduktion aus den biologischen Zusammenhängen entnommen und auf nicht biologische Systeme übertragen. Die Aussage Maturanas, Leben werde nur durch Leben produziert[52], findet durch Luhmann ihre Erweiterung im sozialen sowie im psychischen Bereich. Doch die allgemeine Theorie autopoetischer Systeme erfordert zunächst eine genauere Angabe derjenigen Operation, die die Autopoiesis des jeweiligen Systemtyps durchführt und auf diese Weise das System gegen seine Umwelt abgrenzt. Biologische Systeme operieren wie gesagt durch Leben, während soziale Systeme durch Kommunikation und psychische Systeme durch Bewusstseinsprozesse operieren.[53]

Bei dem Prozess sozialer Systeme, der die Bestandteile herstellt, aus denen soziale Systeme bestehen, und diese damit erhält, handelt es sich folglich um Kommunikation. Das autopoetische soziale System hält in seiner Operation die Kommunikationsprozesse als Netzwerk innerhalb eines zur Umwelt hin abgrenzbaren Bereichs aufrecht. Das Produkt der Organisation des Systems ist demzufolge das System selbst. Die Autopoiesis wird verwirklicht, indem das System in einem zirkulären Prozess die Elemente, aus denen es selbst besteht, selbst produziert. Dadurch wird die Struktur des Systems verändert. Die Relationen der Bestandteile, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen, sind nicht starr, da sich die Einheit permanent angesichts der ablaufenden Differenzierungsprozesse weiterentwickelt.[54]

Durch die inneren Operationen erzeugen autopoietische Systeme nicht nur ihre eigenen Komponenten, sondern sie konstituieren auch die Grenze, die wiederum die innere Dynamik der Selbstgestaltung ermöglicht. Der interne Prozess und der Systemrand bedingen sich dementsprechend wechselseitig, sind voneinander abhängig. Durch die Trennung von System und Umwelt ergibt sich im Inneren des Systems eine operationale Geschlossenheit der autopoietischen Organisation. Das bedeutet, in seiner Operation bezieht sich das System ausschließlich auf sich selbst. Diese Geschlossenheit verleiht den autopoietischen Systemen Autonomie, durch die sie aus der Umweltkomplexität einen Bereich der Relevanz herausbilden können, auf welchen sie dann intern reagieren, während als irrelevant eingestufte Umweltreize zu keinen Anschlussprozessen[55] führen. Das System entscheidet strukturdeterminiert, auf was es reagiert bzw. wie es sich verhält. Die gegenwärtige Struktur des selbstreferenziellen Systems gibt dementsprechend den Rahmen vor, innerhalb dessen eine Veränderung möglich ist. Erfolgt durch die Bildung eines Anschlusses eine Veränderung, wandelt sich damit auch die Struktur des Ganzen. Dadurch ist ein neuer Zustand gegeben, der wiederum potentielle Modifikationen zulässt und andere ausschließt. Die Struktur und die Entwicklungsmöglichkeiten stehen folglich in einem engen Wechselverhältnis zueinander. Eine gewisse Vorherbestimmtheit lässt sich somit nur auf das Systeminnere, auf dessen Arbeitsweise beziehen und nicht auf die komplexe Außenwelt. Insofern herrscht zwar ein Strukturdeterminismus vor, jedoch keine Vorherbestimmung.

Ein System ist gleichzeitig operational geschlossen[56] und umweltoffen, d. h. es befindet sich stets in einer Beziehung zu seiner Umwelt. Dies stellt lediglich einen scheinbaren Widerspruch in sich dar. Denn der Umweltkontakt, über den Systeme verfügen, wird erst durch die operationale Geschlossenheit ermöglicht. Beispielsweise wird der Austausch von Energie zwischen einer Zelle und ihrer Umwelt von der Zelle gesteuert und kanalisiert. Die Geschlossenheit der Systemorganisation stellt somit die Voraussetzung für ihre Offenheit dar. Die Organisationsstruktur ist geschlossen, während sie gleichzeitig für Anregungen und Anstöße aus der Umwelt offen ist, um diese systemadäquat zu verarbeiten.[57] In diesem Kapitel ist die nahtlose Verknüpfung der verschiedenen elementaren Systembegriffe deutlich geworden. Einige Autoren verwenden deshalb die Termini der Autopoiesis und der Selbstreferenz synonym.

1.3.4. „Jeder ist sich selbst der Nächste“ - Über Komplexität und Kontingenz

Ist nicht mehr jedes Element eines Systems zu jeder Zeit mit jedem anderen Element verknüpft, so bezeichnet Luhmann dieses als „komplex“[58]. Beispielsweise herrscht in einem Vereinsverband keine Überschaubarkeit darüber, wer mit wem wann kommuni-ziert, kooperiert, konkurriert und Informationen austauscht. Ein System kann die eigene Binnenkomplexität nicht vollständig erfassen und verfügt jeweils lediglich über einen selektiven Zugriff auf Informationen, Handlungen, Geschehnisse oder auch Prozesse der Informationsverarbeitung, die sich intern vollziehen. Das Handeln und Erleben sind somit kontingent, d. h. unbestimmt.

Nicht nur die tatsächlichen Handlungsvollzüge gehören nach Luhmann zur Komplexität, sondern auch potentielle Handlungsalternativen der Akteure. Unter Kontingenz versteht er, dass die Möglichkeiten weiteren Erlebens auch anders ausfallen können, als erwartet wurde. „Kontingenz heißt praktisch Enttäuschungsgefahr und Notwendigkeit des Sicheinlassens auf Risiken.“[59] Luhmann verwendet den Begriff der doppelten Kontingenz, um die verschiedenen Wahrnehmungs- und Interpretationsweisen eines jeden Handlungsakteurs innerhalb einer Interaktionssituation zu beschreiben. Begegnen sich zwei füreinander nicht einsehbare psychische Systeme[60] und bilden ein Kommunikationssystem (soziales System), so verdoppelt sich die Kontingenz. D. h. jeder der beiden Kommunikationspartner erlebt nicht nur in Bezug auf sich selbst einen kontingenten Bereich, sondern auch im Zusammenhang mit dem anderen, der wie er selbst nicht transparent ist. Jeder einzelne bestimmt sein eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferenzielle Operationen innerhalb seiner Grenzen. Dasjenige, was von ihm sichtbar wird, ist notwendig Reduktion. Dabei unterstellt jeder dem anderen das gleiche. Den Kommunikationspartner aus seiner Umwelt heraus zu beeinflussen, hat mit Erfahrungen und Glück zu tun. Denn die beiden psychischen Systeme bleiben getrennt, sie verschmelzen nicht. Durch näheres Kennenlernen bildet sich jedoch, basierend auf der Erfahrung der doppelten Kontingenz und einem vorherrschenden Bedürfnis, eine neue Struktur im gegenseitigen Miteinander, die des sozialen Systems.

Reine Kontingenz wird hingegen kaum erfahren, da die Menschen zahlreiche Möglichkeiten geschaffen haben, die unendliche Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten zu beschränken, z. B. durch religiöse oder kulturelle Rituale und Verhaltensregeln. Kontingenzbedingte Unsicherheit wird somit durch Erwartungen reduziert, die sich in sozialen Systemen etablieren und sich zu orientierungsstiftenden Erwartungsmustern verdichten können. Die doppelte Kontingenz ist demzufolge die Voraussetzung für Strukturbildung und damit richtungsweisend für den Aufbau des Systems. Als basaler Bezugspunkt, an dem sich die weitere Kommunikation orientiert, bedingt sie die entstehende Definition des Systems.[61]

1.3.5. Kommunikation ist nicht gleich Kommunikation

Im Alltag werden Kommunikationen als Handlungen von Menschen beobachtet. Kommunikation ist nach Luhmann die elementare Einheit der Selbstkonstitution, während Handlung die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme darstellt.[62] Ein Mensch kann nicht mit einem anderen kommunizieren, da nur soziale Systeme kommunizieren können. Missverständlich und unzulässig ist nach Luhmann ebenfalls die Aussage, Kommunikation bestehe aus Handlungen. Sie lässt sich lediglich nachträglich in der Beobachtung in Handlungen dekomponieren.

Luhmann ist gegen die Vermischung von sozialen und psychischen Systemen. Kommunikation kommt zwar nur mittels einer ständigen „strukturellen Kopplung“[63] mit Bewusstseinssystemen zustande, aber die laufende Reproduktion von Kommunikation durch Kommunikation spezifiziert sich selbst. Bewusstseins- und Kommunikationssysteme sind aufeinander abgestimmt und funktionieren koordiniert. Eine nähere Bestimmung psychischer Systeme, dass sie z. B. die Welt im Gegensatz zu sozialen Systemen sinnlich wahrnehmen können, wird in Kapitel 2.4 vorgenommen.

Kommunikation als die charakteristische, konstitutive Operationsweise sozialer Systeme wird nicht nach der klassischen Sichtweise begriffen, bei der von einem Sender Informationen zu einem Empfänger übertragen werden. Auf der Grundlage des systemtheoretischen Verständnisses und unter Berücksichtigung der operationalen Geschlossenheit sozialer sowie psychischer Systeme lässt sich nicht einfach von Übertragung sprechen. Die operationale Geschlossenheit einer Einheit bedingt, dass nur sinnvolle Themen oder Ereignisse aus der Umwelt wahrgenommen und auf spezifische Weise verarbeitet werden. Somit lässt sich festhalten: Das Gesendete und das Empfangene kann nicht dasselbe sein, denn das Gesendete wird dem System, das sendet, und das Empfangene dem aufnehmenden System zugeschrieben. Die an der Kommunikation beteiligten Systeme werden einzeln berücksichtigt. Betrachtet man das soziale System, das aus der Interaktion beider Einheiten besteht, zeigt sich ein zirkuläres Spiel von aneinander gereihten Kommunikationseinheiten. An eine selektierte und vollzogene Kommunikationseinheit knüpft eine weitere als Reaktion an, an die sich wiederum Kommunikation als Reaktion auf die Reaktion anschließt und so weiter. Die Autopoiesis der Kommunikation erhält auf diese Weise das soziale System aufrecht. Das bedeutet Kommunikation erschafft Kommunikation und der Prozess der Kommunikation, der sich selbst aufrecht erhält, erhält das soziale System aufrecht. Der Zusammenhang der einzelnen Kommunikationsbeiträge wird anhand der Betrachtung der Anschlussbildung deutlich. Kommunikation wählt aus einem komplexen Bereich des Möglichen aus und legt somit ebenfalls fest, inwiefern sinnvoll angeschlossen werden kann. Kommunikation orientiert sich somit an Sinn. Zudem wird durch die Anschlusskommunikation das Vorherige akzeptiert. Ein Beispiel für einen Interaktionsablauf, der für uns keinen direkten Sinn ergibt, ist folgender:

Anita: Oh, ich liebe dich so sehr!

Heinz: Tolles Wetter heute.

Die Akzeptanz der Eingangsbotschaft fehlt an dieser Stelle. Dennoch könnte auch dieses Beispiel real sein. Kommunikation stellt demzufolge ebenso ein Risiko dar. Aus einem komplexen Umweltbereich des Kommunikationssystems wird heraus selektiert, was man ausdrücken möchte, und man hofft schließlich darauf, dass der Kommunikationspartner darauf eingeht und die verstandene Information nicht ablehnt.[64]

Zusammenfassend lässt sich Kommunikation verstehen als „ Drei Selektionen [...:] Information, Mitteilung und Verstehen[65] Dabei ist jede Selektionsscheidung kontingent. Auf den Interaktionsprozess bezogenen liegen die Information und die Mitteilung beim Sender, während die dritte Selektion, die Annahme bzw. das Verstehen, dem Empfänger zugerechnet wird.[66]

Information stellt ein rein systeminternes Produkt dar. Sie entstammen nicht der Umwelt, sondern kommen nur im System selbst vor. Sie können folglich nicht als identische Einheiten aus der Umwelt in das System transportiert werden. Auch wenn der Beobachter dies so empfindet, sind derartige Konstruktionen stets Eigenleistungen des Systems und nicht Daten der Umwelt. Eine Mitteilung ist die Differenz von allen Informationen, über die man verfügt, und den weggelassenen Informationen. Diese stellt somit immer eine Entscheidung für eine bestimmte Information sowie gegen andere mögliche dar. Der Empfänger kann die Mitteilung verstehen bzw. annehmen oder nicht. Dieser Akt ist der relevanteste im gesamten Kommunikationsablauf, denn erst mit ihrem Abschluss im Verstehen kommt Kommunikation zustande. Luhmann zäumt Kommunikation demnach nicht, wie vielfach üblich, von der Mitteilung, sondern vom Verstehen her auf. Doch was versteht Luhmann unter „Verstehen“? Die dritte Selektion bedeutet, zu verstehen, dass es sich um eine Mitteilung handelt und nicht, exakt richtig zu verstehen, welchen Inhalt einem jemand mitteilt. Der Empfänger unterstellt im Extremfall gesehenen sogar, dass der andere die Absicht hat, ihm etwas mitzuteilen. Er versteht, „dass

(1) der Andere über viele Informationen verfügt,
(2) daraus eine bestimmte oder wenige zur Mitteilung gewählt hat und
(3) man somit viele andere Information nicht mitgeteilt bekommt.“[67]

Mitteilungen werden demnach durch die Selektionen anderer gegeben, während die Wahrnehmung bei einem selbst liegt. Es entscheidet demnach nicht die Mitteilung eines Senders darüber, ob Kommunikation vorherrscht oder nicht, sondern die Interpretation als Mitteilung durch den Empfänger. Wir haben es dabei folglich nicht mit der üblichen Sender-Dominanz zu tun. Wenn z. B. jemand etwas durch eine Geste mitteilen möchte, diese von der Person jedoch falsch gedeutet wird (lediglich als ein Kratzen am Kopf oder ähnliches), und somit die Gebärde nicht als eine Mitteilung aufgefasst wird (wie „Der zeigt mir ja einen Vogel!“), liegt auch keine Kommunikation vor. Versteht das Gegenüber hingegen eine nicht als Mitteilung gemeinte Geste als solche, liegt Kommuni-kation vor.

Kommunikation ist nach Luhmann nicht Konsens, sondern Differenz, denn das Ziel von Kommunikation stellt nicht eine erfolgreiche inhaltliche Verständigung dar. Für gelungen hält er sie, wenn sie erfolgt und Anschlusskommunikation nach sich zieht. An-schlussmöglichkeiten werden gebildet, wenn Fragen an den Gesprächspartner oder über die Interaktion offen sind. Eine Mitteilung enthält sogar immer den Hinweis auf eine Differenz, ein mögliches Defizit, eine Irritation, einen Risikofaktor und ähnliches. Interessen, die beim Empfänger liegen, sind:

- Was hat der andere aus seinen Informationen ausgewählt und warum?
- Was hat er nicht gewählt?
- Hat er eventuell zu wenig, ungenau oder falsch Beobachtetes, Unwesentliches, Unsinniges, Irreführendes oder falsch Interpretiertes für die Mitteilung ausgewählt?
- Hat der andere vielleicht etwas Wesentliches nicht mitgeteilt, möglicherweise bewusst verschwiegen, verfolgt damit sogar eine manipulative Absicht?

Diese Irritationen halten die Kommunikation aufrecht, da sie für Anschlussbildung sorgen. Sobald Kommunikation läuft, ist diese Differenzempfindung in Gang gesetzt. Je mehr man etwas beteuert, desto verdächtiger kann man sich machen. Psychen können eben nicht miteinander kommunizieren, d. h. wir können anderen Menschen nicht ins Herz oder in den Kopf blicken. Auf diese Weise setzt der unumgängliche Umweg über Kommunikation unausweichlich einen leisen Zweifel in die Welt. Das Differenzempfinden gilt es für soziale Systeme zu bewältigen. Dafür sind entsprechende Strategien und stetig vertrauensbildende Maßnahmen notwendig, was zur weiteren Ausdifferenzierung der Systeme beiträgt. Im Gegensatz dazu stellt Vertrauen nach Luhmann einen Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität dar.[68]

1.3.6. Resümee zur Theorie sozialer Systeme

Auf der Grundlage der in den vorausgegangenen Kapiteln dargestellten systemtheoretischen Basismerkmale und Leitprinzipien kann nun eine genauere Definition des Systembegriffs sozialer Zusammenhänge vorgenommen werden: „Ein soziales System lässt sich als eine Einheit definieren, die sich von ihrer Umwelt durch ihre spezifische Art und Weise der Sinnverarbeitung abgrenzt.“[69] Die doppelt kontingente Ausgangssituation als Fundament der im System ablaufenden Kommunikation macht Verstehen unwahrscheinlich, jedoch Koordination möglich und notwendig. Das Sozialsystem konstituiert sich durch selektive Kommunikationsprozesse und bildet eine Struktur aus, welche die Abgrenzung zur Umwelt ermöglicht. Dieser Vorgang erfolgt auf Basis eines selbstreferenziellen Prozesses der Selbsterhaltung.[70]

Wird das Sozialsystem aus Kommunikation bestehend angesehen, heißt das gleichzeitig, Personen sind dessen Umwelt zuzurechnen. Demnach kann unabhängig von der sozialen Dynamik das Spezifische des psychischen Systems analysiert werden. Die Eigendynamik der Kommunikation oder der Beziehungsmuster, in die der Mensch „verstrickt“ ist, lassen sich fokussieren. Damit lassen sich dem Individuum bestimmte Wahrnehmungsweisen und Handlungen entziehen, die schließlich das soziale System aufrecht erhalten. Der Einzelne ist somit in das größere Ganze eingebunden und verfügt dennoch über Autonomie. Schließlich besitzt er als eigenständige Person die Freiheit und Möglichkeit, handelnd mitzuwirken und den sozialen Ablauf mitzubestimmen. Beide Aspekte liegen der Systemtheorie zugrunde, sodass in dem folgenden Kapitel das psychische System seine Begriffsbestimmung erfährt.

Der Aspekt des freien, handelnden Menschen im System wird in den letzten Jahren in der systemtheoretischen Diskussion zunehmend betont. Diese post-Luhmannsche Systemtheorie versucht eine Annäherung der Systemtheorie an die Handlungstheorie im Sinne einer positiveren Einschätzung der individuellen Handlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten in und auf soziale Systeme. Dabei wird postuliert, dass Menschen aufgrund ihrer subjektiven Deutungen der Wirklichkeit agieren und reagieren. Auf der einen Seite existiert die das Individuum überlagernde Eigendynamik im Kommunikations- und Beziehungsbereich und auf der anderen Seite ist in dem Menschen die Fähigkeit zu beobachten, zu dem sozialen Geschehen Distanz einnehmen, reflektieren und eigenständig handeln zu können.

1.4. Eine Theorie psychischer Systeme

Aufgrund ihrer spezifischen Rolle und Funktion im System sind Personen systemtheoretisch als Systemakteure zu verstehen, beispielsweise als Eltern, Cliquenmitglied oder Mitarbeiter. Erst durch die Übernahme einer bestimmten Rolle befindet sich nach Parsons der Mensch im sozialen System. „In der Rolle schneiden sich Sozialsystem und Persönlichkeitssystem.“[71] Der Einzelne steht demnach nur in dem funktionalen Zusammenhang zum sozialen System, indem er als Systemakteur bestimmte Leistungen in das System einbringt. Diese manifestieren sich in Rollen und den damit zusammenhängenden Rollenerwartungen.

Da eine Rolle gesellschaftlich vordefiniert ist, finden die Handlungen von Systemakteuren durch das Eingebunden sein in das Sozialsystem ihre Begründung. Die jeweiligen Leistungserwartungen des sozialen Systems gegenüber dem Rollenträger werden in spezifischer Weise institutionalisiert, wodurch dieses fähig wird, Systemmitglieder seinen Verhaltenserwartungen anzupassen. Es kann bei Erfüllung oder Missachtung der Erwartungen entsprechend sanktionieren.

Darüber hinaus ist der Einzelne Umwelt des Systems, wodurch ihm dennoch bestimmte Optionen und Möglichkeiten offen bleiben. Er hat die Wahl, wie er die eigene funktionale Rolle ausschmückt, des Weiteren, welchen Anpassungsleistungen er gerecht wird und außerdem, von welchen Erwartungen er abweicht. Das Mitglied kann ebenso Anpassungsleistungen des sozialen Systems an seine Bedürfnisse erwirken. Als Umwelt von Systemen wird das Individuum soweit aus einer Totalität bezüglich der Systemeingebundenheiten entbunden.

Luhmann begreift Bewusstsein als bestimmten Operationsmodus psychischer Systeme. Das psychische System des Menschen basiert demnach im Unterschied zu sozialen Systemen auf „Bewusstsein“[72], nicht auf „Kommunikation“[73]. Luhmann betont an dieser Stelle, „dass der Sinnbezug aller Operationen sowohl für psychische als auch für soziale Systeme eine unerlässliche Notwendigkeit ist.“[74] Auch Bewusstseinssysteme operieren autopoietisch, d. h. sie „reproduzieren sich im Zuge von denken und vorstellen[75]. Sie können deshalb immer nur an eigene Operationen des Bewusstseins anschließen, operieren infolgedessen „selbstreferentiell“[76] und sind „operational geschlossen“[77]. Psychische Systeme reproduzieren Bewusstsein durch Bewusstsein.[78]

Jenes, was sich in der Umwelt dem Bewusstsein darbietet, wird nach eigenen Denk- und Bewusstseinslogiken verarbeitet. Mit der Eigenkomplexität ist erklärt, wie es z. B. bei einer Unfallsituation zu verschiedenen Beobachtungen, sogar gegensätzlichen Beschreibungen kommt. Jeder rekonstruiert seine eigene Konstruktion des Geschehenen. Psychischen Systemen ist es somit nicht möglich, direkten Zugang zu einem anderen Bewusstseinssystem bzw. zu dessen Vorstellungen und Gedanken zu haben. Wie bereits über die Kommunikation zu erfahren war, stellt diese nicht den Output dessen dar, was das psychische System gerade denkt, sondern lediglich eine Auswahl davon. Vieles bleibt für das Gegenüber kontingent.[79]

In Bezug auf den Praxistransfer der Theorie psychischer Systeme erweisen sich zwei unterscheidbare Strukturmerkmale als nützlich für den Berater:

1. Bedeutungszuweisungen bzw. Wirklichkeitskonstruktionen und
2. intrapsychische Prozesse (Denken, Fühlen und Wahrnehmen).

Ausgangspunkt in der systemischen Beratungsarbeit ist die Existenz subjektiver Wirklichkeiten anstelle objektiver Realität. Dies stimmt mit der Theorie selbstreferenzieller Systeme überein, die in sich operational geschlossen agieren. Die Gestaltung des Umweltkontaktes sieht lediglich die Verarbeitung von Außenreizen vor, die gemäß der internen Struktur als relevant eingeordnet werden. Der Einzelne entwickelt aller Voraussicht nach im Laufe des Sozialisationsprozesses seine eigene Art, Wirklichkeit zu betrachten und zu bewerten. Nach systemischem Verständnis fließen diese Wirklichkeitskonstruktionen in den Kommunikationsprozess des Sozialsystems mit ein und bestimmen ihn mit, wie auch umgekehrt eine spezifische Kommunikation die individuelle Realität beeinflusst.

Intrapsychische Prozesse resultieren aus der Selbstreferenzialität des Bewusstseins und sind zirkulär miteinander verknüpft. Es handelt sich dabei um für die Person kategorisierbare Phänomene (z. B. als Wahrnehmung, Gedanke oder Gefühl), die erlebt werden und aufgrund der eigenen Struktur gegeben sind. Diese sind somit nicht umweltbezogen zu verstehen, sondern als eine wahrgenommene und beispielsweise als „Gefühl“ benannte innere Anpassung an interne Problemlagen.

Dem systemischen Berater kommt somit die Aufgabe zu, subjektive Wirklichkeiten und Empfindungen aufzunehmen und zu akzeptieren, sie jedoch als selbst erzeugt und kontextabhängig zu betrachten. Dies zieht sowohl eine individuumsbezogene verständnisvolle Haltung als auch eine das Umfeld berücksichtigende konstruktivistisch-relativierende Haltung mit ein. Dementsprechend wird man als Berater der Entstehung, Veränderung und Auswirkung von Sicht- und Erlebnisweisen Bedeutung beimessen.

1.5. Das Zusammenspiel von Bewusstseins- und Sozialsystemen

Kennzeichnend für das Verhältnis zwischen psychischem und sozialem System ist ein spezifisches Zusammenwirken. Einerseits konstituieren sich soziale Systeme aufgrund des Vorhandenseins psychischer Systeme und andererseits sind ohne soziale Systeme keine psychischen Systeme denkbar, da sich die Psyche auf die Beziehung Individuum-Umwelt bezieht. Ohne ein Außen gibt es kein Innen und ohne ein Handeln im sozialen System kein Bewusstsein über sich selbst als Individuum. Der gemeinsame Beitrag zur Hervorbringung und Aufrechterhaltung der jeweiligen Systemelemente wird als Interpenetration bezeichnet. Darum handelt es sich dementsprechend, wenn ein wechselseitiges Sich-Ermöglichen von Systemen vorliegt.[80]

Sowohl für psychische als auch für soziale Systeme ist die „Handlung“ ein entscheidendes Phänomen. Spielt sie doch nicht nur eine wesentliche Rolle bei der jeweiligen internen Anschlussbildung, führen in ihr auch psychische und soziale Strukturen zusammen. Handlung steht jeweils im unmittelbaren Zusammenhang mit der Operationsweise beider Systeme. Im sozialen System existiert Handlung nur auf der Basis des sinnvollen Kommunizierens, während im Bereich der Psyche Handlung als Bewusstseinshandlung erscheint und in Verbindung gebracht wird mit Wahrnehmen, Denken und Fühlen.

Trotz Interpenetration verwirklicht jedes System jedoch seine Autopoiesis und bleibt für das andere Umwelt. Von Kausalwirkung ist dabei nicht auszugehen, vielmehr sind die beiden Systemarten synchron aufeinander bezogen, bedingen sie sich doch wechselseitig. Soziale Systeme nehmen dabei die Komplexität psychischer Einheiten in Gebrauch, genauer formuliert entziehen sie diesen diejenigen Handlungen, die ihren Regeln Genüge leisten. Umgekehrt verarbeiten Bewusstseinssysteme diejenigen Sequenzen aus dem Sozialsystem, an die psychisch angeschlossen werden kann.[81]

Für die praktische Arbeit bedeutet dies die Integration einer kommunikationsbezogenen und personenbezogenen Sichtweise. Aus der Synchronizität des Psychischen und Sozialen lassen sich theoretisch fundierte Konzeptionen abstrahieren, aus denen konkrete beraterische Haltungen, Ziele und Interventionen abgeleitet werden können. Dabei lässt sich die Interpenetration beider Systemtypen als „psychosoziale Einheit“[82] beschreiben.

2. Das Systemmodell in der Sozialen Arbeit

„Der Mensch im Spinnennetz seiner Interaktionen?“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Joachim Ringelnatz)

Die Soziale Arbeit lässt sich ebenfalls im Rahmen einer systemischen Metatheorie konzeptualisieren. Besondere Berücksichtigung findet dabei unter anderem das Prinzip der Zirkularität[83]. Das Gedicht von Ringelnatz illustriert, wie alle Verhaltensweisen, Gedanken, Gefühle und physiologische Prozesse von Mitgliedern eines Systems direkt oder indirekt miteinander verknüpft und voneinander abhängig sind. Häufig sind diese Verknüpfungen und Abhängigkeiten auf den ersten Blick nicht zu erkennen. In der systemischen Beratung werden deshalb die Muster und Feedbackschleifen, die sich „hinter“ dem beobachtbaren (problematischen) Verhalten verbergen, rekonstruiert.[84]

2.1. Sozialarbeit - Funktion, Gegenstand und Aufgaben

Luhmanns systemtheoretischer Theorieansatz zeigt, dass anhand von Begriffen und theoretischen Aussagen empirisch beobachtbare Probleme bzw. Phänomene aus der Sozialarbeitspraxis beschrieben und eingeordnet werden können. Ebenso lässt sich mittels des Ansatzes eine Gegenstands-, Aufgaben- und Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit vornehmen. Aus der systemtheoretischen Perspektive heraus ist die Sozialarbeit systemfunktional auf die Gesellschaft hin angelegt und zwar im Sinne einer gesellschafts-stabilisierenden Funktion. Eine Gesellschaft ist dann funktionsfähig, wenn die Teilhabemöglichkeiten an den Ressourcen für alle Mitglieder gewährleistet sind. Solche Ressourcen sind diejenigen, die Menschen zu ihrer Bedürfnisbefriedigung benötigen, beispielsweise Arbeit, Einkommen, Wohnung, körperlicher und psychischer Schutz, Erziehung, Bildung, Versorgung, soziale Kontakte, Anerkennung, Liebe, Selbst-verwirklichung usw.[85] Soziale Arbeit wird infolgedessen aktiv, wenn „Personen und die Systeme, in die sie eingebunden sind, an grundlegenden Ressourcen nicht teilhaben können“[86]. Die Aufgabe der Sozialarbeit ist das „Lösen sozialer Probleme“ bzw. „die soziale Problemlösung“.[87]

Der Mensch als „soziales Wesen“[88] gehört verschiedenen Sozialsystemen an, z. B. der Familie, der Firma, dem Sportverein oder dem Freundeskreis. Entsprechend muss er seiner Rolle gerecht werden, um sein Leben zu bewältigen. Zugleich ist er nicht nur Angehöriger sozialer Kollektive sondern ein Organismus, eine Persönlichkeit und ein Kulturteilnehmer. All diese unterschiedlichen Wirklichkeitssphären sind in der Realität wechselseitig aufeinander bezogen und nehmen Einfluss auf sein Handeln. Die entsprechenden Interdependenzen werden mit den Bezeichnungen „psychosomatisch“, „psychosozial“, „soziokulturell“[89] usw. versehen.

Aus der systemtheoretischen Perspektive heraus reicht es nicht, den Blick lediglich auf die grundlegenden Bedürfnisse zu richten, um von einer stabilen Persönlichkeit sprechen zu können. Da die Befriedigung von Bedürfnissen umweltabhängig ist, bedarf es der Berücksichtigung des Zusammenspiels von Person und Umwelt.[90] D. h. das zentrale Interesse richtet sich in der systemischen Beratung auf den Bereich der sozialen Systeme, folglich auf die aus menschlicher Interaktion gebildeten Funktionskomplexe. Demnach spielt die Systemzugehörigkeit, aber auch die Flexibilität der Systemgrenzen eine wichtige Rolle. Für den Berater ist die Trennungslinie zwischen System und Umwelt von großer Bedeutung, da er unter Betrachtung der sozialen Zusammenhänge zu begreifen versucht, was in ihnen das Problem ausmacht. Gerade die Überlegungen zu den Systemgrenzen können ihm im Besonderen Erkenntnisse bringen. Beispielsweise indem er sieht, dass Personen, die eigentlich nicht Angehörige des Familiensystems sind, in diesem jedoch eine entscheidende Rolle spielen (z. B. eine Nachbarin) oder dass sie umgekehrt zu der Verwandtschaft gehören, aber dieses nicht faktisch sind (wie ein Stiefelternteil).[91]

Erkennt und anerkennt der Berater die Systemzugehörigkeiten eines Menschen, vermeidet er die Gefahr, die individuellen Möglichkeiten des Menschen zu überschätzen. „Er sieht die Macht des Systems, den Einfluss, den das Systemganze mit seiner Eigengesetzlichkeit auf den einzelnen Systemangehörigen ausgeübt. Dieser ist - eingebunden in die zweckgerichteten Funktionsprozesse, die auf Gleichgewicht tendierenden Rückkoppelungsmechanismen und die funktionelle Hierarchie des Systems - keineswegs einfach frei in seinem Handeln.“[92] Der Einzelne spielt seine soziale Rolle, die im Großen und Ganzen systembedingt ist, d. h. in Abhängigkeit zum Handeln der anderen Systemangehörigen steht.

Der Mensch ist systembedürftig. Seine Systemzugehörigkeit findet durch den Sozialarbeiter nicht nur unter Berücksichtigung der menschlichen Systembestimmtheit Beachtung, sondern ebenso in Hinsicht auf die menschliche Systembedürftigkeit. Beide Aspekte lassen keine klientzentrierte Sicht zu, sondern bedingen eine konsequente Systemorientierung von Seiten des Beraters aus, und zwar im Erkennen des Problems sowie im problemlösenden Handeln.[93] Eine Problemlage wird dabei als eingebunden in den Kommunikationsprozess, die Wirklichkeitskonstruktionen und intrapsychischen Prozesse der Beteiligten betrachtet. Probleme können infolgedessen nicht mehr strikt einem Systemmitglied zugeordnet bzw. als personale Charaktereigenschaft betrachtet werden, wie dies aus den traditionellen Anamnese- und Untersuchungsmethoden der Medizin o. ä. Fachrichtungen bekannt ist.[94]

In ausdifferenzierten Gesellschaften, wie der unseren, treten häufig Dysfunktionen in den verschiedensten Systemen auf, u. a. in Strukturen, Werten, Regeln oder Interaktionen. In diesem Fall können der Einzelne oder alle Systemmitglieder ihre Grundbedürfnisse im Sinne materieller, sozialer oder kultureller Teilhabe nicht befriedigen.[95] Ein System, welches nicht zweckentsprechend funktioniert, gilt als dys-funktionelles System. Nach Lüssi gibt es drei Formen von System-Dysfunktionalität:

1. Der Ausfall einer Funktion: Das Handeln eines bestimmten Systemangehörigen fällt plötzlich in der Interaktion weg, z. B. weil die Mutter erkrankt oder ein Mitarbeiterplatz in einem Team unbesetzt ist (= unvollständiges System).
2. Die Fehlfunktion: Das System funktioniert falsch bzw. erfüllt nicht den vom Systemsinn gegebenen Systemzweck. Die Mitglieder agieren aufeinander abgestimmt dysfunktionell entgegen des eigentlichen Systemzwecks. Beispielsweise können die Interaktionen eines Systems Berater und Klient bewirken, dass der Klient immer passiver und hilfebedürftiger wird.
3. Der Funktionskonflikt: Systemangehörige handeln gegeneinander und somit nicht zweckentsprechend. Anstatt zu kooperieren, blockieren sie das System. Ein Beispiel ist der Konkurrenzkampf unter Mitarbeitern, der die Aktivitäten im Betrieb lähmt.

In der systemischen Sozialarbeit werden die gesellschaftlichen Probleme unter diesen Gesichtspunkten betrachtet. Ihr kommt somit die Aufgabe der sozialen Problemlösung im Sinne von Funktionalisierung gesellschaftlicher Problemsysteme zu. Das Augenmerk ist dabei entsprechend auf die Funktionen, die die Individuen in ihren Interaktionen ausüben, gerichtet. Der systemische Berater lässt sich in seinem Handeln von dem Leitbild sozial positiver Funktionszusammenhänge lenken, in denen die Bedürfnisse der Systemangehörigen zufriedenstellend erfüllt werden.[96] Der systemische Blick ist somit nicht problem- sondern lösungsorientiert.

[...]


[1] Lüssi (1992), S. 23

[2] Vgl. Lüssi (1992), S. 37

[3] Vgl. Lüssi (1992), S. 47

[4] Hollstein-Brinkmann (1993), S. 19

[5] Hollstein-Brinkmann (1993), S. 19

[6] Siehe: 2.3.1. bis 2.3.5. In 3.2. wird eine Parallele dazu gebildet.

[7] Vgl. Lüssi (1992), S. 57

[8] Vgl. Hollstein-Brinkmann (1993), S. 20

[9] Vgl. Schlippe/ Schweitzer (1996), S. 50

[10] Schlippe (1995), S. 15

[11] Schlippe (1995), S. 15

[12] Vgl. Erler (2003), S. 14 f.

[13] Schlippe (1995), S. 16

[14] Schlippe (1995), S. 16

[15] Vgl. Schlippe (1995), S. 18

[16] Walkemeyer/ Bäumer (1990), S. 10

[17] Vgl. Walkemeyer/ Bäumer (1990), S. 12

[18] Vgl. Miller (1999), S. 25 f.

[19] Bateson (1982), S. 15

[20] Vgl. Schlippe (1995), S. 19

[21] Vgl. u. a. Händle/ Jensen (1974) S. 12 f., Hollstein-Brinkmann (1993), S. 21 f., Schlippe (1995), S. 21

[22] Die Thermodynamik ist ein Teilgebiet der klassischen Physik aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist die Lehre der Energie, ihrer Erscheinungsform und Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Sie ist eine rein makroskopische Theorie, die zum Ausgangspunkt hat, dass sich die physikalischen Eigenschaften eines Systems hinreichend gut mit makroskopischen Zustandsgrößen beschreiben lassen. Sie berücksichtigt nur mittlere Größen wie Druck und Temperatur und lässt einzelne Atome und Moleküle außer Acht. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Thermodynamik)

[23] In der Biologie ist dies ein individuelles Lebewesen, d. h. ein Tier, ein Mensch, eine Pflanze oder ein Mikroorganismus. Ein lebender Organismus ist nach Bertalanffy ein Stufenbau offener Systeme, der sich aufgrund seiner Systembedingungen im Wechsel der Bestandteile erhält. Diese Bestandteile sind nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich. Der Begriff der Autopoiesis, als charakteristisches Organisationsmerkmal von Lebewesen bzw. lebenden Systemen, wurde zuerst durch Maturana geprägt (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Organismus).

[24] Vgl. Hollstein-Brinkmann (1939), S. 21 f.

[25] Vgl. Lüssi (1992), S. 57

Die Systemtheorie kam nach dem Zweiten Weltkrieg als Kybernetik zum Durchbruch, d. h. als Steuerungslehre technischer Systeme. Kernfrage war die nach der Erhaltung von Gleichgewicht (Homö-ostase) sowie nach der Angleichung eines Ist- an ein Sollzustand, insbesondere durch Zuführung von Informationen, die Abweichungen anzeigen und Korrekturen in Richtung des Sollzustandes einleiten (= Negatives Feedback).

[26] Vgl. Barthelmess (2005), S. 14

[27] Schlippe (1996), S. 53

[28] Schlippe (1996), S. 53

[29] Vgl. Walkemeyer/ Bäumer (1990), S. 12

[30] Siehe dazu: Resümee zur Theorie sozialer Systeme (Kapitel 2.3.6.)

[31] Vgl. Strunk/ Schiepek (2006), S. 5

[32] Vgl. Miller (1999), S. 35

[33] Vgl. Lüssi (1992), S. 56

[34] Lüssi (1992), S. 56, Herv. durch Verf.

[35] Vgl. Lüssi (1992), S. 65

[36] Vgl. Berghaus (2003), S. 32

[37] Hosemann, Geiling (2005), S. 21

[38] Luhmann (1987), S. 9

[39] Vgl. Lüssi (1992), S. 16

[40] Vgl. Knudsen (2006), S. 77

[41] Vgl. Luhmann (1987), S. 35

[42] Referenzsystem bezeichnet das System, von dem aus erkenntnisleitende Operationen erfolgen.

[43] Mikrosystem-Ebene: definiert den unmittelbaren Lebenszusammenhang (Familie, Nachbarn, Freunde) Mesosystem-Ebene: umfasst die direkte Handlungsebene im Rahmen von Institutionen (Schule, Behörden, Arbeits-platz usw.) Exosystem-Ebene: schließt indirekte Handlungsvollzüge und Eingebundenheiten durch Institutionen ein (Behörden, politische Systeme u. a.) Makrosystem-Ebene: stellt die allen anderen übergeordnete Systemebene dar (Gesellschaft und deren Teilsysteme)

[44] Vgl. Luhmann (1987), S. 249

[45] Vgl. Luhmann (1987), S. 115 f.

[46] Berghaus (2003), S. 39

[47] Vgl. Berghaus (2003), S. 36 ff.

[48] Vgl. Berghaus (2003), S. 40 ff.

[49] Vgl. Barthelmess (2005), S. 32 f.

[50] Berghaus (2003), S. 46

[51] Autopoiesis = Selbstgestaltung; altgriechisch: „ auto “ = selbst und „ poiein “ = schaffen, organisieren, produzieren

[52] Berghaus (2003), S. 53

[53] Vgl. Berghaus (2003), S. 46 f.

[54] Vgl. Barthelmess (2005), S. 35 f.

[55] Unter Anschlussfähigkeit ist die Möglichkeit eines Systems zu verstehen, durch das Zusammenwirken von Selbstreferenz und Fremdreferenz zu neuen Ergebnissen zu kommen bzw. neue Ausdifferenzierung zu produzieren. (Barthelmess, 2005, S. 34)

[56] Operationale Geschlossenheit bedeutet, dass die Einheit intern an sich selbst anschließt, d. h. neue Komponenten ausdifferenziert. Unter der selbstreferenziellen Operation darf demnach nicht eine einfache Wiederholung der Arbeitsweise des Systems, also ein einfacher Kreisprozess verstanden werden, der in sich geschlossen ist und immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. (Barthelmess, 2005, S. 34)

[57] Vgl. Barthelmess (2005), S. 33 ff.

[58] Luhmann (1987), S. 46

[59] Miller (1999), S. 43, Zitat: Luhmann 1987, 31

[60] Auf den Begriff des psychischen Systems wird an späterer Stelle näher eingegangen.

[61] Vgl. Barthelmess (2005), S. 41 f.

[62] Vgl. Luhmann (1987), S. 240 f.

[63] Psychisches und soziales System können ohne einander nicht existieren. Eine derart enge strukturelle Kopplung bezeichnet Luhmann als Interpenetration. Diese wird durch Sinn und Sprache ermöglicht. (Berghaus, 2003, S. 64)

[64] Vgl. Barthelmess (2005), S. 43 ff.

[65] Berghaus (2003), S. 67, Zitat: Luhmann 1997, S. 190

[66] Vgl. Luhmann (1987), S. 194 ff.

[67] Berghaus (2003), S. 75

[68] Vgl. Berghaus (2003), S. 68 ff.

[69] Barthelmess (2005), S. 60

[70] Vgl. Barthelmess (1999), S. 45

[71] Miller (1999), S. 62, Zitat: Parsons 1976, 80

[72] Barthelmess (2005), S. 64

[73] Barthelmess (2005), S. 58 „Das bedeutet, dass wir das soziale System als aus Kommunikation beste- hend betrachteten, ...“

[74] Luhmann (1987), S. 141

[75] Miller (1999), S. 64

[76] Vgl. Hohm (2006), S. 97

[77] Barthelmess (1999), S. 49

[78] Luhmann (1987), S. 141 ff.

[79] Vgl. Miller (1999), S. 61 ff. und Hohm (2006), S. 97 ff.

[80] Vgl. Barthelmess (1999), S. 61

[81] Vgl. Barthelmess (1999), S. 61 ff.

[82] Barthelmess (1999), S. 63

[83] Aus Platzgründen wird u. a. nicht mehr im Besonderen auf die Zirkularität bzw. Zirkulären Fragen, eines der wichtigsten Instrumente im Handwerkskoffer eines systemischen Beraters, eingegangen. Der Begriff wurde vom Mailänder Team um Mara Selvini Pallazzoli geprägt, um damit die Art von Fragen zu bezeichnen, durch die ein Familienmitglied über andere eine Auskunft geben soll. Dadurch werden Perspektivenwechsel erwirkt. Drei Richtlinien für den systemischen Berater: Zirkularität - Neutralität - Hypothetisieren. (vgl. Simon, F. B./ Rech-Simon, C., 1999, S. 7)

[84] Vgl. Ritscher (2005), S. 13 ff.

[85] Vgl. Miller (1999), S. 79 f., S. 82 f.

[86] Miller (1999), S. 82

[87] Lüssi (1992), S. 79

[88] Lüssi (1992), S. 65

[89] Lüssi (1992), S. 66

[90] Vgl. Miller (1999), S. 83

[91] Vgl. Lüssi (1992), S. 66 ff.

[92] Lüssi (1992), S. 68

[93] Lüssi (1992), S. 68 ff.

[94] Vgl. Barthelmess (2005), S. 110

[95] Vgl. Miller (1999), S. 79 f.

[96] Vgl. Lüssi (1992), S. 70 ff.

Details

Seiten
151
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836611770
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225710
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Erziehungswissenschaften, Studiengang Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
systemtheorie niklas luhmann systemische beratung soziale arbeit systeme

Autor

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Titel: Nachgefragt - die Systemtheorie im Praxistest