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Kann Befragung durch Messung ersetzt werden?

Ein Vergleich der Erhebungsmethoden Media-Analyse Radio in Deutschland und Radiocontrol in der Schweiz

Diplomarbeit 2007 125 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Geschichte des Hörfunks und der Hörfunknutzung
1.1 In Deutschland
1.1.1 Geschichte des Hörfunks in Deutschland
1.1.2 Entwicklung des Fernsehens in Deutschland
1.1.2.1 Entwicklung der Fernsehnutzung in Deutschland
1.1.3 Folgen der Etablierung des Fernsehens
1.2 In der Schweiz
1.2.1 Die Geschichte des Hörfunks in der Schweiz
1.2.2 Entwicklung des Fernsehens in der Schweiz
1.2.2.1 Entwicklung der Fernsehnutzung in der Schweiz
1.2.3 Folgen der Etablierung des Fernsehens

2. Neue Verbreitungswege für den Hörfunk
2.1 Digitales Radio
2.2 Internetradio

3. Geschichte und Entwicklung der Rezipientenforschung im Hörfunk
3.1 Entwicklung der Hörerforschung in Deutschland
3.2 Entwicklung der Hörerforschung in der Schweiz

4. Analyse des Hörfunkmarktes
4.1 Der Hörfunkmarkt in Deutschland
4.2 Der Hörfunkmarkt der Schweiz

5. Die Erhebungsmethode Media-Analyse Radio
5.1 Entwicklung der Media-Analyse Radio
5.2 Methoden
5.2.1 Die Stichprobe der Media-Analyse Radio
5.2.2 Der Fragebogen der Media-Analyse Radio
5.2.3 Auswertung der Fragebögen
5.3 Finanzierung der Media-Analyse Radio
5.4 Erhebungen zur Ergänzung der Media-Analyse
5.4.1 Die E.M.A. NRW
5.4.2 Funkanalyse Bayern
5.5 Kritik an der Media-Analyse Radio
5.5.1 Bedeutung der Media-Analyse Radio
5.5.2 Einfluß der Media-Analyse auf die Radioprogramme
5.5.3 Grenzen der Methoden der Media-Analyse Radio
5.5.4 Weitere Kritikpunkte

6. Die Erhebungsmethode Radiocontrol
6.1 Die Methode von Radiocontrol
6.1.1 Die Radiocontrol-Uhr
6.1.2 Die Sound Sampling Units
6.1.3 Die Auswertung der Uhrendaten
6.2 Die Stichprobe von Radiocontrol
6.3 Die Auswertung der Daten von Radiocontrol
6.4 Kosten von Radiocontrol in der Schweiz
6.4.1 Finanzierung von Radiocontrol
6.5 Vorteile der Radiocontrol-Methode
6.6 Kritik an der Radiocontrol-Methode

7. Vergleich der Methoden
7.1 Methode der Datenermittlung
7.1.1 Befragung oder Messung
7.1.2 Intensität der Hörfunknutzung
7.2 Menge und Genauigkeit der erhobenen Daten
7.2.1 Anzahl der Messtage
7.2.2 Menge der erhobenen Sender
7.2.3 Erfassung des „weitesten Hörerkreises“
7.2.4 Intervalle der Stichprobenerhebung
7.3 Manipulierbarkeit der Systeme
7.4 Kosten der Systeme
7.5 Abbildung von Mantelprogrammen
7.6 Erfassung von Internetradio
7.7 Fehler der Erhebungen
7.8 Ausweisungshäufigkeit der erhobenen Daten
7.9 Fazit des Vergleichs

8. Übertragung des schweizerischen Modells auf den deutschen Markt
8.1 Auswahl der zu erfassenden Sender
8.1.1 Kriterien der Senderauswahl
8.2 Ermittlung der Anzahl der zu erfassenden Sender
8.3 Ermittlung der zu erfassenden Stichprobe
8.3.1 Kriterien zur Festlegung der Stichprobengröße
8.3.2 Höhe der täglichen Stichprobe
8.3.3 Zahl der benötigten Uhren
8.3.4 Menge der erhobenen Daten
8.3.5 Fehleranalyse der Berechnung zur Stichprobengröße
8.4 Kosten der Radiocontrol-Erhebung in Deutschland
8.5 Analyse der Machbarkeit

9. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

Anhang

Eidesstattliche Erklärung

Danksagung

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich beim Erstellen dieser Arbeit unterstützt haben.

Dazu gehören zunächst all jene, die mir in ungezählten Telefonaten und E-Mails Informationen zur Verfügung gestellt haben, ohne die das Verfassen dieser Arbeit unmöglich gewesen wäre. Weiterhin danke ich meinen aufmerksamen Korrekturlesern Juliane, Manuel, Roman und meiner Mutter. Torsten möchte ich für die permanente technische Unterstützung danken. Ein riesiges Dankeschön geht an Jördis, die mir geholfen hat, meine Gedanken zu präzisieren und mich während der gesamten Zeit in allen Belangen unterstützt hat. Im Besonderen möchte ich meinen Eltern dafür danken, dass sie mir dieses Studium überhaupt ermöglicht haben.

Schließlich danke ich meinen beiden Prüfern Prof. Dr. phil. Otto Altendorfer M.A. und Prof. Dr. phil. Ludwig Hilmer von der Hochschule Mittweida für die gute Zusammenarbeit

0. Einleitung

"Es ist nicht wichtig, wie viele Leute uns wirklich hören.

Wichtig ist, dass sich möglichst viele an unseren Sender erinnern können, wenn sie von Marktforschern danach gefragt werden."

Hermann Stümpert, ehemaliger Programmdirektor R.SH[1]

In Deutschland werden die Hörfunknutzungsdaten seit 1972 durch die Befragungen der Media-Analyse Radio ermittelt. Doch die angewandte Methode steht schon fast so lange in der Kritik, wie sie eingesetzt wird.[2]

Dennoch werden die Ergebnisse, die die Media-Analyse Radio für den deutschen Hörfunkmarkt liefert, anerkannt und gelten als allgemeingültige Währung. Sie bilden die Grundlage zur Kalkulation der Preise für die Werbezeiten der Radiosender und sind fester Bestandteil der Mediapläne zur Bewerbung unterschiedlichster Produkte. Auf der Basis dieser Zahlen treffen Mediaplaner Entscheidungen für enorme Investitionen im Werbemarkt. Allein im Jahr 2006 sind in Deutschland Werbespots mit einem Gesamtwert von über 1,2 Milliarden Euro bei den Hörfunksendern platziert worden.[3]

Die Radiosender, insbesondere die Privatradioprogramme, sind demnach abhängig von den Ergebnissen der Media-Analyse. Die Media-Analyse wiederum ermittelt die Radionutzung durch Befragungen und ist somit von den Erinnerungen der Befragten abhängig. Folglich sind die Radiosender gewissermaßen finanziell von der Gedächtnisleistung der Befragten, also ihrer Hörer, abhängig. Doch selbst viele Marktforscher halten eine Radionutzungsmessung anhand von Erinnerungen nicht mehr für zeitgemäß und vertrauen den Aussagen der Befragten nicht mehr.[4]

Die vorangestellte, bereits Ende der achtziger Jahre getroffene Aussage von Hermann Stümpert, ehemaliger Programmdirektor von R.SH[5], zeigt deutlich wie sich die Beziehung der Radioprogramme zu ihren Hörern nach der Einführung der Media-Analyse geändert hat. Um in der Media-Analyse gute Ergebnisse zu erzielen, ist es für viele Sender nicht mehr vorrangig von Bedeutung ein Programm zu liefern, welches besonders gut an die Interessen der Zielgruppe angepasst ist. Vielmehr wird versucht, die Erinnerung der Befragten durch verschiedene Methoden zugunsten des eigenen Senders zu beeinflussen und somit das eigene Ergebnis zu verbessern. Damit stellt sich die Frage, ob ein System, welches ausschließlich auf Erinnerungen der Befragten beruht, in der modernen Medienwirkungsforschung überhaupt noch tragbar ist.

In der Schweiz wird bereits seit 2001 die Hörerforschung durch eine technische Messung und nicht mehr per Befragung durchgeführt. Seitdem wird die Hörfunknutzung der Schweizer mit dem Metersystem Radiocontrol gemessen und stellt damit die weltweit erste technische Reichweitenmessung dar.[6]

Aufgrund dieser Entwicklungen ergibt sich die folgende These, die durch die vorliegende Arbeit überprüft wird: Das Radiocontrol-System ist in der Lage, für die Ermittlung der Hörfunknutzungsdaten in Deutschland zuverlässigere und glaubhaftere Ergebnisse als die Media-Analyse Radio zu liefern. Darüber hinaus wird untersucht, ob und unter welchen Bedingungen das System im deutschen Hörfunkmarkt eingesetzt werden kann.

Dafür wird zunächst ein Abriss der Hörfunkgeschichte in Deutschland und der Schweiz aufgezeigt, um aufzuzeigen, welche Entwicklungen das Medium Radio im Lauf seiner Geschichte genommen und wie sich die Rezeption des Mediums dadurch verändert hat. Danach stellt Kapitel 2 aktuelle technische Entwicklungen dar, die die Verbreitung des Mediums Radio betreffen und die Forschung somit beeinflussen können. Da die Hörerforschung zentrales Thema dieser Arbeit ist, beschreibt Kapitel 3 die geschichtliche Entwicklung der Hörerforschung in beiden Ländern. Im Anschluss daran werden unterschiedlichen Strukturen der Hörfunkmärkte in Deutschland und der Schweiz dargelegt, da die Marktstrukturen für die Rezipientenforschung von wesentlicher Bedeutung sind. Die Kapitel 5 und 6 stellen schließlich die Erhebungsmethoden Media-Analyse Radio und Radiocontrol detailliert vor. Auf dieser Grundlage werden im nachfolgenden Kapitel 7 beide Methoden miteinander verglichen. Kapitel 8 untersucht schließlich, unter welchen Bedingungen eine Übertragung der Radiocontrol-Methode auf den deutschen Markt möglich wäre. Diese Arbeit stellt beide theoretische Ansätze zur Ermittlung der Radionutzung, die Messung und die Befragung, zusammenfassend dar und vergleicht sie miteinander.

Die vorliegende Arbeit befasst sich dabei ausschließlich mit den benannten Methoden Radiocontrol und Media-Analyse. Auf weitere Forschungsprojekte zur Ermittlung der Mediennutzung und andere vergleichbare Methoden wird nicht eingegangen.

1. Geschichte des Hörfunks und der Hörfunknutzung

1.1 In Deutschland

1.1.1 Geschichte des Hörfunks in Deutschland

Die Geschichte des Hörfunks in Deutschland beginnt im Jahr 1917. Damals verbreitete Hans Bredow, der Direktor der Firma Telefunken AG, mit Röhrensendern des deutschen Heeres die ersten Musik- und Sprachsendungen an der Westfront.[7] Ein regelmäßiger Programmbetrieb startete erst sechs Jahre später, als am 29. Oktober 1923 im Berliner Voxhaus die Deutsche Stunde den Sendebetrieb mit einem Unterhaltungsprogramm aufnahm.[8] Innerhalb eines Jahres gründeten sich darauf in ganz Deutschland neun verschiedene private Rundfunk-Unternehmen und nahmen den Sendebetrieb auf.[9] Die einzelnen regionalen Rundfunkanstalten erkannten schnell, dass es sinnvoll war zusammenzuarbeiten und gründeten im Mai 1925 den Dachverband Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. Nach und nach erhöhten die Rundfunkanstalten ihre tägliche Sendezeit und legten ihren täglichen Sendebeginn, der zunächst in den Abendstunden lag, auf den Nachmittag und später sogar auf den Vormittag vor.[10]

Zunächst konnten nur wenige Menschen die Angebote nutzen. Grund: Die Menschen brauchten dafür geeignete Empfangsgeräte und auch diese mussten erst einmal hergestellt werden. Außerdem waren die Leistungen der Sendeanlagen in den ersten Jahren noch sehr schwach, so dass nur diejenigen, die in direkter Nähe der Sendeanlagen wohnten, das Programm auch tatsächlich empfangen konnten. Die Landbevölkerung blieb zunächst komplett ausgeschlossen. Aber die Sendeanlagen und die Sendeleistung wurden ausgebaut und die Empfangsgeräte immer günstiger produziert, sodass sich immer mehr Menschen den Radioempfang leisten konnten. So stieg die Zahl derer, die die Teilnehmergebühr von zwei Reichsmark zahlten, über die Jahre kontinuierlich an. Nachdem es im Juli 1924 knapp 100.000 Teilnehmer gegeben hatte, waren gut fünf Jahre später schon mehr als drei Millionen Haushalte für den Radioempfang angemeldet. 1932 gab es nach einer Schätzung der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft zwischen zehn und elf Millionen Radio-Hörer.[11]

Im Juli 1932 wurde der bis dahin von privaten Veranstaltern organisierte Rundfunk verstaatlicht. Die am 27. Juli verabschiedete neue Rundfunkordnung legte fest, dass ab sofort der Staat die Aufsicht über die inzwischen fast 30 Rundfunksender übernahm und deren Programme kontrollierte. Der Rundfunk ging außerdem in das Eigentum des Reichs und der jeweiligen Länder über. Privatbeteiligungen waren nicht mehr erlaubt. Die Rundfunksender wurden nach und nach von den Nationalsozialisten „gesäubert“, das heißt zahlreiche Führungskräfte und Mitarbeiter wurden aus politischen und rassistischen Gründen entlassen.[12]

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten diente der verstaatlichte Rundfunk vor allem als Propagandainstrument. Damit die über den verstaatlichten Rundfunk verbreiteten Botschaften einer breiten Masse zugänglich waren, wurde ab Mai 1933 der Volksempfänger 301 verkauft, der mit einem Verkaufspreis von 76 Reichsmark für einen Großteil der Bevölkerung erschwinglich war. Nach der Einführung des noch billigeren Deutschen Kleinempfängers 1938 konnten die Nationalsozialisten den Großteil der deutschen Bevölkerung über den Rundfunk erreichen.[13]

Nach dem zweiten Weltkrieg nutzten die alliierten Siegermächte die Rundfunkanlagen zunächst als Militärsender. So nahmen schon im Mai 1945 die ersten Sender den Betrieb auf, danach kamen weitere Sender in allen vier besetzten Zonen dazu. Die Rundfunkhoheit besaßen die jeweiligen Zonenbefehlshaber.[14]

Später schlossen sich die Sender zu einzelnen Rundfunkanstalten in den jeweiligen Besatzungszonen zusammen.[15] Lediglich in der amerikanisch besetzten Zone entstanden keine landesübergreifenden Rundfunkanstalten, sondern vier Landesrundfunkanstalten.[16]

In den Jahren 1947 bis 1949 wurden die einzelnen Rundfunkanstalten dann nach und nach in deutsche Hände übergeben, so dass bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 sechs Rundfunkanstalten existierten, die allesamt die Rechtsform einer Anstalt des öffentlichen Rechts besaßen, wodurch die Unabhängigkeit der Stationen von Regierungs- und Parteieinflüssen gewahrt bleiben sollte.[17]

1949 gründeten sich mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Bundesrepublik zwei deutsche Staaten auf dem von den Alliierten besetzten Gebiet. Da es sich bei der DDR um einen sozialistischen Staat handelte, der nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung wieder in der Bundesrepublik aufging und deren System der Marktwirtschaft annahm, wird hier darauf verzichtet, den Zeitraum zwischen 1949 und 1989 im Bereich der damaligen DDR zu beleuchten, da diese Zeit auf die Entwicklung des gesamtdeutschen Hörfunksystems nur einen untergeordneten Einfluss hat.

So existierten bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, am 23. Mai 1949, sechs voneinander unabhängige, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten. Schon am 6. Juni 1950 unterschrieben die Vertreter der sechs Rundfunkanstalten die Satzung der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD), die vor allem die gemeinsamen Interessen der einzelnen Anstalten vertreten und Fragen des Programms sowie rechtliche, technische und betriebswirtschaftliche Fragen bearbeiten sollte.[18]

Im Dezember 1960 trat das Gesetz über die Errichtung von Rundfunkanstalten des Bundesrechts in Kraft und legte somit die rechtliche Grundlage für die Bundesrundfunkanstalten Deutsche Welle (DW) und Deutschlandfunk (DLF). 1962 wurden beide Anstalten in die ARD aufgenommen.[19]

Den bisher größten und nachhaltigsten Entwicklungssprung machte der deutsche Hörfunk Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit der Einführung des privaten Rundfunks. Im Mai 1984 verabschiedete das Land Niedersachsen ein Landesmediengesetz, das erstmals in Deutschland privaten Rundfunk zuließ. Kurz darauf verabschiedete auch Schleswig-Holstein ein solches Gesetz. Nachdem der Weg für privaten Hörfunk in Deutschland frei war, startete am 01. Juli 1986 mit Radio R.SH der erste private deutsche Radiosender, Radio ffn [20] folgte ein halbes Jahr später.[21]

Im April 1987 einigten sich die Bundesländer auf ein einheitliches duales Rundfunksystem und unterzeichneten den Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens, der am 01. Dezember 1987 in Kraft trat.[22]

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 03. Oktober 1990 vereinigten sich auch deren Rundfunksysteme. Dabei übernahm der Osten Deutschlands das Rundfunksystem der Bundesrepublik. So wurden große Teile des DDR-Rundfunks in neue öffentlich-rechtliche Anstalten überführt. Zu Jahresbeginn 1992 gründeten sich die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB). Mecklenburg-Vorpommern trat dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) bei. Außerdem starteten 1992 mehrere private Hörfunkveranstalter in den neuen Bundesländern ihr Programm. So gingen unter anderem in Sachsen Radio PSR, in Thüringen Antenne Thüringen und in Sachsen-Anhalt Radio Brocken auf Sendung.[23]

1.1.2 Entwicklung des Fernsehens in Deutschland

Bevor die Entwicklung der Radionutzung betrachtet wird, ist ein Blick auf das Medium Fernsehen unabdingbar, denn wie heute rückblickend festgestellt werden kann, ist das Fernsehen zum größten Konkurrenten für den Hörfunk im Kampf um die Gunst des Publikums geworden. Deswegen geht der Autor an dieser Stelle kurz auf die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland ein, da dies die Nutzung des Hörfunks wesentlich verändert hat.

Die Geschichte des Fernsehens in Deutschland beginnt am 12. Juli 1950. Damals sendete der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) das erste deutsche Fernsehbild, ein Testbild. Am 25. Dezember 1952, begann der Fernsehbetrieb in der BRD offiziell mit einem täglichen, zweistündigen Programm des NWDR.[24]

Im Jahr 1953 starteten der Bayerische Rundfunk (BR) und der Südwestfunk (SWF) ebenfalls ein eigenes Fernsehprogramm.[25] Da allerdings die Kosten für die Ausstrahlung von Fernsehprogrammen ein Vielfaches der Kosten für die Hörfunkausstrahlung betrugen, wurde schnell deutlich, dass ein Gemeinschaftsprogramm geschaffen werden musste. So unterzeichneten die Intendanten am 27. März 1953 den Vertrag über das Gemeinschaftsprogramm Deutsches Fernsehen, welches dann ab dem 1. November 1954 täglich ausgestrahlt wurde.[26]

Der nächste Meilenstein in der deutschen Fernsehgeschichte war der Programmstart des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) am 01. April 1963.[27] Nur ein reichliches Jahr später starteten bereits die ersten Dritten Programme mit ihrem Fernsehprogramm.[28]

Durch die Einführung des dualen Rundfunksystems in den achtziger Jahren hat sich die deutsche Fernsehlandschaft nachhaltig verändert. Nach dem Start verschiedener Kabelpilotprojekte in Ludwigshafen, München, Dortmund und Berlin war es erstmals möglich, privates Fernsehen in Deutschland zu verbreiten.[29]

So gingen im Januar 1984 Sat.1 und RTL plus im Ludwigshafener Kabelpilotprojekt erstmals auf Sendung.[30]

Zu Beginn erreichten die privaten Programme nur sehr wenige Zuschauer, was vor allem an einer geringen Verkabelungsdichte lag. Nach dem Ausbau der Kabelnetze etablierten sie sich jedoch, woraufhin bald weitere private Fernsehprogramme nachzogen.[31]

1.1.2.1 Entwicklung der Fernsehnutzung in Deutschland

Nach seinem Sendestart 1954 wurde das Fernsehen noch von einem erheblichen Teil der Bevölkerung skeptisch betrachtet. Nach einer zwischen 1952 und 1955 durchgeführten Untersuchung des Allensbacher Institutes gab fast ein Drittel der Befragten an, dass sie sich kein Fernsehgerät ins Wohnzimmer stellen wollen.[32] Dennoch stieg die Zahl der angemeldeten Fernsehgeräte schnell an. Waren es 1953 nur 1.000 Haushalte, in denen ein Fernsehgerät stand, stieg die Zahl schon 1958 auf über eine Million, 1960 wurde die dritte und 1965 bereits die zehnte Million erreicht.[33] Nach der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation ging die Entwicklung so schnell weiter, dass bereits 1974 in 95 Prozent der Haushalte ein Fernsehgerät stand, bis 1990 waren es sogar 98 Prozent.[34] Aus derselben Studie geht hervor, dass im Jahr 2000 85 Prozent der deutschen Bevölkerung „gestern“, also am Vortag der Befragung, fern gesehen haben, 1964 lag der Wert noch bei 47 Prozent.[35]

Mit der Häufigkeit der Nutzung des Fernsehens ist auch die Gesamtnutzungsdauer gestiegen. Sah der durchschnittliche Deutsche 1964 noch 70 Minuten Fernsehen pro Tag, ist dieser Wert inzwischen, auch aufgrund eines erheblich erweiterten Programmangebotes, deutlich erhöht.[36] So sieht der durchschnittliche Deutsche im Jahr 2005 223 Minuten, also fast vier Stunden, fern.[37] Dabei bleibt die klassische Nutzungskurve des Mediums Fernsehens weitgehend erhalten. Die Hauptnutzung liegt in den Abendstunden zwischen 18.00 Uhr und 22.00 Uhr, allerdings stieg in den vergangenen Jahrzehnten auch die Nutzung in den Nachmittags- und Mittagsstunden an, wie folgende Grafik zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Fernsehnutzung im Tagesverlauf in Deutschland [38]

Das Medium Fernsehen hat sich also seit seiner Einführung vor über 50 Jahren fest im Medienalltag der deutschen Bevölkerung etabliert und damit die Nutzung anderer Medien nachhaltig beeinflusst.

1.1.3 Folgen der Etablierung des Fernsehens

Die Etablierung des Fernsehens im Medienalltag der deutschen Bevölkerung hatte für die Nutzung des Hörfunks nachhaltige Folgen. Bis sich das neue Medium Fernsehen Mitte der fünfziger Jahre durchgesetzt hatte, kann man von einer Monopolstellung des Radios sprechen. So lag, nach einer Studie des SDR, die Hauptnutzung des Radios in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre in den Abendstunden. Damals schalteten bis zu 55 Prozent der Bundesbürger das Radio in den Abendstunden ein.[39] Außerdem wurde das Medium damals sehr intensiv genutzt. Nach einer Studie des NWDR hörten bei einer Sendung mit ernster Musik bis zu 38 Prozent der Hörer ausschließlich Radio und gingen keiner anderen Tätigkeit nach. Bei Hörspielen, Symphoniekonzerten und Vorträgen steigerte sich dieser Anteil, laut einer Studie des SDR, sogar auf bis zu 60 Prozent.[40] Mit dem Start und der schrittweisen Etablierung des Fernsehens in den fünfziger Jahren änderten sich die Lebens- und Freizeitgewohnheiten des Fernsehpublikums und damit auch die Art der Hörfunknutzung. Schnell war absehbar, dass der Hörfunk sein Publikum in den Abendstunden allmählich verlieren würde und auch insgesamt ging die Nutzung des Hörfunks zurück. So blieb zwar die Reichweite größtenteils erhalten, allerdings sank die Hördauer und es kam zu starken Verschiebungen in den Nutzungszeiten.[41]

Anhand der Analysen der Mediennutzung im Tagesverlauf von BERG/RIDDER lässt sich ablesen, dass das Fernsehen den Hörfunk als abendliches Primärmedium bereits im Jahr der ersten Erhebung von 1970 verdrängt hatte. Bei einem Vergleich der Analysen zur Mediennutzung im Tagesverlauf von 2000 von 1970 fällt auf, dass sich an der Dominanz des Fernsehens am Abend nichts Wesentliches geändert hat. Das Radio hat sich jedoch seine Nische gesucht und in den Morgen- und Vormittagsstunden deutlich hinzugewonnen. In den folgenden Abbildungen wird die Verschiebung der Nutzungszeiten des Radios in die Zeit zwischen 6.00 Uhr und 17.00 Uhr deutlich.[42]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 : Mediennutzung im Tagesverlauf 1970 in Deutschland [43]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 : Mediennutzung im Tagesverlauf 2000 in Deutschland [44]

Weiterhin lässt sich anhand der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation erkennen, dass sich das Radio immer mehr zu einem Medium entwickelt, was parallel zu anderen Tätigkeiten, also „nebenbei“ gehört wird, wogegen Fernsehen vorrangig in der Freizeit, also allein genutzt wird. So hört der durchschnittliche Hörer im Jahr 2005 täglich 227 Minuten Radio, davon jedoch 182 Minuten außerhalb der Freizeit, was einem Anteil von über 80 Prozent entspricht.[45] 1964 lag der Anteil des Radiohörens außerhalb der Freizeit noch unter 60 Prozent.[46]

Das Fernsehen hingegen beansprucht einen immer größeren Teil unserer Freizeit. So lag die durchschnittliche Fernsehnutzung in der Freizeit 2005 bei 191 Minuten pro Tag was etwa 43 Prozent der täglichen Freizeit der Bundesbürger entspricht. 1964 sahen die Bundesbürger nur 64 Minuten durchschnittlich fern. Das entsprach einem Anteil von gut 20 Prozent der täglichen Freizeit der Deutschen.[47]

Auch ist zu beachten, dass sich die Orte der Radionutzung durch die technische Entwicklung der Empfangsgeräte verändert haben. So sind die Empfangsgeräte inzwischen so klein, dass sogar in Handys Radioempfänger integriert werden können. Damit ist die Radionutzung nicht mehr an feste Orte gebunden sondern mobil und nahezu überall möglich.

Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich das Radio seit der Einführung des Fernsehens zu einem Begleitmedium entwickelt hat. Außerdem liegt die Nutzungszeit nicht mehr hauptsächlich am Abend, sondern verteilt sich über den ganzen Tag mit Höchstwerten am Morgen und am Mittag.

1.2 In der Schweiz

1.2.1 Die Geschichte des Hörfunks in der Schweiz

Die Geschichte des Hörfunks in der Schweiz beginnt am 22. August 1922. Damals ging in Lausanne die erste Sendeanlage zum Verbreiten von Hörfunk auf Sendung und war damit die dritte Anlage dieser Art in Europa. Zunächst wurden hauptsächlich Wetterberichte und Mitteilungen für die Luftfahrt verbreitet, zwischendurch wurden Schallplatten abgespielt. Nachrichten und Sportmeldungen ergänzten das Programm. Dieses Ereignis löste eine so große Begeisterung aus, dass sich in der gesamten Schweiz Amateurclubs gründeten, die versuchten selbst Sendeanlagen herzustellen. Die Industrie erwog schnell, Radioempfänger serienmäßig zu produzieren. Daraufhin reagierte das Parlament und wies per Bundesgesetz der eidgenössischen Telegrafenverwaltung am 14. Oktober 1922 das alleinige Recht zu, Einrichtungen zum Senden und zum Empfangen von Radiosendern zu betreiben.[48]

Ende des Jahres 1923 waren in der Schweiz etwa 980 Rundfunkgeräte konzessioniert, also angemeldet, und die Zahl der Radiohörer stieg weiter sprunghaft an. Zum Jahresende 1925 waren bereits 33.500 Empfänger in der Schweiz konzessioniert. Ende des Jahres 1930 waren bereits mehr als 100.000 Konzessionen vergeben worden. Das erste reguläre Radioprogramm wurde 1924 vom Hönggerberg in Zürich ausgestrahlt, es sendete jedoch, wie viele nachfolgende Sender, zunächst nur stundenweise.[49] Durchgehende Radiosendungen, also Programme die von morgens bis abends ausgestrahlt wurden, gab es in der Schweiz erst ab 1966. Rund um die Uhr wurde ab 1981 gesendet.[50]

Nachdem das erste Programm auf Sendung gegangen war, gründeten sich in der gesamten Schweiz Radiostationen, die sich zu verschiedenen Radio-Genossenschaften zusammengeschlossen hatten. Sieben dieser Radio-Genossenschaften schlossen sich dann wiederum zusammen und gründeten am 24. Februar 1931 die Dachorganisation Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG).[51] Die SRG bekam am 1. April 1931 die ausschließliche Konzession zur Veranstaltung von Rundfunk in der Schweiz.[52] Während des zweiten Weltkriegs wurde der SRG die Konzession wieder entzogen und die Radioprogramme wurden unter die Leitung des Post- und Eisenbahndepartements gestellt. Damit sollte der Zusammenhalt im Land gestärkt und die so genannte „Geistige Landesvereinigung“, ein mit kulturellen Mitteln geführter Abwehrkampf gegen die Ideologien der Nationalsozialisten, unterstützt werden. Nach dem Ende des Krieges wurde die Verantwortung für die Ausstrahlung von Radioprogrammen wieder der SRG übergeben.[53]

Die bisher bedeutungsvollste Programmreform in der schweizerischen Radiogeschichte war die am 01. Juli 1982 in Kraft getretene Verordnung über lokale Rundfunkversuche (RVO).[54] Sie ermöglichte es privaten Anbietern erstmals, lokale Rundfunkangebote zu verbreiten. Die Sender durften in einem Sendegebiet von 20 Kilometern Ausdehnung senden und waren verpflichtet ihr Programm so zu gestalten, dass es „zur Meinungsbildung über Fragen des lokalen Zusammenlebens“ beiträgt und das „Verständnis für die Anliegen der Gemeinschaft und das lokale kulturelle Leben“ fördert.[55] Außerdem erlaubte die Verordnung den Sendern pro Tag insgesamt 15 Minuten Werbung zu senden, um sich damit zu finanzieren. Später lockerte der schweizerische Bundesrat die Vorgaben so, dass ab 1988 sogar 40 Minuten Werbung möglich waren, außerdem wurde die Beschränkung des Sendegebiets leicht verändert, so dass vor allem im ländlichen Bereich die Veranstalter die Ausdehnung von 20 Kilometern überschreiten durften.[56]

Damit war der Hörfunkmarkt der Schweiz für private Anbieter geöffnet. Die RVO war zunächst nur ein Versuchsbetrieb und deswegen bis zum 31.Dezember 1988 befristet. Der Versuchbetrieb wurde jedoch zunächst verlängert und am 01. April 1992 durch das Bundesgesetz über Radio und Fernsehen (RTVG) ersetzt.[57] Grund dafür war, dass die Begleitforschung ergeben hatte, dass bei der Bevölkerung der Schweiz ein Bedürfnis nach lokalen und privaten Rundfunkprogrammen vorhanden war.[58] Sie ergab unter anderem, dass die Hördauer der Schweizer Radiohörer deutlich anstieg. Hörten die Menschen in der Deutschschweiz 1980 noch 147 Minuten Radio pro Tag, war dieser Wert bis 1987 auf 181 Minuten, also um etwa 23 Prozent, gestiegen. Noch größer war der Anstieg in der französischen Schweiz, wo die Hördauer sich um 40 Prozent erhöhte. Besonders bemerkenswert ist weiterhin, dass durch die neuen privaten Lokalradios nicht die Hördauer der SRG -Programme, sondern die Hördauer bei den Auslandsradios gesunken ist. Dadurch wurde deutlich, dass die Lokalradios einen wichtigen Beitrag zur nationalen Medienpolitik und gegen den Einfluss der Auslandssender leisten.[59]

Das Radio- und Fernsehgesetz ist zeitlich unbefristet und ermöglicht die Konzessionierung in verschiedenen Ebenen. So können neben den bisher möglichen lokalen Rundfunkanbietern auch sprachregionale und nationale Sender konzessioniert werden. Außerdem ist mit dem RTVG festgelegt, dass jeder Sender bis zu 12 Minuten pro Stunde Werbung senden darf.

Mit der Verabschiedung des RTVG war das Monopol der SRG-Stationen gebrochen. Ab November 1983 war es damit auch rechtlich möglich, in der Schweiz private lokale Radioprogramme auszustrahlen.

In Gang gebracht wurde die Diskussion unter anderem durch Roger Schawinski, der seit November 1979 vom Pizzo Groppera, einem Berg in den italienischen Alpen, mit seinem werbefinanzierten Sender Radio 24 in Teile der Deutschschweiz, also die Region Zürich, Winterthur und Luzern einstrahlte. Der Sender war den Schweizer Behörden zwar ein Dorn im Auge, doch in den italienischen Rundfunkgesetzen fand sich keine Klausel, die einen solchen Sender verbieten konnte. So wurde der Sender zwar immer wieder gestört und auch teilweise abgeschaltet, löste aber dennoch unter der Bevölkerung im Sendegebiet einen regelrechten Hype aus, so dass es in der Schweiz immer wieder zu Kundgebungen und Demonstrationen der Hörer für Radio 24 kam.[60]

Selbst in den Jahren, in denen Radio 24 noch „illegal“, also vom Pizzo Groppera, sendete, erreichte er eine Reichweite von fast fünf Prozent in der Deutschschweiz.[61]

Mit dem in Kraft treten der Verordnung über die lokalen Rundfunkversuche (RVO) am 01. November 1983 wurden in der Schweiz insgesamt 36 Lokalradio-Konzessionen bewilligt. Davon waren 20 Lokalradios deutschsprachig, elf sendeten in französischer Sprache, zwei auf Italienisch, zwei weitere sendeten zweisprachig und ein Programm bediente die romanisch-deutschsprachige Zielgruppe. Allerdings wurden aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit nicht alle vergebenen Konzessionen sofort genutzt. 1987 waren 35 Lokalradios angemeldet und 33 in Betrieb.[62] Später wurde das Lokalradiokonzept dann weiter modifiziert und auch erste Kantonssender, beispielsweise in Neuenburg und in Thurgau, ermöglicht.

Mit dem Sendestart der Lokalradios begann eine Umverteilung der Reichweiten in der Deutschschweiz. Die Reichweite der SRG-Sender sank zwischen 1983 und 1989 nur minimal von 62,8 Prozent auf 61,2 Prozent. Dafür verloren vor allem die Auslandssender ihre Reichweitenanteile an die neuen Lokalprogramme. Allein bis zum Ende der achtziger Jahre erarbeiteten sich die Lokalradios in der Deutschschweiz eine Gesamtreichweite von 22,5 Prozent, in den anderen Teilen der Schweiz lag dieser Anteil jedoch deutlich niedriger.[63] Außerdem stoppte mit der Verbreitung der Lokalradios das Abnehmen der Tagesreichweiten für das Radio insgesamt. Erreichte das Radio 1975 noch täglich 81 Prozent der Menschen in der Deutschschweiz, so sank dieser Wert bis 1982 auf 71 Prozent und stieg nach dem Start der Lokalradios bis 1989 wieder auf fast 81 Prozent an.[64]

Dieser positive Trend setzt sich bis heute fort. Bis 2006 erhöhten sich die Tagesreichweiten des Radios insgesamt in der Deutschschweiz auf 90,8 Prozent, wobei hinzugefügt werden muss, dass ein Teil des Anstiegs auf den Wechsel der Erhebungsmethode zurückzuführen ist, auf die im Verlauf dieser Arbeit noch genauer eingegangen wird.

1.2.2 Entwicklung des Fernsehens in der Schweiz

Die ersten Fernsehversuche hat es in der Schweiz 1939 gegeben. Damals wurde die erste Fernsehübertragung anlässlich der Landesausstellung in Zürich durchgeführt. Am 11. Dezember 1947 gründeten verschiedene Institutionen, unter anderem die SRG und die S chweizerischen Post-, Telefon und Telegraphenbetriebe (PTT), eine Kommission für Fragen, die mit der Einführung des Fernsehens verbunden sein würden. Der offizielle Fernseh-Versuchsbetrieb in der Schweiz startete im November 1953, als die SRG an fünf Abenden pro Woche jeweils ein einstündiges Fernsehprogramm ausstrahlte. Ende 1953 wurden in der Schweiz 920 Teilnehmer gezählt, die die Konzessionsgebühr für den Empfang von Fernsehen gezahlt hatten. Das erste Großereignis der Fernsehgeschichte der SRG war die Übertragung der Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 1954 in der Schweiz. Daraufhin stiegen die Verkaufszahlen bei den Fernsehgeräten sprunghaft an, so dass Ende 1956 fast 20.000 konzessionierte Empfänger existierten.[65]

Nach Ende des schließlich bis 1957 verlängerten Versuchsbetriebes empfahl der Bundesrat den neuen Radio- und Fernsehartikel 36 bis in die Schweizer Verfassung aufzunehmen und damit das Fernsehen zur Bundessache zu machen. Eine Volksabstimmung im März 1957 lehnte den Vorschlag aber ab und schloss damit weitere Subventionen des Bundes für das Fernsehen aus. Weil sich das Fernsehen aber trotz dieser Ablehnung in diesem Jahr erheblich ausbreitete und am Jahresende auf über 31.000 Konzessionäre kam, war es nahezu unmöglich den Fernsehbetrieb in der Schweiz nun einzustellen. Bundesrat Guiseppe Lepori forderte die Direktoren von SRG und PTT zur Entwicklung einer Strategie auf, mit der die Entwicklung des Fernsehens ohne staatliche Subventionen vollzogen werden konnte. Daraufhin wurde vorgeschlagen, die Defizite, die bei der Entwicklung des Fernsehens entstehen würden, durch Werbemittel zu finanzieren. Da der Schweizer Zeitungsverlegerverband jedoch dadurch eine starke Reduzierung des Werbevolumens im Printbereich befürchtete, einigte man sich auf einen Vertrag, der festlegte, dass der Zeitungsverlegerverband jährlich zwei Millionen Schweizer Franken an die SRG zu zahlen hat und die SRG im Gegenzug auf Werbung verzichtet. Der Vertrag sollte entweder zehn Jahre lang gelten oder mit dem Erreichen der Zahl von 180.000 Fernsehkonzessionären aufgelöst werden.

Die neue Lösung, die durch ein Darlehen von 8,4 Millionen Schweizer Franken unterstützt werden sollte, wurde im Juli 1957 dem Parlament unterbreitet und beide Schweizer Räte, der Nationalrat und der Ständerat, stimmten zu. Daraufhin wurde der SRG die Konzession für die öffentlicher Verbreitung des Fernsehens erteilt, die am 1. Januar 1958 in Kraft trat und auf zehn Jahre befristet war.[66] Als bereits 1961 die Zahl der 180.000 Fernsehkonzessionäre erreicht war, endete der Vertrag zwischen dem Zeitungsverlegerverband und der SRG.[67] Die Verleger einigten sich mit der SRG auf die Gründung einer gemeinsamen Aktiengesellschaft für das Werbefernsehen und beteiligten sich daran mit je 40 Prozent. Die restlichen Anteile zeichneten in kleineren Teilen Schweizer Handels-, Industrie-, Bauern- und Gewerbeverbände sowie der Verein der Schweizer Presse. Damit wurden am 1. Februar 1965 die ersten Werbeblöcke im Schweizer Fernsehen gesendet, die zunächst auf eine maximale Werbedauer von zwölf Minuten pro Tag beschränkt waren.[68] 1981 wurde die Marke von zwei Millionen Konzessionären durchbrochen.[69] Nachdem 1976 eine weitere Volksabstimmung die Aufnahme eines Verfassungsartikels zu Radio und Fernsehen in das Grundgesetz erneut verhindert hatte, fand ein weiterer Gesetzesvorschlag im Dezember 1984 die Zustimmung der Schweizer. Damit war erstmals eine rechtliche Grundlage für elektronische Medien in der Schweiz geschaffen. Nach Artikel 55bis war die Gesetzgebung über Radio und Fernsehen nun Sache des Bundes.

Wie bereits in 1.2.1 erläutert, trat im April 1992 das RTVG in der Schweiz in Kraft, was ab diesem Tag auch die Verbreitung von privaten Fernsehprogrammen ermöglichte. Die ersten privaten Lokalfernsehprogramme gingen 1995 auf Sendung, später kamen sprachregionale Programme und Schweizer Programmfenster deutscher Privatfernsehsender hinzu.[70]

1.2.2.1 Entwicklung der Fernsehnutzung in der Schweiz

Da die Mediennutzung in der Schweiz erst seit 1975 in der SRG-Medienstudie regelmäßig erfasst und analysiert wird, lässt sich über die genaue Entwicklung der Fernsehnutzung in den Jahren davor keine konkrete Aussage treffen. Anhand der Zahlen der angemeldeten Geräte ist jedoch zu erkennen, dass 1968 die Grenze von einer Million überschritten wurde, nachdem in den Jahren zwischen 1957 und 1968 jährliche Zuwachsraten zwischen 55 und 80 Prozent erzielt worden.[71] Also kann von einem sehr hohen Interesse der Schweizer für das Medium Fernsehen ausgegangen werden. Diese Prognose bestätigt sich anhand der Zahlen, die die SRG-Medienstudie ab 1975 lieferte. Aus der Studie geht hervor, dass die Fernsehnutzung seit Beginn der Messungen fast durchweg anstieg. 1975 sahen die Menschen in der Deutschschweiz etwa 75 Minuten pro Tag fern, bis 2002 verdoppelte sich dieser Wert fast auf 141 Minuten. In der französischen Schweiz und der italienischen Schweiz war die Entwicklung ähnlich.[72]

Die Fernsehnutzung im Tagesverlauf in der Schweiz ist vergleichbar mit der in Deutschland. Auch in der Schweiz wird das Fernsehen hauptsächlich in den Abendstunden zwischen 18.00 Uhr und 22.00 Uhr genutzt. Jedoch steigt die Nutzung im Tagesverlauf in der Schweiz nicht so gleichmäßig an wie in Deutschland. Im Gegensatz zu dem in 1.1.2.1 erläuterten Nutzungsverhalten der deutschen Zuschauer, gibt es in allen drei Teilen der Schweiz bereits in den Mittagsstunden um 13.00 Uhr einen ersten Tageshöhepunkt, nach dem die Reichweite kurzfristig wieder sinkt und erst in den Nachmittagsstunden ab 16.00 Uhr wieder steigt.[73]

1.2.3 Folgen der Etablierung des Fernsehens

Inwiefern die Einführung des Fernsehbetriebs eine Auswirkung auf die Radionutzung in der Schweiz hatte, lässt sich im Nachhinein nicht belegen. Grund dafür ist, dass für die langfristige Entwicklung des Radiohörens in der Schweiz ausschließlich die SRG-Medienstudien zur Verfügung stehen, die erstmals 1975 durchgeführt wurden.[74]

Fest steht, dass in der Schweiz, wie auch in Deutschland, das Fernsehen dem Radio vor allem in den Abendstunden den Rang abgelaufen hat. Infolgedessen stieg die Nutzung des Radios in den Vormittagsstunden, genauso wie in Deutschland, an. Im Gegensatz zur Radionutzung in Deutschland gab es in der Schweiz jedoch einen gravierenden Unterschied: In der Zeit zwischen 12.00 Uhr und 13.00 Uhr, gab es einen kurzen aber deutlichen Reichweitenanstieg der Schweizer Radios, der auf die Mittagsnachrichten zurückzuführen ist. Besonders ausgeprägt war dieser Anstieg bei den informationsorientierten ersten Programmen der SRG.[75] So stieg die Reichweite zu den Mittagsnachrichten 1977 auf nahezu 50 Prozent an, am Vormittag wurden hingegen nur 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung erreicht, am Nachmittag nicht mal mehr zehn Prozent. Zwanzig Jahre später hatte sich diese Nutzungsstruktur schon deutlich verändert. Die Reichweite der Mittagsnachrichten war 1997 erheblich gesunken, dafür erreichten die Nachrichten um 8.00 Uhr jetzt mehr Hörer. Außerdem stieg die Reichweite am Vormittag auf etwa 30 Prozent an, nachmittags lag sie durchgehend über der 15-Prozent-Marke. Bis etwa 18.30 Uhr blieb dieses Niveau weitestgehend erhalten, dann sank die Radioreichweite sinkt auf Werte zwischen zwei und sechs Prozent.[76]

Die Veränderung der Radionutzung in der Schweiz wird an folgender Grafik besonders deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 : Radionutzung Deutschschweiz im Tagesverlauf 1977 und 1997 [77]

Diese Entwicklung zeigt, dass das Radio in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Wandel vollzogen hat. Vom primären Mittags-Informationsmedium während der siebziger Jahre entwickelte es sich zu einem Medium, welches die Hörer den ganzen Tag über begleitet.[78]

Über die genaue Art der Mediennutzung in der Schweiz sind dem Autor keine Erhebungen bekannt. Da jedoch die beschriebene Nutzungsentwicklung auf eine ganztägige Radionutzung schließen lässt und davon auszugehen ist, dass sich die Radionutzung in Deutschland und der Schweiz nur unwesentlich voneinander unterscheiden, kann angenommen werden, dass auch in der Schweiz das Radio zu einem großen Teil parallel zu anderen Tätigkeiten, also nebenbei, genutzt wird.

2. Neue Verbreitungswege für den Hörfunk

2.1 Digitales Radio

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich allerdings nicht nur die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Radiomacher verändert, auch die technischen Möglichkeiten, vor allem im Bereich der Verbreitungswege, entwickeln sich permanent weiter. Schon zum Ende der fünfziger Jahre gab es hier mit dem Übergang vom über Mittelwelle verbreiteten Hörfunk zum Rundfunk auf Ultrakurzwelle (UKW) einen wesentlichen Entwicklungssprung, der eine Verbreitungstechnik etablierte, die noch heute hauptsächlich genutzt wird. Da diese Technik allerdings durch die Entwicklungen in der Radiobranche immer mehr an ihre Grenzen gerät und beispielsweise nur eine beschränkte Zahl an Sendern pro Frequenzband transportieren kann, wurde bereits in den achtziger Jahren in verschiedenen Projekten versucht, mit Hilfe der Digitalisierung diese Probleme zu lösen.

1990 wurde die Nationale Plattform Digital Audio Broadcasting (DAB) mit dem Ziel gegründet, an einer Einführungsstrategie für DAB zu arbeiten. 1993 trafen die Ministerpräsidenten der Bundesländer den Grundsatzbeschluss, DAB als Nachfolgesystem für UKW in Deutschland einzuführen. Nach verschiedenen Pilotprojekten sollte der DAB-Rundfunk eigentlich bereits 1997 mit dem Regelbetrieb starten. Der wirkliche Start verschob sich allerdings bis 1999, als Sachsen-Anhalt und Bayern mit dem Regelbetrieb parallel zu UKW starteten. Weitere Bundesländer folgten und ein Jahr später waren 60 Prozent des Bundesgebiets mit DAB versorgt. Auch das Programmangebot wuchs stark an und im Jahr 2004 konnten schon über 130 Hörfunkprogramme im Digitalnetz empfangen werden.[79]

Allerdings wurde die neue Technik nicht so schnell wie gewünscht in der Bevölkerung bekannt. Vor allem die kommerziellen Hörfunkanbieter hielten sich bei den Investitionen in DAB zurück. Auch die neuen digitalen Empfangsgeräte verkauften sich nur langsam, VOWE/WILL schätzen den Bestand an Digitalgeräten 2004 auf etwa 50.000 Stück, was nur 0,3 Prozent aller Radioempfänger in Deutschland ausmacht. Ohne Bekanntheit und ausreichend verbreitete Empfangstechnik kann digitales Radio folglich auch keine ausreichenden Hörerzahlen generieren und so sehen VOWE/WILL das DAB-Projekt in Deutschland als gescheitert an.[80] Andere Autoren glauben dennoch an die Zukunft von DAB, vor allem weil sich die neue Technik in anderen europäischen Ländern schon deutlich besser etabliert hat und die Möglichkeiten der DAB-Technik um ein Vielfaches reichhaltiger sind, als die der UKW-Technik.[81]

Eine Prognose darüber, wie sich DAB, möglicherweise mit politischer Unterstützung durch eine Anordnung zur Abschaltung der UKW-Frequenzen in Zukunft entwickeln wird, gestaltet sich als schwierig. Es bleibt lediglich festzuhalten, dass der derzeitige Stand der DAB-Verbreitung die Nutzung der über UKW verbreiteten Radioprogramme kaum beeinflusst. Daher wird in dieser Arbeit die Erfassung von über DAB verbreiteten Radiosendern nicht behandelt, da sie für den Gesamtradiomarkt eine zu vernachlässigende Rolle spielen.

2.2 Internetradio

Neben dem Digitalradio ist auch mit dem Internet ein neuer Verbreitungsweg für das Radio entstanden. Dabei werden die Internetradios in zwei wesentliche Gruppen unterteilt. Zum einen gibt es Internetradios, bei denen es sich um herkömmliche UKW-Sender handelt, die ihr Programm zusätzlich im Internet verbreiten, um somit mehr Hörer erreichen zu können. Dabei wird das Programm unverändert über einen Livestream im Internet veröffentlicht und lediglich durch gewisse Serviceangebote, wie zum Beispiel die Auflistung der aktuellen Playlist oder durch Bilder einer Studiowebcam, auf der Senderhomepage ergänzt. Die Verbreitung über das Internet hat für den Sender außerdem den Vorteil, dass er nicht nur in seinem Sendegebiet, sondern weltweit zu empfangen ist. Die andere Gruppe der Internetradios bilden die so genannten „Webcaster“, also die Sender die ausschließlich über das Internet verbreitet werden und keine zusätzliche UKW-Frequenz besitzen.[82]

Wie die UKW-Radios werden auch die Radiosender im Internet hauptsächlich als Nebenbei-Medium genutzt, da die Nutzer in der Regel den PC und das Internet noch zu weiteren Tätigkeiten nutzen, während sie Radio hören. In der Nutzungszeit gibt es nach SIEGERT aber einen deutlichen Unterschied der Internetradios zu den herkömmlichen Sendern. Die Hauptnutzung liegt nicht, wie bei den über UKW verbreiteten Radios, in den Morgenstunden zwischen 6.00 Uhr und 8.00 Uhr und fällt dann über den Tag immer mehr ab, sondern verläuft fast entgegengesetzt. So wird Internetradio am frühen Morgen kaum genutzt, steigt aber im Tagesverlauf immer weiter an und erreicht die Höchstwerte erst nach 20.00 Uhr.[83] Dieses Nutzungsverhalten ist vermutlich auf die allgemeine Nutzungskurve des Internets zurückzuführen.

Weiterhin ist festzustellen, dass Internetradios immer mehr Anklang finden. So haben 2006 bereits 24 Prozent der Onlinenutzer schon einmal Radio über das Internet gehört, 2003 lag dieser Wert bei 18 Prozent.[84] Am häufigsten sind dabei die jungen Onlinenutzer vertreten. Die ARD/ZDF-Online-Studie aus dem Jahr 2006 ergab, dass etwa 30 Prozent der 14- bis 39-Jährigen Onlinenutzer bereits über das Internet Radio gehört haben.[85]

Insgesamt hören täglich vier Prozent der Onlinenutzer, also 1,2 Millionen Menschen, Radio über das Internet.[86] Über die Dauer der Nutzung von Internetradios in Deutschland liegen dem Autor keine Daten vor.

3. Geschichte und Entwicklung der Rezipientenforschung im Hörfunk

3.1 Entwicklung der Hörerforschung in Deutschland

In der Geschichtsschreibung der Hörerforschung wird oft von einem Beginn der Hörerforschung in der Nachkriegszeit gesprochen, doch die Entwicklung startete weit früher. Sie ist in Deutschland fest an die Entwicklung des Hörfunks gekoppelt. Erste Hörerforschungen gab es bereits in den Anfangsjahren des Hörfunks in der Weimarer Republik. So wurden beispielsweise schon 1924 die Hörer einer bestimmten Sendung dazu aufgefordert, ihre Meinung über das Programm in Form einer schriftlichen Stellungnahme zu äußern. Außerdem haben Briefe und Anrufe der Hörer den Radiomachern in den zwanziger Jahren erste Hinweise darauf gegeben, wie häufig ihre Sendungen genutzt wurden und welche Sendungen besonders beliebt waren. Die Zeitschrift Der Deutsche Rundfunk forderte 1924 ihre Leser dazu auf, abzustimmen, welche Programme sie im Radio hören möchten, da die vielen einzelnen Meinungsäußerungen schwer auszuwerten waren und sich außerdem oft widersprachen. Etwa 8.000 Leser beteiligten sich damals an der Umfrage.[87]

Nach weiteren Hörerbefragungen, die teilweise auch von einzelnen Sendeanstalten durchgeführt worden sind, ging die Hörerforschung zu Beginn der dreißiger Jahre einen Schritt weiter. 1931 befragte die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft erstmals die Hörer in einer Volksbefragung zu ihren Hörgewohnheiten, wodurch auch erste Erkenntnisse über die Hörfunknutzung zu den verschiedenen Tageszeiten gewonnen worden.[88] Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Weiterentwicklung der Hörerforschung in Deutschland stark gebremst. Grund war, dass der Rundfunk wie in Kapitel 1.1.1 beschrieben nur noch als Propagandainstrument der Nationalsozialisten genutzt und die Hörerforschung durch die so genannte sicherheitsdienliche Erkundung der Hörermeinung ersetzt wurde. Ein eingerichteter Sicherheitsdienst beobachtete weltanschauliche und politische Gegner der Nationalsozialisten und wurde später zum Meinungsforschungsinstitut der Diktatur.[89]

Nach dem zweiten Weltkrieg konnte die Hörerforschung zügig reaktiviert werden. Da die einzelnen Sendeanstalten unter dem Einfluss ihrer jeweiligen Besatzungsmacht standen, wurden auch die Methoden und Strukturen der Hörfunkforschung stark von den Alliierten geprägt. So wurde die 1947 beim NWDR eingerichtete Forschungseinrichtung nach dem Vorbild der entsprechenden Abteilung der British Broadcasting Corporation (BBC) aufgebaut. Das Demoskopieinstitut Allensbach führte für den NWDR und den SDR Hörerbefragungen nach amerikanischem Vorbild durch, die sich bereits in den fünfziger Jahren mit der Rekonstruktion des „gestrigen“ Hörverhaltens beschäftigten. Später wurden diese Forschungen zu einer Tagesablaufuntersuchung ausgebaut. Auch andere Rundfunkanstalten führten unterschiedliche Formen der Hörerforschung durch.[90]

Die erste gemeinsame Hörerbefragung der einzelnen ARD-Anstalten gab es, auf Initiative der European Broadcasting Union, 1960/61 mit der ARD-Tagesablaufstudie. Dabei fertigte das Infratest-Institut eine repräsentative Erhebung über Gerätebesitz, Empfangsmöglichkeiten, Lebensgewohnheiten und das Hör- und Sehverhalten an. Dafür wurden in allen Sendegebieten der einzelnen Rundfunkanstalten jeweils 285 Personen pro Tag nach ihrem Radiokonsum „gestern“ befragt, im Gebiet des Westdeutschen Rundfunks, des Hessischen Rundfunks, des Südwestfunks und des Saarländischen Rundfunks wurde die tägliche Stichprobe auf 500 Fälle angehoben.[91]

Diese Erhebung wurde zum Muster für die weiteren Untersuchungen der sechziger Jahre. Dabei traten die regionalen Umfragen immer mehr zu Gunsten von bundesweiten Studien in den Hintergrund, außerdem wurden die erhobenen Stichproben immer weiter erhöht, um auch für kleinere Gebiete verwertbare Ergebnisse zu gewinnen.[92] In der Folgezeit nutzten die einzelnen Sendeanstalten das Mittel der Hörerbefragungen in erster Linie zur Verbesserung ihrer Programmgestaltung.

[...]


[1] Seibel-Müller/Müller (2005)

[2] Vgl.: Koschnick (2003), 36

[3] Vgl.: ARD-Werbung (2007)

[4] Vgl.: Koschnick (2003), 36f,

[5] Radio Schleswig-Holstein

[6] Vgl.: Publica-Data AG – Webpräsenz (2005)

[7] Vgl.: Stange (1989), 19

[8] Vgl.: Koch / Glaser (2005), 10f.

[9] Vgl.: Dussel (2004), 32ff.

[10] Vgl.: Wilke (2000), 331

[11] Vgl.: Wilke (2000), 336 ff.

[12] Vgl.: Koch / Glaser (2005), 65f.

[13] Vgl.: Koch / Glaser (2005), 139ff.

[14] Vgl.: Koch / Glaser (2005), 227

[15] Vgl.: Koch / Glaser (2005) 198

[16] Vgl.: Kutsch (1999), 77ff.

[17] Vgl.: Stuiber (1998), 198ff.

[18] Vgl.: Diller (1999), 149

[19] Vgl.: Diller (1999), 150ff

[20] Privatradio in Niedersachsen, ffn steht dabei für „Funk und Fernsehen Nordwestdeutschland GmbH & Co. KG“

[21] Vgl.: Altendorfer (2004), 313

[22] Vgl.: Altendorfer (2001), 37

[23] Vgl.: Altendorfer (2004), 335f

[24] Vgl.: Ludes (1999), 255

[25] Vgl.: Altendorfer (2004), 321

[26] Vgl.: Stuiber (1998), 214ff

[27] Vgl.: Altendorfer (2004), 323f

[28] Vgl.: Stuiber (1998), 228f

[29] Vgl.: Stuiber (1998), 234ff

[30] Vgl.: Steinmetz (1999), 182

[31] Vgl.: Altendorfer (2004), 326f

[32] Vgl.: Kiefer (1999), 431

[33] Adolph/Scherer (1993), 406

[34] Vgl.: Berg/Ridder (2002), 21

[35] Vgl.: Berg/Ridder (2002), 31 und Kiefer (1999), 435

[36] Vgl.: Kiefer (1999), 435

[37] Vgl.: Media Perspektiven Basisdaten (2005), 65

[38] Berg/Ridder (2002), 50

[39] Vgl.: Kiefer (1999), 430

[40] Vgl.: Kiefer (1999), 430

[41] Vgl.: Kiefer (1999), 429ff

[42] Vgl.: Berg/Ridder (2002), 54f

[43] Berg/Ridder (2002), 54

[44] Berg/Ridder (2002), 55

[45] Eigene Berechnung nach: Media Perspektiven Basisdaten (2005), 65

[46] Vgl.: Berg/Kiefer (1996), 116

[47] Eigene Berechnung nach: Media Perspektiven Basisdaten (2005), 65

[48] Vgl.: Pünter (1971), 13f

[49] Vgl.: Pünter (1971), 15ff

[50] Vgl.: Schade (2006), 354

[51] Vgl.: Pünter (1971), 28

[52] Vgl.: Meier / Schanne (1994), 18

[53] Vgl.: Pünter (1971), 66ff

[54] Nachzulesen in: Saxer (1989), 139 ff

[55] Verordnung über lokale Rundfunkversuche (RVO), 146

[56] Vgl.: Verordnung über lokale Rundfunkversuche (RVO), 154ff

[57] Vgl.: Koschnick (2004), 405

[58] Die Rundfunkveranstalter wurden ursprünglich nach Art. 27 RVO dazu verpflichtet, selbst eine Begleitforschung durchzuführen, da sie jedoch damit überfordert waren übernahm das Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Ulrich Saxer die Aufgabe

[59] Vgl.: Saxer (1989), 69f

[60] Vgl.: Schawinski (1982), 131ff

[61] Vgl.: Hättenschwiler (1990), 159

[62] Vgl.: Saxer (1989), 29

[63] Vgl.: Hättenschwiler (1990), 159ff

[64] Vgl.: Hättenschwiler (1990), 158f

[65] Vgl.: Koschnick (2004), 102f

[66] Vgl.: Enhimb-Bertini (2000), 184ff

[67] Vgl.: Pünter (1971), 171

[68] Vgl.: Pünter (1971), 19ff

[69] Vgl.: Koschnick (2004), 107

[70] Vgl.: Koschnick (2004), 106f

[71] Eigene Berechnung anhand der Daten aus Koschnick (2004), 102f

[72] Vgl.: Steinmann (1986), 69; Koschnick (2004), 114 und Gattlen (1999), 133ff

[73] Vgl.: Gattlen (1999), 128ff

[74] Vgl.: Hättenschwiler (1990), 136

[75] Vgl.: Goldhammer/Martick/Wiegand (2004), 30

[76] Vgl.: Dähler (2006), 7

[77] Dähler (2006), 7

[78] Vgl.: Dähler (2006), 7f

[79] Vgl.: Vowe/Will (2004), 15f

[80] Vgl.: Vowe/Will (2004), 16ff

[81] Vgl.: Riegler (2005), 163

[82] Vgl.: Siegert (2004), 330

[83] Vgl.: Siegert (2004), 332

[84] Vgl.: Müller (2007), 4f

[85] Vgl.: Fisch/Gscheidle (2006), 434

[86] Vgl.: Müller (2007), 4f

[87] Vgl.: Bessler (1980), 17ff

[88] Vgl.: Bessler (1980), 26ff

[89] Vgl.: Bessler (1980), 34ff

[90] Vgl.: Hohlfeld (2003), 64f

[91] Vgl.: Bessler (1980), 134ff

[92] Vgl.: Bessler (1980), 153

Details

Seiten
125
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836611244
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225679
Institution / Hochschule
Hochschule Mittweida (FH) – Medien, Studiengang Medienmanagement
Note
1,0
Schlagworte
radio hörfunknutzung radiocontrol media-analyse rezipientenforschung

Autor

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Titel: Kann Befragung durch Messung ersetzt werden?