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Neuere Kritiken der Regulationstheorie

Diplomarbeit 2004 173 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - zum methodischen Vorgehen

2 Rekonstruktion des Regulationsansatzes
2.1 Der strukturalistische Marxismus Althussers
2.1.1 Wirkung Althussers
2.1.2 Der Althussersche Begriffsapparat
2.1.3 Die Interpretation des althusserschen Marxismus durch die Regulationisten: Ihr Verhältnis zum Vermächtnis und die regulationistische „Aufhebung“
2.2 Abgrenzung der Regulationisten von der neoklassischen Gleichgewichtstheorie
2.2.1 Die neoklassische Wirtschaftstheorie
2.2.2 Regulationstheoretische Kritik an der neoklassischen Wirtschaftstheorie
2.3 Zusammenfassung der Rekonstruktion

3 Darstellung der Regulationstheorie
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Konzeptionen der frühen französischen Regulationsschule
3.2.1 Die Pionierarbeit von Aglietta
3.2.2 Regulationstheorie bei Lipietz
3.2.3 Boyers Version der Regulationstheorie
3.3 Klärung grundsätzlicher Fragestellungen
3.3.1 Theorie kapitalistischer Regulation vs. Institutionalistische Theorie der Ökonomie
3.3.2 Konsistenz der Begriffe: Logische Korrespondenz oder historische Konstellation
3.3.3 Zu „objektiven Notwendigkeiten unter kapitalistischen Bedingungen“ und zum theoretischen Stellenwert der Werttheorie: Versuch einer Synthese
3.3.4 Regulationstheorie als „Theorie offener Systeme“
3.4 Der regulationstheoretische Kern

4 Neuere Kritiken der Regulationstheorie
4.1 Staatstheoretische Defizite in der Regulationstheorie
4.1.1 Hirschs Kritik des staatstheoretischen Defizits der Regulationstheorie
4.1.1.1 Hirschs Diagnose des staatstheoretischen Defizits
4.1.1.2 Die formanalytische Reformulierung der Regulationstheorie
4.1.1.3 Kritik der formanalytischen Reformulierung der Regulationstheorie
4.1.2 Staatstheoretische Kritik aus der Perspektive des strategisch-relationalen Ansatzes von Jessop
4.1.2.1 Allgemeines zum staatstheoretischen Ansatz von Jessop
4.1.2.2 Die Rezeption der Regulationstheorie durch Jessop
4.1.2.3 Grundzüge der Staatstheorie von Jessop
4.2 Gesellschaftstheoretische Kritik an der Regulationstheorie
4.2.1 Problemaufriss und Vorbemerkungen
4.2.1.1 Der Versuch von Lipietz zur Integration des Habitus-Konzepts von Bourdieu
4.2.1.2 „Soziale Grenzen fordistischer Regulation“: Die Kritik von Mahnkopf
4.2.2 Görgs gesellschaftstheoretischer Reformulierungsversuch anhand der „Theorie der Strukturierung“ von Giddens
4.2.3 Hegemonietheoretische Reformulierungen
4.2.3.1 Vorbemerkungen
4.2.3.2 Die hegemonietheorie Interpretation von Hirsch
4.2.3.3 Weitere hegemonietheoretische Reformulierungen (Demirović, Krebs, Sabloswki)

5 Zusammenfassung der kritischen Einwände und Reformulierungsversuche

6 Schluss und Ausblick:

7 Literatuverzeichnis

1 Einleitung - zum methodischen Vorgehen

Vor zehn Jahren wurde eine Studie zur Regulationstheorie mit folgendem Satz eingeleitet: „Wo gegenwärtig noch der Anspruch erhoben wird, im Anschluss an die Marxschen Schriften das Projekt einer historisch-materialistischen Gesellschaftstheorie weiter zu verfolgen, da stellt die Regulationstheorie einen der wichtigsten Bezugspunkte dar“ (Esser/ Görg/ Hirsch 1994: 7). Diese Einschätzung hat auch heute noch Gültigkeit. Das regulationstheoretische Projekt scheint mir das ambitionierteste Angebot auf dem Theorienmarkt zur Erklärung der historisch-spezifischen Konstellationen kapitalistischer Entwicklung zu sein. Hierfür spricht, dass es an den unumgänglichen Erkenntnissen über die spezifische Logik des Kapitalismus, die Marx in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ herausgearbeitet hat, anknüpft und auf dieser methodischen Basis die Analyse konkreter kapitalistischer Gesellschaftskonstellationen betreibt. Ihre größte Erklärungskraft entfaltet die Regulationstheorie besteht in der Analyse der dynamischen Entwicklung von Gesellschaftlichkeit vor dem Hintergrund der spezifisch kapitalistischen Akkumulationsdynamik.

Der Vorteil der Regulationstheorie gegenüber anderen Theorien lässt sich auf der ökonomietheoretischen Ebene in einer Gegenüberstellung mit der neoklassischen Wirtschaftstheorie zeigen. Die ökonomietheoretische Abgrenzung der Regulationisten von der Neoklassik war selbst ein zentraler Schritt in der Entwicklung der Regulationsschule (2.2). Eine weitere, wenn auch bedeutsamere konstitutive Funktion hat die Auseinandersetzung mit dem strukturalistischen Marxismus Althussers (2.1). Dessen Verdienst war die Entwicklung einer nicht-ökonomistischen Methode zur Analyse der Herrschaftsförmigkeit kapitalistischer Gesellschaften. In der Auseinandersetzung sowohl mit der Neoklassik als auch mit der Althusserschen Spielart von Marxismus gab der Regulationstheorie ihre wesentliche Konturierung. Aus diesem Grund werde ich im ersten Teil dieser Arbeit (2) die Rekonstruktion der Regulationstheorie vor dem Hintergrund dieser ideengeschichtlichen Auseinandersetzung betreiben.

Übernahm die Regulationstheorie ihrem Anspruch nach die nicht-ökonomistische Perspektive Althussers und gab sich dementsprechend die Programmatik, in der Analyse kapitalistischer Entwicklung die konstitutive Rolle nicht-ökonomischer Instanzen zu berücksichtigen, zeigt die Darstellung der Grundbegriffe der Regulationstheorie, die ich im zweiten Teil der Arbeit (3) vornehmen werde, dass in den regulationstheoretischen Entwürfen den kulturellen, ideologischen und politischen Faktoren eine lediglich untergeordnete Rolle beigemessen wird.

In der vorliegenden Arbeit werde ich für eine bestimmte Interpretation der Regulationstheorie plädieren, die die regulativen Instanzen vor allem des kulturellen Bereichs, der Ideologie aber auch der Politik betont. Die Wirkungen letzterer Bereiche bleiben in den gängigen Theorien der Regulation, entgegen ihrem breit gefassten Erklärungsanspruch, nämlich unterbestimmt. Dieses Defizit kauft sie sich durch ihren primären analytischen Fokus auf ökonomische Fragestellungen ein.

Die folgende Darstellung der Regulationstheorie (3) wie auch die der „neueren Kritiken“ (4) an ihr ist somit weder annähernd vollständig noch standpunktlos. Standpunklos ist sie insofern nicht als ich mir in meiner Interpretation und Kritik an der Regulationstheorie die nicht-ökonomistische Perspektive Althussers zu eigen mache. Das erste Kapitel zum strukturalistischen Marxismus Althussers (2.1) dient als allgemeine Beleuchtung der vorliegenden Arbeit. Den vernachlässigten Anschluss der Regulationstheoretiker an die spezifisch nicht-ökonomistische Perspektive Althussers interpretiere ich als eine verspielte Möglichkeit.

Die von mir im dritten Teil dieser Arbeit angeführten Kritikpunkte an der Regulationstheorie beschränken sich folglich auf staats- und gesellschaftstheoretische Kritik- und Reformulierungsversuche (4.1 und 4.2). Unvollständigkeit bleibt sie dahin gehend, als die in den letzen Jahren intensiv betriebene Diskussion über die Herausbildung internationaler Akkumulations- und Regulationsverflechtungen außer Betracht bleiben. Eine knappe Zusammenfassung zumindest der Herausforderung, die die internationale Verflechtung ökonomischer und politischer Zusammenhänge für die Regulationstheorie darstellt, soll dennoch aufgrund ihrer aktuellem Bedeutung im Abschnitt zum Resümee der Kritiken (5) erfolgen.

Positiv formuliert zielt die Auswahl der Kritik darauf ab, solche Reformulierungsversuche der Regulationstheorie einzubeziehen, die das theoretische Wiedereinholen kultureller, ideologischer und politischer Phänomene anstreben. Für eine verstärkte und intensivierte Reflexion auf den Staat innerhalb der Regulationstheorie plädieren die Staatstheoretiker Hirsch (4.1.1) und Jessop (4.1.2). Eine im Ansatz sinnvolle gesellschaftstheoretische Erweiterung stellt der Versuch von Görg dar, die Brauchbarkeit der „Theorie der Strukturierung“ (Giddens) für die Regulationstheorie zu prüfen. Des Weiteren stellen die hegemonietheoretische Interventionen in den regulationstheoretischen Diskurs, wie sie unterschiedliche Theoretiker (Hirsch, Demirovic, Sablowski etc.) vorgenommen haben, interessante Erweiterungsversuche der ökonomisch beschränkten Perspektive der Regulationstheorie dar.

Ungeklärt bei diesen, um die kulturellen, ideologischen und politischen Phänomenbereiche erweiterten Reformulierungen, ist die Frage nach dem Stellenwert der Werttheorie, d.h. der Erkenntnisse der „Kritik der politischen Ökonomie“. Diese grundsätzliche Frage soll vor der Darstellung der Kritiken und im Anschluss an die Rekonstruktion der Spielarten der französischen Regulationstheorie erörtert werden (3.3). Hierin werde ich die These vertreten, dass ohne eine werttheoretische Fundierung die kapitalistische Spezifik ökonomischer Dynamiken nicht verstanden werden kann. Dennoch ist ihr Erklärungsanspruch dahingehend einzuschränken, dass sie in der Analyse nicht-ökonomischer Phänomenbereiche keine Geltung beanspruchen kann.

Mein Plädoyer für eine stärkere Fokussierung auf die nicht genuin ökonomischen Aspekte gesellschaftlicher Regulation sieht in denjenigen hegemonietheoretischen Ansätzen (Demirović, Krebs und Sablowski), die die enge Verknüpfung von Macht und Wissen herausarbeiten, eine sinnvolle Erweiterung der eingeschränkten Perspektive der Regulationstheorie. Diese sinnvollen theoretischen Verschiebungen deuten m.E. in die Richtung der Machtanalysen von Foucault und dessen Untersuchungen zur Entstehung moderner Subjektivität. Beide Ansätze verfolgen die handlungsanleitenden und herrschaftsstabilisierenden Wirkungen hegemonialer Diskurse.

Meine These ist, dass die gouvernementalitätstheoretische Perspektive, die Foucault in seinen späten Machtanalysen entwickelt hat, eine theoretische Nähe zu den regulationstheoretischen Fragestellungen aufweist. Die grundlegende Fragestellung Foucaults ist die Analyse der historisch-spezifischen Formen der Subjektkonstitution. Hierin ist er von der Ideologietheorie und dem Subjektbegriff seines Freundes und Lehrers Althusser beeinflusst. Meine Auffassung von der korrektiven Erleuchtung der ökonomistischen Verkürzungen der Regulationstheorie durch einen verstärkten Bezug auf Althusser gipfelt in der These, dass die „Genealogie des modernen Subjekts als einer historischen und kulturellen Realität“, wie sie Foucault betreibt, eine zentrale Verstärkung der analytischen Kraft der Regulationstheorie darstellen kann. Will die Regulationstheorie ihren analytischen Fokus um kulturelle und ideologietheoretische Dimensionen erweitern, stellt die Gouvernementalitätstheorie von Foucault die geeignete theoretische Flankierung dar. Ich werde daher im ausblickenden Schluss (6) versuchen, die These von der Kompatibilität von Regulationstheorie und Gouvernementalitätsstudien, vor allem im Hinblick auf den zeitdiagnostischen Gehalt, plausibel machen.

2 Rekonstruktion des Regulationsansatzes

In der folgenden Rekonstruktion des Regulationsansatzes soll herausgearbeitet werden, welche theoretischen Einflüsse für dessen Entstehung zentral waren. In der wissenschaftlichen Diskussion ist man sich einig, dass die Regulationsschule vor allem aus der Auseinandersetzung mit zwei theoretischen Ansätzen hervorgegangen ist: zum einen mit dem des strukturalistischen Marxismus, wie er durch Althussers geprägt wurde und zum anderen mit dem ökonomietheoretischen Ansatz der neoklassischen Gleichgewichtstheorie (vgl. statt vieler Röttger 2003: 17[1] ).

In der Rekonstruktion des Regulationsansatzes möchte ich dieser Einschätzung folgen und das kritische Verhältnis der sich herausbildenden Regulationsschule zu diesen beiden Einflüssen nachzeichnen.

Die Beziehung der Regulationisten zum Althusserschen Strukturalismus charakterisiert Jessop als sehr ambivalent; ein Verhältnis, durch das sie immer wieder ihre eigene Position herausarbeiteten. „Properly to understand the regulationist position, therefore, we must make a detour through the Althusserian school“ (Jessop 1990: 169). Das Althussersche Lehrgebäude, so eine gängige Einschätzung aus der wissenschaftlichen Literatur, ist zentraler Referenzpunkt für die weiteren Grundannahmen der Regulationstheorie (vgl. Wolfsinkler 2000a: 65). Vor allem in den frühen Beiträgen der „Pariser Schule“ von Aglietta, Boyer und Lipietz spielt die Überwindung und Aufhebung der strukturalistischen „Kurzschlüsse“ der Althusserschen Spielart von Marxismus eine wichtige Rolle und stellt somit ein zentrales Moment in der Entwicklung des regulationstheoretischen Ansatzes dar.

Der Bedeutung dieser Absetzungsbewegung gegenüber der althusserschen Variante des Marxismus wird in der Rekonstruktion der Regulationstheorie Rechnung getragen: im ersten Teil der Rekonstruktion soll eine Darlegung der zentralen Grundbegriffe des strukturalistischen Marxismus Althussers erfolgen. Im darauf folgenden Schritt soll das ambivalente Verhältnis der Regulationisten ihrem „geistigen Erbe“ gegenüber geklärt werden.

Eine weitere wichtige Akzentuierung gewinnt der Regulationsansatz in seiner theoretischen Abgrenzung gegenüber der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Da ein Großteil der Regulationstheoretiker von der ökonomischen Disziplin herkommt, soll kurz auf diese ökonomietheoretische Profilierung eingegangen werden, zumal die Einschätzung Kurt Hübners ernst zu nehmen ist, dass die „théorie de la régulation ihren eigentlichen Ausgangspunkt in der (Kritik der) Politischen Ökonomie hat“ (Hübner 1990: 12).

2.1 Der strukturalistische Marxismus Althussers

Die von Lipietz geprägte Kennzeichnung der Regulationisten als „rebellische Söhne von Althusser“ gibt das widersprüchliche Verhältnis (zumindest) der (frühen) Regulationisten zu ihrer Inspiration durch den strukturalistischen Marxismus althusserscher Prägung treffend wieder: als Söhne übernehmen sie wesentliche Bestimmungen des Althusserschen Marxismus, als „rebellische“ brechen sie zugleich jedoch mit den von ihnen diagnostizierten strukturalistischen „Kurzschlüssen“, die sie in der Konzeptualisierung ihres neuen Ansatzes überwinden wollen.

Im Folgenden geht es darum, die gedankliche Schuld der Regulationisten gegenüber dem Denken Althussers zu rekonstruieren. Nach einer kurzen Darstellung von Wirkung und Werk Althussers, die keine systematische Darlegung dessen Theorie liefern kann und ebenso über die Entwicklung seines Denkens inklusive der berühmten Selbstkorrekturen hinwegsehen muss, sollen die theoretischen Absetzungsbestrebungen der Regulationisten von dem „strukturalistischen Korsett“ ihres geistigen Vaters erläutern werden.

2.1.1 Wirkung Althussers

Die philosophische Praxis Althussers hatte im Frankreich der 70er Jahren eine schulbildende Wirkung: vor allem durch seine frühen Schriften „Für Marx“ (1962) und „Das Kapital lesen“ (1972) ist es Althusser gelungen, philosophisch den Aufbruch einer ganzen Generation von Marxisten zu artikulieren, und zwar weit über die eigentliche Althusser-Schule hinaus. Dieser Aufbruch bewirkte schließlich die Initiierung eines relativ eigenständigen Feldes ideologie-, diskurs- und literatur- und politiktheoretischer Forschungen.

In Frankreich löste Mitte der 50er Jahre der maßgeblich von Lévi-Strauss initiierte Strukturalismus bei den Intellektuellen den marxistisch geprägten Existentialismus Sartres in seiner dominierenden Position ab. In der Folge gewann der Strukturalismus eine immense Popularität. Althusser ging ebenfalls eine enge Verbindung zu den zeitgenössischen Trends der strukturalistischen Systematisierung in den Sozialwissenschaften ein. Die Konzeptualisierung des strukturalistischen Marxismus durch Althusser richtete sich vor allem gegen den totalisierenden und entfremdungstheoretisch argumentierenden „Hegelianismus“, dessen Wirkung er sowohl im offiziellen Marxismus-Leninismus, dem theoretischen Stalinismus, wie auch bei den marxistischen Entdogmatisierern verortete (vgl. Wolf 1991: 186). Mit seinem „theoretischen Anti-humanismus“ bekämpfte er die dogmatischen Interpretationen des Marxschen Werkes durch die moskautreue PCF, die in dieser Zeit verstärkt das Jugendwerk rezipierte und den humanistischen Gehalt bei Marx propagierte. Althusser ging es um die Austreibung bewusstseinsphilosophischer und humanistischer Tendenzen innerhalb des Marxismus, die er vor allem an eine emphatische Verwendung des Subjekt-Begriffes geknüpft waren. Hiergegen wollte er den wissenschaftlichen Charakter des historischen Materialismus betonen, der von bürgerlichen Begriffen wie „Bewusstsein“, „Subjekt“ etc. gereinigt werden sollte. Neben den ,humanistischen’ und ,hegelianischen’ Tendenzen des zeitgenössischen Marxismus kritisierte Althusser vereinfachende Interpretationen des Marxschen Werkes in der Form des Ökonomismus: „In addition to their criticisms of other currents within Western philosophy they [die Althusser-Schule; PE] also definded themselves in opposition to the twin deviations of economism and humanism within Marxism itself“ (Jessop 1990a: 169)

Althusser entwarf so die Grundlinien einer eigenen Spielart von marxistischer Gesellschaftstheorie, die sich vornehmlich auf die an Freud anlehnende Kategorie des „überdeterminierten Widerspruchs“ bezieht und mit dem Konzept der „strukturellen Kausalität“ ein neues sozialwissenschaftliches Erklärungsmodell anbietet.

Um die Innovationen der Althusserschen Kritik an überkommenen Interpretationen des Marxschen Werkes zu verdeutlichen, soll im Folgenden kurz der Althussersche Begriffsapparat dargestellt und einige der zentralen Begriffe in ihrer Verwendbarkeit zur Analyse konkreter Gesellschaftsformation expliziert werden.

2.1.2 Der Althussersche Begriffsapparat

Die Anregung der regulationstheoretischen Frühwerke durch das Denken Althussers besteht vor allem in der nicht-ökonomistischen Analyse des Zusammenhangs von Ökonomie und Politik, wie sie Althusser in seiner Kapitallektüre und seinen politiktheoretischen Untersuchungen entwickelte[2]. Diese Art der Analyse wird konstituiert durch zentrale Begriffe wie „strukturale Kausalität“, „Überdeterminierung“, „relative Autonomie“, „Struktur mit Dominante“, „Bestimmung in letzter Instanz“.

Althussers Variante des Marxismus wird in der Regel als „strukturalistischer Marxismus“ bezeichnet. Auch wenn das Etikett „Strukturalismus“ sehr breit, unbestimmt und auch widersprüchlich verwandt wurde und wird[3], scheint es dennoch einen gewissen strukturalistischen „bias“ zu geben, der vor allem in der französischen Sozialwissenschaft der 60/70er Jahre einen starken Einfluss hatte.

Das Strukturkonzept bei Althusser setzt sich ab von der klassischen Theorie der Struktur, deren „Geschichte vor dem Bruch“ man fassen kann als „eine Reihe einander substituierender Zentren“ (Derrida; zit.n. Wayand 1991: 16): Essenz, Existenz, Substanz, Subjekt, Transzendentalität, Bewusstsein, Gott, Mensch etc. Die klassische Struktur-Theorie ging davon aus, dass eines der Letztgenannten das Zentrum bildete, das die Struktur organisiert, d.h. das Spiel der Elemente innerhalb einer Struktur limitiert und, eben als Zentrum, sich selbst „der Strukturalität [...] entzieht, weil es sie beherrscht“ (ebd.). Diese Orientierung auf ein Zentrum verschwindet mit dem „Bruch in der Geschichte der Struktur“, der durch die Linguistik konstituiert wird: alles wird zum Diskurs und sämtliche Elemente sind in die Strukturalität einbezogen und ihr unterworfen. So auch im Marxismus der Althusser-Schule: hier wird die Struktur verstanden als ein „differentielles System wechselseitiger Bestimmungen“ (Wayand 1991: 18). Dieses Konzept wird klarer, wenn Althusser die Gesellschaft als strukturiertes Ganzes beschreibt:

„Als Beispiel für dieses komplexe, strukturierte Ganz möge die Gesellschaft dienen. Die ,Produktionsverhätlnisse‘ sind dort nicht das reine Phänomen der Produktivkräfte: Sie sind auch ihre Existenzbedingungen; der Überbau ist nicht das reine Phänomen der Struktur; er ist auch ihre Existenzbedingung. Das ergibt sich aus dem von Marx formulierten Prinzip: dass nirgends eine Produktion ohne Gesellschaft existiert, d.h. ohne soziale Verhältnisse; dass die Einheit, über die man unmöglich hinausgehen kann, die eines Ganzen ist, in dem, wenn die Produktionsverhältnisse tatsächlich als Existenzbedingung die Produktion haben, die Produktion selbst als Existenzbedingung ihre Form hat: die Produktionsverhältnisse. Man möge sich hier nicht täuschen: Diese Bedingtheit der ,Widersprüche‘ untereinander hebt nicht die Struktur mit Dominante auf, die über die Widersprüche und in ihnen herrscht (im vorliegenden Fall der Bestimmung in letzter Instanz durch die Ökonomie). Diese Bedingtheit läuft, in ihrem offensichtlichem Rundlauf, nicht auf die Zerstörung der Herrschaftsstruktur hinaus, die die Komplexität des Ganzen und seine Einheit bildet. Sie ist im Gegenteil im Inneren der Wirklichkeit der Existenzbedingungen jedes Widerspruchs selbst die Manifestation dieser Struktur mit Dominante, die die Einheit des Ganzen ausmacht. Diese Reflexion der Existenzbedingungen des Widerspruchs in ihrem Innern, diese Reflexion der gegliederten Struktur mit Dominante, die die Einheit des komplexen Ganzen im Innern jedes Widerspruchs bildet, das ist der tiefste Zug der marxistischen Dialektik, den, den ich oben unter dem Begriff der ,Überdeterminierung‘ zu fassen versucht habe“ (Althusser 1968: 151f.).

Althusser versucht hier deutlich zu machen, wie schon in seinem bekannten Aufsatz „Widerspruch und Überdeterminierung“, dass Marx durch die Ablehnung des hegelschen idealistischen Systems auch dessen dialektische Methode nicht so ohne weiteres übernommen hat (wie es die herkömmliche These von der „Umkehrung“ Hegels behauptet). Ihm geht es darum, die Differenz zwischen Marx und Hegel in deren unterschiedlichem Begriff von Totalität auszumachen. Beide sehen zwar die Gesellschaft als integriertes Ganzes, jedoch auf unterschiedliche Art und Weise: während die Hegelsche Methode eine „expressive Totalität“ am Werke sieht, in der sämtliche unterschiedliche Aspekte des sozialen Lebens ein einzelnes wirkendes Prinzip reflektieren (was im marxistischen Rahmen die logische Denkfigur für den ökonomistischen Reduktionismus liefert, demzufolge alle gesellschaftlichen Phänomene Ausdruck des grundlegenden ökonomischen Widerspruchs sind), ist für Marx, so Althusser, jede soziale Formation eine komplexe „strukturierte Totalität“, die aus unterschiedlichen, widersprüchlichen Verhältnissen zusammengesetzt ist, die nicht aufeinander reduziert werden: kein Element ist derart privilegiert, dass ihm – als Zentrum – gegenüber alle anderen Teile nur als Ausdruck erscheinen können (vgl. Callinicos 1998: 194). Gesellschaft ist demnach als strukturiertes Ganzes ein gegliedertes Ensemble relativ eigenständiger Instanzen und Praxen. Mit den linearen und expressiven Erklärungs- und Kausalitätstypen des orthodoxen „dialektischen Materialismus“, die vereinfachenden und mechanistischen Interpretationen der marxistischen Topologie von Basis und Überbau Tür und Tor öffneten, ist Althusser zufolge die Einheit des Komplexen, von den verschiedenen Instanzen der Ökonomie, Politik und Ideologie überdeterminierten, strukturierten Ganzen nicht zu fassen. Für dieses schwierige Unterfangen schlägt er den Begriff der „strukturalen Kausalität“ vor, einen eigenen Typus der Determinierung. Dieser kennt keine einfachen Widerspruchsrelationen mehr und versucht der „Überdeterminierung“[4] des strukturierten Ganzen und den zentralen Widerspruchsrelationen Rechnung zu tragen: „Es hebt sich da die grundlegende Idee ab, dass der Widerspruch Kapital-Arbeit niemals einfach ist, sondern dass er immer durch die Formen und die konkreten historischen Umstände spezifiziert ist, in denen er sich auswirkt. Spezifiziert durch die Formen des Überbaus (...); spezifiziert durch die äußere und innere historische Situation, (...) besagt das etwas Anderes, als dass der scheinbar einfache Widerspruch immer überdeterminiert ist?“ (Althusser 1968: 134).

Die verschiedenartigsten Widersprüche in einer historischen Situation sollen durch eine strukturale Analyse begreifbar gemacht werden, die Bob Jessop zufolge in ihrer Methode dem entspreche, was Marx über die Rolle der Wissenschaft sagte: „alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (vgl. Jessop 2001a: 18). Auch wenn Jessop in eine essentialistische Rhetorik verfällt (eine statisch anmutende Relation von Struktur – Erscheinung), die Althusser schärfstens bekämpft hätte, beschreibt er die Funktion des Begriffs der „strukturalen Kausalität“ treffend: ihr Ziel ist es, die verborgene Struktur des Kapitalismus als konstituierende Elemente der Oberflächenerscheinungen, ihrer Formen und Bewegungen zu bestimmen; es gelte, die zugrundeliegenden Strukturen, Widersprüche, Tendenzen und Gegentendenzen zu identifizieren, die die tatsächlichen Bewegungen der Kapitalakkumulation bestimmen.

Bei dem komplex gegliederten Ganzen handelt es sich um eine hierarchisierte Struktur, eine Struktur mit Dominante. Der Ökonomie kommt eine gewissermaßen privilegierte Rolle zu: sie ist „in letzter Instanz determinierend“, wobei sie immer schon einen Teil der existierenden Gesellschaft bildet, d.h. ihre innere Hierarchisierung gliedert, ohne ihr entzogen zu sein. Die ökonomische Determinierung in letzter Instanz beschreibt eine gewisse Dominanz des Ökonomischen in dem widersprüchlichen und überdeterminierten Beziehungsgeflecht aus Ökonomie, Politik und Ideologie. Diese Dominanz grenzt sich ab von einer einfachen Ausdrucksbeziehung (Politik als Ausdruck ökonomischer Strukturen etc.), sie ist keine linear „verursachende Ursache“ (vgl. Wayand 1991: 20), was für die marxistische Topologie von Basis und Überbau folgende Auswirkungen hat: der Hauptwiderspruch in der Basis (von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) determiniert den Überbau nicht erst in seiner reinen Form und reflektiert die Wirkungen seiner Determination dann in sich selbst, sondern die Art seiner Determination auf den Überbau erfolgt immer schon in der Form des selbst überdeterminierten Widerspruchs, d.h. die spezifische Form des Hauptwiderspruchs, in der er auf seine Existenzbedingungen einwirkt, drückt immer schon das Gliederungsverhältnis der Struktur mit Dominante aus (vgl. ebd.). Der Begriff der Produktionsweise, wie ihn Althusser gebraucht, umfasst so nicht nur den ökonomischen, sondern auch den politischen und ideologischen Bereich als konstitutive Elemente der Ökonomie, wobei der ökonomischen Instanz die determinierende Rolle zukommt, d.h. sie entscheidet darüber, welche Instanz innerhalb einer Produktionsweise die dominante Position, die Dominante der Struktur als Resultat der Effekte der komplexen Überdeterminierung, einnimmt[5]. Die Dominante der Struktur beschreibt somit auch eine relative Ordnung in der ungleichen Entwicklung des komplexen Ganzen: Sie „ist das allgemeinste Gesetz der Verknüpfung und hierarchisierte Kombination aller Elemente eines Ganzen“ (Karsz 1976: 136).

Zum adäquaten Verständnis der Veränderungen der Elemente und Widersprüche eines komplexen Ganzen, schlägt Althusser den – oben schon eingeführten – Begriff der „strukturalen Kausalität“ vor. Eine Analyse des komplexen Ganzen erfordert das Verständnis des Hin und Her zwischen den Elementen und Widersprüchen und den Verknüpfungen mit der Dominante: „Die Strukturierung mit Dominante des komplexen Ganzen, dieses strukturell Invariante selbst ist die Bedingung für die konkreten Variationen der Widersprüche, die sie konstituieren, also ihrer Verlagerungen, Verdichtungen, Veränderungen etc., und umgekehrt ist diese Variation die Existenz dieses Invarianten“ (Althusser 1968: 152).

Die „strukturale Kausalität“ beschreibt somit die Wirkung einer „abwesenden Ursache“, die jede Festlegung auf ein einziges Moment ausschließt, aber dennoch wirkt: sie „bezeichnet das Ganze als die abwesende Ursache der gegenwärtigen Elemente und ihrer Beziehungen. Unlesbar, wenn man es außerhalb seiner historischen Wirkungen entziffern will, ist das Ganze präsent in der Existenz seiner Wirkungen, in deren Entwicklung und Untergang“ (Althusser 1968: 133).

Der Logik der Überdeterminierung entsprechend, d.h. die „Reflexion über die Existenzbedingungen des Widerspruchs innerhalb des Widerspruchs selbst, d.h. über seine Lage innerhalb der Struktur mit Dominante des komplexen Ganzen“ (Althusser 1968: 152) vollziehend, folgen die einzelnen Instanzen (des Überbaus) einer Eigengesetzlichkeit, einer „relativen Autonomie“. Sie sind nicht aufeinander zurückführbar und arbeiten aufgrund einer internen Logik. Ein eindeutig bestimmbarer Wirkungsmoment der ökonomischen Logik ist nicht möglich: man sieht in der Geschichte nie, „dass die anderen Instanzen, die Überbauten, etc. sich respektvoll zurückziehen, wenn sie ihr Werk vollbracht haben oder sich auflösen wie ihre reine Erscheinung, um auf dem königlichen Weg der Dialektik ihre Majestät die Ökonomie voranschreiten zu lassen, weil die Zeit gekommen wäre. Die einsame Stunde der ,letzten Instanz‘ schlägt nie, weder im ersten noch im letzten Augenblick“ (Althusser 1968: 81).

Die Behauptung der letztinstanzlichen Determinierung durch die Ökonomie ist sehr umstritten. Selbst Theoretiker, die sonst einen positiven Anschluss an Althusser suchen, kritisieren den Status dieser Annahme als nicht begründbaren, „metaphyischen Halt“ von Althussers Gedankengebäude[6]. Was jedoch mit diesem Begriff ausgesagt werden soll, wird in der Paraphrase eines anderen, analogen Marxschen Theorems durch Heinrich deutlicher: „Wenn Marx davon spricht, dass die Produktionsweise des materiellen Lebens den politischen und geistigen Lebensprozess bedingt, so ist damit eine strukturelle Abhängigkeit der verschiedenen Ebenen und keine Determination eines Ereignisses durch ein anderes gemeint“ (Heinrich 2001:148). Diese strukturelle Abhängigkeit, die Heinrich hier anspricht, soll so verstanden werden, dass unter kapitalistischen Bedingungen ökonomische Tätigkeiten nur innerhalb eines gewissen Rahmens vorstellbar sind, d.h. die Grenzen des in einer gegebenen Epoche Möglichen durch die ökonomische Instanz gesetzt wird[7].

Das zentrale methodische Prinzip für die Analyse kapitalistischer Gesellschaftsformationen ist der sog. „Standpunkt der Reproduktion“. Dieser stellt die Frage, was sich alles reproduzieren muss, damit sich die kapitalistische Produktionsweise reproduzieren kann. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass „offensichtlich (...) die Reproduktion der Produktionsmittel, der Arbeitskraft und des staatlichen Zwangsapparats nicht aus[reicht], um die Stabilität der hochentwickelten kapitalistischen Ländern zu erklären“ (PIT 1979: 109). Hat Gramsci schon auf den hegemonialen Schutzgürtel der Zivilgesellschaft, an dem die Revolutionsversuche in Westeuropa gescheitert sind, hingewiesen, so knüpft Althusser an diesen Gedanken an und betont, dass die Reproduktion der Produktionsverhältnisse primär auf die Produktion von freiwilliger Unterwerfung zielt. Der direkten staatlichen Gewaltanwendung komme nur in Ausnahmefällen eine bedeutsame Rolle zu. In der Analyse des breiten Feldes der Ideologischen Staatsapparate (Althusser nennt schulische, religiöse, familiäre, betriebliche; vgl. Althusser 1977: 119f.) versucht Althusser die Produktion einer innerlichen Zustimmung zu den herrschenden Produktionsverhältnissen auf breiter gesellschaftlicher Basis nachzuzeichnen. Im Anschluss an das Konzept des Imaginären von Lacan ist für Althusser die „Ideologie = imaginäres Verhältnis zu realen Verhältnissen“ (Althusser 1977: 137). Das Verhältnis des Individuums zu seinen realen Existenzbedingungen ist notwendig imaginär. Die Individuen werden durch den Akt der Anrufung („interpellation“ frz.) als Subjekte konstituiert. Dies bedeutet, dass ein bestimmtes Subjekt sich erst in dem Moment konstituiert, in dem es sich als dieses angesprochen fühlt und sich so selbst in der Anrufung und innerhalb der Normen, die diese impliziert und evoziert, verortet. Dieser Akt, der auf vielfältigen Ebenen vollzogen wird und der die Annahme einer Ich-Identität durch sämtliche kulturellen und gesellschaftlichen Anrufungen bewirkt, konstituiert die Individuen durch die „Unterwerfung“ („assujetissement“ frz.) als Subjekte.

Die Bedeutung dieser Grundbegriffe der theoretischen Praxis Althussers für den Begriff gesellschaftlicher Wirklichkeit besteht darin, dass er versucht, der Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse gerecht zu werden, vor allem vor dem Hintergrund der Kritik an vereinfachenden Interpretation des historischen Materialismus. Mechanistische Deutungen des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, denen zufolge die Produktionsverhältnisse lediglich Ausdruck der Entwicklung der Produktivkräfte sind und die eine eigenständige, technisch-revolutionäre Entwicklung der Produktivkräfte als eigentliche Triebkraft in der Geschichte annehmen, verbieten sich hier. Im Gegensatz zu dieser Auffassung ist der Rolle der politischen Entscheidungsprozesse auf ökonomische Entwicklungen und den gesellschaftlichen Voraussetzungen der Produktion (als „Existenzbedingungen“), innerhalb derer sich eine Entwicklung von Produktivkräften erst ereignen kann, Rechnung zu tragen. Entgegen der kanonischen Denkfigur des Verhältnisses von („technologischen“) Produktivkräften, („sozialen“) Produktionsverhältnissen und der orthodoxen, geschichtsphilosophisch aufgeladenen These von der Entwicklung der Produktivkräfte als zentrales Moment in der geschichtlichen Evolution hin zum Sozialismus, ist die „Entwicklung der Produktivkräfte“ selbst als soziales Verhältnis zu verstehen[8]. Damit wird auch die dem orthodoxen Diskurs implizite These von der gesellschaftlichen „Neutralität der Produktivkräfte“ zurückgewiesen und die Aufmerksamkeit auf die Herrschaftseffekte kapitalistischer Arbeitsorganisation gelenkt[9]. Des Weiteren verträgt sich ein derart entwickeltes komplexes Verständnis von Gesellschaft auch nicht mit rein funktionalistischen Varianten der „Staatsableitung“, deren Erkenntnisinteresse darin besteht, zu analysieren, welche Eigenschaften der Staat haben muss, um die kapitalistische Ökonomie reproduzieren zu können. Besteht die gesellschaftliche Totalität aus einem komplexen Gewebe, dessen Entwicklung und Funktionsweise nicht auf ein wesentlich bestimmendes Teilgebiet zurückzuführen ist, so ist mit dieser Annahme dem Gedanken der Formableitung aus abstrakten Determinanten, wie er in der Staatsableitungsdebatte verwendet wurde, der Boden entzogen[10].

2.1.3 Die Interpretation des althusserschen Marxismus durch die Regulationisten: Ihr Verhältnis zum Vermächtnis und die regulationistische „Aufhebung“

Wie schon oben erwähnt, teilen die Regulationisten zentrale Einsichten des Althusserschen Denkens, die sie aber zugleich scheiden und lösen wollen von dem strukturalistischen „bias“ Althussers: der Entstehungskontext der Regulationstheorie ist wesentlich durch eine Konturierung im Sinne einer Abgrenzung vom Althusserschen Strukturalismus und dem Begriff der Reproduktion geprägt.

Lipietz verortet die frühen regulationstheoretischen Arbeiten in die Strömungen, die mit dem ,Zusammenbruch der strukturalistischen Hegemonie Mitte der siebziger Jahre‘ ihre Distanz zu den ,Exzessen des Strukturalismus‘ markierten: Diese „versuchten, in die Welt der „Strukturen ohne Akteure“ erneut das Ferment der Instabilität und der Veränderung einzuführen, das für das mögliche Abweichen von Individuen oder sozialen Teilgruppen steht, ohne jedoch in eine Welt von „Akteuren ohne Struktur“ zu fallen“ (Lipietz 1998a: 77).

Das Althussersche Vermächtnis, zu dem sich die Regulationisten, wie oben schon erwähnt, ambivalent verhalten, fasst Lipietz in vier Thesen zusammen, von denen die „regulationistische Aufhebung“ (Lipietz 1992a: 44 ff.) zwei Thesen übernimmt und zwei ablehnt.

Einen fruchtbaren Anschluss an Althusser sehen die Regulationisten, Lipietz zufolge, in der These vom „immer schon gegebenen und überdeterminierten Ganzen“ (Th1) und der vom „sozialen Charakter der Produktivkräfte“ (Th2).

Ablehnend stehen die Regulationisten den Thesen Althussers gegenüber, in denen sie einen „strukturalistischen bias“ verkörpert sehen: zum einen die These von der automatischen Reproduktion der sozialen Verhältnisse durch das Handeln der angepassten „Träger“ der Strukturen (Th3) und zum anderen die These vom „zweitrangigen Charakter der Tauschverhältnisse“ (Th4).

Th1 und Th2, die den produktiven Anschluss an Althusser darstellen, sind größtenteils schon im Kapitel über den Begriffapparat Althussers entwickelt worden. Deshalb sollen sie hier nur kurz erläutert werden.

Was für den regulationstheoretischen Ansatz im Folgenden, zumindest dem selbsterklärten Anspruch nach, eine bleibende begriffliche Orientierung darstellt, ist der Begriff gesellschaftlicher Wirklichkeit als ein komplexes, strukturiertes Ganzes, der anstelle eines monokausalen Denkens, z.B. des Ökonomismus, ein Denken von Gliederungs- und Instanzenverhältnissen, in denen widersprüchliche Bestimmungen sich kreuzen und überlagern, impliziert: „Die Autonomie und die wechselseitige Überdetermination der gesellschaftlichen Verhältnisse [bietet] eine theoretische Grundlage, die Autonomie und die Konvergenz sozialer Bewegungen zu denken“ (Lipietz 1992a: 10). Von besonderer Bedeutung ist hier die Aufmerksamkeit, die dieser Gesellschaftsbegriff auf die politischen und ideologischen Instanzen und deren Wirkungsweise zu lenken vermag. Das Phänomen der Artikulation von politischen und ideologischen Instanzen hat innerhalb der Althusser-Schule vor allem in den Arbeiten von Poulantzas eine elaborierte Form gefunden. Anregend für die regulationstheoretischen Analysen waren Poulantzas‘ Analysen der politischen Ebene als der entscheidenden Instanz, in der sich die Gesamtheit der Widersprüche einer Gesellschaftsformation widerspiegelt und verdichtet. Hervorzuheben sind hier die Analysen der ideologischen Ebene als Ort, an dem die Akteure als Träger ihrer Strukturen ihre Existenzbedingungen leben: das Ensemble von Praktiken und Strukturen, die die „Kultur“ einer Gesellschaft konstituieren, werden somit in die Analyse miteinbezogen. „Der Gewinn, den später die Regulationisten aus der Arbeit Poulantzas zogen, ist offenkundig: das Politische (und das Ideologische) war immer schon vorhanden und überdeterminierte das Ökonomische, der Staat ist keine Stütze des Kapitals mehr“ (Lipietz 1992a: 25).

Die These vom „komplexen, strukturierten Ganzen“ trägt die zweite These, mit der die Regulationisten an Althusser anschließen, nämlich die vom „sozialen Charakter der Produktivkräfte“, schon in sich. Wie die Althusser-Schule kritisieren die Regulationisten die Annahme der Neutralität und des nicht-sozialen Charakters der Produktivkräfte. Deshalb werden die sozialen Voraussetzungen einer „Steigerung der Produktivkräfte“ in die Analyse miteinbezogen: diese „ist also nichts anderes als der Ausdruck einer bestimmten Anordnung sozialer Verhältnisse am Arbeitsplatz, in der Familie, auf den Feldern“ (Lipietz 1998b: 25). Die Fruchtbarkeit von Th2 besteht darin, die gesellschaftstheoretischen Kurzschlüsse des technologischen Determinismus zu überwinden und den Weg zu bahnen für eine kritische Analyse der Strukturierungseffekte von gesellschaftlicher Arbeitsorganisation und deren politisch-hegemonialer Verfasstheit.

Entscheidend für die eigene Konturierung des regulationstheoretischen Ansatzes ist neben dieser gedanklichen Schuld gegenüber Althusser vielmehr die Abgrenzung von dessen „Strukturalismus“. Das zentrale Argument, das die Regulationisten gegen Althusser und seine Spielart vom Marxismus anführen, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Althussers Analyse verliert durch seine Konzentration auf die Reproduktion kapitalistischer Produktionsverhältnisse den Blick für gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Entwicklungsprozesse. Ihm gehe somit ein Begriff von Geschichte und gesellschaftlicher Veränderung ab, ebenso wie die Hypostasierung der Reproduktion als widerspruchsfreier Entität es nicht mehr zulasse, die Widersprüchlichkeit sozialer Verhältnisse zu denken. Durch das strukturalistische Primat seien die anregenden Intuitionen Althussers zu einer „Art Scholastik“ erstart, indem „die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr als Widersprüche, als instabile Spannungen wahrgenommen wurden, sondern als Strukturen (...) Der Althusserismus gelangte dahin, den widersprüchlichen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst und damit die Autonomie von Individuen und Gruppen in diesen Verhältnissen, ihre Fähigkeit, sich als strukturtransformierende gesellschaftliche Subjekte zu konstituieren, zurückzuweisen“ (Lipietz 1992a: 11).

Hauptangriffspunkt der Regulationisten ist die epistemologische Untersuchungsperspektive, die Althusser einnimmt: der „Standpunkt der Reproduktion“. Die Reproduktion der Produktionsverhältnisse stellt in dieser Analyseperspektive die „Kernfrage der marxistischen Theorie der Produktionsweise“ (Althusser 1977: 113) dar. Die Defizite dieses Ansatzes sehen die Regulationisten (a) in einer funktionalistischen Methode, (b) in dem Fehlen eines Begriffs von gesellschaftlicher Entwicklung entlang von Widersprüchen wie (c) in dem Ausblenden gesellschaftlicher Akteure, d.h. in einer objektivistischen Verkürzung der Analyse gesellschaftlicher Prozesse. Obwohl diese Aspekte analytisch kaum zu trennen sind und sich teilweise gegenseitig bedingen, soll versucht werden, sie hier dennoch getrennt darzustellen.

(a) Der Funktionalismus-Vorwurf gegen Althusser bezieht sich, nach den Regulationisten, auf dessen Konzeptualisierung von Ideologie und Politik, die ausschliesslich in ihrer Funktionalität im Hinblick auf die Reproduktion der Produktionsverhältnisse analysiert werden. Entscheidend an der Wirkungsweise von Politik und Ideologie ist, nach Althusser, ihr Ergebnis: „1. Alle ideologische Staatsapparate, um welche es sich auch immer handelt, tragen zum gleichen Ergebnis bei: der Reproduktion der Produktionsverhältnisse, d.h. der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse. 2. Jeder von ihnen trägt zu diesem einzigen Ergebnis bei auf eine Art und Weise, die ihm eigen ist“. Diese Formulierung legt es prima facie Nahe, in Althussers Argumentation ein „funktionalistisches Vorgehen“ zu sehen. Mit Bezugnahme auf Terray erkennt Lipietz im Reproduktionskonzept Althussers die Wiederkehr eines längst überwundenen Funktionalismus und einer finalistische Methode: scheinbar widerspruchsfrei und als Verwirklichung eines (von wem auch immer) gesetzten Ziels, scheint sich die Reproduktion zu vollziehen[11].

Die Frage ist, ob Althussers Analyse diesen Vorwurf rechtfertigt. In seinem Aufsatz über die „ideologischen Staatsapparate“ analysiert Althusser den Zusammenhang zwischen Basis und Überbau indem er die Rolle der politischen und ideologischen „Überbauten“ für die Reproduktion der ökonomischen Basis erläutert. Dass diese Funktionsanalyse gewisse „kulturelle Notwendigkeiten“ in Bezug auf die Reproduktion des kapitalistischen Herrschaftssystems herausarbeitet, rechtfertigt noch nicht den Vorwurf des Funktionalismus. Die Erklärung z.B. der zentralen Rolle, die der ideologische Staatsapparat „Schule“ einnimmt, erfolgt nicht dergestalt, dass Konstitution und Realisierung der Funktionszusammenhänge vorausgesetzt und die Vorbedingungen und Vermittlungen funktionaler Zusammenhänge reduktionistisch ausgeblendet würden: wenn auch knapp, so wird doch der Stellenwert, der dem schulischen ideologischen Staatsapparat unter kapitalistischer Herrschaft zukommt, in seiner geschichtlichen Entwicklung erklärt[12]. Althussers Analyse vermag aufzuzeigen, dass die schulische Ausbildung, die Subjektivierung von Heranwachsenden zu verwertbaren Arbeitskräften innerhalb des vorgegebenen kapitalistischen Ordnungssystems[13], ein zentraler Machtmechanismus, vor allem in Bezug auf die Aufrechterhaltung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse ist. Die Bedeutung, die er dieser beimisst, sollte nicht im Sinne einer überhistorischen Invarianten verstanden werden, wie dies eine funktionalistische Perspektive implizieren würde. Die Interpretation der Althusserschen Funktionsanalyse im Sinne eines funktionalistischen Essentialismus oder einer teleologischen Methodik widerspricht auch seiner gesellschaftstheoretischen Konzeption des komplexen, strukturierten Ganzen, das auf kein bestimmtes Wirkungsprinzip reduziert werden kann und dessen Wirkungsweise im Sinne einer „abwesenden Ursache“ verstanden werden kann: eine Absage an jeglichen Teleologismus[14].

(b) Scheint der Vorwurf des Funktionalismus durch die Regulationisten etwas unklar und nicht hinreichend begründet, so ist doch die Speerspitze der Kritik klar: es soll ausgedrückt werden, dass die Aufmerksamkeit der Analysen Althussers zu sehr dem Phänomen der Reproduktion gewidmet ist, und somit die konflikthafte und widersprüchliche Entwicklung gesellschaftlicher Prozesse theoretisch unterbelichtet bleiben. Althussers Analytik kapitalistischer Gesellschaften male, so die Kritik, auf Grund der Reproduktionsperspektive ein Bild ahistorischer Statik, in dem sich die grundlegenden Strukturmuster gleichförmig reproduzieren. Dieser Ansatz drohe, wegen seines strukturalistischen Tendenz, die gesellschaftliche Praxis unter die Reproduktionsbedingungen der Strukturen (Lipietz 1998, 79f.) zu subsumieren und somit dem marxistischen Widerspruchsbegriff den Boden zu entziehen. Demgegenüber gelte es, die Aufmerksamkeit auf den widersprüchlichen Charakter der sozialen Verhältnisse zu lenken und die „Reproduktion“ der Produktionsverhältnisse als Ergebnis von gesellschaftlichen Kämpfen und Krisenlösungsstrategien zu begreifen[15]. Das Phänomen der Reproduktion habe also nicht der nicht hinterfragte Ausgangspunkt, sondern vielmehr das Explanandum der Analyse zu sein. Die Regulationisten setzen dieser Ungenauigkeit in der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Widersprüchlichkeit in der Reproduktion letzterer als positive Bestimmung ihres Ansatzes entgegen:

„Gesellschaft ist ein Netzwerk sozialer Verhältnisse, und von sozialen Verhältnissen wird angenommen, dass sie sich reproduzieren. Doch insistierten die Althusser-Marxisten so stark auf dieser Reproduktion, dass sie dabei vergaßen, dass diese Verhältnisse widersprüchlich sind und dass sie in jedem Moment der Krise unterworfen sind (...) Unser Ansatz hingegen fragt, wie eine regelhafte Reproduktion bei dem gegebenen widersprüchlichen Charakter der sozialen Verhältnisse möglich ist. Das ist genau die Bedeutung, die wir der Regulation geben“ (Lipietz 1998b: 15).

Dadurch dass Althusser den Kreislaufsprozess der Reproduktion kapitalistischer Herrschaft quasi als autopoietisches System fasse, das seine eigenen Existenzbedingungen immer wieder von Neuem aus sich selbst heraus erzeugen würde, unterschlägt ein solches Konzept systematisch den potentiellen Krisencharakter der Reproduktionsprozesse: „Die Verwerfung des Widerspruchs und des Subjekts scheinen der Preis des klassischen Althusserismus dafür zu sein, dass er den Begriff der Reproduktion zutage förderte“ (Lipietz 1992a: 37).

Neben der Unterbelichtung eines Begriffs von Widerspruch im Hinblick auf die Analyse gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse verdeckt die Althussersche Konzentration auf die Reproduktion die „Frage des Subjekts“. Die Vernachlässigung der prinzipiellen Transformationsfähigkeit von Strukturen durch gesellschaftliche Akteure motiviert eine verstärkte Reflexion innerhalb des regulationstheoretischen Ansatzes auf die sozialwissenschaftliche Dichotomie von Struktur und Handlung.

(c) Die Kritik an der strukturalistischen „Verleugnung“ des Subjekts, die die Regulationisten gegen Althusser anführen, ähnelt der von Alfred Schmidt geäußerten Interventionen gegen den strukturalistischen Angriff auf die Geschichte (Schmidt 1969). Da die Unzufriedenheit Schmidts bezüglich des Althusserschen Subjektbegriffs derjenigen der Regulationisten gleicht, sei hier kurz die Argumentationslinie Schmidts wegen ihrer systematischen Ausarbeitung angeführt[16]. Ausgangspunkt und Grundintuition dieser Kritik ist die These, dass Menschen keineswegs nur Objekte fester gesellschaftlicher Ordnungen sind, sondern immer auch Subjekte. Diese für die Analyse gesellschaftlicher Prozesse grundlegende Ambivalenz hebt Karl Marx in den Vorbemerkungen des Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte hervor: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“[17]. Dieses Zitat weise, so Schmidt, darauf hin, dass Marx diese Ambivalenz von Struktur und Praxis stets dialektisch dachte, „dass er nie über den fertigen Produkten das Produzieren, nie über den Strukturen die strukturierende Tätigkeit vergaß“ (Schmidt 1969: 206). Struktur und Prozess bilden somit eine untrennbare Einheit. Die Betonung des objektiven Funktionszusammenhangs im strukturalistischen Diskurs kann nach Schmidt auch eine gewisse Wahrheit für sich beanspruchen, für deren Interpretation sich im Marxschen Werk durchaus Anknüpfungspunkte finden ließen[18]. Jedoch ist die strukturalistische Interpretation vollkommen unzulänglich, wenn sie den Aspekt des Handelns, der Produktion und Konstitution von Strukturen außer Betracht lässt: „Bei aller Präponderanz der objektiven Strukturen im kapitalistischen System denkt Marx gar nicht daran, deren Vermitteltheit durch die lebendigen Menschen zu ignorieren“ (Schmidt 1969: 207). Die Analyse der Strukturalisten verleihe den Strukturen in ihrer Anstrengung des Aufweisens und Gliederns von Strukturen eine „metaphysische Weihe“ und führe so zu einer „Apologetik des Bestehenden“. Durch die Ausblendung der Konstitutionsfrage (der Entstehung gesellschaftlicher Strukturen), ihren formalisierten Objektivismus und ihre Orientierung „am kahlen Modell eines komplex strukturierten Ganzen“, handele sich die strukturalistische Analyse Althussers folgende Konsequenz ein: „Mit den leibhaftigen Menschen und ihren ungestillten Bedürfnissen, die (...) der starren Logik des sozialen Systems überantwortet werden, eliminiert Althusser materiale Geschichte, mit ihr die Idee des Werdens überhaupt“ (Schmidt 1969: 209). Die Feststellung der Konstitutionsleistung des menschlichen Handelns und die Konstituiertheit der Strukturen durch menschliches Handeln wird dem Strukturalismus entgegengesetzt[19].

Gegen die strukturalistische Interpretation von sozialen Verhältnissen und der Struktur-Praxis-Relation versucht der regulationstheoretische Ansatz „die Problematik des objektiven Subjekts“ (Lipietz 1992a: 39 ff.) ernst zu nehmen. Unter Verweis auf das Biene-Baumeister-Modell[20] deutet Lipietz auf die von Marx konstant vertretene philosophisch-anthropologische These vom Menschen als soziales, historisches und „vorausschauendes Wesen“ hin, die zum Beispiel von Labriola und Kosík vertieft wurde[21]. Das Problem des „objektiven Subjekts“ liegt Labriola zufolge darin, dass „der Mensch sich selbst entwickelt, d.h. produziert, nicht etwa als ein von seiner Gattung her mit bestimmten Attributen ausgestattetes Wesen, Attributen, die sich in einem von der Vernunft bestimmten Rhythmus wiederholen oder entwickeln, sondern der Mensch produziert und entwickelt sich selbst zugleich als Ursache und als Wirkung, als Urheber und Folgeerscheinung von bestimmten Bedingungen“ (Labriola; zit.n. Lipietz 1992a: 40).

Um nicht einem Denken zu unterliegen, das geronnene Formen gesellschaftlicher Verhältnisse begrifflich zu perpetuieren tendiert, wie es dem strukturalistischen Diskurs droht, ist es notwendig, gesellschaftliche Praktiken als solche zu denken, wie Kosík akzentuiert: „Selbst die aus Basis und Überbau gebildete Totalität bleibt abstrakt, wenn man nicht zeigt, dass der Mensch als wirkliches Subjekt der Geschichte im Prozess der Produktion und Reproduktion (=Praxis) die Basis und den Überbau schafft, die soziale Wirklichkeit als Totalität von sozialen Verhältnissen, Institutionen und Ideen ausarbeitet und mit dieser Gestaltung der objektiven sozialen Wirklichkeit zugleich sich selbst als historisches und soziales Wesen schafft“ (Kosík; zit.n. Lipietz 1992a: 42). Es ist also das Moment der Praxis und die Bedeutung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und Auseinandersetzungen, den die Regulationisten gegen die strukturalistische Reproduktionsanalyse stark machen wollen. Mit der Betonung der Widersprüchlichkeit von sozialen Verhältnissen, der krisenhaften Unsicherheit ihrer Reproduktion, synthetisiert sich diese Erkenntnis in einem Begriff von Gesellschaft und gesellschaftlicher Entwicklung, das Kurt Hübner in Abgrenzung zum strukturalistischen Reproduktionsbegriff wie folgt skizziert:

„So gesehen dürfte es in der Tat zutreffend sein, Regulation als antithetisches Konzept gegenüber dem Konzept der Reproduktion des Strukturalismus zu interpretieren. Mit dem Konzept der Regulation wird dem empirischen Faktum Rechnung zu tragen versucht, dass die permanente Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse in der Wirklichkeit nicht zu beobachten ist, sondern diese Verhältnisse selbst regelmäßig in die Krise geraten und sich verändern können. Im Unterschied zum Konzept der Reproduktion ist das Konzept der Regulation also historisch offen und damit für die Analyse von Formveränderungen gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse besonders sensibel“ (Hübner 1990: 55).

Wie die Regulationisten die – hier nur kurz und auf sehr abstrakten Niveau umrissene – gesellschaftstheoretische Herausforderung der Vermittlung von Struktur und Praxis begrifflich zu meistern versuchen, wird im Rahmen der Darstellung der Grundbegriffe wie auch im Abschnitt zur gesellschaftstheoretischen Kritik eingehender erörtert werden. Es gilt zunächst festzuhalten, dass „[g]erade in einer Rückkehr zum widersprüchlichen Charakter der sozialen Verhältnisse, der ihre Reproduktion hemmt, und in der Berücksichtigung der aktiven Rolle, die ,Vorstellungen‘ in der Reproduktion spielen, (...) der Regulationsansatz seinen Ursprung“ (Lipietz 1992a: 11) hatte[22].

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt gegenüber ihrem geistigen Vater Althusser ist der in dessen Analysen oberflächliche und lediglich zweitrangige Stellenwert der Widersprüchlichkeit der Tauschverhältnisse (vgl. Lipietz 1992a: 45 f.) (Th4). Diese Vernachlässigung sieht Lipietz ebenfalls in der funktionalistischen, widersprüchliche Phänomene systematisch ausblendenden Logik des Reproduktionsbegriff begründet. So wie Althusser in „Das Kapital lesen“ das erste Kapitel des „Kapital“, in dem die Ware als Zellenform der bürgerlichen Ökonomie eingeführt wird, nicht berücksichtigt, führt sein Schüler Balibar diese „defizitäre Analyse“ fort und gelangt, Lipietz zufolge, zu dem Ergebnis: In der Logik Balibars sei eine Struktur dazu bestimmt, in ihrem Wesen zu verharren. Somit leugne er die Existenz eines strukturellen Widerspruchs als Ausgangspunkt von Krisen (vgl. Lipietz 1992a: 45).

Im Gegensatz zu dieser Konzeption der Althusserianer schenken die Regulationisten in ihren Analysen der den Tauschverhältnissen inhärenten Widersprüchlichkeit verstärkte Aufmerksamkeit. Diese ökonomische Widersprüchlichkeit sozialer Verhältnisse ist, für die Regulationisten, in kapitalistisch organisierten Gesellschaften vornehmlich im Lohnverhältnis situiert. War die marxistische Analyse der Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit herkömmlich an der Produktion orientiert, rücken die Regulationisten die kreislauftheoretische Perspektive wieder in den Vordergrund. Ihre „Orientierung an der Zirkulation“ (Lipietz 1992a: 46) kennt vor allem zwei Krisenmöglichkeiten: eine ist begründet in der einfachen Realität der Warenverhältnisse, die die Unsicherheiten des kapitalistischen Produzenten im Hinblick auf die soziale Anerkennung seines Warenangebots, d.h. die Realisierung des im Warenprodukt verkörperten Werts auf dem Markt, in sich birgt. Die andere ist in dem Widerspruch des zentralen Warenverhältnisses, des Lohnverhältnisses, der zwei extreme Formen von Krise annehmen kann, angelegt: „entweder ist die Ausbeutungsrate zu hoch und eine Überproduktionskrise droht oder sie ist zu niedrig und eine Unterinvestitionskrise droht“ (Lipietz 1992a: 50). Diese i.e.S. ökonomische Bestimmung der Widersprüchlichkeit sozialer Verhältnisse ist darauf zurückzuführen, dass ein Großteil der Regulationisten aus der ökonomischen Disziplin kommt[23]. Die zutiefst ökonomisch motivierte Fragestellung der Regulationisten wird klar, wenn Lipietz erklärt, dass „gerade die Probleme der kapitalistischen Akkumulation (...) den Übergang vom Begriff der Reproduktion zu dem der Regulation nahe“ (Lipietz 1992a: 47) legen. In Bezug auf die kreislauftheoretische Perspektive können die Arbeiten der Regulationisten, in Abgrenzung an die Annahme einer widerspruchsfreien Reproduktion der Althusserianer, verstanden werden als Versuch, zu zeigen, dass

1. die kapitalistische Reproduktion nicht von selbst funktioniert,
2. sie über lange Zeitperioden hinweg dennoch wie von selbst läuft,
3. nach Ablauf einer bestimmten Zeit eine große Krise zum Ausbruch kommt (vgl. Lipietz 1992a: 49).

Dieser Argumentation, die auf genuin ökonomischem Feld geführt wird, liegt eine zweite wesentliche Konturierung des Regulationsbegriffs zugrunde. Neben der eben behandelten Absetzung vom Althusserschen Begriff der Reproduktion, hat der Begriff der Regulation in den Konzeptionalisierungen der Regulationisten noch einen weiteren, ökonomietheoretischen Gehalt, nämlich: „Expliziter Bestandteil des Forschungsprogramms der Regulationisten ist mithin die Überwindung des neoklassischen Verständnisses von ökonomischer Selbstregulation“ (Mahnkopf/ Hübner 1988: 12).

2.2 Abgrenzung der Regulationisten von der neoklassischen Gleichgewichtstheorie

Negative Referenzfolie für die ökonomietheoretischen Überlegungen der Regulationisten ist die vorherrschende neoklassische Wirtschaftstheorie. Auch wenn bei den Vertretern des Regulationsansatzes eine stringente und homogene Konzeptionalisierung der ökonomietheoretischen Grundlagen fehlt, lässt sich dennoch erkennen, dass eine weitgehende Einigkeit in dem selbstverstandenen Anspruch hinsichtlich des Status der Regulationstheorie als einer Alternative gegenüber der neoklassischen allgemeinen Gleichgewichtstheorie à la Walras (1834 – 1910) besteht. In ihrem ambitionierten Forschungsprogramm, die vorherrschenden strukturellen Formen bzw. institutionellen Mechanismen zu untersuchen, die erst eine kontinuierliche Reproduktion der ökonomischen Basisstrukturen des Kapitalismus gewährleisten, gehen die regulationstheoretischen Analysen – so viel sei vorweggenommen – weit über die analytische Perspektive der Neoklassik hinaus und kritisieren hierbei deren zentrale theoretischen Vorentscheidungen.

Kurt Hübner, der den Fokus der Regulationstheorie vornehmlich in deren politikökonomischer Perspektive sieht[24], grenzt diese als Theorie der politischen Ökonomie, d.h. als „Analyse[n] des Zusammenhangs ökonomischer, politischer und sozialer Strukturen, Beziehungen und Institutionen“, negativ ab von Theorien, „die sich (...) exklusiv auf das Axiom des ökonomischen Selbstinteresses von Individuen als Schlüssel des Verständnisses ökonomischer Prozesse beschränken“ (Hübner 1990: 12). Um diese Absetzungsbewegung der Regulationisten besser nachvollziehen zu können, soll zunächst kurz das Konzept der neoklassichen Wirschaftstheorie erläutert werden.

2.2.1 Die neoklassische Wirtschaftstheorie

Die neoklassische Wirtschaftstheorie hat ihren Anfang in der „marginalistischen Revolution“ von 1871/74. In diesen Jahren entwickelten Jevons, Menger und Walras unabhängig voneinander die sog. „subjektive Werttheorie“. Diese besagt, dass zur Erklärung des Nachfrageverhaltens von ökonomischen Subjekten (ebenso wie der Herausbildung von Preisen) die subjektive Einschätzung des Konsumenten über den Nutzen eines Gutes oder Produktes von höchster Bedeutung ist[25]. Im Gegensatz zum objektivistischen Erklärungsmodell der klassischen Wirtschaftstheorie, der zufolge der Wert einer Ware durch die Menge des in ihr verkörperten, objektiv bestimmbaren Arbeitsquantums bestimmt ist („objektive Wertlehre“), steht in der Grenznutzenschule das Subjekt mit seiner Einschätzung vom Nutzen der Güter im Zentrum der Theorie (vgl. Kromphardt 1991: 120 ff.) Infolge der marginalistischen Revolution zu Beginn der 70er Jahre des 19.Jahrhunderts wurde die subjektive Werttheorie in verschiedenen Varianten ausgebaut. Im Anschluss an den Versuch von Walras, die Preisbildung nicht nur auf einem einzelnen Markt, sondern die Interdependenz der Preisbildung auf den verschiedenen Märkten theoretisch zu erfassen, wurde schließlich eine Theorie des allgemeinen Gleichgewichts entwickelt. „Diese Gleichgewichtstheorie verdrängte die klassische Arbeitswertlehre und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur herrschenden Lehrmeinung bürgerlicher Ökonomie“ (Heinrich 2001: 62). Die Fundamente der neoklassischen Theorie genießen seitdem in der vorherrschenden wirtschaftswissenschaftlichen Doktrin den Status einer nicht mehr hinterfragten Doxa.

Rowthorn nennt drei Prämissen, die die neoklassische Theorie charakterisieren: (1) der subjektive Individualismus als analytische Methode, (2) die naturalistische Betrachtung des Produktionsprozesses und (3) das analytische Primat der Tauschvorgänge (Rowthorn 1979: 236 ff.).

1. Der subjektivistische Individualismus als analytische Methode betrachtet die Gesellschaft als eine Ansammlung von Individuen, deren Eigenarten für die Zwecke der Analyse als vorgegeben und vorbestimmt gelten, ganz unabhängig von den gesellschaftlichen Phänomenen, die betrachtet werden (Rowthorn 1979: 237). Dieser sog. methodologische Individualismus hat seinen epistemologischen Ausgangspunkt beim Individuum als kleinster und gleichzeitig zentraler Einheit des Ökonomischen. Diese Analyseeinheit nennt die Neoklassik „homo oeconomicus“. Dieser ist dadurch charakterisiert, dass er stetige Kosten-Nutzen-Abwägung betreibt und sein Handeln gemäß des Prinzips der Maximierung seines Gewinnes ausrichtet. Die Präferenzen der Individuen werden als gegeben hingenommen, es findet keine gesellschaftliche Vermittlung statt[26].
2. Die Produktion wird als ein nicht-gesellschaftlicher, quasi-natürlicher Vorgang verstanden, durch den sich die Inputs an Arbeit, Boden und Produktionsmitteln auf mysteriöse Weise in die Outputs von materiellen und nichtmateriellen Gütern verwandeln. In der Neoklassik wird der Arbeitsprozess nicht weiter analysiert und als „black-box“ abgetan. „The basic difference between the Marxian and Walrasian models is thus not in the structure of markets or in concepts of collective vs. atomistic action, or in institutional rigidities, but in the analysis of the process of production itself, or in what Marxists term the labour process“ (Bowles zit.n. Hübner 1990: 230).
3. In der neoklassischen Wirtschaftstheorie wird ein Primat der Tauschvorgänge angenommen. So ist nicht mehr die Arbeit, wie in der klassischen Wirtschaftstheorie, sondern der Nutzen die Grundlage ökonomischer Begriffsbildung. Nicht mehr der Produzent, sondern der Konsument steht im Mittelpunkt der ökonomischen Betrachtung.

Neben diesen drei Grundannahmen der Neoklassik stellt die sog. „allgemeine Gleichgewichtstheorie“ ein weiteres zentrales Theorem dar. Wie schon oben erwähnt, wurde diese von Walras begründet und behauptet die Selbstregulierung von Teilmärkten, die wiederum das Gesamtsystem gleichgewichtig regulieren. Es wird angenommen, dass private Eigeninteressen durch den Prozess der Marktsteuerung in Übereinstimmung gebracht werden können und auf diese Weise ein Gleichgewicht sichergestellt wird. Wenn auf allen Märkten vollkommene Konkurrenz herrscht, so die weitere Annahme, wird eine optimale Allokation der Güter gewährleistet und somit eine „größtmögliche Bedürfnisbefriedigung“[27] erreicht.

Die Frage, wie und mit welchem Ergebnis die individuellen Entscheidungen einer Marktwirtschaft koordiniert werden, wird im neoklassischen Theoriegebäude folglich mit der allgemeinen Gleichgewichtstheorie beantwortet: Wie bereits in der Urform der Gleichgewichtstheorie, der Smithschen Metapher vom Markt als „unsichtbare Hand“, wird angenommen, dass die (entgegensetzten) Interessen der Subjekte durch die harmonische Vermittlung des Marktes ausgeglichen werden[28]. Die Gesamtheit der in die Konzeption der allgemeinen Gleichgewichtstheorie eingehenden Prämissen (die Annahmen über die individuellen ökonomischen Akteure, deren Nutzen- und Verhaltensfunktionen, die Informationsausstattung der Ökonomie und deren zentraler Mechanismus der Marktpreise als Allokationsinstanz) ist nichts weniger als die Begründung einer ökonomischen Theorie der Selbstregulation (Mahnkopf/ Hübner 1988: 10).

2.2.2 Regulationstheoretische Kritik an der neoklassischen Wirtschaftstheorie

Gerade dieser Gedanke der ökonomischen Selbstregulation hat bei den Regulationisten in besonderer Weise eine faszinierende Wirkung ausgeübt und sie in theoretischer Hinsicht zu einer Überwindung stimuliert: „Expliziter Bestandteil des Forschungsprogramms der Regulationisten ist mithin die Überwindung des neoklassischen Verständnisses von ökonomischer Selbstregulation. An die Stelle einer (allgemeinen) Selbstregulation soll eine Theorie kapitalistischer Gesellschaften rücken, die auch historische Formspezifika erfassen kann – indem sie das institutionelle „Setting“ berücksichtigt“ (Mahnkopf/ Hübner 1988: 12).

Im Gegensatz zu dieser harmonistischen Vorstellung der ökonomischen Selbstregulation in der neoklassischen Theorie (die Entwicklungsprobleme werden nur als durch „externe Störvariablen“ verursachtes Scheitern von Akkumulations- und Verteilungsprozessen erklärt) gehen die Regulationisten nicht von einer vermeintlichen, naturgesetzlichen Tendenz der ökonomischen Ströme hin zu einem Gleichgewicht aus.

„Wird in der (...) [Neoklassik] allein auf ökonomische Marktprozesse abgestellt und das dazu notwendige Set an individuellen und kollektiven Verhaltensregeln unbefragt vorausgesetzt, so sind im Falle der Regulationstheorie gerade diese Voraussetzungen selbst Gegenstand der empirischen Untersuchung und der theoretischen Reflexion (...) Während für die Neoklassik das Axiom der individuellen Nutzenmaximierung und damit das – noch nicht einmal gesellschaftlich verstandene – Individuum die Basis der Theorie darstellt, hebt die Regulationstheorie auf die gesellschaftlich historische Formen des „institutionellen Settings“ ab, innerhalb dessen Individuen und Kollektive agieren und handeln“ (Hübner 1990: 155).

Eine gleichgewichtige ökonomische Konfiguration genießt nicht den theoretischen Status einer Prämisse, sondern stellt vielmehr den außergewöhnlichen[29] Gegenstand der Analyse dar: wie ist es möglich, dass trotz der, dem Kapitalismus inhärenten widersprüchlichen Tendenzen, eine einigermaßen gleichgewichtige Konfiguration und Reproduktion der kapitalistischen Verwertung und Vergesellschaftung gewährleistet werden kann? Als Kontrast zu der gleichgewichts- und kontinuitätstheoretischen Orientierung der Neoklassik figuriert der diskontinuitätstheoretische Ansatz der Regulationsschule (vgl. Hübner 1990: 17): die Analyse historischer Reproduktionsbedingungen kapitalistischer Gesellschaften verweist auf systemisch bedingte Diskontinuitäten und Brüche und damit verbundene Transformationen institutioneller Strukturen.

Aglietta nennt in seiner, den Regulationsansatz begründenden, USA-Studie, zwei Problempunkte kapitalistisch verfasster Ökonomien, die im Rahmen des neoklassischen Paradigmas nicht verhandelt werden können:

1. die Prozesse endogenen Wandels gesellschaftlicher Systeme
2. die Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses als Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozess (vgl. Hübner 1990, 18).

Durch diese zwei Punkte werden zentrale entwicklungs- und gesellschaftstheoretische Schwächen der Neoklassik formuliert, die ihre Wurzel vor allem in dem methodologischen Individualismus, der keinen Begriff von Gesellschaft kennt, hat und daher gesellschaftliche Zusammenhänge immer nur aus dem intentionalen Handeln Einzelner erklären kann.

Neben den Defiziten des methodologischen Individualismus, der in dem Axiom des ökonomischen Selbstinteresses von Individuen den Schlüssel zur Analyse ökonomischer Zusammenhänge sieht, der naturalistischen Auffassung vom Produktionsprozess und des mangelnden Begriffs von den gesellschaftlichen Voraussetzung ökonomischen Handelns, hat die neoklassische Wirtschaftstheorie zudem noch entwicklungstheoretische Defizite.

Diese äußern sich darin, dass die Neoklassik krisenhafte Entwicklungen, aus einer von den Annahmen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie getrübten Perspektive, lediglich mit „externen Störvariablen“ erklären kann. Dieser Auffassung halten die Regulationisten entgegen, dass ökonomische Krisen in Form von endogen bewirkten Akkumulationsblockaden durchaus einen funktionalen Stellenwert für Systemanpassungsprozesse haben können und dass politisch-ökonomische Systeme an Grenzen stoßen können, die nur durch neue Gesellschaftsprojekte überwunden werden können. Das Krisenkonzept der Regulationisten zielt also darauf ab, intersystemische Wandlungsprozesse und jene anti-systematische Dynamik, die von gesellschaftlichen Kräften ausgeht, integral zu erfassen: ein nicht-finalistisches Krisenkonzept, das den geschichtsphilosophischen Optimismus vieler Nach-Marxscher Krisentheorien überwinden will (vgl. Mahnkopf / Hübner 1988: 12 f.).

Der sterilen, modelltheoretischen Argumentation im Rahmen der Marktlogik versucht die Regulationstheorie einen Ansatz entgegenzusetzen, der auf eine integrale Analyse der Entwicklungsdynamik zielt, die die logischen Strukturen des Kapitalverhältnisses historisch bestimmen und die soziale Praxis der handelnden Individuen und Klassen als inneren Moment der geschichtlichen Bewegung begreifen kann. Vor diesem Hintergrund wird von den Regulationisten gegen die Neoklassik eingewandt, dass letztere lediglich eine bloß logische Welt konstruiere, die für die Erklärung der Probleme der realen Welt keinerlei Hinweise gebe. Ausgehend von den historischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Bewegungen, die unterhalb der ökonomischen Prozessen stattfinden, wird die formalisierte Herangehensweise der neoklassischen Wirtschaftstheorie kritisiert, wie Galibert / Pisani-Ferry feststellen: „Il [der Regulationsansatz, P.E.] s’agit de proposer de nouveaux fondements à l’analyse macroéconomique dans une démarche qui s’appuie sur les acquis de la sociologie et de l’histoire, tout en approchent la riguer formelle qui faut la force de la théorie néoclassique“ (Galibert/ Pisani-Ferry zit.n. Hübner 1990: 17). Der neoklassischen Orientierung an der These eines mit invarianten Gesetzen funktionierenden Marktes setzt die Regulationstheorie entgegen, dass die ökonomischen Mechanismen jedes einzelnen Marktes auf Institutionen oder autonomen Strukturen beruhen, deren historische Gestalten fast regelmäßig voneinander abweichen. Was dem neoklassischen Analyseraster also entgeht, sind sämtliche Institutionen und strategischen Situationen außerhalb des Marktgeschehens. Dieses Defizit ist darauf zurückzuführen, dass die Neoklassik lediglich auf der Ebene der „logischen Zeit“ operiert und somit der Unfähigkeit von in logischer Zeit formulierten theoretischen Modellen unterliegt, die in „historischer Zeit“ ablaufenden ökonomischen Prozessen angemessen erfassen und erklären zu können (vgl. Hurtienne 1988, 186)[30]. Im Gegensatz zu der neoklassischen, formallogischen Argumentation bemüht sich die Regulationstheorie um die Erarbeitung von Modellen mit realer, historischer Zeit unter Einbezug der Analyse der logischen Struktur des Kapitalverhältnisses. Der Schlüsselbegriff für das Verlassen der fiktiven Scheinwelt der Neoklassik, die ein sich in logischer Zeit selbstregulierendes Marktsystem behauptet, ist dabei „der der Institutionen bzw. der strukturellen Formen, der dem Konzept der Regulation zu Grunde liegt“ (Hübner 1989: 20):

„Während also in der neoklassischen Welt der Markt als überhistorischer Ort von Angebot und Nachfrage den ökonomischen Prozess (gleichgewichtig) reguliert, untersuchen die Regulationisten die besonderen Institutionen und Strukturen von Märkten, denen sie darüber hinaus einen bestimmten Grad an Autonomie zubilligen (...) Der Markt wird nicht als logischer Ort des Zusammentreffens von Angebots- und Nachfragefunktionen sondern als Institution verstanden, die historisch unterschiedliche Ausprägungen aufweisen kann“ (Hübner 1990: 156).

System- und Handlungsebene des ökonomischen Prozesses sollen durch den Begriff der Regulation vermittelt werden, wobei mittels des schon oben erwähnten nicht-finalistischen Krisenkonzepts den Handlungen der Klassen, und dabei insbesondere dem von den Arbeitern ausgehenden „ökonomischen Klassenkampf“ ein hoher Stellenwert beigemessen wird (vgl. Hübner 1990: 21). Die vermeintliche theoretische Nähe zu operaistischen Interpretationen und zu profit-squeeze-Analysen ist jedoch keineswegs eine zwangsläufige Konsequenz des Regulationsbegriffes. Die Bemühung der Regulationstheorie, eine integrale Analyse der Entwicklungsdynamik, die die logischen Strukturen des Kapitals historisch zu erfassen sucht und die soziale Praxis der handelnden Individuen und Klassen als inneres Moment der geschichtlichen Bewegung begreifen will, setzt sich gerade von einseitigen Interpretationen, sei es der operaistischen Überbetonung der Rolle des Klassenhandelns oder sei es die einseitige Erklärung der Entwicklungsdynamik des Kapitalismus in der Theorie der langen Wellen und deren überbewertete Rolle des Kapitals als Motor technologischer Innovationen, ab (vgl. Hübner 1988: 21f.): „Mit dem Begriff soll es gerade möglich werden, institutionelle und kulturell-normative Muster des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in die ökonomische Analyse einzubeziehen und so „System“- und „Sozialintegration“ simultan zu erfassen“ (Hübner, 1988, 21).

Vor dem Hintergrund der Kritik am Marxismus strukturalistischer Prägung wie an der neoklassischen Wirtschaftstheorie sind die wesentlichen Konturierungen und Absetzungsbestrebungen der Regulationstheorie umrissen worden. Nachdem in dieser Rekonstruktion schon eine vortastende Bewegung hin zu den wesentlichen Grundfragen der Regulationstheorie stattgefunden hat, soll nun, nach einer kurzen Zusammenfassung der bisher gewonnenen Erkenntnisse, zu der Darstellung der grundlegenden Fragestellungen, Intentionen und Grundbegriffe der Regulationstheorie übergegangen werden.

2.3 Zusammenfassung der Rekonstruktion

Wie in der Auseinandersetzung mit dem strukturalistischen Marxismus gezeigt werde konnte, übernahmen die Regulationisten aus dieser Tradition wesentliche Elemente der Gesellschaftstheorie. Mit dem strukturalistischen Marxismus teilen sie die Ablehnung eines einfachen, reduktionistischen Basis-Überbau-Schemas[31] und knüpfen an den Begriff des komplexen Ganzen an, der die konstitutive Bedeutung der kulturellen, politischen und ideologischen Verhältnisse für die kapitalistische Produktionsweise behauptet. Aus dieser Perspektive kritisieren sie die neoklassische Fixierung der ökonomischen Analyse auf die Tauschhandlungen isolierter Individuen mit vorgegebenen Präferenzen und Ressourcenbeständen, bei Aussparung des sozialen Inhalts ökonomischer Beziehungen (vgl. Hurtienne 1988: 186). Die Bestrebung, das neoklassische Verständnis von ökonomischer Selbstregulation zu überwinden, und die Kritik an der mangelnden Betrachtung der Dynamik historisch-sozialer Prozesse impliziert nach Hurtienne auch notwendigerweise einen Bruch mit dem abstrakten, statischen Reproduktionsbegriff des althusserschen Marxismus (vgl. Hurtienne 1988: 187). Die Abgrenzung der Regulationisten vom strukturalistischen Marxismus bezieht sich vor allem auf dessen Unfähigkeit, die Widersprüchlichkeit kapitalistischer Akkumulations- und Vergesellschaftungsprozesse, wie gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte angemessen zu denken. Hiermit sind schon zwei der drei theoretischen Grundannahmen des Regulationskonzepts, die Bieling im Anschluss an Lipietz ausmacht (vgl. Bieling 2000: 199f.), angesprochen: die Annahme, dass der Prozess der kapitalistischen Reproduktion inhärent widersprüchlich und instabil ist und folglich der Regulation bedarf und, dass gesellschaftliche Entwicklung als nicht-lineare und nicht-teleologische zu verstehen ist, d.h. die „gesellschaftliche Evolution wird als ein historisch „offener“ und umkämpfter Prozess betrachtet“ (Bieling 2000: 200). Als dritte theoretische Grundannahme wird schließlich noch eine Paraphrase des Althusserschen Gedankens von der Gesellschaft als strukturiertem, komplexen Ganzen angeführt. Sie übernehmen dessen Verständnis von Gesellschaft als Netzwerk widersprüchlicher sozialer Beziehungen (ebd.).

[...]


[1] „Faktisch wurde in der Regulationstheorie vor allem die Kritik der neoklassischen Ökonomie (Robert Boyer) und eines wesentlich von Louis Althusser bestimmten strukturalen Marxismus (Alain Lipietz) akzentuiert“ (ebd.)

[2] Die Darstellung des Althusserschen Begriffsapparats beschränkt sich, der Fragestellung der Arbeit folgend, auf die für die Regulationstheorie später relevant werdenden Konzepte. Zentrale Momente der Althusserschen Theorie, wie z.B. die genuin ideologietheoretischen Überlegungen können hier nicht berücksichtige werden.

[3] Vgl. die Antwort Michel Foucaults, die er 1968 in einem Interview auf die Frage nach der Definition des Strukturalismus gegeben hat: „Wenn sie die Wissenschaftler fragen, die heute als „Strukturalisten“ bezeichnet werden, wenn Sie Lévi-Strauss oder Lacan oder Althusser oder die Linguisten fragen, werden sie Ihnen antworten, sie hätten nichts oder nur wenig miteinander gemein. Der Strukturalismus ist eine Kategorie, die nur für die anderen existiert, nur für jene, die keine Strukturalisten sind. Nur von außen kann man sagen, der und der und der seien Strukturalisten. Daher müsste man eigentlich Sartre fragen, was die Strukturalisten sind, denn er meint, die Strukturalisten bildeten eine kohärente Gruppe (Lévi-Strauss, Althusser, Dumézil, Lacan und ich selbst), eine Gruppe, die eine Einheit darstellt, aber diese Einheit können wir selbst nicht erkennen“; (Foucault 2001: 849).

[4] Althusser präzisiert die Intention des Begriffs der Überdeterminierung wie folgt: „Ich habe (...) versucht, dieses Phänomen mit dem der Psychoanalyse entlehnten Begriff der ,Überdeterminierung‘ zu fassen, wobei man voraussetzen darf, dass diese Übertragung eines analytischen Begriffs auf die marxistische Theorie nicht willkürlich, sondern etwas durchaus Notwendiges war; denn in beiden Fällen handelt es sich um dasselbe theoretische Problem: Mit welchem Begriff ist die Determination eines Elementes oder einer Struktur durch eine andere Struktur zu denken ? Genau dieses Problem hatte auch Marx vor Augen, und er versucht es genauer zu fassen, indem er die Metapher vom Wechsel der allgemeinen Beleuchtung einführt, vom Äther in den die Körper eingetaucht sind “ (Althusser 1972: 253). Überdeterminierung bezeichnet in der Freudschen Psychoanalyse „das Phänomen, dass eine Bildung des Unbewussten auf eine Vielzahl determinierender Faktoren unterschiedlichen Ursprungs verweist“ (vgl. Eun-Young Kim 1995: 57 FN5).

[5] Poulantzas expliziert diesen Gedankengang: „Mehr noch, die Determiniertheit in letzter Instanz der Struktur des Ganzen durch den ökonomischen Bereich bedeutet nicht, dass das Ökonomische hierin stets die dominierende Rolle innehat. Wenn die Einheit, die die Struktur mit Dominante darstellt, impliziert, dass zu jeder Produktionsweise eine dominante Ebene oder Instanz gehört, dann ist das Ökonomische tatsächlich nur insofern determinierend, als es dieser oder jener Instanz die beherrschende Rolle zuschreibt; das heißt also, nur insofern, als es die Verschiebung der Dominanz regelt, die sich aus der Dezentrierung der Instanzen ergibt. Derart ist es in der feudalistischen Produktionsweise (und Marx zeigt uns, auf welche Art dies der Fall ist) die Ideologie in Form der Religion, die die beherrschende Rolle innehat, was durch die Wirkungsweise des Ökonomischen innerhalb dieser Produktionsweise streng determiniert wird, was daher eine Produktionsweise von einer anderen unterscheidet und folglich spezifiziert, ist diese besondere Art des gegliederten Verhältnisses zwischen den einzelnen Ebenen. Wir wollen diese von nun an als Grundstruktur einer Produktionsweise bezeichnen“ (Poulantzas 1974: 12 f.).

[6] So äußert sich z.B. Derrida in einem Interview mit Sprinker: „Alles, was Althusser über Überdeterminierung sagt, befriedigt mich mehr als das Übrige – ach was, das heißt, es befriedigt mich zuungunsten von fast allem Übrigen, insbesondere dem „In-letzter-Instanz-Diskurs“, den ich als metaphysischen Halt des ganzen Unternehmens halte“ (Derrida 1994: 128f.). Für Derrida steht die Rede von der „Determinierung in letzter Instanz“ sogar im Widerspruch zu den Innovationen der Interpretation der Marxschen Topik von Basis und Überbau aus der Perspektive der „Überdeterminierung“: „ „Letzte Instanz“ zu sagen statt „Basis“ macht keinen großen Unterschied, und es zerstört jedes In-Rechnung-Stellen von Überdeterminierungen oder relativiert es von Grund auf. Alles in der Logik der Überdeterminierung Interessante und Fruchtbare wird durch diesen Diskurs über die „letzte Instanz“ (...) kompromittiert, reduziert oder zermalmt“ (Derrida 1994: 129). Laclau/ Mouffe, die sich positiv auf die „Logik der Überdeterminierung“ (vgl. Laclau/ Mouffe 2000: 140) beziehen, sehen in dem Theorem der „Letztinstanzlichen Determinierung“, wie Derrida, einen Widerspruch zum Begriff der „Überdeterminierung“: „Wenn die Ökonomie ein Objekt ist, das jeden Typus in letzter Instanz determinieren kann, heißt das, dass wir es, zumindest in Bezug auf diese Instanz, mit einer einfachen Determinierung und nicht mit Überdeterminierung zu tun haben“ (dies.: 134)

[7] Vgl. Sprinker in dem eben zitierten Interview mit Derrida: „ „Determination in letzter Instanz“ bedeutet, denke ich, einfach eine Grenze setzen (...) Es gibt eine Grenze, es gibt eine äußere Grenze dessen, was in einer gegebenen Gesellschaftsformation möglich ist, und diese Grenze wird gesetzt durch die Beziehungen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ (zit.n. Derrida 1994: 131 f.). Der Streit um die Interpretation des Theorems der „Determination in letzter Instanz“ ist für das Vorhaben dieser Arbeit weitgehend irrelevant. Weiter unten wird es darum gehen, die Plausibilitätsgrenzen der Werttheorie zu bestimmen, d.h. es wird geklärt in welchem Rahmen mit allgemeinen Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise argumentiert werden kann. In dieser Auseinandersetzung werden Fragen, die ebenso in der Auslegung des Theorems der „Determinierung in letzter Instanz“ auftauchen und eben kurz angeprochen wurden, wieder aufgenommen.

[8] Diese These wurde in der kritischen marxistischen Diskussion aufgenommen, weiter ausgearbeitet und leitete auch historische Untersuchungen an. Der Anschluss an diese These durch Foucault und Laclau/ Mouffe wird im Laufe dieser Arbeit noch genauer thematisiert (3.3.1.).

[9] Laclau und Mouffe präzisieren diesen Aspekt, wenn sie schreiben: „Ein großer Teil der kapitalistischen Organisation der Arbeit kann nur verstanden werden als die Notwendigkeit, Arbeit aus der vom Kapitalisten gekauften Arbeitskraft hinauszupressen. Die Entwicklung der Produktivkräfte wird unverständlich, wenn diese Notwendigkeit für den Kapitalisten, seine Herrschaft mitten im Herz des Arbeitsprozesses auszuüben, nicht begriffen wird“; Laclau/ Mouffe (2000: 115).

[10] Dieser Gedanke wird weiter unten bei der Diskussion der an die Tradition der Staatsableitung anknüpfenden, formanalytischen Staatstheorie von Joachim Hirsch wiederaufgenommen.

[11] „Wir haben häufig gesehen, wie das ganz überkommene Arsenal funktionalistischer Interpretationen, begünstigt von Überlegungen über die Reproduktion, wieder eingeführt wurde: die Reproduktion wird als finaler Grund betrachtet, der die Gesamtheit der Strukturen und analysierten Institutionen in Gang hält (...). Um diesen Fehler zu vermeiden ist es vor allem nötig, sich klar zu machen, dass die Reproduktion kein Ziel sein kann: nur ein Subjekt kann sich ein Ziel setzen. Doch die Gesellschaft ist kein Subjekt (...) Das, was reproduziert wird, ist gerade und zu allererst ein Widerspruch (...). Demzufolge ist entscheidend, wenn man vom Gesichtspunkt der Reproduktion ausgeht, zu verstehen, wie der Kreislauf von Produktion und Distribution selbst beständig die beiden Begriffe dieses Widerspruchs, also des grundlegenden Produktionsverhältnisses, zur Geltung bringt: Herrschende und Beherrschte, Ausbeuter und Ausgebeutete; wie die ersteren versuchen, den Krisen zu begegnen, in deren Folge dieser Widerspruch überwunden oder gelöst werden könnte; wie die letzteren dagegen bestrebt sind, mehr oder minder bewusst, ihn abzuschaffen oder sich diesem zu entziehen. Die Reproduktion in ihrer Gesamtheit ist zugleich der Einsatz ihrer Konfrontation und ihr Ergebnis“ (Terray zit.n. Lipietz 1992: 46); Meine Hervorhebungen.

[12] Die Konklusion Althussers historisch fundierter Überlegungen über die ideologischen Staatsapparate: „Es gibt also gute Gründe anzunehmen, dass das, was die Bourgeoisie hinter dem Spiel ihres politischen ideologischen Staatsapparates, der den Vordergrund der Szene beherrschte, als ihren Ideologischen Staatsapparat Nr.1 aufbaute, also als dominierenden, das Schulwesen war, das faktisch in seinen Funktionen den früheren dominierenden Ideologischen Staatsapparat, nämlich die Kirche ersetzt hat. Man kann sogar hinzufügen: das Gespann Schule-Familie hat das Gespann Kirche-Familie ersetzt“ (Althusser 1977: 127).

[13] „Die Hauptaufgabe dieses schulischen Systems besteht darin, die für den späteren Platz in der Gesellschaft notwendige Fähigkeit zur freiwilligen Unterwerfung einzuüben und auf jeder ihrer Stufen die passende soziale Gruppe auszuscheiden“ (Althusser 1977: 129). Zu dieser wichtigen Aufgabe, die Menschen zu imaginären Subjekten der eigenen Handlungen zu machen, „zu formen, ihre Haltungen zu verändern, um sie ihren wirklichen Existenzbedingungen anzupassen“ (Althusser 1968: 186), verfügt der ideologische Staatsapparat „soviele Jahre über die obligatorische Zuhörerschaft (...) der Gesamtheit der Kinder der kapitalistischen Gesellschaftsformation – 5-6 Tage pro Woche und 8 Stunden am Tag“ (Althusser 1977: 129).

[14] Dass der Ausgangspunkt von der Reproduktion her nicht im Sinne eines permanenten Funktionierens herrschaftlicher Reproduktion verstanden werden muss, sondern im Gegenteil dieser Standpunkt gerade dazu auffordert, die Reproduktion nicht als einfachen Trägheitseffekt hinzunehmen und „den Standpunkt des Widerstandes gegen diese Reproduktion und der revolutionären Tendenz zur Transformation der Produktionsverhältnisse“ einzunehmen, vertritt Pêcheux (1984: 62).

[15] In diesem Zusammenhang spricht Lipietz von dem „stroboskopischen Phänomen“, das die Resultate sozialer Praktiken den Bedingungen ihres Zustandekommens identisch erscheinen lässt. Dieses hätte „die Sozialwissenschaftler in den 60-70er Jahren [Lipietz spielt hier offenkundig auf die Althusser-Marxisten an; PE] derart verwirrt, dass die Feststellung, die theoretischen Bedingungen der Reproduktion eines Verhältnis seien vorhanden, häufig ausreichte, um die Untersuchung der Existenz dieses sozialen Verhältnisses zu beenden“ (Lipietz 1985, 111).

[16] Darauf, dass diese Kritik von Lipietz und anderen nicht besonders originell und nicht viel mehr als die Reformulierung eines abgedroschenen Klischees ist, hat Görg hingewiesen (Görg 1994a: 132)

[17] MEW 8: 115.

[18] „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen“ (Marx 1953: 176). Ähnlich drückt sich Marx im Vorwort zur ersten Auflage des „Kapital“ aus: Beim Kapitalisten und Grundeigentümer „handelt [es] sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag“; MEW 23: 16.

[19] Heinrich führt gegen die Schmidtsche Kritik an Althusser an, dass sein Verweis darauf, dass alle gesellschaftlichen Verhältnisse durch menschliche Handlungen vermittelt sind, ein Banalität sei. Nicht zu Unrecht sei für ihn die eigentliche Frage, „ob sich der gesellschaftliche Zusammenhang ausgehend von diesen Handlungen begreifen lässt. Mit der Verneinung dieser Frage hat man die „Subjektlosigkeit des Ganzen“ noch lange nicht zur „Norm“ erhoben, wie Schmidt unterstellt, sondern eine Aussage über die Untersuchungsweise der kapitalistischen Verhältnisse gemacht“; Heinrich (2001: 154).

[20] „Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut“; (MEW 23: 193).

[21] vgl. ebd. Lipietz sieht sich in der Bearbeitung des Problems des „objektiven Subjekts“ in einer Tradition, die von der 3. Feuerbachthese (die wie folgt beginnt: „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss“; MEW 4: 5) über den Achtzehnten Brumaire, Gramsci und Labriola bis hin zu Giddens „Theorie der Strukturierung“ und Bourdieus „genetischen Strukturalismus“ ihre Wirkung zeitigt.

[22] Die eben behandelte Kritik an Althusser soll an dieser Stelle einer kritischen Prüfung unterworfen werden. Gegen die Interpretation Althussers als Theoretiker, der wegen seiner strukturalistischen Methode weder gesellschaftliche Widersprüche noch soziale Auseinandersetzungen mehr sehen kann, gibt es berechtigte Einwände. Das Festnageln der Althusserschen Theorie auf diese Positionen kann nur durch entweder mangelnde Kenntnis seines Werkes oder durch gründliches Missverstehen desselben erklärt werden. In seiner Schrift „Antwort auf John Lewis“ (Althusser 1973) macht Althusser, provoziert durch ein Missverständnis und eine zerreißende Kritik seiner Theorie durch John Lewis, die Grundthesen seines „theoretischen Anti-Humanismus“ nochmals klar. „Die Geschichte ist ein unermessliches, in Bewegung befindliches ,natürlich-menschliches’ System, dessen Motor der Klassenkampf ist“ (Althusser 1973: 50). Gerade dieser widersprüchliche Prozess, der den Lauf der Geschichte bestimmt, verbietet die Annahme eines Subjekts, das Geschichte mache. Seine These vom Prozess ohne Subjekt ist dahingehend zu verstehen, dass handelnde Subjekte selbst zu verstehen sind als historische, die im Prozess der Geschichte eingebettet sind. Ohne einen positiven Bezug auf das Bewusstsein, das Handeln oder das Subjekt stellt Althusser fest: „Die Massen machen die Geschichte, der Klassenkampf ist der Motor der Geschichte“; (Althusser 1973: 58).

[23] Lipietz spricht in einem Interview über die Herkunft sämtlicher französischer Regulationisten aus ökonomischen Forschungszusammenhängen oder Institutionen: „Wenn man jedoch ein neueres Buch des Regulationsansatzes liest, so wird man feststellen, dass alle französische Autoren Polytechniker sind (...) Das bedeutet, dass wir alle Teil jener Gruppe von französischen höheren Staatsbeamten sind, die aus dem Inneren des Staatsapparats heraus das fordistische Modell in Frankreich implementierten“. Er spricht weiter davon, dass viele dieser makroökonomisch ausgebildeten Wissenschaftler im Zuge der Krise des Fordismus anfingen, die makroökonomische Perspektive mit ihren Modellen des aggregierten Verhaltens anzuzweifeln, da sie mit diesen die Krise nicht erklären konnten“. Die Hinwendung zu historischen ökonometrischen Studien machte es notwendig, die genuin makroökonomische Perspektive zu erweitern: „Als Makroökonomen mussten wir uns also an Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologen wenden, um die Art und Weise zu verstehen, wie Institutionen geschaffen wurden und die Akteure sich schliesslich entsprechend der Gleichungen verhielten, die die Makroökonomen als „natürliche Daten“ verwendeten“ (Lipietz 1998: 16).

[24] Wie schon am Titel seiner Darstellung des Regulationsansatzes zu erkenn ist: „Theorie der Regulation: eine kritische Rekonstruktion eines neuen Ansatzes der politischen Ökonomie“ (Hübner: 1990).

[25] Da die Nutzentheorie von dem sog. „Grenznutzen“ ausgeht, d.h. dem Nutzenzuwachs, der von der letzten zusätzlichen Einheit eines Produkts ausgeht, wird dieser Methode auch „Marginalismus“ bezeichnet.

[26] Polanyi kritisiert das naturalistische Menschenbild, demzufolge der Mensch von Natur aus sein Handeln nach „ökonomischen Motiven“ ausrichtet: „Kein menschliches Motiv ist an sich ökonomisch (...) Der Mensch, das zoon politikon, wird nicht durch natürliche, sondern durch gesellschaftliche Bedingungen bestimmt. Was das 19. Jahrhundert veranlasste, Hunger und Gewinnstreben als „ökonomische“ Motive zu bezeichnen, war nichts anderes als die Organisation der Produktion als Herrschaft der Marktwirtschaft“ (Polanyi 1978: 113 f.)

[27] „la plus grande satisfaction possible des besoins“; (Walras; zit.n. Heinrich 2001: 71).

[28] Bei allen feinen Unterschieden in der Erklärung des stabilisierenden Regulationsmechanismus bei den Klassikern („natürliche Preise“) und den Neoklassikern („Marktpreise“); vgl. hierzu: Mahnkopf/ Hübner (1998: 10 ff).

[29] Von der Grundintention her folgen die Regulationisten in dieser Fragestellung dem Verständnis der regulierenden und reinigenden Funktion von ökonomischen Krisen durch Marx; (vgl. MEW 25: 259).

[30] In die gleiche Richtung zielt die Kritik von Heinrich, wenn er schreibt: „Dass die neoklassische Gleichgewichtstheorie in den meisten ihrer Modellwelten keinen realistischen, zum Gleichgewicht führenden Prozess angeben kann, zeigt, dass sie nicht in der Lage ist zu formulieren, was den gesellschaftlichen Zusammenhang der individuellen Markthandlungen überhaupt herstellen soll (...) Hinter immer neueren Modellvarianten ist die gesellschaftstheoretische Problemstellung, die der politischen Ökonomie ursprünglich zugrunde lag, längst verschwunden“; Heinrich (2001: 75).

[31] Hübner betont diese Intuition der Regulationisten, wenn er deren Ansatz wie folgt deutet: „Die Regulationstheorie könnte mithin als Versuch interpretiert werden, die berühmten Marxschen Ausführungen im Vorwort zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ aus ihrer Nach-Marxschen Versimplifizierung im Basis-Überbau-Schema freizusetzen und den Zusammenhang zwischen Produktionsweise, Produktionsverhältnissen und Produktivkräften neu zu fassen“ (Hübner 1990: 16).

Details

Seiten
173
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783836611183
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225673
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, Studiengang Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
regulationstheorie politische ökonomie foucault gouvernementalität staatstheorie

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Titel: Neuere Kritiken der Regulationstheorie