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Gescheitert am Geist der Zeit? Der Misserfolg von Polaroid: Zum Einfluss technologischer Innovationen auf die Existenz von Unternehmen am Beispiel der Marke Polaroid

Innovations- und Technologiemanagement in dynamischen Märkten

Studienarbeit 2004 49 Seiten

BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung, methodisches Vorgehen und Quellen

2 Die Marke Polaroid
2.1 Entstehung der Marke
2.2 Entwicklung des Markenwertes

3 Die Technologie Sofortbild
3.1 Bedeutung
3.2 Funktionsweise
3.3 Merkmale und Besonderheiten
3.4 Anwendungsgebiete
3.5 Fotomarktsituation

4 Die Technologie Digitalbild
4.1 Bedeutung
4.2 Funktionsweise
4.3 Merkmale und Besonderheiten
4.4 Anwendungsgebiete
4.5 Fotomarktsituation
4.6 Chancen für Sofortbildtechnologie und Polaroid

5 Die Reaktionen Polaroids
5.1 Potentielle Reaktionsstrategien
5.2 Management
5.3 Marketing

6 Fehler- und Ursachenanalyse

7 Ausblick

Glossar

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung, methodisches Vorgehen und Quellen

Mitte August 2004. Die traditionelle Fotofirma Agfa verkündete soeben, sich aus dem Fotogeschäft zu verabschieden (vgl. Agfa-Gevaert AG 2004). Der Branchenführer Kodak hatte bereits im Vorjahr seine Fotolabore verkauft und den Vertrieb analoger Kameras eingeschränkt (vgl. Remke 2004; Scheltwort 2004, S.32). Die Heidelberger Großlaborgruppe V-Dia musste vorigen Monat ihr Unternehmen sogar ganz schließen. Die Fotobranche befindet sich im Umbruch. Zeitungen melden regelmäßig: „Vormarsch der digitalen Technik bremst Filmabsatz“ (vgl. Sussebach 2004). Auch das Unternehmen Polaroid, der Branchenführer für Sofortbilder, kämpfte seit Beginn der digitalen Fototechnik ums Überleben. Doch Polaroid meldete bereits im Jahr 2001 Konkurs an. Liegt die alleinige Ursache für das Scheitern der Fotokonzerne tatsächlich, so wie Medien gern behaupten, im Geist der Zeit, dem Trend zur neuen digitalen Technologie, begründet?

Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des Technologiewandels von analog zu digital auf die Existenz traditioneller Fotounternehmen am Fallbeispiel Polaroid. These bildet, dass dessen Konkurs nicht allein durch die digitale Konkurrenz verursacht wurde. Basierend auf den Besonderheiten der Marke Polaroid und der Sofortbildtechnologie wird im Vergleich untersucht, welche Gefahren von der digitalen Fototechnologie ausgehen sowie mit welchen Strategien Unternehmen im Allgemeinen auf Innovationen reagieren können und wie das Unternehmen Polaroid im Speziellen handelte. Ziel ist es, systematisch die Ursachen für sein Scheitern zu ermitteln und im Ergebnis daraus Lehren für ähnliche Situationen abzuleiten: für ein erfolgreiches Innovations- und Technologiemanagement in dynamischen Märkten.

In der Literatur wurde der Misserfolg Polaroids bisher nicht umfassend analysiert. Eine Vielzahl an Zeitungsartikeln bewertet den Werdegang der Firma allein in Abhängigkeit zum Technologiewandel. Es fehlt jedoch eine Ursachenanalyse, die auch die Aktivitäten des Unternehmens genauer betrachtet. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden diese, mit Fokus auf die 90er Jahre, untersucht. Die Sicht der Anwender, soziale Rahmenbedingungen, ein Vergleich mit anderen Fotokonzernen oder anderen sich verändernder Technologiebranchen bleiben dabei unbeachtet. Ebenso wenig soll ein alternatives Strategie- und Kommunikationskonzept für Polaroid entwickelt werden.

2 Die Marke Polaroid

Um später bewerten zu können, inwiefern das Unternehmen Polaroid nicht imstande war, seinen Markenwert unabhängig von fototechnologischen Innovationen zu erhalten, wird zunächst seine Entstehung und Entwicklung als Marke betrachtet. Der Begriff Marke wird in der Literatur sehr unterschiedlich definiert. In dieser Arbeit wird unter einer Marke ein "in der Psyche des Konsumenten verankertes, unverwechselbares Vorstellungsbild von einem Produkt oder einer Dienstleistung" verstanden und bezeichnet somit weit mehr als nur ein Unternehmen (Meffert 2000, S. 847). Polaroid ist der eingetragene Markenname der Firma Polaroid Corporation.

2.1 Entstehung der Marke

Das Unternehmen Polaroid Corporation wurde 1937 von dem Harvard-Absolventen Edwin Land (siehe Abb. 1) in den USA gegründet; der Markenname Polaroid bereits zwei Jahre zuvor im Handelregister geschützt. Der Begriff Polarisation steht für das Ändern der Schwingungsebene von Licht; der Begriff Polaroid für einen Lichtfilter, der polarisiertes Licht erzeugt (vgl. Kleines Fremdwörterbuch 1970, S. 286). So produzierte das Unternehmen zunächst Leselampen, Sonnenbrillen und Lichtfilter. Das Besondere der Lampen war, dass sie aufgrund ihrer Ausstattung mit Polarisationsfiltern beim Lesen nicht blendeten. Animiert von der Ungeduld seiner dreijährigen Tochter erfand Edwin Land in den 40er Jahren das Verfahren der Sofortbildentwicklung. Es ermöglichte, Fotos innerhalb einer Minute nach der Aufnahme fertig zu betrachten. Die Polaroid Corporation brachte 1948 die erste Sofortbildkamera, die Polaroid Land Camera Modell 95, auf den Markt. Obwohl sie von den Fachkollegen als Spielerei und grober, überflüssiger Unfug verlacht wurde, entwickelte sie sich zu einem Renner. Die Sofortbildkamera wurde und blieb Verkaufsschlager (vgl. Högerle/Engel 1998; Polaroid GmbH 2004a). Seitdem konzentrierte sich das Unternehmen fast ausschließlich auf Produkte der Sofortbildtechnologie[1]. Sie trugen in den 60er Jahren einen Anteil von 90% an seinem Gesamtumsatz.

Da die Polaroid Corporation das erste und einzige Unternehmen seiner Kategorie war, entwickelte sich der Name Polaroid nach dem zweiten Weltkrieg schnell zum Synonym für Sofortbilder. Bis in die 70er Jahre hatte er sich als feststehender Begriff etabliert und stand für Sofortbild, wie Pritstift für Klebestift, Tip Ex für Korrekturflüssigkeit, Tesa für Klebeband oder Tempo für Zellstofftaschentücher. Der Unternehmensname wurde zum Namen des Endproduktes selbst[2] und erhielt diese Bedeutung sogar im Duden. Heute definiert das Fremdwörterbuch (1997, S. 637) ein Polaroid nicht mehr als Lichtfilter, sondern als ein „mit einer Polaroidkamera aufgenommenes Foto“ [3] .

Die Marke Polaroid erreichte in den 70er Jahren Kultstatus. Während ihre Beliebtheit kontinuierlich wuchs, begann jedoch ihre Glaubwürdigkeit zu wanken. Der Name Polaroid schwankte zwischen der Assoziation mit einer sachlichen Kunstform und einem spaßigen Wegwerfprodukt. Er hatte sich einerseits mit Hilfe weltweit anerkannter Fotografen zu einer respektierten und seriösen Marke entwickelt. Andererseits trugen junge, schillernde Persönlichkeiten durch ihre leidenschaftliche Verwendung der Sofortbilder zu einem Markenimage bei, welches ebenso für Genuss, Flüchtigkeit und Frivolität stand. Es wurde von „Polaronoia" gesprochen, so als ob es sich bei der Sofortbildfotografie um ein neues narzisstisches Laster handelte (vgl. Der Spiegel 1981, S. 246; Haig 2004, S. 224).

Verbraucher nahmen Polaroidkameras kaum als Ersatz für normale Fotoapparate wahr. Vielmehr wurden sie als Luxus- und Zusatzprodukte betrachtet, die für Spaß auf Partys sorgen, aber für Familienfotos nie so gut sein konnten, wie eine herkömmliche Kamera. Die Assoziation von Polaroid mit Sofortbildern war und ist in den Köpfen der Verbraucher so stark, dass es dem Unternehmen bis heute nicht gelang, seine Marke auch in anderen Technologiebereichen zu etablieren (vgl. Haig 2004, S. 225).

2.2 Entwicklung des Markenwertes

Die Polaroid Corporation entstand als kleine amerikanische Fabrik für Polarisationsfilter und wuchs zum internationalen Marktführer für Sofortbildtechnologie mit weltweiten Standorten[4]. In den 70er Jahren gehörte das Unternehmen zu einer der zwanzig größten Aktiengesellschaften der USA (vgl. Wilkens 2001, S. 114) und verkaufte im Rekordjahr 1978 fast zehn Millionen Kameras. In den 80er Jahren stagnierte das florierende Geschäft erstmalig. Der Kameraabsatz sank 1985 auf nur gut drei Millionen Stück. Ursachen dafür waren die sich ändernden Marktbedingungen wie der Einzug preiswerter Kleinbildkameras, der Schnellentwicklungslabore und des ersten Wettbewerbers Kodak (vgl. Der Spiegel 1986, S. 267). Das Unternehmen konnte sich von den Absatzeinbrüchen erholen, doch ab 1995 fielen seine Umsätze und Gewinne erneut. Diesmal durch den erfolgreichen Einzug der digitalen Kameras und Heimcomputer. Ein umfassendes Revitalisierungsprogramm konnte die rapide sinkenden Absätze nur kurzfristig aufhalten. Der Unternehmensumsatz brach im ersten Halbjahr 2001 um 25% zum Vorjahresvergleich auf nur noch 665 Millionen US Dollar ein (vgl. Handelsblatt 2001, S. 21). Der Absatz an Sofortbildkameras und -filmen sank um jeweils 18%. Die Verluste stiegen. Folglich sah sich die Polaroid Corporation gezwungen, weitere Mitarbeiter zu entlassen[5], Sozialleistungen zu kürzen und Immobilien zu verkaufen (vgl. Wilkens 2001, S. 114). Doch in Folge der weltweit schwachen Konjunktur und der Anschläge vom 11. Septem­ber 2001 gelang es dem Unternehmen nicht, sich aus der finanziellen Misere zu befreien. Der Reisemarkt war weltweit eingebrochen, die Nachfrage an Kameras und Filmen dadurch gesunken und die Lage auf dem Fotomarkt wesentlich rauer geworden. Obwohl das Unternehmen in Deutschland profitabel arbeitete, war die Polaroid Corporation bald mit fast einer Milliarde US Dollar verschuldet und ihre Aktie auf einen Kurs von 38 Cent gefallen[6]. Im Oktober 2001 musste sie Konkurs anmelden (vgl. manager-magazin.de 2001) und wurde von dem amerikanischen Investor One Equity Partners[7] (OEP) neun Monate später für 255 Millionen US Dollar aufgekauft. Mit dem neuen Besitzer agiert die Polaroid Corporation auch heute noch am Markt und vertreibt ihre Produkte weiterhin unter dem Markennamen Polaroid.

3 Die Technologie Sofortbild

Die Sofortbildtechnologie ist in den Köpfen der Verbraucher fest mit dem Unternehmen Polaroid verbunden und bildete sein Kerngeschäft. Um bewerten zu können, inwiefern fototechnologische Veränderungen den Misserfolg des Unternehmens bewirkten, müssen zunächst Charakteristika, Einsatzgebiete und Wettbewerber der Sofortbildtechnologie untersucht werden.

3.1 Bedeutung

Das von Edwin Land 1943 bis 1947 erfundene Verfahren der Sofortbildentwicklung revolutionierte die damalige Fotografie und eröffnete den Zugang zu neuen Anwendungsbereichen und breiteren Nutzergruppen (vgl. Högerle/Engel 1998). Sie stellte eine Innovation innerhalb des Systems der analogen Fotografie dar. Unter Innovationen sind „Ansätze, Instrumente, Verfahren oder physische Objekte zu verstehen, die von einem sozialen System als neuartig angesehen bzw. erstmalig angewendet werden“ (Blecker/Gemünden 2001, S. 272). Allan Porter, Fotokünstler und langjähriger Chefredakteur der legendären Schweizer Fotozeitschrift Camera, schätze ein, dass von allen nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten Erfindungen der Kugelschreiber, der Fernsehapparat und die Kamera für Sofortbildfotografie die wichtigsten Erfindungen für die Gesellschaft waren (vgl. Tausk 1977, S. 113).

3.2 Funktionsweise

Die Sofortbildentwicklung ist ein Prozess, bei dem Fotos innerhalb kurzer Zeit in einem einstufigen Verfahren selbsttätig entwickelt werden. Edwin Lands frühe Lösung für die Sofortbildkamera sah so aus: Nach dem Auslösen zieht der Fotograf an einem Papierstreifen, wodurch das belichtete Negativ gemeinsam mit einem Fotopapier durch zwei Walzen gepresst und beide miteinander verbunden aus der Kamera befördert werden. Dabei zerbirst eine kleine Patrone mit pastenförmiger Entwickler- und Fixiermasse, die sich beim Ziehen gleichmäßig zwischen dem Negativ und dem Fotopapier verteilt und so das Aufgenommene von der einen zur anderen Fläche überträgt (vgl. Coe 1978, S.185). Bei späteren Sofortbildern waren die notwendigen Chemikalien bereits im Fotopapier enthalten (vgl. Wikipedia Freie Enzyklopädie 2004a). Mit dieser Technik konnten fertige Foto hergestellt werden, ohne vom Fotografen den individuellen Eingriff und spezielles Wissen zur Filmentwicklung zu fordern (vgl. Lischka 1977, S. 7).

3.3 Merkmale und Besonderheiten

Das Charakteristische der Sofortbildtechnologie liegt darin, dass sie Bilder liefert, die schnell verfügbar, unmittelbar, sehr unterhaltend und einmalig sind. In dieser Arbeit meint ein Sofortbild ein Bild, welches mit einer Sofortbildkamera aufgenommen wurde. Nach G. J. Lischka (1977, S. 4) ist ein Sofortbild „ein fotografisches Bild, welches das Festhalten einer fotografierten Person, eines Gegenstandes oder einer Umgebung sofort zulässt und [welches sofort] optisch detailreich zur Hand genommen werden kann.“ Ein Sofortbild zeichnet sich dadurch aus, dass es sich innerhalb kürzester Zeit selbsttätig entwickelt und somit sofort und unmittelbar nach dem Fotografieren als fertiges Bild zum Anfassen zur Verfügung steht. Sofort meint die Kürze eines Augenblicks bis zum Sichtbarwerden der Aufnahme; unmittelbar, dass auf das Filmende und die Laborentwicklung nicht mehr gewartet werden muss. Die Einfachheit der Technik ermöglicht jedem Laien, Bilder ohne fremde Hilfe herzustellen (vgl. Lischka 1977, S. 5f).

Sofortbilder bieten ein Sofortresultat mit einem hohen kommunikativen Unterhaltungswert. Durch den Wegfall der Barriere zwischen Vorstellung und Bild können der Fotograf und die aufgenommene Person ihre gerade erworbenen Erfahrungen in die Bildgestaltung der neuen Aufnahme unmittelbar einfließen lassen. Das Resultat vermag, zu neuen kreativen und spielerischen Ideen zu inspirieren (vgl. Lischka 1977, S. 8; Tausk 1977, S. 114). Des Weiteren sind Sofortbilder Unikate. Jede Aufnahme liefert nur eine einzige, individuelle, nicht veränderbare Ausfertigung. Diese ohne Qualitätsverlust zu vervielfältigen, ist durch das Aufnahmeverfahren bedingt nicht möglich (vgl. Lischka 1977, S. 6 und S. 71).

Als nachteilig erwies sich lange Zeit, dass es den Sofortbildern an Schärfe und Farbqualität mangelte, die Aufnahmen mit den Jahren verblassten, die benötigten Filme zu teuer und die Möglichkeiten der Kameras für eine kreative Bildgestaltung zu beschränkt waren[8] (vgl. Der Spiegel 1981, S. 246). Das Besondere am Sofortbild lag jedoch „in seiner sinnlichen Erfahrbarkeit“ wie dem surrenden Geräusch beim Herausfahren des Fotos aus der Kamera oder dem Moment des Sichtbarwerdens des Bildes (vgl. Wilkens 2001, S. 114).

3.4 Anwendungsgebiete

3.4.1 Amateurfotografie

Den größten Markt für Sofortbilder bildeten die Amateure. Sie nutzten sie für private Schnappschüsse; am häufigsten auf Familienfeiern, um den Spaßfaktor zu heben, ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen und auf einfache Weise Gäste und Kinder zu beschäftigen. Sofortbilder wurden auch zum Dekorieren von Gästebucheinträgen verwendet oder für Bilder, die den Anwendern zu peinlich für die fremden Augen im Labor waren (vgl. Tausk 1977, S. 115).

3.4.2 Berufsfotografie

Für Berufsfotografen waren Sofortbilder ein unverzichtbarer Bestandteil für ein effektives Arbeiten mit professionellen Ergebnissen. Sie verwendeten Sofortbilder vor allem als Testbilder vor dem eigentlichen Fotografieren, um Beleuchtung, Belichtung, Komposition, Schärfe und Farbtonwertumfang fundiert beurteilen, kontrollieren und korrigieren zu können. Bei Portraitaufnahmen beispielsweise dienten Testbilder dazu, dem Kunden bereits im Fotoatelier einen Eindruck der Ergebnisse zu vermitteln (vgl. Tausk 1977, S. 116). Spezielle Passbildsofortkameras ermöglichten Passfotos zum sofortigen Mitnehmen (Polaroid GmbH 2004a). Und für den Reisefotografen eigneten sich Sofortbilder zum Portraitieren fremder Menschen. Der Fotograf Uwe Laysiepen verrät: „Wenn Sie wollen, dass wildfremde Leute sich Ihnen für ein Bild stellen, machen Sie zwei Aufnahmen und schenken Sie ihnen die eine davon“ (vgl. Laysiepen, S. 51). Die Geste, eine Aufnahme zurückzuschenken, schafft eine Vertrauensbasis zwischen dem Fotograf und seinem Model, die die Qualität des aufgenommenen Motivs verbessern kann. In der Berufsfotografie waren Sofortbilder Gebrauchsobjekte (vlg. International Polaroid Collection 1984, Vorwort).

3.4.3 Kunstfotografie

Der Erfinder Edwin Land sah den Nutzen der Sofortbilder im ästhetischen Kunstwerk. So sagte er 1947 (Polaroid Corporation 2004a): „The purpose of inventing instant photography was essentially aesthetic: to make available a new medium of expression to numerous individuals who have an artistic interest in the world around them." Die Kunstwelt nahm die Sofortfotografie begeistert an. Namhafte Persönlichkeiten experimentierten mit der Sofortbildtechnik und ihren verschiedenen Materialien, woraus eine Kunstsammlung entstand, die Polaroid Collection, die heute über 22.000 Werke von über 1.000 Fotografen aufweist (vgl. Polaroid Corporation 2004b). Darunter zählen Künstler und Fotografen wie Ansel Adams, Andy Warhol, Helmut Newton, David Hockney oder Williams Wegman (vgl. Haig 2004, S.224). Aus den Arbeiten ergab sich ein breites Spektrum zwischen realitätsgetreuen Dokumentarbildern, Pop Art-voyeuristischen Inszenierungen, spontanen Schnappschüssen und komponierten, lang geplanten Abbildungen (siehe International Polaroid Collection 1984 und 1986)[9]. Da die Unmittelbarkeit der Sofortbilder die Intimität der Fotosituation wahrte, entstand auch eine Vielzahl an intimen Recherchen ins Ich, an narzisstischen Selbstdarstellungen und expressionistischen Schauspielen mit der Kamera als einzigem Zuschauer (vgl. Der Spiegel 1982, S. 188). Die Sofortbildfotografie entwickelte sich zu einer eigenen Kunstgattung (Der Spiegel 1981, S. 246), deren Herausforderung in der Unveränderbarkeit ihrer Bilder lag (vgl. Tausk 1977, S. 114).

3.4.4 Fotografie für Industrie, Staat und Wissenschaft

Im Geschäftsbereich dienten Sofortbilder als visuelles Hilfsmittel. So wurden sie zum Aufzeichnung von Forschungsergebnissen, zum Verfolgen von Problemen oder zum Dokumentieren von Schäden eingesetzt. In der Medizin ermöglichten sie, schriftliche Befunde aussagefähig zu bebildern, Verlaufskontrollen festzuhalten und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu verbessern. In der Medienbranche bildeten Sofortbilder eine schnelle vorübergehende Bildvorlage für die Reproduktion im Druck. Ebenso wurden sie am Filmset zur Kontrolle des Bühnenaufbaus und der Darstellerplatzierung verwendet. Im Bildungsbereich setzen Lehrer sie während des Unterrichts als sofortiges Anschauungsmaterial ein. Sie ermöglichten, Schülern ihre Fehler direkt aufzuzeigen, wie z.B. Fehlhaltungen im Ballett, oder Arbeitsergebnisse in gesamten Seminargruppen zu diskutieren und kollektiv zu berichtigen (vgl. Tausk 1977, S. 115). Passbildsofortkameras dienten dem Anfertigen von Lichtbildausweisen und Führerscheinen. In der Polizeiarbeit haben Sofortbilder eine große Bedeutung als Dokumentations- und Beweismaterial bei Verkehrsunfällen oder am Tatort. Dadurch, dass die sofortig verfügbar, einmalig und nicht manipulierbar sind, vereinfachen sie die Ermittlungsarbeiten und liefern einen stets gültigen, nicht anzweifelbaren Beweis (vgl. Polaroid GmbH 2004a).

[...]


[1] Es führte unzählige Erfindungen auf dem Markt ein, darunter das Sofortbildsystem für Dias (1957), der Sofortfilm für Farbbilder (1963), die Sofortbildkamera für Passbilder (1971) und das Großformatsystem für professionelle und künstlerische Sofortfarbbilder (1976). Edwin Land erhielt 1977 sein 500. Patent (vgl. Hitchcock/Kao/Klochko 1999, S. 188f).

[2] Das bedeutet, dass nicht mehr von einem Sofortbild oder einem Polaroid-Foto gesprochen wurde, sondern allein von einem „Polaroid“ (vgl. Haig 2004, S. 223), im Slang auch von einem „Pola" (vgl. Der Spiegel 1981, S. 246).

[3] Der Bedeutungsunterschied in den verschiedenen Fremdwörterbüchern mag auch mit ihren Publikationsorten zusammenhängen. Es ist zu vermuten, dass in der ehemaligen DDR dem Begriff Polaroid seine physikalische Bedeutung deshalb zugeschrieben wurde, weil die Marke Polaroid dort nicht im Handel und deshalb nicht bekannt war.

[4] Die ersten Tochtergesellschaften gründete das Unternehmen 1958 in Deutschland und Kanada.

[5] Anfang der 70er Jahre beschäftigte das Unternehmen weltweit 20.000 Angestellte. Ende 2002 waren es noch 5.500 (vgl. Blömer 2001, S. 6).

[6] Die Aktie der Polaroid Corporation war im Frühjahr 1997 noch mehr als 60 US Dollar wert.

[7] OEP ist ein Tochterunternehmen der Bank One, Chicago, der sechstgrößten Bank der USA.

[8] Zum Beispiel waren schnelle Serienaufnahmen nicht machbar.

[9] Z.B. fertigte der Amerikaner Ansel Adams kunstvolle Landschaftsbilder vom kalifornischen Yosemite-Nationalpark an. Andy Warhol trug seine Polaroidkamera ständig bei sich und fotografierte jeden, der ihm bei seinen lustvollen Abenteuern in und um Manhatten vor die Linse kam. Oder der Kölner Herbert Döring-Spengler spielte wörtlich mit dem Material, Polaroid-Sofortbilder toastete (vgl. Wilkens 2001, S. 114).

Details

Seiten
49
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783836610094
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225613
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Wirtschaftskommunikation, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
Note
1,0
Schlagworte
polaroid innovation technologiemanagement fotografie markenführung

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Titel: Gescheitert am Geist der Zeit? Der Misserfolg von Polaroid: Zum Einfluss technologischer Innovationen auf die Existenz von Unternehmen am Beispiel der Marke Polaroid