Lade Inhalt...

Die Textil- und Bekleidungsindustrie der EU unter den Bedingungen der Liberalisierung des Welthandels

Strukturen, Strategien, Perspektiven

Diplomarbeit 2007 85 Seiten

BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Textil- und Bekleidungssektor der EU
2.1. Textile Fasern
2.1.1. Textile Faserstoffe
2.1.2. Entwicklung der Welttextilfaserproduktion
2.2. Die Textile Kette
2.2.1. Weitere Systemgrenze
2.2.2. Engere Systemgrenze
2.2.3. Definition des Textil- und Bekleidungssektors
2.3. Die Textil- und Bekleidungsindustrie der EU
2.3.1. Wichtige Kenndaten
2.3.2. Beschäftigungssituation
2.3.3. Umsatzsituation

3. Die Theorie des Außenhandels und ihre Anwendung auf den Textil- und Bekleidungssektor
3.1. Klassische Theorie des Außenhandels – Kritik und Empirie
3.1.1. Ansätze der klassischen Theorie des Außenhandels
3.1.2. Kritik und Erweiterung der klassischen Theorie
3.2. Kriterien zur empirischen Einordnung von Kostenvorteilen
3.2.1. Güterklassen im Textil- und Bekleidungssektor
3.2.2. Faktorausstattung Arbeit
3.2.3. Faktorausstattung Kapital
3.2.4. Faktorausstattung Humankapital
3.3. Komparative Vorteile in Güterklassen nach Faktorausstattung
3.3.1. Textile Garne und textile Flächen
3.3.2. Technische Textilien
3.3.3. Heimtextilien
3.3.4. Bekleidung (Vollimporte)
3.3.4. Bekleidung (Passive Lohnveredelung)
3.3.5. Zusammenfassung der Analyseergebnisse

4. Strategien der T&B Industrie und Perspektiven der EU im Kontext der Liberalisierung
4.1. Protektionismus und die historische Sonderrolle des T&B Sektors
4.1.1. Definition und Motivation von Protektionismus
4.1.2. Das GATT und die Sonderrolle der Textil- und Bekleidungsindustrie
4.1.3. Die Baumwollabkommen und das Multifaserabkommen
4.2. Auswirkungen und das „Agreement on Textiles and Clothing“
4.2.1. Auswirkungen auf den Welttextil- und Bekleidungshandel
4.2.2. Das Agreement on Textiles and Clothing (ATC)
4.2.3. Technische Umsetzung des ATC
4.3. Perspektiven für die Textil- und Bekleidungsindustrie der EU
4.3.1. Prognostizierte Veränderungen der Marktanteile
4.3.2. Neue protektionistische Tendenzen
4.3.3. Allgemeine Tendenzen im Kontext der Liberalisierung

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anhang Tabellen

1. Einleitung

Im Zuge der Liberalisierung des Welthandels stehen einige Industrieländer unter starkem Druck, die Bevorzugung einzelner heimischer Sektoren abzubauen und diese dem internationalen Wettbewerb preiszugeben. Insbesondere der Textil- und Bekleidungssektor stellt einen Wirtschaftszweig dar, in welchem seit geraumer Zeit große strukturelle Veränderungen stattfinden. Im Kontext der internationalen Arbeitsteilung hat sich in den letzten Jahrzehnten einerseits ein Geflecht aus protektionistischen Handelssystemen gebildet, welches zu permanenten Marktverzerrungen in diesem Sektor geführt hat. Andererseits kam es durch den Siegeszug der synthetischen Fasern aber auch zu einem grundsätzlichen Wandel der gesamten Branche.

Die Textil- und Bekleidungsbranche innerhalb der EU ist ein wichtiger Bestandteil des europäischen verarbeitenden Gewerbes und hat im Laufe dieser Veränderungen zum Teil große Einbußen in Bereichen wie Beschäftigung oder Umsatz hinnehmen müssen. Es stellt sich daher die Frage, welche Bedeutung dieser Industriezweig heute noch besitzt und welchen Platz die einzelnen Mitgliedsstaaten im Kontext des internationalen Wettbewerbs einnehmen. Dabei müssen sich die europäischen Importländer vor allem mit der Frage auseinandersetzen, welche Auswirkungen die jahrzehntelange Abschottung der heimischen Märkte tatsächlich hatte und was sie nun durch die Liberalisierung des Welthandels zu erwarten haben, die im Textil- und Bekleidungssektor seit einigen Jahren von Seiten der WTO betrieben wird.

Zunächst einmal stellt sich also die Frage nach der Definition des Textil- und Bekleidungssektors, da es sich dabei um einen weitverzweigten und vielgestaltigen Komplex aus verschiedensten Tätigkeitsfeldern, Produktpaletten und damit auch aus unterschiedlichsten Teilen des wirtschaftlichen Lebens handelt. Unter Punkt 2 soll – nach der Vorstellung der textilen Ausgangsstoffe – eine inhaltliche und funktionale Beschreibung des Textil- und Bekleidungssektors (sowohl im weiteren als auch im engeren Sinne) folgen. Ziel soll es sein, den allgemein gebräuchlichen Begriff Textil- und Bekleidungssektor besser abgrenzen zu können, der ja nur einen Teil der sogenannten Textilen Kette darstellt. Anschließend soll näher auf die Struktur dieser Branche innerhalb der EU und auf deren Veränderungen in jüngster Zeit eingegangen werden.

Im Punkt 3 folgt zunächst eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen der Außenhandelstheorie, um die Basis für eine komparative Analyse der am internationalen Textil- und Bekleidungshandel beteiligten Länder zu schaffen. Nach der Definition geeigneter Güterklassen im Bereich der Textil- und Bekleidungsindustrie werden aus den Folgerungen des Neo-Faktorproportionen-theorems Kriterien (Faktorausstattung) erarbeitet und untersucht, mit deren Hilfe die entsprechenden Akteure in Relation zueinander gesetzt werden können. Es folgt eine komparative Analyse der einzelnen Länder für die erarbeiteten Produktionsschritte bzw. Güterklassen nach relevanten Faktorausstattungen.

Punkt 4 geht daraufhin der Fragestellung nach, welche Bedeutung die historische Sonderrolle des Textil- und Bekleidungshandels außerhalb der Regeln des GATT einnimmt und welche Strategien sich über Jahrzehnte hinweg durchsetzen konnten. Nach der Definition des Protektionismus und dessen Motivationen folgt eine historische Darstellung der verschiedenen Abkommen, die zu einem Abweichen dieses Sektors von den eigentlich vorhandenen Spezialisierungsvorteilen der Lieferländer führten. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese Abkommen es überhaupt vermochten, den Strukturwandel innerhalb der Industriestaaten, der dort zu starken Umsatz- und Beschäftigungsrückgängen führte, zu verzögern. Mit dem Agreement on Textiles and Clothing (ATC) wird anschließend das entscheidende Vertragswerk vorgestellt, mit dessen Hilfe die am Welthandel beteiligten Länder versuchten, den Textil- und Bekleidungssektor wieder in die Regeln des GATT zurückzuführen. Auch auf die Strategien der Verzögerung seitens der Importländer soll eingegangen werden.

Um die Perspektiven der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie zu beleuchten, soll eine Studie im Auftrag der WTO herangezogen werden, die eine Prognose der sich durch die Liberalisierung des Welttextil- und Bekleidungshandels verändernden Marktanteile auf dem europäischen Markt liefert. Nach einer Darstellung der Reaktionen der EU auf den sprunghaften Anstieg der Importe im Jahre 2005 sollen allgemeine Perspektiven des Textil- und Bekleidungssektors aufgezeigt und auch auf länderspezifische Probleme eingegangen werden.

Abschließend folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse und ein kritischer Ausblick auf die künftig zu erwartenden Entwicklungen.

2. Der Textil- und Bekleidungssektor der EU

2.1. Textile Fasern

Der Textil- und Bekleidungssektor ist ein umfassender Bereich und vereint vielfältige Industrie- und Wirtschaftszweige in sich. Um auf diese näher eingehen zu können, sollen zunächst die verschiedenen textilen Fasern und deren Bedeutung im historischen Kontext beschrieben werden, die in dem genannten Bereich zum Einsatz kommen.

2.1.1. Textile Faserstoffe

Grundsätzlich lassen sich die textilen Faserstoffe in Naturfasern und Kunstfasern unterteilen (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung 1: Systematik der textilen Faserstoffe[1]

Im Bereich der Naturfasern stellt die Baumwolle heute den mit Abstand am häufigsten genutzten natürlichen Rohstoff in der Textil- und Bekleidungsindustrie dar. Nachdem im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts vor allem Schafwolle und das aus der Flachspflanze hergestellte Leinen als Material die Herstellung von Bekleidung dominierten, konnte sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts die ostindische Baumwolle bei ihrer Einführung auf dem europäischen Markt durchsetzen. Dies ist einerseits auf vergleichsweise niedrigere Kosten, aber auch auf die Beschaffenheit, die Farbe und das Design zurückzuführen, welche die damaligen Konsumenten überzeugten.[2] Während in Europa noch um 1780 mit 78 % der größte Teil der Bekleidungsproduktion aus Wolle (18 % aus Leinen und 4 % aus Baumwolle) gefertigt wurde, kam ein Jahrhundert später die Baumwolle schon auf einen Anteil von 74 %. Bekleidung aus Schafwolle war auf 20 % bzw. aus Leinen auf 6 % gesunken.[3] Baumwollbekleidung hat den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer strukturierten Faseroberfläche sehr hautfreundlich ist und überschüssige Körperwärme an die Umgebung abgibt. Sie kann bis zu einem Viertel ihres Gewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich dabei nass anzufühlen. Weiterhin kann sie sich nicht elektrostatisch aufladen, was gegenüber vielen aus synthetischen Stoffen hergestellten Bekleidungen einen Vorteil darstellt.[4]

Chemische Fasern wurden erstmals im Jahr 1935 von amerikanischen Forschern hergestellt und als Nylon bekannt. In Deutschland konnten im Jahr 1938 ebenfalls aus einer chemischen Verbindung erstmals textile Fäden gesponnen werden, welche als Perlon bezeichnet wurden.[5] Der Bereich der chemischen Fasern lässt sich heute in drei Klassen bezüglich der zugrundeliegenden Polymere (chem. Verbindungen) unterteilen – die zellulosischen, die synthetischen und die anorganischen Faserstoffe.

Zellulosische Fasern werden aus Zellstoff hergestellt, der aus Holz und Baumwollabfällen gewonnen wird. Dieser wird mit Hilfe chemischer Zusätze zu einer zähen Flüssigkeit verarbeitet, welche dann durch Düsen zu einem Garn gepresst wird.[6] Die synthetischen Fasern hingegen haben als Ausgangsstoff das Erdöl, mit dessen Hilfe verschiedene Fasern hergestellt werden. Zunächst werden dem Erdöl unterschiedliche chemische Zusatzstoffe hinzugefügt. Je nach Beschaffenheit der dadurch entstandenen Masse werden dann dafür geeignete Verfahren angewandt, um diese durch kleine Düsen (ähnlich wie bei der zellulosischen Herstellung) zu den jeweiligen Garnen zu pressen.

Zu den anorganischen Faserarten gehören z. B. Glasfasern und Metallfasern. Sie werden hergestellt, indem Glas, bzw. Metall erhitzt und geschmolzen, und dann zu Fäden auseinandergezogen wird[D.P.1]. Bei diesem Prozess entsteht ein Material, das nicht nur in der Textil- und Bekleidungsindustrie genutzt wird, sondern z.B. auch im Flugzeug- und Fahrzeugbau zur Verstärkung von Bauteilen zum Einsatz kommt. Die Verwendung der synthetischen Fasern ist sehr vielfältig. Seit einigen Jahren entstehen in diesem Bereich zunehmend neue Entwicklungen und Einsatzmöglichkeiten.[7]

2.1.2. Entwicklung der Welttextilfaserproduktion

Wie aus Tabelle 1 ersichtlich wird[8], hat sich die Weltproduktion textiler Fasern in den letzten 35 Jahren verdreifacht (siehe auch Abbildung 2).

Die Baumwollproduktion hat sich von 1970 bis 2005 in etwa verdoppelt, die Produktion synthetischer Fasern hat sich sogar von 4,8 Mio. Tonnen auf 34,9 Mio. Tonnen mehr als versiebenfacht, wobei Polyesterfasern neben den Polyamid-, Polyacryl- und sonstigen synthetischen Fasern heute den überwiegenden Anteil der Produktion ausmachen.[9]

Wenn nun davon ausgegangen wird, dass der Weltoutput der Textilfaserproduktion sich am Ende der Wertschöpfungskette auf die Konsumenten der weltweiten Textil- und Bekleidungsindustrie, d.h. auf die Weltbevölkerung verteilt, dann kann als Anhaltspunkt für die Entwicklung der Textilfaserproduktion der um das Wachstum der Weltbevölkerung bereinigte Zuwachs der Welttextilproduktion pro Person herangezogen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Weltbevölkerung hat im Zeitraum zwischen 1970 und 2005 um etwa 75 % von 3,7 Mrd. auf 6,5 Mrd. Menschen zugenommen. Stellt man diese Zunahme dem Zuwachs der Weltbaumwollproduktion gegenüber, zeigt sich, dass der Output pro Person in diesem Zeitraum um 19 % zugenommen hat. Zu einer weitaus stärkeren Entwicklung kam es bei der Produktion synthetischer Fasern pro Person, welche einen Zuwachs von 415 % aufzeigt.

Die Bedeutung der Wollproduktion und der Produktion von zellulosischen Fasern hat indessen sowohl absolut, als auch im Verhältnis zur Weltbevölkerung abgenommen. Der Output pro Person dieser beiden Faserarten hat sich im betrachteten Zeitraum jeweils halbiert.

Die Gesamtproduktion von Textilfasern pro Person verzeichnet einen Anstieg um 68 %. Diese Zunahme kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden.

Im Laufe der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat sich die Mode in der industrialisierten Welt grundlegend verändert. Durch technische Innovationen, welche eine immer günstigere Herstellung von Bekleidung möglich machten, war es möglich, auch der breiten Mittelschicht einen Zugang zu modischer Bekleidung zu bieten. Nach einer weitgehenden Marktsättigung im Bereich des textilen Konsums in den letzten Jahrzehnten versuchten die Bekleidungsunternehmen die Nachfrage durch eine Beschleunigung der Modezyklen weiterhin zu beleben. Während früher halbjährliche Kollektionswechsel der Modeunternehmen stattfanden, sind heute zum Teil schon monatliche Zyklen an der Tagesordnung, was den Verbrauch von Textilien weiter erhöht.[11]

Eine weitere Ursache für den Anstieg der Produktion vor allem im Bereich der synthetischen Fasern ist die zunehmende Technisierung, durch die wiederum neue Einsatzfelder für textile Fasern entstehen. Hier sind vor allem die Bereiche Automobil, Sport, Bau, Werkstoffe und auch Landwirtschaft zu nennen, wo Chemiefasern immer mehr Anwendungen finden.[12]

2.2. Die Textile Kette

Um nun die weiteren Schritte im Verarbeitungsprozess der textilen Ausgangsstoffe nachvollziehen zu können, wird im Folgenden das System der sogenannten Textilen Kette beschrieben. Die Textil- und Bekleidungsindustrie kann in mehrere Produktionsstufen aufgegliedert werden, die sich im Bezug auf die technischen Voraussetzungen, die verwendeten Maschinen, die nötigen Kenntnisse und den nötigen Kapitaleinsatz zum Teil erheblich unterscheiden.[13]

Die folgende Abbildung 3 zeigt schematisch eine Unterscheidung der Textilen Kette in eine engere und eine weitere Systemgrenze auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zunächst wird nun die weitere Systemgrenze beschrieben, die durch ein System verschiedener Nebenketten gekennzeichnet ist (in Abbildung 3 durch Nummern markiert). Die Komplexität und technische Vielseitigkeit der gesamten Branche und die dadurch zustande kommenden Interdependenzen sollen damit verdeutlicht werden. Anschließend wird die engere Systemgrenze dargestellt, mir deren Hilfe dann die Definition des Begriffs Textil- und Bekleidungssektor erfolgt. Dieser Begriff markiert einen Teil der engeren Systemgrenze und wird Gegenstand der folgenden Untersuchungen sein.

2.2.1. Weitere Systemgrenze

Als Ausgangspunkt sind die jeweiligen Rohstoffe zu sehen, welche den Beginn aller Nebenketten markieren. Neben der Elektronikindustrie kommt nun die Basischemie, d.h. spezifische chemische Verbindungen, welche sich von Nebenkette zu Nebenkette unterscheiden, als weiterer Baustein im Produktionsprozess hinzu. Sie definiert z.B. im Zuge der Kette 1 die Kunstfaserkette. Dort werden die Stoffe zur Herstellung synthetischer Fasern bereitgestellt. Diese bestehen in diesem Fall aus den Rohstoffen Erdöl bzw. Erdgas und werden dann der Faserherstellung in Form von Granulat oder Chips zur Verfügung gestellt.[15]

Die Agrarchemikalienkette (Kette 2) zeigt die Verbindung der industriellen Chemikalienherstellung zur landwirtschaftlichen Erzeugung natürlicher Fasern auf. Beim Anbau von Naturfasern kommen chemische Pflanzenbehandlungsmittel zum Einsatz, um den Ertrag der Ernten zu steigern. Dazu gehören Quecksilberverbindungen (zur Vorbehandlung des Saatguts), Pilzbekämpfungsmittel, Insektizide und andere Pestizide, welche vor allem in den Monokulturen der Baumwollplantagen zum Einsatz kommen.[16]

Die Landwirtschaft kann hier jedoch in zwei Teilbereiche aufgeteilt werden, da zwischen dem konventionellen (Naturfaserkette mit Agrarchemikalienkette) und dem ökologischen Anbau von Naturfasern (Naturfaserkette ohne Agrarchemikalienkette) unterschieden werden muss.

Die Textilchemikalienkette (Kette 3) beschreibt einen Wirtschaftszweig, der unterschiedliche chemische Stoffe zur Veredelung von Textilien produziert. Beispiele für solche Textilchemikalien sind Polyacrylate, Wasserstoffperoxid, Pyrophosphate, Polycarbonsäure, Natriumchlorit, Natronlauge und verschiedene Farbstoffe.[17]

Eine weitere mit der Textil- und Bekleidungsindustrie (im engeren Sinne) verbundene Nebenkette ist die Reinigungskette (Kette 4), in der die zur Reinigung und Pflege nötigen Substanzen hergestellt werden. Dazu gehören Waschmittel und deren Inhaltsstoffe, wie z.B. Tenside, verschiedene Wasserenthärter, Waschalkalien, Enzyme und Duftstoffe. Im Bereich der chemischen Reinigung kommen ebenfalls verschiedene Textilchemikalien (z.B. Bleichmittel) zum Einsatz, weswegen sich die Textilchemikalienkette und die Reinigungskette teilweise überschneiden.[18]

Zuletzt ist noch die Elektronikkette (Kette 5) zu nennen, die den Bereich der Reinigungsinfrastruktur beschreibt. Damit sind Geräte zur Reinigung und Pflege von Textilien und Bekleidung und deren Wartung gemeint, also Waschmaschinen, Trockner, Bügelmaschinen sowie die Dienstleistungen rund um die gewerbliche Reinigung.

2.2.2. Engere Systemgrenze

Nachdem die weitere Systemgrenze des Sektors gekennzeichnet wurde, wird nun der Sektor im engeren Sinne näher betrachtet. Tabelle 2 zeigt die Gliederung der Klassifikation der Wirtschaftszweige im Bereich Textil- und Bekleidungsgewerbe.[19] Diese Aufgliederung besteht seit dem Jahr 1995, als im Rahmen der Harmonisierungsbestrebungen der Europäischen Union durch eine Verordnung eine einheitliche Klassifizierung in Kraft trat und in Deutschland die bis dahin geltende „Systematik der Wirtschaftszweige, Fassung für die Statistik im Produzierenden Gewerbe“ kurz SYPRO, abgelöst wurde.[20]

Wie in Abbildung 3 schon deutlich wurde, erstreckt sich der mehrstufige Produktionsprozess innerhalb der engeren Systemgrenze über verschiedene von einander abhängige Industriezweige, weshalb sich auch der Ausdruck Textilpipeline etabliert hat.

Abbildung 4 zeigt nun die einzelnen Schritte der engeren Systemgrenze. Die gelb eingefärbten Bereiche werden im weiteren Verlauf der Definition des Textil- und Bekleidungssektors dienen.

Die Herstellung der Fasern (in Tabelle 2 durch Punkt 17.1 repräsentiert) bezieht sich auf die Spinnstoffaufbereitung und die Spinnstoffverarbeitung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Spinnstoffaufbereitung werden die verschiedenen Rohstoffe auf den Spinnprozess vorbereitet.

Dazu gehört z.B. die Wollwäscherei, die Wollkämmerei oder die Herstellung von Reißspinnstoffen. In der Spinnstoffverarbeitung werden aus den Fasern die Garne gesponnen. Hier sind Baumwoll-, Woll-, oder Jutespinnereien zu nennen. Auch die Filz-, Watte- und Vliesstoffindustrie gehört zu diesem Bereich. Synthetische Garne werden mit Hilfe verschiedener Verfahren (Schmelzspinn-, Trockenspinn- und Nassspinnverfahren) aus unterschiedlichen Polymeren (siehe Abbildung 1 auf S.3) hergestellt.[22]

Die nächste Prozessstufe stellt die Textilherstellung dar. Sie macht den weitaus größten Teil der Klassifikation des Textilgewerbes aus (17.2 und 17.4 bis 17.7).

Dieses Gebiet kann auch als Garnverarbeitung bezeichnet werden – Webereien stellen textile Flächen und Gewebe her und die Maschinenindustrie produziert Gewirke und Geflechte. Außerdem werden in dieser Sparte auch textile Fertigprodukte erzeugt. Dazu gehört z.B. die Teppichindustrie, die Herstellung von Maschenware, Bettwäsche, Gardinenstoffen und Verbandsmitteln. Des Weiteren werden hier Möbel-, Dekorations-, Tuch- und Kleiderstoffe gewebt. Auch die Seiden- und Samtweberei lässt sich noch zu diesem Gebiet hinzuzählen.[23]

Der Industriezweig der Textilveredelung (Punkt 17.3 der Klassifikation) vollzieht nun jene Arbeitsschritte, welche notwendig sind, um die textile Rohware zu Endprodukten zu verarbeiten, die unterschiedlichste Gebrauchseigenschaften erfüllen sollen. Neben dem Färben und dem Bedrucken textiler Stoffe gibt es einige Methoden, die den Stoffen durch spezielle Bearbeitungsmethoden entsprechende Eigenschaften verleihen. Dazu gehört z.B. das Sengen (Abbrennen abstehender Fasern), das Entschlichten (Verkleben von Fasern), das Bleichen (Entfernen von Fetten und Samenschalen) das Mercerisieren (Vergrößern der Fasern durch Natronlauge), das Weißtönen (chemische Behandlung, die zu höherer Lichtreflexion führt) und die Appretur (Verleihung bestimmter Eigenschaften der Textiloberfläche, wie z.B. angenehmer Griff, guter Stand, geringe Entflammbarkeit, Wasserabweisung, u.a.).[24]

Der nächste Schritt in der Textilen Kette stellt nun die Herstellung von Bekleidung dar. Das Bekleidungsgewerbe ist in Tabelle 2 durch Punkt 18 klassifiziert. Zunächst lässt dieses Gewerbe sich in das Bekleidungshandwerk und in die Bekleidungsindustrie unterteilen. Das Bekleidungshandwerk ist eine Branche, welche sich auf Spezialanforderungen und Reparatur vor allem von Damenoberbekleidung spezialisiert hat.[25] Durch die Entwicklung der industriellen Herstellung von Bekleidung hat dieses Handwerk jedoch deutlich an Bedeutung verloren. Den weitaus größten Teil des Bekleidungsgewerbes stellt heute die Bekleidungsindustrie dar. In diesem Bereich findet die Konfektionierung aus den textilen Flächen, Garnen und anderen industriellen Erzeugnissen, wie z.B. Knöpfen, Reißverschlüssen oder formgebenden Teilen statt, die fertige Bekleidung wird also produziert.[26]

Der Verkauf und Gebrauch der Bekleidung stellt einen weiteren Schritt in der Textilpipeline dar. Im Bereich der Distribution sorgen spezialisierte Logistikdienstleister für die Steuerung des Waren- und Informationsflusses, um die Produkte den entsprechenden Vertriebskanälen zuzuführen.[27] Nach dem Kauf und dem Gebrauch der Bekleidung (in diesen Bereich fallen auch der Konsum von Produkten der oben schon beschriebenen Reinigungs- und Elektronikketten) folgt zuletzt die Abfallbehandlung. Neben der Weiterverwendung im sogenannten Second-Hand Bereich wird ein weiterer Teil der gebrauchten Bekleidung rezykliert und im Zuge des Recyclingprozesses zu geringer wertigen Gütern weiterverarbeitet.[28]

2.2.3. Definition des Textil- und Bekleidungssektors

Nun soll abschließend eine Einordnung des Textil- und Bekleidungssektors gemäß der den Statistiken zu Grunde liegenden Klassifikationen in den Kontext der aufgezeigten Textilen Kette vorgenommen werden. Damit wird eine Definition bereitgestellt, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit als Anhaltspunkt dienen wird, wenn von Textil- und Bekleidungssektor bzw. Textil- und Bekleidungsindustrie die Rede ist, bzw. sich Zahlen auf den genannten Wirtschaftszweig beziehen:

Der Textilsektor erstreckt sich demnach über die Bereiche der Faserherstellung, der Textilherstellung und der Textilveredelung. Der Bekleidungssektor beschränkt sich lediglich auf die Konfektionierung, also die Herstellung der Bekleidung.

(siehe gelb eingefärbte Bereiche in Abbildung 4)

Bei dieser funktionalen Betrachtung der textilen Produktionsstrukturen wird deutlich, dass eine derartige Vernetzung unterschiedlichster Wirtschaftszweige auch eine starke Interdependenz bedeutet. Durch die internationale Arbeitsteilung, die in kaum einer Branche so ausgeprägt ist, wie in der Textil- und Bekleidungsindustrie, wird die Komplexität der strukturellen Verbindungen noch vergrößert. Die funktionale Eingrenzung, welche hier vorgenommen wurde, soll somit die Voraussetzung für das bessere Verständnis der später folgenden komparativen Betrachtungsweise schaffen.

2.3. Die Textil- und Bekleidungsindustrie der EU

Die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie stellt einen wichtigen Sektor innerhalb des verarbeitenden Gewerbes der Europäischen Union dar. Ein breites Spektrum von Produkten wird dort hergestellt. Es reicht von traditionellen Wollgeweben bis zu synthetischen High-Tech Garnen sowie von Industriefiltern bis zur Baumwollbettwäsche[29]

2.3.1. Wichtige Kenndaten

Die im Folgenden genannten Zahlen beziehen sich auf die EU25 (die Mitgliedstaaten der Europäischen Union vor 2007), da Zahlen über die neuen Mitglieder Rumänien und Bulgarien, welche 2007 Mitglieder der Union wurden, nicht in die Statistiken der bisherigen Analysen miteinbezogen wurden.

Demnach wurden im Jahr 2004 in den etwa 74.000 Unternehmen des Textilgewerbes und den ungefähr 132.000 Unternehmen des Bekleidungsgewerbes insgesamt über 2,2 Mio. Menschen beschäftigt. Darüber hinaus wurde ein Umsatz von ca. 193 Mrd. Euro erwirtschaftet. Wenn man nun den Textil- und Bekleidungssektor (T&B Sektor) in den Kontext des verarbeitenden Gewerbes einordnet, kommt die Zahl der Unternehmen auf einen Anteil von 9,6% an den insgesamt existierenden Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe. Der Anteil der Beschäftigten dieser Branche beläuft sich auf 6,7% (3,3% im Textil- und 3,4% im Bekleidungssektor).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anzahl der Beschäftigten in Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie liegt damit um fast ein Drittel niedriger, als durchschnittlich in Unternehmen des gesamten verarbeitenden Gewerbes. Dieser Sachverhalt kann durch die schon angesprochene Vielfältigkeit der Tätigkeiten und Produktionsstufen in diesem Bereich erklärt werden. Die Betriebe sind meist hochspezialisiert und besondere Verfahren und spezielle Maschinen sind notwendig, um in den jeweiligen Produktionsstufen der Textilen Kette konkurrieren zu können, weshalb kleinere bis mittlere Betriebe das Bild dieses Sektors bestimmen. Wie Abbildung 6 zeigt, beschäftigen rund 80 Prozent der Unternehmen im Textil- und Bekleidungssektor weniger als 10 Personen. Nur ein halbes Prozent der Unternehmen beschäftigt über 250 Personen.

Der Anteil des Umsatzes an dem der gesamten Industrie beläuft sich auf 3,2%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn dieser Wert nun den Anteilen der Beschäftigten und der Unternehmen gegenübergestellt wird (6,7 %, bzw. 9,6 %), zeigt sich deutlich, dass im Textil- und Bekleidungssektor vor allem dem Bereich der Beschäftigung eine große Bedeutung zukommt. Bei Veränderungen der Rahmenbedingungen oder auch bei konjunkturellen Schwankungen sind daher die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Branchen stärker. Da Kleinbetriebe im Gegensatz zu größeren Unternehmen in der Regel von den genannten Veränderungen intensiver betroffen sind, werden diese Auswirkungen durch die Miteinbeziehung der beschriebenen Beschäftigtengrößenklassen noch verstärkt.

2.3.2. Beschäftigungssituation

Ein detaillierter Blick auf die Beschäftigungssituation in der Textil- und Bekleidungsindustrie der EU wird in Tabelle 3 gegeben.[32] Die wichtigsten Länder im Bezug auf die Beschäftigung sind Italien, Polen, Portugal, Spanien, Frankreich und Deutschland. In diesen sechs Ländern werden zusammen etwa 70 % der im Textil und Bekleidungsgewerbe der Europäischen Union Tätigen beschäftigt, wobei Italien an dieser Stelle mit mehr als 527.000 Beschäftigten hervorsticht und damit allein 23,9 % der insgesamt im T&B Sektor Beschäftigten in der EU stellt.[33]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Schwerpunkt der Beschäftigung liegt in den west- und nordeuropäischen Ländern eher auf dem Textilsektor, bei den süd- und osteuropäischen Ländern eher auf dem Bekleidungssektor.

Die Beschäftigung an sich nimmt seit geraumer Zeit kontinuierlich ab (siehe Abbildung 7). In den Jahren 2000 bis 2004 hat die Zahl der Beschäftigten in den Ländern der Europäischen Union um etwa 20 % abgenommen.[35] Am größten war der Rückgang in Großbritannien und Irland, wo in diesem Zeitraum fast die Hälfte der Arbeitsplätze wegfiel. Wie im gesamten EU Raum, fand auch in Großbritannien der größere Teil der Reduktion in der Bekleidungsbranche statt, wo etwa 60 % der Stellen abgebaut wurden, wohingegen die Textilbranche nur 31% verlor. Auch Dänemark, Niederlande und Schweden haben erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Der Verlust ist auch hier vor allem im Bereich des Bekleidungsgewerbes anzusiedeln, der in diesen Ländern jeweils über 40 % liegt.

In Frankreich, Deutschland und Spanien gingen etwa ein Fünftel der Arbeitsplätze im Textil- und Bekleidungssektor verloren, wobei in diesen Ländern der Unterschied zwischen den beiden Teilbereichen nicht so ausgeprägt war, wie bei den andern genannten Ländern.

Weniger als der EU Durchschnitt verloren die großen europäischen Produzentenländer Italien und Portugal mit 15% bzw. 11%. Auch einige osteuropäische neue Beitrittsländer (Slowakei, Estland, Lettland, Litauen) haben in den Jahren 2000 bis 2004 keine großen Einbußen bei der Beschäftigung hinnehmen müssen. In Estland erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten sogar um 4 %.[36]

2.3.3. Umsatzsituation

In Tabelle 5 wird nun die Situation der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie im Bezug auf die erzielten Umsätze dargestellt.[37] Dort ist die Verteilung wesentlich konzentrierter, als im Bereich der Beschäftigung. Die wichtigsten Länder sind Italien, Frankreich und Deutschland, die zusammen über 61 % des Umsatzes in der Europäischen Union erwirtschaften. Nimmt man noch Großbritannien und Spanien hinzu, kommen die Unternehmen dieser fünf Länder schon auf einen Anteil von 78 % am gesamten im Textil- und Bekleidungsgewerbe erzielten Umsatz.[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Entwicklung des Umsatzes im Zeitraum zwischen 2000 und 2004 fällt weniger drastisch aus, als es bei der Beschäftigung zu beobachten war. Der Umsatz im Textil- und Bekleidungsgewerbe hat um 10 Prozent abgenommen.[40] Allerdings ist im Gegensatz zu der Entwicklung der Beschäftigung anzumerken, dass bei dem Vergleich der Umsatzentwicklung in den einzelnen Mitgliedsstaaten eine Einteilung in Gewinner und Verlierer möglich ist. Großbritannien, Irland, Belgien und Zypern gehören mit einem Verlust von jeweils etwa 30 Prozent zu den größten Verlierern, wobei in Belgien vor allem das Bekleidungsgewerbe große Umsatzeinbußen zu verzeichnen hatte (64 %). Weiterhin sind die Niederlande, Dänemark und Österreich zu nennen, deren Unternehmen jeweils etwa ein Fünftel des Umsatzes verloren. Weniger betroffen sind die im Bezug auf den Umsatz wichtigsten Länder Italien (-1 %), Frankreich (-11%) und Deutschland (-13 %). Die Unternehmen jener Länder, die im Bereich der Beschäftigung weniger Einbußen zu verzeichnen hatten, konnten beim Umsatz zum Teil sogar zulegen. Dazu gehören die Industrien in Ungarn und Slowenien, aber auch Estland, Litauen und die Slowakei, wo die Umsätze jeweils um etwa 30 % stiegen.[41]

Dieser erste Überblick über die europäische Textil- und Bekleidungsbranche hat ein vielseitiges und im Bezug auf die einzelnen Mitgliedsstaaten sehr unterschiedliches Bild der ökonomischen Situation gezeichnet. Der Zusammenhang zwischen der Beschäftigungsentwicklung und der Entwicklung des Umsatzes kann als Anhaltspunkt für die jeweilige Spezialisierung der Länder auf arbeits- bzw. kapitalintensiv hergestellte Textilien und Bekleidung gesehen werden und die Entwicklung in diesen beiden Bereichen dient in diesem Zusammenhang als Indikator, wie gut, bzw. schlecht die jeweiligen Produzentenländer auf die fortlaufende Liberalisierung des Welthandels eingestellt sind. Die komparativen Kostenvorteile gegenüber anderen Produzentenländern werden damit rudimentär sichtbar. Um weitere Kriterien für den Vergleich der komparativen Kosten zu erarbeiten, folgt nun eine Auseinandersetzung mit der allgemeinen Theorie des Außenhandels.

3. Die Theorie des Außenhandels und ihre Anwendung auf den Textil- und Bekleidungssektor

Wie im ersten Kapitel deutlich wurde, stellt der Textil- und Bekleidungssektor einen vielschichtigen Komplex dar, welcher sich einerseits durch die unterschiedlichen Materialien auszeichnet, die natürlichen oder auch synthetischen Ursprungs seien können. Andererseits findet die vielseitige Verarbeitung dieser Materialien in den unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen statt, die für sich wiederum neue Zwischen- und Endprodukte erzeugen. Diese Materialien und Industriezweige wurden in ein logisches und zum Teil chronologisches System der Textilen Kette eingeordnet, womit eine inhaltlich-funktionale Ebene geschaffen werden konnte. Weiterhin wurde die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie in ihren Grundstrukturen beschrieben und die Veränderungen der letzen Jahre dargestellt.

Im Folgenden sollen diese Zusammenhänge nun mit einer weiteren Ebene in Verbindung gebracht werden. Die Warenströme im Rahmen der zunehmend globalisierten Weltwirtschaft bilden (nicht nur im T&B Sektor) ein System internationaler Arbeitsteilung, welches durch die ständige Veränderung von Marktanteilen, Arbeitsmärkten und rechtlichen Rahmenbedingungen gekennzeichnet ist. Um die europäische Textil- und Bekleidungsindustrie in diesem Zusammenhang einordnen zu können, soll nun ein Rückgriff auf die klassische Theorie des Außenhandels folgen. Nach einer allgemeinen Darstellung folgt eine kritische Auseinandersetzung und die Erweiterung des Heckscher-Ohlin-Modells, um daraus dann die notwendigen Kriterien einer komparativen Analyse ableiten zu können.

3.1. Klassische Theorie des Außenhandels – Kritik und Empirie

3.1.1. Ansätze der klassischen Theorie des Außenhandels

Die klassische Theorie des Außenhandels geht zunächst einmal davon aus, dass die Aufnahme von Handel zwischen zwei Ländern zu einer Verbesserung für die beteiligten Akteure führt. Im rudimentären 2-Güter 2-Länder Modell wird die Verbesserung durch einen Zuwachs an Output repräsentiert. Die sogenannte Koopmanns Effizienz beschreibt einen Zustand, in welchem „keine andere Faktorallokation existiert, in der bei gegebener Produktionsmenge eines Gutes von einem anderen Gut mehr produziert werden kann.“[42] Wenn die Grenzraten der Transformation zweier Länder, die keinen Einfluss auf die Entwicklung des Weltmarktpreises haben, übereinstimmen und sich damit ihre Transformationskurven in einer Produktions-Edgeworthbox mit zwei Ländern und zwei Gütern tangieren, werden im Gegensatz zu dem Falle der voneinander isolierten Produktion beider Länder insgesamt mehr Güter produziert.[43] Diese Wohlfahrtsgewinne, welche der Welt als Gesamtheit zufallen, gelten als Ursache und Motivation für internationalen Handel, und haben sich in Form der Freihandelsdoktrin manifestiert.

Zur Erklärung des Gütertausches mehrerer Länder lieferte David Ricardo schon 1817 in seinem Werk The Principles of Political Economy and Taxation mit dem Theorem der komparativen Kosten ein erstes ökonomisches Modell, um zu zeigen, dass sich zwei Länder, die mit unterschiedlichen Arbeitsproduktivitäten ausgestattet sind, in einem Modell mit Arbeit als einzigem Inputfaktor jeweils auf die Produktion desjenigen Gutes spezialisieren, bei dessen Herstellung sie die größten komparativen Vorteile im Bezug auf die Arbeitsproduktivität besitzen. Diese Spezialisierung kommt selbst dann zu Stande, wenn das jeweilige Land einen absoluten Kostenvorteil bei der Herstellung beider Güter hat. Es kann hierbei auch zur vollständigen Spezialisierung auf die Produktion eines einzigen Gutes kommen. Als Ergebnis stellen beide Länder insgesamt mehr von beiden Gütern her und jedes Land exportiert dasjenige Gut, in dessen Herstellung es eine relativ höhere Arbeitsproduktivität besitzt.[44]

Einen weiteren wichtigen Ansatz der klassischen Theorie stellt das Heckscher-Ohlin-Modell von 1919 dar, welches von Eli Heckscher und seinem Schüler Bertil Ohlin entwickelt wurde.[45] Hier wird das 2-Länder 2-Güter Modell mit den zwei Inputfaktoren Arbeit und Kapital versehen. Es wird argumentiert, dass die Technologien bei homogenen Gütern international dieselben seien und die Ursache für die Spezialisierung und damit für die Aufnahme von Handel in den unterschiedlichen Faktorausstattungen der beteiligten Länder zu suchen ist. Dabei kommt es nicht nur auf die absolute Ausstattung mit den jeweiligen Faktoren Arbeit und Kapital an, sondern vor allem auf die relative Ausstattung der Länder mit diesen Faktoren, die sogenannte Faktorintensität.

Demnach gibt es ein Gut, dessen Herstellung relativ arbeitsintensiv ist, und ein Gut, das im Gegensatz dazu relativ kapitalintensiv in seiner Herstellung ist. Die zentrale Aussage der klassischen Außenhandelstheorie nach Heckscher und Ohlin ist nun, dass jedes Land dasjenige Gut exportieren (sich also auf dessen Herstellung spezialisieren) wird, zu dessen Herstellung derjenige Faktor relativ intensiv genutzt wird, mit dem das Land relativ reichlich ausgestattet ist (Faktorproportionen-Theorem). Auch hier ist in der Regel die Folge, dass insgesamt mehr von beiden Gütern produziert wird, als es im Autarkiezustand der Länder der Fall wäre, und damit der Wohlstand der Welt durch die Aufnahme von Handel zunimmt[46].

Sowohl die ricardianische Theorie, als auch der Ansatz von Heckscher und Ohlin sind zwar immer noch die zentralen Ausgangspunkte der modernen Außenhandelstheorie, sie wurden jedoch teilweise in Frage gestellt, bzw. es wurde versucht, sie durch empirische Untersuchungen zu überprüfen.

[...]


[1] vgl. u.a. R osenkranz, Bernhard; Castelló, Edda: Leitfaden für gesunde Textilien - Kritische Warenkunde und Rechtsratgeber; Reinbek, 1989, S.19; S chneider, André Arno Anton: Internationalisierungsstrategien in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie - eine empirische Untersuchung; (Diss.) Frankfurt, 2003, S.75; I ndustrievereinigung Chemiefaser e.V. (Hrsg.): Chemiefasern - Grundbegriffe (Faltblatt); Frankfurt am Main; URL: www.ivc-ev.de (24.05.07)

[2] vgl. u.a. C larkson, Leslie: The linen industry in early modern europe; in: The Cambridge history of western textiles (part 1), Cambridge University Press, 2003, S.473; L emire, Beverly: Fashioning cottons: asian trade, domestic industry and consumer demand, 1660-1780; in: The Cambridge history of western textiles (part 1), Cambridge University Press, 2003, S.493

[3] Lehmann, Paulus Johannes: Die Kleidung unsere zweite Haut; Königstein, 1992, S.102

[4] vgl. Rosenkranz/Castelló: Leitfaden für gesunde Textilien, S.30-31

[5] Dallmann, Harald: High-Tech-Fasern; in: Karbon, Kokos, Samt und Seide - High-Tech-Fasern und edle Gewebe der Vergangenheit, Reutlingen, 2005, S.50

[6] Industrievereinigung Chemiefaser e.V. (Hrsg.): Chemiefasern - Von der Herstellung bis zum Einsatz (Broschüre); Frankfurt am Main, S.5.2; URL: www.ivc-ev.de (24.05.07)

[7] vgl. Dallmann, Harald: High-Tech-Fasern, S.51-52

[8] Tabelle 1: Weltproduktion von Textilfasern und Output pro Person à siehe Anhang Tabellen: S.III

[9] Industrievereinigung Chemiefaser e.V: Branchendaten 2005; Website der Industrievereinigung Chemiefaser e.V.; URL: www.ivc-ev.de (24.05.07)

[10] eigene Darstellung nach Industrievereinigung Chemiefaser: Branchendaten 2005

[11] Gandenberger, Carsten: Die Textilwirtschaft zwischen Effizienz und Nachhaltigkeit - Impulse zur Modernisierung des Managements; Beitrag zum Deutschen Studienpreis 2005, Körber-Stiftung, S.5

[12] Sassenrath, Bernd: Die internationalen Chemiefasermärkte im Wandel der Zeit; Ausführungen, 50 Jahre Industrievereinigung Chemiefaser e.V., Festveranstaltung am 24.06.2005, S.3

[13] vgl. u.a. K eil, Michael; Konrad, Wilfried; Rubik, Frieder: Integrierte Produktpolitik (IPP) am Beispiel der textilen Kette; Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg, Stuttgart, 2004, S.7-8; B otzenhardt, Philipp; Altenburg, Tilman: eBusiness in der Bekleidungswirtschaft: Welche Chancen haben KMU ?; Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn, 2001, S.2-3

[14] eigene Darstellung nach Keil/Konrad/Rubik: Integrierte Produktpolitik, S.7

[15] Maute-Daul, Gabriele: Mode und Chemie; Berlin u.a., 1995, S.35-37

[16] Rosenkranz/Castelló: Leitfaden für gesunde Textilien, S.23-27

[17] Maute-Daul, Gabriele: Mode und Chemie, S.64-82

[18] vgl. M aute-Daul, Gabriele: Mode und Chemie, S.65-66 und B ayrisches Landesamt für Umweltschutz (Hrsg.): Wasch- und Reinigungsmittel; Augsburg, 2005, S.1-3

[19] Tabelle 2: Klassifikation der Wirtschaftszweige Textil- und Bekleidungsgewerbe à siehe Anhang Tabellen, S.IV

[20] Riesch, Roman: Lage und Perspektiven der Textil- und Bekleidungsindustrie; (Diss.) Mainz, 2000, S.122-124

[21] eigene Darstellung nach R iesch, Roman: Lage und Perspektiven, S.94-99 und K eil/Konrad/Rubik: Integrierte Produktpolitik, S.7

[22] vgl. Maute-Daul, Gabriele: Mode und Chemie, S.36-37

[23] Riesch, Roman: Lage und Perspektiven, S.96

[24] vgl. Maute-Daul, Gabriele: Mode und Chemie, S.59-105

[25] Schrenk, Andreas: Strukturelle Probleme der deutschen Bekleidungsindustrie nach der Uruguay-Runde des GATT; (Diss.) Hof, 2000, S.21

[26] Keil/Konrad/Rubik: Integrierte Produktpolitik, S.7

[27] vgl. IHK Erfurt (Hrsg.): Aufgebügelt und knitterfrei - Textillogistik ist mehr als nur Transport; in: Wirtschaftsmagazin, Erfurt, April 2006

[28] Keil/Konrad/Rubik: Integrierte Produktpolitik, S.7

[29] Eurostat (Hrsg.): European Business - Facts and Figures – Data 1995-2004, Luxemburg, 2006, S.65

[30] eigene Darstellung nach Eurostat: Daten von 2004 für die Branchen DB17 (Textilgewerbe) und DB18 (Bekleidungsgewerbe) nach Klassifikation der Wirtschaftszweige - NACE Rev.1.1

[31] Textil- und Bekleidungsgewerbe der EU25 (Quelle: Eurostat – geschätzte Werte für 2003)

[32] Tabelle 3: Beschäftigte im Textil- und Bekleidungssektor der EU25 à siehe Anhang Tabellen, S.V

[33] Seit dem Jahr 2007 sind mit Rumänien und Bulgarien zwei weitere wichtige Produzentenländer im T&B Bereich zur EU hinzugekommen. Allein in Rumänien werden ca. 410.000 Menschen in dieser Branche beschäftigt. Das macht ca. 15% der gesamten Beschäftigten der T&B Branche in der jetzigen EU27 aus (eigene Berechnung nach Eurostat) womit Rumänien bei der Beschäftigung nunmehr den zweiten Platz hinter Italien einnimmt.

[34] eigene Darstellung nach Tabelle 3 à siehe Anhang Tabellen, S.V

[35] Im Bekleidungssektor nahm die Beschäftigung mit 22% etwas stärker ab, als im Textilsektor, der 18% einbüßte.

[36] Zu weiteren Werten der Beschäftigungsveränderung siehe auch Tabelle 4: Veränderungen der Beschäftigtenzahl im Textil- und Bekleidungssektor der EU25 (2000-2004)à siehe Anhang Tabellen auf S.VI

[37] Tabelle 5: Umsatz im Textil- und Bekleidungsgewerbe der EU25 à siehe Anhang Tabellen S.VII

[38] eigene Berechnungen für 2004 nach Tabelle 5

[39] eigene Darstellung nach Tabelle 5 à siehe Anhang Tabellen S.VII

[40] Im Textilsektor ging er um 11 % zurück, im Bekleidungssektor lediglich um 7 %.

[41] Rumänien und Bulgarien, die als neue Mitglieder noch nicht in die Berechnung miteinbezogen wurden, gehören wie schon bei der Beschäftigungssituation gezeigt wurde, auch beim Umsatz zu den größten Gewinnern. In den rumänischen Unternehmen stieg er um 54 %, in den bulgarischen sogar um 115 %. Einen Überblick über die Entwicklungen der Umsätze gibt Tabelle 6: Veränderung des Umsatzes der Textil- und Bekleidungsindustrie der EU25 2000-2004 à siehe Anhang Tabellen auf S.VIII

[42] Siebert, Horst: Außenwirtschaft; Stuttgart, 2000, S.171

[43] vgl . Z weifel, Peter; Heller, Robert: Internationaler Handel: Theorie und Empirie; Heidelberg, 1997, S.384-386 und S iebert, Horst: Außenwirtschaft, S.171-176

[44] Siebert, Horst: Außenwirtschaft, S.29-33

[45] vgl. hierzu: G andolfo, Giancarlo: International Trade Theory and Policy; Berlin u.a., 1998, S.65-66; Z weifel/Heller: Internationaler Handel, S132-137; B ender, Dieter: Internationaler Handel; in: Bender, D. ; Berg, H. ; Cassel, D. u.a.: Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Band 1, Nördlingen, 2003, S.495-498

[46] Der Ausnahmefall, in dem beide Länder identische Faktorintensitäten besitzen, führt dazu, dass kein Handel zustande kommt, da der Optimalzustand schon erreicht ist.

[...]


[D.P.1]ZITAT SUCHEN

Details

Seiten
85
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836609777
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225596
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Volkswirtschaftslehre
Note
1,0
Schlagworte
bekleidungsindustrie außenhandelspolitik protektionismus welthandel agreement textiles clothing

Autor

Zurück

Titel: Die Textil- und Bekleidungsindustrie der EU unter den Bedingungen der Liberalisierung des Welthandels