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Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen auf den Arbeitsmarkt in den mittel- und osteuropäischen Ländern

Diplomarbeit 2007 100 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Theorierahmen und Analyse der Direktinvestitionen in den MOEL
2.1 Begriffserklärungen
2.2 Der eklektische Ansatz von Dunning
2.3 Prinzipielle Investitionsmotive
2.4 Übersicht möglicher Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
2.5 Investitionsströme in die Transformationsländer
2.6 Determinanten ausländischer Direktinvestitionen in die MOEL
2.7 Zusammenfassung

3 Beschäftigungswirkungen ausländischer Direktinvestitionen
3.1 Direkte und indirekte Beschäftigungswirkungen
3.2 Beschäftigungssituation in den MOEL
3.3 Der Beitrag ausländischer Unternehmen zum Beschäftigungswachstum
3.3.1 In welchen Branchen sind die meisten Arbeitnehmer in FIEs beschäftigt?
3.3.2 Die Rolle von Greenfield-Investitionen und Mergers & Acquisitions
3.4 Abschätzung zukünftiger Beschäftigungsentwicklungen
3.5 Fallbeispiel VW-Skoda in Tschechien

4 Auswirkungen auf das Know-How im Gastland
4.1 Verbesserung des Know-Hows in Unternehmen mit ausländischer Beteiligung
4.2 Spillover auf einheimische Unternehmen der MOEL
4.2.1 Intra-Industrielle Spillover
4.2.2 Inter-Industrielle Spillover
4.3 Zusammenfassung

5 Auswirkungen auf die Lohnstruktur
5.1 Theoretische Implikationen
5.2 Anhebung des Lohnniveaus?
5.3 Einfluss auf die Lohnspreizung
5.4 Zusammenfassung

6 Anforderungen an politische Entscheidungsträger und Fazit
6.1 Einfluss auf Investitionsvolumen sowie – komposition
6.2 Förderung des (vertikalen) Spilloverpotentials
6.3 Vermeidung von nationalen und regionalen Lohnungleichheiten
6.4 Fazit

LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Mögliche Formen der Auslandsinvestition

Abbildung 2: Das OLI-Paradigma

Abbildung 3: Auswirkungen von ADI auf den Arbeitsmarkt im Gastland

Abbildung 4: Direkte und indirekte Beschäftigungswirkungen ausländischer Direktinvestitionen

Abbildung 5: Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen auf die Wahrscheinlichkeit von Mitarbeiterschulung

Abbildung 6: Entwicklung der Löhne Hoch- und Geringqualifizierter

Abbildung 7: Die Entwicklung der relativen Löhne, der relativen Beschäftigung und der Lohnanteil der „non-production-workers“ an den gesamten Lohnkosten

Abbildung 8: Prozentuale Änderungen in der Qualifikationsintensität im verarbeitenden Gewerbe zwischen 1995 und 2003

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: ADI-Bestände in Mio.$

Tabelle 2: ADI-Zuflüsse in Mio.$

Tabelle 3: Sektorale ADI-Aufteilung

Tabelle 4: Arbeitskosten in den MOEL

Tabelle 5: Das Verhältnis von BIP zu ADI

Tabelle 6: Privatisierungsindex der EBRD

Tabelle 7: Arbeitslosigkeit in den MOEL in % (Anteil der Arbeitslosen an der Erwerbsbevölkerung..

Tabelle 8: Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe bei Firmen mit ausländischer Beteiligung (FIEs) in %

Tabelle 9: Anteil der Beschäftigten in ausländischen Firmen im verarbeitenden Sektor ausgewählter MOEL in %

Tabelle 10: Änderungstendenzen in der Zahl angestellter Personen im verarbeitenden Gewerbe von 1998-2001

Tabelle 11: Zahl der Greenfield-Projekte (abgeschlossene Deals)

Tabelle 12: Angaben zu Automobilproduzenten in ausgewählten MOEL

Tabelle 13: Zahl der M&A-Projekte (abgeschlossene Deals)

Tabelle 14: Daten zum Erfolg des Investitionsprojektes VW-Skoda in Tschechien

Tabelle 15: Arbeitsproduktivitätsverhältnis von FIEs zu einheimischen Unternehmen in ausgewählten MOEL

Tabelle 18: Studien zu intra-industriellen Spillovern

Tabelle 19: Studien zu inter-industriellen Spillovern

Tabelle 20: Studien zu „Lohnspillovern“

Tabelle 21: Einkommensungleichheiten in den MOEL gemessen anhand des Gini-Index

Tabelle 22: Arbeitslosenraten der Bevölkerung zwischen 15- aufgeteilt nach Ausbildungsniveau im Jahr 2006

Tabelle 23: Studien zur Lohnspreizung

1 Einleitung

Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ Ende 1989 und der anschließende Transformationsprozess von zentralistisch vorgegebenen Planwirtschaften zum marktwirtschaftlichen System führten in den mittel- und osteuropäischen Ländern (im Folgenden abgekürzt mit MOEL) zu fundamentalen politischen und sozialen Veränderungen. Nach jahrzehntelanger Abschottung von der restlichen Welt führte die Reintegration in die Weltwirtschaft, durch rasanten technologischen Wandel und Handels- und Investitionsliberalisierungen getrieben, zu einem noch nie dagewesenen Wettbewerb. Für die bis zu diesem Zeitpunkt am häufigsten staatlich geführten Unternehmen, die durch veraltete Technologien, Überbeschäftigung und zentralistisch vorgegebene Lohnstrukturen geprägt waren, stellte dies eine sehr große Herausforderung dar. In den meisten MOEL stiegen die offiziell ausgewiesenen Arbeitslosenraten von fast null zum Zeitpunkt des Systemwechsels auf zweistellige Werte nur zwei oder drei Jahre später. Wachsende Einkommensungleichheiten führten zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft (Cluse (1999), S.10f; Geishecker und Hunya (2005), S.1 und S.16; Belke und Hebler (2002), S.39f; Lorentowicz (2005), S.1).

Obwohl sehr viele kritische Stimmen vernommen wurden, die der zunehmenden Zahl an Firmen mit ausländischer Beteiligung die Schuld an dem Scheitern vieler einheimischer Unternehmen zuschrieben, setzten viele politische Entscheidungsträger in den MOEL dennoch große Erwartungen an das ausländische Engagement. Man hoffte, dass ausländische Investoren nicht nur Kapital, sondern vor allem auch neues Know-How und Arbeitsplätze ins Land bringen und dadurch den mikro- und makroökonomischen Wandel antreiben würden (Mickiewicz, Radosevic, Varblane (2000), S.7; Zschiedrich (2006), S.114).

Das Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen, welche Konsequenzen der signifikante Anstieg des ausländischen Investitionsvolumens (von nahezu null im Jahr 1990 auf ca. 29,3 Mrd. $ im Jahr 2005) tatsächlich auf die beschriebenen Schwierigkeiten, denen die MOEL seit Beginn der 1990er Jahre ausgesetzt wurden, hatte (UNCTAD 2006). Mit dem Begriff mittel- und osteuropäische Länder werden in dieser Arbeit die in den Jahren 2004 und 2007 aufgenommenen Staaten Tschechien, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Slowenien, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien bezeichnet.

Bevor mit der Analyse begonnen wird, soll das Vorgehen näher erläutert werden.

In Kapitel 2 wird zunächst ein theoretischer und materieller Untersuchungsrahmen aufgebaut. Es erfolgt eine Begriffserklärung und Beschreibung von möglichen Investitionsmotiven, sowie ein theoretischer Ansatz zur Erklärung von Direktinvestitionstätigkeiten. Anschließend wird auf den Umfang und die Entwicklung ausländischer Direktinvestitionen (im Folgenden abgekürzt mit ADI) in den MOEL eingegangen, um eine Vorstellung von ihrer Signifikanz zu erhalten. Kapitel 3 befasst sich mit den Beschäftigungswirkungen ausländischer Direktinvestitionen und geht hierbei auf die Rolle ein, die ausländische Investoren seit Beginn der Transformation als Arbeitgeber in den MOEL gespielt haben. In Kapitel 4 wird die Frage untersucht, inwiefern multinationale Unternehmen in den MOEL zu einer Verbesserung der Arbeitnehmerqualifikationen, besonders in Bezug auf die Wissensbasis, beigetragen haben. Kapitel 5 befasst sich mit den beobachteten Einkommensdisparitäten in den MOEL und fragt nach dem Beitrag ausländischer Investoren zu dieser Problematik. In Kapitel 6 erfolgt eine Diskussion wirtschaftspolitischer Aspekte, die sich aufgrund der zunehmenden Präsenz ausländischer Investoren in den MOEL ergeben haben. Abschließend werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst.

2 Theorierahmen und Analyse der Direktinvestitionen in den MOEL

2.1 Begriffserklärungen

Neben dem Portfolio-Investment stellen ausländische Direktinvestitionen eine der wichtigsten Formen internationaler Kapitalflüsse dar. Als ADI wird eine Vermögensanlage im Ausland bezeichnet, mit der die Absicht verfolgt wird, signifikante Kontrolle auf die erworbenen ausländischen Aktiva auszuüben. ADI spiegeln ein langfristiges Interesse des Investors am Zielobjekt im Ausland wider, während es sich bei Portfolio-Investitionen eher um kurzfristiges Engagement handelt (OECD (1999), S.7f).

„Langfristigkeit” und „Kontrollausübung” sind dabei die grundsätzlichen Ansatzpunkte bei der Unterscheidung ausländischer Direktinvestitionen von Portfolio-Investment, bei welchem gerade durch die kurzfristige Natur des Investitionsprojektes keine besonderen Auswirkungen auf das Gastland erwartet werden können (Pfaffmann und Stephan (1998), S.4). Der Internationale Währungsfonds definiert ADI als eine mindestens 10%-ige Beteiligung am Investitionsobjekt, da sonst kein bedeutender Einfluss auf die Auslandsaktiva ausgeübt werden kann (IWF (1993), S.86). Die meisten der in dieser Arbeit herangezogenen Studien verwenden diesen Schwellenwert als Standard. Allein durch die Festlegung von Beteiligungsschwellenwerten kann aber noch keine sichere Aussage darüber gemacht werden, wie viel tatsächlich an Kontrolle ausgeübt werden wird (Stephan und Pfaffman (1998), S.9).

Von der Neugründung einer Auslandsniederlassung, über die Beteiligung an bereits bestehenden Gesellschaften, wie zum Beispiel Joint Ventures, gibt es eine Vielzahl an möglichen Varianten von ADI. Meistens werden ADI als Akquisition getätigt, unter der die Erweiterung oder Übernahme eines ausländischen Objektes verstanden wird. Greenfield-Investitionen, die die Neuerrichtung einer Produktionsstätte oder Niederlassung bezeichnen, werden seltener betrieben, da die fixen Kosten sehr hoch sind und der Markt weitaus schneller und kostengünstiger durch Akquisitionen bearbeitet werden kann (Navaretti und Venables (2004), S.9f).

Als Direktinvestitionen werden neben Erstinvestitionen, die die erstmalige Auslandsinvestition beschreiben, auch Folgeinvestitionen bezeichnet, die neben zugeführtem Eigenkapital auch reinvestierte Gewinne von Tochtergesellschaften oder Intra-Firmenkredite beinhalten können (Burr, Musil, Stephan et al.(2004), S.278f).

Abbildung 1: Mögliche Formen der Auslandsinvestition

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Anlehnung an Pfaffmann und Stephan (1998), S.5,

Holwegler und Trautwein (1998), S.4

Horizontal vs. vertikal

In der Literatur wird grundsätzlich zwischen zwei Arten von ADI unterschieden: Vertikale und horizontale Direktinvestitionen.

Horizontale Direktinvestitionen richten sich nach den erwarteten Marktentwicklungen im Zielland und werden getätigt, wenn es für Unternehmen kostengünstiger ist, den ausländischen Markt, anstatt über Export oder Lizenzierung, durch die Errichtung von Produktionsstätten vor Ort zu bearbeiten. Transportkosten, Zölle und andere Transaktionskosten werden den Fixkosten der Errichtung einer neuen Produktionsstätte und dem Verlust von Skalenerträgen, der durch die Aufteilung der Produktion auf mehrere Produktionsstätten entsteht, gegenübergestellt (Navaretti und Venables (2004), S.30ff; Lorentowicz (2005), S.81f).

Bei vertikalen ADI liegt der Grundgedanke in der Annahme, dass in den einzelnen Teilschritten des Produktionsprozesses unterschiedliche Produktionsfaktoren benötigt werden. Da zwischen Ländern Faktorpreise und -ausstattungen oft stark variieren, bietet es sich an, den Produktionsprozess vertikal aufzusplitten und gegebenfalls auch geographisch zu verlagern (Holwegler und Trautwein (1998), S.5).

2.2 Der eklektische Ansatz von Dunning

Der eklektische Ansatz von Dunning bietet einen umfassenden Erklärungsansatz für die Entstehung von ausländischen Direktinvestitionen, wobei die wichtigsten Bausteine der bedeutendsten partialanalytischen Theorieansätze miteinander kombiniert werden. Dunning versucht, die drei wichtigsten Markteintrittsformen (Lizenzierung, Export und ADI) im Rahmen der Existenz von Eigentums- bzw. Wettbewerbsvorteilen („Ownership-Advantages“), Internalisierungsvorteilen („Internalization Advantages“) und Standortvorteilen („Location Advantages“) zu erklären. Aufgrund der Anfangsbuchstaben der Vorteilskategorien wurde dieser Ansatz als „OLI-Paradigma“ bekannt (Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.320f; Holwegler und Trautwein (1998), S.7).

O wnership-Advantages: Hierbei handelt es sich um eigentümerspezifische Vorteile, wie zum Beispiel bestimmtes technologisches oder Management-Know-How, Markennamen oder Patente, die ein ausländisches Unternehmen gegenüber den lokalen Wettbewerbern im MOE-Gastland besitzt. Durch diesen komparativen Vorteil scheint es profitabel, den ausländischen Markt zu bearbeiten. Dieser Vorteil erklärt jedoch noch nicht wirklich den Gang ins Ausland, denn bei geringen Transportkosten würden auch schon Exporttätigkeiten ausreichen, um den ausländischen Markt zu bearbeiten (Dunning (1988), S.13ff; Holwegler und Trautwein (1998), S.7ff).

L ocation Advantages: Dies sind Standortvorteile des MOE-Gastlandes gegenüber dem Heimatland des potentiellen Investors. Darunter zählen auf der Angebotsseite u.a. Rohstoffvorkommen, gute Infrastrukturen, Faktorkosten oder günstige Investitionsbedingungen. Auf der Nachfrageseite sind insbesondere die Marktgröße des Gastlandes und die Nähe zu Exportmärkten in Drittstaaten von Bedeutung (Dunning (1988), S.13ff; Holwegler und Trautwein (1998), S.7ff).

I nternalization Advantages: Internalisierungsvorteile entstehen durch Marktunvollkommenheiten. Um Unsicherheiten und hohe Transaktionskosten zu reduzieren, ist es für ein Unternehmen günstiger, seinen firmenspezifischen Vorteil unternehmensintern, das heiβt nicht über den Markt, zu verwerten. Um beispielsweise die Produktionsqualität zu wahren und technologisches Know-How zu schützen, neigen internationalisierende Unternehmen stärker dazu, eine eigene Produktionsstätte im Ausland zu errichten, als ihren Wettbewerbsvorteil über Lizenzvergabe zu verwerten (Dunning (1988), S.13ff; Holwegler und Trautwein (1998), S.7ff).

Neben der Zusammenfassung der wichtigsten Antriebsfaktoren für Auslandsinvestitionen, versucht Dunning auch die Art des Auslandseintritts mithilfe dieser drei Vorteilskategorien zu erklären. Zur Errichtung einer lokalen Produktionsstätte im Ausland sind alle drei Vorteilskategorien notwendig. Fehlen Standortvorteile, wählt ein Unternehmen meistens Exporte oder Lizenzierung. Bestehen nur Eigentümervorteile, lohnt sich lediglich die Alternative der Lizenzierung (Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.323).

Von diesen drei Vorteilskategorien sind Standortvorteile die einzigen, die ein Gastland direkt beeinflussen kann (UNCTAD (1998), S.89f; Baniak, Cukrowski, Herczynski (2002), S.4f).

Abbildung 2: Das OLI-Paradigma

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dunning (1981), S.32

Während der eklektische Ansatz von Dunning zwar den bekanntesten Versuch darstellt, die dominierenden partialanalytischen Ansätze in einem Theorierahmen zusammenzufassen, erscheint es doch fraglich, ob dieser Theorierahmen ausreicht, um die Investitionsströme in die MOEL ausreichend zu erklären. Die Existenz eines eigentümerspezifischen Vorteils ist beispielsweise nicht immer notwendig, um im Ausland Produktionsstätten aufzubauen. Wird das MOE-Gastland nur als Exportplattform für den heimischen Binnenmarkt genutzt, besteht kein Konkurrenzdruck von Seiten lokaler Produzenten. Des Weiteren werden durch das OLI-Paradigma andere Investitionsformen (zum Beispiel Joint Ventures) nicht hinreichend erklärt, und auf die Möglichkeit einer Kombination von mehreren Investitionsformen wird nicht eingegangen (Zschiedrich (2006), S.26; Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.320ff).

2.3 Prinzipielle Investitionsmotive

Nachdem der Theorierahmen zur Erklärung der Entstehung ausländischer Direkt- investitionen dargestellt wurde, werden nun die wesentlichen Investitionsmotive erläutert.

Meistens lässt sich die Investitionsentscheidung nicht auf ein einziges Motiv zurückführen, allerdings kann oft, je nach Investitionsart und Investitionsland, ein herausragendes Motiv erkannt werden (Holwegler und Trautwein (1998), S.9ff).

Die gängigste Systematisierung der Motive erfolgt nach absatz-, beschaffungs- und kosten-orientierten Zielsetzungen.

Absatzorientierte Motive dienen vor allem der Erschließung neuer Märkte im Ausland und können sowohl in Form von vertikalen (Internalisierung von ausländischen Vertriebsstätten), als auch horizontalen Direktinvestitionen (Importsubstitution) auftreten. Besonders Länder mit kleinen Absatzmärkten versuchen durch den Gang ins Ausland mit steigenden Produktionszahlen Skalen- und Verbundeffekte zu realisieren. Dabei kann entweder ein vollkommen neuer Markt bearbeitet werden, oder der Aufbau einer Niederlassung dient der Substitution von bisher durchgeführten Exporten, da diese aufgrund fehlender lokaler Präsenz im Ausland nicht mehr zufriedenstellend sind. Je größer dabei das Marktpotential im Ausland ist, desto wahrscheinlicher sind Auslandsinvestitionen. Doch auch die Existenz von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen, hohen Transportkosten und die Notwendigkeit der lokalen Präsenz an zum Beispiel führenden Technologie- und Innovationszentren kann zur Errichtung von Produktionsstätten im Ausland führen (Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.280; Campos und Kinoshita (2003), S.5f; Cluse (1999), S.62f; Holwegler und Trautwein (1998), S.9ff).

Häufig investieren Unternehmen auch aus beschaffungsorientierten Motiven ins Ausland, da sie sich so Zugang zu Ressourcen verschaffen, die in ihrem Heimatland entweder überhaupt nicht oder nur zu überhöhten Preisen verfügbar sind. Beschaffungsorientierte Motive führen zu rückwärtsgerichteten vertikalen Direktinvestitionen und können u.a. der Absicherung der Grundversorgung mit Rohstoffen, dem Zugang zu Niedriglohnstandorten oder der Erschließung von ausländischen, innovativen Technologien und Management-Know-How dienen (Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.279; Cluse (1999), S.62; Holwegler und Trautwein (1998), S.9f).

Eng mit beschaffungsorientierten Motiven verbunden sind kostenorientierte Motive. Diese führen in der Regel zu horizontalen Direktinvestitionen: Die Produktion für den Export, als auch für den heimischen Markt wird ins Ausland verlagert. Grundsätzlich spielen Kostenüberlegungen immer dann eine Rolle, wenn das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgt wird. Im Unterschied zu den vorigen Motivgruppen geht es bei kostenorientierten Motiven jedoch mehr um die Ausnutzung von Faktorkostenunterschieden zwischen Ländern und Regionen. Dabei lassen sich die Kostenfaktoren aufteilen in a) Lohnkosten, die sowohl Lohnnebenkosten als auch Lohnstückkosten umfassen, b) Infrastrukturkosten, wie zum Beispiel Transport- und Kommunikationskosten, c) durch politische Rahmenbedingungen erzeugte Kosten (zum Beispiel Steuern) und administrative Kosten und d) Kosten der Inkaufnahme von oder Absicherung gegen Wechselkurs-, Zins-, oder Preisniveauschwankungen (Holwegler und Trautwein (1998), S.11).

Vom jeweiligen Motiv hängen letztendlich auch die Beschäftigungswirkungen von Direktinvestitionen im Gastland und auch Ursprungsland ab, die man nicht von vornherein als positiv oder negativ bewerten kann. Welche der genannten Motive bei einer Investitionsentscheidung letztendlich zum Tragen kommen, hängt wesentlich von den Merkmalen des Gast- und Geberlandes ab (Holwegler und Trautwein (1998), S.12).

2.4 Übersicht möglicher Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Während zu Zeiten des Sozialismus in den mittel- und osteuropäischen Ländern ausländische Direktinvestitionen nur in geringstem Maße und oft nur unter der Leitung von einheimischen Expatriates möglich waren, hat sich die heutige Einstellung gegenüber der Rolle, die ADI innerhalb einer Wirtschaft spielen können, deutlich verändert. Politische Entscheidungsträger versuchen immer intensiver durch bestimmte politische und strukturelle Maβnahmen ihre Länder zu attraktiven Zielen für ausländische Direktinvestitionen zu gestalten. Neben der reinen Schaffung von Arbeitsplätzen in ausländischen Niederlassungen, erhoffen sich Gastländer vor allem auch qualitative Effekte auf den Arbeitsmarkt. Letztere lassen sich aus den klassischen industrieökonomischen Theorien ableiten: Gastländer erwarten, dass sich das hochwertige Know-How der investierenden Unternehmen auch in irgendeiner Form auf die einheimischen Arbeitnehmer und Unternehmen verteilt, sodass die eigene Wettbewerbsfähigkeit erhöht wird (Bedi und Cieslik (2002), S.2f; Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.299; World Bank (1999), S.27ff).

Die theoretisch möglichen Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen auf den Arbeitsmarkt im Gastland sind in folgender Grafik zusammengefasst.

Abbildung 3: Auswirkungen von ADI auf den Arbeitsmarkt im Gastland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Anlehnung an UNCTAD (1994), S. 167

2.5 Investitionsströme in die Transformationsländer

Im Folgenden Abschnitt erfolgt eine detaillierte Analyse der Entwicklung und des Umfangs der ADI-Ströme in die Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas.

Probleme bei der Erhebung internationaler Investitionsströme

ADI-Ströme werden in der Zahlungsbilanz eines Landes registriert. Allerdings ist es oft schwierig internationale Vergleiche zu ziehen, da sich die Messmethodik oft von Land zu Land unterscheidet. Beispielsweise wird in Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden nicht das 20%-Kriterium angewendet, sondern häufig eine subjektive Einschätzung des Kontrollvermögens vorgenommen, während Länder wie Japan gar keinen Schwellenwert fordern. Weitere Makel sind unterschiedliche Zeitpläne bei der ADI-Registrierung oder die Nichtinbetrachtnahme einiger wesentlicher Komponenten bei der Messung von ADI-Beständen, wie zum Beispiel reinvestierte Gewinne oder Intra-Firmenkredite (Zukowska-Gagelmann (2002), S.22ff; Pfaffmann und Stephan (1998), S.17ff).

Die Liste weiterer Mängel ist lang und vermittelt leicht den Eindruck, dass ADI-Daten unzuverlässig sind und unser Wissen über dieses Phänomen für aussagekräftige Analysen nicht ausreichend ist. Tatsache ist jedoch, dass ADI-Daten aus den größten Investorländern von verhältnismäßig guter Qualität sind und Zeitreihenanalysen einen verlässlichen Überblick über die Entwicklung der ADI geben. Zuletzt muss in Gedanken behalten werden, dass die Datenerhebungsproblematik bei ADI nicht größer ist als bei fast allen anderen ökonomischen Indikatoren (Zukowska-Gagelmann (2002), S.22ff).

Geographische Analyse

Kurz nach dem Zerfall des sowjetischen Regimes war das ADI-Volumen aufgrund der Abschottungspolitik des Sozialismus noch außerordentlich gering, stieg dann aber in den folgenden 15 Jahren um das fast 50-fache auf ca. 29 Mrd. $. Allerdings verliefen diese Zuflüsse nicht immer gleichmäßig. Während ADI bis zum Jahr 2000 stetig anstiegen, kam es durch den Rückgang der weltweiten Direktinvestitionen seit dem Jahr 2000, der vor allem auf das stagnierende Wachstum in den Industrieländern (im EURO-Raum und Japan) zurückzuführen ist, auch zu einem Rückgang der ADI in den MOEL, der sich an den stagnierenden und teilweise auch sinkenden Investitionszuflüssen zwischen 1998 und 2003 zeigte (UNCTAD (2006), S.4; Zschiedrich (2006), S.88ff). Erst ab 2004 konnte wieder ein stärkerer Anstieg der Direktinvestitionen verzeichnet werden.

Tabelle 1: ADI-Bestände in Mio.$

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnungen nach UNCTAD (2006)

*Die Länderkürzel richten sich nach der ISO 3166

Tabelle 2: ADI-Zuflüsse in Mio.$

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnungen nach UNCTAD (2006)

Tabelle 1 zeigt, dass der Hauptteil der ADI-Bestände in den 1990er Jahren hauptsächlich drei Staaten zufiel: Polen, Ungarn und Tschechien. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 214 Mrd. $ konnten sie zusammen knapp drei Viertel der gesamten ausländischen Direktinvestitionen in die MOEL auf sich vereinen. Während zu Anfang der Transformation Ungarn das mit Abstand am meisten bevorzugte Land war, wurde es ab ca. 1996-1997 von Polen abgelöst, allerdings dicht gefolgt von Tschechien. Interessant ist, dass nach der Trennung Tschechiens und der Slowakei, Tschechien weitaus mehr ADI erhalten hat, während die Slowakei relativ niedrige Zuflüsse auf sich ziehen konnte, die erst ab dem Jahr 2000 stärker anstiegen. Die niedrigen Investitionsströme sind vor allem auf den in der slowakischen Republik bis zum Jahr 2000 sehr langsam voranschreitenden Privatisierungsprozess zurückzuführen (Cluse (1999), S.218).

Slowenien gilt als Sonderfall unter den MOEL, da es durch seine von Anfang an sehr starke wirtschaftliche Position eher darauf bedacht war, seine Unternehmen in nationaler Hand zu behalten. Des Weiteren führten ein sehr langsamer Privatisierungsprozess, relativ hohe Arbeitskosten und ein kleiner Absatzmarkt dazu, dass Slowenien bisher nur einen kleinen Anteil an Investitionen erhalten hat. Erst seit ein paar Jahren hat die Regierung beschlossen, ihre Zurückhaltung gegenüber ausländischen Investitionen aufzugeben und eine Reihe von Investitionsanreizen in Form von Steuervergünstigungen, Abschreibungsmöglichkeiten und staatlicher Mitfinanzierung ausländischer Investitionsprojekte anzubieten (OECD (2002), S.3ff; Schweizer Botschaften in Slowenien (2007), S.2ff; Zschiedrich (2006), S.93).

Rumänien, das mit knapp 24 Mrd. $ den vierten Platz in der einzelstaatlichen Betrachtung einnimmt, erhielt erst seit 2002 beträchtliche Ströme an ADI, während das Investitionsvolumen bis 2001 nur knapp einem Drittel des heutigen entsprach. Auch dies kann u.a. auf die sehr verhaltene Privatisierungspolitik der rumänischen Regierung zurückgeführt werden. Hier sahen sich ausländischen Unternehmen gezwungen, teure Greenfield-Projekte durchzuführen, anstatt durch die Akquisition ehemals staatlicher Unternehmen schneller und günstiger in den rumänischen Markt einzutreten. Erst nach der Verbesserung des Geschäftsklimas und der Durchführung größerer Privatisierungsprojekte sind die Investitionen in den letzten Jahren sehr stark angestiegen (Cluse (1999), S.282).

Ebenfalls stark gestiegen sind Direktinvestitionen in den letzten 10 Jahren in Estland, Litauen und Bulgarien.

Es ist anzunehmen, dass Direktinvestitionen in die Länder, die bisher sehr erfolgreich privatisiert haben, in Zukunft deutlich weniger im Rahmen von Privatisierungsprojekten durchgeführt werden, sondern von nun an eher als Reinvestitionen oder in Form von Greenfield-Projekten getätigt werden.

In Ländern wie Rumänien oder Bulgarien hingegen, die erst vor einigen Jahren eine offenere Privatisierungspolitik betreiben, werden weiterhin noch größere Investitionsströme erwartet (Cluse (1999), S.282f; Geishecker und Hunya (2005), S.17f; Zschiedrich (2006), S.50ff).

Sektorale und regionale Analyse

Tabelle 3: Sektorale ADI-Aufteilung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bank Austria (2007)

Der in den MOEL lang dominierende primäre Sektor hat bisher kaum nennenswerte Direktinvestitionen attrahieren können (0,0%-0,7%). Angesichts der Tatsache, dass hier in einigen Ländern immer noch ein sehr großer Teil der Bevölkerung beschäftigt ist (bis zu 19,1% in Polen, 11,2% in Lettland und 14,0% in Litauen), und dieser Sektor radikale Umstrukturierungsmaßnahmen benötigt, ist dies in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung vieler MOEL problematisch (Belke und Hebler (2002), S.38; Europäische Kommission (2006)).

Nach dem Beitritt zur Europäischen Union, der Übernahme des acquis communautaire und der Integration des Dienstleistungsmarktes, sind auch die Investitionsflüsse in die MOEL dem globalen Trend gefolgt und haben sich in den letzten Jahren immer stärker auf den Dienstleistungssektor konzentriert. Besonders in Polen, Tschechien und Ungarn wird ein Investitionstrend weg vom verarbeitenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor beobachtet. Starke Investitionszunahmen im Banken- und Telekommunikationsbereich zeigen, dass große Bemühungen bestehen, in den MOEL ein geschäftsfreundliches Investitionsumfeld zu schaffen (UNCTAD (2004), Kap.2, S.78; Zschiedrich (2006), S.95).

Die bei weitem größten Investitionsströme flossen bisher jedoch in das verarbeitende Gewerbe. In fast allen Ländern konnte dieses mehr als ein Viertel aller Direktinvestitionen auf sich vereinen. Ein besonders hohes Investitionsvolumen in den verarbeitenden Sektor kann in Ungarn festgestellt werden (44,2%). Dies ist offensichtlich ein Zeichen dafür, dass Ungarn durch seine bereits sehr weit fortgeschrittene Wettbewerbsfähigkeit immer stärker in globale Wertschöpfungsketten multinationaler Unternehmen eingebunden ist (Zschiedrich (2006), S.94f).

Innerhalb der verarbeitenden Industrie flossen die Hauptanteile der ADI in die Automobil- Chemie- und Metallbranchen. Besonders Tschechien, Ungarn und Polen scheinen für Investoren aus der Automobilbranche attraktive Ziele zu sein (Cluse (1999), S.95).

Ausländische Direktinvestitionen in die MOEL konzentrieren sich vor allem auf die Hauptstädte und Grenzregionen zu westeuropäischen Industrieländern, während zum Beispiel die östlichen Regionen Polens und Tschechiens bisher keine nennenswerten Investitionen attrahieren konnten (Jensen und Mallya (2003), S.13f).

Diese Konzentration auf Grenzgebiete erklärt sich dadurch, dass ausländische Unternehmen geringe Entfernungen zu Investitionsobjekten bevorzugen, da so Transaktionskosten in Form von Transport oder Kommunikation deutlich gesenkt werden können (Burr, Musil, Stephan et al. (2004), S.306ff; Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S.17).

Andererseits werden Hauptstädte als Investitionsziele vorgezogen, da diese Regionen oft höhere Entwicklungsniveaus aufweisen. Durch die zentralistische Organisation aus sozialistischen Zeiten befindet sich hier auch der Hauptsitz vieler, jetzt von Ausländern akquirierter Unternehmen aus Energie- oder Telekommunikation (Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S.14; Raubold (2006), S.157ff).

2.6 Determinanten ausländischer Direktinvestitionen in die MOEL

Günstige Standortbedingungen sind eine der drei wesentlichen Vorteilskategorien, die nach Dunnings OLI-Paradigma zu Direktinvestitionen im Ausland führen.

Eine ganze Reihe von Studien und empirischen Analyse beschäftigt sich mit der Frage nach den standortbezogenen Einflussfaktoren auf Investitionsentscheidungen in den MOEL (siehe zum Beispiel Baniak, Cukrowski, Herczynski (2002), Campos und Kinoshita (2003), Cluse (1999)). In dieser Arbeit werden nur die wichtigsten, für die MOEL besonders markanten Determinanten dargestellt, denen je nach Land und Situation unterschiedliche Bedeutungen beigemessen werden (die Auswahl orientiert sich an Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S20ff). Dies lässt ein besseres Verständnis für die landesbezogenen Unterschiede bei Investitionsvolumina und daraus folgende Konsequenzen zu.

Faktorkosten (insbesondere Arbeitskosten) und Humankapital

Einer der wichtigsten Standortvorteile der MOEL sind geringe Arbeitskosten: In den MOEL betragen sie bis heute durchschnittlich nur ca. 20% des EU-15- Niveaus (siehe Tabelle 4).

Besonders das verarbeitende Gewerbe muss durch den hohen Wettbewerbs- und Kostendruck ständig nach kostengünstigeren Produktionsmöglichkeiten suchen. Des Weiteren ist die Arbeitsintensität der Branche ausschlaggebend: Arbeitskostendifferenzen werden vor allem in arbeitsintensiveren Branchen wie Textil, Bekleidung und Möbelherstellung zum Tragen kommen (Zschiedrich (2006), S. 26 und S35ff; Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S.16; Benacek, Gronicki, Holland et al. (2000), S.14).

Investoren vergleichen Arbeitskosten aber auch innerhalb der MOEL. Dies ist an den realen Investitionsströmen in die MOEL abzulesen: In den Ländern mit den verhältnismäßig niedrigsten Lohnkosten, wie zum Beispiel Estland, Bulgarien und Rumänien sind in den letzten Jahren die höchsten Investitionsströme verzeichnet worden, da diese Länder vor allem für kostenorientierte, arbeitsintensive Low-Tech-Branchen attraktiv sind (Vahter (2004), S.43; Voinea (2003), S.12).

Slowenien, das Land mit den höchsten Arbeitskosten der MOEL, erhielt im Gegensatz dazu die geringsten Direktinvestitionen (siehe Tabelle 1). Geringe Faktorkosten spielen in Polen, Ungarn und Tschechien auch nicht mehr die ausschlaggebende Rolle bei der Investitionsentscheidung. Investoren sind vielmehr am hochwertigen Humankapitalangebot dieser Länder interessiert. Besonders die Ausbildung von Ingenieuren, Technikern und Handwerkern in den MOEL wird von vielen Investoren als qualitativ sehr hochwertig eingestuft (AHKn (2006), S.14).

Tabelle 4: Arbeitskosten in den MOEL

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnungen nach Eurostat (2007a)

* Wert von 2004

Marktpotential

Die Market-Size-Hypothese impliziert einen positiven Zusammenhang zwischen Marktgröße bzw. - wachstum und dem Investitionsvolumen (Cluse (1999), S.68).

Das Marktpotential wird dabei in erster Linie anhand des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf (BIP-pro-Kopf), aber auch mithilfe der Bevölkerungszahlen gemessen. Grundsätzlich ist zunächst ein bestimmter Schwellenwert des BIP-pro-Kopf notwendig, um überhaupt Investitionsflüsse zu attrahieren. Hintergrund ist das Interesse der Investoren an wachsenden Absatzmärkten (Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S.16; Zschiedrich (2006), S.30ff).

Tabelle 5: Das Verhältnis von BIP zu ADI

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EBRD (2007a), EUROSTAT (2007b), UNCTAD (2006)

Tschechien und Ungarn, die beide ein sehr hohes BIP-pro-Kopf aufweisen, sind besonders für Investitionen aus absatzorientierten Motiven attraktiv. Auch Polen konnte, trotz des geringen BIP-pro-Kopf, aber dank eines großen Absatzmarktes eines der höchsten ADI-Volumina auf sich ziehen. Der positive Zusammenhang zwischen Wachstum des realen BIP und ADI wird auch besonders im Fall Estlands deutlich, das, neben einem am stärksten wachsenden realen BIP, in den letzten Jahren immer höhere Investitionszuflüsse auf sich vereinen konnte. Das geringe BIP-pro-Kopf in Bulgarien und Rumänien kann die noch relativ geringen ADI-Zuflüsse in diesen Ländern erklären, die bisher vor allem aus kostenorientierten Motiven getätigt wurden (Detscher (2006), S.40).

Politisches und rechtliches Risiko

Das politische und rechtliche Risiko eines Gastlandes ist eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für ADI. Im Fall der MOEL stellt vor allem die Frage nach der Kontinuität des Transformationsprozesses ein wichtiges Kriterium bei der Investitionsentscheidung dar. Rumäniens und Bulgariens Standortattraktivität litt stark an dem anfangs nur sehr träge voranschreitenden Reformprozess und der Verzögerung des EU-Beitritts auf 2007. Estland hingegen, das einen sehr schnell und effektiv durchgeführten Transformationsprozess durchlief, erfuhr einen ständig wachsenden Investitionszufluss (Dietz, Protsenko, Vincentz (2001), S.23f).

Grundsätzlich schätzen Investoren den Beitritt eines MOEL zur EU als sehr positiv auf dessen Rechtssituation ein, da so die Verpflichtung zur Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen an EU-Standards auferlegt wird (Cluse (1999), S.234-237).

Privatisierung

Der rasche Anstieg des ausländischen Kapitals in den MOEL ist besonders auf die Privatisierung von ehemaligen Staatsbetrieben zurückzuführen. Diese Prozesse verliefen jedoch von Land zu Land unterschiedlich: Während in Ungarn bereits sehr früh Staatsbetriebe an ausländische Investoren verkauft wurden, wodurch sich das große ADI-Volumen bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre erklären lässt, zeigten andere Länder eine gewisse Skepsis gegenüber dem Verkauf staatlicher Betriebe an ausländische Investoren (Dietz, Protsenko, Vincentz(2001), S.22f; Cluse (1999), S.274ff).

Dieses zögerliche Verhalten in Bezug auf Privatisierungen resultierte oft in geringen Investitionsströmen: Slowenien war zum Beispiel bisher kaum wesentlich in Privatisierungsprozesse involviert und konnte auch nur sehr geringe ADI-Zuflüsse auf sich ziehen (Geishecker und Hunya (2005), S.10).

Deutlich werden die unterschiedlichen Prozesse in den einzelnen MOEL auch bei der Betrachtung des Privatisierungsindexes der European Bank of Reconstruction and Development (EBRD).

Tabelle 6: Privatisierungsindex der EBRD

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EBRD (2007b)

Die langjährige Führung Tschechiens, Ungarns und Estlands konnte erst vor kurzem von Bulgarien und der Slowakei eingeholt werden, während das Schlusslicht Slowenien bildet.

Überraschenderweise konnte Polen trotz eines langsam voranschreitenden Privatisierungsprozesses große Investitionsströme auf sich vereinen, was deutlich macht, wie unterschiedlich die einzelnen Determinanten bei Investitionsentscheidungen gewichtet werden.

2.7 Zusammenfassung

In der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurde in die meisten MOEL noch sehr verhalten investiert. Der größte Teil des Investitionsvolumens floss nach Ungarn, Polen und Tschechien, während die Investitionszuflüsse in die anderen MOEL kaum nennenswert waren (siehe Tabelle 2).

Die nationalen Privatisierungsprozesse hatten einen dominanten Einfluss auf den Zustrom ausländischer Direktinvestitionen, wodurch sich teilweise die unterschiedlichen Entwicklungen von ADI in den MOEL erklären lassen. In den letzten Jahren attrahierten auch zunehmend Rumänien, Bulgarien und die baltischen Staaten Investitionen, was vermuten lässt, dass sich die Investitionsbedingungen hier verbessert haben. Dem liegen allerdings noch weitgehend kostenorientierte Motive zugrunde, aufgrund der auch im Vergleich zu den anderen MOEL, sehr geringen Lohn- und Arbeitskosten (Cluse (1999), S.291ff; Zschiedrich (2006), S.40f).

Im Folgenden Kapitel wird betrachtet, wie sich die zunehmende ausländische Präsenz in den MOEL auf die Beschäftigungssituation ausgewirkt hat.

3 Beschäftigungswirkungen ausländischer Direktinvestitionen

3.1 Direkte und indirekte Beschäftigungswirkungen

Die Beschäftigungswirkungen ausländischer Direktinvestitionen sind häufig Gegenstand kontroverser Debatten. Während oft Monopolbildungen und Verdrängung lokaler Firmen befürchtet werden, gibt es ausreichend Fallbeispiele dafür, dass durch ausländische Direktinvestitionen neue Arbeitsplätze geschaffen oder bereits vorhandene gesichert wurden. Beispielsweise schuf Bertelsmann mehr als 300 neue Arbeitsplätze in Posen durch eine dortige Errichtung des Buchklubgeschäftes. Direktinvestitionen generieren aber auch häufig Arbeitsplatzschaffung in anderen Unternehmen oder Regionen des Gastlandes. In der tschechischen Automobilindustrie hat das Engagement von Volkswagen zu einem bedeutenden Beschäftigungszuwachs bei den tschechischen Zulieferern geführt (Lipsey (2002), S.40f; Zschiedrich (2006), S.114ff).

Dennoch konnte empirisch bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen ADI und Beschäftigungswachstum festgestellt werden. Eine Studie der OECD betont, dass bisher keine allgemein gültigen Beschäftigungswirkungen von ADI, ob positiv oder negativ, festgestellt werden konnten. Die unterschiedlichen Ergebnisse durchgeführter Studien spiegeln die Komplexität dieser Thematik wider, wie auch die methodologischen Schwierigkeiten und die mangelhafte Datenverfügbarkeit in den meisten Ländern (OECD (1995), S.140).

Trotzdem lässt sich anhand der Ergebnisse einschlägiger Studien die Feststellung machen, dass ausländische Niederlassungen, entgegen der Befürchtungen der Gastländer, nicht nur durch Greenfield-Investitionen, sondern auch als Resultat von Mergers & Acquisitions (im Folgenden abgekürzt mit M&A) Arbeitsplätze geschaffen haben, während einheimische Unternehmen in fast allen MOEL, besonders in den ersten Jahren der Transformation, konstant Arbeitsplätze abbauten (Geishecker und Hunya (2005), S.13f, Konings (2004), S.105).

Grundsätzlich können ADI die Beschäftigungsentwicklungen im Gastland sowohl auf direkte als auch auf indirekte Weise beeinflussen. Die direkten Effekte beziehen sich auf die Arbeitsplatzsituation in der ausländischen Niederlassung selbst.

Für die Erfassung der direkten Effekte von ADI ist zunächst wichtig, ob es sich dabei um eine Greenfield-Investition oder eine Akquisition eines bestehenden Unternehmens handelt.

Während Greenfield-Investitionen in der Regel mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden sind, was viele MOEL dazu bewegt hat, besonders im verarbeitenden Gewerbe die Investitionsbedingungen für Greenfield-Investitionen günstiger zu machen, sind im Fall der Unternehmensakquisitionen sowohl Beschäftigungsanstiege als auch Arbeitsplatzreduktionen zu erwarten (Geishecker und Hunya (2005), S.13).

Mergers & Acquisitions können kurzfristig zum Beispiel durch Umstrukturierungsmaßnahmen zu Arbeitsplatzverlusten führen. Allerdings ist niemals eindeutig bestimmbar, ob die akquirierten Unternehmen nicht von vornherein so ineffizient waren, dass Arbeitsplatzverluste in naher Zukunft sowieso unumgänglich waren und auf diese Weise eventuell noch einige verbleibende Arbeitsplätze gerettet werden konnten (Cluse (1999), S.99).

Indirekte Effekte umfassen die Beschäftigungswirkungen, die für die restliche Wirtschaft entstehen und werden grundsätzlich in vertikale, horizontale und makroökonomische Auswirkungen unterteilt (Zschiedrich (2006) S.118; Geishecker und Hunya (2005), S.7f).

Indirekte vertikale Effekte hängen eng mit den Beschaffungsaktivitäten des investierenden Unternehmens ab: Je mehr Vorleistungen im Gastland produziert werden, desto stärker sind die positiven Beschäftigungswirkungen bei lokalen Zulieferern (Cluse (1999), S.100).

Zu Arbeitsplatzverlusten kann es demgegenüber dann kommen, wenn ausländische Investoren nach der Übernahme eines Unternehmens sämtliche lokal produzierten Vorprodukte durch ausländische Importe ersetzen (Geishecker und Hunya (2005), S.7).

Bei den indirekten horizontalen Beschäftigungseffekten kommt es unter anderem darauf an, ob Konkurrenten des internationalisierenden Unternehmens als Reaktion auf den Kostendruck auch eine Produktionsverlagerung ins billigere Ausland tätigen, die im Gastland weitere positive Beschäftigungseffekte auslösen kann (Cluse (1999), S.100ff) .

Die lokale Arbeitsmarktsituation spielt eine Rolle bei der Analyse indirekter makroökonomischer Effekte. Positive Beschäftigungseffekte entstehen, wenn ADI in Regionen mit relativ hohen Arbeitslosenquoten getätigt werden, und so das Überangebot an Arbeit reduziert werden kann. Zu Arbeitskräfteknappheit und Ungleichgewichten auf dem gastländischen Arbeitsmarkt kann es hingegen dann kommen, wenn Investitionen in Regionen getätigt werden, in denen ohnehin bereits Vollbeschäftigung herrscht (Cluse (1999), S.100ff). Diese regionalen Ungleichgewichte können des Weiteren zu steigenden Lohndisparitäten führen, worauf in Kapitel 5 noch näher eingegangen wird.

Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Annahmen zusammen.

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Details

Seiten
100
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836609029
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225544
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – Wirtschaftswissenschaften, Außenwirtschaft
Note
1,3
Schlagworte
mitteleuropa osteuropa direktinvestition arbeitsmarkt außenwirtschaft

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Titel: Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen auf den Arbeitsmarkt in den mittel- und osteuropäischen Ländern