Lade Inhalt...

Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message'

Magisterarbeit 2003 166 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Gliederung

Grafik- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlagen des Medienjournalismus
2.1. Die Relevanz der Medien für die Gesellschaft
2.2. Medienjournalismus – eine Begriffsbestimmung
2.3. Der aktuelle Forschungsstand zum Medienjournalismus
2.4. Die historische Entwicklung des deutschen Medienjournalismus
2.4.1. Die Wurzeln des Medienjournalismus
2.4.2. Die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik
2.4.3. Der „neue“ Medienjournalismus im Zeitalter des dualen 18 Rundfunks
2.5. Systemtheoretischer Kontext des Medienjournalismus
2.5.1. Journalismus als soziales System
2.5.2. Medienjournalismus und seine Akteure als Teil des Systems

3. Funktion und Zielgruppen des Medienjournalismus
3.1. Medienjournalismus in deutschen Printmedien
3.1.1. Medienjournalismus für eine Fachöffentlichkeit
3.1.2. Medienjournalismus für die breite Öffentlichkeit
3.1.3. Medienjournalisten als ‚Watch Dogs’?
3.1.4. Potenziale des Medienjournalismus
3.1.5. Die Probleme, Defizite und Gefahren des Medienjournalismus
3.2. Exkurs: Medienjournalismus im Rundfunk
3.3. Vorbild USA

4. Die Bedeutung der Medienfachtitel
4.1. Die Fachzeitschrift
4.2. Medienfachzeitschriften und Medieninformationsdienste
4.2.1. Ein historischer Abriss
4.2.2. Eine kategorische Einteilung der Medienfachperiodika
4.2.3. Medienfachtitel und ihre Leser

5. Die Medienfachzeitschrift „message“ als Untersuchungsgegenstand
5.1. „message“ – Eine Charakterisierung
5.2. Die Untersuchung
5.2.1. Die Forschungshypothesen
5.2.2. Die Inhaltsanalyse als empirisches Forschungsinstrument
5.2.3. Die methodische Durchführung
5.2.4. Das Leitfadeninterview als qualitative Ergänzung
5.3. Ergebnisse der Untersuchung
5.3.1. Hypothese 1
5.3.2. Hypothese 2
5.3.3. Hypothese 3
5.3.4. Hypothese 4
5.3.5. Hypothese 5
5.3.6. Hypothese 6

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärquellen
7.2. Sekundärliteratur

8. Anhang

I. Codebuch

II. Codebuch: Kurzversion

III. Codebogen

IV. Ergebnisse der Inhaltsanalyse in Tabellen

V. Leitfadeninterview mit Michael Haller

VI. Ehrenwörtliche Erklärung

Grafik- und Tabellenverzeichnis

Dieses Grafik- und Tabellenverzeichnis listet nur die im Text eingefügten Grafiken und Tabellen auf. Alle weiteren Tabellen befinden sich im Anhang dieser Arbeit.

Grafik 1: Zwiebelmodell nach Siegfried Weischenberg

Grafik 2: Modell zur Qualitätssicherung im Journalismus nach Ruß-Mohl

Grafik 3: Prozentuale Verteilung der Einzelbeiträge

Grafik 4: Ausprägung der „message“-Themenfelder

Grafik 5: Thematischer Schwerpunkt der Titelgeschichten

Grafik 6: Behandeltes Medium in der Titelgeschichte

Tabelle 1: Seitenumfang der Titelgeschichten

Tabelle 2: Journalistische Darstellungsformen der Einzelbeiträge

Tabelle 3: Tätigkeitsbereich der Wissenschaftler

Tabelle 4: Kritik der Titelgeschichte

1. Einleitung

Wahlkampf im Fernsehen, Schröder als Medienkanzler und Dieter Bohlen als Kultobjekt - Wer wäre was ohne die Medien und woher würden wir das alles wissen? Die Medien haben mehr Platz und Sendezeit denn je. Die Zeitungen sind dicker, die Vielfalt der Illustrierten ist größer und die Sendeplätze in Funk und Fernsehen zahlreicher. Medien bestimmen nicht nur den größten Teil unserer freien Zeit und begleiten uns im Alltag, sie sind Informationsquelle Nummer Eins. Sie wählen Informationen aus, bearbeiten sie und stellen sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die dafür nötige Komplexitätsreduktion der Umwelt ist nur eine Grundfunktion des Journalismus. Medien sollen durch die Vermittlung von Informationen und Wissen sowie durch Selbstbeobachtung und Selbstverständigung der gesellschaftlichen Teilsysteme zur Mündigkeit jedes Einzelnen befähigen. Dadurch schaffen sie als so genannte ‚vierte Gewalt’ nicht nur Orientierung, sondern bilden einen wichtigen Bestandteil einer funktionierenden Demokratie.

Doch der Bedeutungszuwachs der Medien ist auch an den Medien selbst nicht spurlos vorüber gegangen. Unzählige Fernsehkanäle, undurchschaubare Konzernverflechtungen und unübersichtliche Marktverhältnisse lassen die deutsche Medienlandschaft zu einem ‚Mediendschungel’ werden. Dabei sind die Medien selbst auch von Trends und Strukturen abhängig. Eine immer stärker voranschreitende Kommerzialisierung, Globalisierung, Technisierung, Hybridisierung und Deprofessionalisierung bestimmt den Medienmarkt und erzeugt somit neue Marktansprüche. Insgesamt betrachtet verändern sich also nicht nur die Rahmenbedingungen im Mediensektor, sondern es werden als Folge daraus auch neue Strategien und Steuerungsmaßnahmen erforderlich. Da es aufgrund der erwähnten Megatrends zu Spannungen, Undurchsichtigkeiten und Beeinflussungen kommen kann, ist eine intensive Beobachtung der Medien selbst, eine verstärkte Selbstreflexion und eine Analyse von Chancen und Risiken sowie Fehlern und Fortschritten notwendig. In Anbetracht der Tatsache, dass Medien eine gesellschaftliche Schlüsselrolle für das Funktionieren gesellschaftlicher, kultureller, politischer und wirtschaftlicher Prozesse einnehmen, ist die Beobachtung der Medien selbst und ihrer Umgebung umso erforderlicher. Wer aber befindet sich in der Position Transparenz zu schaffen, Strukturen zu erklären und Zusammenhänge darzustellen? Lediglich die Medien selbst haben sowohl den ungefilterten Einblick als auch die Möglichkeit darüber zu informieren. Deshalb wird der über Medien informierende Journalismus Medienjournalismus genannt. Eine weitaus höher entwickelte Form des Medienjournalismus stellt die Berichterstattung über die Eigengesetze des Journalismus dar. Diese Art des Medienjournalismus wird in Anlehnung an Ruß-Mohl „Journalismus-Journalismus“ (Ruß-Mohl, 1997a, S.193) genannt.

Ein unabhängiger und qualitativ hochwertiger Medienjournalismus beziehungsweise ein ‚Journalismus-Journalismus’ ist allerdings schwer zu realisieren, da die Medien und Journalisten von komplexen Strukturen, Beteiligungen und Einflüssen abhängig sind. Medienjournalisten sind sowohl Mitglieder als auch Beobachter des Systems, wodurch sich medienübergreifende Probleme und Gefahren ergeben. Sie berichten eventuell über das eigene Haus, eine Tochterfirma, einen Kollegen oder potenziellen Arbeitgeber. Ferner müssen sie über ressortübergreifende Kompetenzen verfügen, um über ein Thema adäquat berichten zu können und Zusammenhänge und Motive zu durchschauen. Dies ist auch ein Grund dafür, warum Medienthemen immer noch häufig den bisher bestehenden klassischen Ressorts zugeteilt werden.

Diese Problematik und eine teilnehmende Beobachtung weckte das Interesse an diesem Thema. Um es in seiner Gesamtheit darzustellen, wurde aufbauend auf der Historie und einer Darstellung der Funktion und Zielgruppen von Medienjournalismus auf Medienfachtitel im Speziellen eingegangen. Der empirische Teil rückt die Medienfachzeitschrift „message“ in den Vordergrund und versucht die forschungsleitende Frage, ob „message“ einen ‚Journalismus-Journalismus’ betreibt, zu beantworten.

Das erste Kapitel versucht zunächst den Bedeutungszuwachs und die Relevanz der Medien zu verdeutlichen, um im Folgenden den Begriff Medienjournalismus näher zu definieren und einzugrenzen. Da der Medienjournalismus ein junges Forschungsfeld ist, werden die bis heute wenigen, aber wichtigen Werke beziehungsweise Autoren vorgestellt. Um den heutigen Medienjournalismus einzuordnen und seinen Ursprung zu erkennen, skizziert das erste Kapitel außerdem die historische Entwicklung des Medienjournalismus. Von den Wurzeln des Medienjournalismus über die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik bis hin zum Medienjournalismus im Zeitalter des dualen Rundfunks verdeutlicht dieses Kapitel anfängliche Schwierigkeiten und spätere Antriebskräfte zur Etablierung. Bevor eine praxisnahe Beschreibung des Medienjournalismus im zweiten Kapitel erfolgt, findet die Einordnung des Themas in einen systemtheoretischen Kontext statt. Der Systemtheorie von Niklas Luhmann folgend, wird der Journalismus als System erklärt und seine Verbindung zur Umwelt verdeutlicht. Im weiteren Verlauf ergänzt das Zwiebelmodell von Siegfried Weischenberg die klassische Systemtheorie Luhmanns und der Medienjournalismus und seine Akteure werden als Teil des Systems thematisiert.

Das Kapitel „Funktion und Zielgruppen des Medienjournalismus“ bezieht sich in erster Linie auf die Medienberichterstattung in Printmedien. Es werden hier nicht nur die unterschiedlichen Zielgruppen und Funktionen des Medienjournalismus, sondern auch die Potenziale, Gefahren und Probleme angesprochen. Da Medienjournalismus zur Qualitätssicherung beitragen kann, stellt dieses Kapitel unter anderem das in diesem Rahmen wichtige Modell von Stephan Ruß-Mohl dar. Medienjournalismus und Medienjournalisten bewegen sich in einem Feld voller Abhängigkeiten, wirtschaftlichen Verflechtungen und Beeinflussungen. Aufgrund dieser Problematik werden nicht nur die Defizite und Gefahren diskutiert, sondern wird auch näher auf das Selbst- und Fremdbild der Medienjournalisten eingegangen, ihre Funktion als ‚Watch Dogs’ problematisiert und die dafür nötigen Kompetenzen dargestellt. Um das Bild abzurunden, wird der eher stiefmütterlich behandelte Medienjournalismus in Hörfunk und Fernsehen beschrieben und im weiteren Verlauf das Vorbild USA thematisiert. Ziel ist es, aufzuzeigen inwieweit der amerikanische Medienjournalismus dem deutschen voraus ist und somit deutlicht wird, an welchen Stellen in Deutschland noch Lernpotenzial besteht.

Bevor auf „message“ als Untersuchungsgegenstand eingegangen wird, erschien es notwendig den Medienfachtiteln als solche nähere Beachtung zu schenken. Sie stellen quasi die ‚Insider’ der Branche dar und können durch ihre Berichterstattung als Korrektiv wirken und Qualitätsstandards setzen. Obwohl sie ebenfalls zur Gattung Print gehören, bedienen sie eine spezielle Zielgruppe und erfüllen besondere Erwartungen. Da es keine allgemeingültige Definition von Medienfachtitel gibt, wird in diesem Kapitel anhand einer Begriffsdefinition der Gattung Fachzeitschrift versucht, sich diesem anzunähern. Die Bedeutung und Funktion von Fachzeitschriften wird dargestellt und im weiteren Verlauf nicht nur ein kurzer historischer Exkurs unternommen, sondern auch eine kategorische Einteilung der Medienfachperiodika herausgearbeitet. Hierbei unterscheiden sich die Medienfachzeitschriften von den Medieninformationsdiensten, wobei die Darstellung der Leserschaft verdeutlicht, dass sich die Medienfachtitel vor allem an die Multiplikatoren in der Medienbranche richten.

Das letzte Kapitel beinhaltet den empirischen Teil dieser Arbeit. Die Medienfachzeitschrift „message“ hebt sich durch den Anspruch, Vermittler von Wissenschaft und Praxis sein zu wollen, von anderen Medienfachtiteln ab. Der Herausgeber Michael Haller will mit seiner Zeitschrift für einen qualitativ hochwertigen Medienjournalismus stehen, was aufgrund der angesprochenen Bedeutung und Problematik dieses Bereichs ein ehrgeiziges Ziel ist. Umso interessanter schien es, herauszufinden, ob „message“ diesem Ziel gerecht wird. Im Hinblick auf die forschungsleitende Frage, ob „message“ einen ‚Journalismus-Journalismus’ betreibt, wurden Hypothesen gebildet, die anhand einer quantitativ-qualitativen Inhaltsanalyse einer Falsifikation unterzogen wurden. Bevor jedoch die Ergebnisse präsentiert werden, wird in diesem Kapitel „message“ charakterisiert und die Inhaltsanalyse als empirisches Forschungsinstrument vorgestellt. Da sich das Codebuch und der Codebogen im Anhang befinden, wird hier zur Verdeutlichung der Untersuchung lediglich die methodische Durchführung aufgezeigt. Im Rahmen der Korrektur und/oder Ergänzung der Hypothesen sollte ein Leitfadeninterview mit dem Herausgeber als qualitative Ergänzung dienen. Aus diesem Grund werden die Ergebnisse der Inhaltsanalyse nicht nur präsentiert und interpretiert, sondern auch die Aussagen von Michael Haller berücksichtigt.

2. Die Grundlagen des Medienjournalismus

Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des deutschen Medienjournalismus wäre unvollständig, würde nicht auch auf die Relevanz von Medien in Politik und Gesellschaft sowie auf die theoretische Seite des Medienjournalismus eingegangen werden. Bevor die historisch betrachtet wichtigsten Eckpfeiler des Medienjournalismus dargestellt werden, wird der Medienjournalismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen näher beschrieben und eingegrenzt. Um das Themenfeld in einen theoretischen Kontext zu betten und seine Bedeutung in Relation zu seiner Umwelt zu unterstreichen, werden die Systemtheorie von Niklas Luhmann (vgl. Luhmann, 1996) und das ‚Zwiebelmodell’ von Siegfried Weischenberg (vgl. Weischenberg, 1994, S.431) zur Verdeutlichung herangezogen.

2.1. Die Relevanz der Medien für die Gesellschaft

„Was nicht in den Medien ist, ist nicht(s).“ (Quast, 1999, S.212) Treffender konnte es Quast im Grunde nicht formulieren. Dieser Satz spiegelt die hohe Bedeutung wider, die den heutigen Medien zukommt. Medien machen nicht nur auf Ereignisse aufmerksam, sie konstruieren Wirklichkeit, indem sie aus der vorhandenen Realität Informationen filtern beziehungsweise selektieren, damit die Komplexität der Umwelt reduzieren und somit Orientierung schaffen.

„[…] das, was wir als objektive gesellschaftliche Wirklichkeit bezeichnen, wird von den Medien nach Regeln des Mediensystems konstruiert. Das bedeutet praktisch, daß wir heute simultan in zwei Wirklichkeiten leben: in der ‚realen’ Wirklichkeit und in der von den Medien konstruierten Wirklichkeit, die längst die Kraft besitzt, im Zweifelsfall die ‚reale’ Wirklichkeit zu diskreditieren.“ (Merten, 1997, S.12)

Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen, denn alle Subsysteme wie zum Beispiel Politik, Wirtschaft und Kultur teilen sich über die Medien mit, um von den anderen Systemen wahrgenommen zu werden. „Wenn ein Politiker in diesem Lande etwas erreichen möchte, braucht er eine gute Presse.“ (Hanfeld, 2001, S.56) Was die Politik und Wirtschaft schon längst erkannt haben, tritt auch ins Bewusstsein der Gesellschaft: „Es wächst in der Gesellschaft die Einsicht, daß das Wissen über und das Verhältnis von Gesellschaft immer mehr von Medien und ihren Angeboten geprägt ist – oder sogar davon abhängig zu werden droht.“ (Jarren, 1997a, S.5) In der heutigen Gesellschaft nehmen die Medien einen ganz besonderen und gleichzeitig alltäglichen Platz ein. Morgens mit dem Radio aufstehen, am Frühstückstisch die Zeitung lesen, auf dem Weg und bei der Arbeit den Hörfunk verfolgen, nebenbei auf Nachrichtenseiten im Internet surfen und abends vor dem Fernseher entspannen. Dieser recht normale Tagesablauf macht deutlich, wie viel Zeit den Medien gewidmet wird und wie stark unser Wissen über aktuelle Geschehnisse von ihnen abhängig ist.

Medien sind aber nicht nur Zeitvertreib, sie sollen als ‚vierte Gewalt’ auch eine demokratische Gesellschaft gewährleisten. Zu ihren Aufgaben gehört es, durch das Bereitstellen von Informationen und Wissen die Partizipation am demokratischen Prinzip zu forcieren und so zur Mündigkeit des Bürgers beizutragen. Ferner stellen die Medien respektive der Journalismus durch seine Selbstbeobachtung und Selbstverständigung einen wichtigen Bestandteil der Demokratie dar. Josef Joffe, damals Leiter der Auslandsredaktion bei der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt: „[…]die Medien […] sind das absolut notwendige Unterpfand der Demokratie. Denn ohne Öffentlichkeit kein Wissen, und ohne Wissen keine Aufsicht über jene, die über uns herrschen.“ (Joffe, 1998, S.4) Dass aufgrund der hohen Bedeutung, die Medien zukommt, aber auch eine Gefahr besteht, erkannte schon Pierre Bourdieu. Er behauptet, das Fernsehen sei zu einem Mittel der Diktatur verkommen, denn durch den Kampf um höhere Einschaltquoten sei es zu „einer Gefahr für verschiedene Sphären der kulturellen Produktion, für Kunst, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Recht und für das politische und demokratische Leben“ (Bourdieu, 1998, S.9) geworden. Die ökonomische Relevanz der Medien ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen, denn zum einen finanzieren sich die kommerziellen Medien mittels Werbeeinnahmen, wodurch wiederum auf Produkte und Unternehmen aufmerksam gemacht wird und zum anderen sind die Medien selbst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Je höher die Einschaltquote beziehungsweise die Auflage, desto teurer die Werbeschaltung – und desto mehr Menschen werden erreicht. Das birgt allerdings auch die Gefahr eines Missbrauchs von Medien[1]. Nicht nur ein potenzieller Missbrauch, sondern vielmehr die Relevanz von Medien in der Gesellschaft und Demokratie sowie das massiv gestiegene Medienangebot erfordern journalistische Qualitätsstandards und Kontrollinstanzen. Wer kontrolliert aber die Kontrolleure? Medienjournalisten können diese Rolle übernehmen. Sie verfügen aufgrund ihrer besonderen Stellung[2] über die Möglichkeit, Wegweiser im ‚Mediendschungel’ und Entdecker von Missständen zu sein. „Wo denn, wenn nicht in den Medien, soll über die Medien aufgeklärt und für Vielfalt und Meinungsfreiheit geschrieben werden? Wo anders als in Presse, Funk und Fernsehen soll die Ansammlung von Meinungsmacht in immer weniger Händen öffentlich zum Thema gemacht und diskutiert werden, […]?“ (Medienpublizistik, 1996, S.24) Diese Kritik (auch die Kritik am eigenen Blatt oder Unternehmen) muss allerdings bereits im Vorwege überlegt und kritisch-analytisch stattfinden, denn wenn erst einmal ein Missbrauch stattfand,

„[…] wird nach der Polizei im Sinne der Rundfunkaufsicht, nach dem Staat oder nach der Schule (im Sinne von mehr Medienpädagogik oder mehr Medienkompetenz) gerufen, nicht jedoch nach der Medienkritik. Das ist erklärlich, denn im Fall von öffentlicher Medienschelte oder Kritik wird nicht differenziert, sondern eher allgemein kritisch über die Medien und die Journalisten gesprochen. Medienjournalismus und Medienkritiker sind für die Rezipienten zumeist als eigene Profession nicht erkennbar, auch weil diese Journalisten sich nicht auf das allgemeine Publikum beziehen, und sie sich im Konfliktfall vielfach nicht zu erkennen geben können oder dürfen.“ (Jarren, 1997, S.8)

Medienjournalismus und seine Akteure dürfen also nicht ausschließlich als bloßes Ressort oder Redaktion eines Medienunternehmens betrachtet werden. Sie sollten vielmehr die Wächter und Kontrolleure der Medien(welt) sein.

2.2. Medienjournalismus – eine Begriffsbestimmung

Medienjournalismus stellt eine besondere Form des Journalismus dar[3]. Ganz allgemein betrachtet handelt es sich um die Berichterstattung der Medien über die Medien und/oder den Journalismus. Das kann zum Beispiel die Berichterstattung einer Zeitung über eine andere Zeitung oder auch die Information über die neuesten Entwicklungen eines Medienunternehmens sein. Es geht aber nicht nur um die publizistischen Formate eines Unternehmens, sondern auch um die wirtschaftlichen Zusammenhänge, die die Medien betreffen oder die Bedeutung der heutigen Medien für unsere Gesellschaft. Krüger/Müller-Sachse bezeichnen Medienjournalismus in einer weitgefassten Definition als „[…] jedes journalistische Produkt, das Medien oder die Medien betreffende Sachverhalte etc. thematisiert“ (Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.16). Unter diese Definition würden also auch parodierende TV-Shows wie „TV Total“ fallen.

Als Synonyme werden auch die Begriffe Medienberichterstattung, Medienkritik und Medieninformation verwendet . Auch wenn in Bezug auf die Bezeichnung noch Uneinigkeit herrscht, sind sich die Wissenschaftler und Praktiker über die Inhalte des Medienjournalismus einig. Zu den Inhalten zählen Medienpolitik, -recht und -technik, Programminhalte und –strukturen des Fernsehens, einzelne Formate und deren Entwicklung, wirtschaftliche und ökonomische Aspekte der Medien, handelnde Personen von Medienbetrieben und die Kommunikationswissenschaft, die allerdings in der Praxis eher stiefmütterlich behandelt wird (vgl. Kreitling, 1996, S.13f.). Hier wird bereits die thematische Bandbreite des Medienjournalismus deutlich. Um jedoch deutlich machen zu können, um welche Art Medienjournalismus es sich in der hier vorliegenden Arbeit tatsächlich handelt, ist eine begriffliche Differenzierung notwendig.

Medienkritik findet bereits dann statt, wenn einzelne Darbietungen wie Fernsehsendungen, Theaterstücke oder Kinofilme kritisiert werden. In diesem Fall wird von einer Kritik aus der ersten Reihe gesprochen. Es findet eine Konzentration auf das einzelne Produkt statt, seine Produktionsbedingungen oder bestimmte Einflussfaktoren werden nicht thematisiert. Es handelt sich vielmehr um eine (Be)Wertung beziehungsweise Rezeptionskontrolle und nicht um ein kritisch-analytisches Aufdecken von journalistischen Fehlleistungen. Medienkritik findet sich häufig im Feuilleton einer Zeitung oder auf der Kulturseite. Neben der Medienkritik gibt es noch den Programmservice, der nur noch sehr wenig mit dem Medienjournalismus, wie er in dieser Arbeit verstanden wird, zu tun hat. Hier werden Programmtipps oder Programmvorschauen als Service für den Leser angeboten. Im Rahmen dieser Serviceleistung werden des Öfteren einzelne Produkte oder Personen thematisiert, aber auch hier dient die Berichterstattung in den meisten Fällen der Information und Rezeptionskontrolle. Die so genannte Berichterstattung aus zweiter Reihe trifft auf den Medieninstitutionen-Journalismus zu. Es steht nicht mehr die Kritik einzelner Produkte oder Darbietungen im Vordergrund, sondern zum Beispiel wirtschaftliche Verbindungen, Strukturen, medienpolitische Entscheidungen oder Fusionen von Medienunternehmen. Allerdings wird auch bei dieser Art der Berichterstattung nicht losgelöst vom Ereignis berichtet. Das heißt die Hintergründe und Motive für bestimmte journalistische Entscheidungen werden nicht thematisiert. Die Eigengesetze des Journalismus, Produktionsbedingungen, Motive und Beeinflussungen von Journalisten sowie Fehlleistungen und das journalistische Handwerk können nur dann in den Vordergrund rücken, wenn eine Perspektive aus dritter Reihe eingenommen wird. Hierfür ist ein Loslösen von äußeren Umständen wie zum Beispiel der Konzernzugehörigkeit[4] notwendig. Für die objektive medienjournalistische Berichterstattung sollte analytisch und vor allem frei von Einflüsterungen vorgegangen werden. Auch das Einbeziehen von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist bei der Berichterstattung aus dritter Reihe zur Einordnung in einen theoretischen Kontext hilfreich. Da bei dieser Form des Medienjournalismus die journalistischen Produkte, die Motive der Journalisten und ihre Fehlleistungen thematisiert werden, scheint es sinnvoll, eine spezielle Kategorie innerhalb des Medienjournalismus zu bilden und diese mit einer Bezeichnung zu versehen, die sich von den anderen medienjournalistischen Ausprägungen deutlich abhebt.

„Da Journalismus stets Medienarbeit ist, macht der Begriff nur dann Sinn, wenn damit das journalistische Tätigkeitsfeld eingegrenzt wird, das sich inhaltlich mit Medien und somit eben auch mit Journalismus beschäftigt. Logisch weitergedacht wäre dann eine […] zu entwickelnde Unter- und Spezialkategorie des Medienjournalismus mit ‚Journalismusjournalismus’ zu bezeichnen.“ (Ruß-Mohl, 1997a, S.193)

Medienjournalismus kann theoretisch in allen Medien stattfinden. In der Praxis konzentriert sich die Medienberichterstattung allerdings auf die Presse. Es gibt zwar medienjournalistische Formate im Rundfunk, so zum Beispiel „Zapp“ im NDR oder das „Medienmagazin“ auf radioEins, doch die Verbreitung ist im Vergleich eher gering.[5]

2.3. Der aktuelle Forschungsstand

Im Zusammenhang mit dem Thema Medienjournalismus fallen häufig die Begriffe „Goldklumpen“ oder „Goldgräberstimmung“ (Wildermuth, 1981, S.20). Dass es in den letzten fünf bis zehn Jahren zu einer starken Entwicklung von Medienseiten in Zeitungen und Zeitschriften gekommen ist und sich auch die Wissenschaft mit diesem journalistischen Thema eingehender befasst, ist nicht abzustreiten. Trotzdem ist die Bezeichnung Goldgräberstimmung ein wenig übertrieben und kritisch zu betrachten. Nicht nur, dass die Medienseiten in den Redaktionen noch häufig eines der letzten Glieder in der Kette sind und ihnen derzeit aufgrund der Medienkrise vermutlich als erste die Einstellung droht, auch die Forschung steht im Vergleich zu anderen Themenfeldern noch am Anfang, was vor allem an der forschungsbedingten Zeitverzögerung liegt. So gibt es bislang nur wenige Studien, die sich ausschließlich mit dem Thema Medienjournalismus beschäftigen.

Ein wesentlicher Schritt zur Beachtung des Medienjournalismus in der Wissenschaft ging von der Forschungsarbeit von Otfried Jarren und Rüdiger Bendlin Ende der Achtziger (vgl. Jarren/Bendlin, 1987) aus. Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung wurden 24 Zeitungen nach der Einführung des dualen Rundfunksystems untersucht. Jarren und Bendlin kamen zu dem Ergebnis, dass es noch keine umfassende und kontinuierliche Medienberichterstattung gibt. Es waren lediglich Fernseh- und Hörfunkseiten vorhanden, Medienthemen wurden zu gegebenem Zeitpunkt auf die klassischen Ressorts verteilt. 1989 legte Bendlin aufbauend auf dieser Untersuchung seine Magisterarbeit vor (vgl. Bendlin, 1989). Mit Hilfe einer Befragung von Redakteuren ausgewählter deutscher Tageszeitungen kam er zu ähnlichen Ergebnissen wie zwei Jahre zuvor.

Ebenfalls eine Magisterarbeit schrieb Holger Kreitling Mitte der Neunziger in Berlin (vgl. Kreitling, 1996). Kreitling befragte 14 Medienjournalisten zu ihrem Selbstverständnis, ihren Arbeitsweisen und ihren Problemen. Er stellte hierbei eine Ausweitung der medienjournalistischen Printberichterstattung, bei Medienjournalisten aufgrund der Sonderstellung eine Kritikscheu[6] und eine geringe Beachtung von kommunikationswissenschaftlichen Ergebnissen innerhalb der Medienberichterstattung fest.

Weitere wichtige Beiträge und Aufsätze sind in dem Sammelband „Perspektiven der Medienkritik“ (vgl. Weßler, 1997), in dem auch Medienjournalismus thematisiert wird, zu finden. In diesem Sammelband haben viele bereits erwähnte Autoren Beiträge geschrieben, die sich sowohl mit den Chancen als auch mit den Risiken des Medienjournalismus sowie den Möglichkeiten einer Qualitätssicherung beschäftigen. Entscheidende Ergebnisse lieferten Udo Michael Krüger und Karl H. Müller-Sachse 1998 (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998). Sie stellen in ihrer Monographie fest, dass der Kreis der Experten, der so genannte „inner circle“, immer noch sehr klein ist, der größte Teil des Medienjournalismus in den Printmedien stattfindet, sich aber inzwischen ungefähr vier Fünftel der Medienberichterstattung medienspezifisch ressortiert hat. Das restliche Fünftel verteilt sich derweil auf die anderen Ressorts.

Auf die Probleme, die zwischen Medienjournalismus und Medien-PR herrschen, gehen die Werke „Medien auf der Bühne der Medien“ (vgl. Ruß-Mohl/Fengler, 2000) und „Medienjournalismus und Medien-PR“ (vgl. Jüngling/Schultz, 2000) ein. Es werden hier besonders die Probleme der Distanz und Instrumentalisierung der Medienjournalisten sowie der Konflikt des Crossowner-Ships herausgearbeitet.[7]

Neben diesen komplex angelegten Untersuchungen sind einige Artikel in Fachzeitschriften erschienen. Diese beschäftigen sich des Öfteren mit Teilaspekten des Medienjournalismus. Besonders hervorgetan haben sich hier Stephan Ruß-Mohl und Lutz Hachmeister, die sich mit der Qualitätssicherung, den Konfliktpotenzialen und Anforderungen des Medienjournalismus beschäftigen. Außerdem sind Thomas Quast (vgl. Quast, 1998 und 1999), Cornelia Bolesch (vgl. Bolesch, 1992a und 1992b) und Ernst Elitz (vgl. Elitz, 1997) zu erwähnen. Die beiden Letztgenannten geben die Sichtweise von Praktikern wieder und verdeutlichen den Zwiespalt, in dem sich Medienjournalisten befinden, zum einen den journalistischen Erwartungen, zum anderen den Interessen des Verlages gerecht zu werden.

Abschließend kann gesagt werden, dass das Forschungsfeld Medienjournalismus noch jung und überschaubar ist. Ähnlich sieht es in der Praxis aus: „Medienberichterstattung findet in Deutschland heute hauptsächlich in der Presse statt. Medienjournalismus in Fernsehen und Hörfunk wird zwar häufig gefordert, jedoch wenig praktiziert.“ (Pickl, 1998/1999, url) Es ist somit zu hoffen, dass in Zukunft sowohl bei Wissenschaftlern als auch bei Praktikern eine Goldgräberstimmung aufkommt, um die Potenziale, welcher der Medienjournalismus bietet, sinnvoll einzusetzen.[8]

2.4. Die historische Entwicklung des deutschen Medienjournalismus

So wie sich der heutige Medienjournalismus darstellt, bedurfte es eines langen Entwicklungsprozesses, der von äußeren Umständen wie der technischen Entwicklung maßgeblich beeinflusst wurde. In diesem Kapitel wird zwar nur bruchstückhaft auf die Historie eingegangen, aber es sollen im Folgenden dennoch die wichtigsten Entwicklungsstränge des Medienjournalismus in der Presse dargestellt und besprochen werden.

2.4.1. Die Wurzeln des Medienjournalismus

Ursprünglich diente die Zeitung der reinen Nachrichtenübermittlung. Aber durch die Aufnahme „raisonierter Formen“ (Hömberg, 1983, S.194) löste sich diese starre Form mehr und mehr auf. Kritik, vornehmlich in Form von Buchrezensionen oder Theater- und Konzertkritik, gehörte zum Inhalt der Presse des späten 17. und des 18. Jahrhunderts. Was für die Zeitung neu war, gehörte für die Zeitschriften bereits zum täglichen Geschäft. Im französischen Raum nahm das „Journal des Savants“ eine Vorreiterrolle ein. In Deutschland machte um 1682 Otto Mencke mit den „Acta eduritorium“ und später Gotthold Ephraim Lessing mit seinen Buchkritiken in der „Berlinischen Privilegierten Zeitung“ von sich reden (vgl. Haacke, 1969, S.241).

Die Hereinnahme rezensierender und populärwissenschaftlicher Beiträge führte nicht nur zu einer Auflösung der ausschließlichen Nachrichtenübermittlung der Zeitung, sondern auch zur Herausbildung des späteren Feuilletons. Die medienkritischen Beiträge wurden zwar im Hauptblatt platziert, aber grafisch mit einem Strich vom politischen Teil abgegrenzt. Deshalb wurde das Feuilleton auch als Ressort „unter dem Strich“ (Hömberg, 1983, S.194) bezeichnet. Obwohl besagte Medienkritik den feuilletonistischen Teil einer Zeitung beherrschte, gab es durchaus auch Publizisten, die sich nicht nur mit Aufführungen, Büchern und später Sendungen beschäftigten, sondern auch mit den Auswirkungen von Journalismus und Medien auf die Gesellschaft. Zu nennen wären hier beispielsweise Ludwig Börne, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus und Theodor Adorno. In Anlehnung an Emil Dovifat, kann von ‚publizistischen Persönlichkeiten’ gesprochen werden, die literarisch-kritische Texte in den Medien und über die Medien veröffentlichen (vgl. Roß, 1997, S.28-45). Die Historie des Feuilletons und seine Kritik zeigen, dass die sich daraus entwickelnde Film- und Fernsehkritik auf der Tradition der Kunstkritik basiert (vgl. Hickethier, 1997, S.67).

2.4.2. Die Etablierung der Radio- und Fernsehkritik

In der Weimarer Republik etablierte sich erstmals der Hörfunk als ein neues Medium, und mit ihm die erste Hörfunk-Programmzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“, in der nicht nur Programmankündigungen abgedruckt, sondern auch technische Fragen zum Radio beantwortet wurden (vgl. Wagenführ, 1988, S.13). Die Nationalsozialisten erkannten das neue Medium als ideales Propaganda-Verbreitungsmittel und instrumentalisierten sowohl den Hörfunk als auch die Presse dahingehend. Aufgrund der medialen Gleichschaltung unter dem Propagandaminister Goebbels ist die Medienkritik zur Zeit des Nazi-Regimes dementsprechend gefärbt und kritisch zu betrachten. Unter Ausklammerung der propagandistischen Ausrichtung kann aber gesagt werden, dass Kritik weiterhin stattfand und sich inhaltlich weiterentwickelte. 1935 eröffnete der „Fernseh-Versuchsdienst“, der nur in wenigen ausgewählten Städten zu empfangen war. Trotz der Vorbehalte und der Angst vor einer neuen Konkurrenz druckten einige Radiozeitungen Fernsehkritiken ab (vgl. a.a.O., S.17). In diesem Zusammenhang erachtet der Fernsehkritiker Kurt Wagenführ die Aufgabe der damaligen Journalisten als sehr umfassend, da sie über technisches Wissen, deren kritische Anmerkungen bis hin zu der Kenntnis über Finanzierungsmöglichkeiten verfügen mussten (vgl. Wagenführ, 1988, S.18). In der Tagespresse kam die Sachkompetenz der Journalisten allerdings kaum zum Einsatz, denn in den meisten Fällen wurden lediglich Programmvorschauen abgedruckt.

Die Fernsehkritik, und mit ihr Kurt Wagenführ und Barbara Krieg, stellten einen entscheidenden historischen Abschnitt auf dem Weg zum Medienjournalismus dar. Wagenführ war nicht nur der erste Fernsehkritiker Deutschlands, sondern auch Leiter des rundfunkwissenschaftlichen Instituts am zeitungswissenschaftlichen Lehrstuhl Emil Dovifats und Rundfunkkritiker für das „Berliner Tageblatt“, in dem sich ab Mitte der Dreißiger die ersten Fernsehkritiken von ihm lesen ließen. Die erste nicht propagandistisch gefärbte Fernsehkritik in einer Tageszeitung, initiiert und geschrieben von Wagenführ, erschien am 9.März 1950 im „Hamburger Echo“ (vgl. Hickethier, 1994, S.127). Mit dem Start des Fernsehens kam es auch zur allmählichen Etablierung der Fernsehkritik. Zunächst schrieben Fernsehkritiker für Fachdienste wie „Kirche und Rundfunk“ oder die „FUNK Korrespondenz“. In der Tagespresse hatten es die Fernsehkritiker schwerer, ihre Tätigkeit ging häufig nicht über profane Programmankündigungen oder Einzelkritiken hinaus. Das lag vor allem an der anfangs geringen Verbreitung des Mediums Fernsehen und an dem schlechten Ruf, welchen das neue Medium in den Kulturredaktionen genoss. Fernsehkritiker hatten derzeit mit Missachtung und Hohn zu kämpfen, denn die Theater- und Kunstkritiker sahen in dem Medium lediglich eine Möglichkeit, die Massen zu unterhalten und somit keinerlei Grund, ihren Kollegen einen angemessenen Raum im Feuilleton zur Verfügung zu stellen (vgl. ebd.). Mit der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens etablierte sich auch dessen Kritik zusehends. So hat beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ ihre erste Fernsehkritik bereits im Jahre 1955 abgedruckt, aber erst 1969 ihre Seite „Fernsehen und Hörfunk“ eingerichtet (vgl. a.a.O., S.145). Barbara Krieg legte in diesem Zusammenhang 1959 eine Untersuchung von 53 Tageszeitungen vor, wovon 34 regelmäßig oder unregelmäßig Fernsehkritiken druckten (vgl. Krieg, 1959, S.224).

Während in der ersten Hälfte der Fünfziger hauptsächlich einzelne Sendungen besprochen beziehungsweise kritisiert wurden, kam es in der zweiten Hälfte zu Sammelkritiken und in Folge der Entwicklung des Fernsehens als Leitmedium Anfang der Sechziger zu täglich erscheinenden Fernsehkritiken (vgl. Hickethier, 1994, S.145). Im Feuilleton kam es somit auch zu einer Spezialisierung der Journalisten - aus den Generalisten wurden Spezialisten für einzelne Medien. Der medienkritische Umgang fiel den Fernsehjournalisten anfangs schwer, da sie an die klassische Kunst- oder Theaterkritik gewöhnt waren. Sie versuchten das Fernsehen auf eine Stufe mit der vorher da gewesenen Hochkultur zu stellen, wobei der spezifische Charakter des Fernsehens als Massenunterhaltungsmedium oftmals verloren ging (vgl. Hall, 1988, S.160). Wilmont Haacke beschreibt diese Art der Medienkritik im Jahre 1969 als „eine […] neue, noch selten geübte Form des Bewertens von Fernsehdarbietungen“ (Haacke, 1969, S.242).

Trotz oder gerade wegen der rasanten Entwicklung des Fernsehens und seinem zunehmenden Erfolg, befanden sich des Weiteren die Verleger in einer Art Zwickmühle. Auf der einen Seite mussten und wollten sie ihren Lesern, die ebenfalls Fernsehzuschauer waren, mit ihrer Berichterstattung gerecht werden, auf der anderen Seite sahen sie in dem neuen Medium eine Konkurrenz, die sie nicht mit zusätzlicher Berichterstattung fördern wollten. Anfang der Siebziger waren diese Ängste verschwunden, ein Bewusstseinswandel hatte sich laut Elisabeth Noelle-Neumann bei den Chefredakteuren der Tageszeitungen vollzogen. Sie erkannten, dass „ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, sich mit dem Fernsehen auseinanderzusetzen, und erfolgreicher Entwicklung der Auflage“ (Noelle-Neumann, 1988, S.30) besteht. Durch die Professionalisierung der Journalisten etablierte sich nicht nur eine Fernsehkritik mit erkennbarem Profil, sondern auch der Grundstein des zukünftigen Medienjournalismus. Im Zuge dieser Entwicklung kam es allerdings aus medienkritischer Perspektive zu einer starken Vernachlässigung des Hörfunks und der Presse.

2.4.3. Der „neue“ Medienjournalismus im Zeitalter des dualen Rundfunks

Mit der Einführung des dualen Rundfunkssystems 1984 kam es zu einem ‚medienjournalistischen Ruck’ oder wie es Krüger/Müller-Sachse formulieren, zu einem „Urknall“ (Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.109). Die Zahl der Fernseh- und Radioprogramme stieg rapide an, und immer mehr Zeitungsverleger engagierten sich im privaten Rundfunkmarkt. Jeder wollte sich an diesem neuen Wirtschaftszweig beteiligen, woraus sich ein unüberschaubares Feld an Neugründungen und ökonomischen Verstrickungen ergab. Damals wusste keiner so recht, wo der Weg der neuen Generation Rundfunk hinführen wird, aber es war klar, dass jegliche Entwicklung beobachtet, dokumentiert und kritisiert werden musste. Dies erkannten auch die Redaktionen und so war es naheliegend, dass vorhandene Fernsehkritiker zu Medienjournalisten avancierten oder sich Politik- und Wirtschaftsjournalisten mit dem Schwerpunkt Medien auseinander setzten. Der duale Rundfunk wurde zur „alles entscheidenden Veränderung für den Medienjournalismus“ (Anschlag, 1997, S.161) und veränderte auch die Presse nachhaltig. Bereits bestehende Fernsehseiten wurden zu Medienseiten umfunktioniert und Zeitungen, die eher eine geringe Programmberichterstattung betrieben, weiteten ihr Angebot aus. Es wurden also zukünftig nicht nur Programmvorschauen abgedruckt und sich in der Berichterstattung auf das Fernsehen beschränkt, sondern auch alle anderen Medien und vor allem ihre politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie Hintergründe und Motive ins Blickfeld gerückt. Durch diese strukturelle und inhaltliche Umwandlung änderte sich auch die Funktion des Medienjournalismus: „Das ganze System der Medien – Politik, Ökonomie, internationale Verstrickungen – dominieren nun die Analyse, die Kritik von Inhalten und Produkten spielt eine untergeordnete Rolle. Weit hat sich diese Medienkritik vom klassischen Feuilleton, vom Vorbild der Theater-, Film-, Buchkritiken gelöst.“ (Hermann, 1997, S.9) Beinhaltete der ‚alte’ Medienjournalismus in erster Linie eine Medienkritik, also die Beobachtung einzelner Produkte mit dem Ziel der Wertung und Rezeptionskontrolle, thematisiert der ‚neue’ Medienjournalismus vor allem das Mediensystem an sich. Aus einer ausschließlich fernsehkritischen Berichterstattung ist demnach ein Medienjournalismus entstanden, der versucht, neben der klassischen Programmbeobachtung auch ökonomische Verflechtungen, Konzentrationsprozesse und Hintergründe des Mediensystems darzustellen sowie das journalistische Handwerk, Motive und Qualität zu thematisieren. Es hat sich zwar viel im medienjournalistischen Sektor getan, aber noch scheint der Prozess nicht abgeschlossen, konstatiert Dieter Anschlag. Die richtige Mischung aus ‚altem’ und ‚neuem’ Medienjournalismus zu finden, sei so unmöglich wie einen „Intendanten aus Helmut Thoma und Dieter Stolte zu clonen“ (Anschlag, 1997, S.162f.). Sicher kann anhand dieses historischen Abrisses nicht die gesamte Bandbreite der Entwicklung des Medienjournalismus nachgezeichnet werden, aber er kann verdeutlichen, wo der heutige Medienjournalismus seine Wurzeln und Motive hat. Momentan ist es noch nicht möglich, eine abschließende Geschichtsschreibung vorzunehmen, denn dafür ist dieses Feld noch zu jung, zu unerforscht und noch in einer zu starken Entwicklungs- und Umbruchphase.

2.5. Systemtheoretischer Kontext des Medienjournalismus

Um die Komplexität und Bedeutung des Journalismus und im Speziellen des Medienjournalismus erfassen zu können, reicht es nicht, sich lediglich auf die Praxis und deren Handlungsmuster zu beziehen. Vielmehr bedarf es einer kommunikationswissenschaftlichen Einordnung, um die Potenziale und Zusammenhänge genauer betrachten zu können. Zu diesem Zweck soll im Folgenden die Systemtheorie von Niklas Luhmann herangezogen werden.

2.5.1. Journalismus als soziales System

Nachdem sich die Systemtheorie in der Kommunikationswissenschaft etablierte, beschäftigte sich der Soziologe Niklas Luhmann 1996 mit der Theorie in ihrer Anwendbarkeit auf die Massenmedien. Er betrachtet die Medien nicht mehr nur als reine Informationsvermittler, sondern als soziales System, welches von einer Vielzahl von anderen Systemen umgeben ist, die in Beziehung zueinander stehen (vgl. Luhmann, 1996).

Ein soziales System ist laut Luhmann dadurch charakterisiert, dass „Handlungen mehrerer Personen sinnhaft aufeinander bezogen werden und dadurch in ihrem Zusammenhang abgrenzbar sind von einer nicht dazugehörigen Umwelt“ (Luhmann, 1982, S.9f.). Das heißt die Systemtheorie betrachtet die gesamte Welt mittels Systeme, wobei jedes System alle Elemente bezeichnet, die in einer Beziehung zueinander stehen und in einen Sinnzusammenhang gebracht werden können. Die Außenwelt, welche ebenfalls aus einzelnen Systemen besteht, wird als Umwelt bezeichnet, die durchaus Einfluss nehmen und Schnittstellen aufweisen kann. (vgl. Faulstich, 1991, S.153). Jedes System ist autopoietisch[9], das heißt es ist selbstproduktiv und erzeugt stetig neue Systemelemente. Die Fähigkeit der Selbsterneuerung verleiht dem System aufgrund seiner Unabhängigkeit gegenüber der Umwelt eine „innere Autonomie“ (Kreitling, 1996, S.21). Journalismus ist also ein soziales System, welches sich autopoietisch verhält und umgeben ist von einer Systemumwelt.

Nach Luhmann bestehen nun diese sozialen Systeme, auch das System Journalismus, nicht aus einer Anreihung von Handlungen, sondern aus Kommunikation. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft wird durch das System Journalismus ermöglicht. Das heißt die Teilsysteme kommunizieren untereinander mit Hilfe oder über das System Journalismus, indem sie Massenmedien (be)nutzen, womit die Medien und letztendlich der Journalismus zum Be- und Zustand des gesellschaftlichen Gesamtsystems beiträgt (vgl. Faulstich, 1991, S.168). Erkennbar wird hier das entscheidende Charakteristikum des sozialen Systems Journalismus. Es ist in sich geschlossen und nicht fester Bestandteil eines Systems seiner Umwelt, es geht mit den Begebenheiten aus seiner Umwelt nach eigenen Kriterien und eigenen Selektionsprozessen um. Durch das System Journalismus beziehungsweise seine Medien ist also erst ein Diskurs in der Gesellschaft möglich, wobei die Regeln, was, wann und wie kommuniziert wird, von dem System Journalismus selbst bestimmt werden. Diese Tatsache hat laut Luhmann zur Folge, dass die abgebildete Realität von einer Doppeldeutigkeit geprägt ist. Die Medien müssen eine „Realität konstruieren, und zwar im Unterschied zur eigenen Realität noch eine andere“ (Luhmann, 1996, S.16). Diese von Luhmann so genannte ‚zweite Realität’ ist also das Produkt von Selektions- und Bearbeitungsprozessen durch Journalisten und genau die Realität, die in den Medien konstruiert und von der Systemumwelt wahrgenommen wird. Die ‚erste Realität’ werde ausschließlich von dem System Journalismus wahrgenommen.

In diesem Zusammenhang wird die Funktion des Journalismus[10] deutlich: Die „Herstellung und Bereiststellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ und die „Reduktion von Komplexität“ (a.a.O., S.46), womit der Gesellschaft der Zugang und eine Entscheidungsfindung erleichtert werden soll. Die Systemumwelt partizipiert ebenfalls an der massenmedialen Kommunikation, denn Medien sammeln ihre Informationen aus den sie umgebenen Systemen, wählen sie aus, bearbeiten sie und stellen sie der Umwelt wieder zur Verfügung. Durch diesen Prozess verschafft sich die Politik Gehör, wird aus der Wirtschaft berichtet und über wichtige gesellschaftliche Ereignisse informiert. Obwohl das System Journalismus an und für sich unabhängig ist, kommt es aufgrund dieser Wechselbeziehung zu anderen Systemen zu einer gegenseitigen Abhängigkeit, denn auf der Seite der Medien werden die Informationen benötigt, um überhaupt berichten zu können und auf der Seite der Systemumwelten sind die Medien notwendig, um von allen anderen Systemen und der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.

Das System Journalismus wirkt aber nicht nur nach außen. Es besteht selbst aus mehreren Ebenen und wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. An dieser Stelle soll auf das Zwiebelmodell von Siegfried Weischenberg (vgl. Weischenberg, 1994b, S.431) zurückgegriffen werden, anhand dessen er die Einflussfaktoren auf das System Journalismus darstellt. Die äußere Schale symbolisiert die Normen und Rahmenbedingungen der einzelnen Mediensysteme. Die zweite Schale stellt die Medieninstitutionen dar. Sie zeigt die Strukturzusammenhänge des Systems Journalismus mit seinen ökonomischen, politischen, organisatorischen und technologischen Zwängen. Die innerste Schale steht für die Medienaussagen und somit für die Leistungen und Wirkungen des Journalismus. Der Zwiebelkern versinnbildlicht zu guter letzt die Medienakteure, also die Journalisten selbst, und ihren Rollenzusammenhang (vgl. ebd.). Hierin liegt zugleich die wesentliche gedankliche Erweiterung Weischenbergs. Die klassische Systemtheorie betrachtet die Funktion, Leistung und Struktur des Systems Journalismus unabhängig von seinen Medienakteuren, während sie in Weischenbergs Zwiebelmodell den Kern ausmachen.

Grafik 1: Zwiebelmodell nach Siegfried Weischenberg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Weischenberg, 1994b, S.431.

2.5.2. Medienjournalismus und seine Akteure als Teil des Systems

Medienjournalismus beziehungsweise das Medienressort ist ein Teilsystem des Systems Journalismus. Die Bildung dieses Teilsystems geht einher mit der grundsätzlichen Entwicklungsgeschichte der Ressortbildung in den Medienredaktionen. So lässt sich feststellen, dass parallel zur Entstehung eines neuen Funktionssystems in der Gesellschaft ein neues Ressort innerhalb der Redaktionen herausgebildet wurde. Je komplexer die Umwelt und je unübersichtlicher die damit verbundene Flut an Informationen, desto dringender ist der Bedarf an redaktionellen Strukturen anhand welcher die Journalisten das hereinkommende Material sortieren konnten. Um also einer gestiegenen Umweltkomplexität zu begegnen, steigert sich auch die Binnenkomplexität, indem stärker differenziert wird. Die primäre Aufgabe vorhandener Ressorts wie zum Beispiel Politik, Wirtschaft und auch Medien ist also die „Themenbündelung“ (vgl. Blöbaum, 1994, S.205). „Eine zunehmende Komplexität der Umwelt bedingt eine zunehmende Eigenkomplexität des Systems; dadurch wächst die Fähigkeit zur Komplexitätsreduzierung.“ (Kreitling, 1996, S.25) Doch der wohl wichtigste Grund für die Entstehung von Medienressorts und Medienseiten ist neben der gestiegenen Bedeutung der Medien, die Funktion und Relevanz der Medien für die Gesamtgesellschaft[11].

Die Einrichtung eines eigenen Medienressorts ist nicht selbstverständlich, obwohl die Vorteile auf der Hand liegen. Medienthemen müssen nicht je nach inhaltlicher Ausrichtung anderen Ressorts zugeteilt und somit verstreut platziert werden. Dadurch werden die Informationen thematisch gebündelt, was dem medieninteressierten Leser die Lektüre erleichtert. Trotzdem verfügen auch bis heute nicht alle Zeitungen über ein eigenes Medienressort. Die Einrichtung einer Medienredaktion hat zum einen mit der Bedeutungsbemessung, die eine Redaktion den Medien zukommen lässt, zu tun und zum anderen mit den finanziellen Mitteln des Medienunternehmens. Das Medienressort ist also ein „Schwellenressort“ (Hömberg, 1990, S.142), und somit ist es nicht verwunderlich, dass vor allem große und finanzstarke Medienunternehmen über eine eigene Medienredaktion verfügen. Ferner bietet das Medienressort die Möglichkeit zur Berichterstattung in eigener Sache[12].

Obwohl eigenständige Medienressorts oder -redaktionen natürlich organisatorisch zur Redaktion des jeweiligen Mediums gehören, nehmen sie aufgrund ihrer Aufgabe, der kritischen Beobachtung des Journalismus, eine Art Zwitterstellung ein. Nach Kreitling „lassen sich nicht eindeutig und ausschließlich den Redaktionen zuordnen – auch wenn die Redaktionen selbst dies natürlich anders sehen“ (Kreitling, 1998, S.32). Medienjournalismus ist also sowohl Teil des Systems Journalismus als auch ein Teil seiner Umwelt, und richtet den Blick sowohl nach innen als auch nach außen. Niklas Luhmann bezeichnet die Medienredaktionen treffend als „Grenzstellen“, die immer dann gegeben sind, wenn „das System intern so stark differenziert ist, dass der Verkehr mit Außenstehenden nicht in gleicher Weise Sache aller Mitglieder ist, sondern besonderen Stellen aufgetragen wird“ (Luhmann, 1995, S.221). Das Besondere an Medienredaktionen als Grenzstellen ist, dass sie die Umwelt und das eigene System kritisch beobachten und sich letztendlich das System beziehungsweise die Medien selbst auf den Medienseiten nach außen darstellen können. Medienjournalisten sitzen demnach ‚zwischen zwei Stühlen’: Sie sind sowohl Mitglieder als auch Beobachter des Systems Journalismus und stehen auch noch gegenüber dem Verleger in der Verantwortung[13].

Die Selbstbeobachtung bietet zwar viele Chancen, hat aber auch ihre Tücken. Es besteht lediglich eine Beobachtung aus zweiter Reihe, wenn die Medienjournalisten nicht die Beobachtung an sich beziehungsweise die Beobachter beim Beobachten beobachten. Luhmann nennt dieses Phänomen schlicht den „blinden Fleck“ (Luhmann, 1990, S.16). Um den blinden Fleck zu beseitigen, müssten also die Beobachter und ihre Tätigkeit im Fokus stehen. Damit würde sich eine Beobachtung aus dritter Reihe, sozusagen ein ‚Journalismus-Journalismus’ ergeben. Hier und in der kritischen Selbstbeobachtung liegt ein deutliches Defizit des täglichen Medienjournalismus. Medienjournalisten nehmen nicht nur in den meisten Fällen die Beobachtung aus der zweiten Reihe ein, sie kritisieren auch kaum das eigene Medium beziehungsweise das eigene Blatt.[14] Selbstreflexion und nicht Selbstreferentialität sollte deshalb das Ziel sein. Der entscheidende Unterschied besteht im Umgang und der Thematisierung der Medienthemen. Selbstreferentialität besteht bereits dann, wenn Medien andere Medien bloß erwähnen. Selbstreflexion meint eine kritisch-analytische Betrachtungsweise der Medien und ihrer Handlungen (auch des eigenen Mediums) aus einer objektiven Perspektive (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.237). Solange lediglich aus zweiter Reihe und mit einer Scheu vor Selbstkritik berichtet wird, bleibt auch der ‚blinde Fleck’ bestehen.

3. Funktion und Zielgruppen des Medienjournalismus

Who is watching the watchdogs oder wer kontrolliert die Kontrolleure? Medien oder auch die ‚vierte Gewalt’ im Staate stellen durch ihre Berichterstattung einen wichtigen Faktor für das Funktionieren von Demokratie dar. Sie beobachten die Gesellschaft und die Politik, decken Missstände auf und ‚schauen den Mächtigen auf die Finger’. Dass Medien somit eine wichtige und bedeutende Rolle zukommt, sie aber auch Fehler machen und manchmal instrumentalisiert werden, verdeutlicht die Notwendigkeit gewisser Kontrollinstanzen. Wer aber kann diese Funktion übernehmen? Lediglich die Medien selbst können sich und andere Medien kontrollieren, den so genannten ‚blinden Fleck’ aufdecken. Die Medien als Selbstkontrollinstanz, vielleicht sogar als ‚fünfte Gewalt’ – Welche Potenziale, welche Gefahren verbergen sich dahinter, und wie sehen sich die Medienjournalisten selbst? Fragen, mit denen sich dieses Kapitel versucht auseinander zu setzen.

3.1. Medienjournalismus in deutschen Printmedien

Dieses Kapitel sowie die gesamte vorliegende Arbeit konzentrieren sich auf den Medienjournalismus in deutschen Printmedien. Das ist auf die geringe Anzahl medienjournalistischer Formate im Rundfunk, dem Untersuchungsgegenstand (der Fachzeitschrift „message“) und auf die Tatsache zurückzuführen, dass Medienjournalismus hauptsächlich in der Presse stattfindet. Vorwegnehmend sei erwähnt, dass Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazine in erster Linie das Medium Fernsehen medienjournalistisch betrachten. Das liegt nicht nur an der starken gesellschaftlichen Rezeption dieses Mediums, sondern auch an der Scheu, sich mit der eigenen Profession beziehungsweise mit der eigenen Mediengattung zu befassen. Ein kurzer Exkurs über den Medienjournalismus im Rundfunk soll das Bild des Medienjournalismus in Deutschland vervollständigen.

Die Kategorisierung unter 3.1.1. und 3.1.2. basiert auf die Einteilung von Krüger/Müller-Sachse. Sie teilen den Medienjournalismus in drei Funktionsbereiche ein:

1. Medienjournalismus für eine Fachöffentlichkeit

2. Medienjournalismus für die allgemeine Öffentlichkeit und

3. Medienjournalismus für das Fernsehpublikum (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.16ff)

Der Medienjournalismus für eine Fachöffentlichkeit wird an dieser Stelle nicht tiefergehend behandelt, da der Medienfachjournalismus mit seinen Funktionen und seiner Leserschaft unter Kapitel 4 eingehend besprochen wird. Da Programmankündigungen für ein Fernsehpublikum nur noch im entferntesten Sinne etwas mit Medienjournalismus zu tun haben, wird im Rahmen dieser Arbeit auf eine weitergehende Behandlung verzichtet. Auf ihre Serviceleistung wird kurz unter 3.1.2. eingegangen.

3.1.1. Medienjournalismus für eine Fachöffentlichkeit

Von dem Medienjournalismus, wie er in Tages- und Wochenzeitungen stattfindet, unterscheidet sich der Medienfachjournalismus. Er findet in der Regel in medienbezogenen Fachzeitschriften statt, die mit ihrer kleinen Auflage eine spezielle Zielgruppe ansprechen wollen (vgl. ebd.). Nicht nur Medienfachzeitschriften betreiben Medienjournalismus, auch die Presse- oder Medieninformationsdienste, Verbandstitel, wissenschaftliche Fachblätter und Branchentitel fallen unter diese Rubrik. Als Beispiele sind hier die Medienfachpublikationen „text intern“, der „Kontakter“ oder der „journalist“ zu nennen.

Medienfachtitel richten sich in erster Linie an die Entscheider und somit an die Multiplikatoren in der Medienbranche, wodurch sie häufig zur Informationsquelle für Universalmedien werden.[15] Medienbezogene Fachtitel verfügen über Journalisten mit Expertenwissen und haben deshalb, und wegen ihrer Erscheinungsweise (von wöchentlich bis jährlich), die Möglichkeit, Hintergründe intensiv zu recherchieren, Zusammenhänge darzustellen und Ereignisse kritisch-analytisch zu beleuchten. So kommt es vor, dass Textpassagen aus Medienfachtiteln zitiert oder manche Themen von Journalisten aus den Medienressorts von Tages- oder Wochenzeitungen auch erst aufgegriffen werden. Die Autoren der Medienfachtitel sind häufig auch für Universalmedien tätig, was den Kreis der Experten sehr klein werden lässt. Krüger/Müller-Sachse sprechen in diesem Zusammenhang von einem „inner circle“ (Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.17) der Medienpublizistik. Obwohl keine genaue Zahl der aktiven Medienjournalisten existiert, schätzen die beiden Forscher ihre Anzahl auf zwei- bis dreihundert (vgl. ebd.).

3.1.2. Medienjournalismus für die breite Öffentlichkeit

Wie bereits im Vorfelde angekündigt, werden unter diesem Punkt sowohl Programmzeitschriften als auch tages- und wochenaktuelle Publikationen, in denen ein weniger spezifischer Medienjournalismus für eine wesentlich größere Leserschaft stattfindet, summiert.

Die Berichterstattung in Programmzeitschriften wird also ebenfalls zum Medienjournalismus gezählt, denn die bloße Thematisierung von Medien in Medien ist Medienjournalismus im weitesten Sinne. Programmzeitschriften beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Medium Fernsehen und bieten ihrer Leserschaft quasi Serviceinformationen rund ums Fernsehen, was in den meisten Fällen Programmankündigungen und TV-Kritiken sind. Krüger/Müller-Sachse sprechen in diesem Zusammenhang von einem „reduktionistischen Verhältnis zur Medienkritik“ (Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.20) und weisen darauf hin, dass der vermeintliche Medienjournalismus vielfach in die Nähe von Werbung und PR für bestimmte Fernsehsender rückt. Sie würden eine Dienstleistungsfunktion übernehmen, die eigentlich in den Aufgabenbereich des Veranstalters falle (vgl. a.a.O., S.19) . Aufgrund der starken Verbreitung von Programmzeitschriften stellen sie also „in mehrfacher Hinsicht das einflussreichste Segment einer medienbezogenen Publizistik“ (ebd.) dar. Bei der tagesaktuellen Presse bietet sich ein vielfältigeres Bild. Die Bandbreite reicht von bloßer Programmvorschau bis zum kritisch-analytischen Medienjournalismus. Doch obwohl inzwischen viele Tages- und Wochenzeitungen sowie Nachrichtenmagazine ein Medienressort eingerichtet haben, ist es, wie bereits erwähnt wurde, ein „Schwellenressort“ (Hömberg, 1990, S.142), das sich vor allem die großen und finanzstarken Zeitungen leisten. In Regional- und Lokalblättern findet sich demnach häufig überhaupt keine Medienseite oder aber lediglich abgedruckte Agenturtexte, die nicht als kritisch-analytischer Medienjournalismus betrachtet werden können (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.18).

Übergreifend betrachtet, gibt es zwei Möglichkeiten der Medienberichterstattung: Medienjournalismus als Querschnittsthema oder anhand des integrativen Konzepts. Das integrative Konzept sieht vor, Medienthemen auf einer Seite zu bündeln, während Medienjournalismus als Querschnittsthema, die Medienthemen je nach Ressortzugehörigkeit über das ganze Blatt verteilt (vgl. Kreitling, 1997, S.131). In beiden Fällen werden, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, die Medienthemen von mehreren Ressorts bearbeitet, was einen „Ressortegoismus“ entstehen lassen kann (vgl. Heinzelmann, 1988, S.87).

Krüger/Müller-Sachse differenzieren mit ihrem Institutionalisierungsmodell vier Zuständigkeitsbereiche für Medienthemen:

1. keinen festen Zuständigkeitsbereich, die Medienthemen werden vom jeweils betreffenden Ressort bearbeitet

2. die Zuständigkeit ist definiert, Medienthemen fallen dem Politik- oder Kulturressort zu

3. die Zuständigkeit liegt bei einer definierten Fernsehredaktion, die sich hauptsächlich um Programmseiten kümmert

4. die Zuständigkeit liegt beim Medienressort, die Medienthemen werden auf einer eigenen Medienseite veröffentlicht (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.25f).

Folgt man Krüger/Müller-Sachse dann werden Medienthemen am häufigsten von einer Fernsehredaktion bearbeitet, am zweithäufigsten vom Politik- oder Kulturressort. An dritter Stelle steht „kein fester Zuständigkeitsbereich“. In diesem Fall werden Medienthemen „in wechselnden Ressortkontexten miterledigt“ (ebd.). Lediglich acht Prozent der publizistischen Einheiten verfügen über ein eigenes Medienressort mit einer eigenen Medienseite. So zum Beispiel die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“ und „Der Tagesspiegel“ (vgl. a.a.O., S.26). In den Redaktionen sind die Grenzen der Zuständigkeitsbereiche allerdings fließend. Trotz einer festen Medienseite kann es vorkommen, dass besonders bedeutende Medienthemen an anderer Stelle platziert werden (zum Beispiel der Kirch-Konkurs auf der Titelseite und der weiterführende Bericht im Wirtschaftsteil) oder es kommt zu Überschneidungen der Zuständigkeiten, wodurch ein Medienthema manchmal trotz vorhandener Medienseite in einem anderen Ressort veröffentlicht wird.

„Es gab Zeiten, da galt es als unfein, wenn Medien über Medien berichteten. Diese Zeiten haben sich geändert. Denn Klappern gehört zum Handwerk. Wer als Medium nicht im Medium stattfindet, für den ist der Zug abgefahren.“ (Rave, 2000, S.115) Dieses Zitat spiegelt zum einen die Wichtigkeit wider, als Medienunternehmen in den Medien thematisiert zu werden und zum anderen die Tatsache, dass die führenden Tages- und Wochenzeitungen sowie Nachrichtenmagazine über eigene Medienredaktionen verfügen. Den Anfang machte 1993 das Nachrichtenmagazin „Focus“ und die inzwischen eingestellte Wochenzeitung „Die Woche“. Die Konkurrenz zog nach und wandelte sogar ihre teilweise ausschließlich auf Fernsehberichterstattung ausgerichtete Seite in eine Medienseite um, so 1996 die „Süddeutsche Zeitung“ (vgl. Kreitling, 1997, S.123f.) . Trotz der Etablierung von Medienthemen und Medienressorts bei der führenden Presse, dürfen diese Beispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass laut der oben beschriebenen Untersuchung[16] von Krüger/Müller-Sachse, eine feste Verankerung von Medienressorts für die Gesamtheit aller deutschen Tageszeitungen noch nicht stattgefunden hat (vgl. Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.25f.). Obwohl aktuellere Untersuchungen über die Verbreitung von Medienredaktionen in der deutschen Presselandschaft nicht vorliegen, kann im Zuge der Entwicklungslinie der letzten Jahre davon ausgegangen werden, dass sich Medienredaktionen stärker ausgebreitet haben – allerdings wieder nur bei großen und finanzstarken Publikationen. Inwiefern sich die derzeitige Medienkrise auf ‚Schwellenressorts’ wie beispielsweise das Medienressort auswirkt, wäre eine interessante Forschungsfrage, der im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht nachgegangen werden kann. Es ist aber zu vermuten, dass in diesem Bereich zuerst Einsparungen vorgenommen werden.

Inhaltlich dominieren Beiträge rund ums Fernsehen die medienjournalistische Berichterstattung. Eine Analyse von Krüger/Müller-Sachse ergab, dass sich „[…] die Hälfte aller Beiträge über Medien mit Programmangeboten beziehungsweise deren Inhalten befassen. Weitere 13 Prozent aller Beiträge bestehen aus Programmankündigungen in Form von Programmfahnen“ (a.a.O., S.71). Die Analyse überregionaler Tages- und Wochenzeitungen von Choi (Choi, 1999) kam zum gleichen Ergebnis. Choi stellt fest, dass sich alle von ihm untersuchten Titel dominant mit den elektronischen Medien befassen, wobei der größte Anteil auf das Fernsehen entfiele (vgl. a.a.O., S.163f.). Meier und Strunz[17] bezeichneten in einem Interview das Fernsehen als das „most sexiest medium“. Doch was macht Fernsehen so ‚sexy’ und warum wird so viel darüber berichtet? „Da wird das meiste Geld umgesetzt, da passiert am meisten“, erläutert Meier. Zudem läge es „an 16 Millionen Einschaltquote und an Gottschalk und dem Umstand, dass jeder Zeitungsleser abends Fernsehen guckt“ (Meier und Strunz zit. nach Linke/Pickl, 2000, S.28). Aber nicht nur der Umstand, dass das Fernsehen sehr sexy und finanzstark ist sowie am meisten rezipiert wird, führt zu einer dominanten Berichterstattung, sondern auch die Scheu der Tageszeitungen, über andere Printmedien zu berichten. Ferner weisen prozentuale Untersuchungen wie die von Choi (Choi, 1999) auch deshalb das Fernsehen als dominant aus, weil Zeitungen täglich ein Fernsehprogramm abdrucken, welches mit in die Analysen fließt.

Zum Medienjournalismus für eine breite Öffentlichkeit gehören indes nicht nur Programmzeitschriften und Tageszeitungen, sondern auch die Wochenzeitungen. Choi verglich 1999 die Medienberichterstattung von überregionalen Tageszeitungen und den Wochenzeitungen „Die Zeit“ und „Die Woche“. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Wochenzeitungen keine reinen Agenturmeldungen abdruckten, seltener Fremdmedien als Informationsquelle benutzen, mehr Eigenrecherche stattfindet und die Informations- der Unterhaltungsfunktion überwiegt. Dieses Ergebnis zeigt, dass bei Wochenzeitungen ein höherer journalistischer Eigenleistungswert besteht und der Medienjournalismus vor allem nicht nur eine Serviceleistung erfüllt, sondern eine kritisch-analytische Aufklärungsfunktion wahrnimmt. Bei den Tageszeitungen stellt sich im Vergleich genau das Gegenteil heraus, was weniger am Engagement als vielmehr an der Erscheinungsweise und den Arbeitsbedingungen liegt (vgl. a.a.O., S.129ff.).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die publizistische Relevanz von Medienthemen von den Journalisten und Entscheidern in der Medienbranche erkannt wurde, aber nicht jedes Medium oder jede Redaktion in adäquater Form darüber Bericht erstatten kann oder will. Noch immer gilt: Die bisher stattfindende Berichterstattung und die größere Aufmerksamkeit gegenüber Medienthemen „kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch keine ausreichende Unterrichtung über den Medienkomplex in unserem Land gibt“ (Bolesch, 1997, S.136). In der Tat ist aus medienjournalistischer Sicht noch ein langer Weg zu gehen, doch ein Anfang ist längst gemacht, und vielleicht kann ein Blick in die USA noch einige Denkanstöße liefern.[18]

3.1.3. Medienjournalisten als ‚Watch Dogs’?

„Ich bin ein Medien-Knecht, denn ich bin ein Angestellter der Holzbrinck-Verlagsgruppe. Ich diene den Buchverlagen Fischer, Knaur, Rowohlt. Ich diene den Tageszeitungen Handelsblatt, Lausitzer Rundschau, Main-Post, Saarbrücker Zeitung, dem Südkurier, dem Magazin Wirtschaftswoche und der Wochenzeitung Die Zeit. Ich diene den Fernsehunternehmungen der AVE, der am Nachrichtensender n-tv beteiligt ist, und ich diene zahlreichen Hörfunk-Veranstaltungen. Mit allen Aktivitäten habe ich mich als Medienjournalist beschäftigt. Und wenn ich nicht gerade die Aktivitäten bediene, dann diene ich, indem ich die Medienaktivitäten der anderen abbügle […]. Meine tägliche Arbeit entscheidet zwischen Lobdudelei fürs eigene Unternehmen und dem Verriss der fremden Unternehmung.“[19] (Huber zit. nach Ruß-Mohl/Fengler, 2000, S.151)

Der Medienjournalist nimmt eine besondere Position im Journalismussystem ein: Er ist Beobachter des eigenen Systems und gleichzeitig Akteur beziehungsweise Teil des selbigen. Das heißt Medienjournalisten recherchieren in der eigenen Branche und kritisieren am Ende ihre Kollegen. „Das Feld der Medienkritik ist eines, auf dem die härtesten Trainingsbedingungen für unabhängigen Journalismus gelten. Man schreibt über die eigene Sache. Und man sitzt mitten im Geflecht der Interessen“, konstatiert Claudia Bolesch (Bolesch, 1992b, S.151). Sieht sich der Medienjournalist aber auch selbst als ‚Watch Dog’, als Kontrolleur der Kontrolleure? Kommunikatorstudien und Aussagen von Praktikern geben Aufschluss darüber, wie sich Medienjournalisten selbst betrachten und worin sie ihre Aufgabe sehen.

Bereits 1996 kam Kreitling in seiner Magisterarbeit zu dem Ergebnis, dass sich Medienredakteure in erster Linie als politische Journalisten betrachten, „Medienkritik mehrheitlich nicht einmal als Bestandteil der Medienberichterstattung sehen“ (Kreitling, 1997, S.129). Auch Linke kam in seiner Diplomarbeit drei Jahre später zu dem Ergebnis, dass Medienjournalisten vor allem informieren und nicht kontrollieren wollen. Sie sehen sich als neutrale Vermittler, denn „Medienjournalisten sind Journalisten. Punkt“, so Ingrid Scheithauer (Scheithauer zit. nach Linke/Pickl, 2000, S.33). Dass sie aber auch Kritik üben und Missstände aufdecken, ist nicht gänzlich vergessen, doch wird diese Aufgabe nicht als vorrangig betrachtet (vgl. Linke, 1999, url). Wird allerdings Kritik geübt, sehen sich die Akteure größtenteils in einem Kampf wie David gegen Goliath. Goliath ist in diesem Fall das Medium Fernsehen, das die kleinen Seitenhiebe des Davids gar nicht mehr bemerkt (vgl. Hickethier, 1997, S.60). Ähnlich formuliert es Claudia Bolesch, die mit ihrer Fernsehkritik wie mit „einer Kinderrassel einen Dinosaurier aus der Ruhe bringen“ (Bolesch, 1992a, S.17) möchte. Trotz der Schwierigkeiten haben einige Medienjournalisten noch Hoffnung, so zum Beispiel Eckhard Eckstein, der sich als „Mittler zwischen den Welten sieht“ (Eckstein zit nach Krüger/Müller-Sachse, 1998, S.214). Diese Mittlerrolle einzunehmen ist allerdings aufgrund der bereits angesprochenen Lage der Medienjournalisten, die sich oft in einem Interessenkonflikt niederschlägt, schwierig. Durch das Recherchieren in der eigenen Branche und dem Kritisieren von Kollegen setzen sich Medienjournalisten möglicherweise der Kollegenschelte aus. Auch Beschimpfungen wie ‚Nestbeschmutzer’ schüren die Scheu, generell über andere Medien oder Kollegen zu berichten (vgl. Bongen, 2001, S.67). Die Situation wird durch den Umstand problematisiert, dass sich Medienjournalisten immer in dem Konflikt befinden, über einen potenziell zukünftigen Arbeitgeber zu schreiben. Getreu dem Motto „Wirf nicht mit Steinen, wenn du im Glashaus sitzt“ kommt es hier zu starken Interessenkonflikten. Am eigenen Leibe hat dies vermutlich der Medienjournalist Dieter Anschlag zu spüren bekommen. 1996 übertrug ihm die Bertelsmann Stiftung die Leitung eines Seminars zum Thema Medienjournalismus. Nachdem ein von ihm kritisch verfasster Artikel über ein Grundsatzpapier der Bertelsmann Stiftung im „Funk Korrespondent“ erschien, erfuhr er telefonisch wenige Tage später, dass er das zweite Seminar nicht mehr leiten könne (vgl. Anschlag, 1997, S.166f.). Berichten Medienjournalisten also kritisch oder negativ über andere Medien, kann diese im Einzelfall sogar persönliche Konsequenzen haben. Berichten sie positiv, heißt es, es sei Schönfärberei oder Werbung für die Konkurrenz, einen Kooperationspartner oder das eigene Haus, berichten sie gar nicht, wird ihnen genau das Gegenteil, also Missachtung der Konkurrenz oder des eigenen Hauses nachgesagt. Es gibt in diesem Zusammenhang aber auch noch eine ökonomische Hemmschwelle, die Angst, eigene Kunden zu verjagen. „Das ist das alte Bild-Syndrom. Sagt der Kritiker: Dieses oder jenes Blatt ist primitiv, geschmacklos, abgedreht, dann unterstellt er sogleich Millionen Lesern, dass sie entweder genau das schätzen oder dass sie zu blöd sind, es zu merken.“ (Kraft, 1997, S.63) Noch problematischer wird es allerdings, wenn das eigene Unternehmen zum Gegenstand der Berichterstattung wird. Unter diesem Druck fällt die Berichterstattung fast immer zu Gunsten des eigenen Hauses aus. So gaben alle von Kreitling befragten Redakteure an, „[…] in bestimmten, die Belange des Hauses betreffenden Fällen, die Linie des Blattes zu vertreten“ (Kreitling, 1997, S.132). Bei den heute weit verzweigten Besitzverhältnissen und Cross-Ownerships der großen Medienunternehmen ist es somit ein großes Netzwerk, das es für Medienjournalisten zu beachten gilt. In diesem Fall tritt häufig eine Betriebsblindheit ein. Das heißt es wird entweder positiv über das eigene Haus berichtet, Missstände unter den Teppich gekehrt oder die Strategie der kompletten Nicht-Berichterstattung über das eigene Unternehmen und seine Beteiligungsgesellschaften praktiziert. Im letzten Fall der Betriebsblindheit will sich das Unternehmen dem Verdacht entziehen, voreingenommen Bericht zu erstatten. Es wird also keine Berichterstattung der positiven vorgezogen (vgl. Linke/Pickl, 2000, S.34).

Die Probleme haben gezeigt, wie schwierig es ist, einen angemessenen Medienjournalismus im Sinne einer Kontrollfunktion zu betreiben. Wer aber soll die Medien kontrollieren, wenn nicht die Medien selbst? Nur sie sind in der Lage innersystemisch ein verlässliches Selbstkontrollorgan zu schaffen und somit auch Glaubwürdigkeit beim Leser zu erlangen[20]. Was sollten Medienjournalisten also können, um dieser Aufgabe gerecht zu werden? Eine allgemeingültige Ausbildung zum Medienjournalisten gibt es nicht. Gefordert werden Generalisten, die in allen Bereichen über eine ausreichende Sachkompetenz verfügen. Dazu gehört Technik- und Wirtschaftsverständnis genauso wie Wissen über Ethik, Kultur und Politik. Detlef Esslinger sagte: „Ich will hier keine Fachjournalisten haben, sondern gute Journalisten.“ (Esslinger zit. nach a.a.O., S.33) Mit dieser Aussage spricht er die Fähigkeit eines Journalisten an, sich schnell in ein Thema einzuarbeiten, vernachlässigt aber die Komplexität dieser Forderung, im Mediensystem einen Überblick zu behalten. Neben sehr guten Medienkenntnissen müssen Medienjournalisten außerdem über gute Kontakte verfügen. Sie stellen nicht nur eine wichtige Informationsquelle dar, sondern sind auch entscheidende Ansprechpartner für eventuelle Spekulationen auf dem Markt, wenn es zum Beispiel um Übernahmen, Fusionen oder Pleiten geht. Dem kommt hinzu: Wenn Journalisten über entsprechendes mediales Fachwissen und gute Kontakte verfügen, können beispielsweise Entscheidungsträgern wie Politikern und Staatsanwälten Eingeständnisse abgezwungen werden, denn professionelle Medienjournalisten wissen „viel zu viel, als dass man sie ohne weiteres irreführen könnte“ (Ruß-Mohl, 2000a, S.10). Damit Medienjournalisten aber ihre Aufgaben erfüllen, müssen sie ohne Scheu vor Schelte die Schwächen des Systems Journalismus aufdecken können und wollen, denn ohne sie kämen Verfehlungen gerade der Medienkonzerne womöglich nie ans Licht. Solange dies nicht gewährleistet ist, wird der ‚blinde Fleck’ nicht beseitigt und das Aufdecken von Missständen und Fehlverhalten im Journalismus ein Einzelfall bleiben.

[...]


[1] So zum Beispiel im Fall von Michael Born und Tom Kummer. Im Januar 1996 wurde der freie TV-Journalist Michael Born verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, zwischen 1991 und 1994 zwanzig bis dreißig ganz oder teilweise gefälschte Beiträge an verschiedene TV-Formate geliefert zu haben. Seinen Hauptabnehmer, „stern-TV“ bezichtigte er der Mitwisserschaft. Born wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, allerdings weniger wegen der Fälschungen, sondern wegen einer Reihe von Nebendelikten wie Urkundenfälschung. Im Frühjahr 2000 kam der Fälschungsskandal des damaligen Starjournalisten Tom Kummer auf. Kummer lebte zu dieser Zeit in Hollywood und verkaufte fingierte Star-Interviews. Hauptabnehmer war das „SZ-Magazin“. Als Konsequenz verloren nicht nur Kummer, sondern auch die Chefredakteure des Magazins ihren Job.

[2] Auf die besondere Stellung von Medienjournalisten im Mediensystem wird unter 3.1.3. eingegangen.

[3] Siehe hierzu ausführlich Kapitel 2.5.2.

[4] Zu den Problemen und Gefahren im Medienjournalismus siehe Kapitel 3.1.5.

[5] Mehr zum Medienjournalismus im Rundfunk unter 3.2.

[6] Das Selbst- und Fremdbild von Medienjournalisten wird unter 3.1.3 eingehend besprochen.

[7] Auf diese Problematik wird unter 3.1.5 genauer eingegangen.

[8] Die Potenziale des Medienjournalismus werden unter 3.1.4. besprochen.

[9] Der Begriff Autopoiese kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst erhalten, wandeln oder erneuern zu können.

[10] Unter Kapitel 2.1. wird ausführlich auf die Funktionen von Journalismus eingegangen.

[11] Zu Bedeutung der Medien siehe Kapitel 2.1.

[12] Dieser Aspekt wird unter 3.1.5. ausführlich behandelt.

[13] Zur besonderen und häufig problematischen Stellung von Medienjournalisten siehe 3.1.3.

[14] Mehr zu diesem Thema unter 3.1.2. und 3.1.5.

[15] Siehe Kapitel 4.2.3.

[16] Diese Untersuchung basiert allerdings auf einer Materialbasis aus dem Jahre 1995.

[17] Lutz Meier war zum Zeitpunkt des Leitfadengesprächs Redakteur bei der „Financial Times Deutschland“ und Claus Strunz Chefredakteur bei der „Bild am Sonntag“.

[18] Ausführlicher zum Vorbild USA unter 3.3.

[19] Die Aussage stammt vom Medienjournalisten Jochen Huber.

[20] Mehr zu den Potenzialen des Medienjournalismus unter 3.1.4.

Details

Seiten
166
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783836608879
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225535
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Angewandte Kulturwissenschaften, Angewandte Kulturwissenschaften
Note
1,1
Schlagworte
journalismus medien fachzeitschrift medienjournalismus

Autor

Zurück

Titel: Beobachtung aus dritter Reihe. Medienjournalismus am Beispiel der Fachzeitschrift 'message'