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Jahresringe: Grundgedanken über das Älterwerden mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten

Diplomarbeit 2007 58 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

1. Einleitung

1.1 Motivation

Zur ersten bewussten Auseinandersetzung mit dem Alter kam es bei mir im Alter von 14 Jahren. Im Rahmen einer Projektwoche „schnupperte“ ich im lokalen Altersheim. Man zeigte mir die so genannte Siechenstation. Der Name, die Gerüche und das Bild, das sich mir darbot, haben sich mir auf ewig eingeprägt. Ich fand es einfach nur schrecklich. Trotzdem begann ich eine Ausbildung zur staatlich geprüften Hauswirtschafterin in einem Altenwohnheim in Deutschland. Nach Wünschen für die ersten drei Monate der Ausbildung befragt, meldete ich mich für die Pflegestation mit dem Hintergedanken „es dann hinter mir zu haben“. Gelernt habe ich jedoch eines sehr schnell: alte Menschen sind nicht gleich alte Menschen. Mein persönliches Bild vom Alter und vom Altern wurde durch den intensiven Kontakt mit den Bewohner/innen positiv beeinflusst.

Heute arbeite ich schon mehr als elf Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit (grösstenteils kognitiven) Beeinträchtigungen, werde selbst älter und erlebe die Klient/innen beim Älterwerden. Das Durchschnittsalter in der Werkstatt steigt beständig. Ich kann zum Teil eine Zunahme von älteren Klient/innen und erschreckend schnell voranschreitenden Verfall beobachten. Auch ein Klient in meiner Gruppe gehört zu jenem Personenkreis. Ich musste bereits einige Anpassungen vornehmen, um diesem Klienten ein würdiges Älterwerden und ein erfolgreiches Arbeiten trotz seines „Abbaues“ zu ermöglichen. Doch habe ich den Wunsch mehr zu tun, als nur auf Offensichtliches zu reagieren.

1.2 Begründung der Themenwahl

Während im Bereich Wohnen kürzlich ein Konzept zum Thema „Älter werden im Wohnheim“ erarbeitet wurde, gibt es im Bereich Arbeit noch nichts dergleichen. Ich kann jedoch erkennen, dass durch das steigende Durchschnittsalter auch im Arbeitsbereich neue Anforderungen auf uns zukommen. Einige Klient/innen haben das Pensionsalter bereits erreicht. Andere, mehr als je zuvor, werden bald folgen.

Ich bin der Meinung, dass die Begleitung in den Ruhestand und die Gestaltung der Übergangsphase auch in den Aufgabenbereich von Sozialpädagog/innen im Arbeitsbereich fallen. Hierbei bedarf es der Zusammenarbeit mit Klient/innen, dem Wohnbereich und, wo es möglich ist, den Angehörigen. Schon vor dem Erreichen des Pensionsalters der Klient/innen sehe ich Handlungsbedarf in Bezug auf strukturelle Anpassungen, Änderungen in der Form der Begleitung und der Erfassung der Bedürfnisse von Klient/innen in fortgeschrittenem Alter.

Meine Themenwahl gründet auf der Aktualität und der Brisanz des Themas „Altern mit geistiger Behinderung“.

1.2 Eingrenzung des Themas

In dieser Arbeit geht es hauptsächlich um Personen mit kognitiver Beeinträchtigung, die in Werkstätten arbeiten und bei denen der Alterungsprozess verstärkt eingesetzt hat. Andere Personen, ob mit psychischer und/ oder körperlicher Beeinträchtigung sowie Migrant/innen können nicht berücksichtigt werden, da dies den Rahmen der Diplomarbeit sprengen würde. Sterben, Tod und Trauer habe ich in diesem Zusammenhang bewusst ausgeklammert. Auch Demenz wird nur kurz erwähnt, da der Arbeitsbereich (noch) nicht bzw. nicht in grösserem Umfang von dieser Krankheit tangiert wird.

1.3 Fragestellung und Ziele

Folgende Fragen sollen mit dieser Diplomarbeit beantwortet werden:

- Welche Themen sind für Menschen mit geistiger Behinderung bei der Vorbereitung auf den Ruhestand/ das Altern von Bedeutung?
- Welche strukturellen Veränderungen werden in einer Werkstatt benötigt und welche davon können ohne grossen personellen und finanziellen Aufwand zu Gunsten alternder Menschen mit geistiger Behinderung vorgenommen werden?
- Welche sozialpädagogischen Aufgaben fallen im Rahmen einer anstehenden Pensionierung einer Klientin/ eines Klienten mit kognitiver Beeinträchtigung für den Bereich Werkstatt an?
- Welche sozialpädagogischen Aufgaben fallen bei der Begleitung von älteren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Bereich Werkstatt zusätzlich an?

Ziele der Diplomarbeit sind:

- Ich kenne einige Möglichkeiten, Grenzen und Risiken in Bezug auf die sozialpädagogische Arbeit bei der Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung vom Erwerbsleben in den Ruhestand.
- Ich habe Fakten und Überlegungen gesammelt, die als Grundlage für ein Konzept „Übergang in den Ruhestand“ für Werkstätten und, in gewissem Mass auch für Wohnheime, dienen können.
- Ich habe mich intensiv mit der Thematik „Altern von Menschen mit geistiger Behinderung“ auseinandergesetzt und kenne den Handlungsbedarf in meiner Institution.

1.4 Gliederung und Aufbau

Nach der Einleitung setze ich mich vertieft mit Alter und Altern auseinander. Die umfangreiche Beschäftigung mit den biologischen Alterungsprozessen dient u. a. zur Erfassung des Handlungsbedarfes im Bereich Werkstatt. Danach widme ich mich in Kapitel 3 dem Alterungsprozess bei Menschen mit geistiger Behinderung bzw. Down Syndrom, wobei ich zunächst auf den Begriff „Geistige Behinderung“ eingehe. In diesem Kapitel weise ich auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Alterungsprozesses von Menschen der allgemeinen Bevölkerung und mit geistiger Behinderung hin.

In Kapitel 4 wird das Thema Arbeit behandelt. Das heilpädagogische Zentrum in Liechtenstein sowie die Werkstatt, in der ich tätig bin, wird vorgestellt. Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Thema Ruhestand. Auch hier wird jeweils auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hingewiesen. Kapitel 6 gehört Herrn F. Er wird vorgestellt und kommt mit seinen Wünschen und Bedürfnissen in Bezug auf den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu Wort.

Kapitel 7 befasst sich mit der Lebenslaufperspektive und beinhaltet eine mögliche Methode für die Arbeit mit älter werdenden Klient/innen. In Kapitel 8 stelle ich den personenzentrierten Ansatz vor und mache auch Aussagen zu meiner persönlichen Haltung, bevor ich mich in Kapitel 9 den Aspekten für den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand von Menschen mit geistiger Behinderung widme.

In Kapitel 10 beantworte ich die eingangs gestellten Fragen, beurteile die Zielerreichung und zeige einige Konsequenzen und Perspektiven für die sozialpädagogische Arbeit auf.

1.5 Anmerkungen zum Sprachgebrauch

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Auch wenn ich schon viele Jahre in Liechtenstein lebe, hat meine Sozialisation immer noch einen Einfluss auf meinen Sprachgebrauch. Aus diesem Grund verzichte ich auch auf die Wiedergabe der Dialoge in Mundart.

Zum Begriff „Geistige Behinderung“: diesen Begriff verwende ich vorwiegend. Einerseits weil er sich im Sprachgebrauch etabliert hat und andererseits, weil ich wie die WHO der Ansicht bin, dass nicht der Begriff ausschlaggebend ist, sondern die Haltung, mit der man ihn verwendet (siehe 3.1). Neben „Geistige Behinderung“ benutze ich auch „kognitive Beeinträchtigung“ bzw. „Entwicklungsbeeinträchtigung“.

Die Begriffe „Ruhestand“ bzw. „Pension“ sind in der vorliegenden Arbeit gleichwertig.

Zum Begriff „Älterwerden“: Es gibt verschiedenen Schreibweisen und eine neue Fassung der deutschen Rechtschreibung. Ich habe mich zu Gunsten der besseren Lesbarkeit für diese Schreibweise entschieden. Die geschlechtergerechte Schreibweise habe ich nach Möglichkeit durchgehend angewandt. Wo es nicht möglich war, sind selbstverständlich beide Geschlechter gemeint.

1.6 Anmerkungen zum Personenschutz

Alle von mir erwähnten Personen tragen einen willkürlich gewählten Buchstaben, der im tatsächlichen Namen nicht vorkommt. Weder Herr F noch sein Vormund bestanden auf eine Anonymisierung, desgleichen meine Vorgesetzten in Bezug auf die Werkstatt bzw. die Institution. Dennoch habe ich für die Werkstatt einen Fantasienamen gewählt und die Ortschaft nicht genannt, um grösstmöglichen Personenschutz zu garantieren. Die zur Gestaltung verwendeten Fotos werden mit Einverständnis der jeweiligen Personen verwendet und sind so gehalten, dass eine Identifizierung der abgebildeten Personen nicht möglich ist.

2. Die Dimensionen des Alter(n)s

Fragt man drei Menschen, was sie unter Alter verstehen, erhält man drei verschiedene Antworten. Mindestens eine Person wird sagen: „Es kommt darauf an…“. Dies ist meist die Person, die sich näher an der Pensionsaltersgrenze befindet. Wetten dass?

Mit Alter(n) beschäftigt sich auch die Gerontologie, die Wissenschaft vom Altern. Sie ist bestrebt, den alternden Menschen als Ganzes zu erfassen und richtet ihren Fokus unter anderem auf soziale Beziehungen, Status in der Gesellschaft und Gesundheit. Auch der Verlauf des Alterns wird zu beschreiben und zu verstehen versucht (vgl. Grünenberg und Hauser, 1997, S. 10).

Wie eingangs schon erwähnt, birgt der Begriff Alter eine Fülle von Deutungsmöglichkeiten in sich. Alter und Altern sind sowohl in der Alltagssprache wie auch in der Fachsprache verankert. In irgendeiner Form sind wir alle davon betroffen und haben, jede/r für sich, ein eigenes Bild von den Vorgängen und Inhalten des Alter(n)s. Um Klarheit in die Begriffsverwendung zu bringen, sind genauere Definitionen von Alter und Altern notwendig.

2.1 Begriffsklärung: Das Alter

„Fast alle Alternswissenschaftler bemühen sich, die Begriffe „Alter“ oder „Altern“ zu erklären. Es fällt schwer, eine endgültige Wortbedeutung zu finden“ (Grünenberg und Hauser, 1997, S. 37).

Bei der Durchsicht der Fachliteratur zum Thema fällt auf, dass häufig zwischen verschiedenen Aspekten des Alters unterschieden wird. Die wichtigsten sollen hier genannt werden:

Die Zeit, die von der Geburt an verflossen ist, wird als kalendarisches oder chronologisches Alter bezeichnet. Das Alter in Lebensjahren zu messen ist die gängigste Methode und wird z.B. für die Setzung von Altersgrenzen benutzt (vgl. Höpflinger und Stuckelberger, 2000, S. 19 f).

Alter bezeichnet lebenszyklische Stationen wie Schuleintritt, Berufsanfang oder Ruhestand. Zugleich bedeutet Alter auch die Zugehörigkeit zu einem Geburtenjahrgang (Geburtskohorte). Die Erforschung von Gruppen gleicher bzw. unterschiedlicher Geburtenjahrgänge ist ein zentrales Element der gerontologischen Forschung (ebd. S. 19 f).

Das biologische Alter hingegen bezeichnet den Zustand des Körpers bzw. körperliche Eigenschaften als Ergebnis biologischer Vorgänge wie z.B. Wachstum oder Abbau im Laufe des Lebens (Kastenbaum in Grünenberg und Hauser, 1997, S. 37).

Das psychologische Alter bezeichnet die subjektive Auffassung vom eigenen Alter und dem entsprechenden eigenen Verhalten (ebd. S. 37).

Soziales Alter weist auf die von der Gesellschaft erwartete Übernahme von altersspezifischen Rollen und Positionen hin (ebd. S. 37).

Nimmt man das soziale, psychologische und biologische Alter zusammen, spricht man von funktionalem Alter. Ein Individuum kann sich unter Umständen in den drei Funktionsebenen als verschieden alt empfinden. Es ist auch durchaus möglich, 60-jährige Menschen als "alte Alte“ und 80-jährige als "junge Alte“ zu bezeichnen - je nachdem, wie es um die geistige und körperliche Gesundheit des Betroffenen bestellt ist und wie erfolgreich sich eine Person innerhalb der verschiedenen Funktionsebenen mit seiner Umwelt auseinandersetzen kann (ebd. S. 37).

2.2 Begriffsklärung: Das Altern

Während der Begriff Alter nach meinem Verständnis eine jeweilige Station auf dem Lebensweg markiert, wird Altern häufig als Beschreibung für einen altersbedingten Abbau benutzt. Ein Kind wird gross, eine Jugendliche wird erwachsen, aber nur ein Erwachsener „altert“ im allgemeinen Sprachgebrauch. Auch hier fällt es nicht leicht, eine Definition zu finden. In einigen Fachbüchern spricht man von Altern als einem lebenslangen Prozess [1] . Dieser Ansatz soll hier genauer betrachtet werden.

Wie schon beim Alter, das in verschiedene Aspekte aufgegliedert ist, gibt es auch beim Alter n eine Gliederung in Teilprozesse, die Kruse aus Erkenntnissen der Gerontologie zusammengestellt hat.

1. „Altern als dynamischer Prozess, denn auch im Alter finden Entwicklungs- und Wachstumsprozesse statt, z.B. kognitive Prozesse und Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungsaufgaben;
2. Altern als Prozess einer zunehmenden Differenzierung, denn auf Grund der zahlreichen biografischen Erfahrungen nehmen die interindividuellen Unterschiede im Alter zu;
3. Altern als mehrdimensionaler Prozess, da der Alterungsprozess in den verschiedenen Funktionsbereichen (siehe 2.3-2.5, Anm. der Autorin) des Individuums sehr unterschiedliche Verläufe zeigt;
4. Altern als biografisch verankerter Prozess, da Altern Teil der persönlichen Biografie ist;
5. Altern als sozial beeinflusster Prozess, denn die Art und Weise, wie alte Menschen ihr Alter erleben und gestalten, hängt davon ab, welche Einstellung das soziale Umfeld dem Alterungsprozess entgegenbringt;
6. Altern als Prozess, der dem Einfluss zahlreicher Faktoren unterliegt, z.B. historischen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Faktoren“ (Kruse, zitiert in Haveman und Stöppler, 2004, S. 19).

Altern ist also ein vielschichtiger Vorgang. Nicht nur betrifft es den Körper, sondern auch insbesondere das Erleben und Verhalten. Das soziale Umfeld steht in Wechselwirkung mit dem alternden Individuum. Einerseits prägt die Einstellung des sozialen Umfeldes das Erleben des eigenen Alters, andererseits sendet das Verhalten des Individuums während des Alterns dem Umfeld Bilder und Anhaltspunkte, die (subjektive) Rückschlüsse auf die Abläufe des Alterns erlauben. Bedeutsam scheint mir, dass auch im Alter Entwicklungs- und Wachstumsprozesse stattfinden. Auf diese werde ich in Kapitel 2.6 näher eingehen.

Eine Beschreibung der verschiedenen Funktionsebenen in den folgenden Kapiteln soll helfen zu verstehen, warum ein Mensch auf diesen Ebenen „verschieden alt“ sein kann. Daran anschliessend sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beim Altern von Menschen mit und ohne geistiger Behinderung dargestellt werden. Zu betonen ist, dass die Funktionsebenen weder einzeln noch zusammen den ganzen Menschen darstellen können.

2.3 Altern aus biologischer Sicht

„Biologisches Altern meint die gesundheitliche Situation, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit einer Person. Altern stellt aus biologischer Sicht ein multifaktorielles Geschehen dar“ (Havemann und Stöppler, 2004, S. 25).

Nicht ganz geklärt ist die Frage, was nun zum biologischen Abbau führt. Einig ist man sich in der Fachwelt darüber, dass Vorgänge in den Zellen die Ursache für den Alterungsprozess sind. Einfluss auf den Alterungsprozess haben jedoch auch die Erbanlagen, die Umwelt wie Umweltgifte etc., der eigene Lebensstil in Bezug auf beispielsweise Sport, Ernährung, Sucht und der Zugang zu medizinischer Hilfe (ebd. S. 25).

Das Äussere

Äusserlich werden zunächst Veränderungen der Haut und der Haare sichtbar. Die Haut verliert durch die Verringerung des Wassergehaltes an Spannkraft, Falten und Hauterschlaffung sind die Folgen. In den Haarwurzeln bilden sich weniger Pigmente, das Haar ergraut. Auch seine Dichte nimmt ab (ebd. S. 28).

Die Sinnesorgane

Zwischen dem 45. und 50. Lebensjahr entsteht für gewöhnlich die Altersweitsichtigkeit. Die Elastizität der Linse nimmt ab, die Netzhaut verändert sich und die lichtbrechenden Augenanteile verringern sich. Die Folge ist ein zunehmend schlechteres Sehvermögen. Der so genannte grüne Star, das Glaukom (Erhöhung des Augeninnendrucks), tritt im Alter häufig auf (ebd. S. 28).

Schon um einiges früher, nämlich ca. ab dem 30. Lebensjahr, lässt das Hörvermögen nach. Dies betrifft vor allem die Wahrnehmung der höheren Tonfrequenzen. Schwerhörigkeit kann die Folge sein (ebd. S. 28).

Hier ist noch anzumerken, dass sich Schwerhörigkeit durchaus auch negativ auf das Sozialleben auswirken kann: man bekommt nicht mehr alles mit, was andere sagen, kann dem Gespräch unter Umständen nicht folgen und zieht sich zurück.

Weitere Veränderung der Sinnesorgane sind eine Verringerung der Temperatur- und Schmerzempfindlichkeit sowie eine Abnahme der Geschmacksknospen (ebd. S. 28).

Die Atmung

Die Beweglichkeit des Brustkorbes, die Aufnahmekapazität des Blutes und die Pumpleistung des Herzens lassen nach. Dies beeinträchtigt nachhaltig die Leistung des Atmungssystems. Kurzatmigkeit kann die Folge sein (ebd. S. 28 f).

Der Stütz- und Bewegungsapparat

Ebenfalls sind Abbauerscheinungen im Knochengewebe beobachtbar (Osteoporose). Bei Frauen wird dies durch die Verringerung des Östrogens nach der Menopause verschärft. Osteoporose ist ein Risikofaktor für Frakturen im Alter (ebd. S. 27).

Da der Wassergehalt in den Zellen abnimmt, ist auch das Knorpelgewebe weniger elastisch und flexibel. Bekannte Erkrankungen sind vor allem Gelenksarthrosen. Die Muskelmasse nimmt mit zunehmendem Alter immer schneller ab, ersetzt wird sie durch Fettgewebe. Weniger Stärke und Ausdauer sind die Folge. Auch die Verletzungsgefahr steigt durch verringerte Dehn- und Reissfestigkeit der Muskeln, Sehnen und Bänder. Dies schränkt die Bewegungsfreiheit älterer Menschen zunehmend ein, sie benötigen mehr Zeit, um sich fortzubewegen und zu reagieren (ebd. S. 27).

Das Herz- Kreislaufsystem

Weiters lassen sich eine Abnahme der Elastizität der Blutgefässwände feststellen. Arteriosklerose (Arterienverkalkung, durch Ablagerungen von Kalk etc. an den Arterienwänden, Anm. der Autorin) kann die Folge sein. Das Herz muss gegen einen höheren Widerstand anpumpen, was den Blutdruck erhöht. Ferner ist die Herzmuskulatur vom allgemeinen Muskelabbau betroffen. Das Herz wird schwächer (ebd. S. 28).

Das Verdauungssystem, Nieren und Blase

Daneben ist im Verdauungssystem inklusive Nieren und Blase eine Funktionsverringerung zu erwähnen. Der Reflex zur Darmentleerung wird schwächer, das Fassungsvermögen der Blase wird kleiner. Bewegungsmangel und zu geringe Flüssigkeitsaufnahme sind zusätzliche Gründe für die häufiger im Alter auftretenden Verstopfungen (Obstipationen). Die weiter

oben erwähnte Abnahme der Muskelmasse führt auch zur Schwächung des Blasenschliessmuskels und der Beckenbodenmuskulatur. Dies kann zu Inkontinenz führen (ebd. S. 29).

Auch hier möchte ich auf den Einfluss auf das soziale Leben der Betroffenen hinweisen. Inkontinenz kann dazu führen, dass der Tag in WC- Stopps eingeteilt wird, Ausflüge oder ein Einkaufsbummel können so zur Qual werden.

Das Gehirn

Im Gehirn kommt es zu einer Abnahme der Nervenzellen und einer Verminderung der Leitfähigkeit der Synapsen (Kontaktstellen zwischen [Nerven-] Zellen). Eine Folge davon ist das reduzierte Tempo von Informationsaufnahme und –verarbeitung. Das Lernen und das Gedächtnis sind somit ebenfalls betroffen, es bedarf mehr Zeit und Wiederholungen als in jungen Jahren (vgl. Peters, 2004, S. 26).

Die Hirnwindungen werden schmaler, in den Hirnhäuten bilden sich Verdickungen, die auch psychische Auswirkungen haben können. Das Gewicht des Hirnes sinkt mit zunehmendem Alter (vgl. Haveman und Stöppler, 2004, S. 41).

Dieser an sich biologisch bedingte Abbau kann auch Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten des Menschen haben, daher werde ich im nächsten Kapitel näher darauf eingehen.

„Nachdrücklich ist zu betonen, dass biologisches Altern nicht mit Krankheit verwechselt werden darf. Biologisches Altern ist ein normales und aus Sicht der Evolution ein sinnvolles Geschehen, das durch krankhafte Prozesse beschleunigt werden kann. Biologisches und krankhaftes Altern überlagern sich in aller Regel“ (Erlemeier, 1998, S. 51).

2.4 Altern aus psychologischer Sicht

Auch aus psychologischer Sicht handelt es sich beim Altern um einen Prozess, in dessen Verlauf Erleben und Verhalten umstrukturiert und /oder verändert werden. Dazu gehören Veränderungen im Fähigkeitsbereich wie beispielsweise Lernen und Gedächtnis, Denken und Problemlösen, Intelligenz und Sinneswahrnehmungen. Diese Fähigkeiten dienen auch zur Anpassung an mit dem Alter verbundenen und sich wandelnden inneren und äusseren Anforderungen (vgl. Erlemeier, 1998, S. 51).

Ferner erfahren Einstellungen und Motive, Emotionen und das Selbstbild Veränderungen, die nicht als Folge von Abbau und Rückbildung zu sehen sind. Eher ist die Art massgeblich, wie sich ein Mensch mit den Anforderungen des Alterns auseinandersetzt. Er tut dies mit Hilfe der geistigen, körperlichen und sozialen Ressourcen, die er im Laufe des Lebens erworben hat (ebd. S. 51).

Altern aus psychologischer Sicht bedeutet auch das Streben nach (Persönlichkeits-) Entwicklung. Interpretiert wird dies mit möglichst positiver Lebensbilanzierung und Sinnerfüllung.

Nach Erlemeier sind alte Menschen in der Lage, ihr seelisches Gleichgewicht unter zunehmend erschwerten Lebensbedingungen in erstaunlichem Mass zu wahren. Die Gerontologie verwendet dafür den Ausdruck des „erfolgreichen Alterns“ (ebd. S. 51 f).

Erlemeier weist ausserdem darauf hin, dass Altern nicht einfach nur Schicksal ist, dem man ausgeliefert ist, sondern etwas, das vom Menschen gestaltet werden kann. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem eigenen, sinnerfüllten Alter (ebd. S. 52).

Dass Altern auch Konflikte birgt, sollte noch erwähnt werden. Thomae spricht von Alternsstilen und Altersschicksalen. Letztere sind vom Grad der Belastung in familiärer, ökonomischer, beruflicher und gesundheitlicher Hinsicht bestimmt. Alternsstile dagegen stellen die individuellen Verhaltens- und Interpretationsweisen bei eben jenen Belastungen dar (Thomae, zitiert in Erlemeier, 1998, S. 52).

Einige der angesprochenen Veränderungen sollen hier genauer betrachtet werden.

2.4.1 Lernen und Gedächtnis

Alte Leute sind vergesslich, so sagten mir meine Eltern, wenn sich meine Urgrossmutter nicht an meinen Namen erinnern konnte. Tatsache ist, dass sie mich nicht oft zu sehen bekam. Auch ich kann mich häufig nicht an die Namen derjenigen erinnern, mit denen ich wenig zu tun habe.

Jedoch zählen Probleme mit dem Behalten von neuen Informationen, Lernen und dem Erinnern von bekannten Informationen zu den am häufigsten genannten Symptomen bei zunehmendem Alter (vgl. Erlemeier, 1998, S. 79).

Lernen definiert Hobmair folgendermassen:

„Lernen ist ein nicht beobachtbarer Prozess, der durch Erfahrung und Übung zu Stande kommt und durch den Verhalten und Erleben relativ dauerhaft erworben oder verändert und gespeichert wird“ (Hobmair, 2003, S. 207).

Lernen und Gedächtnis haben demnach einen unmittelbaren Zusammenhang. Erlemeier skizziert den Zusammenhang mit einem Informationsverarbeitungsmodell mit drei Phasen:

1. Informationsaufnahme bzw. Aneignung
2. Speicherung bzw. Behalten der Information
3. Reproduktion/ Erinnern der Information

Um Lernen zu können, bedarf es neuer Informationen. Daher bezieht sich der Begriff des Lernens vor allem auf die erste Phase, während sich der Begriff Gedächtnis auf die Phasen zwei und drei bezieht (vgl. Erlemeier, 1998, S. 81).

Das Gedächtnis wiederum lässt sich mit dem Dreispeichermodell erklären:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1, Dreispeichermodell, Hobmair et. al, 2003, S. 131)

Die Ähnlichkeit der drei Instanzen bzw. Phasen des Lernens und des Gedächtnisses sind frappant. Die Informationsaufnahme steht bei beiden an erster Stelle. Jedoch können durch die biologischen Prozesse die Sinneswahrnehmungen beeinträchtigt sein. Reize werden möglicherweise nicht mehr so wahrgenommen wie in jungen Jahren. Informationen finden ihren Weg in das sensorische Gedächtnis also nicht mehr so schnell, wodurch auch die nächsten Schritte beeinflusst werden (vgl. Erlemeier, 1998, S. 80 f).

Diese Forschungsergebnisse geben Hinweise auf die Lernprozesse bei älteren Mitmenschen. Lehr hat einige Ergebnisse zum Lernen alter Menschen zusammengefasst:

Positive Einflüsse auf den Lernprozess haben:

sinnhaftes, alltagsnahes Lernmaterial, selbst gewähltes Lerntempo, verständlich dargebotener, übersichtlicher, klar gegliederter und nicht zu komplexer Lernstoff.

Negative Einflüsse auf den Lernprozess haben:

Zeitdruck und Prüfungssituationen, Unsicherheit, zögerndes Verhalten, geringe Risikobereitschaft als Folge negativer Selbstzuschreibungen, Fehlen einer effektiven Lernstrategie.

Weitere Einflüsse auf die Lernfähigkeit und Lernmotivation im Alter haben soziale Faktoren, Bildungsstand, Berufstätigkeit, Gesundheit und der Anregungsgehalt des Milieus, in dem man sich befindet (Lehr, zitiert in Erlemeier, 1998, S. 81 f).

Lernfähig ist man also bis ins hohe Alter, nur die Art des Lernens wandelt sich. Lebenslanges Lernen hat sich auch im Sprachgebrauch etabliert. Bestes Beispiel ist meine Bekannte Berta, die mit mir einen Spanisch-Konversationskurs besuchte. Berta ist mittlerweile über 90 Jahre und geht, im Gegensatz zu mir, immer noch in den Kurs. Sie ist eine fleissige Leserbriefschreiberin und beeindruckt durch ihre hohe Lernmotivation, ihr Selbstbewusstsein und ihr offensichtlich positives Selbstbild.

„Ein negatives Bild vom eigenen Gedächtnis wirkt sich störend und leistungsmindernd auf Gedächtnisleistungen aus“ (Weinert und Knopf zitiert in Erlemeier, 1998, S. 84).

2.4.2 Veränderungen des Selbstbildes, Persönlichkeitsveränderungen

Meine Bekannte scheint ihre Fähigkeiten gut einschätzen zu können. Dieses Bewusstsein über das, was sie kann und das, was sie ist, nennt Rogers das Real- Selbst. Es wird auch als Selbstbild bezeichnet (vgl. Hobmair et. al, 2003, S. 421).

Buchka geht davon aus, dass Zuschreibungen der Gesellschaft wie Vergesslichkeit, Starrsinn, Passivität, Verständnislosigkeit und eine zunehmende Hilfsbedürftigkeit einen starken Einfluss auf das Selbstbild alter Menschen haben kann. Es ist durchaus möglich, dass alte Menschen entsprechend den Zuschreibungen handeln, um ihnen zu entsprechen. Ein negatives Fremdbild, wie die genannten Zuschreibungen, begünstigt eine negative Selbsteinschätzung. Die Folgen davon können Abwehr, Misstrauen, Skepsis und weniger Wohlwollen sein. Begegnet man alten Menschen jedoch mit Zutrauen in ihre Kompetenzen bzw. mit Hochachtung, wird dadurch ein positives Selbstbild unterstützt. Die möglichen Konsequenzen sind eine innere Selbstsicherheit und mit ihr eine wohlwollende und verständnisvolle Begegnung mit der Umwelt (vgl. Buchka, 2003, S. 121).

Man kann also nicht von einer generellen Veränderung des Selbstbildes bzw. der Persönlichkeit im Alter ausgehen. Wie in anderen Bereichen auch spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Höpflinger und Stuckelberger berichten von einer Studie, die auf eine hohe, individuelle Stabilität der gemessenen Persönlichkeitsmerkmale über 24 Jahre hinweg weist. Sie betonen eine enge Beziehung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und psychischem Wohlbefinden im Alter und verweisen auf eine biographische Verankerung des psychischen Wohlbefindens älterer Menschen. Mit anderen Worten: Wer schon in mittleren Jahren eine positive Einstellung zu sich und seiner Umwelt hatte, war auch im Alter zufriedener (vgl. Höpflinger und Stuckelberger, 2000, S. 214 ff).

Psychische und kognitive Störungen sind nicht Teil des normalen Alterns. Jedoch ist die Gefahr einer psychischen bzw. hirnorganischen Krankheit wie Demenz in hohem Alter stark erhöht. Zu erwähnen sind hier insbesondere hirnorganische Krankheiten wie die senile Demenz vom Typ Alzheimer und die vaskuläre Demenz (auch Multiinfarktdemenz genannt), welche zwei der häufigsten Demenzarten sind (vgl. Höpflinger und Stuckelberger, 2000, S. 229 ff).

Die Erkenntnis, dass es keinen alterstypischen Abbau der Leistungsfähigkeit und der Persönlichkeit gibt, bedeutet nicht, dass es sich in dieser Lebensphase nicht um Umstellungen, Anpassungen und Auseinandersetzungen mit den konkreten Lebensbedingungen handelt. Die gesamte Biografie des Menschen ist durch eine Vielzahl von Veränderungen im Erleben und Verhalten gekennzeichnet, d.h. durch Entwicklung bestimmt. Eine aktive Auseinandersetzung des Einzelnen mit inneren und äußeren Veränderungen ist notwendig.

Abschliessen möchte ich dieses Kapitel mit folgendem Zitat:

„Eines der erstaunlichsten Ergebnisse der Sozialen Gerontologie ist die Tatsache, dass die Lebenszufriedenheit trotz objektiver Verschlechterungen im Gesundheitszustand und zunehmender sozialer Einschränkungen bei den meisten alten Menschen bis ins hohe Alter nicht abnimmt“ (Erlemeier, 1998, S. 110).

2.5 Altern aus soziologischer Sicht

Aus Sicht der Soziologie bedeutet Altern einen Wandel der Rollen und Positionen im Lebenslauf. Dabei haben, wie schon beschrieben, gesellschaftliche Faktoren einen grossen Einfluss auf die Selbstdefinition älterer Menschen. Gesellschaftlich definierte Normen und Rollensysteme werden an ältere Menschen nicht zuletzt durch die Medien herangetragen und beeinflussen und prägen das Handeln in sozialen Situationen. Mitglieder der älteren Generation werden so mit Verhaltenserwartungen konfrontiert, deren Erfüllung oder Abweichung von ihrer sozialen Umwelt „belohnt“ oder „bestraft“ wird (vgl. Erlemeier, 1998, S. 52 f).

Ausserdem ist Altern soziologisch gesehen ein Prozess, der durch Bedingungen im gesellschaftlichen Gefüge mit verursacht wird. Zu erwähnen sind dort die gesellschaftlichen Schichten, in denen Altern unterschiedlich verläuft. Zudem sind auch geschlechterspezifische Unterschiede beobachtbar. Die Chance, das „Alter“ individuell befriedigend zu gestalten, ist ungleich verteilt. Dazu kommt, dass der Verlust von Bezugspersonen, Einkommens- und Statusverlust, Stigmatisierung der „Alten“, Vorurteile etc. zu einer geringen Akzeptanz der Altersrolle führen können (ebd. S. 53).

Thomae nennt Altern ein „primär soziales Schicksal und erst sekundär funktionelle oder organische Veränderung“ (Thomae, zitiert in Erlemeier, 1998, S. 53).

Wenn jedoch die Bedingungen im gesellschaftlichen Gefüge von Menschen gemacht werden, hat der Mensch auch einen Einfluss darauf, kann sie also mitgestalten. Unter diesem Aspekt betrachtet ist das Altern kein soziales Schicksal mehr, „sondern eine soziale Lage, die einer aktiven Beeinflussung zugänglich ist“ (Buchka, 2003, S. 35).

Eine individuelle und trotzdem sozialverträgliche Gestaltung seines eigenen Lebens als Gegenpol zu einem „sozialen Schicksal“ ist also durchaus möglich (vgl. Buchka, 2003, S. 35, und Erlemeier, 1998, S. 53).

Der Geburtenrückgang seit den 1960er Jahren und steigende Lebenserwartung haben zu einer demographischen Alterung geführt. Das blosse „Mehr“ älterer Mitbürger ist sicherlich kein Grund für einen Wandel des Altersbildes. Aber ein „Mehr“ kann helfen, älteren Menschen zu mehr Rechten, Aufmerksamkeit und mehr Akzeptanz zu verhelfen.

In der Fachliteratur finden sich häufig Hinweise auf eine „neue Alterskultur“. Tews nennt fünf Merkmale, an denen sich die spezifische Alterskultur festmachen lässt.

1. Die Verjüngung: Verglichen mit vorherigen Generationen sind heute lebende Ältere gesünder, leistungsfähiger, kurz „jünger“ und schätzen sich auch jünger ein als vergleichbare Vorgenerationen (Tews, zitiert in Buchka, 2003, S. 34).
2. Die Entberuflichung: Eine steigende Tendenz zu früherem Berufsaustritt und eine höhere Lebenserwartung verlängern die nachberufliche Phase beträchtlich (ebd. S. 34).
3. Die Feminisierung: Der Frauenanteil der älteren Bevölkerung steigt u. a. durch die höhere Lebenserwartung der Frauen. Das Frauen-Männer Verhältnis liegt derzeit in der Altersgruppe der 65 bis 75 jährigen bei 2:1, bei über 85 jährigen 4:1. Frauen sind jedoch häufig benachteiligt, insbesondere ökonomisch (ebd. S. 34).
4. Die Singularisierung: Der Anteil der Alleinstehenden erhöht sich mit zunehmendem Lebensalter (Trennung, Scheidung, Tod des Partners, der Partnerin). Alleinleben ist auch zu einem Lebensstil geworden. Im Falle einer Pflegebedürftigkeit muss dann auf öffentliche Dienstleister zurückgegriffen werden (ebd. S. 34).
5. Die Hochbetagten: Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. So gab es vor Beginn des 2. Weltkrieges in Deutschland 20 Hundertjährige, 2003 waren es bereits 3200 Personen (ebd. S. 34).

Nicht nur die Werbung vermittelt ein „neues“ Bild von älteren Menschen, auch die Wirtschaft sucht derzeit nach Wegen, die demographische Alterung zu nutzen. Allein in der von mir abonnierten Tageszeitung (Liechtensteiner Vaterland) finden sich im Wirtschaftsteil immer wieder Artikel, in denen die (Fach-) Kompetenzen älterer Arbeitnehmer hervorgehoben werden. Auch das Seniorenkolleg bietet ein Studienprogramm an, welches regelmässig veröffentlicht wird. Die Tendenz, ältere Mitbürger verstärkt zu (be-) achten und ihre Entwicklungsfähigkeit anzuerkennen ist beobachtbar.

2.6 Altern und Entwicklung

Nach heutigem Verständnis der Entwicklungspsychologie bezieht sich menschliche Entwicklung (Ontogenese) auf das gesamte Leben und endet nicht mit dem Erreichen des Erwachsenenalters. Entwicklung wird verstanden als ein aktiv vom Individuum gestalteter, lebenslanger Prozess, der von biologischen, psychischen, soziologischen und kulturellen Faktoren in gegenseitiger Abhängigkeit beeinflusst wird. Dies trifft auch auf das Altern zu (vgl. Erlemeier, 1998, S. 13).

„Altern bedeutet (Weiter)Entwicklung und Entwicklung schliesst Altern ein“ (Erlemeier, 1998, S. 14)

Wie in 2.4 erwähnt, ist Lernen auch im hohen Alter durchaus möglich. Ein biologisch bedingter Abbau zwingt den älter werdenden Menschen, neue Verhaltens- und Handlungsstrategien zu erlernen, um körperliche Defizite zu kompensieren oder zu stabilisieren. Auch beispielsweise die Aufgabe der Berufsrolle stellt das Individuum vor die Aufgabe, die frei gewordene Zeit zu füllen. Zusätzlich wird, gerade in der nachberuflichen Phase, von der Gesellschaft eine bestimmte Verhaltenserwartung an den älteren Mitmenschen gestellt. Und nicht zuletzt hat auch das Individuum selbst bestimmte Vorstellungen, wie es sein künftiges Leben gestalten möchte. Im Sinne von lebenslanger Entwicklung steht der älter werdende Mensch hier also vor einer Summe von Entwicklungsaufgaben.

Eines der bekanntesten Entwicklungsmodelle stammt von Erik H. Erikson. Er unterschied acht Phasen der Ich-Entwicklung (Krisen), die sich durch jeweils phasentypische Konflikte auszeichnen. Jede dieser Phasen ist einem Lebensabschnitt in einer bestimmten Reihenfolge zugeordnet. Erikson ging davon aus, dass die positive Bewältigung einer Phase die Vorraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung der nächsten Phase sei. In der 8. Phase bzw. Entwicklungsstufe (Reifes Erwachsenenalter) bei Erikson geht es zusammengefasst um die Akzeptanz des bisherigen Lebens, auch mit allem Versäumten, mit Fehlschlägen und mit nicht erreichten Zielen. Gelingt die Bewältigung der Krise nicht, drohen Kummer und Verzweiflung. Gelingt die Bewältigung, wird man mit Zukunftsperspektiven, Annahme des eigenen Lebens und Weisheit belohnt (vgl. Erlemeier, 1998, S. 63 ff).

[...]


[1] „Unter einem Prozess (lat. procedere = voranschreiten; PPP: processus) versteht man eine definierte oder wahrscheinliche Aufeinanderfolge von Zuständen eines Systems in Abhängigkeit von den Vorbedingungen und den äußeren Einflüssen. Der Ablauf eines Prozesses kann vorgegeben sein, meist aber auch eigenständig gestaltet werden“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Prozess, 25.09.2006).

Details

Seiten
58
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836608442
ISBN (Buch)
9783836658447
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225513
Institution / Hochschule
Agogis - Berufliche Bildung im Sozialbereich – Sozialpädagogik
Note
1,7
Schlagworte
alter down syndrom behindertenarbeit biografiearbeit personenzentrierter ansatz

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Titel: Jahresringe: Grundgedanken über das Älterwerden mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten