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Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen

Ein Vergleich Ruhrgebiet - Bilbao

Examensarbeit 2006 130 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stadtentwicklung 72.1 Der Begriff Stadtentwicklung
2.2 Faktoren der Stadtentwicklung

3 Historische Stadtentwicklung in Mitteleuropa und Spanien bis zur Industrialisierung
3.1 Stadtentwicklung in Mitteleuropa
3.1.1 Stadtentwicklung bis zum Mittelalter
3.1.2 Stadtentwicklung im Mittelalter
3.1.3 Renaissance- und Barockstädte
3.2 Stadtentwicklung in Spanien
3.2.1 Stadtentwicklung in Spanien bis zum Mittelalter
3.2.2 Stadtentwicklung in Spanien im Mittelalter

4 Stadtentwicklung ab der Industrialisierung in Mitteleuropa und Spanien
4.1 Merkmale einer Industriestadt
4.2 Stadtentwicklung in Deutschland und im Ruhrgebiet während der Industrialisierung
4.3 Stadtentwicklung in Spanien mit Beginn der Industrialisierung

5 Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert
5.1 Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland
5.1.1 Stadtplanung und städtische Leitbilder ab den 60ern
5.1.2 Nachhaltige Stadtentwicklung
5.2 Stadtentwicklung in Spanien am dem 20. Jahrhundert

6 Altindustrielle Regionen und Strukturwandel

7 Revitalisierung von Brach- und Hafenflächen

8 Vorstellung der Untersuchungsräume
8.1 Metropolregion Bilbao
8.1.1 Geographische Lage
8.1.2 Stadtentwicklung in Bilbao
8.1.3 Bevölkerung
8.1.4 Wirtschaft
8.2 Das Ruhrgebiet
8.2.1 Geographische Lage
8.2.2 Stadtentwicklung im Ruhrgebiet
8.2.3 Bevölkerung
8.2.4 Wirtschaft

9 Revitalisierung der Metropolregion Bilbao
9.1 General Urban Plan of Bilbao (GUPB)
9.2 Bilbao Metropolitan 30
9.3 Strategischer Plan zur Revitalisierung der Metropolregion Bilbao
9.4 Bilbao Ria 2000
9.5 Projekte der Bilbao Ria 2000
9.5.1 Infrastruktureinrichtungen
9.5.2 Ametzola
9.5.3 Barakaldo
9.5.4 Bilbao La Vieja

10 Vorstellung der Planung und Ausführung der Projektgebiete Abandoibarra und Duisburger Innenhafen
10.1 Abandoibarra und das Guggenheim Museum
10.1.1 Geographische Lage
10.1.2 Historische Stadtentwicklung
10.1.3 Entwicklung nach dem industriellen Niedergang
10.1.4 Spezieller Plan zur Revitalisierung Abandoibarras
10.1.5 Das Guggenheim Museum
10.1.6 Palacio Euskalduna
10.1.7 Parkanlagen und Promenade
10.1.8 Einkaufszentrum „Zubiarte“
10.1.9 Sheraton und Wohnhäuser
10.1.10 Business Tower „Iberdrola Tower“ und die “Deusto Library”
10.2 Der Duisburger Innenhafen
10.2.1 Internationale Bauausstellung Emscher Park
10.2.2 Geographische Lage
10.2.3 Historische Entwicklung
10.2.4 Entwicklung nach dem industriellen Niedergang
10.2.5 Der Masterplan – Ein Rahmenplan
10.2.6 Die Innenhafen Duisburg Entwicklungsgesellschaft mbH
10.2.7 Umsetzung
- Freizeit am Wasser
- Arbeiten am Wasser
- Wohnen am Wasser
- Zukunft

11 Vergleich

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Eine Schmuddelecke wird zum Top-Standort -

Neue Investitionen am Duisburger Innenhafen - Brachflächen-Recycling erfolgreich“ (Zitat: Miriam Beul, in DieWelt.de vom 20. März 2003)[1]

„Bis vor wenigen Jahren war Bilbao wegen der hohen Arbeitslosigkeit, wegen der Schließung seiner Hochöfen und Werften und wegen des Terrors der Separatistenorganisation Eta kein Ort, an dem man gern seine Freizeit verbracht hätte. Der Umschwung kam mit dem Museum.“

(Zitat: Michael Psotta, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2001)[2]

In den beiden obigen Zitaten wird beschrieben, wie in zwei Regionen, scheinbar eine gelungene Stadtentwicklung in den letzten Jahren vollzogen worden ist. Die Metropolregion Bilbao und die „Region“ Ruhrgebiet, verbindet eine ähnliche Stadtentwicklungsgeschichte, vor allem während und nach der Industrialisierung. Das Hauptaugenmerk dieser Staatsarbeit wird von daher auf dem Prozess der Stadtentwicklung liegen, der auf den Niedergang der Kohle- und Eisenindustrie im letzten Jahrhundert folgte. Ende der 80er Jahre ergriff man in beiden Regionen Maßnahmen, um „lenkend“ in den Strukturwandel einzugreifen. Verglichen werden hier speziell zwei einzelne Projektgebiete, zum einem den Duisburger Innenhafen im Ruhrgebiet, zum anderen das Projektgebiet Abandoibarra in Bilbao. Bei beiden Gebieten handelt es sich um Industriebrachen, die auch eine Hafenfunktion innehatten.

Um diese beiden Projekte vergleichen zu können, wird im ersten Teil der Staatsarbeit der Begriff Stadtentwicklung und die Faktoren für Stadtentwicklung theoretisch vorgestellt. Dann folgt ein allgemeiner Teil über die Stadtentwicklung in Mitteleuropa von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Im dritten Teil werden die Untersuchungsräume Ruhrgebiet und Bilbao vorgestellt und einen kurzen Einblick in die sozioökonomischen Daten. Auf die Vorstellung folgt der Einstieg in die Planungen und Ausführungen. Hierbei werden die Veränderungen und Projekte in der Metropolregion Bilbao stärker beachtet, der Fokus verbleibt aber bei Abandoibarra. Beim Ruhrgebiet beschränkt es sich auf Vorstellung des IBA Emscher Parks und des Duisburger Innenhafens Zum Schluss, im fünften Teil, werden noch einmal speziell Unterschiede und Ähnlichkeiten herausgestellt und in ihrer Folgewirkung verglichen.

2 Stadtentwicklung

2.1 Der Begriff Stadtentwicklung

Städte sind ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaftsordnung und des jeweiligen wirtschaftlichen Systems. Die Nutzung von Flächen erfolgte durch formelle oder informelle Regelungensysteme. Regelungssysteme sind Politik, Gesetze, Verordnungen, Vereinbarungen, soziokulturelle Normen, Interessen etc. Standort- und Investitionsentscheidung, Flächennutzung, Mobilität und Verkehr, alles ist abhängig von diesen Regelungssystemen und der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Machtkonstruktion.[3]

„Jede Zeit schafft sich ihre Stadt“[4]

Als Stadtentwicklung bezeichnet man einen Prozess, in dem sich die physischen Strukturen einer Stadt in einem bestimmten Zeitraum verändern[5].

Der Begriff Stadtentwicklung ist sehr vielfältig und umfasst eine Reihe weiterer (Unter-)Kategorien, wie z.B. Stadterweiterung, Stadtverfall und Stadterneuerung. Eine genaue Definition ist von daher nicht möglich. Stadtentwicklung lässt sich aus zwei verschiedenen Sichtwinkeln sehen. Zum einem geht es um die Stadt als ganzes, welche Funktion sie hat und wie sie im Raum eingeordnet ist. Die zweite Sichtweise ist die Gesamtheit der innerstädtischen Veränderung. Generell umfasst der Begriff der Stadtentwicklung eine zeitliche und dynamische Komponente, zugleich ist sie aber auch ein begrenzter Prozess.[6]

Des Weiteren sind zwei Begriffsdimensionen zu beachten: Zum einem gibt es die analytische Stadtentwicklung. Hierbei handelt es sich um das historische Entstehen und die aktuellen Veränderungen von Städten. Das Gegenstück zur analytischen ist die normative Stadtentwicklung. Normativ meint den wünschenswerten Zustand, den eine Stadt in einem bestimmten Zeitraum annehmen soll. Auch Politik und Wirtschaft unterscheiden zwischen zwei Dimensionen der Stadtentwicklung. Die Politik betrachtet die planerischen Aspekte der zukünftigen Ausgestaltung von Städten, während die Wirtschaft die Stadtentwicklung analysiert und versucht, die realen und bereits vorgegangenen Prozesse zu erfassen. Stadtentwicklung in der wissenschaftlichen Analyse ist ein Prozess, der über den Einzelfall hinaus auch Regelmäßigkeiten beinhaltet und einen oder mehreren typischen Grundmustern folgt.[7]

2.2 Faktoren der Stadtentwicklung

Der Begriff Stadtentwicklung aus geographischer Sicht bezieht die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Stadt ein, um aus dieser Genese heraus ihre Strukturen zu verstehen und daraus planerisch Entwicklungspotenziale und –ziele zu formulieren. Stadtentwicklung versteht die Stadt als ein Objekt, das sich dauernd in einem Prozess der Veränderung mit vielfältigen Einflüssen, wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, befindet.[8]

Aber was genau beeinflusst die Stadtentwicklung? Die Gründe können vielfältig sein, jedoch lassen sich vier Hauptaspekte bestimmen. Dabei handelt es sich um die Bevölkerung und Gesellschaft, Wirtschaft, Verkehrs- und Bautechnologie sowie um die Politik und Planung, wobei ein unterschiedliches Mischungsverhältnis aller Faktoren die Prozesse der Stadtentwicklung steuern.

Den größten Entwicklungsfaktor der Stadt stellt wohl die Bevölkerung und Gesellschaft da. Sie lebt in der Stadt, bringt ihre unterschiedlichen Vorstellungen über das Wohnen und Leben mit und entscheidet so über die Verwendung des städtischen Raumes. Die Bevölkerung wächst, stagniert oder nimmt ab, sowohl durch Wanderung als auch durch demographische Prozesse. Dadurch ist das städtische Wachstum stark davon abhängig, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Aber auch soziale und ökonomische Differenzierungen prägen die Stadtentwicklung. Unterschiedliche Lebensstile und -einstellungen beanspruchen verschiedene städtische Strukturen. Eine Stadt mit Bewohnern, die über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen, wird eine andere „Oberfläche“ haben als eine Stadt mit einer ärmeren Bevölkerung.[9]

Wirtschaftliche Entwicklung ist der zweite wesentliche Aspekt für Stadtentwicklung. Eine positive wirtschaftliche Entwicklung bedeutet eine steigende Beschäftigtenzahl, was wiederum die Einwohnerzahl steigen lässt. Steigende Einwohnerzahl heißt wiederum eine steigende Nachfrage nach Wohnraum und dieser muss geschaffen werden. Des Weiteren werden für die wachsenden Unternehmen und Betriebe Geschäfts- und Büroflächen benötigt, was auch wieder eine städtische Ausdehnung bedeutet. Bedeutend für die Stadtentwicklung ist, welche Branchen ansässig sind und expandieren oder stagnieren. Industrielles Wachstum ist zumeist flächenintensiver als das von Dienstleistungsunternehmen. Industriebauten sind oft im Stadtrand bereich zu finden, da diese aufgrund von Emissionen im Stadtkern nicht integriert werden können. Aus historischen Gründen sind einige Industriebauten in den Stadtkernbereichen zu finden, diese weichen aufgrund von fehlenden Expansionsmöglichkeiten und der vielen Vorschriften jedoch zumeist ins Umland aus. Zurück bleiben oft riesige Brachflächenareale im innerstädtischen Bereich, für die eine neue Nutzung gefunden werden muss.[10] Die Entwicklung im tertiären Sektor verläuft oft entgegengesetzt. Dienstleistungsbetriebe drängen mit ihren Bürobauten in die Innen- und Kernstädte und verdrängen damit die Wohnfunktion. Es entstehen Einkaufsstraßen und die Bodenpreise steigen. Der Dienstleistungssektor prägt viele Innenstädte nachhaltig. Sind die Flächen im innerstädtischen Bereich verbraucht, dehnt sich die Expansion des tertiären Sektors auf den Stadtrand aus und beschleunigt so die Stadterweiterung ins Umland. Auch der Einzelhandel verlagert sich teilweise aufgrund von knappen Flächen auf die „grüne Wiese“ am Stadtrand.[11]

Der dritte Punkt, der starken Einfluss auf die Stadtentwicklung ausübt, sind Verkehrs- und Bautechnologien. Im Bereich der Verkehrstechnologien fand eine Entwicklung von einer fußläufigen Stadt über Massenverkehrsmittel bis hin zum Individualverkehr statt. Während die Stadt der Fußgänger und der Pferdegespanne noch kompakt und einigermaßen radial strukturiert war, expandierten die Städte großräumig mit der Entwicklung der Massenverkehrsmittel. Wohn- und Arbeitsstätten wurden ins Umland verlagert, meist entlang von zentralen Verkehrsachsen, die mit dem Stadtzentrum verbunden sind. Mit der Entwicklung des Autos setzte eine weitere Expansion ins Umland sowie die flächige Erschließung der Achsenzwischenräume ein. Das Zentrum verliert immer mehr an Attraktivität, da es zu wenig Platz hat für Parkplätze und hochrangige Straßen.[12]

Auch die neuesten Technologien der Kommunikation und Information werden die Stadtentwicklung prägen. Unklar ist jedoch noch, wie. Mit diesen Technologien sind Wohn- und Arbeitsstandort freier und unabhängig von physischen Strukturen wie Straße und Schiene wählbar. Jedoch wird die für die Mehrzahl der Berufstätigkeiten die berufliche Zusammenfassung der Arbeitsplätze die Realität bleiben und auch der Transport von physischen Gütern wird in einer Kommunikationsgesellschaft erhalten bleiben. So wird nur ansatzweise die Urbanisierung ländlicher Räume, die von Achsen und Korridoren entlegen sind, voranschreiten.[13]

Auch die Weiterentwicklung der Bautechnologie hinterlässt ihre Spuren im Stadtbild. Die Technologie des Bauens wirkt nicht als Makroprozess von „oben“ auf die Stadtentwicklung, sondern als Bau- und Gestaltungsmöglichkeiten von Gebäuden gleichsam von „unten“ her.[14] Stein, Holz und Mörtel waren die Baustoffe, die man vor Jahrhunderten nutze. Sie ließen sich nur in begrenztem Maße nutzen. Errichtungszeit und Kosten ließen nur eine begrenzte Expansion zu und auch in der Höhe waren Grenzen gesetzt. Durch verstärkten maschinellen Einsatz und verbesserte Baustoffe wurde das Bauen immer günstiger und auch größere Bauten waren möglich. Folge des günstigeren Bauens ist, dass die Inanspruchnahme der Flächen durch Wohn- und Industrieflächen stark anstieg. Stahlbeton führte Mitte des 19. Jahrhunderts dazu, dass man größere Bauhöhen erzielen konnte und dass die Errichtungskosten und –zeit im Vergleich relativ gering sind. Durch die industrielle Fertigung mit Standardformen der Bauteile wurde noch mal eine Kosten- und Zeiteinsparung erreicht. Ende des 19. Jahrhunderts hatte man eine weitere Methode entwickelt, um noch weiter in die Höhe zu bauen und auch größere Belastungen, wie Druck und Seitenschub(Winde), abzufedern. Es handelt sich um den sogenannten Eisenskelettbau, der vielfach im Brückenbau angewandt wurde, aber auch im Häuserbau, wie zumeist in den USA. In Europa ist der Eifelturm das bekannteste Objekt, das mit der Eisenskelettbaumethode errichtet wurde. Im modernen Bau hat sich Glas als Bauträger durchgesetzt. Mit Glas werden ganze Gebäude verkleidet, um diesen eine besondere Ästhetik zu verleihen. Glas ist mittlerweile eins der bedeutendsten Baumaterialien, das aus vielen Großstädten nicht mehr wegzudenken ist und das Erscheinungsbild nachhaltig verändert hat. Zahlreiche weitere Entwicklungen haben die Bautechnologie geprägt. Nicht nur beim Bau in die Höhe sondern auch im Erscheinungsbild sowohl auf dem Dach als auch an der Fassade, aber auch unter der Erde im Kanalbau gab es viele wichtige Entwicklungen. Wichtig hierfür war der Beginn der industriellen Fertigung von Baustoffen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber nicht nur Gebäude änderten sich. Durch die Entwicklung des Asphaltes veränderten sich auch die Straßen. Nach und nach verschwand das Kopfsteinpflaster aus dem Straßenbild und wird heute zumeist nur noch aus ästhetischen Gründen oder zur Verkehrsberuhigung verwandt. Auf der Mikroebene des Wohnens gingen im selben Zeitraum die Entwicklungen auch voran, vor allem im sanitären Bereich.

Der letzte Einflussfaktor auf die Stadtentwicklung ist die Politik und die Planung, welche gerade in der heutigen Zeit die Stadtentwicklung sehr stark steuern.[15]

Hierbei handelt es sich zumeist um die normative Stadtentwicklung. Spezifische Vorstellungen über wünschenswerte Prozesse der Stadtentwicklung sollen durchgesetzt werden und rechtliche Rahmenbedingungen, in denen Stadtentwicklung ablaufen soll, geklärt werden. In diesem Prozess wirken unterschiedliche Akteure und ausgewählte Elemente der rechtlichen Rahmenbedingungen mit. Bei Infrastrukturinvestitionen, wie Verkehr, Bildung, Gesundheit oder auch Großprojekten, um die das Wirtschaftswachstum zu erhöhen, greift die Politik stark in die Stadtentwicklung ein. Jedoch gilt dies nur in politischen Systemen, in denen die öffentliche Hand die Möglichkeiten dazu hat, was für die Europäische Stadtentwicklung gilt, jedoch seltener in Nordamerika oder in Ländern der dritten Welt.[16]

Bei den planerischen Interventionen der öffentlichen Hand wird versucht, eine bestimmte Vorstellung zu realisieren. Diese Realisierungswünsche werden von den normativen Planungen und der Politik getragen und stehen mit den dominanten gesellschaftlich akzeptierten städtebaulichen Leitbildern im Zusammenhang. Gibt es in der Bevölkerung andere Vorstellungen, kommt es langfristig zu Akzeptanzproblemen mit der Politik. Durch ihr Handeln hat die Bevölkerung Einflussmöglichkeiten und kann so städtebauliche Strukturen annehmen oder ablehnen. Jedoch ändert sich die Vorstellung der Bevölkerung des Öfteren, und es kommt zu diverse Modeerscheinungen, die sich jedoch oft nicht so schnell in der physischen Struktur der Stadt niederschlagen wie sie wechseln. Eine weitere Komponente der Politik und Planung ist der schon angesprochene rechtliche Rahmen bzw. das politische System. In liberalen, kapitalistischen System dominiert das Privateigentum. Die öffentliche Hand hat wenig Einfluss auf die Stadtentwicklung, während in ehemaligen real-sozialistischen Städten das Stadtbild durch die Politik geprägt ist. Aber auch Boden- und Immobilienpreise sowie Flächennutzungspläne haben einen starken Einfluss auf die Stadtentwicklung.[17]

3 Historische Stadtentwicklung in Mitteleuropa und Spanien bis zur Industrialisierung

Städte sind das Ergebnis ihrer historischen Entwicklung. Sie können über Jahrtausende gewachsen sein und sind das Ergebnis von geplanter oder ungeplanter Entwicklung[18].

Die frühesten Städtebildungen entstanden um das Jahr 3500 v. Chr. in den Flussniederungen von Euphrat und Tigris in Mesopotamien.[19] Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. breiten sich in Kleinasien und in Unteritalien Städte aus, die antiken griechischen Städte (Polis). Weitere Städteneugründungen im Mittelmeerraum erfolgten um 450 v. Chr., meistens im regelmäßigen Rechteckraster nach dem Vorbild der griechischen Stadt, mit dem von Hippodamius entwickelten geometrischen Straßenraster (Hippodamisches Schema). In diesem Schema wurde öffentlichen Gebäuden, wie Hafenanlagen, militärischen Einrichtungen oder Wohnanlagen, ein Standort zugewiesen.[20]

Wie die Stadtentwicklung in den folgenden Jahrhunderten in Mitteleuropa und Spanien aussah, wird im folgendem beschrieben.

3.1 Stadtentwicklung in Mitteleuropa

3.1.1 Stadtentwicklung bis zum Mittelalter (Frühe Stadtentwicklung)

Die größte Ausbreitung von frühen Städten erfolgte durch die Römer, die ihr römisches Städtesystem in weiten Teilen Europas verbreiteten. Die Blüte römischer Städte war das 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. Auch im Germanischen Reich kam es zu Stadtgründungen durch die Römer, wie zum Beispiel Köln oder Trier. Das Schema der römischen Städte war der griechisch-römischen Tradition folgend eine quadratische oder rechteckige Grundrissgestaltung in Gitternetzaufteilung. Typisch sind auch die Nord-Süd- und Ost-West-Achsen durch die Stadt, an deren Schnittpunkt oft der Mittelpunkt der Stadt sowie wichtige öffentliche Gebäude lagen. Viele dieser geschaffenen Städte zerfielen während der Völkerwanderung in Mittel- und Westeuropa.[21]

3.1.2 Stadtentwicklung im Mittelalter

In der historischen Stadtentwicklung folgen die Städte des Mittelalters. Diese hatten gegenüber den römischen und griechischen Städten meist eine unsymmetrische Grundrissgliederung. In der mittelalterlichen Stadtentwicklung ist zu unterscheiden zwischen gewachsenen und geplanten Städten. Die gewachsenen Städte sind die Weiterentwicklung römischer Städte bzw. Dörfer, die zu Städten heranwuchsen.[22]

Gründungskerne der frühmittelalterlichen (8./9. Jahrhundert) geplanten Städte waren Burgbauten wie Königshöfe oder auch Klosterburgen. Sie entstanden vielfach entlang von Handels- und Heerstraßen.

Mit der Verbreitung des gewerblichen Marktwesens im 11. Jahrhundert wurde der Marktraum innerhalb der Stadt immer wichtiger und damit zum Mittelpunkt. Durch Stadterweiterungen veränderten die Städte im Mittelalter häufig ihre Struktur und Form.[23] Im 12. und 13 Jahrhundert kam es vermehrt zu Stadtneugründungen. Sie wurden entlang günstiger Verkehrswege angelegt, um Handel zu betreiben. Getragen wurden sie von Kaufleuten. Wichtigster Punkt bei der Stadtplanung war der Markt. Bei Neugründungen wurde dieser bewusst in den Mittelpunkt gestellt und um ihn herum die Stadt geplant. Es entstand das System der Zentralanlage des Marktes . Bis 1450 entstanden noch eine Reihe von Städten und Stadttypen. Danach ging die Zahl der Stadtneugründungen im Vergleich zum Hochmittelalter zurück und sank bis zum 18. Jahrhundert kontinuierlich.[24]

3.1.3 Renaissance- und Barockstädte

In der Zeit zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert entstanden vielfach Residenz-, Festungs- oder Garnisonstädte, so genannte Fürstenstädte. Die Entwicklung der Städte richtete sich in dieser Zeit nach der angesagten Stilrichtung der Zeit, wie die Stile Renaissance oder Barock. Kennzeichnend für diese Stadttypen waren die symmetrisch-horizontal gegliederten Städte (quadratische oder rechteckige Grundrissstruktur). Diese geometrische Raumaufteilung hatte neben dem Geist des Absolutismus (17./18. Jahrhundert) auch mit veränderten Kriegs- und Befestigungstechniken zu tun. In der Barockstadt kam zusätzlich zu strengen Bauvorschriften, wie die geometrische Aufteilung der Stadt, noch die Ausrichtung auf die Schlossanlage des Fürsten hinzu. Bekannte Städte dieser Baurichtung sind zum Beispiel Mannheim als eine Renaissancestadt oder Karlsruhe als eine Barockstadt. Überdies waren die Städte im 16 bis 18. Jahrhundert durch Stadterweiterungen gekennzeichnet. Die meisten Stadterweiterungen waren ähnlich den Stilen der Renaissance- und Barockstädte und erhielten eine geometrische Raumaufteilung. Hierbei handelt es sich um Neustädte, die in Verbindung mit einem neuen Festungswerk an die mittelalterliche Stadt angegliedert wurden.[25]

3.2 Stadtentwicklung in Spanien

3.2.1 Stadtentwicklung in Spanien bis zum Mittelalter

Die Stadtentwicklungsgeschichte in Spanien verlief in Teilen ähnlich wie in Mitteleuropa. Wichtigster Unterschied ist, dass der südliche Teil Spaniens für ein paar Jahrhunderte eine wesentlich andere Entwicklung erfuhr als der nördliche.

Auf der iberischen Halbinsel kam es schon früh zu Stadtgründungen. Im 2. Jahrhundert vor Christus wurde die iberische Halbinsel vor allem von Händlern aus dem östlichen Mittelmeer, wie Griechen und Phönizier, bereist. Erste Siedlungen existierten schon und neue kamen hinzu. Mit den Römern, die im Jahre 218 v. Chr. kamen, wurde Spanien endgültig kulturell erobert, und es bildeten sich viele neue städtische Zentren.[26] Das Römische Städtewesen breitete sich an den Küstenlandschaften sowie an den Flüssen aus. Zentralspanien und auch das Baskenland waren weniger oder gar nicht durch römische Kolonien romanisiert worden. Nach dem Ende der römischen Kultur in Spanien, spätestens mit dem 4. Jahrhundert n. Chr., teilte sich die Entwicklung auf der iberischen Halbinsel. Unterschiedliche Kulturen versuchten in Spanien sich niederzulassen. Am Ende setzte sich im Süden eine islamische Kultur mit den Mauren durch und im Norden das westliche Christentum mit den Westgoten.[27] Während sich im Süden der iberischen Halbinsel die Städte weiterentwickelten, kam es im nördlichen Teil kaum zu einer städtischen Entwicklung. Im südlichen Spanien können viele Städte auf eine Stadtgeschichte bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. durch die Römer zurückschauen. Im Norden kam es erst ab dem 9. Jahrhundert zu weiteren Stadtgründungen durch Könige und Adelige. Die Städte dienten zumeist der Herrschaftssicherung (Burg- und Klosterstädte) und der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten.[28] Der Süden, der islamische Teil Spaniens, war reich, wirtschaftlich stark und verfügte über beste Handelsbeziehungen in die islamische Welt. Der Norden hingegen war arm, hatte kaum eine wirtschaftliche Entwicklung und vorhandene Siedlungen und Städte wurden immer wieder durch Maurische Krieger zerstört.

3.2.2 Stadtentwicklung in Spanien im Mittelalter

Im 10. und 11. Jahrhundert kam es langsam zu einer Wende, die Macht der Araber im Mittelmeerraum ging zurück und der christliche Teil Spaniens breitete sich weiter in den Süden aus. Die herrschenden Könige intensivierten ihre Siedlungspolitik, indem sie neue Städte bauten. Auch ein wirtschaftlicher Aufschwung setzte ein. Viele Händler, Fernhändler, Handwerker aus Frankreich, Flandern, England und Deutschland ließen sich entlang von Pilger- und Handelswegen nieder. Die neuen Bewohner wurden als Burgensis bezeichnet und hinterließen auch ihre Spuren im Städtebau. Juden und Araber vervollständigten das Stadtbild.[29]

Bis zum 13. Jahrhundert entwickelten sich die Städte in Spanien innerhalb zweier verschiedener Kulturen. Das Stadtverständnis der islamischen Kultur im Mittelalter ist in Spanien noch in vielen Städten zu sehen, vor allem in der Region Andalusien. Die Maurischen Städte in Spanien bestanden aus einem (Stadt-)Kern, der mit Mauern umgeben war. Innerhalb dieser Mauern befanden sich auch die Hauptmoschee und der Basar. Umgeben waren die Städte von Vorstädten, die nur lose mit der eigentlichen Stadt verbunden waren. Auch sie waren von einer Mauer umgeben. Innerhalb der Vorstädte kam es häufig zu einer Konzentration von Religionen oder ganzen Berufszweige in einem Bezirk.[30] Im Gegensatz zu den Städten Mitteleuropas ist das Islamische Stadtbild Ausdruck einer religiös geprägten Lebensform. In den Maurischen Städten gab es nur eine geringe Anzahl von Quer- und Radialstraßen, von denen enge Nebenstrassen und Sackgassen abzweigten. Grundlegender Unterschied ist wohl, dass in islamischen Städten erst die Häuser gebaut wurden und man sich erst dann Gedanken über die Versorgung und Anbindung machte. In den Mitteleuropäischen Städten hingegen kamen erst die Straßen und dann die Wohnhäuser.[31]

Die im christlichen Teil Spaniens neu gegründeten Städte, vor allem während des 11. und 12. Jahrhunderts, wurden zumeist von Menschengruppen unterschiedlicher Herkunft gegründet. Sie siedelten zuerst um eine kleine Pfarrkirche. Die Bevölkerung wuchs und die umliegenden Siedlungen kamen sich immer näher. Irgendwann zog man dann um alle umliegenden Siedlungen eine Mauer und eine Stadt war entstanden. Dieser Prozess dauerte in einigen Fällen Jahrhunderte.[32]

Neugeplante Städte entstanden vor allem entlang dem internationalen Jakobpilgerweg in Nordspanien nach Santiago de Compostela. Ziel war es, den Pilgern Hilfe, Schutz und Nahrung zu geben auf ihrem langen Pilgerweg. Die neuen Siedler entlang des Pilgerwegs wurden mit umfangreichen wirtschaftlichen und rechtlichen Privilegien angelockt. Die neu geplanten Städte wiesen eine geometrische Regelmäßigkeit auf, was für diese Zeit eine Neuerung war und in Mitteleuropa erst später auftauchte. Vorbild war der Aufbau eines Militärlagers. In den meisten neu gegründeten Städten (heutige Region Baskenland) lebten Franken (zumeist französische Siedler).[33] Um eine geplante Stadt handelt es sich auch bei Bilbao. Bilbao erhielt im Jahre 1300 eine Reihe von Sondergesetzen, die den Bürgern von Bilbao Steuerfreiheit und Zollfreiheit gewährt. Mit diesen Gesetzen schnellte das Wachstum in Bilbao in die Höhe.[34] Während des Mittelalters verlief die Stadtentwicklung neugeplanter Städte ähnlich den Prinzipien wie in Mitteleuropa ab.

Im 14. und 15. Jahrhundert ging es im spanischen Städtebau vermehrt um urbane Ästhetik. Ein regelmäßiger Stadtgrundriss, Stadtstruktur, Symmetrie und städtische Verschönerung war gefragt. Des Weiteren waren in Spanien Volksfeste, Stierkampf usw. sehr beliebt und so wurden Plätze und Stierkampfarenen errichtet. Monumentalbauten folgten mit großzügigen Freiflächen, breiten gradlinigen Straßen und Plätzen, die von großen uniformen öffentlichen Gebäuden begrenzt waren. Brunnen und Grünanlagen kamen hinzu. Auch der Wunsch nach einem Markt, der aus Platzgründen bisher nicht in der Stadt war, kam auf. Folge war, dass man Häuser innerhalb der Mauern abreißen musste, um dort einen Markt zu errichten.[35]

Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert wurden die Geschicke der Spanier durch die Habsburger Krone geleitet. In dieser Zeit plante man viele bestehende Städte neu, da die bisherigen immer noch ihre mittelalterliche Struktur aufwiesen. Man erweiterte Straßen, legte neue Plätze an und baute neue monumentale Gebäude. Hierfür mussten viel bestehende Gebäudesubstanz abgerissen werden. Auch in Spanien wurden die Baustile Renaissance und Barock im Stadtbild sichtbar.

Die vorangegangene Darstellung der historischen Stadtentwicklung erklärt zunächst die Entstehung erster Städte in Spanien und Mitteleuropa. Dennoch kann man bis dahin noch nicht von Verstädterung reden, da um 1800 erst fünf Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebte. Der Prozess der Verstädterung wurde erst seit dem späten 18. Jahrhundert zum bedeutenden eigenständigen Phänomen.[36]

4 Stadtentwicklung ab der Industrialisierung in Mitteleuropa und Spanien

„Unter Verstädterung versteht man den wachsenden Anteil der in den Städten lebenden Bevölkerung.“[37]

Mit Beginn der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts in Großbritannien trat in ganz Europa eine Reihe von Veränderungen in den bisherigen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Systemen ein. Das folgende 19. Jahrhundert war gekennzeichnet von Umbrüchen und Innovationen im technischen-ökonomischen Bereich (siehe Abb. 1). In den Städten entstanden vor allem in der Textil- und der Montanindustrie industrielle Arbeitsplätze. Die Nachfrage nach Arbeitskräften konnte aus der lokalen Umgebung nicht mehr gedeckt werden, und es kam zu einem verstärkten Zuzug von erwerbswilligen Personen aus dem ländlichen Raum. Auf dem Land kam es zu starken Bevölkerungszuwächsen aufgrund der verbesserten Lebensverhältnisse der Menschen. Wegen Armut und besseren Verdienstmöglichkeiten zogen die Menschen in die Stadt. Der Zuzug der ländlichen Arbeiter war für die Industrialisierung in den Städten einer der entscheidenden Faktoren. Anders wäre dieses Wachstum nicht möglich gewesen. In England begann die Bevölkerungszunahme in den Städten Ende des 18. Jahrhunderts, in Kerneuropa durch den späteren Beginn der Industrialisierung, um 1850, und damit fast ein ganzes Jahrhundert später.[38]

Abbildung 1: Der Verstädterungsprozess während der Industrialisierung

Quelle: verändert nach Knox, Marston 2001, Humangeographie S. 520

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.1 Merkmale einer Industriestadt

„Mit der industriellen Revolution nahm nicht nur die Zahl der Städte erheblich zu, sondern es entstanden auch neue Stadttypen“.[39]

Die Veränderung in den Städten durch die zunehmende Bevölkerung war erheblich. Die Städte standen den ersten Zuwanderungswellen völlig planlos gegenüber.[40]

Unterschieden werden muss zwischen Städten, die während der Industrialisierung gegründet und zumeist der wachsenden Industrie angepasst wurden, und Städten, die mit dem physisch-materiellen Erbe vergangener Epochen belastet waren und durch die Industrialisierung eine neue Entwicklung erfuhren. Folge war, dass die bestehenden Städte und deren Stadtstrukturen durch die immer weiter steigende Bevölkerung oft völlig überbaut wurden. In den Altstädten war die Bevölkerungszahl oft um das Doppelte oder Dreifache gestiegen.[41] In Städten, die während der Industrialisierung entstanden sind, bildete die Fabrik das Zentrum, um die Fabrik herum entstanden Werksiedlungen und öffentlichen Gebäude.[42]

In der Phase der Industrialisierung in Mitteleuropa lassen sich einige Umbaumaßnahmen in den Städten zusammenfassen:

- Stadtmauern erwiesen sich als nicht mehr zeitgemäß aufgrund neuer Waffentechnologien. Folge war die Schleifung der Stadtmauern. Oftmals entstanden so Ringstraßen.
- Begradigungen, Verbreiterungen und Straßendurchbrüche für effizientere militärische Intervention und verbesserte Durchlüftungen und Hygiene. Auch der Bau von Prachtstrassen und Boulevards kam wieder in Mode.
- Aufgrund von immer wiederkehrenden Krankheiten Schaffung und Ausbau der technischen Infrastruktur, wie Kanalisation, Wasserleitungen und die Müllabfuhr, sowie Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, um sowohl Personen als auch Güter zu transportieren
- Um dem Bevölkerungsdruck entgegenzuwirken kam es in vielen Europäischen Städten zu einem starken Wohnhausbau, in England eher durch den Bau von Reihenhäusern, in den kontinentaleuropäischen Städten durch gründerzeitliche Massenmietshäuser. Einheitlich waren sie oft in der äußeren Gestaltung und in der höchstmöglichen Bebauungsdichte. Jedoch waren auch diese „Mietskasernen“ nicht in der Lage, die Wohnungsnot wesentlich zu verbessern. Zudem waren sie schlecht ausgestattet.
- Fabriken wurden nicht in die Stadt integriert, sondern an den Stadtrand abgeschoben. Um sie herum entstanden dann die mehrgeschossigen Massenmietshäuser, in England Reihenhäuser.
- Mit keinem direkten Bezug zur Industrialisierung kam es in großen Städten zu einem verstärkten Bau von öffentlichen Gebäuden, um der Funktionsanreicherung der öffentlichen Hand und der damit verbundenen Bürokratie Herr zu werden. Es entstanden repräsentative Rathäuser, Postämter, Theater usw.

Die Stadt hat sich mit der Industrialisierung nachhaltig verändert: „Die Stadt im Industriezeitalter wurde endgültig zum wichtigsten Standort der Volkswirtschaft. Die Industrie stellte den Motor der wirtschaftlichen Entwicklung dar. Sie sorgte für das Wachstum und den Wohlstand der Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts. Die industrialisierte Stadt und die Industriestadt lösten damit den ländlichen Raum als Ort der volkswirtschaftlichen Mehrwertproduktion endgültig ab.“ Die Stadt warf aber auch viele politische und soziale Fragen auf, die uns bis heute beschäftigen und die viele Akteure, wie z.B. Stadtplaner, versuchen zu lösen.[43]

4.2 Stadtentwicklung in Deutschland und im Ruhrgebiet während der Industrialisierung

In Deutschland verlief das Städtewachstum in den Anfängen der Industrialisierung etwas schleppend. Erst mit dem Ende der Kriegsentschädigungszahlungen an Frankreich und mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erhielt das Deutsche Reich die entscheidenden Impulse.[44] Es folgten die so genannten Gründerjahre die allerdings nur den Zeitraum 1871-73 betreffen. In dieser Zeit entstand eine große Anzahl an neuen Industriebetrieben und gewerblichen Unternehmen. Aufgrund der steigenden Einkommen in den Städten setzte auch hier eine Stadt-Landflucht ein. Die erste Hochkonjunktur der Wirtschaft fand 1873 ein schnelles Ende, eine zweite folgte jedoch schon 1890 und dauerte bis 1905 an. Die Industrialisierung hat das bis dahin landwirtschaftlich geprägte Ruhrgebiet stark verändert. Aber auch andere deutsche Städte, wie Berlin, Leipzig oder Hamburg, erhielten durch die Industrialisierung starke wirtschaftliche Impulse. Das Wachstum der Bevölkerung verdoppelte bzw. verdreifachte sich in den Jahre 1870 bis 1890 in vielen deutschen Städten. Die Städte mussten neuen Wohnraum schaffen und die Infrastruktur, wie Straßenbau, Kanalisation, Verkehrsmittel usw., verbessern und erweitern.[45]

Die Architektur der Gründerjahre betrifft nur einen kurzen Zeitraum, die der Gründerzeit hingegen geht in Deutschland und Mitteleuropa von ca. 1835/40 bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Gründerzeit geprägt durch den Bau von öffentlichen Gebäuden. In kurzer Zeit entstanden viele neue repräsentative Gebäude, wie Bahnhöfe, Regierungsgebäude, Postämter, Theater, Rathäuser, Kirchen usw. Einheitlich ist die Architektur der Gründerzeit jedoch nicht. Es wurden zumeist Baustile aus den vorigen Jahrhunderten als architektonische Stilrichtung genutzt, wie Renaissance, Barock oder Gotik.[46]

Der Wohnungsbau in der Gründerzeit erfolgte durch den Bau von Mehrfamilienmietshäusern („Mietskasernenbebauung“), Werksiedlungen und Zechenkolonien. Die ersten Werkskolonien entstanden ab 1844 im Ruhrgebiet als Wohnsiedlungen für Werksangehörige einer Zeche oder Stahlhütte. An die Arbeitsverträge waren oft die Mietverträge gekoppelt. So war es einfacher, auswärtige Arbeiter zu locken und die Fluktuation in der Belegschaft zu verringern. Die Häuser der Kolonien waren mit Hausgärten und Ställen versehen, um den meist aus ländlichen Gebieten stammenden Arbeitskräften die Anpassung zu erleichtern.[47]

Die Zechenkolonien waren oft nach einem gartenstadtähnlichen Prinzip errichtet worden. Das Gartenstadtmodell ist eine Entwicklung des Briten Ebenezer Howard. Er forderte um die Jahrhundertwende statt des stetigen ungegliederten Stadtwachstums die Errichtung von Gartenstädten. Aus dieser Idee sind viele neue Gestaltungsprinzipien entstanden, so auch bei der Planung von neuen Wohnsiedlungsanlagen. Deren Offenheit und die Durchgrünung der Bebauung wie auch die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten und Erholung sind von dieser Idee beeinflusst. Bei den Kolonien lassen sich mehrere Zeitphasen und Bautypen ausmachen. In den Anfängen wurden die Kolonien noch von den Arbeitgebern errichtet, ab 1920 wurde dann der Arbeiterwohnungsbau von gemeinnützigen staatlichen oder genossenschaftlichen Institutionen übernommen.[48]

Die gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaften förderten nicht nur den Bau von Werkskolonien nach dem Ende des ersten Weltkrieges, sondern entwickelten eine eigene Reformbewegung im Städtebau. Sie hielten an der traditionellen Mietshausbauweise fest, jedoch unterscheiden diese sich stark von denen, die um die Jahrhundertwende entstanden sind. In der Zwischenkriegszeit wurde in den deutschen Großstädten größtenteils eine Blockrandbebauung vorgenommen. In England hingegen herrschte ein neuer Trend nach dem 1. Weltkrieg: weg vom Mietskasernenbau hin zur Reihenhaus- und Doppelhausbebauung. In Deutschland baute man neben der Blockrandbebauung auch seit Mitte der Zwanziger vielfach gemeinnützige Siedlungskomplexe mit einzeln stehenden Mehrfamilienhäusern oder auch Einfamilienhäuser in Reihensiedlungen verbunden mit Grünflächen und kleinen Gartenanlagen.[49]

In den Zwischenkriegsjahren ging man in Deutschland dazu über, einheitliche Bebauungspläne zu erstellen und damit die Bebauung zu regeln. Rechtsgrundlage wurde damit das preußische Wohnungsbaugesetz von 1918, welches zum Beispiel die Trennung von Wohnungs- und Gewerbeflächen vorsah. Diese Entwicklung ermöglichte den Übergang zur modernen Bauleitplanung. Auch die Charta von Athen aus dem Jahre 1933 beinhaltete die räumliche Trennung von Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr. Hierbei handelt es sich um einen Forderungskatalog für den Städtebau, der auf dem internationalen Städtebaukongress in der Nähe von Athen stattfand. Diese Funktionstrennung im Städtebau hat in der Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges häufig zu einer sehr starren Zuordnung von Flächen und Funktionen geführt, was sich auch auf das Bundesbaugesetz von 1960 auswirkte.[50]

4.3 Stadtentwicklung in Spanien mit Beginn der Industrialisierung

Im 19. Jahrhundert hielt die Industrialisierung Einzug in Spanien, mit denselben Folgen wie in Mitteleuropa: Stadt-Landflucht, enormes Bevölkerungswachstum usw. Städtebaulich folgten auch tief greifende Veränderungen. Zudem war das Land im 19. Jahrhundert von zwei Bürgerkriegen geprägt, die den Spaniern viele Freiheiten brachten, aber auch Zerstörung.[51] Im industriellen Bereich ging 1832 der erste Hochofen in Betrieb. Es folgte die Einführung der Eisenbahn und auch hygienische Verbesserungen, wie Abwasser- und Trinkwasserkanäle. In den großen Städten, wie Barcelona, Madrid, San Sebastian und Bilbao, kam es zu enormen Stadterweiterungen. Mit der großen Revolution 1868 erreichte man vorerst auch eine politische Stabilität im Lande.[52]

Die häufigen Zerstörungen der Städte in den Bürgerkriegen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden oft genutzt, um die Städte radikal neu zu planen. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts war von Stadterweiterungen gekennzeichnet, vor allem in Städten, wie Madrid, Barcelona, San Sebastian oder Bilbao. Die Stadterweiterungen in Spanien verliefen nicht so drastisch wie in Mitteleuropa, wo zumeist ganze Altstädte überbaut wurden. In Spanien blieben die Altstädte unberührt. Mit verantwortlich für die Erhaltung war, dass die Zentralregierung die Stadterweiterung in die Hand nahm und Mindeststandards setzte. Nur die Altstadt blieb der Stadtverwaltung. So entstanden viele der heute oft noch schönsten Teile der Stadt, die Ensanches.[53] 1864 wurde in Spanien das erste städtebauliche Gesetz erlassen, das vorrangig baupolizeiliche Inhalte umfasste. Zum Ende des Jahrhunderts folgten noch einige Gesetzeserneuerungen. Auch der städtische Verkehr floss immer mehr in die Stadtplanung ein. Neue Transportmittel erfordern neue städtebauliche Konzepte.[54]

5 Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert

5.1 Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges begann eine neue Phase der Stadtplanung und Stadtentwicklung in Deutschland. Jedes Jahrzehnt war von einem anderen städtebaulichen Leitbild geprägt. Zuerst jedoch begann der Wiederaufbau des stark kriegszerstörten Deutschlands, der bis in die 60er Jahre andauerte. Die Teilung Deutschlands hinterließ auch systembedingte Spuren in der Stadtentwicklung. Die westdeutschen Städte entwickelten sich in einem kapitalistischen-marktwirtschaftlichen, die ostdeutschen in einem sozialistischen-planwirtschaftlichem System. Dies äußerte sich schon in den Wiederaufbaujahren. Im westlichen Teil Deutschlands verlief der Aufbau von Wohnungen und Wirtschaft durch private Bevölkerungsinitiativen, und man garantierte der Bevölkerung freie Entfaltung. In Ostdeutschland war jegliche Bautätigkeit durch private Personen durch die damalige zonale Wirtschaftskommission untersagt.[55] Die westdeutschen Städte waren durch den Krieg wesentlich stärker zerstört als die Städte der sowjetischen Besatzungszone. Hinzu kam die Problematik der Vertriebenen und Flüchtlinge. Dementsprechend erhielt der Wohnungsbau in Westdeutschland Priorität im Rahmen der ersten Städtebaupolitik. Die Grundlage für den Wohnungsbau bildete das Wohnungsbaugesetz von 1950, wodurch man unter anderem den Bau von Sozialwohnungen förderte. Bis zum Jahr 1956 hatte man über 2 Millionen neue Sozialwohnungen geschaffen. Seitdem betrug die jährliche Zuwachsrate über eine halbe Millionen Wohnungen. Der soziale Wohnungsbau erfolgte in Westdeutschland zumeist in einfacher Mietshausbauweise in einem offenen Zeilenbau. Eine wirkliche städtebauliche Konzeption gab nicht. 1956 folgte ein zweites Wohnungsbaufördergesetz, mit dem Eigenheimbau aus politischen-ideologischen Gründen ein besonderer Vorrang eingeräumt wurde. In der Stadtplanung hielt man sich immer noch strikt an die Funktionstrennung, was dazu führte, dass viele Wohnviertel an den Stadträndern entstanden.

[...]


[1] M. Breul, Eine Schmuddelecke wird zum Top-Standort (2); In: Die Welt vom 20.03.2003

[2] M.Psotta, Spanische Unternehmen kämpfen um das Ansehen einer Region; In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.03.2001

[3] W.Gaebe 2004, Urbane Räume, S. 162

[4] Zitat: H. Fassmann, 2004, Stadtgeographie I, S. 66

7 Knox/Marston 2001, Humangeographie, S.498

8 H.Heineberg 2001, Stadtgeographie, S. 193

[5] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 86

[6] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 86

[7] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 87

[8] M. Nutz 1998, Stadtentwicklungen in Umbruchsituationen, S.23

[9] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 88

[10] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 89

[11] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 89

[12] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 90

[13] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 94

[14] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 92

[15] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 93

[16] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 94

[17] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie, S. 86

[18] H. Heineberg 1993, Stadtgeographie

19 H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S.193

[22] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 73

[23] H. Heinberg 2001, Stadtgeographie, S. 195ff

[24] H. Heinberg 2001, Stadtgeographie, S. 195ff

[25] H. Heineberg 2003, Stadtgeographie, S.324ff

[26] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 34

[27] E. Pitz 1991, Europäisches Städtewesen und Bürgertum, S. 89

[28] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 54

[29] E. Pitz 1991, Europäisches Städtewesen und Bürgertum, S. 184

[30] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S.59

[31] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 60

[32] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 85

[33] E. Pitz 1991, Europäisches Städtewesen und Bürgertum, S. 227

[34] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 100

[35] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 102

15 Zitat: H.Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 50

[38] K. Zehner 2001, Stadtgeographie, S.107

[39] Zitat: Knox/Marston 2001, Humangeographie, S.494

[40] K. Zehner 2001, Stadtgeographie, S.109

[41] K. Zehner 2001, Stadtgeographie, S. 109

[42] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S.80

[43] H. Fassmann 2004, Stadtgeographie I, S. 84

[44] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S. 210

[45] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie S. 212

[46] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S. 212

[47] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S. 216

[48] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S.218

[49] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S.218

[50] H. Heineberg 2001, Stadtgeographie, S.219

[51] E. Pitz 1991, Europäisches Städtewesen und Bürgertum, S. 227

[52] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 230

[53] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 233

[54] D-J. Mehlhorn 1996, Spaniens Städte, S. 235

[55] H. Heineberg 2001, Stadgeographie, S.222

Details

Seiten
130
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836608046
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225493
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Geowissenschaften, Geographie
Note
2,0
Schlagworte
stadtentwicklung ruhrgebiet strukturwandel bilbao altindustriell

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Titel: Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen