Lade Inhalt...

Zur gesundheitlichen Situation von alleinerziehenden Müttern

Erscheinungsformen und Umgang

Diplomarbeit 2007 135 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsübersicht

Einleitung

1. Entstehungszusammenhang von Lebensformen
1.1 Die moderne Kleinfamilie als gelebte Normalität
1.2 Wandel des familialen zusammenlebens
1.2.1 Theorie der Deinstitutionalisierung
1.2.2 Ökonomische Theorie

2. Die Lebensform alleinerziehende Mutter
2.1 Mutterfamilien- Merkmale und Erscheinungsformen
2.1.1 Merkmale der Lebensform
2.1.2 Typische Erscheinungsformen
2.1.3 Die Lebensform alleinerziehende Mutter im Blickfeld der Statistik
2.2 Mutterfamilien- Entstehungszusammenhänge
2.2.1 Freiwillig Alleinerziehende
2.2.2 Bedingt freiwillig Alleinerziehende
2.2.3 Zwangsläufig Alleinerziehende
2.2.4 Ungewollt Alleinerziehende
2.3 Probleme und Konflikte alleinerziehender Mütter
2.3.1 Mehrbelastung durch Abwesenheit eines Elternteils
2.3.2 Ökonomische Situation
2.3.3 Diskriminierung als Minorität
2.4 Zusammenfassung

3. Zur gesundheitlichen Situation von alleinerziehenden Müttern
3.1 Begriffsbestimmung
3.1.1 Gesundheit
3.1.2 Krankheit
3.1.3 Wohlbefinden
3.2 Gesundheitsmodelle
3.3 Gesundheit von Frauen
3.4 Die gesundheitliche Situation von alleinerziehenden Müttern
3.4.1 Gesundheitliche Belastungsfaktoren von alleinerziehenden Müttern
3.4.1.1 Belastungsfaktor Sozioökonomische Situation
3.4.1.2 Belastungsfaktor Rollenvielfalt
3.4.1.3 Belastungsfaktor Soziales Netzwerk
3.4.2 Bewältigung von Belastung durch gesundheitliche Ressourcen
3.4.2.1 Unterstützung durch Soziale Netzwerke
3.4.2.2 Das Kind als Unterstützungsdimension
3.4.2.3 Belastungsbewältigung durch die eigene Persönlichkeit
3.4.2.4 Teilnahme am Erwerbsleben als gesundheitliche Ressource
3.5 Zusammenfassung

4. Forschungsfeld Interviews
4.1 Methodik der Untersuchung
4.2 Fragestellung
4.3 Vorstellung der Interviewpartner

5. Ergebnisse des Forschungsfeldes

6. Unterstützungsbedarfe und -möglichkeiten

7. Fazit

Anhangverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Danksagung

Eidesstattliche Erklärung

Einleitung

„So insgesamt schätze ich meine Situation eigentlich als gut ein. Trotzdem ich alleinerziehend bin, sage ich trotzdem, weil ich einfach auch über ein paar wichtige Punkte verfüge im Moment, die die ganze Situation eigentlich ja so machen. Ich habe einen Job, der richtig gut bezahlt ist. Mit Gleitzeit, wo man also auch mal ein bisschen verschieben kann, wenn mit dem Kind irgendwas ist und ich habe das Glück, eine arbeitslose Oma zu haben. Die sich eben auch um das Kind kümmern kann, wenn mal was ist. Wenn Krankheit ist und ich wirklich nicht von der Arbeit weg kann. Ich glaube, dass das ganz wichtige Punkte sind, dass man gut zurechtkommt (371: 6/17)“ (SCHNEIDER 2001, S. 211).

Diese oder ähnliche Aussagen höre ich auch hin und wieder von Freunden und Bekannten, die als Alleinerziehende leben. Allerdings deutet das Zitat an, dass es scheinbar verschiedene Dinge braucht, um den Alltag als alleinerziehende Mutter zu bewältigen. Was passiert aber, wenn diese Dinge fehlen?

Während meines Praktikums beim Fachdienst Jugend und Familie hatte ich regelmäßig berufsspezifische Kontakte zu alleinerziehenden Müttern. Ihre Nöte, Bedürfnisse und Freuden ähnelten sich alle. Ich fragte mich, was das Besondere an dieser Lebensform ist? Sind alleinerziehende Mütter typischen Belastungen ausgesetzt und wirkt sich das auf ihr Wohlbefinden aus? Mein Interesse, ob der Umstand des Alleinerziehens das subjektive Wohlbefinden, möglicherweise sogar die Gesundheit der Mütter beeinflusst und wie die Frauen mit diesem Sachverhalt umgehen, wuchs. Ich entschied mich dazu, diesen und weiteren Fragestellungen in meiner Diplomarbeit nachzugehen. Mit der Ausformulierung des Themas wurden auch die wichtigsten Inhalte abgesteckt.

Zunächst werde ich klären, welchen Ursprung Lebensformen genommen haben und wie sie sich im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen verändert haben. Verschiedene Theorien versuchen dabei, eine logische und konsequente Erklärung für Veränderungen des familialen Zusammenlebens zu geben.

Weitergehend erscheint es mir in diesem Kontext unumgänglich, mich der Lebensform der alleinerziehenden Mutter ganz formal anzunähern: Wie sieht die typische alleinerziehende Mutter in ihrer Lebenssituation aus? Gibt es überhaupt eine typische Erscheinung? Welche Situationen und Entwicklungen tragen zu ihrer Entstehung bei? Ich erhoffe mir durch dieses Vorgehen ein besseres und tiefgründigeres Verständnis für eine Lebenssituation, die mir nach subjektiver Einschätzung immer häufiger in der Lebenswirklichkeit begegnet.

Das Dritte Kapitel beinhaltet das Hauptanliegen meiner Arbeit: Ich will herausfinden, welche Faktoren Belastungen im Leben einer alleinerziehenden Mutter darstellen; insbesondere die auf die Gesundheit wirkenden Belastungen scheinen mir dabei bedeutungsvoll. Zugleich interessieren mich interne und externe Ressourcen, die die Mütter nutzen können, um den Belastungen im Lebensalltag zu begegnen.

Im Rahmen dieser literaturgeleiteten Arbeit ist es mir ein Anliegen, den Expertinnen Raum für ihre subjektive Sicht einzuräumen. Ich will auf diese Weise klären, ob sich die theoretischen Ansichten aus der Literatur auch im Leben der alleinerziehenden Mütter wiederfinden lassen. Hierzu sollen mir Expertinneninterviews dienen, die jedoch nicht als repräsentative wissenschaftliche Untersuchung angelegt sind.

Schlussendlich erachte ich eine Diplomarbeit in dieser Form nur dann als sinnvoll, wenn auch die Interventions- und Unterstützungsebene zum Tragen kommt. Daher widmet sich das Sechste Kapitel möglichen Unterstützungsquellen, die alleinerziehende Mütter in ihrer spezifischen Lebenssituation benötigen.

Bei der Wahl meiner Thematik wende ich mich insbesondere den Müttern zu. Obwohl die Zahl alleinerziehender Väter stetig wächst, gibt es in Deutschland derzeit ca. 2,2 Mio. alleinerziehende Mütter (rund 87%) (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 35), die somit den Kernbestand aller Alleinerziehenden ausmachen.

Eine geschlechtsspezifische Differenzierung, wie in dieser Arbeit, wurde nicht in allen von mir ausgewerteten Studien und Untersuchungen vorgenommen. Es ließ sich daher nicht vermeiden, an einigen Stellen Daten zu verwenden, die sich sowohl auf alleinerziehende Väter wie auch Mütter beziehen. In diesen Fällen habe ich die allgemeine begriffliche Form der Alleinerziehenden verwendet.

Abschließend noch ein Hinweis zur sprachlichen Form: Zugunsten der Lesbarkeit habe ich auf eine ständige Berücksichtigung und Differenzierung der Anzahl der Kinder in der Regel verzichtet. Durch die pluralische Formulierung ‚Kinder’ ist auch das ‚Kind’ einer alleinerziehenden Mutter in die Betrachtung mit eingeschlossen.

1. Entstehungszusammenhang von Lebensformen

Gegenstand dieser Arbeit ist die Lebensform der alleinerziehenden Mutter in Bezug zu gesundheitlichen Aspekten. Es erscheint mir wichtig, mich vorab dem Phänomen der Lebensformen und deren gesellschaftlichen Wandel zuzuwenden. Nur über diese Betrachtungsweise ist es möglich, einen Vergleich zwischen vergangenen und heutigen Erscheinungen herzustellen, sowie die derzeitige Realität in ihren vielfältigen Facetten zu verstehen. Der Weg führt dabei über die Familie, als Normaltypus der familialen Lebensformen.

Betrachten wir die unterschiedlichen Familienformen in der Gesellschaft, so stellt sich die Frage, ob es eine verbindliche Grundstruktur des Zusammenlebens gibt, ob diese freiwillig gewählt wurde oder wer diese bestimmt. „Noch im 18. Jahrhundert galt die Ehe als sozial verbindliche Lebens- und Arbeitsform, abgesegnet durch Gott und die Autorität der Kirche und erzwungen durch die materiellen Interessen der in ihr Verbundenen. Eine gesicherte materielle Existenzbasis jenseits der Ehe war eher die Ausnahme“ (PEUKERT 2005, S.43).

Es könnte an dieser Stelle vermutet werden, dass die alleinerziehende Mutter zu dieser Zeit nicht existierte, da gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen eine Form der Lebensführung außerhalb der Ehe nicht zuließen. Dennoch, so stellt BACH (2001) in ihrer Untersuchung fest, ist die Lebensform Alleinerziehend keine „neue, nichttraditionelle Familienform“ (BACH 2001, S. 480). Ihre Ergebnisse weisen darauf hin, dass schon in früheren Jahrhunderten insbesondere Frauen ihre Kinder allein groß gezogen haben, trotz rechtlicher Beschränkungen und möglicher Sanktionen.

Deutlich wird, dass die Lebensform der Ehe mit der dazugehörigen Familie zwar nicht die alleinexistierende Lebensform war, aber als Urform des gesellschaftlichen Zusammenlebens erachtet werden muss (vgl. BACH 2001, S. 10), die sich im Laufe der Entwicklung in ihren Facetten verändert hat. Die Betrachtung dieses familialen Wandels ermöglicht es, einen Bezug zwischen der Lebensform Ehe in Familie einerseits und der alleinerziehenden Mutter andererseits herzustellen. Ausgangspunkt für die Betrachtung des familialen Wandels ist in dieser Arbeit die moderne Kleinfamilie. Auf deren Merkmale und Entstehungszusammenhänge werde ich nun zunächst näher eingehen, um folgend den Wandel des familialen Zusammenlebens nach zwei theoretischen Ansätzen darzulegen.

1.1 Die moderne Kleinfamilie als gelebte Normalität

Familie und ihre Ausformungen zu definieren und zu differenzieren, wird zunehmend schwieriger. Noch bis vor einigen Jahren galt die moderne Kleinfamilie, auch Gattenfamilie oder privatisierte Kernfamilie genannt (vgl. PEUKERT 2005, S. 20), in der westlichen Industriegesellschaft als „verbindliches Grundmuster familialen Zusammenlebens“ (PEUKERT 2005, S. 20).

Zu früherer Zeit war die Sozialform des ‚ganzen Hauses’ verbreitet, die überwiegend von Handwerkern, Bauern und deren Angehörigen praktiziert wurde. „Dem Hausvater“, so schreibt PEUKERT (2005), „unterstanden nicht nur die verwandten Familienmitglieder. Nichtverwandte Angehörige des Hauses, wie Knechte und Mägde auf den Bauernhöfen und Gesellen und Lehrlinge bei den Handwerkern, zählten in gleicher Weise zum Hausverband“ (ebd. 2005, S. 21).

Mit der Auslagerung der Arbeits- von der Wohnstätte im Zuge der Industrialisierung verlor die Lebensform des ‚ganzen Hauses’ mehr und mehr an Bedeutung. Zunächst im hohen Bürgertum wurden Frauen und Kinder von der Arbeit freigestellt (vgl. PEUKERT 2005, S. 22). Die gefühlsbetonte Beziehung trat in den Vordergrund, Kinder wurden zunehmend als emotionale Bereicherung betrachtet, das Bild der Kinder als Arbeitskräfte und Altersversorgung nahm ab. Die bürgerliche Familie als Leitbild für andere Sozialschichten und als Vorläufer der modernen Kleinfamilie war geboren (vgl. PEUKERT 2005, S. 22).

Kriege und Wirtschaftskrisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinderten die Verbreitung einer am bürgerlichen Bild orientierten Familienstruktur in anderen Schichten der Gesellschaft. Erst durch den wirtschaftlichen Aufschwung und eine Verbesserung der sozialen Bedingungen in den 50er und 60er Jahren konnte sich in weiten Kreisen der Gesellschaft eine moderne Lebensform etablieren, die sich am bürgerlichen Familienmuster anlehnte. Zur Verbreitung dieser Lebensform trugen Parteien und Kirche bei. Sie propagierten die lebenslange, monogame Ehe, die in der Umsetzung zur massenhaft gelebten normalen Lebensform wurde (vgl. PEUKERT 2005, S. 24).

In Deutschland hatte die moderne Kleinfamilie ihren Höhepunkt Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre. Sie zeichnete sich durch eine „selbständige Haushaltsgemeinschaft eines verheirateten Paares mit seinen unmündigen Kindern“ (PEUKERT 2005, S. 20) aus. „Das moderne Ehe- und Familienmuster […] war eine kulturelle Selbstverständlichkeit und wurde von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung auch unhinterfragt gelebt“ (PEUKERT 2005, S 20; Auslassung: F.W.). Erwachsene Bürger waren nicht nur per Gesetz dazu berechtigt, Eheschließung und Familiegründung zu betreiben, sondern durch eine verbreitete gesellschaftliche Meinung auch dazu angehalten. Dem Erwachsenen wurde „diese soziale Norm im Verlauf seiner Sozialisation internalisiert“ (PEUKERT 2005, S. 25 f.). Im Zuge der Ausdifferenzierung der Familie in eine öffentliche und eine private Lebenssphäre, mussten die Aufgaben der Geschlechter neu verhandelt werden. Die Rollen von Mann und Frau passten sich den Bedürfnissen der Familie an. Für die affektiven Beziehungen, die Erziehung der Kinder und für die Haushaltsführung war die Mutter zuständig, der Vater hatte eher eine Versorgungs- und Repräsentationsfunktion (vgl. PEUKERT 2005, S. 25).

Doch die moderne Kleinfamilie hat inzwischen wieder an Bedeutung verloren. Vor allem gesellschaftliche Veränderungen, die sich in den 60er Jahren anbahnten, haben dazu geführt, dass die Normalfamilie heute in Konkurrenz zu anderen, alternativen Familienformen steht. In welcher Art eine Veränderung der Gesellschaftsstrukturen und eine Erweiterung von Entscheidungsspielräumen die Formen der Lebensführung beeinflusst haben, werde ich im folgenden Gliederungspunkt näher beleuchten.

1.2 Wandel des familialen zusammenlebens

Wie oben bereits dargelegt, kann ein Wandel der Familienformen nur anhand einer Vergleichsgröße manifestiert werden. Diese Größe stellt die bürgerliche Kleinfamilie dar. Gesellschaftliche Veränderungen führten zu einer Veränderung der Haushaltsstrukturen und Familienformen (vgl. PEUKERT 2005, S. 29) und ließen auch die Familienform alleinerziehende Mutter in einem neuen Licht erscheinen. Demographische Veränderungen, sozial- strukturelle Prozesse und neu aufkommende Formen des Zusammenlebens haben zu einem Wandel des noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Bildes über die Normalfamilie beigetragen (vgl. PEUKERT 2005, S. 37).

Die entstandene Vielfalt der Möglichkeiten bezüglich der Lebensformen wird durch folgendes Zitat verdeutlicht:

„Es ist nicht mehr klar, ob man heiratet, wann man heiratet, ob man zusammenlebt und nicht heiratet, heiratet und nicht zusammenlebt, ob man das Kind innerhalb oder außerhalb der Familie empfängt oder aufzieht, mit dem, mit dem man zusammenlebt, oder mit dem, den man liebt, der aber mit einer anderen zusammenlebt, vor oder nach der Karriere oder mitten drin“ (BECK 1986, S. 163 f.).

Der aufkommende Wandel familialer Lebensformen und die u.a. entstehende Familie der Alleinerziehenden werden mit unterschiedlichsten Ursachenforschungen begründet. So liest man von der Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen, der Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie und auch Erklärungen durch eine ökonomische Theorie versuchen die Wandlung von Lebensformen zu erklären (z.B. TYRELL 1990; BACH 2001; PEUKERT 2005).

Auf die Theorie der Deinstitutionalisierung und die ökonomische Theorie werde ich nun ausführlicher eingehen, um den Wandel familialer Lebensformen zu beleuchten.

1.2.1 Theorie der Deinstitutionalisierung

Einen Beitrag zur Erklärung des Wandels familialer Beziehungsmuster leistet die Deinstitutionalisierungstheorie nach TYRELL. Dabei wird in der Deinstitutionalisierung der „Prozeß [!] der Reduktion (aber durchaus nicht: des Verschwindens) der institutionellen Qualität von Ehe und Familie“ (TYRELL 1990, S. 145; Einfügung: F.W.) gesehen.

In seinem Buch „Familienformen im sozialen Wandel“ geht PEUKERT (2005) mehreren Hinweisen nach, an denen sich die Deinstitutionalisierung beobachten lässt. Dazu zählen: die kulturellen Legitimitätseinbußen der Normalfamilie, der Verlust verbindlicher Geschlechtsrollen, die veränderte Sichtweise auf die Institution Elternschaft sowie der Abbau sozialer Normen und Kontrollmechanismen (vgl. PEUKERT 2005, S. 39). Auf diese Punkte werde ich nun etwas näher eingehen.

„Seit der radikalen Kritik an der Familie durch die antiautoritäre Studentenbewegung Ende der 60er Jahre“ (PEUKERT 2005, S. 37), gilt die Normalfamilie nicht mehr ohne Weiteres als unhinterfragte, von allen gelebte Lebensform. Besonders die Institution Ehe hatte seit diesen Tagen mit Legitimitätseinbußen zu rechnen. Erkennbar wird dieser Trend bei der Betrachtung statistischer Daten, die rückläufige Zahlen von Eheschließungen zeigen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 29) und darauf hinweisen, dass die Ehe als Institution in der Gesellschaft an Bedeutung verliert.

Neben der Legitimitätskrise der Ehe, durchlaufen auch die Geschlechterrollen Veränderungen. Die bisherigen Rollen von Mann und Frau innerhalb der partnerschaftlichen Beziehung sowie in der Familie haben an Verbindlichkeit verloren und müssen sich an neue, veränderte Lebensweisen anpassen. Höhere Bildungsniveaus, die Berufstätigkeit von Frauen und Karrierestreben sind Faktoren, die die Rolle der Geschlechter verändern und erweiterte Anforderungen an diese stellen (vgl. PEUKERT 2005, S. 38).

Ein weiterer Hinweis für die Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie ist nach PEUKERT (2005) in der veränderten Einstellung zur Elternschaft zu finden. Er erläutert, dass die Lebensform mit gemeinsamen Kindern immer mehr in den Hintergrund rückt und das Leben mit dem alleinigen Schwerpunkt Vater oder Mutter zu sein für einen Großteil der heutigen Jugendlichen kaum noch vorstellbar ist (vgl. ebd. 2005, S. 39). Die Vorstellungen über eine erfüllte Zukunft haben sich gewandelt und lassen sich nicht mehr nur über die Gründung einer Familie bewahrheiten.

Schlussendlich geht PEUKERT (2005) auf den Rückzug der staatlichen Instanzen ein. Soziale Normen und Kotrollmechanismen haben eine Monopolstellung von Ehe und Familie über Jahre gewährleistet (vgl. PEUKERT 2005, S. 39). Durch gesetzliche Änderungen und die Abnahme stigmatisierender Verhaltensweisen gegenüber nichtehelichen Familienformen verliert die Ehe und Familie Stück für Stück ihre herausragende Stellung innerhalb der Gesellschaft, und alternative Familienformen können als akzeptierte Lebensform bestehen. „Innerhalb weniger Jahrzehnte ist das Sozialklima von erheblicher Intoleranz gegen Abweichungen von Ehemoral und Familiensittlichkeit in weitgehende Permissivität [[1] ; F.W.] umgeschlagen: was vor 20 Jahren der Anstoßnahme sicher war, regt heute niemanden mehr auf“ (TYRELL 1990, S. 154; Einfügung: F.W.).

PEUKERT (2005) sieht die „Auflösung und Entkopplung des bürgerlichen Familienmusters“ (ebd. 2005, S. 40) als bedeutendsten Aspekt der Deinstitutionalisierung. Die mit der bürgerlichen Ehe verknüpften Verhaltensnormierungen wie lebenslange Ehe, exklusive Monogamie, Heterosexualität, Mann als Haupternährer, verlieren zunehmend an Bedeutung und werden pflichtfreier (vgl. PEUKERT 2005, S. 40).

„[…] aus Liebe folgt heute durchaus nicht mehr (bindend und motivational zwingend) Heirat/ Ehe, aus Verheiratetsein nicht mehr selbstverständlich Zusammenwohnen (getrennt wohnende kinderlose Ehepaare, ‚Wochenendehen’), aus Verheiratetsein aber auch mit [!] [nicht, F.W.] mehr notwendig ein Sexualprivileg oder der Wunsch nach Kindern. Liebe kommt gut ohne Ehe aus und Ehe auch ohne Kinder; überhaupt treten Ehe und Elternschaft deutlicher auseinander: die ‚pure’ Ehe (ohne Kinder) wird ebenso zur Option wie die ‚pure’ Mutterschaft ohne Ehemann. […]‚ das Paket’ der alten Institution ist aufgeschnürt, die einzelnen Elemente sind gegebenenfalls ‚isolierbar’ und für sich zugänglich, aber auch in verschiedenen Varianten kombinierbar. Auch sind sie sukzessiv nacheinander wählbar- je nach Umständen und im Prinzip auch ohne eine irgendwie nahe liegende oder zwingende Abfolge“ (TYRELL 1990, S. 155; Einfügungen und Auslassungen: F.W.).

Die Institution Ehe und Familie hat nach dieser Theorie an Bedeutung und Einfluss verloren und lässt Raum für Alternativen. Dabei dürfen zwei Punkte nicht unbeachtet bleiben: Die Theorie der Deinstitutionalisierung geht von einem Ehe- und Familienbild aus, das in früheren Zeiten als Ideal gesellschaftlichen Lebens erachtet wurde und heutige familiale Erscheinungen als negativ ansieht (vgl. TYRELL 1990, S. 145). Zum anderen: Der Freiheitsgewinn im Zuge der Reduktion der Institution Ehe und Familie beinhaltet u.U. „Entscheidungslasten und Qualen der Wahl“ (TYRELL 1990, S. 156).

1.2.2 Ökonomische Theorie

Die ökonomische Theorie geht davon aus, „dass Individuen eigene Ziele verfolgen und ihre Handlungsmöglichkeiten unter dem Aspekt bewertet werden, ob sie von Nutzen für die Zielerreichung sind“ (BACH 2001, S. 491). Die ökonomische Theorie ist folglich eine Kosten- Nutzen- Aufstellung, unter der Familienformen betrachtet werden können.

Bezogen auf die Lebensform der alleinerziehenden Mutter sieht BACH (2001) als Kosten beispielsweise „das Stigma innerhalb der Gesellschaft, religiöse Gewissenskonflikte, Schandstrafen, die geringeren Überlebens- und Aufstiegschancen der Kinder, die mangelnden finanziellen Ressourcen oder eingeschränkte Wiederheiratschancen“ (ebd. 2001, S. 491). Faktoren, die als Nutzen aus der Lebensform Alleinerziehend gezogen werden können, sind Unterhaltsleistungen, die Einbindung in staatliche Transferleistungen, die Arbeitskraft der Kinder und ihr Dasein unter dem Aspekt der emotionalen Befriedigung (vgl. BACH 2001, S. 491). „Werden von einem Individuum nun die Kosten niedriger als der zu erwartende Nutzen eingeschätzt, kann daraus die Bildung einer Ein- Eltern- Familie erfolgen“ (ebd. 2001, S. 491).

BACH (2001) verdeutlicht ihre Überlegung zur ökonomischen Theorie anhand zweier Beispiele, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte, um zu veranschaulichen, wie eine Kosten- Nutzen- Rechnung dem Lauf der Zeit unterliegt:

„Eine junge Frau, die […] Anfang des 19. Jahrhunderts in Preußen lebte, entschied sich, eine körperliche Verbindung mit einem Mann einzugehen, den sie zu heiraten hoffte. Der sich daraus für sie ergebende Nutzen bestand zum einen in der emotionalen Vertiefung der Beziehung und zum anderen in dem rationalen Nutzen, durch die körperliche Gunstgewährung den Mann zum Heiraten zu verpflichten. Die Kosten der Überschreitung moralischer Grenzen bzw. des Risikos einer Schwangerschaft wogen für sie in diesem Fall geringer als die Nutzenerwartung“ (BACH 2001, S. 492; Auslassung: F.W.).

100 Jahre später, hat sich die „Nutzen- Kosten- Relation“ (BACH 2001, S. 492) anhand desselben Beispiels so gewandelt, dass sich die Kosten der ledigen Mutterschaft nur noch sehr gering zeigen. Ziel und Nutzen einer körperlichen Verbindung ist nicht mehr ohne weiteres die mögliche Heirat.

„Die Stigmatisierung ihrer Person ist nahezu bedeutungslos geworden, durch staatliche Unterstützung und Unterhaltszahlungen ist ihr Lebensunterhalt zumindest auf einem niedrigen Niveau gesichert, ihr Kind ist mit anderen Kindern gleichberechtigt und hat prinzipiell die gleichen Aufstiegschancen. Der von ihr empfundene Nutzen könnte in der Freude am Kind liegen oder an [!] der Unabhängigkeit von einem Partner“ (BACH 2001, S. 492; Einfügung: F.W.).

Erkennbar ist, dass die Kosten- Nutzen- Abwägung immer eine Überlegung darstellt, die von gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen geprägt wird. Diese haben sich in den vergangenen Jahrhunderten auf unterschiedliche Art und Weise verändert und erweitern heute den Freiheitsgrad zur Wahl einer Lebensform. Daneben bestimmen auch persönliche Einstellungen und Werthaltungen die Entscheidung bzw. Wahl zwischen Effektivität und Effizienz einer Lebensform (vgl. BACH 2001, S. 493).

Einerlei mit welcher Theorie der Wandel des bürgerlichen Familienmusters erklärt wird, macht er den Weg frei für alternative Familienformen wie z.B. die Lebensform der alleinerziehenden Mutter. Nach diesem allgemeinen Überblick über den Wandel der Familienformen, wende ich mich nun dem Entwicklungsprozess und den Merkmalen der Lebensform der alleinerziehenden Mutter im Speziellen zu.

2. Die Lebensform alleinerziehende Mutter

Die Lebensform alleinerziehende Mutter ist keine neue Erscheinung der heutigen Gesellschaft. Schon immer gab es Frauen, die ihre Kinder aus den verschiedensten Gründen alleine und ohne Partner groß gezogen haben. Deutliche Veränderungen vollzogen sich jedoch in den letzten Jahrzehnten in der Bewertung der Familienform.

Sowohl Pluralisierungs- als auch Individualisierungsprozesse[2] innerhalb der Gesellschaft haben dazu beigetragen, die Lebensform Alleinerziehend auf sozialer und rechtlicher Ebene neu zu bewerten. So führt SCHNEIDER (2001) an, dass rechtliche Neuerungen, wie die Abschaffung des Kuppeleiparagraphen 1972, die Ehe- und Familienrechtsreform 1977 sowie Veränderungen im Kindschaftsrecht 1989 und 1998 die Stellung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften, z.B. im Mietrecht, verändert haben (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 17). Daneben führte die stärkere Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie der verbesserte Zugang zu Bildungseinrichtungen für Frauen auch zu einem Wandel vom Bild und der Lebensform alleinerziehende Mutter an sich.

Orientierungs- und Ausgangspunkt für eine heutige terminologische Abgrenzung der Lebensform alleinerziehende Mutter ist die Familie.

„Zu den Familien zählen alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, das heißt Paare – Ehepaare, nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften – sowie allein erziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern im Haushalt. Einbezogen sind in diesen Familienbegriff – neben leiblichen Kindern – auch Stief-, Pflege- und Adoptivkinder“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 27).

Somit werden nach dieser Definition auch alleinerziehende Mütter der Kategorie Familie zugeordnet.

Das STATISTISCHE BUNDESAMT (2006a) hält für Alleinerziehende folgende Definition bereit:

„Zu den allein erziehenden Elternteilen zählen […] alle Mütter und Väter, die ohne Ehe- oder Lebenspartner/in mit ihren ledigen Kindern im Haushalt zusammenleben. Unerheblich für die Einstufung als ‚allein erziehend’ ist dabei, wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 35; Auslassung: F.W.).

Über die Terminologie der Lebensform auf der sozialen Ebene herrscht in der Literatur sowie im umgangssprachlichen Gebrauch noch breite Uneinigkeit. So werden Begriffe wie zerrüttete Familie, Familie mit alleinerziehenden Eltern‚ Alleinstehende‚ alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater ebenso verwendet, wie unvollständige Familie und Ein- Eltern- Familie.

In dieser Arbeit werde ich mich in Anlehnung an SCHNEIDER (2001) auf die Bezeichnungen alleinerziehende Mütter sowie Mutterfamilien einerseits und Eltern- Familie andererseits beschränken. Zum einen ermöglicht mir dieses Vorgehen eine Einheitlichkeit in der begrifflichen Formulierung, zum anderen ergeben sich inhaltliche Gesichtspunkte, die ich im nachfolgenden Kapitel erläutern werde.

2.1 Mutterfamilien- Merkmale und Erscheinungsformen

Die folgenden Gliederungspunkte geben ein Bild von den differenzierten Erscheinungsformen der Lebensform alleinerziehende Mutter. Dabei gehe ich auf Merkmale, typische Erscheinungsformen und statistische Erhebungen hierzu ein.

2.1.1 Merkmale der Lebensform

Merkmale sind, allgemein gesprochen, charakteristische Zeichen und Kennzeichen. Sie „bezeichnen auch eine Bestimmung, durch die sich Dinge der gleichen Art oder Arten der gleichen Gattung unterscheiden“ (BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE, S. 484). Die Beschreibung von Merkmalen der Lebensform alleinerziehende Mutter ermöglicht es, eine Abgrenzung zu anderen Lebensformen unserer Gesellschaft vorzunehmen.

In Anlehnung an die Definition der Lebensform Alleinerziehende nach dem STATISTISCHEN BUNDESAMT (2006a) lassen sich folgende typische Merkmale erkennen:

- Alleinerziehende sind Mutter oder Vater eines oder mehrerer Kinder;
- sie leben gemeinsam mit ihren ledigen Kindern in einer Haushaltsgemeinschaft zusammen, unabhängig davon, ob sie im rechtlichen Sinne Sorgeberechtigt für diese sind;
- sie leben nicht in einer Ehe oder Lebenspartnerschaft (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 35).

SCHNEIDER (2001) erweitert in seiner Definition die Merkmale dahingehend, dass er das Alter der Kinder auf 27 Jahre begrenzt und die bestehende Haushaltgemeinschaft nicht durch andere Personen erweitert sein darf. So werden z.B. Alleinerziehende die mit ihren Eltern zusammenleben als Dreigenerationenhaushalt, Alleinerziehende die mit anderen Alleinerziehenden zusammenleben als Wohngemeinschaft gewertet (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 24).

Wie eng oder weit die Definition mit den entsprechenden Merkmalen gesehen wird, soll an dieser Stelle offen bleiben. Für meine Bearbeitung werde ich eine geeignete Eingrenzung im Gliederungspunkt 2.1.2 vornehmen.

2.1.2 Typische Erscheinungsformen

Lebensformen von alleinerziehenden Müttern zeigen sich in vielfältigen Varianten. Sie variieren in ihrer Begrifflichkeit und den allgemeinen Lebensumständen. Im nun folgenden Abschnitt meiner Arbeit will ich mich zunächst der begrifflichen Vielfalt zuwenden und anschließend wesentliche Erscheinungsformen der Mutterfamilie darstellen.

Die Vielfalt der Erscheinungsformen zeigt sich bereits an der Fülle verschiedener Begriffe für die Lebensform der alleinerziehenden Elternteile. In der einschlägigen Literatur finden sich u.a. folgende Begrifflichkeiten: zerrüttete Familie, unvollständige Familie, Familie mit alleinerziehenden Eltern, Alleinstehende, alleinerziehende Mutter, allein erziehender Vater, Ein- Eltern- Familie, Living- apart- together- Familien. Formulierungen wie unvollständige Familie, Halbfamilie oder Ein- Eltern- Familie suggerieren dabei ein gesellschaftliches Defizit, orientiert an dem bürgerlichen Bild der Normalfamilie. Die damit verbundene Etikettierung unterstellt schon in der Formulierung schwierige und problembehaftete Lebensumstände (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 26). Ähnliches zeigt sich in der internationalen Literatur: NAPP- PETERS (1987) weist auf die dort verwendeten Begriffe broken homes und incomplete families hin (vgl. ebd. 1987, S. 20).

Bei der im deutschen Sprachraum viel verwendeten Bezeichnung Alleinerziehende ist zu beachten, dass nicht alle (per Definition) Alleinerziehenden auch wirklich allein erziehen. Häufig übernimmt der andere leibliche Elternteil wichtige Betreuungs- und Erziehungsfunktionen für die Kinder (ohne mit im Haushalt zu leben) (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 25). Diese Erkenntnis hat Auswirkungen auf die zu bevorzugende Schreibvariante: Ich selbst verwende in dieser Arbeit die auch von der DUDENREDAKTION (2006) empfohlene zusammenhängende Schreibweise ‚alleinerziehende Mutter’, da eine Trennung der Wortteile ‚allein erziehende Mutter’ den Eindruck verstärkt, der Elternteil erziehe die Kinder objektiv allein.

Neben der Fülle an Begriffen zeigt sich bei der Lebensform auch eine große Vielfalt bezüglich der Lebensumstände. Um dieser Vielfalt von Erscheinungsformen gerecht zu werden, besteht die Möglichkeit, die Lebensform alleinerziehende Mutter anhand bestimmter Kriterien zu differenzieren.

KRAPPMANN (1990) unterscheidet in seiner Arbeit die Formen familialen Lebens von Alleinerziehenden nach der Beziehung der Kinder zum abwesenden Elternteil, der Stabilität der Lebensform, der Beziehung der Kinder zum neuen Partner des Alleinerziehenden und der Anwesenheit weiterer Bezugspersonen. Er macht dabei keinen Unterscheid zwischen Vater- und Mutterfamilien. Zentrum und Ausgangspunkt für die Beschreibung der Beziehungen ist immer das Kind (vgl. ebd. 1990, S. 138). Anhand der oben erwähnten Kriterien gelangt KRAPPMANN (1990) zu folgender Darstellung der Familienform Alleinerziehende:

- Neue Familientriade: Der neue Lebenspartner der Mutter, mit dem die Kinder leben, wird zu einer wichtigen Person. Das Beziehungsgeflecht ähnelt dem einer Zwei- Eltern- Familie, die manchmal bestehende Beziehung zum abwesenden Elternteil ist von geringer Bedeutung;
- Fortsetzung der ehemaligen Familientriade: Dabei kommt dem abwesenden Vater eine höhere Bedeutung zu als dem neuen Partner der alleinerziehenden Mutter; die Beziehungen der ehemaligen Triade werden aus der Sicht der Kinder fortgesetzt;
- Alleinstehende Dyade: Hierbei geht die alleinerziehende Mutter keine neue Partnerschaft ein, und eine Dyade von Mutter und Kindern besteht. Dieses System ist laut KRAPPMANN (1990) gehäuft bei Müttern zu erkennen, die sich auf Beruf und Kinder konzentrieren, ansonsten erscheint die Dyade eher als Durchgangsstadium;
- Erweiterte Dyade: Die alleinerziehende Mutter geht keine neue Partnerschaft ein, holt aber andere Bezugspersonen in ihre Familie (Großeltern, Verwandte, Freunde), die vor allem zur Betreuung der Kinder gebraucht werden (vgl. KRAPPMANN 1990, S. 139).

SCHNEIDER (2001) erweitert die Erscheinungsformen in Anlehnung an KRAPPMANN (1990) und fügt der Differenzierung zwei weitere Formen hinzu:

- Alte geschlossene Triade: Diese Form besteht, wenn es zwischen beiden Elternteilen eine partnerschaftliche Beziehung gibt und die Kinder sowohl zu Mutter als auch zu Vater Kontakt haben;
- Quartett: Die Kinder haben Kontakt zum leiblichen Vater und auch die neue Partnerschaft der alleinerziehenden Mutter hat Einfluss auf das Leben der Kinder (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 30).

Die Ordnung der Lebensform Alleinerziehend, die KRAPPMANN (1990) und SCHNEIDER (2001) vornehmen, geht im wesentlichen von der Beziehungsgestaltung der in der Familie lebenden Personen aus. Insbesondere die Beziehung Kind- Vater- neuer Partner der Mutter spielt dabei eine erhebliche Rolle.

Zusammenfassend wird deutlich, dass sich die Lebensform alleinerziehende Mutter in vielfältigen Erscheinungsformen in unserer Gesellschaft zeigt und eine undifferenzierte Betrachtung kaum möglich ist. Je nach Lebensumständen, sozialen Bezügen und individuellen Gegebenheiten erweitern sich die Erscheinungsformen dieser Lebensform durch das Leben an sich und unterliegen ebenso einem Rhythmus der Veränderung. Welcher Systematik man sich im Einzelnen anschließt, hängt maßgeblich von der jeweiligen Fragestellung ab.

Für meine Bearbeitung des Zusammenhangs von Gesundheit und Alleinerziehen, betrachte ich als alleinerziehende Mütter Frauen, die gemeinsam mit leiblichen minderjährigen Kindern eine Haushaltsgemeinschaft bilden und in keiner haushaltsgemeinschaftlichen Partnerschaft mit einem Mann oder einer Frau leben. Diese Eingrenzung macht sich erforderlich, um eine vergleichende Betrachtung vornehmen zu können. Ebenfalls notwendig ist dies, um statistische Erhebungen durchführen oder auswerten zu können. Die vom STATISTISCHEN BUNDESAMT veröffentlichten Statistiken enthalten daher in der Regel eine entsprechende Definition des Bearbeitungsgegenstandes. Auf statistische Erhebungen über das Alleinerziehen werde ich im Folgenden eingehen.

2.1.3 Die Lebensform alleinerziehende Mutter im Blickfeld der Statistik

Das zunehmende Auftreten der Familienform Alleinerziehende wird anhand statistischer Erhebungen der letzten Jahren besonders ersichtlich. Nachfolgend werde ich eine Auswertung vorhandener statistischer Angaben vornehmen. Im Wesentlichen konzentriere ich mich auf Daten des STATISTISCHEN BUNDESAMTES (2006a) die in Form des Mikrozensus jährlich veröffentlicht werden.

„Der Mikrozensus (‚kleine Volkszählung’) ist die amtliche Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland. […] Bereits seit 1957 – in den neuen Ländern (einschließlich Berlin-Ost) seit 1991 – liefert er statistische Informationen in tiefer fachlicher und regionaler Gliederung über die Bevölkerungsstruktur, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, der Familien, Lebensgemeinschaften und Haushalte, die Erwerbstätigkeit, Arbeitsuche, Aus- und Weiterbildung, Wohnverhältnisse und Gesundheit“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 81; Auslassung: F.W.).

Die übrige von mir ausgewertete Literatur liefert meist Daten aus sehr speziellen Erhebungen, auf die ich in den jeweiligen Themenkomplexen meiner Arbeit zurückgreifen werde. Als Bezugsgröße dient in der Regel die Familie[3].

Das STATISTISCHE BUNDESAMT (2006a) verzeichnet bei den Familienzahlen einen kontinuierlichen Rückgang: Im Jahr 2005 gab es in Deutschland 12,6 Millionen Familien, 1996 lag der Anteil von Familien noch bei 13,2 Millionen. „Hinter den rückläufigen Familienzahlen in West- und Ostdeutschland stehen unterschiedliche Entwicklungen der einzelnen Familienformen. Während die Zahl traditioneller Familien (Ehepaare mit Kindern) sank, stieg die Zahl alternativer Familien (Alleinerziehende und Lebensgemeinschaften mit Kindern)“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 41).

2005 machten die alternativen Familienformen (Alleinerziehende sowie nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern) rund 27% aller Familienformen in Deutschland aus (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 43). In der Ost- West- Verteilung lag der Anteil alternativer Familienformen in den neuen Bundesländern mit rund 38% bedeutend höher als in den alten Bundesländern (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 42; eigene Berechnung).

Abbildung 1 zeigt, dass der Anteil von alternativen Familienformen im gesamten Bundesgebiet in den letzten Jahren stetig wuchs. Diese Tendenz spiegelt sich auch in der Aufschlüsselung nach früherem und neuem Bundesgebiet wieder: Laut STATISTISCHEM BUNDESAMT (2006a) konnten im Jahr 2005 in den neuen Bundesländern 954.000 alternative Familien verzeichnet werden, das sind 14% mehr als im Jahr 1996. Mit gegenläufiger Tendenz zeigt sich das Bild bei Ehepaaren mit Kindern. Deren Zahl ging um 27% auf 1,6 Millionen zurück (vgl. SATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 42). „Im früheren Bundesgebiet nahm die Zahl alternativer Familien um 25% auf 2,4 Millionen im Jahr 2005 zu, die Zahl traditioneller Familien verringerte sich um 7% auf 7,7 Millionen in 2005“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 42).

Abbildung 1: Entwicklung der Familienformen, Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 42

Der gesellschaftliche Bedeutungszuwachs von alternativen Familienformen hat eine Verschiebung der Verteilung zur Folge. 1996 waren 17% der Familien in Gesamtdeutschland alleinerziehend. 9 Jahre später liegt der prozentuale Anteil an allen Familienformen bereits bei 21% und macht damit Rund ein Fünftel aller gesellschaftlichen Lebensformen aus (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 43). Die Ehe mit Kindern hat dabei dennoch die herausragende Stellung am Anteil aller Familienformen (s. Abbildung 2).

Unter Einbeziehung einer Datenauswertung aus dem Jahr 1998 von KRÜGER/ MICUS (1999) kann davon ausgegangen werden, dass der Anstieg alternativer Familienformen auf eine höhere Scheidungsrate und eine angestiegene Zahl nichtehelicher Geburten zurückgeht (vgl. KRÜGER/ MICUS 1999, S. 25).

Abbildung 2: Familienformen, Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 43

Hinsichtlich der Familienform alleinerziehende Mutter werden folgende statistische Aussagen getroffen: Im Jahr 2005 waren von rund 2,6 Mio. alleinerziehenden Elternteilen ca. 2,2 Mio. Frauen (rund 87%) (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 36). In der gleichen Studie wurde der Familienstand der alleinerziehenden Mütter aufgeschlüsselt: 14% der befragten Mütter lebten von ihrem Ehemann getrennt, 22% waren verwitwet, 24% ledig, und 40% der Mütter waren geschieden (s. Anhang 1). Die Ergebnisse für das Jahr 2000 sind als Vergleichsdaten in Anhang 2 zu ersehen.

Das Durchschnittsalter alleinerziehender Mütter lag im Jahr 2005 bei 46,1 Jahren und hat sich seit 1996 kaum verändert (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 36 sowie S. 38, Tabelle 9).

Eine Aufschlüsselung in Bezug auf die Kinderzahl der alleinerziehenden Mütter erstellte das BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (BMFSFJ) im Jahr 2000: Demnach lebten rund 62% der alleinerziehenden Mütter mit einem Kind unter 27 Jahren zusammen in einem Haushalt, rund 29% mit zwei und rund 9% mit 3 und mehr Kindern (s. Anhang 3).

Die Auswertung der Statistik zeigt, dass bereits jetzt ein hoher Anteil an alternativen Familienformen in unserer Gesellschaft besteht und dieser vor allem durch alleinerziehende Mütter gekennzeichnet ist. Die anhand der Statistik erkennbaren bisherigen Entwicklungen lassen annehmen, dass sich die Tendenz zum weiteren Anstieg der alternativen Familienformen fortsetzen wird.

Bedeutsam sind diese Ergebnisse für die weitere Ausformung staatlicher Aufgaben. Per Grundgesetz hat sich die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet, der Ehe und Familie einen besonderen Schutz zukommen zu lassen (s. Artikel 6 Abs. 1 und 2 Grundgesetz, vgl. STASCHEIT 2006, S. 16). Der Staat in seiner Wächterfunktion muss letztendlich dem wachsenden Anteil alternativer Familienformen gerecht werden und ggf. eine familienpolitische Ausdifferenzierung staatlicher Unterstützungsleistungen herbeiführen.

2.2 Mutterfamilien- Entstehungszusammenhänge

In diesem Abschnitt meiner Arbeit werde ich auf die unterschiedlichen Gesichtspunkte der Entstehung der Lebensform Mutterfamilie näher eingehen. Dabei haben die Faktoren Freiwilligkeit und Zwang großen Einfluss auf die subjektive Sichtweise der alleinerziehenden Mütter über ihre Lebenssituation und lassen das Alleinerziehen als Durchgangsstadium, Arrangement oder Lebensstil erscheinen.

Frauen, die auf Grund lediger Mutterschaft ein Kind erwarteten, mussten zu früherer Zeit mit „öffentlicher Bestrafung (Zuchthaus, körperliche Züchtigung in der Öffentlichkeit u.a.m.) rechnen“ (NAVE- HERZ 2002, S. 99). Das Schicksal einer ledig gebliebenen alleinerziehenden Mutter war eines der härtesten und konnte nur durch eine schnelle Heirat im frühen Stadium der Schwangerschaft verhindert werden (vgl. NAVE-HERZ 2002, S. 100).

Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde die Mutterschaft ohne den Vater des Kindes als Malheur angesehen und erschwerte das Leben, welches gesellschaftlich von dem Leitbild der bürgerlichen Kleinfamilie geprägt war (vgl. SCHNEIDER et al. 1998, S. 114). „Die Lebensform an sich“, so SCHNEIDER et al. (1998), „paßte [!] nicht ins idealisierte Muster der Lebensführung. Für die Betroffenen stellte Alleinerziehen […] bis Ende des 19. Jahrhunderts daher normalerweise eine Durchgangsphase dar, die möglichst schnell zum Ideal der bürgerlichen Kernfamilie oder zumindest zum Leben in einem Mehrpersonenhaushalt führen sollte„ (ebd. 1998, S. 113; Einfügung und Auslassung: F.W.).

Im 19. Jahrhundert bildeten Verwitwete die größte Gruppe der Alleinerziehenden. Durch eine andere Mortalitätsstruktur, z.B. Tod im Kindbett, waren vor allem Männer davon betroffen, sich als Alleinerziehende um die Restfamilie zu sorgen. Im Normalfall war das Alleinerziehen aber nur eine Übergangssituation, die in der Wiederverheiratung endete. Die Heirat bzw. Wiederheirat sorgte für eine erneute soziale und ökonomische Perspektive der Alleinerziehenden und lieferte gleichzeitig einen Status (Ehefrau oder Ehemann), der gesellschaftlich und sozial akzeptiert war (vgl. SCHNEIDER et al. 1998, S. 118).

Die Trennung oder Scheidung war ein seltenes Phänomen und wurde aus ideologischen und materiellen Gründen zu verhindern versucht. Für die Scheidung war eine klare Schuldzuweisung notwendig, wobei „nur zu oft Unschuldige zu Schuldigen werden mit den damit verbundenen sozialen Folgen und menschlichen Schicksalen“ (NAVE- HERZ 2002, S. 105). In den unteren sozialen Schichten gab es zuweilen die alleinerziehende und versorgende Mutter, die von ihrem Ehemann getrennt lebte. Eine formale Ehescheidung fand jedoch nicht statt (vgl. NAVE- HERZ 2002, S. 105). Aus historischer Sicht betrachtet „gab es im Grunde nur zwei Entstehungszusammenhänge für die Ein- Elternschaft: Verwitwung oder ungewollte ledige Mutterschaft“ (SCHNEIDER et al. 1998, S. 114).

In der heutigen Zeit ist die Mutterfamilie überwiegend eine Folge der gestiegenen Scheidungshäufigkeit und der Zunahme lediger Mütter. Ursprünge dieser Tendenzen sind in der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensverhältnisse zu suchen.

In seinem Buch „Alleinerziehen- Vielfalt und Dynamik einer Lebensform“ differenziert SCHNEIDER (2001) verschiedene Kriterien die zur Entstehung der Lebensform Alleinerziehende beitragen. Für ihn gehören das Alter der Kinder bei der Trennung der Partner, die subjektiven Wünsche nach einer Veränderung der Lebenssituation und die gesellschaftliche Akzeptanz von alternativen Lebensweisen, abseits von der konventionellen Lebensform der Ehe, ebenso zum Entstehungszusammenhang der Familienform wie die individuelle Wahrnehmung der Vor- und Nachteile des Alleinerziehens. Weiterhin bestimmt die jeweilige Situationsdefinition der Alleinerziehenden sowohl die subjektive Sicht auf den Entscheidungsprozess und den Trennungsverlauf als auch auf die Lebenssituation insgesamt (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 44).

Als Beispiel bringt SCHNEIDER (2001) hier die ungewollte oder ungeplante Schwangerschaft von Frauen an, die den Partner nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen. Reagiert der Partner mit Ablehnung gegen die zukünftige Elternschaft, kommt es auf die Situationsdefinition der Frauen an:

„Die einen entscheiden sich für eine Trennung vom Partner, definieren sich selbst als aktiv Handelnde. Die anderen fühlen sich verlassen und der Situation passiv ausgeliefert. Diese Situationsdefinition bestimmt auch die Wahrnehmung der Lebensform als Alleinerziehende. Die aktiv Handelnde- so zeigen die Fallanalysen- sehen die Situation positiver als die, die sich als passiv den Umständen ausgesetzt wahrnehmen“ (SCHNEIDER 2001, S. 44).

Auch die Phase des Alleinerziehens selbst im Lebensverlauf sieht SCHNEIDER (2001) als Kriterium für das Entstehen der Lebensform: Es ist zu berücksichtigen, ob diese Lebensform zum ersten Mal gelebt wird oder sich die Person schon zum wiederholten Male in der Lebensphase des Alleinerziehens befindet (vgl. ebd. 2001, S. 44). SCHNEIDER (2001) legt in seiner Analyse besonderen Wert auf den Selbstbestimmtheits- bzw. Freiwilligkeitsgrad der Trennungssituation und misst diesem einen besonderen Einfluss auf die Lebenssituation der Alleinerziehenden bei (vgl. ebd. 2001, S. 39).

In den folgenden Abschnitten werde ich auf verschiedene Erscheinungsformen der Lebensform alleinerziehende Mutter eingehen und diese in Anlehnung an SCHNEIDER (2001) nach dem Grad der Freiwilligkeit in ihrem Entstehungszusammenhang aufgliedern.

2.2.1 Freiwillig Alleinerziehende

Freiwillig Alleinerziehende sind jene Alleinerziehende, „die sich nach ihrem eigenen Empfinden weitgehend selbstbestimmt und aktiv für diese Lebensform entschieden haben“ (SCHNEIDER 2001, S. 45). Nach MEYER/ SCHULZE (1992) gehören zu dieser Gruppe Frauen, „die schon während der Schwangerschaft wussten, dass ihr Partner nicht bereit sein würde, sich an der Erziehung zu beteiligen“ (ebd. 1992, S. 104) oder Alleinerziehende, die sich aus einer ehelichen oder nichtehelichen Partnerschaft lösten und bereits vor der Geburt des Kindes die Gewissheit hatten, das Kind würde bei ihnen aufwachsen (vgl. ebd. 1992, S. 104).

Dem freiwilligen Alleinerziehen liegt damit häufig eine Planung zu Grunde, die ggf. schon vor oder auch während einer Schwangerschaft die Zukunft der Mütter mit ihren Kindern entwirft. In der Literatur werden Frauen, die diese Lebensform für sich erkoren haben, auch als nest- builders oder unbemannte Mütter bezeichnet (vgl. SCHNEIDER et al. 1998, S. 127; SCHNEIDER 2001, S. 49; NAVE- HERZ 2002, S. 102).

Folgt man SCHNEIDER et al. (1998) in ihrer Auffassung, so lassen sich freiwillig alleinerziehende Mütter zumeist durch folgende Charakteristika kennzeichnen:
- Die sozioökonomische Situation der Mütter ist unabhängig vom Vater des Kindes gut;
- Die erlebten Erfahrungen mit Männern bestätigen ein eher negatives Bild und tragen zu einer von Männern unabhängigen Lebensweise bei;
- Der zunächst aufgeschobene Kinderwunsch erhält ab einer bestimmten Lebensphase Dominanz und wird auch unabhängig von einer Partnerschaft angesteuert;
- Veränderte Lebensprioritäten (Orientierung auf Beruf und Karriere) drängen die spontane Mutterschaft zurück und machen sie abhängig von berufsspezifischen Entwicklungen; eine Partnerschaft ist dann nicht mehr unabänderlich an den Wunsch der Mutterschaft gekoppelt;
- Vergangene Erfahrungen in Partnerschaften führten dazu, dass die Mütter die gemeinsame Elternschaft als nicht tragfähig erachteten und die Lebensform der freiwillig Alleinerziehenden favorisieren (vgl. SCHNEIDER et al. 1998, S. 128 f.).

In der Studie von NAVE- HERZ (2002) unterscheiden sich die nest- builders von den übrigen Frauen weiterhin durch eine „höhere Bildung und stärkeres Karrierestreben“ (ebd. 2002, S. 102). Diese Auflistung gibt keinen vollständigen und generalisierenden Blick auf die Merkmale freiwillig alleinerziehender Mütter. Jeder Einzellfall wird subjektive Facetten aufweisen.

Grundsätzlich sind freiwillig Alleinerziehende als Lebensstil zu erachten, als bewusst gewählte und auf Dauer angelegte Lebensform, die auf das traditionelle Modell der Familie verzichtet, ohne durch das Schicksal (z.B. Tod des Partners) in diese Lebensvariante getrieben worden zu sein.

2.2.2 Bedingt freiwillig Alleinerziehende

„Als bedingt freiwillig Alleinerziehende werden solche betrachtet, die sich nach ihrer eigenen Einschätzung bei der Wahl zwischen zwei eher positiven Alternativen für die bessere entschieden haben“ (SCHNEIDER 2001, S. 45). Dazu zählen Frauen, die im Fortbestehen der eigenen Partnerschaft keine Zukunft mehr sehen und sich nach Abwägung ihrer Interessen für das Alleinerziehen entschieden haben (vgl. SCHNEIDER et al. 1998, S. 127).

Oftmals managten bedingt freiwillig Alleinerziehende die Familie bereits jahrelang allein und konnten die Verantwortung nicht teilen. Sie haben zunehmend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewonnen „und kommen irgendwann zu dem Entschluss, dass sie sich dann ebenso gut trennen können“ (SCHNEIDER 2001, S. 58). Während die freiwillig Alleinerziehenden sich frühzeitig und in z.T. geplanter Form für ein Leben in der alleinerziehenden Form entschieden haben, erfolgt der Entschluss zur Trennung bei den bedingt Freiwilligen erst nach einer längeren Phase in der die bestehende Beziehung abgewogen wird.

Wie SCHNEIDER (2001) in seinen Ausführungen beschreibt, wählen (auch) die bedingt freiwillig Alleinerziehenden aktiv eine andere Lebensform, „betonen jedoch, dass sie sich nicht unbedingt (nur) freiwillig dafür entschieden haben. Sie fühlen sich mit bestimmten unbeeinflussbaren Umständen konfrontiert, aber nicht ohnmächtig, und sehen Alternativen“ (vgl. ebd. 2001, S. 58 f.).

Als Beispiel wären hier Frauen zu nennen, die in der bestehenden Partnerschaft keine Erfüllung (mehr) finden und sich das Leben mit einem Partner sowie mit ihren Kindern anders vorstellen. Insbesondere die wiederkehrenden Konflikte mit dem Partner werden als Belastung für sich selbst, aber vor allem auch für die Kinder, empfunden.

Bedingt freiwillig alleinerziehende Mütter erkennen nach Jahren der alleinigen Familienorganisation ihre eigenen Fähigkeiten und geben sich nicht untätig ihrem Schicksal hin (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 58). Frauen, die sich bedingt freiwillig für diese Lebensform entschieden haben, verfügen über Handlungsoptionen. Sie integrieren das Alleinerziehen nach einer Phase der Eingewöhnung selbstbewusst in ihr neues Leben (vgl. SCHNEIDER 2001, S. 58).

[...]


[1] Permissivität: „Gewährenlassen, Freizügigkeit, insbesondere auch Beliebigkeit“ (http://de.wiktionary. org/wiki/Permissivit%C3%A4t)

[2] „Bei der Pluralisierung der Lebensformen […] handelt es sich weniger um die Entstehung neuer Lebensformen, als darum, dass neben der Normalfamilie andere Privatheitsformen an Gewicht gewonnen haben“ (PEUKERT 2005, S. 197; Auslassung: F.W.). Diese Tendenz betrifft in hohem Maße die alternativen Familienformen (Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften).

Die Individualisierung wird „als Prozess der Freisetzung des Menschen aus ständischen Bindungen und als Zunahme des Entscheidungsspielraums beschrieben“ (PEUKERT 2005, S. 361).

[3] „Im Einzelnen sind das Ehepaare, nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie allein erziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern im Haushalt […]. Dabei ist- für die Familie im Mikrozensus- unerheblich, wie alt diese Kinder sind und ob es sich um leibliche Kinder, Stief-, Pflege- oder Adoptivkinder handelt. Damit umfasst eine Familie im Mikrozensus immer zwei Generationen. Kinder, die noch gemeinsam mit den Eltern in einem Haushalt leben, dort aber bereits eigene Kinder versorgen, sowie Kinder, die nicht mehr ledig sind oder mit einer Partnerin beziehungsweise einem Partner in einer Lebensgemeinschaft leben, werden im Mikrozensus nicht der Herkunftsfamilie zugerechnet, sondern zählen statistisch als eigene Familie beziehungsweise Lebensform“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 41; Auslassung: F.W.).

Details

Seiten
135
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836607995
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225490
Institution / Hochschule
Fachhochschule Potsdam – Sozialwesen
Note
1,7
Schlagworte
alleinerziehende mütter gesundheit wohlbefinden belastungsfaktoren ressourcen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur gesundheitlichen Situation von alleinerziehenden Müttern