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Zur lebensweltlichen Analyse des Windsurfings - eine qualitative Untersuchung

Examensarbeit 2007 96 Seiten

Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Zum Begriff „Lebenswelt“
2.1.1 Der Begriff „Lebenswelt“ im Verständnis von Edmund Husserl und Alfred Schütz
2.1.2 Mundanphänomenologie und kleine soziale Lebenswelten
2.2 Cultural Studies
2.2.1 Kultur als Gegenstand der Forschung
2.2.2 Kultur als Abgrenzungsmöglichkeit zur Gesellschaft
2.3 Exkurs: Der Prozess der Individualisierung in modernen Gesellschaften
2.4 Lebensstil
2.5 Szenen
2.5.1 Szenen als kommunikatives und interaktives soziales Gebilde
2.5.2 Organisationsstruktur der Szene
2.5.3 Ein Szenekonzept
2.6 Exkurs: Die Geschichte des Windsurfens
2.7 Kennzeichen und Merkmale der Windsurfszene
2.7.1 Identität, Hingabe und Status in der Szene
2.7.2 Material
2.7.3 Kleidung
2.7.4 Organisationsmerkmale des eigenen Lebens
2.8 Zwischenfazit und Formulierung von Grundannahmen

3 Forschungsansatz und Methode
3.1 Die Datenerhebung
3.2 Der Interview - Leitfaden
3.3 Auswahl der Interviewpartner
3.4 Die Interviewdurchführung
3.5 Datenauswertung

4 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
4.1 Kategorie: Windsurfen als Lebensmittelpunkt
4.1.1 Muster: Die Ausrichtung des alltäglichen Lebens
4.1.2 Muster: „Beziehungs- Kompromisse“ eingehen
4.2 Kategorie: Zwischen Schein und Sein (Szenedifferenzierung)
4.2.1 Muster: Respekt gegenüber Können und Könnern
4.2.2 Muster: Respekt vor Persönlichkeit
4.2.3 Muster: Ablehnung von Blendern, Posern und Mitläufern
4.3 Kategorie: „Auf sich allein gestellt sein“ – Freiheit erleben und Herausforderung meistern
4.4 Kategorie: „Die Welle ist ganz klar der Chef“ - auf die Natur einstellen
4.5 Kategorie: „Zusammen auf einer Welle sein“ - Freude und Motivation in der Gruppe erleben
4.6 Zusammenfassung der Darstellung und Interpretation der Ergebnisse

5 Diskussion
5.2 Ergebnisdiskussion
5.1 Methodendiskussion

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Interview-Leitfaden

ERKLÄRUNG

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Die Verwendung der männlichen Form schließt die weibliche Form mit ein.

1 Einleitung

Windsurfen - ein Sport, der sich seit seiner Erfindung im Jahr 1964 durch die drei Pioniere Newman Darly, Jim Drake und Hoyle Schweitzer schnell weiter entwickelt und verbreitet hat, vermittelt Akteuren und auch Zuschauern noch heute das Gefühl von Freiheit, Abenteuer, Risiko und Gefahr. Gerade der letzte Windsurfworldcup auf der Nordseeinsel Sylt mit einem Zuschauerrekord von mehr als 180.000 Besuchern hat deutlich gemacht, wie populär und anziehend diese Sportart nach wie vor ist.

Neben dem Image und der Anziehungskraft des Windsurfens sind es aber vor allem die Akteure selbst, die dem Sport mit ihrer ganz persönlichen „Weltanschauung“ diese Einzigartigkeit und Faszination verleihen und diesen dadurch prägen und gestalten.

In der Sportart Windsurfen bilden unterschiedliche Szenen, national wie international, Gemeinschaften, die alle als eine eigene, kleine Lebenswelt verstanden werden können, da in diesen gewisse Stile, Verhaltensmuster, Regeln, Relevanzen und Weltdeutungsschemata zu finden sind.

Bisherige Untersuchungen zur Klärung dieser bestimmten Aspekte werden in der im Jahr 2000 veröffentlichten Arbeit von Belinda Wheaton „Just do it“: Consumption, Commitment, and Identity in the Windsurfing Subculture angesprochen. Diese Ausführungen Wheatons geben jedoch weniger Auskunft darüber, welche Anforderungen die Sportart an den Einzelnen stellt, wie die Interaktionen und Verhältnisse untereinander entstehen und was die Sportler zu ihren Vorstellungen und Denkweisen bewegt.

Diese Aspekte sollen mit Hilfe der vorliegenden Arbeit dargestellt und erläutert werden. Unter den im Titel erscheinenden Begriffen „lebensweltliche Analyse“ ist dabei zu verstehen, dass durch objektive Erkenntnisse das Wesen einer Sache, also in dieser Arbeit die Lebenswelt der Windsurfer, verständlicher gemacht wird.

Da der Verfasser dieser Studie seit mehreren Jahren (1999) in dieser Sportart aktiv und involviert ist und darüber hinaus seit 2002 auch versucht, als Surflehrer der CAU Kiel die Reize und Motive, die diesen Sport ausmachen, weiter zu vermitteln, hat er sich im Laufe seines „Windsurferlebens“ immer wieder die Frage gestellt, wie man diese kleine Lebenswelt am Besten beschreiben und analysieren kann.

Dabei interessieren den Verfasser dieser Arbeit besonders die Fragen, welches Verhältnis, welche Einstellungen und Motivationen die Surfer für diesem Sport haben, wie sie ihr Leben gestalten, um ein paar Stunden auf dem Wasser verbringen zu können, wie ihr Verhältnis untereinander aussieht und welche unterschiedlichen Charaktere das Leben in einer Szene kennzeichnen. Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich demnach wie folgt:

Im ersten Teil der Arbeit wird im theoretischen Bezugsrahmen der Begriff der Lebenswelt mit den Sichtweisen seiner wichtigsten Vertreter dargestellt, um ein erstes Verständnis vom Inhalt dieser Studie zu bekommen.

Im Anschluss wird mit der Mundanphänomenologie und der Beschreibung der „kleinen Lebenswelten“ sowohl der Ausgangspunkt des Forschungsfeldes als auch die Gründe für die Konstruktion von diesen Lebenswelten geliefert. Die Cultural Studies runden danach den ersten Einblick in das Forschungsgebiet und dessen Hintergrundtheorien ab.

Um den Sinn für die Konstruktion von Lebenswelten in der Gesellschaft besser nachvollziehen zu können, werden im folgenden Teil die gegenwärtigen Anforderungen an das Individuum in der heutigen Gesellschaft im Zusammenhang mit dem sich daraus ergebenen Lebensstil gezeigt.

Diese gesellschaftlichen Gegebenheiten führen zu einer Entstehung bestimmter sozialer Phänomene, den sogenannten Szenen, deren wichtigste Eigenschaften und Merkmale dargestellt und im Anschluss in einem Konzept der Szene katalogisiert werden.

Im letzten Teil des theoretischen Bezugsrahmens werden dann sowohl die Ursprünge als auch die Entwicklung und einige Merkmale der Windsurfszene gezeigt, um sich ein Bild von dieser Sportart machen zu können und um einen ersten Eindruck von den besonderen Motiven, Einstellungen sowie Denk- und Verhaltensmustern zu bekommen.

Daraufhin werden Grundannahmen formuliert, welche die aus der Theorie gewonnenen Erkenntnisse verdeutlichen sollen und als Orientierung in der empirischen Untersuchung dienen.

In der folgenden Darstellung des Forschungsansatzes und der Methode werden die Gründe für die Wahl des qualitativen Forschungsansatzes und die damit verbundene Methode begründet und erläutert. Außerdem erfolgt eine Beschreibung der Interviewpartner, des Interview - Leitfadens, die Durchführung der Interviews, die Datenaufbereitung und deren Auswertung, um so die Nachvollziehbarkeit der Studie zu gewährleisten.

In dem anschließenden Kapitel erfolgt die Darstellung und Interpretation der Ergebnisse. In diesem werden die für diese Studie relevanten Kategorien, die aus dem Datenmaterial herausgearbeitet wurden, dargestellt und mit ihren verschiedenen Eigenschaften aufgeschlüsselt. Dabei dienen die unterschiedlichen Muster, die mit Hilfe von Ankerbeispielen veranschaulicht werden, zur genaueren Erläuterung des aufgetretenen Phänomens.

Daraufhin wird in der Diskussion die Wahl der Methode und die Art der Durchführung kritisch betrachtet. Außerdem werden die empirisch gewonnenen Daten mit den im Theorieteil dargestellten Theorien verglichen und analysiert, bevor in der Zusammenfassung die wichtigsten Inhalte und Ziele der Studie nochmals dargestellt werden.

2 Theoretischer Bezugsrahmen

Da es sich bei dieser Arbeit um die Analyse einer Lebenswelt handelt, dient der theoretische Bezugsrahmen zur Einordnung und Erklärung der Begriffe Lebenswelt, Szene und der Sportart Windsurfen, die dann zur Formulierung von Grundannahmen führen sollen.

Der Begriff der Lebenswelt wird zu Beginn des theoretischen Bezugsrahmens im Zusammenhang mit dessen wichtigsten Vertretern Edmund Husserl und Alfred Schütz dargestellt und erläutert, bevor zwei wichtige Forschungsrichtungen (Mundanphänomenologie und Cultural Studies ), die den Hintergrund für die Erforschung von Lebenswelten bilden, vorgestellt werden.

Im Anschluss daran werden die Gründe für die Entstehung von Gruppierungen und Gemeinschaften in Bezug auf den Prozess der Individualisierung in der modernen Gesellschaft geliefert, die einen gewissen Einfluss auf den Lebensstil des Individuums haben, welcher daraufhin genauer thematisiert werden soll.

Der folgende Teil der Untersuchung führt dann den Begriff der Szene ein und stellt deren besondere Eigenschaften vor, bevor nach einem kurzen Exkurs zur Geschichte der Sportart Windsurfen, welcher zum besseren Verständnis dieser Untersuchung beitragen soll, die Kennzeichen und Merkmale der Windsurfszene genauer dargestellt und erläutert werden.

Im Zwischenfazit werden dann die aus der Theorie gewonnenen Erkenntnisse genutzt, um Grundannahmen zu formulieren.

2.1 Zum Begriff „Lebenswelt“

Die Mundanphänomenologie spielt in der qualitativen Forschung eine wichtige Rolle. Da sie eine der zentralen Hintergrundtheorien dieser Forschungsrichtung darstellt und auch in dieser Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, wird ihre Entwicklung am Begriff der Lebenswelt zunächst kurz im Zusammenhang mit ihren wichtigsten Vertretern erläutert, denn sie beschäftigt sich mit der Rekonstruktion von Strukturen einer Lebenswelt.

2.1.1 Der Begriff „Lebenswelt“ im Verständnis von Edmund Husserl und Alfred Schütz

Der Begriff der Lebenswelt tauchte erstmals im Zusammenhang mit einer Theorie des Philosophen und Mathematikers Edmund Husserl (1859-1938) auf, der als Gründer der heutigen Phänomenologie (die Lehre und Untersuchung von Erscheinungen) gilt.

Diese Theorie der Lebenswelt, welche die Aufgabe einer lebensweltlichen Ontologie, also der Disziplin, die sich mit dem Sein und dem „Seienden“ beschäftigt, ist aus einer Kritik gegenüber der Wissenschaften entstanden. Edmund Husserl beklagte zunehmend, dass die „Krisis der europäischen Wissenschaften“ (Flick, 2004, S. 110) auf die mangelnde Berücksichtigung der verschiedenen Lebenswelten zurückzuführen ist. Deshalb forderte er, dass man sich wieder stärker an den Dingen und Menschen „selbst“ zu orientieren hätte. Das bedeutete, dass die Wissenschaften sich nur auf solche Erkenntnisse einlassen sollten, die aus dem direkten Bewusstseinerleben von Personen stammten.

Seiner Meinung nach ist die Lebenswelt der Boden des täglichen Handelns und Denkens sowie der Bereich des Philosophierens und Theoretisierens. Die Lebenswelt existiert demnach in milliardenfacher Ausführung, da sie für jeden einzelnen die „wirkliche“ Welt darstellt.

Diese persönlichen Welten werden vom Individuum aus unveränderbaren Grundstrukturen aufgebaut, die sich im „Reich der ursprünglichen Evidenzen“ (Hitzler/ Honer, 1984, S. 58) (dem „Apriori“ der Geschichte) befinden. Dieses Apriori der Geschichte bildet demnach die Grundlage für eine empirischen und theoretischen Vergleich, als auch für eine Differenzierung der einzelnen Lebenswelten, welche nach Husserl durch jedes Individuum selbst erschaffen werden und deshalb ein egologisches Gebilde präsentieren (vgl. Hitzler/ Honer, 1984, S. 58).

Alfred Schütz (1899 - 1959) , Begründer der soziologischen Phänomenologie, greift die Idee Husserls auf, versucht aber verstärkt, die Wesensmerkmale der Lebenswelt herauszuarbeiten. Da die Erkenntnistheorie der Sozialwissenschaften seinen Forschungshintergrund bildet, ist Schütz an der Frage interessiert, wie sich Sinn und Verstehen im subjektiven Bewusstsein einer Person konstruieren. Durch Abstraktion sollen die verschiedenen Prozesse des individuellen Bewusstseins dabei erfasst werden und dann Aufschluss über die Strukturen einer Lebenswelt geben, die nach Schütz vom Einzelnen gebildet wird. Die gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit geht nach Schütz also immer auf die subjektiven Sinngebilde einer Person und deren Aufbau der sozialen Welt zurück. Daher ist es wichtig diese Sinngebilde in „Sinnsetzungs- und Verstehensprozesse“ des Handelnden zu zerlegen, um Informationen über soziale Phänomene, die über die Handlungen von Personen gebildet werden, zu verstehen (vgl. Flick, 2004, S. 111-113).

Schütz untersucht jedoch nicht nur die im subjektiven Bewusstsein gebildete Lebenswelt, sondern versteht diese ebenfalls als eine durch „Wirkhandlungen der Menschen produzierte Welt“ (Flick, 2004, S. 111). Dabei ist die Alltagswelt eines Menschen nur als ein Bereich der Lebenswelt zu verstehen und fällt daher nicht mit ihr zusammen.

Die Mundanphänomenologie, eine Forschungsrichtung, die im folgenden Abschnitt näher erläutert wird, setzt daher auch bei der Alltagserfahrung eines Menschen an, da es über die Betrachtung der Alltagsempfindungen gelingt, die Lebenswelt einer Person nach räumlichen, zeitlichen und sozialen Gesichtspunkten zu gliedern und die jeweils individuellen Relevanzstrukturen herausarbeiten. Die Lebenswelt ist folglich ein Zusammenspiel von aktuellem Erleben und Erlebnissen aus der Vergangenheit (vgl. Honer, 1993, S. 21)

Ein weiteres wesentliches Merkmal einer Lebenswelt ist die menschliche Praxis, welche unumgänglich ist, da Kommunikation, Interpretation und Deutung von Zeichen und Symbolen in dem sozialen Gebilde eine wichtige Rolle spielen (vgl. Luckmann, 1980, S. 93-122). Dadurch ist die Lebenswelt ein sehr offenes Konstrukt und immer erweiterungsfähig, da sie dem Einzelnen mehrere Erfahrungsmöglichkeiten bietet, die nach individuellen Präferenzen ausgewählt werden und dann stets im tatsächlichen Erleben enden.

Deshalb wird unser Handeln auch vom „Erleben“ bestimmt und jeder Mensch versucht deshalb in Bezug auf seine Handlungen, die Sinnhaltigkeit seiner Erfahrungen zu prüfen um dann zu entscheiden, was seiner Meinung nach wichtig ist und was nicht. Diese Sinnhaltigkeit kann sowohl kurz- bzw. langlebiger Natur sein als auch situationsbedingt oder situationsunabhängig. Auf Grund dieser Erfahrungsprüfung lebt jeder Mensch in seiner eigenen Lebenswelt, da er die für sich relevanten Muster und Zeichen zu einem Insgesamt von Wirklichkeiten zusammenfügt und daraus eine eigene Welt erstellt (vgl. Honer, 1993, S. 18-19).

2.1.2 Mundanphänomenologie und kleine soziale Lebenswelten

Die Mundanphänomenologie spielt in der qualitativen Forschung eine wichtige Rolle, denn sie ist eine der zentralen Hintergrundtheorien dieser Forschungsrichtung, und auch in dieser Arbeit kommt ihr eine große Bedeutung zu, da sie den Schlüssel zur Erforschung einer Lebenswelt liefert.

Aufgabe dieser Phänomenologie, welche empirisch arbeitet, ist die Erfassung, Beschreibung und Rekonstruktion von Lebenswelten, d.h. es werden Erfahrungen und Einstellungen eines Einzelnen aufgegriffen und bearbeitet. So gelingt es dann, einzelne Schichten des Bewusstseinsprozesses herauszuarbeiten und damit Konstitutionsleistungen des Individuums, welches die Lebenswelt erschafft, zu verstehen. Diese subjektiven Erfahrungen bilden später die Erkenntnisse, die zur Erschließung bzw. zum Verständnis der jeweiligen Lebenswelt führen soll (vgl. Fellmann, 2006, S. 25-31).

Diese kleinen sozialen Lebenswelten stellen in der modernen Gesellschaft eine vielfältige, differenzierte und kulturelle Betrachtung der Wirklichkeit dar und verdeutlichen, dass die Relevanzstrukturen der Gesellschaftsmitglieder nur noch bedingt die gleichen sind.

Innerhalb der sozialen Lebenswelten nimmt der Umfang eines Spezial-/Sonderwissens immer mehr zu. Dies führt dazu, dass Außenstehende diese Lebenswelt nur noch eingeschränkt verstehen können, und es kommt zu einer Entstehung von Gesellschaften innerhalb der Gesellschaft.

Diese „kleinen“ sozialen Lebenswelten ( das Adjektiv „klein“ bezieht sich hier auf die Tatsache, dass in dieser Welt keine Komplexität von Relevanzen überwiegt, sondern sich die Mitglieder auf ein ihnen wichtiges Relevanzsystem beziehen) sind aus Teilen der sozialen Alltagswelt der Gesellschaft zusammengesetzt und unterscheiden sich vom allgemeinen Gesellschaftssystem durch die Darstellung eigener Erfahrungen und Interessen. Das Relevanzsystem einer solchen kleinen sozialen Lebenswelt bildet also ein eigenes thematisches, interpretatives und motivationales Sinngebilde.

Welche Bedeutung das Sinngebilde von den verschiedenen Teilnehmern zugeschrieben bekommt, hängt zum größten Teil von der persönlichen Identifikation des Einzelnen ab. Diese persönlichen Identifikationen treffen in der Lebenswelt aufeinander. Deshalb kann die Lebenswelt auch als starkes kommunikatives und interaktives System verstanden werden, in dem ein bestimmtes Denk- und Verhaltensschemata durch die Teilnehmer erstellt wird, welches die Sinn- und Zwecksetzungen repräsentiert und so das Handeln innerhalb dieses Sinngebildes bestimmt (vgl. Honer, 1993, S. 25-32).

Das gemeinsame Erlebnis bzw. die gemeinsamen Interessen sorgen bei den Mitgliedern somit dafür, dass sie auf Grund ihrer Denk- und Vorstellungsmuster für „sich“ definieren, was als „Normalität und „Nichtnormalität gilt. Die „Normalität“ spiegelt dabei natürlich oft eine von vielen Teilnehmern geteilte Perspektive wieder. Auch das Typische dieser Welt sowie die Geltung einer Sache, die auf einen bestimmten Zusammenhang bezogen ist, gehen auf die individuellen Erfahrungen der Einzelnen zurück (vgl. Honer, 1993, S. 25-32).

Gerade der Aspekt der gemeinsamen Erfahrungen und Interessen unterscheidet die kleine, soziale Lebenswelt von der alltäglichen Lebenswelt. Im Alltag ist es auf Grund der vielen verschiedenen Perspektiven schwierig, Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erleben. In der kleinen Lebenswelt werden Dinge von den Menschen in ähnlicher Art und Weise erlebt und ihre Perspektiven und Relevanzen sind kongruent.

Ein weiterer Unterschied zur Alltagswelt liegt darin, dass Bewertungs-, Handlungs-, und Interpretationsmuster, die sich im Rahmen der Lebenswelt bewährt haben, nicht verworfen werden, sondern unbeliebig lange Gültigkeit besitzen, da sie das Resultat eigener Erfahrungen sind oder sozial vermittelt wurden. Das bewirkt natürlich einen großen Zusammenhalt unter den Mitgliedern einer solchen Lebenswelt.

Die Menschen haben in einer solchen kleinen sozialen Lebenswelt also immer die Möglichkeit, sich an bestehenden und bewährten Handlungs- und Wissenssystemen zu beteiligen und diese durch ihre eigenen Erfahrungen mit zu gestalten. Auch wenn der Einsatz zur Mitgestaltung unter den Teilnehmern unterschiedlich ist, da einige die Lebenswelt als alleinigen Lebensmittelpunkt, andere sie als Übergangsorientierung oder nur als Unterhaltung nutzen, so bleibt sie für jeden ein identifizierbares System, welches Erfahrungen, Einstellungen und Eindrücke der verschiedenen Teilnehmer darstellt und somit deren Relevanzsystem zu Grunde legt.

Die Mitglieder dieses Sinngebildes vertreten demnach ein bestimmtes Weltdeutungsschema. Dass der Mensch sich in der modernen Gesellschaft zunehmend an ihm naheliegenden Deutungs- und Handlungsmustern orientiert, hängt mit der Zerstörung der kulturellen Dauerorientierung zusammen, welche dem Menschen in der vormodernen Gesellschaft die Qual der Wahl erheblich erleichterte (vgl. Honer,1993, S. 29-31).

Durch diesen Verlust ist das Individuum heute mehr denn je gefragt, sich an Eindrücken, Ideologien, Vorstellungen und Lebensstilen zu orientieren und die ihm zusagenden Regeln und Relevanzen einer sozialen Lebenswelt zu finden. Ist diese Lebenswelt erst einmal gefunden, so wird diese oft zum Mittelpunkt des Lebens oder zum „Heimathafen“ des Einzelnen und erklärt die starke Verbundenheit und das enorme Identitätspotenzial mit dieser Welt. Trotzdem darf dabei nicht vergessen werden, dass mit der Wahl einer Lebenswelt ein radikaler Wechsel der Perspektive verbunden ist, da sich der Mensch den Vorstellungen und Eindrücken dieses Sinngebildes hingibt (vgl. Honer, 1993, S. 31).

Zusammengefasst kann man die Lebenswelt also folgendermaßen kennzeichnen: In der Mundanphänomenologie ist eine Lebenswelt als Korrelat, eine Sammlung von Wirklichkeiten zu verstehen. Jede dieser Wirklichkeiten besitzt individuelle Relevanzstrukturen und Muster, die dem erlebenden Individuum zugeordnet werden können, da sie durch Erfahrungen und Bewusstseinsleistungen ihrer Teilnehmer konstruiert werden (vgl. Schütz/ Luckmann, 2003, S. 45). So kann gesagt werden, dass jede Lebenswelt, die als Teil- Wirklichkeit zu verstehen ist, durch die einzelne Person aufgebaut wird.

Wie sich dabei eine solche Lebenswelt im Bereich des Sports gestalten kann, zeigt zum Beispiel eine Arbeit von Anne Honer mit dem Titel „Bodybuilding als Sinnsystem- Elemente, Aspekte und Strukturen“. Dabei arbeitet Honer heraus, dass die Sportart Bodybuilding eine soziale Praxis ist, die in ein „strukturiertes, abgrenzbares Sonderwissens- System eingebettet ist und verschiedene Aspekte und Strukturen aufweist, die charakteristisch für diese Teil- Wirklichkeit der einzelnen Mitglieder sind“ (Honer, 1995, S. 111). Diese besonderen Strukturen, Eigenschaften und Aspekte, die für die Mitglieder einer solchen Lebenswelt von großer Bedeutung sind und deren Wahrnehmung bestimmen, können dabei ebenfalls in der Gemeinschaft der Windsurfer auftreten, da es auch in dieser bestimmte Denk- und Verhaltensmuster gibt, welche die verschiedenen Sportler aufweisen und aus diesen sich deren Lebenswelt zusammensetzt.

Da jede Lebenswelt über eigene Handlungsmuster und Denkweisen verfügt, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit diese in bestimmte Machtverhältnisse eingebunden sind, welche die Teilnehmer einer Gruppe untereinander oder gegenüber Fremden demonstrieren? In diesem Zusammenhang kann neben der Mundanphänomenologie eine andere Forschungsrichtung genannt werden, die ebenfalls an der Erforschung kultureller Welten ansetzt, sich aber überwiegend den Zusammenhängen zwischen menschlichen Praktiken und Machtverhältnissen widmet: Die Cultural Studies .

2.2 Cultural Studies

Die Erforschung kultureller Welten mit dem Bezug zum Verhältnis von Kultur und Macht kennzeichnen das Forschungsgebiet der Cultural Studies . Dabei soll untersucht werden, inwieweit kulturelle Praktiken und Vorgänge von Gruppen oder Fraktionen (z.B. Szenen) in gewisse Machtverhältnisse eingebunden sind.

Da der Sport in unserer heutigen Gesellschaft ein starkes Interesse erfährt, wird er im sozialwissenschaftlichen Kontext als Kulturphänomen verstanden. Dies geht auf die Tatsache zurück, dass einerseits das Interesse an Bewegung und ästhetischen Ausdruckmöglichkeiten durch Bewegung und Gesundheitserhaltung zugenommen hat und der Sport andererseits durch zahlreiche Kommunikations- und Interaktionsmuster sowie Symboliken gekennzeichnet ist. Daher ist ein kulturtheoretisches Konzept für dessen Analyse notwendig, um Aussagen über dieses Kulturphänomen machen zu können (vgl. Schwier, 2000, S. 7).

Will man diese kulturelle Praxis genauer untersuchen und interpretieren, so hat man es mit einer umfangreichen Analyse von Zeichen, Codes und Sinnzuweisungen zu tun. Im Vordergrund dieser Analyse steht immer die Kommunikation, über die wesentliche Merkmale einer Kultur erschlossen und erklärt werden können. Diesen Aufgaben hat sich die Forschungsrichtung der Cultural Studies verschrieben. Der Begriff Cultural Studies wurde in den 60er Jahren erstmals am Birmingham Centre for Contemopary Cultural Studies (CCCS) verwendet, das vom Literaturwissenschaftler Richard Hoggart im Jahre 1964 gegründet wurde. Sein Ziel war es, die populären Kulturen der Gesellschaft genauer zu analysieren. Unter populärer Kultur wurde dabei die kulturelle Form, der kulturelle Prozess und die Praxis verstanden, welche die Kultur kennzeichneten. Von England aus breitete sich diese humanwissenschaftliche Forschungstradition in den achtziger Jahren nach Australien, Kanada, Südafrika, Indien und Frankreich aus, wo sie unter dem Begriff der American Cultural Studies zu finden war.

Kultur hat auch heute noch eine große Bedeutung und tritt oft im Zusammenhang von Macht und Politik auf. Deshalb beschäftigen sich viele Fragestellungen der Cultural Studies mit sozialen und politischen Problemen. Da die Kultur sehr vielseitig und nicht durch einen klaren Zugang fassbar ist, bedient sich diese Forschungsrichtung unterschiedlicher Theorien und Methoden, um diese genauer zu erfassen. So finden sich neben Theorieansätzen des Kulturalismus und Strukturalismus Methoden, die von der Textanalyse über die teilnehmende Beobachtung bis hin zum narrativen Interview gehen (vgl. Schwier, 2000, S. 7-19).

Deshalb spielen die Cultural Studies besonders in der qualitativen Forschung eine große Rolle, da sie wichtige Aussagen über kulturelle Prozesse liefern, die durch Auseinandersetzungen, Veränderungen und Machtverhältnisse geprägt sind. Die Cultural Studies sind also als Kulturanalyse zu verstehen, welche Kultur als ganze Lebensweise versteht.

2.2.1 Kultur als Gegenstand der Forschung

Die britischen Cultural Studies verstehen Kultur als Sinngebilde von Werten, Symbolen und Bedeutungen, welche die Lebensweise einer bestimmten Gruppe (z.B. Szene, Jugendkultur) darstellen.

Dabei werden ihre Erfahrungen durch Zeichen, Codes, Werteeinstellungen und Motive ausgedrückt, die sich „in alltäglichen Handlungspraktiken manifestieren“ (Schwier, 2000, S. 8). In dieser Aussage zeigen sich enge Parallelen zur im Vorfeld dargestellten Mundanphänomenologie bzw. zur Konstruktion der kleinen sozialen Lebenswelten.

Diese Bedeutungsbildung, die über die Handlungsweisen des Individuums ausgedrückt werden soll, sowie der Einfluss kultureller Gegenstände, welche die Lebensgestaltung prägen, werden von den Cultural Studies eingehend untersucht.

2.2.2 Kultur als Abgrenzungsmöglichkeit zur Gesellschaft

Analysen der Cultural Studies beschäftigen sich mit dem Kampf zwischen den Profitinteressen des wirtschaftlichen Systems und den Bedürfnissen des Menschen nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.

Dabei wird deutlich, dass vor allem bestimmte Gruppen wie beispielsweise Jugendliche und Arbeitslose durch ihr Kaufverhalten nicht nur Zufriedenheit und Verständnis demonstrieren, sondern sich auch gegen die bestehende soziale Ordnung wehren. Dies tun Jugendliche zum Beispiel, indem sie im Umgang mit Musik, Kleidung, Sport oder Unterhaltungselektronik neue Stile erzeugen.

Dieser Abgrenzungswille bzw. die Auflehnung gegen das gesellschaftliche System wird besonders in Dick Hebdiges „ The Meaning of Style “ gezeigt. Hebdige beschreibt darin, wie Jugendliche „antihegemoniale“ (Schwier, 2000, S. 12) Stile entwickeln, um der Gesellschaft zu zeigen, dass sie sich jeglicher Kontrolle entziehen, um „Selbständigkeit und damit Definitionsmacht zu gewinnen“ (Schwier, 2000, S. 12).

Jugendliche greifen dabei auf die in der Gesellschaft vorhandenen Ressourcen zurück, die ihnen bei den Prozessen der Bedeutungsbildung und Entwicklung des eigenen Stils helfen. Die Ressourcen werden dabei von der Familie, der Arbeit, den Medien und vor allem von der Kulturindustrie bereitgestellt (vgl. Hebdige, 1994, S. 446). Diese gibt vielen Menschen durch ihre alltägliche Präsenz und „Unentrinnbarkeit“ die Möglichkeit, eine Szenekultur „aktiv mitzugestalten bzw. als Ausdrucksmittel zu benutzen“ (Vollbrecht , 1997, S. 28). Der Ausdruck eines Individuums wird dann letztendlich über das Handeln einer Person dargestellt, dem Habitus.

Der Habitus ist das Resultat der eigenen Lebensgeschichte und der Lebensumgebung, in der ein Mensch aufwächst (Familie oder soziale Schicht). Die Konstruktion der eigenen Wirklichkeit ist deshalb an den sozialen Ursprung in der Weise gekoppelt, dass unsere Handlungen immer etwas Gesellschaftliches darstellen.

Als Beispiel dafür kann man den Wunsch von Jugendlichen nach risikobetonten Bewegungen anführen. Jugendliche können diesen Wunsch entweder in der Praxis durch das Snowboarden oder das S-Bahn surfen realisieren. Die Art und Weise des Erlebens von Bewegung, Abenteuer und Risiko ist dabei recht ähnlich, doch sie wird unterschiedlich realisiert.

Während die Jugendlichen, die das Snowboarden als mögliche Bewegungsform zum Erfahren von risikobetonten Körperbewegungen wählen, überwiegend der Mittelschicht angehören und ihre Erfahrung auf legale Weise machen, befinden sich die Akteure des S-Bahn Surfens, die häufig in sozial benachteiligten Schichten aufwachsen, auf illegalem Terrain. Mit diesem Beispiel soll verdeutlicht werden, dass soziale Lebensumstände verschiedene Formen von Verhaltensmustern hervorbringen und dementsprechend auch in unterschiedlichen Sportarten variieren.

Der Habitus verbindet also die objektiven Lebensbedingungen mit dem sozialen Umfeld der Akteure. Über ihn wird bestimmt, ob ein Mensch sich gewissen Praktiken oder Interessen widmet, wie dessen Engagement in diesem Bereich aussieht und wie er darüber seine Identität gestaltet. So werden schließlich Geschmacksvorlieben, Alltagswahrnehmungen, das Interesse an bestimmten Praktiken sowie das Desinteresse an gewissen Handlungsfeldern geschaffen, die sich im Lebensstil eines Menschen wiederspiegeln (vgl. Schwier, 2000, S. 22-25).

Durch die große Vielfalt der vorhandenen Lebensstile ist es für Außenstehende besonders schwer, die Motive, Eindrücke und Lebensvorstellungen dieser Menschen zu verstehen.

Da der Lebensstil sich auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren deutlich verändert hat, ist es zunächst sinnvoll, den gesellschaftlichen Wandel und die Besonderheiten eines modernen Lebens zu betrachten, um die gesellschaftlichen Anforderungen an den Einzelnen besser verstehen zu können.

2.3 Exkurs: Der Prozess der Individualisierung in modernen Gesellschaften

Vergleicht man die Lebensbedingungen und Biographien in postmodernen Gesellschaften mit denen vormoderner, so entdeckt man verschiedene erhebliche Unterschiede. In der vormodernen Gesellschaft wurde das Leben besonders durch traditionelle Bindungen wie Familienwirtschaft, Dorfgemeinschaft, Verwandtschafts- und Abstammungsbindungen bestimmt. Der Mensch hatte innerhalb dieser „small communities“ einen festen räumlichen und sozialen Platz und seine Wahlmöglichkeiten für ein individuell ausgerichtetes Leben waren somit stark beschnitten. Andererseits spielten Einsamkeit, soziale Isolation und Abgrenzung eine weniger große Rolle als es heute der Fall ist.

Das „Haus“, in dem eine Familie lebte, hatte in der vorindustriellen Gesellschaft beispielweise unter anderem die Funktion der Kindererziehung, Kranken - und Altenfürsorge, sozialen Sicherung, Produktion, Kommunikation und sozialer Integration. Mit dem Übergang zur modernen Gesellschaft wurden dann ökonomische, erzieherische, politische und wichtige soziale Funktionen aus dem sozialen Konstrukt der „Familie“ herausgenommen.

Dieses Beispiel an Hand eines sozialen Gebildes verdeutlicht den Prozess der Individualisierung, der in der modernen Gesellschaft verstärkt zu beobachten ist. Individualisierung beschreibt das veränderte Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Gemeint ist damit die Herauslösung der Menschen aus den eben beschriebenen traditionellen sozialen Bindungen (Familie, Dorfgemeinschaft) und Glaubensvorstellungen (Religionszugehörigkeit) (vgl. Honer, 1993, S. 25-32).

Gründe für diese Individualisierung sind soziokulturelle Veränderungen wie ein höheres Arbeitseinkommen, bessere Bildungsmöglichkeiten, die Zunahme der Freizeit sowie eine größere Auswahl an Konsum- und Freizeitmöglichkeiten. Das bedeutet für den Einzelnen, dass der Zwang zum eigenen Leben größer wird. Aber auch die erheblichen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, dessen Entwicklung immer freier, offener, globalisierter und differenzierter wurde, forderte vom Individuum ein zunehmendes Maß an Flexibilität, Mobilität und Kompetenz bei einem gleichzeitig steigendem Konkurrenzdruck.

Diese strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen bieten dem Menschen demnach einerseits mehr Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten, andererseits verliert er durch den Prozess der Modernisierung gemeinschaftliche und berufliche Verlässlichkeiten.

Individualisierung bringt also Risiken und Chancen mit sich und sorgt durch die veränderte soziokulturelle Struktur für eine individuellere Lebensgestaltung. Demnach werden durch die Individualisierung jene Bezüge aufgelöst, die dem Menschen bisher ein einheitliches und stimmiges Weltbild vermittelten - der Mensch befindet sich also zunehmend in einem „Zustand innerer Heimatlosigkeit“ (Honer, 1993, S. 26). Durch die große Anzahl an Gestaltungsoptionen, Auswahlmöglichkeiten, Orientierungen und Einstellungen muss der Mensch an mehreren „Veranstaltungen“ teilnehmen, um am sozialen Leben überhaupt teilnehmen zu können. Er entnimmt der Wirklichkeit also verschiedene Sinnangebote, die er dann zu seiner eigenen subjektiven Lebenswelt hinzufügt. Das Leben wird so zu einer Collage, die sich aus verschiedensten Freizeitaktivitäten der „ single purpose communities “ (Honer, 1993, S. 26) konstruiert, welche auch als „kleinere gesellschaftliche Formationen“ (Luckmann, 1980, S. 83) oder Zweckwelten bezeichnet werden (vgl. Husserl, 1995, S. 459-462).

Daher besteht die Lebenswelt eines Menschen, wie bereits im Vorfeld beschrieben, aus mehreren kleinen Welten. In Bezug auf die Lebensgestaltung bedeutet dies beispielsweise für den Menschen in der heutigen Gesellschaft, dass er sich aus einem Angebot an Ideen, Idealen und Ideologien bedient, Mitglied verschiedenster Gruppen, Gruppierungen, Vereine, Verbände etc. wird, subkulturelle Stile in Habitus, Sprache und Kleidung übernimmt, sich ein eigenes Image zulegt etc. etc..

Das Leben bzw. die Lebensführung sind also nicht mehr „aus einem Guss“, sondern in mehrere Teilbereiche aufgeteilt, die für den einzelnen besondere Bedeutungs- und Relevanzmuster darstellen. Ein wesentliches Kriterium, welches das Verständnis, die Einstellung und das Handeln in einer Lebenswelt näher beschreibt, wird durch den Lebensstil, der die jeweilige soziale Gruppierung kennzeichnet, beschrieben.

2.4 Lebensstil

In der Soziologie wird Lebensstil sowohl als charakteristische Lebensweise von einzelnen Personen, Gruppen oder gar ganzen Gesellschaften verstanden als auch als „ästhetisch-expressive Gestaltung der alltägliche Lebensprozesse“ (Reinhold, 2004, S. 316). Soziokulturelle und symbolische Phänomene bilden dabei den jeweiligen Stil und verbinden sich zu einem Muster von Handlungsweisen, die in einer Gruppe eine besondere Bedeutung für die Identitätsbildung der verschiedenen Mitglieder haben.

Stil wurde im Laufe der Zeit immer wieder unterschiedlich gekennzeichnet. Dick Hebidge, ein britischer Jugendforscher, hat Stil als „Herausforderung an die Hegemonie“ verstanden, also als den Widerstand gegen die Erwachsenenwelt, der durch den Lebensstil ausgedrückt wird. Vor allem die Jugend in den 60er Jahren versuchte auf diese Weise, sich von der Welt der Erwachsenen abzugrenzen (vgl. Vollbrecht, 1995, S. 30).

Im Bereich der Cultural Studies wurde Lebensstil am Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham (CCCS) als geordnetes System mit klaren Bezügen zur Klassengesellschaft gesehen. Dieser Ansatz kann in der postmodernen Gesellschaft aber nicht mehr vertreten werden, da Individualisierungsprozesse und eine vielfältige Auswahl an Gestaltungsoptionen Einfluss auf den Lebensstil nehmen.

Der vorherrschende Individualisierungsprozess in der heutigen Gesellschaft, der durch die große Anzahl von Gestaltungsspielräumen und Gestaltungsmöglichkeiten bedingt wird, beschreibt die zunehmende Abgrenzung des Individuums von bestehenden sozialen Systemen. Der Mensch wird also zu einer „subjektzentrierten Lebensführung“ (Vollbrecht, 1995, S. 24) geleitet, welche stark mit den besseren Bildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten der Gesellschaft zusammenhängt. Es wird somit deutlich, dass der Lebensstil stark mit dem Ausmaß der vorhandenen Gestaltungsoptionen verbunden ist. Dies soll aber nicht bedeuten, dass sich Lebensstile bei gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen nicht ausbilden können; subjektive Entscheidungsmöglichkeiten erleichtern jedoch seine Entstehung.

Hat der Mensch also freie Entscheidungsoptionen, so wählt er aus einem Angebot an Motiven, Eindrücken und Mustern aus und schnürt diese Merkmale zu einem Paket zusammen, die er als sinnvolle Alternative zu den übrigen Lebensstilen sieht. Bei der Bildung bzw. einer Auswahl eines Lebensstils wird das Individuum demnach zu einem „stilisierendem“ Selbst (vgl. Hitzler, 1994, S. 79). Durch diese Stilisierung werden Darstellungsstile und Darstellungsrepertoires zu charakteristischen Merkmalen des Lebensstils, die Zugehörigkeit zu bestimmten Lebens- und Werthaltungen ausdrücken.

Dadurch sind die Lebensstile im Vergleich zu den frühen 60er und 70er Jahren nicht mehr so stark an die äußeren Bedingungen (Beruf, Familie) gebunden. Sie können einerseits frei gewählt und gestaltet werden, andererseits bei Bedarf wieder verworfen bzw. verlassen werden. Darüber hinaus sind Lebensstile heute individuell begrenzbarer und lassen sich leichter kombinieren.

Nach Müller gibt es vier besondere Merkmale von Lebensstilen: Zum Einen ist es das expressive Verhalten, welches mit einem hohen Maß an Ästhetik verbunden vor allem in den heutigen Freizeit- und Konsumgruppierungen zu finden ist. Zum anderen sind Lebensstile durch einen hohen Interaktionsgrad unter den Mitgliedern gekennzeichnet. Wertorientierungen und Einstellungen sowie die Selbstidentifikation und die Zugehörigkeit sind weitere Aspekte des Lebensstils (vgl. Müller, 1992, S. 63).

Aber nicht nur die Zugehörigkeit und die Identifikation spielen bei der Auswahl eines bestimmten Lebensstils eine wichtige Rolle. Vor allem der Habitus, also das Verhalten innerhalb der Gruppe und die Lebensform, denen sich eine Gruppe verschrieben hat, kennzeichnen einen Lebensstil. Der Habitus einer Person ist auf dessen klassenspezifische Existenzbedingungen zurückzuführen und präsentiert die praxisorientierten Strategien eines Individuums. Die unterschiedlichen Ausprägungen des Habitus lenken dann die Alltagswahrnehmung, wählen und formen Geschmacksvorlieben und verändern diese Bereiche immer wieder durch neue Erfahrungen. Deswegen ist der Habitus nicht als feste Komponente einer Person zu verstehen, sondern als veränderbares Gebilde, welches sowohl durch neue Erfahrungen und Gewohnheiten als auch durch Praktiken und Verhaltensweisen erzeugt wird (vgl. Bourdieu/ Wacquant, 1996, S. 155-168).

Stil ist also ein komplexes System von Symbolen, Zeichen, Codes und Verhaltensmustern, durch das soziale Orientierung und persönlicher Ausdruck einen Platz finden und bietet die Möglichkeit, sich von der gesellschaftlichen Umgebung zu distanzieren. Diese Merkmale des Lebensstils werden dann in den jeweiligen Gruppierungen und Strömungen , die als Szenen und Jugendkulturen bezeichnet werden, angewendet und „gelebt“.

2.5 Szenen

Die zunehmende Pluralität und Individualisierung haben, wie bereits erwähnt, in der modernen Gesellschaft für ein unübersichtliches und widersprüchliches Geflecht von Lebensstilen, Lebenslagen und kulturellen Praktiken geführt. Dies ist nicht zuletzt auf die Bedeutungsabnahme der herkömmlichen Sozialisationsinstitutionen Familie, Beruf, Verein oder Verband zurückzuführen. Besonders der junge Mensch sucht deshalb nach alternativen sozialen Räumen, in denen er seine Gedanken, Eindrücke und Gestaltungswünsche ausleben kann. Diese Praktiken werden dann in jenen Lebenswelten ausgelebt, die im soziologischen Kontext als Szenen bezeichnet werden und im folgenden Teil der Arbeit genauer erläutert werden sollen.

Das Wort Szene, welches im heutigen Griechisch ( skiní) als die Bühne, die Szene oder das Zelt übersetzt wird, ist ein „ thematisch fokussiertes kulturelles Netzwerk von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln“ (Hitzler, 2001, S. 20).

Szenen weisen im analytischen Rekurs bestimmte Merkmale auf, die im folgenden Abschnitt genauer behandelt werden.

2.5.1 Szenen als kommunikatives und interaktives soziales Gebilde

Die immer schwerer werdende Lebensorganisation lässt die Menschen innerhalb ihrer aufgesuchten sozialen Räume nach Verbündeten für ihre Interessen und Neigungen suchen, die sie immer seltener in ihrer näheren Umgebung, in Sportvereinen oder gar in den Eltern finden können. Diese „Gesinnungsfreunde“ (Hitzler, 2001, S. 20) finden sie häufig innerhalb ihrer aufgesuchten Szene, die deshalb auch als Gesinnungsgemeinschaft der heutigen Gesellschaft bezeichnet wird (vgl. Hitzler, 2001, S. 20).

Diese Gesinnungsgemeinschaften widmen sich einem zentralen Thema, nach dem die Werte, Handlungen, Motive und Vorstellungen der einzelnen Szenemitglieder ausgerichtet sind. Dieses zentrale Thema kann beispielsweise eine Sportart, eine Musikrichtung, eine politische Orientierung oder ein bestimmter Konsumgegenstand sein. Die Szeneanhänger teilen bei ihren Aktivitäten, die um dieses central issue angeordnet sind, ihre Denk- und Handlungsweisen . Die Ausübung der für das zentrale Thema wichtigen Handlungsweisen, wie z.B. das Surfen bei den Surfern und das Skaten bei den Skatern oder das „sprayen“ bei den Anhängern der Graffiti- Szene, findet dabei immer in einem bestimmten Rahmen statt. Im Bereich dieses Rahmens werden dann „Einstellungen, Präferenzen und Handlungsweisen“ (Hitzler, 2001, S. 21), die durch ein hohes Maß an Kommunikation und Interaktion gekennzeichnet sind, praktiziert ( siehe S. 7).

Durch die Kommunikation der Szenemitglieder untereinander wird sichergestellt, dass die gemeinsamen Interessen der Mitglieder aufrecht erhalten werden, da die Existenz einer Szene ohne diesen Verbund keine Szene ausmachen würde. Dieser Verbund wird durch Symbole, Codes, Zeichen und Rituale, die häufig nur von den Mitgliedern selbst verstanden werden, erzeugt und damit die gemeinsame Basis des Interesses für das zentrale Thema gesetzt.

In Bezug auf das Repräsentieren der szenetypischen Symbole und Verhaltensweisen nach außen in der Gesellschaft gibt es einerseits Szenen, die ihren Mitgliedern keinen Verhaltenskodex auferlegen, in anderen Szenen wird jedoch über einen bestimmten Kleidungs- und Haarstil die in der Szene vertretene Lebenseinstellung auch nach außen hin gezeigt, wie es z.B. in der Punk- und Gothic Szene häufig der Fall ist. Diese „Zurschaustellung“ ist jedoch keine Verbindlichkeit, die den Mitgliedern der Szene auferlegt wird.

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Szene ist das sogenannte „Inszenierungsphänomen“ (Hitzler, 2001, S. 22). Wie bereits im Vorfeld erwähnt wurde, spielen Interaktion und Kommunikation für den Akteur innerhalb der Szene eine bedeutende Rolle. Szenen leben dabei aber nicht nur von dieser Interaktion der Teilnehmer, sondern sie brauchen auch ein öffentliches Publikum, damit sich die Mitglieder in „Szene setzen“ können. Nur so werden die Bedeutungen der Handlungen und Symboliken der Akteure durch die Wahrnehmung eines Publikums verstärkt.

Um dem Sinngebilde aus Verhaltensweisen, Signalen, Zeremonien, Attitüden, Fertigkeiten und Relevanzen beizutreten, reicht zunächst die Bekundung des eigenen Interesses aus. Das macht den Einzelnen aber nicht zu einem voll anerkannten Mitglied der Szene. Diese Anerkennung erlangt man erst durch die Aneignung von szenetypischen Verhaltens-, Denk- und Handlungsweisen, die auch in der individuellen Lebenseinstellung verankert werden. So surft ein Surfer nicht nur in der Anwesenheit seiner Freunde, um mit ihnen den Aspekt des sich Bewegens und Erlebens zu teilen, sondern er geht auch alleine „aufs Wasser“, um Tricks zu erlernen bzw. zu üben oder das Gefühl von Freiheit, Abenteuer und Risiko bewusst allein zu genießen. Auch wenn die Interaktion und Kommunikation sehr wichtig für den Erhalt einer Szene ist, so zeigen gerade individuelle Auseinandersetzungen mit dem Wesen der Szene, dass die Bereitschaft des Akteurs, einen festen Platz in der Szene zu bekommen, über das „einfache Interesse“ hinausgeht. Das Szenemitglied spielt also Wissensbestände und Verhaltensvorschriften nicht nur vor, sondern er hat diese Werte verinnerlicht und lässt sie so zu einem festen Bestandteil seines Lebensgefühls werden. Gerade beim Windsurfen wird man oft mit Begriffen wie „Textil- oder Automobilsurfer“ konfrontiert, mit denen engagierte Surfer teilweise solche Menschen bezeichnen, die häufig nicht an der Ausübung der Sportart beteiligt sind, aber mit szenetypischen Merkmalen ausgestattet sind.

Da Szenen stark von dem Identifikationsgrad der Teilnehmer abhängen, werden sie auch gerne als „labile Gebilde“ (Hitzler, 2001, S. 23) bezeichnet. Diese Labilität ist darauf zurückzuführen, dass der Ein- und Austritt bei bestimmten Szenen beliebig und für den Einzelnen mit keinerlei Sanktionen bei eventuellem Austritt verbunden ist. Daher herrscht in der Szene häufig eine hohe Fluktuation, weil viele Mitglieder diese nach einer bestimmten Zeit wieder verlassen. Da sich die Szene aber nur durch das „Wir- Gefühl“ unter der Verwendung bestimmter Rituale, Verhaltensweisen und Zeichen konstruiert, ist sie durch den Faktor der Fluktuation sehr anfällig.

Der Glaube an die gemeinsame Idee, die durch kollektive Verhaltensweisen und Kommunikationsformen gefördert wird, ist durch das unterschiedliche Szeneengagement der Mitglieder jedoch nicht stabil, da jedes der Szenemitglieder sich auch in anderen Lebensbereichen wie Beruf, Familie oder Ausbildung engagiert und dementsprechend über mehr oder weniger Zeit verfügt, am Szeneleben aktiv teilzunehmen. Alle diese Aspekte erklären deshalb, warum die Szenelandschaft sich ständig verändert.

Um diese Labilität der Szene einzuschränken, spielen neben den Zeichen, Codes und Ritualen, welche die Mitglieder enger zusammenrücken lassen sollen, vor allem die Szenetreffpunkte eine sehr wichtige Rolle. Hier „lebt“ die Szene, d.h. es werden die der Szene wichtigen Handlungen ausgeführt und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Der Zeitpunkt für den jeweiligen Treffpunkt variiert dabei von Szene zu Szene. Windsurfer und Surfer machen diese Treffpunkte beispielweise von Wind- und Wellenrichtungen abhängig, während Anhänger der Techno Szene sich auf bestimmten Partys versammeln.

Das Szenemitglied weiß bei der Wahl des Treffpunkts immer Bescheid, da er die Denk- und Verhaltensweisen seiner „Kumpane“ kennt. So kommt es in der Kieler Windsurfszene z.B. nicht selten vor, dass man bei starkem West – Nordwest - Wind einen großen Teil der Kieler Windsurfer in Weissenhaus, einem Ort an der deutschen Ostseeküste in der Hohwachter Bucht, antrifft. Durch Mobilität und Kommunikation bleiben auch Szeneanhängern, die aus anderen Teilen des Landes kommen, die Informationen über gewisse Handlungspraktiken der lokal ansässigen Szene nicht verborgen, und so können sie ebenfalls an deren Handlungsweisen teilnehmen.

Dieses Phänomen zeigt, dass eine Szene nicht nur aus einer geschlossenen, sondern auch aus mehreren offenen Gruppen bestehen kann. Diese Gruppen verstehen sich „gemeinsam“ dann als Szene. Dabei haben die Mitglieder der verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Szene oftmals keinen persönlichen Kontakt zu den Akteuren anderer Gruppen. Dennoch erkennen sie sich untereinander an den szenetypischen Symbolen und über die szenespezifische Art und Weise der Interaktion und Kommunikation (Verwendung bestimmter Kommentare, Inhalte, Embleme etc.). Szenen weisen aus diesen Gründen viele Aspekte eines sozialen Netzwerks auf, welches durch ein sehr hohes Maß an Kommunikation und Interaktion gekennzeichnet ist (vgl. Hitzler, 2001, S. 25).

Ein weiterer Aspekt, der sowohl die Zusammengehörigkeit als auch das „Wir- Gefühl“ stärken soll, ist das für die Szene unverzichtbare Element des Events. Der Begriff „Event“ ist dabei „eine vororganisierte Veranstaltung, bei der unterschiedliche Unterhaltungsangebote nach szenetypischen ästhetischen Kriterien kompiliert oder synthetisiert werden, wodurch idealerweise ein interaktives Spektakel zustande kommt, das in der Regel mit dem Anspruch einhergeht, den Teilnehmern ein totales Erlebnis zu bieten“ (Hitzler, 2001, S. 26).

Je nach Szene variieren dabei die Organisations- und Produktionsleistungen. Sind bei einigen Events die Mitglieder zur Mitarbeit verpflichtet, die als Teil des „Wir- Gefühls“ verstanden wird, so muss man feststellen, dass die größte Anzahl der Szene Ereignisse mit einer starken Kommerzialisierung verbunden ist.

Die Kommerzialisierung bietet vielen Szenemitgliedern oft die Möglichkeit, an langfristige „Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten“ (Hitzler, 2001, S. 26) zu gelangen. Dass die Konsumindustrie dabei die verschiedenen Szenen in der modernen Gesellschaft immer mehr unterwandert, ist häufig auf das Engagement der Szenemitglieder selbst zurückzuführen, da sich einerseits die finanziellen Möglichkeiten der Szene durch organisierte Events erheblich verbessern und andererseits vielseitige Kontakte zu eventuellen Arbeitsmöglichkeiten innerhalb der Szenewelt entstehen. Neben diesen ökonomischen Aspekten des Events, die dem Szenengebilde Vorteile verschaffen, ist es aber die Tatsache, dass sich auf einer solchen Veranstaltung viele Gruppierungen der Szene zusammenfinden, die Interessen, Lebenseinstellungen und Meinungen austauschen und „als Gruppe“ eine angenehme Zeit verbringen.

Der im Vorfeld erwähnte Identifikations- und Aktivitätsgrad eines Akteurs in der Szene wirft die Frage auf, ob die Szene in einer bestimmten Weise konstruiert und organisiert ist.

2.5.2 Organisationsstruktur der Szene

Gerade in Bezug auf die eben angesprochenen Events fällt auf, dass sich einige Mitglieder für den Erhalt und das „Wohlergehen“ der Szene besonders stark einsetzen. Diese Mitglieder sind häufig seit mehreren Jahren aktiv am Szenegeschehen beteiligt und verfügen daher über ein sehr umfangreiches szenetypisches Wissen und kennen Denk- und Verhaltensweisen der Akteure. Dies nutzen sie, um z.B. Events zu organisieren, Szenetreffpunkte zu etablieren oder um kommerzielle Chancen auszunutzen, die der Szene dienlich sind. Durch diese Arbeit entstehen dann häufig überregionale und ggf. internationale Kontakte zu anderen Gruppierungen innerhalb der Szene. So bildet sich im Kern einer Szene eine Gruppe von Mitgliedern, die von Hitzler (2001) auch als Organisationselite bezeichnet wird.

Diese Organisationselite, die mit den eben genannten Aufgaben vertraut ist, unterscheidet sich durch ihr Engagement von den normalen Szenemitgliedern dadurch, dass sie mehr Privilegien haben. Dieser Status des „Privilegierten“ äußert sich besonders auf Szeneveranstaltungen in der Musik- und Sportbranche, bei denen die Mitglieder der Organisationselite häufig Zutritt zu Backstagebereichen oder V.I.P. Lounges haben. Szenekerne oder Organisationseliten haben diesen Status dadurch gewonnen, dass sie als Motor oder Antrieb der Szene agieren. Sie sind es, die neue Trends in der Szene setzen, die Innovationen einführen und die Szene durch kommerzielle Events (natürlich nie ganz ohne die Vernachlässigung der eigenen Person) voranbringen wollen und neue Erlebnisangebote ausarbeiten und präsentieren. Da das Szenegeschehen ein sehr dynamisches Gebilde ist, muss es der Organisationselite gelingen, Ereignisse anzubieten, die einen hohen Erlebniswert haben und viele Nutzer an das Angebot binden. Darüber hinaus sollte das Ereignis dem Teilnehmer vermitteln, dass er als besonderes Mitglied der Szene an dem Event teilnehmen darf. Dadurch wird einerseits dessen Identifikation mit der Szene gestärkt und andererseits die Verbundenheit zu den übrigen Mitgliedern manifestiert.

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Details

Seiten
96
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836607865
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225482
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophische Fakultät, Sport und Sportwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
lebensweltanalyse szenestudie windsurfing sport individualisierung

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Titel: Zur lebensweltlichen Analyse des Windsurfings - eine qualitative Untersuchung