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Identitätsentwicklung in der Adoleszenz unter besonderer Berücksichtigung sozialer Einflüsse

Magisterarbeit 2007 196 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

THEORETISCHER TEIL

1. Allgemeine Fragestellungen

2.Adoleszenz
2.1. Entwicklungen während der Adoleszenz
2.2. Psychosoziale Probleme in der Adoleszenz
2.3. Selbstkonzept und Selbstwert in der Adoleszenz
2.4. Bedeutung und Einfluss der Familie
2.4.1. Beziehung der Eltern
2.4.2. Bindung zu den Eltern
2.5. Kontextfaktoren

3. Identität
3.1. Stabilisierung von Identitäten
3.2. Eriksons Identitätsbegriff
3.2.1. Stufen der psychosozialen Entwicklung
3.2.2. Identitätsentwicklung.
3.3. Marcias Konzept
3.4. Empirische Untersuchungen
3.4.1. Zu Eriksons Theorie
3.4.2. Untersuchungen zu den Identitätsdomänen
3.4.3. Untersuchungen zu den 4 Identitätsstatus
3.4.3.1. Persönlichkeitsmerkmale
3.4.3.2. Geschlechtsunterschiede
3.4.3.3. Interessen
3.4.4. Verteilung der Status
3.4.5. Stabilität der Identitätsstatus
3.4.6. Gründe für eine Identitätsstatusveränderung
3.4.7. Identität, Bindung und Beziehungen zur Umwelt
3.5. Zusammenfassung
3.6. Messinstrumente
3.6.1. Interviews nach Marcia (1993)
3.6.2. Revision des Extended Objective Measure of Ego Identity
Status (EOMEIS-2- R) nach Bennion und Adams (1986)
3.6.3. Ego Identity Process Questionnaire (EIPQ) nach
Balistreri, Busch-Rossnagel und Geisinger (1995)
3.6.4. Utrecht-Groningen Identity Development Scale (U-GIDS)
nach Meeus (1996)

4. Beziehungen zu Gleichaltrigen
4.1. Freundschaften von Kindheit bis Adoleszenz
4.1.1. Geschlechtsunterschiede
4.2. Crowds
4.3. Gruppen, Cliquen und Netzwerke
4.4. Soziometrie
4.5. Social Identity Theory (SIT)
4.6. Soziale Vergleiche

5. Einfluss von Gleichaltrigen auf die Identitätsentwicklung
5.1. Annahmen über die Zusammenhänge zwischen der Beziehung zu
den Gleichaltrigen und dem Identitätsstatus

Einleitung

Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit entstand aus einer Reihe von Überlegungen. Primär interessierte mich, wie die Identitätsentwicklung von Jugendlichen in der Adoleszenz, die zeitgleich mit der Pubertät beginnt, vonstatten geht. Gerade die Adoleszenz ist eine Phase der menschlichen Entwicklung, in der es zu großen Umwälzungen, Entscheidungen und auch Unsicherheiten kommt. Die Eltern der Jugendlichen verlieren langsam an Einfluss, während der Freundeskreis und die Gruppe der Gleichaltrigen langsam an Einfluss gewinnen.

Gut untersucht wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten die Zusammenhänge z.B. zwischen der Bindung zu den Eltern, der elterlichen Beziehungsqualität und Depressionen bei den Jugendlichen. Auch Zusammenhänge zwischen der Bindung zu den Eltern und Substanzmissbrauch in der Adoleszenz (siehe Stemmler Petersen, 2005; Hüsler, Blakeney Werlen, 2005; Vander Valk, Spruijt, de Goede, Maas Meeus 2005; Armsden Greenberg, 1987, etc.), sowie Zusammenhänge zwischen der Identitätsentwicklung nach Erikson und Depressionen (z.B. Luyckx, Goossens, Soenens, Beyers Vansteenkiste, 2005) wurden erforscht.

Wichtige Ergebnisse dieser Studien waren unter anderem, dass die Beziehungsqualität der Eltern einen Einfluss auf die Entwicklung von Depressionen bei Jugendlichen hat, dass eine sichere Bindung zu den Eltern auf Seiten der Jugendlichen mit einem höheren Selbstwert einhergeht und dass eine weiter entwickelte Identität normalerweise auch mit einer besseren psychosozialen Anpassung und geringeren Depressionswerten einhergeht.

Dass die Gleichaltrigengruppe in der Adoleszenz eine wichtige Rolle spielt wird in der Literatur oft erwähnt (siehe z.B. Meeus 1993). Wie sich aber die Beziehungen zu den Gleichaltrigen auf die Identitätsentwicklung -und damit auch auf die Entwicklung einer ‚ stabilen ’ Persönlichkeit- auswirken, wurde bis jetzt nur ansatzweise bearbeitet. Auch Erikson (1973), der eine Theorie der psychosozialen Entwicklung aufstellte, die weiter unten besprochen wird, sprach im Zusammenhang mit Identität (mit deren Entwicklung er sich beschäftigte) von der ‚ gesunden Persönlichkeit ’ (S. 55). Seine Theorie einleitend meinte er folgendes:

Das menschliche Wachstum soll hier unter dem Gesichtspunkt der inneren und äußeren Konflikte dargestellt werden, welche die gesunde Persönlichkeit durchzustehen hat und aus denen sie immer wieder mit einem gestärkten Gefühl innerer Einheit […] hervorgeht… “ (Erikson, 1973, S.56)

Dem obigen Zitat entsprechend war Erikson der Meinung, dass sich auch die Identität durch Krisen und Konflikte entwickelt und stabilisiert.

Um auf Einflüsse der Gleichaltrigengruppe auf die Identitätsentwicklung zurückzukommen, so kann man sagen, dass diese in zweierlei Richtungen denkbar sind:

- Einerseits wäre es möglich, dass das Vorhandensein von guten Freunden oder einer Peergroup , in der man sich wohl fühlt, als protektiver Faktor (gegen Depressionen, Unsicherheiten, etc.) fungiert und einem Jugendlichen über die möglichen Probleme der Adoleszenz hinweghilft. Die in der Literatur gefunden Ergebnisse zu diesem Thema sind nicht eindeutig: In einer Studie von Tarrant et al. 2006 konnte nachgewiesen werden, dass Jugendliche, die sich mit einem Freundeskreis identifizieren konnten, ein höheres Selbstbewusstsein hatten.

In einer Studie von Margolese, Markiewicz und Doyle (2005), in der der Zusammenhang zwischen der Beziehungsqualität zu den Eltern, besten Freunden und dem oder der PartnerIn und Depressionen empirisch erforscht wurden, konnte jedoch eine unsichere Bindung zum besten Freund oder bester Freundin nicht mit Depressionen in Zusammenhang gebracht werden.

Meeus (1993) wiederum konnte anhand einer Studie zeigen, dass Jugendliche, die von ihren Peers mehr Unterstützung erhielten als andere, eine weiter entwickelte Identität hatten.

Die Ergebnisse könnten so gedeutet werden, dass eine sichere Beziehung zum Freundeskreis zwar durchaus positive Folgen (wie etwa einen höheren Selbstwert) nach sich zieht, dass aber gleichzeitig eine unsichere Bindung zu Freunden nicht notwendigerweise mit massiven Problemen, wie etwa depressiven Symptomen, einhergehen muss.

- Weiters, auf der Seite der negativen Einfüße der Peergroup, ist es oft der Fall, dass gerade unsichere Jugendliche auch unter den Normen und Vorstellungen der Gleichaltrigengruppe zu leiden haben, dass sie unter Konformitätsdruck leiden. Jaffe (1998) hat unter anderem darauf hingewiesen, dass das Selbstkonzept der Jugendlichen stark von der Peergroup, den Vergleichen mit diesen und den Rückmeldungen, die von Seiten anderer Jugendlicher kommen, abhängt. Wenn Jugendliche von den Gleichaltrigen nicht anerkannt werden, kann dies zu einer schmerzvollen Erfahrung werden.

Anhand der oben kurz dargestellten Überlegungen ist es wahrscheinlich, dass die Gruppe der Gleichaltrigen auch einen maßgeblichen Einfluss auf die Identitätsbildung im Verlauf der Adoleszenz hat. Um ein wenig Licht in die vielfältigen Zusammenhänge zwischen sozialen Einflüssen und der Identitätsentwicklung von Jugendlichen zu bringen, wurde die vorliegende Diplomarbeit konzipiert.

THEORETISCHER TEIL

1. Allgemeine Fragestellungen

Die Fragestellung dieser Diplomarbeit kann man also wie folgt formulieren:

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Beziehung zu der Gruppe der Gleichaltrigen und der Identitätsentwicklung (und damit auch auf das psychische Wohlbefinden und die Stabilität, die gesunde Persönlichkeit) in der Adoleszenz?

Relevante Aspekte:

Da die Beziehungen zu den Gleichaltrigen nach Rubin, Bukowski und Parker (1998) mit Beginn der Adoleszenz an subjektiver Bedeutung für den Jugendlichen zunehmen, um gegen Ende der Adoleszenz wieder etwas an Bedeutung zu verlieren und da die Identitätsentwicklung besonders in der mittleren bis späten Adoleszenz forciert wird, wird in dieser Arbeit besonders auf die mittlere Adoleszenz Bezug genommen werden- eine Zeit, in der sowohl der Einfluss der Peergroup stark ist, als auch die Identitätsentwicklung langsam in Gang kommt.

Zuzüglich zu der Frage des Zusammenhangs zwischen der Identitätsentwicklung und der Peerbeziehungen, will ich in dieser Arbeit ergründen in welcher Weise dieser Zusammenhang entsteht- d.h. in welcher Weise die Gleichaltrigen auf den einzelnen Jugendlichen einwirken und dies im Lichte relevanter Theorien beleuchten.

Auch die Beziehungen zu den Eltern werden in die Betrachtung mit einbezogen, da diese sich sowohl auf die social skills der Jugendlichen als auch auf das psychosoziale Wohlergehen und die Identitätsentwicklung auswirken.

Weiters wird der Frage, in wie weit der Selbstwert der Adoleszenten mit sozialen Beziehungen auf der einen und mit der Identitätsentwicklung auf der anderen Seite zusammenhängt, nachgegangen.

2. Adoleszenz

Unter Adoleszenz versteht man die Phase in der menschlichen Entwicklung, die grob gesagt ‚zwischen’ der Kindheit und dem Erwachsenenalter liegt. Die Phase umfasst in etwa das Alter von 13 bis 24 Jahren, wobei es hier unterschiedliche Definitionen gibt– so wird die Adoleszenz in den USA früher angesetzt als in Deutschland. Üblicherweise wird der Beginn der Adoleszenz mit dem Beginn der sexuellen Reife, der Pubertät gleichgesetzt. Die Adoleszenz wird für gewöhnlich noch weiter unterteilt in frühe (10. bis 13. Lebensjahr), mittlere (14. bis 17. Lebensjahr) und späte (18. bis 24. Lebensjahr) Adoleszenz (nach Mietzel, G., 2002).

2.1. Entwicklungen während der Adoleszenz

Grotevant (1998) spricht von 3 primären Entwicklungen, die in der Adoleszenz stattfinden und diese Phase kennzeichnen:

- Die physische und sexuelle Reifung : Es kommt zur Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale: Körperbehaarung und tiefe Stimme bei den Jungen bzw. Brüste bei den Mädchen; das Längenwachstum schreitet voran bis der Körper seine endgültige (erwachsene) Form angenommen hat.
- Der veränderte soziale Status (vom Kind zum Erwachsenen):
Dies geht mit veränderten Rechten, Pflichten und Verantwortungen einher, wie z.B. mit dem Wahlrecht, der Notwendigkeit sich früher oder später für einen Ausbildungsweg zu entscheiden und der Strafmündigkeit.
- Die veränderten Fähigkeiten im logischen Denken : Dazu gehört unter anderem eine zunehmende Kritikfähigkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion (Kampfhammer, 1995) und die Fähigkeit zum abstrakten Denken. Laut Piaget[1] wird in diesem Alter eine neue Form des Denkens entwickelt, die er formal-operationales Denken nannte (Mietzel, G., 2002). Darunter ist die Fähigkeit zu abstraktem und symbolischem Denken zu verstehen.

Nicht nur das logische Denken auch die moralische Entwicklung erlangt ein neues Stadium. In Kohlbergs Schema der Moralentwicklung erlangen die Jugendlichen das 3. Stadium (Postkonventionelles, autonomes, oder von Prinzipien geleitetes Stadium). Hier „ kommt es zu selbstständigen, von eigenen Überzeugungen bestimmten Urteilen über verhaltensleitende Normen “. (Rollett, 1997, S.81)

- Eine Erhöhung der Selbstaufmerksamkeit geht laut Bühler (Fend, 2000) ebenfalls mit der Adoleszenz einher. Fend spricht hier von einer „ kognitiven Entwicklung zum hypothetischen Denken “ (Fend, 1991, S. 70). Es entstehen die kognitiven Voraussetzungen um über das zukünftige und ideale Selbstbild, bzw. auch um über generellere zukünftige Entwicklungen nachzudenken. Diese Zukunftsbilder machen es erst möglich die eigene Entwicklung zu planen.

Man kann die Adoleszenz auch unter dem Gesichtspunkt des zunehmenden Erlangens von Autonomie betrachten. Einerseits wird Autonomie im Verhalten , andererseits wird kognitive Autonomie entwickelt. Ersteres bezeichnet die Fähigkeit alleine kompetent zu handeln, zweiteres die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen, ohne einfach die Meinung anderer zu übernehmen (Grotevant, 1998).

Es kommt in der Phase der Adoleszenz auch zur Identitätsentwicklung, die weiter unten besprochen wird (siehe Kapitel 3). Hierbei geht es darum, dass der junge Mensch langsam Meinungen, Entscheidungen und Ziele bezüglich seines beruflichen Werdegangs, seiner politischen Einstellung, verschiedener Weltanschauungen und Lebensstile finden muss. Der/die Jugendliche muss in den oben genannten Punkten eine - von seinen Eltern und anderen Bezugspersonen unabhängige und eigenständige -Identität entwickeln und diese gegenüber der Außenwelt vertreten.

Im Bezug auf die Adoleszenz ist auch festzustellen, dass die Jugendlichen in dieser Phase sehr auf die Zukunft hin orientiert sind- auf die Person, die sie einmal werden wollen, auf den Beruf, den sie einmal ausüben wollen, auf die Ausbildung, die man abschließen will. Hier spielen natürlich nicht nur die Erwartungen, die der/die Jugendliche selbst an die Zukunft stellt eine wichtige Rolle, sondern auch die Erwartungshaltungen der Erziehungspersonen, sowie Erwartungen, die kulturell vermittelt werden. Auch wenn sich die Bedeutung der Eltern in dieser Phase verändert, so bleiben sie doch wichtige Bezugspersonen, allein deswegen, weil die Jugendlichen oft lange Zeit von diesen finanziell abhängig sind.

2.2. Psychosoziale Probleme in der Adoleszenz

Die Phase der Adoleszenz ist aufgrund der vielfältigen Veränderungen, die mit dieser Phase einhergehen, typischerweise mit Unsicherheiten und Konflikten verbunden, weswegen oft von der Adoleszenzkrise gesprochen wird.

Die Veränderungen auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene verlangen den Jugendlichen große Transformations- und Integrationsprozesse ab. Die meisten Jugendlichen durchlaufen laut Kampfhammer (1995) jedoch „ diesen Prozess mit erstaunlicher seelischer Ausgeglichenheit und psychosozialer Kontinuität “. Diese Schlussfolgerung konnten auch Garnefski und Diekstra (1995) in einer Erhebung an ca. 11 000 niederländischen Schülern aus etwa 200 Schulen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren belegen:

„With the necessary caution we can conclude, going on the data presented here from almost 11,000 school going youths […], that the majority of pupils is doing relatively well. That means that for them we find no indications for or proof of serious emotional, social or behavioural problems. They feel relatively good at school, at home and in the contacts with their age-group. Still, it is obvious from the results that for a certain group of young people, adolescence is not such an easy period.” (Garnefksi, N., Diekstra, R., 1995, S. 281)

Es gibt also wie oben erwähnt auch Jugendliche, bei denen diese Phase mit Problemen einhergeht. Garnefski und Diekstra (1995) berichteten, dass zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Jugendlichen ein negatives Selbstbild haben und dass etwa jeder sechste Schüler Gefühle der Einsamkeit berichtete. Die folgende Tabelle[2] soll die Prävalenzraten verschiedener psychischer Störungen im Jugendalter veranschaulichen:

Tabelle 1: 12-Monatsprävalenz psychischer Störungen und Behandlungsquoten bei 14-17 jährigen Jugendlichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ª in der linken Spalte wird die 12-Monatsprävalenz psychischer Störungen bei Jugendlichen dargestellt und in der rechten Spalte die Prozentzahl der betroffenen Jugendlichen, die sich in Behandlung befinden.

Die Prävalenzrate psychischer Erkrankungen liegt bei Jugendlichen mit 17,5% deutlich niedriger als bei Erwachsenen mit 32,1%. Im Bereich der Essstörungen haben Jugendliche jedoch mit 2% eine deutlich höhere Prävalenz als Erwachsene.

2.3. Selbstkonzept und Selbstwert in der Adoleszenz

Unter dem Begriff des Selbstkonzepts wird in der Psychologie alles Wissen eines Menschen verstanden, das sich auf die eigene Person bezieht. Meist wird das Selbstkonzept bereichsspezifisch untersucht und es wird in diesen Bereichen zwischen einem positiven und einem negativen Selbstkonzept unterschieden. So hat man z.B. ein positives schulisches Selbstkonzept, wenn man sich selbst für einen leistungsstarken Schüler bzw. eine leistungsstarke Schülerin hält.

Zusammen mit der körperlichen und sexuellen Reife verändert sich auch das Erscheinungsbild des Jugendlichen während der Adoleszenz. Besonders die physische Attraktivität der Jugendlichen hat einen Einfluss auf deren Selbstwahrnehmung und deren Selbstkonzept (Jaffe, 1998).

Clay, Vignoles und Dittmar (2005) konnten in einer Studie an 136 Mädchen im Alter von 11 bis 16 Jahren nachweisen, dass das Selbstwertgefühl dieser Mädchen stark damit zusammenhing, ob sie sich selbst als attraktiv empfanden. Die Autoren erklärten diesen Zusammenhang durch die starke Internalisierung von durch die Medien transportierten Rollenmodellen und dadurch, dass es zu sozialen Vergleichen mit eben diesen Modellen kam. Fend (1994) untersuchte das Selbstkonzept der Attraktivität an Jungen und Mädchen. In seiner Untersuchung zeigte sich, dass sich Mädchen negativer beurteilten als Jungen. Fend interpretierte diese Unterschiede in ähnlicher Weise wie Clay, Vignoles und Dittmar (2005) als die:

Folge der höheren Standards der Attraktivität für Mädchen und der höheren Bedeutung dieser Attraktivität, die in unserer Kultur über die Medien permanent vermittelt wird .“

(Fend, 1994, S. 127)

Durch soziale Vergleichsprozesse, die schon während der Kindheit beginnen, ziehen die Jugendlichen dann Schlüsse über ihr Aussehen, ihre eigene Popolarität, ihre Leistungen etc. (Jaffe, 1998; Hart, Maloney Damon, 1987; Harter, 1998 und Burke, 1991). Als Vergleichsobjekte dienen in diesem Fall eher die Gleichaltrigen als nahe stehende Erwachsene. Die Peergroup hat hier die positive Funktion dem Jugendlichen dabei zu helfen neue Standpunkte und Orientierungen außerhalb der Ursprungsfamilie zu finden.

Jaffe stellt in diesem Zusammenhang allerdings auch fest:

Feedback from peers is so important that some young people try to adjust their desired selves in the direction of increased popularity or likeability […]. In the extreme, this leads to the dubious strategy of doing whatever is necessary to be popular or accepted . “

(Jaffe, 1998, S. 192)

Das Selbstkonzept der Jugendlichen hängt, wenn man die obigen Gedanken zusammenführt, besonders ab von:

1. dem Feedback , das Jugendliche von anderen Menschen erhalten
2. sozialen Vergleichsprozessen und
3. der Selbsteinschätzung der Adoleszenten

Die vielfältigen Faktoren, die die Selbsteinschätzung der Jugendlichen beeinflussen, stellte Jaffe (1998) folgendermaßen dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Faktoren, die die Selbsteinschätzung beeinflussen (aus Jaffe, 1998, S. 198).

Tarrant, Mc Kenzie und Hewitt (2006) konnten zeigen, dass Jugendliche, die in einen Freundeskreis eingebunden waren und sich mit diesem identifizieren konnten einen besonders hohen Selbstwert hatten. Sie befragten 114 Jugendliche zwischen 14 und 15 Jahren bezüglich ihrer Identifikation mit einem Freundeskreis und erhoben weiters auch deren Selbstkonzept (in 3 akademischen und 7 nicht akademischen Domänen) und die Erfahrungen der Jugendlichen in diversen persönlichen und interpersonellen Aufgaben (wie etwa eine Beziehung eingehen). Der hohe Selbstwert derjenigen Adoleszenten, die sich mit einer Gruppe identifizieren konnten, zeigte sich besonders in nicht-akademischen Bereichen des Selbstkonzepts, aber auch die generelle, übergreifende Einschätzung ihres Selbstwerts erwies sich als höher, als bei denjenigen Jugendlichen, die sich mit keiner Gruppe identifizieren können.

2.4. Bedeutung und Einfluss der Familie

Es haben also sowohl die Familie, als auch die Gleichaltrigen und der Freundeskreis einen besonderen Stellenwert für Jugendliche in der Adoleszenz. Für die psychische Stabilität der Jugendlichen sind laut empirischen Untersuchungen die Familie und die innerfamiliären Beziehungen besonders wichtig (siehe etwa Stemmler Petersen, 2005), gleichzeitig ist es aber eine der Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz emotional und ökonomisch langsam von der Familie unabhängig zu werden (Hurrelmann, 1996). Dies ist kennzeichnend ist für den Zwiespalt- zwischen Ablösung und Abhängigkeit-, in dem sich Jugendliche während der Adoleszenz befinden.

2.4.1. Beziehung der Eltern

Dass auch die Beziehung der Eltern zueinander einen wichtigen Faktor darstellt konnten in einer Untersuchung an 1274 Jugendlichen Vander Valk et al. (2005) nachweisen. Jugendliche aus Scheidungsfamilien zeigten ein höheres Ausmaß an internalisierendem (depressive Symptome) und externalisierendem (Substanzmissbrauch, Aggressivität) Problemverhalten, als Jugendliche aus intakten Familien.

2.4.2. Bindung zu den Eltern

In einer Studie konnten Hüsler, Blakeney und Werlen (2005) belegen, dass auch wenn sich die Bindung zu den Eltern während der Adoleszenz verändert, diese weiterhin Einfluss auf das emotionale Wohlergehen der Jugendlichen hat. In einer Pfadanalyse, in der die Daten von 1028 Adoleszenten einbezogen wurden, konnten sie zeigen, dass gute familiäre Beziehungen als Schutzfaktoren gegen Substanzmissbrauch, und im geringeren Ausmaß auch gegen Suizidalität, fungieren konnten.

Auch Stemmler und Petersen (2005) konnten in einer Längsschnittstudie zeigen, dass unter anderem eine unsichere Bindung zu den Eltern einen Risikofaktor für die spätere Entwicklung von Depressionen darstellt. Als weitere Risikofaktoren konnten sie schlechte Copingstrategien , ein ängstliches Temperament und eine frühe (physische) Entwicklung identifizieren.

Armsden, McCauley, Greenberg, Burke und Mitchell (1990) befassten sich ebenfalls mit den Beziehungen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern und Altersgenossen und dem Zusammenhang mit der Entwicklung von Depressionen bei Jugendlichen. Sie wiesen auf die wichtige Rolle hin, die eine unsichere Bindung zu den Eltern auf die Entwicklung depressiver kognitiver Schemata und Attributionsstile hat; Attributionsstile, die ihrerseits dann unter Umständen auf weitere Bereiche des Lebens ausgeweitet werden können. In ihrer Untersuchung, in der sie 4 Gruppen von Adoleszenten verglichen (depressive, eine nicht-depressive psychiatrische Kontrollgruppe, eine nicht-psychiatrische Kontrollgruppe und Jugendliche mit einer überwundenen Depression), zeigte sich, dass größere Unsicherheit in der Bindung zu den Eltern mit einem höheren Stärkegrad der Depression einherging. Sie konnten auch nachweisen, dass depressive Kinder eine signifikant unsicherere Bindung zu ihren Altersgenossen hatten, als nicht-depressive Kinder. Wobei die Forscher aber die Überlegung nahe legten, dass die Beziehungen zu den Altersgenossen dann erst als negativ erlebt wurden, nachdem sich die Depressionen entwickelt hatten- dass sich also mit der Entwicklung der Depressionen und dem üblicherweise damit einhergehendem sozialen Rückzug die Beziehungen zu den Peers verschlechterten.

Auch Fend (1994) beschäftigte sich mit den Beziehungen zwischen Adoleszenten und ihren Eltern. In einer qualitativen Analyse von Satzergänzungen, die die 13 und 14 jährigen deutschen Jugendlichen aus der Perspektive ihrer Eltern schreiben sollten, kam Fend zu dem Schluss, dass Jugendliche großteils nicht das Gefühl hatten von ihren Eltern positiv wahrgenommen zu werden. „ Der normative, kritisch akzentuierte Anspruch steht klar im Vordergrund “ (Fend, 1994, S.64). Die Ansprüche der Eltern konzentrierten sich besonders auf Leistung, Disziplin, Hilfsbereitschaft und „Lenkbarkeit“. Jugendliche, wenn gebeten die Meinung ihrer Eltern wiederzugeben, berichteten, dass sie nicht faul und frech sein sollten und dass sie Aktivitäten wie „ das abendliche Weggehen, das Widersprechen, das Lautsein und Geldausgeben, das Rauchen und Trinken, das Schlampigsein,… “ (Fend, 1994, S. 65) unterlassen sollten.

Nach Fend tauchen nur bei Wahrnehmungen, die von Gleichaltrigen stammten, auch häufiger positive Bezeichnungen wie „nett“, „hilfsbereit“ oder „lustig“ auf.

Geschlechtsunterschiede zeigten sich darin, ob sich Adoleszente von ihrem Vater oder ihrer Mutter stärker negativ beurteilt fühlten: Jungen fühlten sich von ihren Vätern und Mädchen von ihren Müttern am stärksten negativ beurteilt. Fend ließ die Jugendlichen auch folgenden Satzanfang vollenden: „Am wichtigsten für mich ist…“ (Fend, 1994, S. 75). Die Ergebnisse zeigten, dass Jugendlichen besonders Beziehungen, Akzeptanz, Geborgenheit und Zugehörigkeit wichtig sind. 65% der Antworten der Mädchen und 50% der Antworten der Jungen fielen in diese Kategorien.

2.5. Kontextfaktoren

Abschließend ist also die Phase der Adoleszenz und die Art und Weise, wie diese Phase aussieht, nicht unabhängig von der Kultur und dem historischen Kontext, in der die Jugendlichen aufwachsen, zu sehen und interpretieren (Grotevant, 1998; Hurrelmann, 1996). In den vergangenen Jahren haben sich die Rollen und Lebensbedingungen von Jugendlichen stark verändert. Da das Ziel der Autorin allerdings nicht die historische Analyse der Adoleszenzperiode war, bezieht sich diese Arbeit nur auf Jugendliche, die unter derzeitigen Lebensbedingungen in Österreich leben.

3. Identität

Eine der entscheidenden Entwicklungen in der Adoleszenz ist die Entwicklung der Identität. Vereinfacht gesprochen dreht sich bei der Identitätsentwicklung alles um die Fragen: Wer und wie bin ich? Und: Wer und wie will ich sein?

Für das psychologische Konstrukt der Identität gibt es eine Reihe von Definitionen. Im Folgenden werden zwei Definitionen herausgegriffen, um die Spannbreite dieses psychologischen Begriffs zu verdeutlichen und die wichtigsten mit der Identität assoziierten Aspekte herauszuarbeiten.

Nach Waterman (1985) bezieht sich Identität:

auf klar beschriebene Selbstdefinitionen, die jene Ziele, Werte und Überzeugungen enthält, die eine Person für sich als persönlich wichtig erachtet und denen sie sich verpflichtet fühlt .“ (Waterman, 1985, S.6).

Kampfhammer (1995) in einer umfassenderen Definition versteht unter Identitätsentwicklung eine:

…vorläufige innerseelische Neuorientierung angesichts der vielfältigen psychobiologischen und psychosozialen Umwälzungen […], die es gestattet, mit einem integrierten Selbstverständnis, in tragfähigen zwischenmenschlichen Beziehungen typische Rollenerwartungen des Erwachsenenstatus in einem gesellschaftlichen Rahmen zu beantworten.“ (Kampfhammer, 1995, S.194)

Anhand dieser zwei Definitionen wird ersichtlich, dass der Begriff der Identität einerseits die Komponente der „Selbstkenntnis“ beinhaltet- also des Wissens um die eigene Person und die eigenen Ziele und Werte-, dass der Begriff andererseits aber auch einen Handlungscharakter besitzt, da eine gelungene Identitätsfindung dem Menschen die Möglichkeit gibt Rollen einzunehmen und selbst gewählte Ziele anzustreben und umzusetzen.

Man kann einerseits von einer übergreifenden Definition der Identität ausgehen, wie dies etwa bei Waterman, oder auch bei Erikson (siehe Kapitel 3.2) der Fall ist. Man kann allerdings auch wie Fend (1991) versuchen einzelne Identitätsbereiche voneinander zu unterscheiden. Fend untersuchte in einer Längsschnittstudie zur Identitätsentwicklung in der Adoleszenz (1991) z.B. folgende „Identitäten“:

- berufliche Identität
- Geschlechtsrollenidentität
- sexuelle Identität
- politische Identität
- ethnische Identität
- weltanschauliche bzw. religiöse Identität

Je nach Forschungs- und Erkenntnisinteresse wären natürlich auch weitere „Identitäten“ oder eine feinere Aufgliederung im Sinne z.B. einer (sub-) kulturellen, sozialen, modischen etc. Identität denkbar. Für viele Adoleszente stellt weiters die Identifikation mit einer bestimmten Musikszene, Musikrichtung oder einzelnen Musikgruppen einen wichtigen Bestandteil ihrer Identität und der Abgrenzung gegenüber anderen Jugendlichen, mit anderen Musik-Präferenzen, dar. Insofern kann auch eine musikalische Identität postuliert werden.

Der Begriff der Identität ist eng mit dem der Individuation verbunden. Youniss (1994) beschreibt den Prozess der Individuation folgendermaßen:

„Der Prozeß der Individuation kann als ein Prozess beschrieben werden, in dem Eltern und Jugendlicher auf die Abgrenzung des Jugendlichen als Individuum hinarbeiten, aber gleichzeitig die Bindung aneinander, die auf gegenseitiger Achtung und Anerkennung der Individualität beruht, beibehalten. Hierzu gehört, daß die Eltern dem Jugendlichen unabhängige Meinungen zugestehen; daß der Jugendliche erkennt, daß Eltern Fehler haben […]; daß beide Seiten sich bemühen sich gegenseitig zu verstehen und emotional zu stützen; und daß beide Seiten Aushandlungsstrategien ausbilden, die das vorstehend Genannte erst ermöglichen.“ (Youniss, J., 1994, S.112)

Der Begriff der Identität ist, im Vergleich zu der oben beschriebenen Individuation mehr auf das Individuum und dessen persönliche Entscheidungen bezogen, als auf die Eltern-Kind Interaktion.

3.1. Stabilisierung von Identitäten

Kerpelman und Pittman (2001) untersuchten die Entwicklung und Stabilisierung von Identitäten. Ihnen zu Folge werden diese (ähnlich wie auch das Selbstkonzept) aufrecht erhalten und aufgebaut über die Meinungen, die man von sich selbst hat einerseits und andererseits auch über das Feedback, dass von anderen Personen kommt. Daher wurde in ihrer Studie die Wirkung des Feedbacks von Freunden und Partnern einbezogen. Sie konnten den oben geschilderten Zusammenhängen entsprechend belegen, dass Rückmeldungen, die der eigenen Meinung widersprachen, zu größerer Unsicherheit führten.

Sowohl in Freundschaften, als auch in intimen Beziehungen werden Identitäten ausprobiert und konstruiert. Burke (1991) geht davon aus, dass für die Aufrechterhaltung der Identität einerseits die Selbstbewertung, besonders aber das Feedback der Umgebung entscheidend ist. Ihm zufolge werden hier die persönlichen Standards ständig mit den Rückmeldungen, die aus der Umgebung kommen, verglichen. Die Rückmeldungen entscheiden dann auch über das weitere Verhalten. Dieses wird in einer Art und Weise modifiziert, die das Erlangen der gewünschten Rückmeldungen möglich macht.

Hart et al. (1987) sehen vor allem ein Gefühl der Kontinuität als entscheidend für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der persönlichen Identität. Dies stimmt mit der Auffassung von Erikson (1973) überein, der im Bezug auf die Identität von einem Streben nach einer Kontinuität des persönlichen Charakters spricht.

Die Identitätsentwicklung wurde anhand des umfassenden Konzepts von Erikson (s.u.) am intensivsten erforscht.

Bei der Identitätsentwicklung spielen laut Dunkel und Anthis (2001) weiters auch die so genannten ‚ possible selves ’ eine Rolle. Diese sind, mögliche Identitäten und Rollen, die man selbst ein- oder annehmen könnte. Die gedankliche Beschäftigung mit, und das Ausprobieren dieser ‚ possible selves ’ führt zur Identitätsentwicklung. Diese Meinung vertritt auch Grotevant (1987), demzufolge das Explorieren ein Grundpfeiler der Identitätsentwicklung ist.

Fasst man also die bisherigen Gedankengänge zur Identitätsbildung zusammen, lässt sich feststellen, dass

1) die Meinung über sich selbst,
2) das Feedback von Freunden, Partnern und Umgebung,
3) die ‚possible selves’ und
4) das Streben nach Kontinuität und Einmaligkeit wichtige Rollen spielen.

Die Vielfältigkeit des Identitätsbergriffs und die Tatsache, dass sich das Wort „Identität“ auf entweder einen Teilbereich oder die Gesamtheit und Einmaligkeit des Individuums bezieht, macht die wissenschaftliche Erfassung schwierig und eine klare Begriffsdefinition notwendig. Im Folgenden wird der Identitätsbegriff nach Erikson dargestellt, an dem sich diese Arbeit orientiert.

3.2. Eriksons Identitätsbegriff und Marcias Erweiterung

Eriksons Theorie steht dem psychosexuellen Entwicklungskonzept Freuds nahe, allerdings rücken bei Erikson andere Themen in den Vordergrund: die Krisen und Konflikte, die man im Verlauf des Lebens zu lösen hat und anhand derer ein Mensch eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln imstande ist (Kampfhammer, 1995). Der sich entwickelnde Mensch wird im Kontext seiner Familie und sozialen Umwelt betrachtet. Laut Erikson (1973), dessen Theorie besonders was die Phase der Adoleszenz anbelangt zu vielen empirischen Untersuchungen führte, vollzieht sich die psychosoziale Entwicklung des Menschen in 8 Phasen bzw. 8 Entwicklungsschritten, wobei ein Gefühl der persönlichen Identität in der 5. Phase („ Identität vs. Identitätsdiffusion “) entsteht. Identität entspringt ihm zufolge aus einerseits der Wahrnehmung der eigenen Kontinuität und andererseits der Wahrnehmung dessen, dass auch die Umwelt diese Kontinuität erkennt. Insofern spielt auch in Eriksons Theorie die soziale Umwelt eine Rolle.

Die psychosoziale Entwicklung verläuft von Kindestagen an anhand bestimmter phasen- und alterspezifischer Krisen und Konflikte. Diese Konflikte zu bewältigen nennt Erikson Entwicklungsaufgaben des jeweiligen Lebensabschnitts. Laut Erikson müssen die Konflikte bearbeitet werden, um die jeweils nächste Entwicklungsstufe/-phase erreichen und damit die nächste Entwicklungsaufgabe bearbeiten zu können.

3.2.1. Stufen der psychosozialen Entwicklung

In der nachfolgenden kurzen Darstellung der Entwicklungsstufen nach Erikson halte ich mich vor allem an Erikson (1973) und Meeus (1996). Erikson meint, dass jedes Problem, jede Krise zwar in einem gewissen Entwicklungsabschnitt an die Oberfläche tritt, aber das soll nicht bedeuten, dass die entsprechenden Probleme nicht auch vorher schon existieren. So kann ein Kind im ersten Lebensjahr (siehe Stufe 1- „ Urvertrauen vs. Urmisstrauen “) auch schon Autonomie (siehe Stufe 2- „ Autonomie vs. Scham und Zweifel “) zeigen.

Folgende Entwicklungsstufen folgen laut Erikson aufeinander:

1) Urvertrauen vs. Urmisstrauen im ersten Lebensjahr:

In dieser Entwicklungsphase geht es darum das so genannte Urvertrauen zu entwickeln. Unter Vertrauen versteht Erikson das „ Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens “ (Erikson, 1973, S. 62). Um dies zu entwickeln sind verlässliche Bezugspersonen vonnöten, die körperliche Nähe, Sicherheit, Nahrung, Geborgenheit etc. bieten, da das Kind schließlich vollkommen von seinen Bezugspersonen abhängig ist. Ist dies nicht der Fall, werden die vorher genannten, für das Kind lebensnotwendigen Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt, so können Gefühle der Angst und Bedrohung -ein Urmisstrauen also- entstehen. Ein Gefühl seiner Umwelt hilflos ausgeliefert zu sein kann sich manifestieren.

2) Autonomie vs. Scham und Zweifel im zweiten bis dritten Lebensjahr:

In diesem Alter entwickelt das Kind zunehmend Autonomie und Kontrolle über seine physischen Funktionen (z.B. Stehen, Gehen, Feinmotorik), was wichtig ist für die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts. Das Kind sollte das Gefühl haben Entscheidungen treffen zu können, ohne dass dadurch das grundlegende Gefühl der Geborgenheit in Gefahr gerät. Es spielt hier auch eine Rolle, ob das Kind von seinen Bezugspersonen das Gefühl vermittelt bekommt, es müsse sich für seine Wünsche und Bedürfnisse schämen. Den Begriff Scham erklärt Erikson folgenderweise: „ Wer sich schämt, glaubt sich exponiert und beobachtet, ist unsicher und befangen. Man fühlt sich den Blicken der Umwelt höchst unvorbereitet ausgesetzt .“ (Erikson, 1973, S. 79). Eine negative Entwicklung in dieser Phase kann sich etwa in Selbstzweifeln äußern.

3) Initiative vs. Schuldgefühle im 4. bis 5. Lebensjahr:

Erikson legt hier seinen Fokus auf die Bewältigung des Ödipuskomplexes (entsprechend der Einteilung der Entwicklungsphasen nach Freud). Das Kind identifiziert sich mit den Eltern. Es beginnt ein Bewusstsein und Moral zu entwickeln- Regeln und Vorschriften der Eltern werden internalisiert[3]. Das führt dazu, dass sich das Kind z.B. auch dann unwohl fühlt, wenn es bei einer Übertretung elterlicher Regeln nicht entdeckt wurde.

4) Produktivität vs. Minderwertigkeitsgefühl im 6. bis 13. Lebensjahr:

Diese Entwicklungsstufe umfasst in etwa die Jahre, in denen das Kind sich in der Grundschule befindet. Kinder in diesem Alter müssen Lesen, Rechnen und Schreiben lernen und entwickeln laut Erikson den so genannten Werksinn . Das bedeutet, dass die Kinder etwas Nützliches machen und an der Welt der Erwachsenen teilhaben wollen. Gleichzeitig kann sich aber auch ein Gefühl der Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit entwickeln, wenn die Kinder mit anderen Kindern Probleme oder Schwierigkeiten in der Schule haben. Kinder können in dieser Entwicklungsphase leicht von den Leistungsansprüchen der Erwachsenen überfordert werden bzw. sich selbst überfordern. Wird diese Entwicklungsstufe aber positiv gemeistert, so kann sich ein Gefühl von Kompetenz entwickeln.

5) Identität vs. Identitätsdiffusion im 13. bis 20. Lebensjahr:

Dies ist die Entwicklungsstufe, die für diese Arbeit entscheidend ist. Identität bedeutet hier auch entsprechend der oben vorangestellten Zitate von Erikson, zu wissen, wer man ist und welchen Platz man in der Gesellschaft einnimmt. Der Jugendliche formt langsam sein Selbstbild und muss auch seine sozialen Rollen (er-) finden (etwa passende Geschlechts- und Berufsrollen). Dies ist ein längerer und z.T. konfliktreicher Prozess, weil:

in der Pubertät werden alle Identifizierungen und alle Sicherungen, auf die man sich früher verlassen konnte, erneut in Frage gestellt, […] Er ist [der Jugendliche, Anm. d. Verf.] in manchmal krankhafter, oft absonderlicher Weise darauf konzentriert herauszufinden, wie er, im Vergleich zu seinem eigenen Selbstgefühl, in den Augen anderer erscheint und wie er seine früher aufgebauten Rollen und Fertigkeiten mit den gerade modernen Idealen und Leitbildern verknüpfen kann. “ (Erikson, 1973, S.106).

Besonders die Wahl der Berufs- Identität erscheint schwierig und konfliktbehaftet. Erikson weist darauf hin, dass Cliquenbildungen und das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit den Jugendlichen hier über manche Unsicherheiten hinweg helfen können, indem gemeinsam Feinde und Ideale gefunden werden.

6) Intimität vs. Isolierung im 20. bis 30. Lebensjahr:

Ziel dieser Entwicklungsstufe ist es nicht isoliert zu bleiben, sondern intime Beziehungen aufzubauen- darunter werden nicht nur Beziehungen zu etwaigen Partnern verstanden, sondern auch Beziehungen zu Freunden. Diesen Entwicklungsschritt zu meistern bedeutet die so genannte Liebessfähigkeit zu erreichen.

7) Generativität vs. Stagnation im 30. bis 50.Lebensjahr:

Generativität bedeutet z.B. eigene Kinder großzuziehen oder sich um künftige Generationen zu kümmern. Nach Erikson zählen hierzu auch Lehrberufe oder soziales Engagement. Stagnation bedeutet in diesem Kontext sich nur um sich selbst zu kümmern. Ein zuviel an Generativität bedeutet allerdings sich selbst zu vernachlässigen.

8) Integrität vs. Verzweiflung und Lebensekel im 60. bis 80. Lebensjahr:

In diesem Lebensabschnitt setzt man sich mit dem Tod, Krankheiten und dem vergangenen Leben auseinander. Oft haben Menschen in diesem Alter das Gefühl noch einmal leben zu müssen, um es dieses Mal besser zu machen.

3.2.2. Identitätsentwicklung

Die Konflikte und Entwicklungsaufgaben der Stufe 5 sollten grundsätzlich in der Adoleszenz gelöst werden, wobei von einigen Forschergruppen konstatiert wird, dass sich die Phase ‚Identität vs. Identitätsdiffusion’ aufgrund verlängerter Ausbildungszeiten, verlängerter Abhängigkeit von der finanziellen Unterstützung der Eltern, Veränderungen des Arbeitsmarktes etc. in die 20er hinein verschieben kann. Dies wird auch unter dem Begriff des ‚ emerging adulthood[4] erforscht.

Nach Erikson sollte die Adoleszenz beendet sein, wenn die Identitätsbildung abgeschlossen ist. Eine abgeschlossene Identitätsbildung ist dann laut Erikson wiederum die Voraussetzung für den Beginn der nächsten Phase der psychosozialen Entwicklung, in der es um Intimität geht.

Beim Suchen und Finden der Lösungen und Entscheidungen in den relevanten Bereichen der Identität kann es zur Identitätskrise kommen. Unter Identitätskrise versteht Erikson einen Zustand, in dem der Jugendliche noch keine Entscheidungen über seine berufliche Laufbahn, seine zukünftigen Weltanschauungen, Partnerschaften etc. getroffen hat, in dem aber gleichzeitig die Anschauungen der wichtigsten Bezugspersonen nicht mehr verbindlich sind.

Mit der Identitätskrise kann auf unterschiedliche Art und Weise umgegangen werden:

- Es kann einerseits zur Identitätsverwirrung bzw. zu einer diffusen Identität kommen, wenn der Jugendliche nicht (mehr) versucht seine Identitätskrise aktiv zu lösen. Laut Erikson ist dies meist dann der Fall, wenn es Jugendliche nicht schaffen sich für eine bestimmte Berufsidentität zu entscheiden. Rollett (1997) beschreibt diesen Zustand folgendermaßen:

Werden dem Jugendlichen keine Möglichkeiten gegeben, in diesem Rahmen seine oder ihre Rolle zu entwickeln und eine neue Ich-Identität aufzubauen, dann entsteht Rollenkonfusion. So mancher 25jährige fühlt sich immer noch als „Jugendlicher“ und scheut davor zurück sein Leben bewusst selbstverantwortlich zu gestalten.

(Rollett, 1997, S.70)

Hier weist Erikson auf eine soziale Komponente hin: Jugendliche können sich gegenseitig über diese Phase hinweghelfen, indem sie Cliquen bilden und sich innerhalb dieser Cliquen gemeinsame Ideale und Leitbilder aufbauen, die dann als Abwehr gegen das Gefühl der Identitätsdiffusion dienen können. Dadurch, dass sich die Jugendlichen in dieser Phase normalerweise von ihrem Elternhaus und den dort vorherrschenden Idealen ablösen, kann die Familie nicht in der selben Art und Weise zu Stabilität des Jugendlichen beitragen, wie dies die Peergroup kann- ohne behaupten zu wollen, dass das Elternhaus für das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen unerheblich sei.

- Erikson beschreibt weiters das psychosoziale Moratorium als eine Möglichkeit mit der Identitätskrise umzugehen. Dieses zeichnet sich aus durch z.B. Experimentieren (mit Anschauungen, Denkansätzen, Berufsplänen,…) und aktives Suchen, während ein bewusstes Sich-Festlegen (etwa auf einen Beruf) gemieden wird. Auch kann es laut Erikson zum nicht unbedingt bewussten Annehmen einer so genannten negativen Identität kommen. Damit ist die Übernahme einer Identität gemeint, die vom Elternhaus abgelehnt oder als gefährlich angesehen wird, zumindest aber ist es eine Identität, die von der Familie nicht erwartet wurde.

Durchlebt der Jugendliche die Identitätskrise und kennt nun (zumindest teilweise) seinen Platz in der Welt, bzw. hat in für ihn wichtigen Punkten Entscheidungen getroffen und Einstellungen gefunden, die er/sie vertreten kann, so kann man von einer abgeschlossenen Identitätsbildung sprechen. Erikson weist hier allerdings noch einmal darauf hin, dass die Identitätsentwicklung nicht erst mit der Adoleszenz beginnt bzw. auch nicht mit Ende der Adoleszenz enden würde. Genauso wenig wie die die Konflikte der anderen psychosozialen Entwicklungsstufen nur in der jeweiligen Phase auftauchen würden. Zum Verlauf der Identitätsentwicklung meint Erikson:

„… sie ist vielmehr eine lebenslange Entwicklung, die für das Individuum und seine Gesellschaft weitgehend unbewusst verläuft. Ihre Wurzeln gehen bis in die Zeit der ersten Selbst-Wahrnehmung zurück…

(Erikson, 1973, S.141)

Die Hauptgedanken von Erikson’s Theorie zusammenzufassend weist Ciaccio (1971) darauf hin, dass der Theorie der Ich-Entwicklung zwei verschiedene Postulate zugrunde liegen:

1. Das Ich entwickelt sich systematisch mit zunehmendem Alter. Hier wird bei Erikson besonders Bezug genommen auf psychosoziale Eigenschaften, wie Vertrauen, Autonomie und Initiative, die sich in einem immer weiter werdenden sozialen Feld zusammen mit dem ‚Älterwerden’ entwickeln.
2. Das Ich entwickelt sich dadurch, dass es im Verlauf Zeit mit verschiedenen Krisen und Konflikten konfrontiert wird. Jede neue Entwicklungsstufe geht auch mit einem neuen Konflikt einher.

3.3. Marcias Konzept

Problematisch an Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung war vor allem, dass diese sich schwer operationalisieren ließ und insofern auch kaum überprüfbar war. Waterman (1982) hat dies so ausgedrückt:

the absence of a definitive statement of the boundaries of the identity construct has posed a problem for researchers attempting to develop operational definitions that cover the range of aspects attributed to it .” (Waterman, 1982, S. 341)

Marcia (1966, 1993) hat nun Eriksons Konzept der Entwicklungsstufe V- Identität vs. Identitätsdiffusion - präzisiert, teilweise erweitert und es ermöglicht das Konzept empirischen Überprüfungen zugänglich zu machen. Nach Marcia kann man die verschiedenen Zustände, in denen sich die Adoleszenten im Verlauf der Identitätsentwicklung befinden können, in ein 4 Felder Schema eintragen. Dafür zieht er zwei weitere Kriterien heran, anhand derer sich die einzelnen Zustände bzw. Status , wie sie in der Terminologie von Marcia genannt werden, voneinander unterscheiden.

Einerseits wird unterschieden zwischen einem großen oder kleinen Ausmaß an Exploration , im Sinne eines aktiven Auskundschaftens und Abwägens von Alternativen (wie dies im Status des Moratoriums der Fall ist). Andererseits wird unterschieden zwischen einem vorhandenen oder eben fehlenden Gefühl von innerer Verpflichtung (commitment)- darunter wird die Bereitschaft seine Ziele und Einstellungen zu verfolgen und zu vertreten, verstanden. Dieses Schema lässt sich wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Einteilung der Identitätsstatus anhand der Dimensionen Verpflichtung und Exploration

Dadurch, dass Marcia die innere Verpflichtung neben der Exploration als einen wichtigen Punkt der Identitätsentwicklung herausstellte, werden der zentralen Frage nach dem „wer bin ich“ in der Identitätssuche die Fragen nach dem „wofür stehe ich (ein)?“ und „was will ich machen?“ zur Seite gestellt. Nach Kampfhamnmer (1995) sind die 4 Identitätsstatus durch folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen gekennzeichnet:

1) Identitätsdiffusion (Identity Diffusion)

Bezüglich beruflicher, politischer, sexueller und weltanschaulicher Meinungen und Pläne wurden vom Jugendlichen noch keine konkreten Entscheidungen gefällt und es werden auch keine diesbezüglichen Anstrengungen unternommen. Dieser Status ist laut Marcia (1993) kennzeichnend für den Großteil der Präadoleszenten.

2) Moratorium

Jugendliche in diesem Status experimentieren aktiv und explorieren ihre Möglichkeiten- sie sind also aktiv auf der Suche. Zahlreiche persönliche und soziale Variablen (z.B. Geschlechtsrollen, Weltanschauungen) werden ausprobiert.

3) Übernommene Identität (Foreclosure)

Bei Jugendlichen in diesem Status ist der Prozess der Identitätsbildung vorzeitig abgeschlossen worden und es wurden Modelle und Einstellungen von wichtigen Bezugspersonen übernommen. Es kam zu keiner kritischen Auseinandersetzung mit den Modellen. Die Einstellungen wurden aber (zumindest für den Moment) verbindlich übernommen (hohe innere Verpflichtung).

4) Erarbeitete Identität (Identity Achievement)

Unter erarbeiteter Identität versteht man einen Zustand, in dem bereits viel exploriert, viel gesucht und ausprobiert wurde und in dem es aufgrund dieser ausführlichen Suche auch zu Entscheidungen (innere Verpflichtung/High Commitment) in allen relevanten Bereichen der persönlichen Identität kam.

Entwicklungsverlauf nach Marcia

Es sind verschiedene Wege zu einer erarbeiteten Identität denkbar. Marcia (1993) und Waterman (1982) skizzieren folgenden Entwicklungsverlauf:

1) Zu Beginn der Adoleszenz befindet man sich im Status der Identitätsdiffusion.
2) Mit Beginn der Identitätsbildung kann man entweder in den Status des Moratoriums übergehen, indem man aktiv beginnt, Alternativen zu explorieren, oder man übernimmt die von der Familie und anderen relevanten Bezugspersonen propagierten Einstellungen und ist dann somit im Status der übernommenen Identität.
3) Falls aus irgendeinem Grund das Wertesystem der übernommenen Identit ät aufgegeben wird, hat man die Möglichkeit aktiv mit dem Explorieren von Alternativen beginnen und somit in das Moratorium überzugehen.
4) Geht man aus dem Moratorium mit einem Wertsystem hervor, das man gegenüber der Umwelt zukünftig vertreten kann und dem man sich verpflichtet fühlt, so hat man die Identitätskrise gelöst und befindet sich im Status der erarbeiteten Identität.

3.4. Empirische Untersuchungen

3.4.1. Zu Eriksons Theorie

Eine frühe Untersuchung zur psychosozialen Entwicklung in der Kindheit und zu den psychosozialen Konflikten, in dem Altersabschnitt, stammte von Ciaccio (1997). Dieser untersuchte in einer Studie an 5, 8 und 11 -jährigen Kindern anhand von qualitativen Materialien die Validität von Eriksons Theorie, derzufolge die Identitätsentwicklung in Phasen verläuft, wobei sich jede Phase um einen zentralen Themenkomplex dreht. Die Kinder hatten die Aufgaben selbst erfundene Geschichten zu Bildern zu erzählen (ähnlich dem thematischen Apperzeptionstest- TAT)[5]. Die in den Geschichten vorherrschenden Themen wurden protokolliert und wurden verschiedenen psychosozialen Konflikten nach Erikson zugeordnet. Es wurde dann empirisch überprüft in welchen Altersgruppen welche Konflikte vorherrschend waren und in wie weit die empirischen Ergebnisse mit Eriksons Postulaten übereinstimmten:

- Bei der Gruppe von 5 -jährigen fielen die Antworten hauptsächlich in die Kategorien der Stufen II - Autonomie vs. Scham und Zweifel - und III – Initiative vs. Schuldgefühle (46,0% und 41,9% der Antworten).
- Bei der Gruppe der 8 jährigen fielen die Antworten in die Kategorien der Stufe III – Initiative vs. Schuldgefühle (55,7%).
- Die Antworten der Gruppe der 11 jährigen fielen hauptsächlich in die Kategorie der Stufe IV- Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (44,3%).

Die Studie konnte Eriksons Hypothese, dass die Ich Entwicklung mit dem Alter fortschreitet bestätigen. Die Antworten der Kinder repräsentierten im Allgemeinen die Entwicklungsstufen, in denen sie sich der Theorie entsprechend befinden sollten.

Meeus (1996) beschreibt in einem Überblicksartikel, in dem empirische Befunde zur Identitätsentwicklung zusammengefasst werden, dass sich mit dem Alter sowohl die Identität als auch andere Aspekte der Persönlichkeit (etwa Autonomie) weiter entwickeln, was wiederum Eriksons Hypothese einer mit dem Alter fortschreitenden psychosozialen Entwicklung belegt.

Nach Meeus (1996) konnten Studien wie etwa die oben zitierte Studie von Ciaccio (1971) nicht nachweisen, dass die Lösung bestimmter Entwicklungsaufgaben in früheren Phasen die spätere Entwicklung determiniert. Eriksons Überlegung, dass ein bestimmter Konflikt gelöst sein müsse, um die nächste Entwicklungsstufe mit den dafür typischen Konflikten zu ‚erreichen’, konnte nach Meeus empirisch nicht belegt werden. So konnte etwa nicht nachgewiesen werden, dass die Identitätsentwicklung (Stufe V) der Entwicklung von Intimität (Stufe VI) vorausgeht und die Voraussetzung für diese darstellt. Besonders bei Mädchen bzw. Frauen zeigte sich dass diese Entwicklungen auch parallel verlaufen können.

Nach Waterman (1982) kann man von einer progressiven Identitätsentwicklung entsprechend Eriksons Theorie ausgehen. In seinem Überblicksartikel beschreibt Waterman, dass in den jüngsten untersuchten Altersgruppen (12 Jahre) sich praktisch alle Teilnehmer im Status der übernommenen Identität oder der Diffusion befanden, während es in den ältesten von ihm beschriebenen Altersgruppen (18 Jahre) schon mehr Jugendliche im Status des Achievement und weniger Adoleszente im Status der Diffusion gab.

Spätere Untersuchungen von Waterman (1985) und Marcia (1993) ergaben, dass die Entwicklungsaufgaben von Eriksons Stufe V besonders in der späteren Adoleszenz (im Alter zwischen 18 und 22 Jahren) relevant sind.

3.4.2. Untersuchungen zu den Identitätsdomänen

In Studien (etwa Meeus, Iedema, Helsen Vollebergh, 1999) zeigte sich, dass die Identitätsentwicklung domänenspezifisch voranschreitet, dass man sich also in einer Domäne im Status des Achievement befinden kann, während man in einer anderen im z.B. Status des Moratoriums ist. Dies macht es schwer von „der Identitätsentwicklung“ zu sprechen. Wenn also eine abgeschlossene Identitätsentwicklung laut Erikson die Voraussetzung für den nächsten Entwicklungsschritt, die Entwicklung von Intimität, ist, bedeutet dies, dass man sich in allen Domänen im Status des Achievement befinden muss?

In der Forschung wird dieses Problem für gewöhnlich gelöst, indem für eine Studie entweder ein übergreifender, genereller Identitätsstatus angegeben und untersucht wird (mehr oder weniger ein Durchschnittswert) oder es werden einzelne Domänen unabhängig von einander erfasst und untersucht. Zumeist werden im letzteren Fall die Geschlechtsrollenidentität, Berufsziele, weltanschauliche bzw. religiöse Identität, politische Identität und sexuelle Identität erfasst.

3.4.3. Untersuchungen zu den 4 Identitätsstatus

Es gibt eine Vielzahl an Studien zu den Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mit den einzelnen Status einhergehen. Die nachfolgende Darstellung greift nur einige Ergebnisse heraus um einen Überblick zu bieten, kann aber nicht als vollständig betrachtet werden.

3.4.3.1. Persönlichkeitsmerkmale

Marcia (1966) überprüfte in einer frühen Untersuchung an männlichen Collegestudenten empirische Zusammenhänge zwischen den von ihm bzw. Erikson postulierten Identitätsstatus und anderen psychologischen Eigenschaften, wie etwa Sympathie für autoritäre Werte, oder Umgang mit negativem Feedback (Menschen mit gutem Selbstwert wurde gesagt sie hätten ein negatives Selbstwertgefühl und vice versa). Seine Studie ergab folgendes:

- Die Identitätszustände stehen in keinem Zusammenhang zu der Höhe der Intelligenz.
- Die Männer im Status des Achievement zeigten die besten Ergebnisse bei einer Stressaufgabe[6], sie zeigten weniger Sympathie für autoritäre Werte und schenkten negativem Feedback weniger Beachtung als Männer in anderen Status der Identität.
- Männer im Status des Foreclosure zeigten die höchste Akzeptanz autoritärer Werte (Gehorsam, Respekt gegenüber der Autorität,…). Sie waren empfindlich gegenüber negativem Feedback und auch bei den Stressaufgaben weniger erfolgreich, als die Männer im Status des Achievement. Sie neigten bei diesen Aufgaben dazu ihre (unerreichbaren) Zielvorstellungen nicht anzupassen. Dies wurde unter dem Ausdruck „low freedom of movement“ besprochen. (Marcia, 1966, S. 558).

Allgemein erreichte diese Gruppe in den meisten vorgegebenen Aufgaben die niedrigsten Werte.

- Männer im Status der Identity Diffusion waren weniger resistent gegenüber Stress als die ‚Achiever’, aber nicht diejenigen mit den niedrigsten Scores.

In einer rezenteren Untersuchung von Luyckx et al. (2005) wurden ebenfalls Zusammenhänge zwischen Identitätsstatus und psychologischen Faktoren wie Substanzmissbrauch, Depressivität, Selbstbewusstsein, Offenheit, Gewissenhaftigkeit etc. untersucht.

Die wichtigsten Ergebnisse waren:

- Adoleszente im Achievement zeigten eine große Gewissenhaftigkeit und eine insgesamt gute psychosoziale Angepasstheit.
- Jugendliche mit einer übernommenen Identität zeigten eine geringe Offenheit[7] und wenig Substanzmissbrauch. Dies kann daher rühren, dass Substanzmissbrauch wahrscheinlich nicht mit den Vorstellungen der primären Bezugspersonen dieser Jugendlichen konform geht und daher auch von den Jugendlichen selbst eher abgelehnt wird.
- Jugendliche im Moratorium zeigten depressive Symptome, ein niedriges Selbstbewusstsein und höheren Substanzgebrauch.
- Die Jugendlichen im Status der Diffusion konnten von den Forschern anhand einer Clusteranalyse wiederum in 2 verschiedene Gruppen geteilt werden, die von ihnen Carefree Diffusion und Diffused Diffusion genannt wurden. Erstere Gruppe zeichnete sich unter anderem durch geringe Offenheit und geringe Gewissenhaftigkeit aus. Die andere Gruppe zeigte depressive Symptome, geringe Gewissenhaftigkeit, ein niedriges Selbstbewusstsein und im Allgemeinen eine geringe psychosoziale Angepasstheit.

Nach Meeus (1996) zeichnen sich Jugendliche im Status des Foreclosure neben den bereits genannten Ergebnissen durch eine Kombination aus Konventionalität und Rigidität aus. Sie zeigen wenig Autonomie, lehnen den Gebrauch von Drogen ab und sind kognitiv eher unflexibel. Bei Pucher (in Arbeit) zeigten Jugendlich mit einer übernommenen Identität die höchste Gewissenhaftigkeit[8].

Bei Jugendlichen im Status des Moratoriums und der Diffusion wurden ein niedriges Selbstwertgefühl und eher problematische Beziehungen zu anderen beschrieben (Meeus, 1996). Nach Waterman (1999) geht der Status des Moratoriums mit Unsicherheit und einem eher niedrigen psychosozialen Wohlergehen einher, was sich mit den oben beschriebenen Ergebnissen von Luyckx et al. (2005) und auch mit Beobachtungen von Meeus et al. (1999) deckt: Sie beschreiben den Status des Moratoriums als den mit dem geringsten psychosozialen Wohlergehen- geringer als das bei den Jugendlichen im Status der Diffusion.

Dies bedeutet, dass sich fehlendes Commitment, also eine fehlende innere Bindung, besonders in Kombination mit der aktiven Suche nach Lösungen belastend auswirken kann. Jugendliche im Status des Foreclosure zeigen im Gegensatz dazu ein großes Ausmaß an psychosozialem Wohlergehen.

Marcia untersuchte die Zusammenhänge zwischen den Identitätsstatus und Konformität. Er kam aufgrund verschiedener Untersuchungen (Marcia 1966, Toder und Marcia, 1973) 1993 zu dem Schluss, dass Personen im Status der erarbeiteten Identität im Vergleich zu Personen in anderen Status weniger zu Konformität neigen während sich Menschen im Status der Diffusion eher fügen.

Es ist aufgrund der obigen Darstellung die Schlussfolgerung nahe liegend, dass eine erfolgreiche Identitätsentwicklung, ein ausreichendes Wissen über die eigene Person, die eigenen Ideen und Orientierungen, dazu führt, dass man gegenüber externem Druck und auch Stress resistenter ist.

Eine sich daraus ergebende Überlegung ist die, dass Menschen, die für sich noch keine verbindlichen Lebenseinstellungen gefunden haben, Sicherheit zum Teil aus der Verbundenheit mit einer Gruppe beziehen und daher auch eher zu konformen Verhalten neigen.

[...]


[1] Da Piagets Theorie sehr umfangreich und nicht Gegenstand dieser Arbeit ist, sei sie hier nur kurz erwähnt. Eine genaue Darstellung der kognitiven Entwicklung nach Piaget findet sich etwa bei Buggle, F. (1997).

[2] Tabelle nach: Wittchen, H. (2007),“Bedarfsgerechte Versorgung psychischer Störungen", Abschätzungen aufgrund epidemiologischer, bevölkerungsbezogener Daten, Stellungnahme im Zusammenhang mit der Befragung von Fachgesellschaften durch den Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen . Kontakt: Max-Planck Institut für Psychiatrie

http://www.svr-gesundheit.de/Gutachten/Gutacht01/befragung/id-nummern/004.pdf vom 03.03.2007

[3] Internalisieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass im Laufe der Entwicklung Werte und Normen der Eltern so in die Persönlichkeit integriert werden, dass sie nicht mehr als von diesen vorgegeben, sondern als eigene Werte anerkannt werden.

[4] Dieser Terminus bezieht sich auf eine Lebensphase, in der man aufgrund der Volljährigkeit im Vergleich zur Adoleszenz größere Freiheiten besitzt, jedoch noch nicht die „Schritte“ getan hat, die üblicherweise mit dem Erwachsenenalter assoziiert werden: Heirat, Gründung einer Familie,

Arbeit und finanzielle Unabhängigkeit. Untersucht wird diese (neue) Lebensphase etwa von Alan Reifman, der zusammen mit anderen auch das Inventory of the Dimensions of Emerging Adulthood kreierte (Reifman, Arnett, Colwell, M., 2003)

[5] Nach H. A. Murray (1943). Bei diesem Testverfahren sollen die Probanden zu mehrdeutigem Bildmaterial (auf 30 Bildtafeln in Schwarz-Weiß-Darstellung und einer leeren Tafel) eine Fantasiegeschichte erfinden.

[6] Concept Attainment Tasks (CAT) nach Weick (1964)

[7] Die Faktoren Offenheit und Gewissenhaftigkeit wurden mittels des NEO-FFI (Hoekstra et al. , 1996) erhoben. Offenheit bezeichnet hier eine hohe Wertschätzung für neue Erfahrungen. Ausdauer, Genauigkeit, Disziplin und Zielstrebigkeit machen den Faktor Gewissenhaftigkeit aus.

[8] Ebenfalls erhoben anhand des NEO-FFI

Details

Seiten
196
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836607568
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225465
Institution / Hochschule
Universität Wien – Psychologie, Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
identität attachment selbstwert beliebtheit adoleszenz

Autor

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Titel: Identitätsentwicklung in der Adoleszenz unter besonderer Berücksichtigung sozialer Einflüsse