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Semitische Einflüsse im Indogermanischen - mit besonderer Berücksichtigung des Deutschen

Diplomarbeit 2007 67 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Problemstellung

II. Rolle der semitischen Entlehnungen in den Sprachen Europas
1. Vorgeschichtliche Kontakte
2. Semitisch als Vermittler zwischen Indien und Europa

III. Verifizierung der etymologischen Ergebnisse

IV. Die Technologie als Faktor im Sprachkontakt
1. Die Rolle der Metallurgie
2. Handel als treibende Kraft für kulturelle Interaktion
3. Gefäßbezeichnungen und Sprachkontakt
4. Stoffkunde und Sprachkontakt

V. Struktureinfluß und Sprachkontakt

VI. Das Wort Euro - 26 -
1. Übernahme bedeutender Benennungen
2. Angleichung der Götterwelt
3. Mythologie lebt weiter

VII. Die Rolle der Schrift
1. Buchstabenschrift
2. Das Prinzip der Akrophonie bei der Benennung von Buchstaben
3. Die Sonderstellung des Germanischen

VIII. Der Begriff des Prästrats
1. Prästrat vs. Superstrat
2. Prototypische semantische Felder bei der Entlehnung
3. Germanische Wörter semitischer Herkunft
3.1 Das Wort Sippe
3.2 Das Wort Huf
3.3 Das Wort Pferd
3.4 Arm vs. Armee
3.5 Das Wort Erde
4. Zusammenfassende Darstellung der semitischen Einflüsse auf das Deutsche

IX. Fazit

Abkürzungen

Literatur:

Sekundärliteratur (zitiert)

Sekundärliteratur (nicht zitiert)

Erklärung

I. Einleitung und Problemstellung

Zwischen Europa und dem vorderen Orient gab es schon seit langer Zeit Kontakte. Bei menschlichen Kontakten findet auch Kommunikation statt. Damit ist nicht nur der Warentausch gemeint, sondern der damit unzertrennlich verbundene Austausch von neuen Ideen und Konzepten. Kommunikation bedeutet auch Sprachkontakt. Ziel der Sprachkontaktlinguistik ist es, diesen Kontakt und vor allem seine Auswirkungen auf beide Seiten zu untersuchen. Eine Sprache kann im Laufe der Zeit eine andere lexikalisch, morphologisch, syntaktisch oder phonologisch beeinflussen. Dieser Einfluß ist ein komplexer Prozeß, der sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen abspielen und zu wesentlichen Veränderungen der einen oder der beiden Sprachen führen kann. Sein Ablauf und seine Intensität hängen von mehreren Faktoren ab, unter anderem von der Art des Kontakts, beispielsweise Krieg, Handel oder Einwanderung. Das Verhältnis zwischen den beiden Gesellschaften, also etwa technologischer Fortschritt oder militärische Stärke, spielen auch eine Rolle.

Sprachkontaktforschung ist daher auch Kultur-, Sozial- und Geschichtsforschung. Erst die Einbettung der linguistischen Ergebnisse, der Etymologien in das Gesamtbild gesellschaftlicher Vorgänge verleiht ihnen auch eine feste Überzeugungskraft. Das bloße Vorhandensein von parallelen Entwicklungen in zwei Sprachen kann auch durch Zufall entstanden sein.

Etymologien sind Entlehnungsgeschichten von Wörtern. Beim Vergleich der lautlichen Form und der Bedeutung kann man Entsprechungen zwischen Lexemen in verschiedenen Sprachen feststellen. Sollten diese nicht auf einen gemeinsamen Ursprung beruhen, so ist es anzunehmen, eines davon wurde vom anderen entlehnt. Sollten mehrere Lexeme in zwei miteinander nicht verwandten Sprachen Ähnlichkeiten aufweisen, so ist es möglich, Gesetzmäßigkeiten innerhalb der festgestellten Entlehnungen festzustellen. Zum einen sind es lautliche Entsprechungen, zum anderen Ähnlichkeiten in der Motivation und in dem kulturellen Hintergrund von Entlehnungen. Die Darstellung dieser Zusammenhänge ergibt ein System, welches die einzelnen Komponenten möglichst widerspruchsfrei miteinander verbindet. Auch sollen sich die aus diesem systematischen Zusammenhang gewonnenen Erkenntnisse auf andere Wörter zur Überprüfung derer Verbindung zueinander übertragen können. Ebenso darf man von Parallelen zwischen Sprachkontakten ausgehen.

Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung des Kontaktes der semitischen Völker mit den Völkern Europas. Der Umfang der Arbeit schließt eine eingehende Beschäftigung mit allen möglichen gegenseitigen sprachlichen Einflüssen aus. Die Einflüsse des Semitischen auf die Arischen Sprachen können nur indirekt behandelt Werden. Die Entscheidung zugunsten des lexikalischen Einflusses des Semitischen auf die Sprachen Europas und insbesondere auf das Deutsche ist durch ihre Relevanz bedingt. Der genaue Umfang der vor- und frühgeschichtlichen Kontakte zwischen den Semiten und den Germanen ist noch nicht genau festgestellt worden.

Die Kontakte der Germanen mit der Mittelmeerkultur sollen in dieser Arbeit in Relation zu den Kontakten innerhalb des Mittelmeerraumes gesetzt werden. Durch den Vergleich des Einflusses auf Kultur und Sprache der Phönizier auf die Griechen soll die Plausibilität der Rekonstruktion möglicher Einflüsse an der europäischen Nordwestküste aufgezeigt werden.

Aus diesem Grund bietet die Arbeit einen relativ umfangreichen Überblick über Kultur- und Sprachströme rund um das Mittelmeer. Die Ausarbeitung mehrer systematischer Darstellungen von sprachlichen Interaktionen soll der Suche nach dem Platz der Germanen im gesamten Gefüge gewidmet werden.

Zum Schluß der Arbeit wird versucht, einige in den letzten Jahrzehnten vorgeschlagene semitische Etymologien deutscher Wörter nach Ähnlichkeit mit dem Gesamtbild zu untersuchen. Da diese Etymologien eine gewisse Ausprägung des Kontaktes voraussetzen, wird vornehmlich auf den kulturellen Einfluß der Phönizier, Punier und Araber auf die Europäer eingegangen. Die Wirkung der anderen semitischen Völker auf Europa wird nur am Rande behandelt.

Ein weiteres Ziel der Arbeit ist es, Ähnlichkeiten im Entlehnungsprozeß aufzuzeigen. Kaum eine der vorgestellten Entlehnungsgeschichten dürfte ein Einzelfall sein, da die Nichtbildung von Strategien gegen das sprachökonomische Prinzip verstoßen würde. Erwartungsgemäß würde dann ein Verfahren, welches sich als erfolgreich erweist, immer wieder von neuem angewandt werden. Die Bequemlichkeit spielt bestimmt eine Rolle im Prozeß der Etablierung dominanter Strategien im Sprachverhalten der Menschen. So sind häufig erkennbare Muster vorhanden, die die Entlehnungspräferenzen in einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Gruppe oder einem bestimmten Raum kennzeichnen. Paradigmenbildung im Bereich des Sprachkontakts steht im wechselseitigen Verhältnis zu seinem Umfang. Je mehr Wörter aus einer Fremdsprache in die eigene Sprache gelangen, desto mehr Möglichkeiten stehen zur Verfügung, nicht jede Entlehnung für sich zu behandeln, was relativ viel Anstrengung erfordert. Sobald sich eine Strategie durchgesetzt hat, kann sie zur Regel werden. Je stärker ein Entlehnungsprozeß nach festen Regeln abläuft, desto mehr Anreize bestehen für weitere Entlehnungen aus ihrem Geltungsbereich. Da jede Aufstellung und Verfeinerung von Abläufen Ressourcen verbraucht, ist es zu erwarten, daß ein etabliertes Verfahren relativ stabil ist und über einige Zeit stabil bleibt. So kommen beispielsweise sprachliche Konventionen zustande, die die Integration neuer Wörter auf ein bestimmtes Schema festlegt, wodurch jedes neue Wort automatisch in eine größere Gruppe bekannter und vertrauter Wörter kommt, was für die Sprecher eine Erleichterung darstellt. Eine sprachliche Konvention ist zum Beispiel im Deutschen die Substitution im Auslaut von engl. –ism, franz. –isme und span. oder ital. –ismo durch dt . –ismus.[1] Solche Konventionen, wenn auch nicht in so fester Form, lassen sich auch bei den semantischen Feldern und bei den Präferenzen im Entlehnungsverhalten der Menschen beobachten. Es läßt sich vermuten, daß Entlehnungsprozesse gemeinsame Züge aufweisen, die dann erlauben, von einem oder mehreren bekannten Fällen eine Regel zu extrahieren, die dann auf weniger bekannte Fälle angewandt werden kann.

II. Rolle der semitischen Entlehnungen in den Sprachen Europas

Der semitische Spracheinfluß auf das Deutsche läßt sich hinsichtlich des Wortschatzes umfaßt einige Gruppen von Wörtern – die erste bildet der biblische Wortschatz, der hauptsächlich aus dem Hebräischen kommt und der die Besonderheit aufweist, immer wieder „bereinigt“ zu werden, sprich neu entlehnt zu werden, weswegen auch viele biblischen Begriffe keine oder nur wenige lautliche Veränderungen im Laufe der Zeit erfahren haben. Die zweite Gruppe besteht aus Entlehnungen seit der Spätantike bis in die heutige Zeit, die durch Sprachkontakt, etwa bei Handelskontakten, zustande gekommen sind. Hierzu gehören arabisches und phönizisches Wortgut, welches besonders stark dort auftritt, wo die Kontakte mit den jeweiligen semitischen Sprachträgern am intensivsten waren – etwa das arabische auf der Iberischen Halbinsel oder das phönizische im ägäischen Raum.

1. Vorgeschichtliche Kontakte

Die dritte Gruppe semitischer Entlehnungen bilden die Wörter, die – ähnlich wie die zweite Hauptgruppe – durch Sprachkontakt nach Europa gekommen sein könnten, allerdings in vorgeschichtlicher Zeit. Im Falle der indogermanischen Sprachen Europas werden semitischen Entlehnungen gar aus der Zeit vor Trennung der einzelnen Sprachgruppen vermutet wie etwa bei nhd. sieben. Die Existenz dieser Gruppe ist wohl unumstritten, lediglich ihr Umfang ist Gegenstand zum Teil heftigster Diskussionen – während traditionell von einigen wenigen Wörtern ausgegangen wird, gehen manche Forscher in den letzten Jahrzehnten von einem ins Gewicht fallenden Anteil semitischer Entlehnungen ins Indogermanische aus. Der große Zeitabstand zur Gegenwart bringt zwei große Herausforderungen mit sich – an außersprachlichen Belegen über Art und Umfang der Kontakte zwischen den Indogermanen und semitischen Völkern bzw. Sprachträgern fehlt es. Die sprachinterne Beweisführung wird durch die Tatsache erschwert, daß es sich sowohl beim Indogermanischen als auch bei dem Ursemitischen um Rekonstruktionen handelt. Daher ist bei der Untersuchung möglicher Sprachkontakte höchste Vorsicht geboten. Es gilt festzustellen, ob ein indogermanisches Wort in seiner rekonstruierten Form und Bedeutung einem rekonstruierten ursemitischen Wort entspricht, und dann zu erwägen, ob eine Entlehnung vorliegen könnte und wenn ja, in welcher Richtung. In diesem Zusammenhang muß man auch die ältere Annahme erwähnen, Indogermanisch und Semitisch hätten einen gemeinsamen Ursprung, was eine Erklärung ähnlicher Formen in den modernen indogermanischen und semitischen Sprachen liefert, ohne daß diese entlehnt worden sein müßten, wie z.B. dt. Schädel, ne. scull und hebr./ arab. gol ‚Haupt, Schädel’.

In der Mitte zwischen diesen Gruppen ist das semitische Lehnwortgut in den klassischen Sprachen der Antike – Griechisch und Latein –, die durch den bezeugten regen Kontakt zwischen dem ägäischen Raum und dem vorderen Orient zustande kamen. Da diese beiden Sprachen großen Einfluß auf die restlichen europäischen Sprachen ausübten, dienten sie als Vermittler semitischen Wortschatzes in den Norden. Das Türkische kam als weitere Vermittlersprache, wenngleich bisher weniger bedeutend, später hinzu, wie in etwa nhd Raki ‚alkoholisches Getränk, Schnaps’ aus türk. rakı ‚(Anis)schnaps’, welches auf arab. ‚ araq ‚süßer starker Likör, hergestellt aus Rosinen’ zu arab. ariqa, ‚versüßen’ .

2. Semitisch als Vermittler zwischen Indien und Europa

Die semitischen Sprachen dienten ihrerseits als Vermittler von Lehnwörtern aus dem mittleren und fernen Osten nach Europa, da die Handelswege durch das semitische Territorium verliefen. So haben die modernen gemeineuropäischen Wörter für Zucker und für Ingwer ihren Ursprung in Indien und kamen über den Mittelmeerraum, also über die semitischen Sprachen, in die südeuropäischen Sprachen und von dort aus in die restlichen Sprachen Europas.

Zucker aus it. zucchero, dieses aus arab. sukkar und pers. šäkär aus ai. śárkarā ‚Sandzucker, Kies, Grieß’[2]. Laut Kluge/Seebold wurde der „Zuckerrohranbau […] von den Arabern in Spanien und Sizilien eingeführt“ und von „Italien gelangte das Wort mit der Sache in die übrigen europäischen Sprachen“. Das semitische Wort für „Süße“ lebt aber in Rosine, Arak und Raki weiter.

Ingwer aus afrz. gingibre, dieses aus lat. zingibe r, gingiber, welches auf gr. ζιγγ ίβερις ‚Ingwer’. Das griechische Wort geht auf ai. (Sanskrit) singivera zurück, welches aus einer der dravidischen Sprachen Südindiens entlehnt wurde. In den Mittelindischen Sprachen bedeutet der Stamm ver- ‚Wurzel’, z. B. tam. inji-ver ‚Ingwer-Wurzel’, pal. sińgiveran usw. In Südosteuropa, so etwa im Albanischen, gehen die Namen des Gewürzes auf die arabische Form zhinzhabil (زنجبيل) zurück: alb. xhenxhefil ‚Ingwer’. Es wäre also denkbar, daß das altgriechische Wort auch aus einer semitischen Sprache des Orients entlehnt wurde, da die Griechen keine direkten Kontakte nach Indien hatten.

III. Verifizierung der etymologischen Ergebnisse

Aufgrund von Handel und kulturellen Beziehungen wird gewöhnlich Lexik transferiert, z. B. indem man Begriffe für neue Gegenstände oder Erscheinungen übernimmt. Zur Verifizierung kultureller Entlehnungen ist die Kenntnis des geschichtlichen Hintergrunds von entscheidender Bedeutung. Im Idealfall ist eine völlige Übereinstimmung der geschichtlichen und der sprachwissenschaftlichen Ergebnisse zu erwarten, wie dies im folgenden Beispiel ersichtlich wird:

Nhd. Bibel zu lat. biblia ‚die heiligen Bücher’ zu gr. βιβλίον ‚Buch’ zu βύβλος, βίβλος ‚Papyrusblatt’ zu Β ύβλος ‘die Stadt Byblos’ [aus der Papyrus vornehmlich eingeführt wurde].

Dieser Entlehnungsweg wird durch die geschichtlichen Kenntnisse über den Weg des damit bezeichneten Gegenstandes bestätigt.

Während sich die Kontakte des Hebräischen und des Arabischen mit den europäischen Sprachen hauptsächlich in geschichtlicher Zeit ereigneten und gut belegt sowie untersucht worden sind, kamen die Phönizier und Ugariter schon früh in Kontakt mit den Völkern Süd- und Westeuropas – bereits im 2. vorchristlichen Jahrtausend. Hierdurch ergeben sich Schwierigkeiten bei der Untersuchung der Lehnbeziehungen aus dieser Periode. Zum einen waren die Sprachen Europas zu dieser Zeit noch nicht verschriftlicht, zum anderen geben die urkundlichen Überlieferungen auf der phönizischen bzw. akkadischen Seite hinsichtlich der Beziehungen zu Europa relativ wenig Aufschluß. In diesem Falle sind die Möglichkeiten, eine Etymologie auch historisch zu verifizieren, geringer.[3]

Eine weitere Verifizierungsmöglichkeit wäre die Analogie im Entlehnungsverhalten. Nach dieser Annahme ist eine rekonstruierte Erscheinung, für die ein analoges bezeugtes Phänomen existiert, besser als eine, für die es keine bezeugten Analogien gibt. So gilt z.B. ein Lautsystem, das für eine ausgestorbene, nicht bezeugte Sprache, wie etwa das Indogermanische, vorgeschlagen wird, für wahrscheinlicher, wenn es mit dem Lautsystem einer existierenden Sprache identisch ist, als wenn es mit keinem bekannten Lautsystem übereinstimmt.

IV. Die Technologie als Faktor im Sprachkontakt

1. Die Rolle der Metallurgie

Man geht zu recht davon aus, daß die Metallverarbeitung ausschlaggebend für die Entwicklung menschlicher Kulturen und Zivilisationen ist. Es ist noch keine hochentwickelte Zivilisation entdeckt worden, die nicht auf der Gewinnung und Anwendung von Metallen aufgebaut worden wäre. Die Perioden bzw. Stufen höheren menschlichen Fortschritts werden daher nach den Metallen benannt, die die Menschen im Stande waren zu verarbeiten. So etwa besteht der Unterschied zwischen der Bronze- und Eisenzeit darin, daß die Menschen es lernten, Eisen aus Erz zu gewinnen und nicht mehr auf Roheisen aus Meteoriten angewiesen waren.

Die Technologie der Gewinnung und Verarbeitung von Metallen wurde im Mittelmeerraum zunächst in Ägypten, dem Zweistromland und in Kleinasien entwickelt. Durch die politischen Entwicklungen in der Region kam es um die Jahrtausendwende vom zweiten zum ersten vorchristlichen Jahrhundert, also zu Beginn der Eisenzeit, zu einer Verlagerung des Zentrums der Zivilisation zu den phönizischen Stadtstaaten an der levantinischen Küste.[4] Dies lag daran, daß die relativ autarken Küstenstädte von den Unruhen im Hinterland verschont blieben. Somit hatten sie die Chance, die bronzezeitlichen Technologien weiter zu entwickeln, und es gelang ihnen, ihren Vorteil zu nutzen. Die Grundlage für den Aufstieg der phönizischen Städte bildeten Fernhandel[5] und Handwerk.[6] Das phönizische Kerngebiet ist aber rohstoffarm, weswegen Rohstoffe aus anderen Gebieten eingeführt werden mußten. Schon früh wurde Kupfer aus Kreta eingeführt; im Zuge der Ausdehnung der phönizischen Zivilisation nach Westen wurden auch weitere Räume und Metallvorkommen erfaßt, bis hin zu den Britischen Inseln.

2. Handel als treibende Kraft für kulturelle Interaktion

Im zweiten und ersten Jahrtausend vor Christi waren die Phönizier den Völkern, von denen sie ihre Rohstoffe bezogen, technologisch überlegen. Bei einem regen Handelsaustausch[7] findet auch eine kulturelle Interaktion und ein entsprechender Sprachkontakt statt. Die Art des jeweiligen Sprachkontakts bestimmt die Art und die Menge der dabei zu erwartenden Spracheinflüsse. So etwa boten phönizische Kaufleute im archaischen Griechenland[8] Luxusartikel (Handwerkserzeugnisse) an und unterhielten Kontakte zu den obersten Schichten der griechischen Gesellschaft.[9] Ausgehend von der Prämisse, „Wörter neigen (…) dazu, zusammen mit dem Gegenstand oder dem Vorgang, auf den sie sich beziehen, geographische und sprachliche Grenzen zu überschreiten“[10], darf man annehmen, daß die Griechen schon in dieser Zeit viele Wörter aus dem Phönizischen, besonders im Bereich des Handwerks und der Technologie, entlehnt haben.[11] In einem späteren Zug sind Begriffe aus dem Bereich der Schriftlichkeit dazu gekommen. Da Griechisch zusammen mit Latein als Basis für zahlreiche Entlehnungen in die übrigen Sprachen Europas diente, gelangten auf diesem Wege auch viele Semitismen[12] unter die modernen Internationalismen. Ein sehr anschauliches Beispiel für den Weg vieler Ausdrücke ist das Wort Alphabet.

Nhd. Alphabet: Im Spätmittelhochdeutschen entlehnt aus kirchen-lat. alphabētum, dieses aus gr. αλφάβετος, aus gr. Άλφα und gr. Βήτα, den Namen der beiden ersten Buchstaben, die von den Griechen mit dem Alphabet über phönizische Vermittlung aus einer semitischen Sprache (vgl. hebr. aleph ‚Rind’ und hebr. beth ‚Haus’ zugleich auch als Bezeichnungen der ersten beiden Buchstaben des Alphabets) übernommen worden waren. Die Namen der beiden ersten Buchstaben stehen also für die ganze Buchstabenreihe.[13]

Noch weiter geht diese Entwicklung beim Wort Delta.

Nhd. Delta ‚dreieckiges Gebiet einer Flußmündung; Nilmündung’. Entlehnt aus lat. delta ‚Nilmündung’, dieses aus gr. δέλτα ‚Nilmündung’, eigentlich die Bezeichnung des vierten (dreieckigen) Buchstabens des griechischen Alphabets, diese aus der phönikischen Entsprechung (wahrscheinlich phön./pun. dalt) von hebr. daleth ‚Tür’. Herodot benannte das in Unterägypten von den Nilarmen gebildete Gebiet nach der Ähnlichkeit mit dem (griechischen) Buchstaben als Delta. Lange Zeit blieb das Wort darauf beschränkt. Erst später erfolgte die Verallgemeinerung der Bedeutung auf alle derartigen Flußmündungen.[14]

Diese Bedeutungsentwicklung lag auch daran, daß die Buchstabennamen im Griechischen, anders als deren phönizischen Vorbilder, „bedeutungsleer“[15] waren und somit leichter mit neuen Bedeutungen besetzt werden konnten. Diese Bedeutungslosigkeit ist in den modernen europäischen Sprachen weitgehend aufgehoben, wie etwa in dt. Alpha-Tier, Beta-Version und Gamma-Strahlung.[16] Eine auf den Lautwert basierende Wortentwicklung von gr. Σίγμα ‚der Buchstabe Sigma’ liegt im linguistischen Terminus technicus sigmatisch ‚einen S-Laut enthaltend’ vor.

3. Gefäßbezeichnungen und Sprachkontakt

Eine ähnliche Entwicklung könnte auch das Wort Kessel durchlaufen haben.

So könnten gr. κοτύλη, κόττις ‚Becher’ sowie gr. κωθών ‚lakonisches Trinkgeschirr’ die Grundlage für das lateinische Wort sein, zumal ein damit zusammenhängendes etruskisches Wort qutun mit ähnlicher Bedeutung bezeugt ist. Die drei Wörter sind im Griechischen aber keine Erbwörter. Zum einen bedeutet κωθών auch ‚der innere Hafen von Karthago’, zum anderen nimmt man bei κόττις eine Entlehnung aus dem Pelasgischen[17] an. Des weiteren existiert ein ugaritisches Wort qtn ‚Werkzeug[18] ’ in der Verbindung ut. hrs qtn ‚Hersteller von Werkzeugen’. Eine Entlehnung von Geschirrbezeichnungen ist nichts Ungewöhnliches, besonders, wenn auch das bezeichnete Gefäß „mitentlehnt“ wird.[19]

Im Lichte unserer Kenntnisse der Geschichte der Region und des „zivilisatorischen Flusses“ erscheint die Annahme einer Entlehnung von gr. κοτύλη, κόττις aus dem Phönizischen sehr plausibel. Selbst wenn das lateinische Wort nicht vom Griechischen, sondern vom Etruskischen entlehnt wurde, wäre anzunehmen, daß der Ursprung des Wortes im Nahen Osten liegt, in der Gegend also, aus der die Töpferkunst ihren Weg in den nördlichen Mittelmeerraum nahm. Zu dieser Wanderung des Kessels vom Orient über den Mittelmeerraum bis nach Nordeuropa gibt es auch einige weitere Analogien. So geht bg. йена ‚(längliches) Backtopf aus hitzebeständigem Glas’ auf den Hersteller solcher Töpfe Jenaer Glas bzw. auf die Stadt Jena, wo die ersten hitzebeständigen Glastöpfe herkamen, zurück. Des weiteren ist die Etymologie des Wortes Tasse exemplarisch.

Nhd.. Tasse (16. Jh.) Zunächst als obd. tatse entlehnt aus it. tazza „Trinkschale“, später an frz. tasse angeglichen. Ausgangspunkt ist arab. ţās „Schälchen“, das auf pers. täšt „Becken, Schale“ zurückgeht.[20]

Im Arabischen bedeutete das persische Lehnwort[21] zunächst ‚Goldbecken mit Trinkwasser im Sultanspalast’ und wurde dann auch auf die weniger wertvollen Trinkgefässe der Bevölkerung übertragen. Eine ähnliche Entwicklung hat das Wort im Französischen durchgemacht, wo das Wort zunächst „silberne oder goldene Trinkgefäße, die, wie die Gläser aus Venedig, als Luxusartikel neben den herkömmlichen Schalen aus Holz oder Ton“[22] und den Zinnkrügen importiert wurden, bezeichnete. Somit wurde das Wort zunächst aufgewertet und dann abgewertet. Für die Bewertung des Sprachkontakts ist dieses Wissen entscheidend, da das anfängliche Verhältnis aus dem Vergleich der Endbedeutung nicht ersichtlich ist. In der Tat war das Persische in Bezug auf das Arabische im 7.-6. Jahrhundert v. Chr. eine Prestigesprache. Die Verhältnisse lassen sich vereinfacht durch folgende Grafik darstellen:

[...]


[1] Eine reziproke Strategie haben die übrigen vier Sprachen auch.

[2] Es handelt sich dabei um den sandartigen Kristallzucker.

[3] Es gibt natürlich nicht nur die urkundlichen Beweise über einen kulturellen Austausch. So können z. B. archäologische Funde Aufschluß darüber geben, ob und wann es Handelsbeziehungen zwischen zwei Orten gegeben haben könnte.

[4] Michael Sommer. 2005. Die Phönizier. Handelsherren zwischen Orient und Okzident (Kröners Taschenausgabe, Band 454). Stuttgart: Alfred Kröner, S. 73 ff.

[5] So etwa der Warenaustausch zwischen dem Ägäischen Raum und Ägypten.

[6] Sommer, 2005, S. 84.

[7] Über das Ausmaß des Handels schließt man aufgrund archäologischer Befunde sowie durch die Vielzahl an Schiffwracks aus der Epoche auf dem Grund des Mittelmeeres.

[8] 8. – 6. Jahrhundert v. Chr.

[9] Vgl. hierzu in Sommer, 2005, S. 97 ff : Funde phönizischer Erzeugnisse in Aristokratengräbern ab dem Jahre 800 v. Chr. sowie die Entführung des Königssohns Eumaios von der Insel Syria.

[10] John Lyons. 1972. Einführung in die moderne Linguistik. 2. Aufl. München: Beck, S. 26.

[11] Im Griechischen gibt es in der Tat einen ins Gewicht fallenden Anteil nichtindogermanischer Lexik. Unter den als „mediterranen Ursprungs“ identifizierten Wörtern sind wahrscheinlich viele über die Vermittlung des Phönizischen ins Griechische gekommen.

[12] Gemeint sind sowohl direkte Entlehnungen aus den semitischen Sprachen, wie auch Weiterbildungen mit semitischen Bestandteilen, die dann als indirekte Entlehnungen bezeichnet werden können. Vgl. Lyons, 1972, S. 26.

[13] Vgl. Friedrich Kluge. 2002. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. von Elmar Seebold. 24. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter, s. v. Alphabet.

[14] Vgl. ebd., s. v. Delta.

[15] Das heißt, sie bezeichneten außer den Buchstaben nichts, während es im Phönizischen und Hebräischen ganz normale Substantive waren, die nach dem akrophonen Prinzip auch als Buchstabenbezeichnungen galten.

[16] Die rein griechischen Bezeichnungen, wie etwa Ωμέγα ‚großes, langes O’, sind für die meisten Sprecher auch nicht mehr interpretierbar und können daher auch neu besetzt werden, wie beim Markennamen Omega.

[17] Pelasgisch ist ein Sammelbegriff für die Sprachen Kleinasiens, ohne genaue Festlegung, ob semitisch, indogermanisch oder einer anderen Sprachfamilie angehörend.

[18] Bei Hackl steht „an implement“. Vgl. M. Hackl. 1993. Semitisches in der etruskischen Sprache. o. O.: Selbstverlag, S. 27.

[19] Vgl. ebd., S. 26-27.

[20] Vgl. Kluge, 2002, s. v. Tasse.

[21] In seiner Lautung wohl als Fremdwort empfunden und daher nativisiert durch Assimilation des t.

[22] Andreas Unger. 2006. Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Stuttgart: Reclam, S. 232.

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783956362965
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225392
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Sprach- und Literaturwissenschaft, Deutsche Philologie
Note
1,65
Schlagworte
sprachkontakt semitsch indogermanisch kulturkontakt etymologie

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