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Besondere Anforderungen des Wissensmanagement an Multinationale Unternehmen

Masterarbeit 2006 75 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Grundlagen
2.1 Wissen
2.1.1 Begriffsdefinition
2.1.2 Wissensformen
2.1.3 Wissensentwicklung
2.2 Wissensmanagement
2.2.1 Begriffsdefinition
2.2.2 Aufgaben
2.3 Multinationale Unternehmen
2.3.1 Typologie Multinationaler Unternehmen
2.3.2 Eingrenzung Multinationaler Unternehmen

3 Bedeutung des Wissensmanagement für Multinationale Unternehmen
3.1 Wissensbasierte Sicht des Unternehmens
3.2 Wettbewerbsvorteil durch Wissensmanagement
3.2.1 Produktinnovation
3.2.2 Prozessinnovation

4 Anforderungen des Wissensmanagement an Multinationale Unternehmen
4.1 Intra-Organisational
4.1.1 Unternehmensstrategie
4.1.2 Unternehmenskultur
4.1.3 Leadership
4.1.4 Struktur
4.1.5 Personalentwicklung
4.1.6 Technologie
4.2 International
4.3 Inter-Organisational
4.3.1 Wissensnetzwerke
4.3.2 Strategische Allianzen
4.4 Operational
4.4.1 Methoden
4.4.2 Hindernisse
4.4.3 Bewertung

5 Zusammenfassung

6 Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wissenspyramide Seite

Abbildung 2: Wissensspirale Seite

Abbildung 3: Bausteine des Wissensmanagement Seite

Abbildung 4: Anforderungsbereiche des Wissensmanagement an Multinationale Unternehmen Seite

Abbildung 5: Netzwerkstruktur für Multinationale Unternehmen Seite

Abbildung 6: Typologie inter-organisationaler Wissensnetzwerke Seite

1 Einleitung

Wissensmanagement als junge Disziplin der Betriebswirtschaftslehre gewinnt immer mehr an Bedeutung[1]. Insbesondere Multinationale Unternehmen erkennen in der heutigen Zeit der Globalisierung und der Informationstechnologien, dass nicht nur innovative Produkte oder günstige Preise, sondern viel mehr das Wissen ihrer Mitarbeiter ihnen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil ermöglicht[2]. Dies spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass etwa 81% der führenden nordamerikanischen und europäischen Unternehmen zumindest eine Form von Wissensmanagement betreiben[3].

Die wissenschaftliche Betrachtung des Wissensmanagement steckt noch in den Anfängen. Es existiert zwar Literatur, die ein Grundverständnis davon gibt, wie Wissen identifiziert, erfasst und weitergereicht werden kann. Die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Wissensmanagement sind jedoch zu umfangreich und zu unterschiedlich. Entsprechend unterschiedlich sind auch Beiträge zu diesem Themenbereich, die zwar Einblicke und Lösungsansätze in verschiedene Problembereiche bieten, allerdings keine allgemeine Übersicht im Sinne Multinationaler Unternehmen liefern.

Diese Ausarbeitung macht den Versuch, diese Lücke zu schließen, indem es ein Modell dieser Rahmenbedingungen erstellt. Dies geschieht aus der Frage heraus, welche unterschiedlichen und besonderen Anforderungen an multinational operierende Unternehmen bei der Verwaltung ihres organisationsrelevanten Wissens zu beachten sind.

Um diese Frage schrittweise zu beantworten, wird folgende Unterteilung vorgenommen:

- Was ist Wissen und wie kann es verwaltet werden?
- Was sind Multinationale Unternehmen?
- Warum ist Wissensmanagement für Multinationale Unternehmen wichtig?
- Was müssen Multinationale Unternehmen bei der Anwendung von Wissensmanagement beachten?

Beginnend im zweiten Kapitel wird die Grundlage gelegt, indem „Wissen“, „Wissensmanagement“ und „Multinationale Unternehmen“ näher betrachtet werden. Hierbei wird der Versuch unternommen, diese Begriffe in einem für den Umfang dieser Arbeit hinreichendem Verständnis zu definieren.

Anschließend werden diese Begriffe im dritten Kapitel miteinander in Beziehung gesetzt. Dies geschieht durch die Fragen, warum Wissen in Multinationalen Unternehmen wichtig ist und welche Bedeutung das Wissensmanagement für Multinationale Unternehmen hat. Dabei werden Punkte wie Wettbewerbsfähigkeit, Produktinnovation und Prozessinnovation angesprochen, die in der heutigen Zeit für global operierende Unternehmen von existentieller Bedeutung sind.

Auf der Erkenntnis aufbauend, was Wissensmanagement ist und welchen Wert es für Multinationale Unternehmen hat, wird im vierten Kapitel dieser Arbeit ein Modell erstellt, in dessen Struktur die wesentlichen Anforderungen eingeordnet werden. Hierbei wird zwischen intraorganisationalen, internationalen, interorganisationalen und operationalen Anforderungen unterschieden.

Abschließend werden in den Schlusskapiteln die wesentlichen Einblicke und Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst und es werden noch offene Fragen aufgezeigt, deren Beantwortung weiterer Untersuchungen bedarf.

Die zur Recherche gewählte Literatur beinhaltet neben Standardwerken zum Wissensmanagement und zur Organisationslehre weiterhin Artikel aus international anerkannten Fachjournalen und Fachzeitschriften der Jahre 2001 bis 2006. Darüber hinaus beinhalten einige dieser Beiträge Einsichten in aktuelle Fallstudien internationaler Wissensmanagement-Projekte, die zur praktischen Veranschaulichung theoretischer Aussagen dieser Arbeit mit einbezogen werden. Insbesondere Kapitel 4 gibt einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Diskussion. Einzuordnen ist diese Arbeit in die Betriebswirtschaftslehre mit Fokus auf Wissensmanagement, Organisationslehre und Unternehmensstrategie. Aspekte des Wissensmanagement wie Datenverarbeitungs-systeme und Softwarelösungen sind in ausreichender Form in anderer Literatur beschrieben und werden im Umfang dieser Arbeit nicht mit einbezogen. Stattdessen liegt der eigentliche Wert darin, ein übersichtliches und aktuelles Modell von wesentlichen Faktoren des Wissensmanagement zu liefern, die bei großen und international tätigen Unternehmen vielfach unterschätzt oder sogar übersehen werden.

2 Begriffliche Grundlagen

Dieses Kapitel dient der Erläuterung der begrifflichen Grundlage von Wissen, Wissensmanagement und Multinationale Unternehmen, die für das thematische Verständnis im weiteren Verlauf der Arbeit erforderlich sind.

2.1 Wissen

2.1.1 Begriffsdefinition

Die Frage nach der Bedeutung von Wissen beschäftigt bis heute eine Vielzahl von Philosophen und Vordenkern. Insbesondere die gegenwärtige Diskussion über Verwaltung von Wissen in Organisationen hat die Frage in den letzten Jahren erneut aufgeworfen[4]. Im Folgenden soll eine Erklärung und Unterteilung vorgenommen werden, die häufig in der angegebenen Literatur zum Wissensmanagement genutzt wird und somit repräsentativ im Sinne dieser Arbeit gelten soll. Hierbei handelt es um eine hierarchische Einstufung in Zeichen, Daten, Information und Wissen.

Zeichen können als zusammenhanglose Elemente wie Zahlen, Bilder, oder Buchstaben definiert werden, die sich von einer Beobachtung oder Messung ableiten lassen[5]. Daten werden aus einer sinnvollen Ordnungsregel aus solchen Zeichen zusammengesetzt, sind jedoch nach wie vor neutral hinsichtlich ihrer Aussage[6]. Beispiele hierfür sind Nummern oder Wörter. Im nächsten Schritt folgt Information. Hierbei wird einer Zeichenkette eine Bedeutung hinzugefügt, so dass Kenntnisse über Sachverhalte entstehen. Beispiele sind Aktienkurse oder Produktdokumentationen.

Aus Zeichen, Daten und Informationen entsteht abschließend Wissen, welches jedoch einen viel höheren Komplexitätsgrad hat. Dieser Transformationsprozess ist charakterisiert durch[7]:

- Vergleich à mit vorheriger Situation oder Wissen
- Konsequenz à Einfluss auf Entscheidung
- Verbindung à Anzahl an Verbindungen zu anderen Kenntnissen
- Konversation à Bewertung des Wissens durch andere

Wissen bezeichnet somit „die Gesamtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Problemen einsetzen. Dies umfasst sowohl theoretische Erkenntnisse als auch praktische Alltagsregeln und Handlungsanweisungen“[8]. Am einfachsten kann Wissen als „handlungsbefähigende Information“[9] erklärt werden.

Betrachtet man dieses Feld hinsichtlich der Erfassung, also Niederschrift von Wissen, so wird die Problematik deutlich. Zeichen, Daten und Informationen können schriftlich erfasst werden, doch bei Wissen offenbart sich bei der Erfassung eine besondere Schwierigkeit aufgrund dessen Komplexität. Diese Schwierigkeit soll in den folgenden Abschnitten weiter diskutiert werden.

2.1.2 Wissensformen

In diesem Abschnitt wird versucht den Unterschied zwischen implizitem und explizitem, bzw. individuellem und kollektivem Wissen zu erklären.

2.1.2.1 Implizites und Explizites Wissen

Um Wissen in irgendeiner Form weiterreichen zu können, muss man grundlegend unterscheiden, auf welche Weise dies geschieht. Es kann sowohl in ausgedrückter Form (explizit) vorliegen, beispielsweise auf einem Dokument, als auch in nicht ausgedrückter Form (implizit) im Gedächtnis vorliegen, also verinnerlicht in einer Person in Form von Erfahrungen[10]. Folgende Tabelle veranschaulicht den Unterschied im Detail[11]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Implizites Wissen ist somit eine Erfahrung, die eine Person in sich trägt und mit einem Kontext und einer Handlung verbindet. Insbesondere diese persönlichen Attribute machen es schwierig, Wissen in irgendeiner Form auszudrücken (zu kodifizieren) und an eine andere Person weiterzuleiten, insbesondere wenn kulturelle Barrieren hinzukommen. Explizites Wissen hingegen liegt als eine Art Wissensobjekt vor und ist von solchen persönlichen, kontextuellen Faktoren gänzlich ungebunden. Ein Beispiel wäre eine Bedienungsanleitung für ein Radiogerät. Während die explizit vorliegende Anweisungen zu einer Steuerung befähigt, ist es nach wie vor von den impliziten Erfahrungen und den persönlichen Eigenschaften der Person abhängig, was für Musik mit welcher Lautstärke gehört wird. Somit lässt sich Wissen zwar explizit ausdrücken, aber wie weit es sich vom Kontext, also von Erfahrungswerten trennen lässt, ist abhängig von der Situation.

2.1.2.2 Organisationales Wissen

Während sich der vorherige Abschnitt auf den Unterschied zwischen implizitem und explizitem Wissen bezieht, geht dieser Abschnitt auf organisationales Wissen ein. Obwohl bisherige Versuche, organisationales Wissen zu definieren, noch zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen sind[12], werden hier verschiedene Ansätze angeführt.

Eine Erklärung kommt von Probst, Raub und Romhardt. „Die organisationale Wissensbasis setzt sich aus individuellen und kollektiven Wissensbeständen zusammen, auf die eine Organisation bei der Lösung ihrer Aufgaben zurückgreifen kann. Sie umfasst darüber hinaus die Daten und Informationsbestände, auf welchen individuelles und organisationales Wissen aufbaut.“[13] Guzman und Wilson erweitern dies und fassen organisationales Wissen als eine Mischung aus Handlungsvorlagen und Artefakten zusammen, die ein Kollektiv als soziales Gefüge in ihrem jeweiligen situationsbedingten Kontext versteht[14]. Handlungsvorlagen sind hierbei Konzepte, Methoden, Routinen und Technologien, während Artefakte sich auf Ausrüstung, Maschinen, oder auch technische Prozesse beziehen. Hiermit bestätigen Guzman und Wilson die Aussage, dass die Entstehung und Entwicklung organisationalen Wissens zudem historisch bedingt sei durch das kollektive Verständnis und die Erfahrungen dieses Kollektivs[15]. Es repräsentiert somit das gesamte organisatorische Umfeld, das jede „Wert steigernde Entscheidung und Handlung“[16] in diesem Kollektiv entscheidend beeinflusst.

Wichtig im Rahmen dieser Ausarbeitung ist somit die Einsicht, dass kollektives Wissen wie auch individuelles Wissen sowohl implizit als auch explizit vorhanden ist. Die Unterschiede liegen jedoch darin, dass sich der Kontext bei der Anwendung organisatorischen Wissens auf die Organisation bezieht und nicht ausschließlich auf das persönliche Umfeld des Anwendenden. Ferner sind Prozesse und Routinen, die verstärkt im Kollektiv auftreten, als Teil organisationalen Wissens anzusehen.

2.1.3 Wissensentwicklung

Aufbauend auf dem letzten Abschnitt wird nun untersucht, wie sich Wissen in Organisationen (bzw. im Kollektiv) entwickelt. Das wohl am meisten verbreitete Modell zur Wissensentwicklung stammt von Nonaka und Takeuchi (1995), mit der die Entstehung von Wissen in Organisationen anhand des Zusammenhangs zwischen implizitem und explizitem Wissen erklärt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Wissensspirale (nach Nonaka und Takeuchi, 1995)

Nach diesem Modell unterscheidet sich die Wissensentwicklung in folgende Schritte[17],[18]:

- Sozialisation (implizit zu implizit)Die direkte Kommunikation bzw. Beobachtung zwischen Menschen, z.B. während eines Gespräches zu zweit oder in der Gruppe. Am effektivsten ist dies mit einem vergleichbaren fachlichen und kulturellen Hintergrund[19]. Dabei werden Erfahrungen ausgetauscht.
- Externalisierung Externalisierung (implizit zu explizit)
Obwohl mit Schwierigkeiten verbunden[20], wird hierbei implizites Wissen in expliziter Form verfasst. Dies geschieht am besten in Verbindung mit dem Wissensempfänger durch Fragen und Antworten oder durch Erfahrungsberichte.
- Kombination (explizit zu explizit)
Hiermit ist das Zusammenführen verschiedener Elemente expliziten Wissens gemeint, die hauptsächlich durch vorangehende Verteilung geschieht. Das Ergebnis kann beispielsweise Kategorisierung oder Verknüpfung von Informationen sein.
- Internalisierung (explizit zu implizit)
Die individuelle Verinnerlichung von beispielsweise Dokumenten, Formeln, Regeln oder Prozeduren.

Dieses Modell wird von einigen Autoren kritisiert, weil es von der japanischen Arbeitskultur ausgeht, in der soziale Verknüpfungen zwischen Mitarbeitern und die Beziehung zwischen Mitarbeitern und deren Organisation viel stärker ausgeprägt sind als zum Beispiel in westlichen Kulturen und somit nicht allgemein repräsentativ sei.

Dennoch veranschaulicht dieses Modell den grundlegenden Prozess, wie Wissen zwischen implizitem und explizitem Zustand wechseln kann. Es zeigt, wie eine Idee aus einem Gespräch zwischen mehreren Personen entsteht, anschließend im Rahmen des Kontexts ausgedrückt, mit anderen ausgedrückten Ideen zusammengefasst und abschließend zu einem Konzept wird, das wiederum mit dem Kontext zusammenfließt und zukünftige Entscheidungen der Gruppe beeinflusst. Erst die individuelle oder kollektive Kombination impliziten und expliziten Wissens erstellt somit neues Wissen.

2.2 Wissensmanagement

Während der letzte Abschnitt den Begriff Wissen beleuchtet hat, wird in den folgenden Abschnitten der Begriff Wissensmanagement eingegrenzt, um darauf aufbauend dessen Aufgaben zu betrachten.

2.2.1 Begriffsdefinition

Obwohl in den letzten Jahren viel Forschung zum Thema Wissensmanagement betrieben wurde, ist es sehr schwierig, eine allgemein akzeptierte Definition zu finden[21].

Probst et al. (1999, S.47) definieren Wissensmanagement als „ein integriertes Interventionskonzept, das sich mit den Möglichkeiten zur Gestaltung der organisationalen Wissensbasis befasst“. Diese Definition lässt bereits vermuten, dass es kein allumfassendes Konzept geben kann, sondern dass eher eine Vielzahl von Faktoren zu beachten sind. Diese können für jede Organisation oder jedes Unternehmen abhängig von dessen Kontext unterschiedlich sein. Dies wird auch von Fank (2003) untermauert. Nach dessen Auffassung beinhaltet Wissensmanagement die Fähigkeit, „den Wissensentstehungsprozess, wie er täglich in Unternehmen stattfindet, verstehen zu lernen und Voraussetzungen zu schaffen, die eine Wissensteilung ermöglichen.“[22] Diese Vorraussetzungen wiederum werden von Reinmann-Rothmeier und Mandl (2000)[23] mit der „Gesamtheit aller Konzepte und Strategien zur Schaffung einer intelligenten und lernenden Organisation“ beschrieben.

Auch Marques und Simon[24] behalten dieses Abstraktionsniveau bei und fassen folgende Punkte aus der Literatur als wesentliche Eigenschaften des Wissensmanagement zusammen:

- Streben nach Entwicklung, Transfer und Schutz von Wissen
- Dauerhaftes und nachhaltiges Lernen in der Organisation
- Verständnis der Organisation als ganzheitliches System
- Entwicklung einer innovativen Kultur um Forschung voranzutreiben
- Kompetenzentwicklung und ein auf Kompetenzen beruhendes Management

Somit geht es im Wissensmanagement einerseits um das Verständnis, was unter unternehmensrelevantem Wissen zu verstehen ist und wie es sich unternehmensspezifisch entwickelt. Andererseits geht es sowohl um Maßnahmen, um den Entstehungs- und Entwicklungsprozess von Wissen zu unterstützen als auch um die Bereitschaft der Mitarbeiter, an den Prozessen des Wissensmanagement teilzunehmen.

2.2.2 Aufgaben

Die Aufgaben des Wissensmanagement lassen sich sehr verständlich anhand des Bausteinmodells von Probst et al. (1998) beschreiben. Es bietet einerseits eine „Konzeptualisierung von Aktivitäten im Rahmen des Wissensmanagement“[25] und behält andererseits ein gewisses Abstraktionsniveau bei. Darüber hinaus ist es eines der am häufigsten genutzten Wissensmanagement-Ansätze[26].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bausteine des Wissensmanagement (nach Probst et al., 1995)

Das Modell zeigt die verschiedenen Aufgabenfelder, die beim Wissensmanagement notwendig sein können. Diese Felder erklären sich im Einzelnen folgendermaßen[27]:

- Wissensziele

Das Management formuliert eine dem Unternehmenszweck entsprechende Vision (keine Utopie), die sich in erster Linie auf markt- und wettbewerbsbezogene Elemente bezieht.[28]

- Wissensidentifikation

Die Identifikation des organisationalen Wissens, der für ein effektives Wissensmanagement erforderlich ist. Hierbei spielen nicht nur unternehmensinterne Prozesse, sondern auch Kontakte mit Partnern, Lieferanten und Kunden eine wichtige Rolle[29].

- Wissenserwerb

Falls erforderliches Wissen nicht im Unternehmen vorhanden ist, z.B. Einkauf durch Patenterwerb oder Einstellen neuer Mitarbeiter.

- Wissensentwicklung

Die kollektive Entwicklung innovativen, organisationalen Wissens. Die Schwierigkeit ist hierbei die Kodifizierung impliziten Wissens[30].

- Wissensverteilung

Verteilung und Zugriff auf organisationales Wissen, wobei auf Zugriffsrechte, Genauigkeit sowie Aktualität geachtet werden sollte.

- Wissensnutzung

Die effektive Nutzung des Wissens durch die Zielgruppe macht letztendlich den Nutzen eines Wissensmanagement aus.

- Wissensbewahrung

Die Auswahl und Bewahrung relevanten organisationalen Wissens.

- Wissensbewertung

Bewertung der Ergebnisse des Wissensmanagement und entsprechende Anpassung zukünftiger Maßnahmen.

Das Modell stellt keinen Kreislauf oder eine feste Sequenz dar, sondern eine logische Aneinanderreihung einzelner Bausteine, die übersprungen, wiederholt oder isoliert als Interventionsmaßnahmen angewandt werden können. Eine detaillierte Einsicht auf die einzelnen Komponenten folgt in den späteren Kapiteln ohne dass eine Reihenfolge vorgegeben ist aus der Perspektive von Multinationalen Unternehmen.

Wissensmanagement kann nicht als geplantes Management im üblichen Sinne verstanden werden. Denn Wissen kann nicht wirklich „gemanaged“ werden[31]. Vielmehr geht es beim Wissensmanagement darum, Wissen im Unternehmen zu lokalisieren und den Kreislauf der Wissensentwicklung innerhalb des Unternehmens langfristig und nachhaltig zu unterstützen und zu fördern. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit entweder der Terminus Wissensmanagement für die grundlegende Idee der Wissensverwaltung oder „Wissensmanagement-Initiative“ als Überbegriff aller Maßnahmen, die in einem Unternehmen im Zuge des Wissensmanagement eingesetzt werden, genutzt.

2.3 Multinationale Unternehmen

In der Literatur herrscht Unklarheit hinsichtlich einer genauen Trennung der unterschiedlichen Formen multinationaler Unternehmungen[32]. So wird einerseits von Multinationalen Unternehmen gesprochen, gleichzeitig aber auch an anderer Stelle von Transnationalen, Globalen, oder Internationalen Unternehmen. Um die Unterschiede aufzuzeigen, wird zunächst eine Typologisierung vorgenommen, mit dem Ziel eine Begriffsdefinition zu erarbeiten.

2.3.1 Typologie Multinationaler Unternehmen

Eine Grundlagenarbeit in der Typologisierung liefern Bartlett und Ghoshal (1988), deren Beiträge in der Diskussion auf große Resonanz stoßen und auf die oft Bezug genommen wird. Hierbei unterscheiden sie in Multinationale Unternehmen, Internationale Unternehmen und Globale Unternehmen (siehe Tabelle 1) anhand des Ausmaßes der „länderspezifischen Differenzierung“ und „globalen Integration“ der Unternehmen.

Mit länderspezifischer Differenzierung ist dabei beispielsweise eine Anpassung der Produkte an nationale Märkte und mit globaler Integration ist beispielsweise die weltweite Verteilung der Produktionsstätten gemeint.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Typen internationaler Unternehmen (aus Schneider 2003, S.25)

Die grundsätzliche Unterscheidung findet darin statt, in welchem Land Unternehmen ihre Firmenzentrale haben und welchen Einfluss diese Unternehmenszentrale auf die weltweiten Niederlassungen bzw. Tochtergesellschaften des Unternehmens hat. Diese Eigenschaft der Zentralisierung bzw. Dezentralisierung hat einen signifikanten Effekt auf den Umgang mit Wissen im Unternehmen. Wissen bedeutet an dieser Stelle unternehmensrelevantes Wissen wie Patente oder Produktionspläne, die durch teure Forschungs- und Entwicklungsarbeit wertmäßig am höchsten in der unternehmerischen Wertschöpfungskette zu verstehen sind.

Globale Unternehmen generieren und behalten Wissen innerhalb der Zentrale des Heimatlandes. Ein Beispiel hierfür wäre die amerikanische Firma Apple mit ihrem weltweit erfolgreich verkauften Produkt „iPod“[33]. Obwohl Produktion und Vertrieb weltweit stattfinden, ist das wertvolle Wissen hinsichtlich Software und Hardware dieses Produkts in festen Händen der amerikanischen Zentrale. Somit sichern sie sich weitere Einkünfte in der Zukunft durch Lizenzierungsgebühren fremder Softwarehersteller .

Internationale Unternehmen betreiben die wesentliche Forschungs- und Entwicklungsarbeit ihrer Produkte zwar im Hauptquartier, geben das Wissen jedoch an Auslandsniederlassungen weiter. Obwohl ein gewisser Technologieverlust ins Ausland riskiert wird, bleiben die Kernkompetenzen nach wie vor im Heimatland selbst[34]. Ein Fahrzeughersteller wie General Motors wäre ein Beispiel, die zwar die Hauptkomponenten ihrer Fahrzeuge in den USA entwickeln, das Design aber durch regionale Marken wie Opel in Europa oder Holden in Australien den Marktwünschen entsprechend anpassen.

Multinationale Unternehmen sind hingegen dezentralisiert mit weitgehend entscheidungsautonomen und selbständigen Tochtergesellschaften. Wissen wird somit, wie etwa in Finanzunternehmen, in jeder Niederlassung getrennt generiert. Ein weltweite Nutzung dieses Wissens ist daher nur erschwert möglich.
Nach der Unterscheidung in diese drei Kategorien gehen Bartlett und Ghoshal (1988) einen Schritt weiter und entwickeln einen vierten Typ, das „idealtypische“[35] Transnationale Unternehmen. Dabei schlagen sie eine Netzwerkstruktur zwischen allen Niederlassungen und eine vollständige Autonomie letzterer vor. Die Besonderheiten sind hierbei einerseits eine einzige, sehr stark ausgeprägte Unternehmenskultur. Andererseits die Tatsache, dass die Firmenzentrale empfängnisbereiter für Anforderungen und Erwartungen der Niederlassungen ist.

So schlüssig diese Typisierung klingen mag, so uneinheitlich wird sie begrifflich praktiziert. Erstens haben sich in den letzten Jahren durch Firmenaufkäufe und Fusionen Konzerne entwickelt, die nicht mehr einem Heimatland zuzuordnen sind, wie zum Beispiel DaimlerChrysler[36]. Dabei stellt sich die Frage, wo die Hauptzentrale ist und wo unternehmensrelevantes Wissen verwahrt werden soll. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass Forschung von Unternehmen nicht mehr an einem Standort, sondern weltweit verteilt betrieben wird[37]. Und letztendlich hat sich die Ausrichtung vieler Konzerne geändert. Firmen wie IBM, die früher ausschließlich Computerprodukte hergestellt haben, transformieren zunehmend zu Dienstleistungsunternehmen. Wieder andere Firmen werden zu Mischkonzernen durch Zu- und Verkäufe einzelner Unternehmensbereiche.

[...]


[1] Vgl. Darroch (2005), Koenig (2006), Fischermann (2004)

[2] Vgl. Grant (1991), Kogut und Zander (1993), Bartlett und Ghoshal (2002), Marques et al. (2006), Coff (2006), Bou-Liusar et al. (2006)

[3] Vgl. Grossmann (2006), S.242

[4] Vgl. Hislop (2005), S.15.

[5] Vgl. Hislop (2005), S.15

[6] Vgl. Forst (1999), S.1

[7] Vgl. Davenport und Prusak (1998), S.6 (frei übersetzt)

[8] Probst et al. (1998)

[9] Vgl. Tiwana (1999), S. 50

[10] Diese Unterscheidung wurde zuerst von Polanyi 1966 entwickelt und hat sich bis heute durchgesetzt.

[11] Vgl. Hislop (2005), S26ff.

[12] Vgl. Haider (2003), S.3

[13] Vgl. Probst, Raub und Romhardt (1998)

[14] Vgl. Guzman und Wilson (2005), S. 60 (frei übersetzt)

[15] Vgl. Tsoukas und Vladimirou (2001), S. 988

[16] Vgl. Almeida et al. (2004), S. 148

[17] Vgl. Marwick (2001), S. 815ff.

[18] Vgl. Davenport (1998)

[19] Vgl. Davenport (1998), S. 96

[20] Siehe Kapitel 2.1.2.1

[21] Marques und Simon (2006), S. 144 (frei übersetzt)

[22] Vgl. Meyer (Datum unbekannt), S.5

[23] Vgl. Meyer (Datum unbekannt), S.5

[24] Marques und Simon (2006), S. 144 (frei übersetzt)

[25] Vgl. Probst et al. (1995), S.1

[26] Vgl. Schmaltz (2005), S.11

[27] Vgl. Probst et al. (1995)

[28] Vgl. Jäger (2002), S.5ff.

[29] Vgl. Schmaltz (2005), S.11

[30] Siehe Kapitel 2.1.2.1

[31] Melnick (2006), S.4

[32] Vgl. Hassel et al. (1999), S. 3; Vgl. Harzing (1999), S.5 Tabelle mit Definitionen aus Fachliteratur

[33] Vgl. Fründt (2006)

[34] Vgl. Schneider (2003), S. 26

[35] Vgl. Schneider (2003), S. 26

[36] Vgl. Artikel v. Uchatius (2000)

[37] Vgl.Michailova (2006), S.45; Vgl. Randeree (2006), S.147; Vgl. Davis et al. (2005), S. 102

Details

Seiten
75
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836607506
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225290
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Department Wirtschaft und Politik
Note
1,3
Schlagworte
knowledge management wissensmanagement multinationale unternehmen wissensgesellschaft

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