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Sexuelle Paarbeziehungsstörungen

Methoden und Konzepte der Beratung und Therapie

Diplomarbeit 2006 90 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Zum Verständnis von Sexualität
1.1 Was ist Sexualität?
1.2 Theorien der Sexualität
1.2.1 Das Triebkonzept
1.2.2 Das „Lust-Suche-Konzept“
1.3 Zur gesellschaftlichen Entstehungsgeschichte von Sexualität
1.3.1 Die bürgerliche Sexualunterdrückung
1.3.2 Sexualität in der Postmoderne

2 Paarbeziehungen verstehen
2.1 Entwicklung von Paarbeziehungen
2.1.1 Ehe und nichteheliche Partnerschaft
2.1.2 Moderne Beziehungswelten
2.1.3 Beziehungsbiographien im Wandel
2.2 Das Phänomen der Liebe in der Paarbeziehung
2.2.1 Ambivalenzen in der Liebe
2.2.2 Kollusion und Differenzierung in nahen Beziehungen
2.3 Sexualität in langfristigen Paarbeziehungen

3 Sexuelle Paarbeziehungsstörungen
3.1 Sexuelle Funktionsstörungen - Symptombeschreibung
3.2 Sexuelle Inappetenz - von der Funktion zur Lust
3.3 Ursachen sexueller Funktionsstörungen
3.3.1 Psychodynamik
3.3.2 Partnerdynamik
3.3.3 Sexuelle Kollusion
3.3.4 Weitere aufrechterhaltende Bedingungen

4 Therapie und Beratung sexuell gestörter Beziehungen
4.1 Therapie sexueller Funktionsstörungen nach Master und Johnson
4.1.1 Kritik am Master und Johnson Konzept
4.1.2 Modifikation der Master und Johnson Therapie
4.2 Der Weg zur Intimität - Im Schmelztiegel der Sexualität
4.3 Sexualtherapie als Paartherapie des Begehrens
4.4 Besonderheiten von Paar- und Sexualtherapie

5 Sexualberatung in der Sozialen Arbeit
5.1 Abgrenzung von Beratung und Therapie
5.2 Aus- und Weiterbildung in sexuologischen Basiskompetenzen

6 Abschlussbemerkung

Literatur

Internetquellen

Tabellen

Tab. 1 Sexuelle Aktivität in der gegenwärtigen Beziehung (in %)

Tab. 2 Sexuelle Probleme in verschiedenen Abschnitten sexueller Interaktion

Tab. 3 Veränderungen des Erscheinungsbildes sexueller Probleme in den letzten drei Jahrzehnten

Tab. 4 Psychische Bedingungsfaktoren sexueller Funktionsstörungen

Tab. 5 Sexuelle Kollusion

Figuren

Fig. 1 Beziehungsformen im Alter von 30 Jahren (Männer und Frauen in %)

Fig. 2 Durchschnittliche Anzahl fester Beziehungen bis zum Alter von 20, 30, 45 und 60 Jahren

Fig. 3 Häufigkeit des Sex (Mittelwerte) in den letzten 4 Wochen nach Alter und Dauer der Beziehung

Fig. 4 Das Erleben des letzten Geschlechtverkehrs (in %)

Einleitung

Menschliche Sexualität und sexuelles Verhalten gibt es wohl schon auf diesem Planeten, seit es Menschen gibt - wie sonst wären wir heute hier? Wie viel die Menschen über ihre sexuellen Tätigkeiten früher nachgedacht haben, ob sie nur ihrem Instinkt gefolgt sind, um sich zu vermehren, was sie dabei empfunden haben und ob es Probleme gab, wissen wir nicht. Erst seit gut zweihundert Jahren interessiert sich die Wissenschaft für dieses Thema und wie so oft passierte Folgendes: Je mehr man über eine Sache weiß, desto komplizierter wird sie.

Dass sich die Menschen heute mehr denn je Gedanken über ihr Sexualleben machen, zeigt die steigende Zahl derer, die wegen sexueller Schwierigkeiten jeglicher Art um Hilfe suchen.

Das verwundert nicht, wird doch in den westlichen Industriegesellschaften Sex zu Ware gemacht, die man wie ein kühles Eis an einem heißen Sommertag genussvoll zu sich nehmen sollte. Auf Werbeplakaten glänzen nackte, durchtrainierte Körper, in Buchläden stapeln sich die Ratgeber zu Verbesserung des sexuellen Erlebens durch bestimmte Techniken und im Internet kann man nach Lust und Laune unter unzähligen Pornoseiten schnüffeln, während Mann/Frau sich dabei gemütlich einen runterholt. Sexpartys in öffentlichen Clubs laden zum unpersönlichen Zelebrieren sexuellen Fortschritts ein:

Wir sind frei und Jede/r kann mit Jeder/Jedem - und um jederzeit zu können, hat die hilfsbereite Pharmaindustrie ihre Mittelchen entwickelt, damit auch diesem Vergnügen nichts im Wege steht. Für Gefühle bleibt wenig Zeit und falls doch, lässt sich dieses Bedürfnis am schmerzlosesten mit einem guten Liebesfilm am Sonntagabend auf dem Sofa befriedigen.

Im modernen Beziehungsleben spielen sich ähnliche Szenarien ab. Partneragenturen versprechen via Internet, den Traummann/die Traumfrau zu finden und öffnen Tür und Tor zur virtuellen Welt, die sich in der Realität nur all zu schnell in Luft auflöst, wenn das Angebot mit der Qualität, beim näherem Betrachten, nicht mehr übereinstimmt. Beim „Fast-Dating“ kann man in kürzester Zeit potenzielle PartnerInnen kennen lernen und für die Schüchternen gibt es per SMS Flirtlines, wo man für genügend Geld ein paar illusionsschwangere Worte zugeschickt bekommt.

Doch was steckt hinter dieser so rationell und kalt anmutenden Welt? Welche Bedeutung hat Sexualität in Beziehungen heutzutage? Wonach sehnen sich die Menschen? Was ist mit den Menschen, die in einer Beziehung leben und um ihre Liebe, ihre Lust und Leidenschaft kämpfen möchten? Was ist mit all denen, die noch in Kontakt mit ihrer Innenwelt stehen und in ihrer Sexualität und ihrer Beziehung einen Weg sehen, sich selbst kennen zu lernen?

Meine Motivation für diese Arbeit rührt daher, dass ich glaube, dass die meisten Menschen - ob offen oder insgeheim, bewusst oder unbewusst - von den Themen Sexualität, Sex und Beziehung berührt werden, es jedoch sehr schwierig zu sein scheint, darüber zu sprechen. Auch während meines Studiums wurde das Thema Sexualität weitgehend umgangen und wenn darüber gesprochen wurde, dann nur Bezug nehmend auf die sexuelle Entwicklung von Kindern. Genau diese Betroffenheit scheint die persönliche Auseinandersetzung damit zu hemmen. Schließlich würde man dabei auch etwas von sich selbst preisgeben. Denn das Reden oder Schreiben über Sex, Sexualität, Liebe, Beziehung ist in jedem Fall beeinflusst von der eigenen persönlichen Biographie und Einstellung.

OSHO einer der größten indischen Meister sagte einmal:

Begib dich da hinein. Ohne dich hineinzubegeben, kannst du es niemals transformieren. Und ich rede nicht der bloßen Ausschweifung das Wort. Ich sage, begib dich mit einer tiefsten meditativen Energie in die Sexualität hinein, um sie zu verstehen. Sie muß etwas ungeheuer Wertvolles sein, denn du bist daraus hervorgegangen und die ganze Schöpfung erfreut sich daran, die ganze Schöpfung ist sexuell. (Osho, 2002, S. 134)

Warum also wird uns nicht beigebracht, darüber zu sprechen, wo Sexualität doch unser ganzes Dasein beeinflusst und so eine entscheidende Bedeutung für unseren seelischen, geistigen und körperlichen Zustand hat?

Ich möchte mich in dieser Arbeit ausschließlich mit heterosexuellen Paarbeziehungen beschäftigen, um das weite Feld möglicher Beziehungsformen und möglicher Formen sexueller Beziehungen einzuschränken.

Gerne hätte ich in dieser Arbeit durchgehend die weibliche und die männliche Form des Ausdrucks verwendet, da ich diese Arbeit mit dem Blick einer Frau schreibe, vor allen Dingen aber auch, um dem weiblichen Geschlecht die Ehre zu zollen, die ihm gebührt, in den noch immer existierenden Machtverhältnissen zwischen Mann und Frau. Dennoch habe ich mich entschieden, spielerisch damit umzugehen und eher kontextabhängig den Geschlechtsunterschied zu würdigen, da in bestimmten Passagen der Lesefluss unter dieser Würdigung gelitten hätte.

In einem einleitenden Kapitel werden die gesellschaftlichen Zusammenhänge beleuchtet, in denen sich der Wandel des Verständnisses von Sexualität vollzogen hat. Wo früher noch der Trieb als Erklärung für unser sexuelles Streben herhalten musste, ist es gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Lustsuche. Diese Wandlung entspricht den sich ständig ändernden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Doch nicht nur der Umgang mit Sex und Sexualität hat sich geändert, auch Paarbeziehungen unterliegen gesellschaftlichen Einflüssen. Wie Paare sich heute sehen, wie sich Beziehungsbiographien in den letzten 60 Jahren gewandelt haben, soll eine aktuelle Studie zeigen.

Dass Liebe immer noch die Hauptursache ist, warum Beziehungen begründet werden, mag wohl kaum jemand bestreiten, doch ganz im Gegensatz zu romantischen Vorstellungen von ewigem Liebesglück, wird das Phänomen der Liebe kritisch betrachtet und ihre dunkle Seite ans Licht geholt.

Mit dem Kollusionsmodell Jürg Willis soll versucht werden, krankhafte Beziehungsmuster zu beschreiben, in die sich Paare verwickeln können, die eine tiefe emotionale Beziehung zueinander haben. Im Gegenzug soll das adäquate Konzept David Schnarchs, dem für das Gelingen von Partnerschaften ein gewisser Grad an Differenzierung unerlässlich scheint, vorgestellt werden.

Einen kurzen Überblick über aktuelle Tendenzen zur Sexualität in Paarbeziehungen gibt der darauf folgende Abschnitt am Ende des zweiten Kapitels, um dann im dritten Kapitel auf die Symptome sexueller Funktionsstörungen und ihre Ursachen einzugehen.

In diesem Kapitel lässt sich erkennen, dass der gelebten (oder nicht gelebten) Sexualität zweier Menschen sehr viel mehr Bedeutung zukommt, als dem reinen Vergnügen.

Eine sexuelle Störung beinhaltet viele Funktionen, die oft wesentlich zur Stabilisierung der Beziehung beitragen können.

Im Kapitel über Therapie und therapeutische Ansätze geht es mir nicht so sehr darum, verschiedene Therapieformen vorzustellen - da es den Rahmen dieser Arbeit auch bei Weitem sprengen würde - vielmehr soll es darum gehen, grundlegende Elemente der Paartherapie bei sexuellen Funktionsstörungen, welche aus dem Therapiekonzept von Master und Johnson stammen, kurz zu skizzieren und ihre Modifikationen, welche sich den heutigen Problemen anpassen, aufzuzeigen. Einen besonderen Platz wird dem Intimitätskonzept von Schnarch eingeräumt, da dieses eine geeignete Lösung zu bieten versucht, für die heute am häufigsten reklamierte Luststörung.

Abschließend wird noch kurz auf die Abgrenzungsproblematik zwischen Therapie und Beratung eingegangen, da mit pädagogischer Grundausbildung nur sehr eingeschränkt therapeutisch gearbeitet werden kann und gerade im sexuellen Bereich PädagogInnen eher in Beratertätigkeiten agieren.

1 Zum Verständnis von Sexualität

Leitende Metapher für das Verständnis der Sexualität im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert war der „Trieb“. Laut diesem Modell müssen die sich ständig aufbauenden sexuellen Spannungen durch sexuelle Impulshandlungen oder im Triebdurchbruch abgebaut werden, gleich einem Kessel mit Wasser, der auf dem Feuer steht und bei dem der Dampf immer wieder abgelassen werden muss.

Die Vorstellungen der Wissenschaftler aus jener Zeit und das Trieberleben der Menschen wurden von der damaligen gesellschaftlichen Situation des frühen Kapitalismus, einer Verzichtmoral, dem sexuellen Mangel und der strengen Reglementierung der Befriedigung geprägt (vgl. Schmidt, 2004, S. 55).

Durch gesellschaftliche Veränderungen hat sich auch das Verständnis der Sexualität geändert. Neue Probleme wie das Fehlen von Lust und Verlangen in einer Überflussgesellschaft in der die Angebote die Bedürfnisse überschwemmen, treten in den Vordergrund.

Der Bereich des Lebens, den wir erst seit zweihundert Jahren „Sexualität“ nennen, unterliegt einer ständigen kulturellen Umwertung, sozialen Umschreibung und gesellschaftlichen Transformation. Doch obgleich das so ist, scheint es immer wieder so, als sei Sexualität etwas Einheitliches, Unveränderliches. Tatsächlich aber ist sie ein Zusammengesetztes, ein Assoziiertes. (Sigusch, 2005, S. 27)

Das Sexuelle ist aber nicht nur eine gesellschaftliche Uniformierung, sondern immer auch individuell und einzigartig und entsteht in dem ganz persönlichen Trieb-, Beziehungs- und Geschlechtsschicksal. Deshalb haben Menschen unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen, unterschiedliche Phantasien, sind homo- oder heterosexuell, leben in monogamen Beziehungen oder tendieren zu häufigem Partnerwechsel.

In der Sexualität sind die Trieb- und Beziehungsgeschichte und die Geschichte der Geschlechtsidentität eines Menschen verschlüsselt, unsere Sexualität ist das verdichtete Abbild dieser Erfahrungen.

(vgl. Schmidt, 1988, S. 88)

1.1 Was ist Sexualität?

Versucht man auf die Frage: „Was ist Sexualität?“ eine Antwort zu finden, sieht man sich mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert.

Sucht man in Lexika und Handbüchern nach Definitionen, findet man Beschreibungen, welche sich im Laufe der letzten Jahrzehnte beständig änderten und kaum zufrieden stellende Erklärungen abgeben, da Sexualität nichts Feststehendes ist.

Denn wer versucht, Sexuelles lexikalisch abzuhandeln, muss das definieren, was undefinierbar ist, muss dort, wo Widersprüche herrschen, Einheit schaffen und auf unsere Rationalität zielen, was dagegen opponiert (vgl. Sigusch, 1984, S. 46).

Dabei können wir einen Wandel des Begriffs der Sexualität im 20. Jahrhundert beobachten:

1. 1956 werden unter Sexualität (dt.: Geschlechtlichkeit) „die Erscheinungen und Äußerungen des Sexualtriebes (Geschlechtstriebes)“ verstanden (Bertelsmann-Lexikon, 1956, S. 1594).
2. 2004 heißt es: „Intimer (tatsächlicher oder vorgestellter) Kontakt mit einer oder mehreren Personen, bei dem die Körperlichkeit (v. a. über die Geschlechtsorgane) eine zentrale Rolle spielt“ (Sozialpsychologielexikon, S. 501, 2004).

Wahrscheinlich entstand der Terminus „Sexualität“ im Laufe des 19. Jahrhunderts in den Industriegesellschaften. Davor wurde mit dem Adjektiv „sexuell“ der Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau angedeutet (vgl. van Ussel, 1970, S. 8).

Das Buch Psychopathia Sexualis , erschienen 1886, war eine erste von Krafft-Ebing herausgegebene sexualmedizinische Gesamtdarstellung. Sexualität wurde damals als animalisch und sündhaft angesehen. Sexuelle Abweichungen begriff man als krankhafte Störungen. Zum Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich unter dem Einfluss psychoanalytischer Theorien eine neue Sicht der Sexualität. Hier sind vor allem die wichtigen Bücher Sigmund Freuds Studien zur Hysterie (1895) und Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) zu erwähnen. In ihnen wird die Bedeutung der Sexualität für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung betont und sexuelle Deviationen wurden psychologisch erklärbar.

In den siebziger Jahren schließlich wurde sexuelles Verhalten generell Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Hierzu zählt das Buch von William H. Masters und Virginia E. Johnson Human sexual response. Mit dem sexuellen Liberalisierungsprozess und der damit einhergehenden Einstellungsänderung gegenüber Sexualität Anfang der sechziger Jahre veränderten sich die Normen und Probleme sexueller Überforderung wurden geschaffen (vgl. Kockott, 1995, S. 8ff).

Leider haben alle vorwärts weisenden sexualwissenschaftlichen Ergebnisse und Theorien einen Doppelcharakter: Auf der einen Seite schaffen sie Befreiung von alten Beschränkungen sowie auch von Leiden und erstellen aber zugleich neue Normen, Kontrollen und Zwänge. Indem sie Ver bote aufheben, schaffen sie neue Ge bote. Sexuellen Genuss vorzuschreiben, verunsichert genauso, wie ihn zu verbieten. Vielleicht tendieren deshalb moderne Sexualtherapien dazu, die Klient(inn)en selbst bestimmen zu lassen, was ihre sexuellen Vorstellungen und Wünsche sind.

Eine weitere Schwierigkeit bei Klärung der Frage: „Was ist Sexualität?“ begründet sich darin, dass Reflexionen über Sexualität bewusst oder unbewusst von den eigenen Vorstellungen geleitet werden. Deshalb sind interessante Theorien der Sexualität in hohem Maße von der Subjektivität ihrer Verfasser durchdrungen (vgl. Dannecker, 1987, S. 9ff).

Auch für theoretische Arbeiten kann dies in eingeschränktem Maße gelten.

1.2 Theorien der Sexualität

Theorien, die sich mit der Entwicklung und Bedeutung der Sexualität beschäftigen, sind durch unterschiedliche Aspekte geprägt. Sie werden von biologischen, physiologischen, psychologischen, lerntheoretischen bis zu kulturellen Aspekten der Sexualität begründet.

Sie beschäftigen sich mit den Fragestellungen, ob Sexualität als körperliches, psychisches oder gesellschaftliches Phänomen zu begreifen ist und ob die Konzeption des Sexualitätsverständnisses als sexuelles Verhalten oder als soziales Verhalten verstanden werden soll (vgl. Dunde, 1992, S. 250).

Die herrschende Vorstellung von Sexualität in unserer Gesellschaft orientierte sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts an dem im Folgenden dargestellten Motivationskonzept.

1.2.1 Das Triebkonzept

Nach Freud (1905) wird Sexualität durch einen „Sexualtrieb“, durch die „Libido“ motiviert, die auf Lustgewinn hin ausgerichtet ist. Diesen Trieb definiert er als eine ständige Energiequelle, die ständig Erregung aufbaut. Sie zielt auf Abfuhr von Energie, auf Befriedigung durch Aufhebung dieser Erregung und des daraus resultierenden Spannungszustandes. Der durch den Trieb erzeugte Drang kann nicht gemieden werden, im Gegensatz zum äußeren Reiz, der von außen erregend auf den Körper einwirkt, da er durch biochemische Prozesse im Körperinneren permanent erneuert wird.

Freud weist darauf hin: Die Sexualität des Menschen sei zu Beginn der menschlichen Entwicklung „polymorph-pervers“, d.h. dass sexuelle Bedürfnisse an sich nicht auf Genitalität festgelegt sind, sondern sich auf viele körperliche und nicht körperliche Bereiche beziehen würden. Erst durch kulturelle Bedingungen sei das sexuelle Empfinden auf eine bestimmte Befriedigungsform hin ausgerichtet. Die polymorph-perversen Triebanlagen des Kindes werden erst im Erziehungsprozess durch Verdrängung und Unterdrückung umgeformt (vgl. ebd., zit. nach 1961, S. 43ff).

In den verschiedenen Entwicklungsphasen (orale Phase, anale Phase, phallische Phase) tauchen die so genannten Partialtriebe auf, welche sich in der Pubertät zur Erwachsenensexualität organisieren. Der Autoerotismus wird aufgegeben und der Trieb richtet sich nun auf ein Sexualobjekt.

Den genitalen Primat und die Verdrängung der Partialtriebe setzt Freud gleich mit der Unterordnung der sexuellen Impulse unter die Zwecke der Selbst- und Arterhaltung, des Lust- unter das Realitätsprinzip, um Fortpflanzung und Arbeitsfähigkeit zu garantieren. Jede Kultur beruhe auf Arbeitszwang und Triebverzicht. Verbote und Normen strukturierten die Libido hin zur kulturell notwendigen Triebregulierung. Somit sei der beherrschte Sexualtrieb die Grundlage von Kultur und Gesellschaft (vgl. ebd., S. 74ff).

Somit ist Sexualität nach Freud zwar eine kulturell lenkbare und damit eine vermittelte Größe, die jedoch motiviert wird durch eine physiologische Energie. Diese Libido ist eine sich ständig erneuernde Triebenergie, die durch gesellschaftliche Einflüsse gebändigt und geformt werden muss. Die sexuelle Motivation - der Antrieb gilt als biologisch-somatisch verankert.

Das Triebkonzept spiegelt freilich das subjektive Erleben der Menschen der damaligen Zeit wider und nimmt die damals vorherrschende sexuelle Repression dieser Zeit auf. Die Sexualfeindlichkeit des 19. Jahrhunderts setzte Sexualität in einen emotional aufgeladenen Kontext und machte sie zu etwas Explosivem, etwas Drängendem, von dem eine unheimliche Faszination ausging.

Schmidt bietet ein erweitertes Modell an. Ursache dieses Theoriewandels sind die real veränderten sexuellen Verhältnisse in unserer Gesellschaft. Das Konzept ist Ausdruck desjenigen Prozesses, der sexuelle Liberalisierung genannt wird.

1.2.2 Das „Lust-Suche-Konzept“

Schmidt erarbeitete das „Lust-Suche-Konzept“, welches Sexualität als eine Disposition begreift, auf bestimmte Außenreize lustvoll zu reagieren. Er geht so vor, dass er eine „Naturbasis“ der Sexualität von einem lebensgeschichtlich gewordenen, also einem gelernten Teil abhebt. Dieses Modell unterscheidet zwischen „Erregbarkeit“ und „Erregung“. Erregbarkeit wird hier definiert als die inter- und intraindividuell variierende Bereitschaft, auf von der Umwelt ausgehende oder durch die Phantasie erzeugte Reize sexuell zu reagieren. (Auch Freud ging von Lustgewinnung durch die Phantasie aus!). Diese Bereitschaft gilt als abhängig von physiologischen Zuständen des Organismus, als auch durch lebensgeschichtliche Erfahrungen im sexuellen, körperlich-sinnlichen und affektionalen Bereich. Sie ist individuell unterschiedlich und wird erlernt.

Erregung wird definiert als das momentane Niveau sexueller Stimulation. Sie wird bestimmt durch das Zusammenwirken von Erregbarkeit und einer bestimmten äußeren und inneren Situation. Reize, die sexuell stimulierend wirken, gelten als weitgehend von Erfahrungen abhängig (vgl. Schmidt, 1983, S. 72ff).

Die Intensität sexuellen Verlangens und Erlebens, sowie das Ausmaß der Befriedigung gelten jedoch als abhängig von oft nur aus der Biographie verständlichen symbolischen Bedeutungen einer sexuellen Handlung (vgl. ebd., S. 96).

Bei angenehmen Erfahrungen wird die Ausbildung eines Verhaltens bekräftigt:

Je häufiger von früher Kindheit an sexuelle Erlebnisse sind, je angenehmer und konfliktfreier sie erlebt werden und je mehr sie die Umwelt sozial akzeptiert, desto stärker wird die Erregbarkeit eines Menschen ausgeprägt sein. Erregbarkeit wird damit zu einer durch Erfahrung begründeten Antizipation der affektiven Konsequenzen sexueller Betätigung. Je stärker in der Erfahrung eines Menschen sexuelle Aktivität und sexuelle Erlebnisse verbunden sind mit sexueller Befriedigung, Lust, Entspannung, aber auch mit Akzeptiertwerden, Zuwendung, Zuneigung, Geborgenheit, Wertschätzung, desto größer wird nach den Gesetzen der sekundären Motivation die Erregbarkeit sein. (Schmidt 1975, S. 39)

Schmidt erscheint die Erwartung oder gedankliche Vorwegnahme von Lust durch frühere Erfahrungen eine geeignetere Erklärung sexueller Motivation. Danach ist sexuelles Verhalten motiviert durch den Wunsch, sexuelle Erregung zu erfahren.

Er behauptet im Gegensatz zum Triebkonzept, wo unangenehme Innenreize durch sexuelle Aktivität beruhigt werden müssen:

„Nicht weil wir sexuell erregt sind, haben wir Sexualität; sondern wir produzieren sexuelle Erregung oder suchen sie auf, um Sexualität erleben zu können“ (Schmidt, 1988, S. 303).

Denn für die Sexualität gelte, dass sie vielmehr eine Reiz- oder Lustsuche - als ein Reizvermeidungsverhalten ist.

Wir können also sagen: Mit Verabschiedung der Sexualfeindlichkeit wird die Trieb- zur Lustsuche. Wo früher triebkontrolliert, berechenbare, disziplinierte ArbeiterInnen gebraucht wurden, werden heute jederzeit durch Bedürfnisimpulse anreizbare SofortverbraucherInnen benötigt.

Sexualität wird nicht mehr abgeblockt, sondern angelockt. Damit wird sie ihrer „Naturkraft“ entledigt und verliert ihre aufbegehrliche, gesellschaftliche Destruktivität und wird friedlich (vgl. ebd., S. 312ff).

Man schreibt ihr einen kompensatorischen Charakter zu und die Auffüllung der Sexualität mit nicht-sexuellen Motiven wird betont:

Es ist eine entgiftete, pazifierte, beruhigte, aber auch entzauberte Sexualität; dort, wo sie zauberhaft, stürmisch oder - wie in den Perversionen - unfriedlich ist, ist sie es nicht selber, sondern gewinnt ihre Kraft aus anderen Quellen (...) Sie scheint eine aufbauende Kraft geworden zu sein, anpassend und angepasst. Trieb hingegen ist potentiell immer subversiv. (Schmidt, 1988, S. 315, 316)

Die Bändigung der Sexualität, die dieses Konzept widerspiegelt, hat Diskussionen hervorgerufen, in denen es laut Schmidt nicht nur um die reine Lehre der Psychoanalyse geht, sondern vielmehr um die Trauer der verlorenen subversiven Unschuld der Sexualität und um ihr nicht eingelöstes Freiheitsversprechen (vgl. ebd., S. 316).

Hier kann Foucault schon 1977 anknüpfen: „Die Sexualität ist nicht (mehr) als Triebkraft zu beschreiben, die der Macht von Natur aus widerspenstig, fremd und unfügsam gegenübersteht“ (Foucault, 1977, S. 125).

1.3 Zur gesellschaftlichen Entstehungsgeschichte von Sexualität

Wie weiter oben schon gezeigt wurde, ist die Entwicklung und Gestaltung menschlicher Sexualität weitgehend von individuellen und gesellschaftlichen Faktoren abhängig. Sie wird in individueller Lebensgeschichte und in einer ganz bestimmten Umwelt mit bestimmter Sexualmoral geprägt. Wie sich gesellschaftliche Hintergründe auf das Verstehen und Erleben von Sexualität auswirken, soll im Folgenden gezeigt werden.

1.3.1 Die bürgerliche Sexualunterdrückung

Im Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert geschahen soziale Veränderungen, welche vom aufstrebenden Bürgertum vollzogen wurden, die einen ungeheuren Einfluss auf die Sexualität hatten. Der Körper wurde in Textilien eingepackt und mit Hilfe von desodorierenden Mitteln versuchte man, ihn geruchsneutral zu halten. Man aß nicht mehr aus einem Topf und bekam ein eigenes Essbesteck, was zeigt, dass immer mehr Bereiche des Lebens mit Ekelgefühlen und Schamgefühlen besetzt wurden. Unter anderem entwickelte sich die so genannte „Toilettenkultur“. Alle Vorgänge, die mit den Ausscheidungsfunktionen zu tun haben, erfolgten an „stillen“ Orten und auch das Reden darüber wurde tabuisiert. Man schnäuzte sich nicht mehr in die Hand, sondern in ein Taschentuch. Durch die so getroffenen hygienischen Vorkehrungen wurde die Ekelschranke höher, die Distanziertheit zur Körperlichkeit größer und die Sinnlichkeit und sinnliche Wahrnehmung wurden standardisiert.

Der Bürger verlangt von sich selbst eine größere Selbstbeherrschung und versucht, seine Affekte und Triebe zurückzuhalten und seine spontanen Wallungen zu dämpfen. Dies zeigt sich auch darin, dass er beim Essen nicht mehr hastig zulangen und schon gar nicht rülpsen oder furzen darf, was davor gang und gäbe war. Auf sexuellem Gebiet muss er verbergen, was er will, fühlt und denkt. So versucht er sparsam, mäßig, ordnungsliebend, korrekt, pünktlich und vor allem arbeitsam zu sein. Seine neue Ideologie heißt arbeiten um des Lohnes willen und nicht um der Freude an der Tätigkeit willen. Ruhe, Sexualität und Erholung soll es erst nach vollbrachter Arbeit geben (vgl. Ertler, 2001, S. 71ff).

Der Körper wurde von einem Lustorgan zu einem Leistungsorgan umgeformt. So entwickelte das Bürgertum eine Leistungsmoral, die das lustvolle Erleben von Sexus und Eros unmöglich macht. (Ussel, 1977, S. 39)

Was aber waren die Ursachen für diese Veränderungen? Wodurch wurde dieser Verbürgerlichungsprozess eingeleitet und was ist das Besondere an ihm?

Die Veränderungen geschehen auf verschiedenen Ebenen und stellen einen komplexen Prozess dar, den van Ussel wie folgt beschreibt:

Umorganisierung in der Produktion und der Verteilung von Waren (die ökonomische Ebene) beeinflussen Quantität und Qualität der sozialen Beziehungen (die soziale Ebene). Der Mensch gerät in eine andere Beziehung zu sich selber (die psychologische Ebene); es treten sogar Veränderungen in seiner körperlichen Beschaffenheit auf (die biologische Ebene). Dies alles beeinflusst die Gesamtheit der Wertungen (die Ebene der Werte) und folglich auch die Erziehung. Der Psychogenese geht demnach eine Soziogenese voraus. (van Ussel, 1977, S. 35)

Das heißt, dass sich mit der Entstehung des Berufs die Gesellschaftsstrukturen veränderten, da die Menschen voneinander mehr abhingen, als der Bauer, der auf seinem Hof fast alles alleine machte. Man hat mehr Kontakt zu einem größeren Personenkreis, die Kontakte sind aber auch oberflächlicher als in der Dorfgemeinschaft. Die Menschen beginnen eine ihnen individuell zugedachte Rolle zu spielen, damit das System funktioniert. Diese Entfremdung vom anderen verknüpft sich mit der Selbstentfremdung. Seit dem 18. Jahrhundert ist der Mensch mehr auf sich selbst zurückgeworfen und leidet an zu wenig Kontakt zu seiner primären Gruppe, also der Familie oder Dorfgemeinschaft (vgl. ebd., 1977, S. 35ff).

Mit der industriellen Revolution, die man auf die Epoche zwischen 1760 und 1850 datiert, wird die Fabrik zur Produktionsstätte und Arbeitsplatz und Wohnung werden getrennt. Der Arbeitsrhythmus ist fremdbestimmt und es entwickelt sich eine neue „Zeit-ist-Geld-Moral“. Disziplin, Unterordnung und Fügsamkeit werden zu Arbeitstugenden und es entwickelt sich eine Ideologie der Sparsamkeit und des Aufschiebens von Bedürfnissen zur Akkumulation des Kapitals und zur Neuinvestition.

Diese Evolution verläuft parallel zur sexuellen Evolution:

Es kommt zur Emotionalisierung des Familienlebens. Wo früher die Familie noch vorrangig als Produktionsgemeinschaft diente, sollte sie nunmehr der Ort für Gefühle wie Vertrauen, Liebe und Sexualität sein (vgl. Schmidt, 1991, S. 18ff).

Die wachsende Intimisierung und Tabuisierung des Sexuellen und der Körperlichkeit führt zur Verstärkung von Schamgefühlen. Das Sexuelle musste sich immer mehr hinter den Mauern des Privaten verbergen, da sich das Leben immer mehr in die Intimzone der bürgerlichen Kleinfamilie verlagerte.

Das Einzigartige an diesem Prozess ist aber, dass er nicht durch Anwendung physischer Gewalt von außen erfolgte, sondern durch Erziehung und Schule indirekt vermittelt wurde, so dass das bürgerliche Individuum mit einem Selbstzwang ausgestattet wurde, der die Sexualunterdrückung verinnerlichte.

Die Pädagogen des 18. Jahrhunderts arbeiteten noch mit zwei weiteren Gefühlen: Angst und Ekel. Sexualität wurde Jungen und Mädchen als überaus gefährlich präsentiert und Ekel und Abscheu vor dem Genitale und dem Analen wurden mit Bildern von Leichen hervorgerufen. Körperliche Ertüchtigung und Sport sollten ebenfalls als Mittel zur Bekämpfung der Sexualität dienen. Auch gegen die Masturbation wurde vehement vorgegangen. Ärzte und Erzieher zettelten regelrechte Kampagnen an, um dieses gefährliche Phänomen einzukreisen und gegen es vorzugehen.

Innerhalb der bürgerlichen Kleinfamilie herrschte Ordnung und Stabilität. Deshalb sollten Störfaktoren wie außereheliche Sexualität vermieden werden und die gegenseitige Liebe wurde erstmals zum Bindungsmodus (vgl. Ertler, 2001, S. 73ff).

In einem System mit Selbstzwang - der als anonymer, überpersönlicher, unbewusster und unsichtbarer Zwang ausgeübt wird - rufen alle Übertretungen Schuldgefühle hervor, auch sich selbst gegenüber. Deshalb wurden, um ein ruhiges Gewissen zu erhalten, die Affekte beherrscht und andere störende Elemente verdrängt, abgespalten und eingekapselt. Selbstbefriedigung und außerehelicher Koitus wurden zum moralischen Problem.

Doch genau diese Verdrängung des Sexuellen und sexueller Gefühle führte zu inneren Spannungen, die eine größere Reizempfindlichkeit hervorriefen. Diese wiederum bedingte eine stärkere Erotisierung und immer mehr Körperteile, Worte und Gebärden wurden zu Signalen möglicher Gefahr und Lust. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde selbst häufiges Lachen, warme Kleidung, Reiten, zu viel Parfüm etc. eine Herausforderung an peinliche Erinnerungen, die nur mit Mühe aus dem Bewusstsein verdrängt wurden. So entwickelte sich eine stärker werdende Feindschaft gegenüber solchen Reizen.

Die Folge hiervon war, dass der Bürger zu einem gespaltenen Menschen in einer gespaltenen Gesellschaft wurde. So duldete er zum Beispiel die Prostitution, solange sie sich versteckt hielt (vgl. van Ussel, 1977, S. 40ff).

An dieser Stelle ist es von Interesse, eine These Danneckers zu betrachten, die den tiefen Konflikt darstellt, in dem sich die Menschen damals befanden:

Das Verbot übt auf seinen Gegenstand eine Faszination aus und verändert ihn gemäß seiner eigenen Textur. Ist das Verbot groß und mächtig, wird auch unser Erleben ähnliche Qualitätswerte aufweisen, wenn wir erfolgreich gegen ein derartiges Verbot verstoßen haben. Auch die der eigentlichen sexuellen Handlung vorausgehende Spannung, also die sexuelle Erregung, wird in dieser Weise vom Verbot beeinflusst. Bei ihr ist die Wirkungsweise des Verbotes sogar leichter nachvollziehbar. (Dannecker, 1987, S. 28f)

Und auch van Ussel bemerkt hierzu:

Die Entsexualisierung führt logisch zur sexuellen Obsession, zur sexuellen Besessenheit. (...) Der Konflikt zwischen dem endogenen Sexualtrieb (...) und den Tabus stimuliert das Bewusstsein zu größeren Interesse für das Sexuelle. Dies erklärt, weshalb man sich nie so viel mit dem Sexuellen beschäftigte wie gerade in den Epochen und den Milieus, in denen es maximal verdrängt wurde. (van Ussel, 1977, S. 49)

So brachte die antisexuelle Haltung paradoxerweise die Sexualität zu einer nie gekannten Blüte. Der Wortschatz der Sexualität explodierte bezeichnenderweise und die Pornographie feierte öffentlich ihre Triumphe und auch die Wissenschaftler zeigten neues Interesse:

Die Geburtsstunde der Sexualwissenschaften war gekommen (vgl. Schmidt, 1991, S. 44ff).

1.3.2 Sexualität in der Postmoderne

Wie weiter oben gezeigt wurde, hat die sexuelle Repression im bürgerlichen Zeitalter dazu geführt, dass sich zuerst vor allen Dingen die Medizin, dann die Psychologie und schlussendlich mit der modernen Sexualbewegung - wofür Wilhelm Reich und Herbert Marcuse prägende Gestalten sind - zuerst Studenten und Studentinnen, schließlich aber vor allem die Massenmedien - öffentlich mit ihr beschäftigt haben. Die Unterdrückung hatte gewissermaßen eine Gegenbewegung erzeugt, die dann in den 60er Jahren in der so genannten sexuellen Liberalisierung mündete.

Dieser emanzipatorische Prozess bewirkte deutliche Veränderungen:

Zum Einen kam es zur Enttraditionalisierung sexueller Verhältnisse, das heißt sexuelles Verhalten und sexuelle Moral erfuhren eine Freisetzung aus traditionellen Ordnungen und Vorschriften und zum Anderen kam es zu einer Angleichung von Frauen und Männern im Hinblick auf Rechte, Optionen und Selbstbestimmtheit (vgl. Schmidt, 2004, S. 105f).

Die Liberalisierung löste die Sexualität von der Institution Ehe, geschlechtsspezifische Verbote wurden seltener, Masturbation wurde propagiert und die Einstellung sexuellen Minderheiten gegenüber wurde toleranter (vgl. Schmidt, 1991, S. 48f).

Sexualität wurde vor allen Dingen als eine positive Kraft gesehen, die - unabhängig von der Möglichkeit zur Fortpflanzung - vor allem Lust spenden sollte und zu persönlichem Glück führen kann (vgl. Dunde, 1992, S. 242).

Wie sieht nun aber der Umgang mit einer „befreiten Sexualität“ in den spätkapitalistischen Industriegesellschaften, in denen viel mehr Produkte produziert als verbraucht werden können, aus?

In der Werbung findet man Sexualreize als Kaufanreize, um eine Waren-„Bedürftigkeit“ zu produzieren, in einer Überflussgesellschaft, in der sich eine grundsätzlich veränderte Relation von Bedürfnissen einerseits und Befriedigungsmöglichkeiten andererseits entwickelt hat.

Sexualität wird nun verordnet als Befriedigungs- und Bindemittel für Unzufriedenheit.

Sie bekommt eine kompensatorische Funktion und soll dazu dienen, Selbstverwirklichung zu ermöglichen und Selbstwert zu geben, in einer Gesellschaft, die es schwer macht sich als wertvoll zu erleben und zu fühlen. Sexualität soll Ehen und Beziehungen zusammenhalten und soll die Ohnmacht und die Kälte einer bürokratisierten und automatisierten Welt vergessen lassen (vgl. Schmidt, 1993, S. 50ff).

So tritt in einer kapitalistischen Gesellschaft unter dem Druck der Warenberge, anstelle eines Mangels an Befriedigungsmitteln, immer mehr ein Mangel an Bedürfnissen in den Vordergrund. Nicht die äußeren Ressourcen, sondern die inneren sind begrenzt. Anders gesagt: Die Wünsche werden knapp, sprich das Verlangen, die Erregung, die Lust!

Um jedoch den entwickelten Vorstellungen vom Sex genüge tun zu können - so wie sie in den Medien präsentiert werden - um Sex jederzeit unter Kontrolle zu bringen, damit er beliebig verfügbar und jederzeit an- und abstellbar ist, finden Potenzpillen und Libido-Booster als Abenteuerwaren ihre Konsumenten. In den Buchläden findet man ganze Regale voller Ratgeber mit Titeln wie „Joy of Sex“, in denen unterschiedlichste Ratschläge und Praktiken angeboten werden, um die eingeschlummerte Lust wieder zu entfachen. Gut in das Leben moderner GroßstädterInnen, wo für Vergnügen und Entspannung nur wenig Zeit bleibt, passt das neue „Fast-Dating“. Alle zehn Minuten ein neues Date mit einem/einer noch-Fremden und Hoffnung auf ein bisschen unpersönlichen Spaß. Zudem werden Sexualität und Erotik immer mehr in die Phantasie ausgelagert und führen dort ein autonomes Leben jenseits von Partnerschaft. So findet „Erregungssuche“ via Internet, in Fernsehkanälen oder einfach auf der Straße, wo erotische Stimuli auf jedem zweiten Werbeplakat zu finden sind, statt.

Damit wird Sexualität entmystifiziert und es findet immer mehr ein intellektueller Umgang mit ihr statt, indem die Möglichkeiten, Sexualität als Ressource zu nutzen, durchgespielt werden (vgl. Schmidt, 2004, S. 58ff).

Gangon meint sogar, dass die Welt des Symbolischen nicht aus Enttäuschung über das eigene Sexualleben betreten werde, sondern weil die symbolische Welt Erlebnisse ohne materielle und seelische Kosten biete:

„Man kann spielen, man kann Kontakte mit schönen Körpern haben, man kann sich wunderschöne Körper ansehen, ohne Investitionen.“ (Gangon, 1998, S. 364)

Das heißt, dass sexuelle und geschlechtliche Freiräume größer werden. Personen, die früher als abnorm und pervers galten, werden heute von der Öffentlichkeit toleriert und akzeptiert. Man kann verschiedene Beziehungsformen wählen, ohne aus dem Rahmen zu fallen und mit der Entdeckung der Empfängnisverhütung und dem Bedeutungsverlust von Fortpflanzung findet eine Annäherung der Geschlechter statt.

All dies ist nur möglich - und das ist die Kehrseite - weil das Sexuelle kommerzialisiert wird und damit seine Sprengkraft verliert. Die enorme soziale und seelische Aufwertung der Selbstbefriedigung zeigt, dass Sexualität heute selbstoptimiert und selbstdiszipliniert ist und einen hohen Anteil an Egoismus beinhaltet (vgl. Sigusch, 2005, S. 7ff).

Oder um es positiv in den Worten Giddens auszudrücken:

Sexualität hat sich heutzutage entfaltet, ist entdeckt und zugänglich gemacht worden für die Entwicklung unterschiedlicher Lebensstile. Sie ist etwas, was jeder und jede von uns hat oder kultiviert, keine natürliche Bedingung mehr, die das Individuum als unabänderlichen Zustand akzeptiert. Irgendwie - und das Wie muss genauer untersucht werden - funktioniert Sexualität, indem sie sich den Eigenheiten der Person anpasst, als wesentliche Verbindung zwischen Körper, Identität und sozialen Normen. (Giddens, 1993, S. 25)

2 Paarbeziehungen verstehen

So, wie sich das Verständnis von Sexualität in den letzten 200 Jahren wandelte, änderte sich auch das Verständnis von Paarbeziehungen und Partnerschaften.

Wenn man an Paarbeziehungen denkt, hat man im Allgemeinen die Vorstellung von zwei Menschen, die irgendwie zusammengehören, miteinander verbunden sind und irgendeine Gemeinsamkeit haben. Interessant ist jedoch, dass man nun immer häufiger den Begriff Paarbeziehung durch den Begriff Liebesbeziehung ersetzt findet und die Liebe an sich zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen wird.

Es scheint klar zu sein, dass Partnerschaft und Liebe zusammengehören - zumindest in Beziehungen, die sich selbst als moderne Beziehungen verstehen.

2.1 Entwicklung von Paarbeziehungen

Aus systemtheoretischer Sicht erwächst die Beziehung zwischen zwei Personen, die eine Partnerschaft eingehen, aus wiederkehrenden Interaktionen zwischen den Partnern. Jede abgeschlossene Interaktionsperiode wird Bestandteil der gemeinsamen Beziehungsgeschichte. Diese wiederum ist das Fundament für die in die Zukunft gerichteten Beziehungserwartungen.

In diesem aus zwei Teilen bestehenden Beziehungssystem gibt es nicht nur den von außen beobachtbaren objektiven Teil der wiederkehrenden Interaktionen, sondern auch einen personeninternen, subjektiven Teil, den sich beide Partner im Laufe ihrer unabhängig voneinander und gemeinsam entwickelten Beziehungsgeschichte regelrecht konstruiert und dann angeeignet haben. Dieser Teil beruht auf Beziehungsschemata und den dazugehörigen Erfahrungen und bestimmt die auf die Zukunft gerichteten Beziehungserwartungen mit.

Charakteristisch für solche sehr engen persönlichen Beziehungen ist ein gewisser Grad an „Interdependenz“ - was bedeutet, dass die Partner wechselseitig voneinander abhängig sind.

Als besonderer Aspekt solcher Beziehungen wird etwas Widersprüchliches herausgestellt: das Bedürfnis nach Verbundenheit und nach Autonomie. Das gemeinschaftliche Austarieren der Befriedigung von Verbundenheits- und Autonomiebedürfnissen der Beziehungspartner, was zu wechselseitiger Beziehungszufriedenheit- und stabilität führt, hängt von der in jeder Lebensphase phasenspezifischen Entwicklungsaufgaben ab (vgl. Schneewind u. a., 2000, S. 97).

Aber was ist der Sinn, der eine Paarbeziehung zu allererst erzeugt und begründet? Wie ist es zu erklären, dass zwei Menschen sich mehr oder weniger langfristig zusammentun und bestimmte Gefühle, innere Vorstellungen von- und füreinander entwickeln? Wie wurden Paarbeziehungen früher definiert und wie sehen sich Paare in heutiger Zeit?

2.1.1 Ehe und nichteheliche Partnerschaft

Vor dem 19. Jahrhundert wurde Familie als Produktionsgemeinschaft definiert, in der Kinder wie Erwachsene hart arbeiteten und alle Mitglieder aufeinander angewiesen waren.

Im Zuge der Industrialisierung wurden Arbeits- und Wohnbereich getrennt, wodurch der Arbeitsbereich zweckrationaler wurde und der Ehe wuchs als spezialisierte Leistung die emotionale Bedürfnisbefriedigung ihrer Mitglieder zu. Sie erhielt nicht nur gegenüber der eigenen Herkunftsfamilie, sondern auch gegenüber den Kindern, eine relative Eigenständigkeit.

Historisch gesehen hatte die Ehe einen instrumentellen Charakter. Sie wurde eingegangen im Hinblick auf Kinder, um Namen, Vermögen, Rechte weiterzuvererben und die Versorgung im Alter durch Familienmitglieder zu sichern.

Je mehr sich nun aber die romantische Liebe als Heiratsgrund durchsetzte, desto mehr verlor die Ehe ihren instrumentellen Charakter, wobei dennoch ökonomische Überlegungen wichtig blieben.

Dieser Anspruch der Liebesheirat war eine Voraussetzung für die bis heute affektive Emotionalisierung und Intimisierung der familialen Binnenstruktur (vgl. Nave-Herz, 2000, S. 12ff).

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dann die Idee der Ehe als Institution, die vom Staat per Gesetz geschützt wurde, auch gegen den Willen der Ehepartner. Das Verhältnis der Ehegatten war streng patriarchalisch geregelt und änderte sich erst 1976 mit dem neu gefassten Scheidungsrecht (vgl. Sanders, 2000, S. 28f).

Wie familienbiographische Erhebungen zeigen (Nave-Herz, 1994), wird mit der Eheschließung heute überwiegend alleine der Kinderwunsch verknüpft. Diese „kindorientierte Ehegründung“ setzte sich Mitte der siebziger Jahre mit der Verbreitung und Akzeptanz der nichtehelichen Partnergemeinschaft durch. Diese wurde vor allen Dingen durch die Abnahme struktureller Zwänge zur Eheschließung und durch gesamtgesellschaftliche materielle und normative Veränderungen begünstigt.

So bedürfen heute zum Beispiel sexuelle Beziehungen keiner öffentlich bekundeten Legitimation mehr durch die Ehe.

Unterschiede in ehelicher und nichtehelicher Partnergemeinschaft bestehen darin, dass die letztere die emotionale Beziehung nicht der eigenen Einschätzung der Dauerhaftigkeit unterwirft und eine solche Absicht deshalb auch in der Regel öffentlich nicht bekundet wird. Sie ist also auf Gegenwart gegründet - die Eheschließung dagegen auf die Zukunft. Bei nichtehelichen Partnerschaften handelt es sich um eine individuell gewählte, nicht von außen durch die Rechts- und Sozialordnung oder aus ökonomischen Gründen erzwungene Lebensform. Ein weiteres Merkmal fällt ins Auge: Diese Paare sind in Deutschland, aber auch in anderen Ländern überwiegend kinderlos (vgl. Nave-Herz, 2000, S. 14ff).

2.1.2 Moderne Beziehungswelten

Heutzutage spielt sich das Beziehungsleben zu einem großen Teil diesseits der Ehe ab. Als die Ehe noch der Funktion von Produktions- und Versorgungsgemeinschaft unterlag und sie der Bewältigung von sachlichen Aufgaben und des Lebenskampfes diente, waren ihre Mitglieder in ihren traditionellen Geschlechterrollen stark wechselseitig voneinander abhängig. Ihre Freistellung dieser Funktionen bringt neue Beziehungs- und Organisationsformen des Zusammenseins hervor, wie zum Beispiel „living-apart-together“ (unverheiratet zusammenwohnen). Die Fluktuation von Beziehungen hat sich geändert - serielle Beziehungen wechseln sich mit seriellen Singlephasen ab - nicht aber die Beziehungsneigung oder die Beziehungsbereitschaft als solche. Von einer durchgängigen Vereinzelung der Gesellschaft kann insofern nicht gesprochen werden. Es ist nur so, dass es in einer Gruppe mit hoher Beziehungsfluktuation immer auch einen großen Teil von Personen gibt, die gerade einmal wieder „Single“ sind. Dadurch ist der Anteil der Singles in einer Gruppe immer auch Indikator für die Instabilität der Beziehungen in dieser Gruppe. Dies wiederum ist aber keine Folge von Bindungslosigkeit oder Beziehungsunfähigkeit, sondern die Konsequenz des hohen Stellenwertes, der Beziehungen für das persönliche Glück beigemessen wird und der hohen Ansprüche, die an ihre Qualität gerichtet werden (vgl. Schmidt, 2004, S. 22ff).

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Details

Seiten
90
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783832499280
ISBN (Buch)
9783838699288
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225045
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin – Sozialarbeit / Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
sozialpädagogik arbeit sexualität paartherapie beratung

Autor

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Titel: Sexuelle Paarbeziehungsstörungen