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Der Umgang mit Rückfällen während der Suchttherapie mit substanzabhängigen Jugendlichen

Welche Bedeutung hat der Rückfall während der Therapie für den weiteren Rehabilitationsprozess des suchtkranken Jugendlichen?

Diplomarbeit 2006 99 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil 1 – Einleitung

Teil 2 – Theoretische Grundlagen

1 Lebensphase Jugend
1.1 Begriffsbestimmung Jugend
1.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
1.3 Entwicklungspsychologische Aspekte der Suchtproblematik Jugendlicher

2 Sucht und Substanzabhängigkeit in der Lebensphase Jugend
2.1 Substanzmissbrauch und Substanzabhängigkeit
2.1.1 Begriffsbestimmung Drogen
2.1.2 Missbrauch von Drogen
2.1.3 Begriffsbestimmung Sucht und Substanzabhängigkeit
2.2 Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung süchtigen Verhaltens
2.2.1 Neurobiologische Ansätze
2.2.2 Psychologische Ansätze
2.2.3 Soziale Erklärungsmodelle
2.3 Das Hilfesystem für substanzabhängige Jugendliche
2.3.1 Grundprinzipien der Therapie
2.3.2 Die Entwöhnungstherapie

3 Der Rückfall
3.1 Paradigmenwechsel im Umgang mit Rückfällen
3.2 Rückfälle bei Abhängigkeitserkrankungen
3.3 Risikobereiche und Ursachen für Rückfälle
3.4 Rückfälle im Jugendalter

Teil 3 – Empirischer Teil

4 Vorüberlegungen der Untersuchung
4.1 Untersuchungsziel
4.2 Fragestellung
4.3 Die Methodik

5 Vorstellung des Untersuchungsfeldes und der Untersuchungsgruppe
5.1 Untersuchungsfeld
5.2 Untersuchungsgruppe
5.2.1 Zielgruppe der Einrichtung
5.2.2 Soziodemographische Daten der Klienten
5.2.3 Daten zur Vorgeschichte und zum Konsumverhalten der Klienten
5.2.4 weitere wichtige Daten der Klienten

6 Ergebnisse der Untersuchung
6.1 Das Experteninterview
6.1.1 Verständnis von Sucht
6.1.2 Verständnis von Rückfall
6.1.3 Die therapeutische Arbeitsweise im „Grenzland“
6.1.4 Der Paradigmenwechsel in der Rückfallarbeit
6.2 Die Klienteninterviews
6.2.1 Beschreibung der einzelnen Rückfälle
6.2.2 Individuelles Verständnis von Rückfall
6.2.3 Grenzsituationen und Vorboten eines Rückfalls
6.2.4 Die Rückfallarbeit im „Grenzland“
6.2.5 Die Rückfallarbeit in anderen Einrichtungen
6.2.6 Die heutige Situation der Klienten und ihre Zukunft

7 Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
7.1 Auslegung der Daten
7.2 Mögliche Konsequenzen für die Praxis

8 Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Anhang

Eidestattliche Erklärung

Teil 1 – Einleitung

Ausgangspunkt und Zielsetzung der Arbeit

Missbrauch und Abhängigkeit von Suchtmitteln sind das größte sozialmedizinische Problem in Deutschland. Vor allem der missbräuchliche oder abhängige Konsum legaler oder illegaler Drogen von Jugendlichen ist in den letzten Jahren immer mehr in den Blickpunkt gerückt. Oft bleibt es jedoch nicht beim jugendlichen Probierverhalten. Ein langandauernder und exzessiver Konsum kann zu persönlichen Schwierigkeiten und zum Scheitern der Lebenspläne führen (vgl. CJD, Infobroschüre - Grenzland). Dies stellt oft für die Jugendlichen eine ausweglose Situation dar, aus der sie ohne äußere Hilfe schwer wieder herausfinden. Eine stationäre Langzeittherapie kann für Jugendliche ein individuelles Hilfeangebot darstellen, das ihnen durch professionelle Unterstützung eine erfolgreiche Therapie und eine Integration in die Gesellschaft ermöglicht.

Hierbei muss man aber auch beachten, dass die Unterbringung in einer stationären Einrichtung Rückfälle oder Therapieabbrüche nicht immer verhindern kann. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Jugendliche oft mehrere Anläufe brauchen.

Dass Rückfälle während einer stationären Entwöhnungsbehandlung zum Alltag gehören, wird auch in der Literatur zum Thema mittlerweile als Tatsache anerkannt. Klienten werden häufig nicht erst nach Beendigung ihrer Therapie, sondern auch schon während der stationären Behandlung rückfällig, sowohl in den Einrichtungen selbst, auf Ausflügen oder auf Heimreisen.

Seit Mitte der 70er Jahre entbrannte eine Debatte um das Thema Rückfall im Suchthilfesystem. Dies führte zu einer veränderten Einstellung gegenüber Rückfällen und zu einer anderen Umgangsweise mit rückfälligen Klienten. Rückfälle werden nun als erklärbare Handlungen und als Entwicklungschance gesehen. Ferner wird zugestanden, dass der Weg aus der Sucht Zeit braucht. Rückfälle sind demnach eher als die Regel und nicht als Ausnahme anzusehen. Dieses neue Verständnis hat in vielen Einrichtungen zu einer neuen Umgangsweise mit rückfälligen Klienten geführt.

Während meines Studiums wurde ich innerhalb des berufspraktischen Semesters mit dieser Tatsache des öfteren konfrontiert. Im Verlaufe meines Praktikums in einem Pädagogisch- therapeutischem Zentrum für suchtgefährdete und abhängige Kinder und Jugendliche habe ich die Erfahrung gemacht, dass Rückfälle im Laufe der Therapie immer wieder an der Tagesordnung stehen. Da eine Suchterkrankung chronisch rezidivierend verläuft, ist während einer Entwöhnungstherapie und auch danach immer mit Rückfällen zu rechnen.

Für mich hat sich im Laufe meiner Studienzeit die Frage ergeben, ob der Rückfall während der Therapie als „besondere“ Chance gesehen werden kann. Man befindet sich in einem Schutzraum, hat professionelle Hilfe um sich, sodass der Rückfall umgehend bearbeitet und in die weitere Behandlung integriert werden könnte. Kann es für den Klienten deshalb nicht eine Chance darstellen, da er Rückschläge umgehend mit Fachpersonal wieder aufarbeiten kann? Ist die Gefahr eventuell innerhalb dieses Schutzraumes geringer wieder in altes Suchtverhalten zu verfallen?

Ausgehend von diesen Überlegungen werde ich in der folgenden Ausarbeitung versuchen dem Titel der Arbeit: „Der Umgang mit Rückfällen während der Suchttherapie mit substanzabhängigen Jugendlichen“ gerecht zu werden, indem ich mich intensiv mit der Frage auseinandersetzen werde: „Welche Bedeutung hat der Rückfall während der Therapie für den weiteren Rehabilitationsprozess des suchtkranken Jugendlichen?“

Mein Ziel ist es dabei, dies aus der Sicht von betroffenen suchtkranken Jugendlichen darzustellen, die Erfahrung mit Rückfällen gemacht haben. Um dies erreichen zu können wurden qualitative Interviews in einer suchttherapeutischen Einrichtung durchführen. Sowohl die Aussagen einiger Experten dieser Einrichtung, als auch die Wahrnehmungen und Erlebnisse der rückfällig gewordenen Jugendlichen sollen dazu beitragen meine Ausgangsfrage zu beantworten.

Aufbau der Arbeit:

Im ersten Teil dieser Diplomarbeit wird das theoretische Hintergrundwissen vermittelt, das zum Verstehen der anschließenden empirischen Untersuchung, sowie zum Nachvollziehen der Auswertung und Interpretation wichtig ist. Dieser theoretische Teil hat drei Schwerpunkte:

1. Als Ausgangspunkt werde ich mich mit der Lebensphase Jugend näher auseinandersetzen. Hier soll eine Begriffsbestimmung der Jugend gegeben werden und es werden Entwicklungsaufgaben dieses Altersabschnittes beschrieben. In der Lebens- und Entwicklungsphase des Jugendalters hat die Suchtproblematik eine ganz bestimmte Bedeutung. Deshalb wird anschließend der entwicklungspsychologischen Aspekt bei Jugendlichen mit der Suchtproblematik in Verbindung gebracht. Es soll verdeutlicht werden, dass es Besonderheiten im Jugendalter im Zusammenhang mit substanzbezogenen Abhängigkeitserkrankungen gibt. In diesem Kontext wird auch das darin eine Rolle spielende Experimentieren mit legalen und illegalen psychotropen Substanzen im Jugendalter beleuchtet.
2. Danach sollen einige theoretische Grundlagen über den Substanzmissbrauch und die Substanzabhängigkeit im Jugendalter verdeutlicht werden. Nachdem einige Begriffsbestimmungen gegeben wurden, werden Modelle über die Entstehung und Aufrechterhaltung süchtigen Verhaltens dargestellt. Anschließend soll noch ein Einblick in das Hilfesystem für substanzabhängige Jugendliche gegeben werden, wobei ein besonderer Fokus auf die Entwöhnungstherapie gelegt wird.
3. Im dritten Schwerpunkt steht das Thema „Rückfall“ im Mittelpunkt. Hier soll der Paradigmenwechsel im Umgang mit Rückfällen beschrieben werden. Anschließend soll dargestellt werden, was eigentlich ein Rückfall ist und ab wann man von Rückfall sprechen kann. Hierbei wird deutlich werden, dass es viele verschiedene Arten von Rückfällen gibt. Weiterhin soll auf Ursachen für Rückfälle eingegangen werden. Danach soll die Rückfallproblematik noch einmal auf Besonderheiten im Jugendalter bezogen werden.

Es gibt allgemein zu diesem Thema eine Fülle von Literatur, jedoch nicht zu der speziellen Problematik von Rückfällen bei Jugendlichen. Daher werde ich auch allgemeine Literatur zum Thema heranziehen, die größtenteils erst auf die besondere Situation hin bezogen werden muss.

Im empirischen Teil der Diplomarbeit liegt der Schwerpunkt auf der Befragung der Klienten, die Erfahrungen mit Rückfällen gemacht haben. Es wurden 6 Klienten einer suchttherapeutischen Einrichtung dazu ausführlich befragt. Außerdem wurde vorweg ein Experteninterview mit der Leiterin und dem pädagogischen Leiter der Einrichtung durchgeführt, in dem die Sicht- und Arbeitsweise der Therapeuten in dieser Einrichtung deutlich wird. Ich werde die Ergebnisse der Untersuchung darstellen und ausgehend von dieser Grundlage versuchen meine Ausgangsfrage zu beantworten. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Untersuchung und deren mögliche Konsequenzen für die Praxis diskutiert und interpretiert. Dabei soll ein Ausblick auf die eventuell anstehenden Aufgaben und Veränderungen in der Rückfallbehandlung der Klienten gegeben werden.

Teil 2 – Theoretische Grundlagen

Die Bereitschaft Drogen zu konsumieren wächst bei Jugendlichen immer mehr. Betroffene Jugendliche sind oftmals noch jünger als 18 Jahre. Riskante Konsummuster und somit auch schon Abhängigkeitserkrankungen zeigen sich heute auch schon bei Teenagern, die gerade an der Grenze vom Kindes- ins Jugendalter stehen und sich noch in der Pubertät befinden.

1 Lebensphase Jugend

1.1 Begriffsbestimmung Jugend

Bekanntlich handelt es sich beim Konsum verbotener Drogen um eine jugendspezifische und gruppengebundene Erscheinung. Der erste Konsum einer verbotenen Droge sowie die mögliche Entwicklung problematischer Verläufe fällt in die Adoleszenzphase (vgl. Friedrichs, 2002). Die Definition, was denn eigentlich „Jugend“ ist gestaltet sich schwierig. So ist Jugend als eine Lebensaltersstufe zu sehen, deren Definition und altersgemäße Bestimmung meist unterschiedlich und ungenau ist, in der Regel aber eine Zeitspanne zwischen dem 12. und 25. Lebensjahr umfasst (vgl. Brockhaus, 1999). Im Alltagsdenken wird Jugend sehr oft mit dem Erwachsenwerden assoziiert. Man betrachtet es als Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Die Zuschreibung der Attribute „nicht mehr Kind“ und „noch nicht Erwachsener“ zeigt die Zwischenposition des Jugendlichen auf, die beides umfasst: Verhaltensformen und Privilegien der Kindheit aufzugeben, sowie Merkmale und Kompetenzen zu erwerben, welche die Aufgaben, Rollen und den Status des Erwachsenen begründen (vgl. Oerter / Montada, 1998).

Betrachtet man den Begriff der Jugend jedoch aus mehreren Perspektiven, so gibt es verschiedene Bedeutungsdimensionen, in denen unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund gestellt werden:

- Jugend als Entwicklungsstadium im individuellen Lebenslauf, in dem sich das Individuum den altersspezifischen Entwicklungsaufgaben stellen muss
- Jugend als Altersgenossen der Gesamtbevölkerung einer Gesellschaft und Kultur: Der Begriff Jugendkultur stellt eine Teilkultur der Gesellschaft dar. Die Gleichaltrigengruppe sieht man als Bestandteil der soziokulturelle Lebensform.
- Jugend als Kohorten im zeitgeschichtlichen Wandel: Jugend verkörpert einen epochalen, generationstypischen Lebensstil (z.B. die „Kritische Generation“ in den 60er/70er Jahren des letzten Jahrhunderts).
- Jugend als Ideal bzw. Idol der „Jugendlichkeit“: Der Begriff Jugend ist Leitbild und Wertebegriff. Er verkörpert Lebensgefühle wie z.B. Vitalität, Spontanität, Flexibilität, Unkonventionalität und Zukunftsorientierung,...

(vgl. Oerter / Montada, 1998)

Außerdem kann man „Jugend“ auch als eine formale Kategorie betrachten.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat für den Begriff der Adoleszenz die Zeit zwischen dem 11. und 20. Lebensjahr festgelegt. Diese Altersspanne wird noch in eine frühe (bis zum 13.Lebensjahr), eine mittlere (14 bis 16 Jahre) und eine späte (17 bis 20 Jahre) Adoleszenz differenziert (vgl. Friedrichs, 2002).

Im SGB VIII/ KJHG ist eine weitere Altersdefinition zu finden. Nach dem §7 SGB VIII ist Kind, wer noch nicht 14 Jahre alt ist; Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist; junger Erwachsener, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist und junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist. Entsprechend dieser Einteilung ist das Verhältnis zu den Rechtsgütern geregelt.

Zentral für die Betrachtungen dieser Arbeit ist vorrangig die entwicklungspsychologische Seite der Jugendphase. In dieser Lebensphase kommt es zu einem Aufeinandertreffen von unterschiedlichen psycho-physischen und psycho-sozialen Veränderungsprozessen, die sich in der Bewältigung von spezifischen Entwicklungsaufgaben zeigen (vgl. Hurrelmann / Bründel, 1997).

1.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Entwicklungsaufgaben sind als Anforderungen und Erwartungen zu verstehen, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden. Die Entwicklungsaufgaben definieren für jedes Individuum in bestimmten sozialen Lebenslagen die vorgegebenen Anpassungs- und Entwicklungsprobleme, denen es sich stellen muss (vgl. Hurrelmann, 1999).

Ihre erfolgreiche Bewältigung führt zu Glück und Erfolg, während das Versagen unglücklich macht, auf Ablehnung in der Gesellschaft stößt und zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Aufgaben führen kann. Die Bewältigung dieser Erwartungen, welche immer von den personellen und sozialen Ressourcen jedes Einzelnen abhängig ist, hat auf den weiteren Verlauf des Lebens und Werdegangs des Jugendlichen großen Einfluss.

Für die Jugendphase lassen sich folgende Entwicklungsaufgaben nach Havighurst benennen:

- Bewältigung der körperlichen Entwicklung: Jugendliche müssen Veränderungen des Körpers und des eigenen Aussehens annehmen und ihre eigene körperliche Erscheinung akzeptieren. Es ist notwendig, dass sie sich mit ihrer nun ganz offensichtlich gewordenen männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle identifizieren.
- Aufbau eines Freundeskreises: Typisch für das Jugendalter ist der eigenständige Aufbau von tieferen Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts.
- Ablösung von den Eltern: Es kommt zu einer inneren Distanzierung von den Eltern, sowie zu einer Ablösung vom Elternhaus, sodass man immer mehr unabhängiger von den Eltern wird.
- Aufbau eines eigenen Wertesystems: Jugendliche sollen eine eigene Weltanschauung entwickeln, indem sie sich klar werden, welche Werte sie hoch halten und als Richtschnur für ihr eigenes Verhalten akzeptieren.
- Umgang mit Sexualität erlangen, indem man erste intime Beziehungen zum Partner aufnimmt
- Aufbau einer Schul- und Berufskarriere: Wissen, was man werden will und was man dafür können (lernen) muss
- Vorbereitung auf Partnerschaft / Heirat: Vorstellungen entwickeln, wie der Ehepartner und die zukünftige Familie sein soll
- Erreichen einer sozialen Handlungsfähigkeit: Verhalten aneignen, dass man in unserer Gesellschaft von einem Mann oder einer Frau erwartet, d.h. ein sozial verantwortliches Verhalten erstreben

Die zentrale Aufgabe nach Havighurst ist der Aufbau einer eigenen stabilen Identität.

(vgl. Oerter / Montada, 1998 & Hurrelmann / Bründel, 1997)

Auch bei der Theorie der psychosozialen Entwicklung nach Erikson steht die Identitätsfindung in der Jugendphase im Mittelpunkt. Nach Erikson muss man in jeder Lebensphase eine charakteristische psychosoziale Krise lösen. In der Jugendzeit steht Identität gegen Identitätsdiffusion.

Jugendliche befinden sich in einer Phase tiefgreifender biologischer, psychischer und sozialer Veränderungen. Sie erleben, dass sie kein Kind mehr sind, ohne dass bereits deutlich wird, was sie nun sind oder sein werden. Jugendliche stellen sich die Frage: Wer bin ich eigentlich? Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität. Sie müssen lernen, dass sie trotz aller Veränderungen, trotz der verschiedenen Lebensbereiche, in denen sie sich befinden (z.B. als Schüler/ Berufstätiger, Sohn/ Tochter, junger Mann/ junge Frau), „stets“ sie selbst sind. Gelingt es ihnen nicht, die verschiedenen Facetten des Selbst zur personalen Identität zu integrieren, spricht Erikson von Identitätsdiffusion. Solchen Personen misslingt die Einordnung in eine reale Welt. Sie verstecken sich vielleicht hinter Intoleranz oder Aggressivität, oder sie fliehen in Sucht oder Suizid. Man könnte sagen: Wer nicht weiß, wer er ist, der weiß auch nicht, wohin er gehört (vgl. Langfeld, 1996).

Insgesamt geht es im Jugendalter darum, eine Identität aufzubauen, die auf einem stabilen Selbstwert beruht, und Kompetenzen zu erwerben, um die anstrengenden körperlichen, psychischen, sozialen, intellektuellen und moralischen Lebensaufgaben zu bewältigen. Die Gefahr von Enttäuschung und Misserfolgen ist dabei sehr groß.

1.3 Entwicklungspsychologische Aspekte der Suchtproblematik Jugendlicher

Wie bereits erwähnt ist das Stadium der Jugend und Adoleszenz eine zentrale Phase in der Entstehung von Identität, Persönlichkeit, Werthaltung und Lebensbewältigung. Neben der Aneignung sozialer Interaktion und Pflichterfüllung tritt der junge Mensch in einen Lebensabschnitt, in welchem aber auch experimentierfreudiges Verhalten in Bezug auf das verstärkte Interesse an Drogen entsteht. Das Leben in Extremen und die Faszination am Extremen gehören ein Stück weit zur Jugend dazu. Drogenkonsum und die dazugehörige Szene sind für Jugendliche deshalb besonders anziehend.

Der Drogenkonsum im Jugendalter wird im Folgenden auf drei Ebenen betrachtet:

1. Drogenkonsum im Jugendalter als Entwicklungsaufgabe

Mit Drogen zu experimentieren steht heute nicht im Widerspruch zu einer „normalen“ Entwicklung eines Jugendlichen. Diese haben sogar in besonderer Weise ein Recht darauf ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln und an ihnen zu wachsen und zu reifen (vgl. Hollweg, 1999). Ausgehend davon kann man den Drogenkonsum im Jugendalter als Entwicklungsaufgabe sehen. Der verantwortungsbewusste Umgang mit psychoaktiven Substanzen ist eine Entwicklungsaufgabe, die es im Jugendalter zu bewältigen gilt. Der Konsum legaler Drogen in einer gemäßigten und sozial erwünschten Form muss von Jugendlichen gelernt werden. In unserer Gesellschaft existieren bestimmte Regeln, die beispielsweise den Alkoholkonsum als sozial akzeptiert oder eben als sozial nicht integrierbar definieren. Zu dem sozial akzeptierten Konsummuster gehört z.B. der Alkoholkonsum auf Feierlichkeiten. Zu den nicht akzeptierten Konsumformen gehört der Konsum illegaler Drogen (vgl. Kammerer, 1999). Der Konsum der illegalen Drogen, wie z.B. Heroin und Kokain, signalisiert in diesem Zusammenhang gewöhnlich den Bruch mit der Gesellschaft, mit den Normen und Regeln der Elterngeneration (vgl. Uchtenhagen / Zieglgänsberger, 2000).

2. Drogenkonsum zur Erfüllung von Entwicklungsaufgaben

Drogenkonsum hilft den Jugendlichen bei der Erfüllung anderer Bewältigungsaufgaben. So unterstützt er z.B. die Integration in Gleichaltrigengruppen. Weiterhin symbolisiert er das Erwachsenwerden und das Ablösen vom Elternhaus. Zusätzlich erleichtert z.B. die enthemmende Wirkung einiger Drogen die Aufnahme sexueller Beziehungen und außerdem befriedigt der Konsum psychoaktiver Substanzen die im Jugendalter besonders ausgeprägte Neugier und erlaubt das Erleben von Grenzerfahrungen (vgl. Kammerer, 1999). So ist der Konsum von Drogen im Jugendalter immer auch eine Möglichkeit, die anstehenden komplizierten Entwicklungsaufgaben in dieser Phase zu bewältigen (vgl. Leune, 2003).

3. Drogenkonsum als Bewältigungsstrategie

Des weiteren ermöglicht der Drogenkonsum Belastungen, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen, zu kompensieren. Zahlreiche Anforderungen, die an Jugendliche in diesem Lebensabschnitt gestellt werden führen häufig zu erhöhten Belastungen, die sich durch den Drogenkonsum reduzieren lassen. Je nach Wirkungsweise ermöglicht der Konsum von Drogen Entspannung, Reduzierung von Angst oder Verbesserung der Stimmung (vgl. Kammerer, 1999).

Problematisch wird der Konsum von Drogen insbesondere dann, wenn die Einnahme die Funktion erhält, Probleme und Schwierigkeiten bei der Bewältigung aktueller Aufgaben und Situationen zu verdrängen oder zu überspielen. Der Konsum der Droge dient dann der Manipulation der psychischen, sozialen und körperlichen Befindlichkeit (vgl. Mansel / Hurrelmann, 1994).

Dies bedeutet, dass bei den Jugendlichen, die über das Experimentieren hinaus auf den Drogen „hängen bleiben“, der Drogenkonsum eine komplexe Funktion erfüllt. Es geht nicht mehr nur um die Faszination am Extremen, sondern um Verdrängung traumatischer Erlebnisse, von eigenen Defiziten und von Zukunftsängsten angesichts einer perspektivlosen Lebenssituation. Der Drogengebrauch erfüllt dann die Funktion über innere Leere und unangenehme Gefühle hinwegzuhelfen(vgl. Hollweg, 1999).

Je beschränkter das Spektrum an Bewältigungsstrategien ist, das sich eine Person im Laufe ihres bisherigen Lebens angeeignet hat, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns angesichts neuartiger psychosozialer Konflikte und seelischer Belastungen. Solche Menschen sind oft außerstande, adäquate Lösungsstrategien für neuartige Herausforderungen zu finden und neigen aus diesem Grunde dazu, ihre Ängste und die damit einhergehende unkontrollierbare Stressreaktion durch Rückgriff auf – in ihren Augen bewährte – Bewältigungsstrategien kontrollierbar zu machen. Diese Bewältigungsstrategie ist in diesem Falle dann der Rückgriff auf das Konsummittel (vgl. Huether, 2001).

Hierzu kommt, dass die Aufgaben zur Lebensbewältigung in der heutigen Gesellschaft komplexer geworden sind. Neuerscheinungen wie erhöhte Anforderungen in der Schule oder erschwerte Zugänge zum Beruf könnten somit zu Krisen führen. Treten bei den Jugendlichen mehrere Krisenphänomene gleichzeitig oder in dichter zeitlicher Abfolge auf, kann dies zu Identitätskrisen führen. Drogenkonsum kann nun der Befriedigung vielschichtiger alters- und entwicklungsbezogener Bedürfnisse Jugendlicher dienen. Der Drogengebrauch Jugendlicher und die Entwicklung Jugendlicher sind also eng miteinander verbunden. Viele der Jugendlichen bleiben beim Experimentierverhalten. Wird den Jugendlichen jedoch nicht die Möglichkeit eingeräumt, ihre Identität in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu entwickeln, können sich die Tendenzen zu Ausweichverhalten und Ersatzhandlungen dauerhaft verfestigen. So kann besonders bei außergewöhnlichen Belastungen und Konflikten aus Suchthaltungen manifest süchtiges Verhalten werden. „Die Suchtproblematik markiert nicht selten ein Scheitern an den altersabhängigen Entwicklungsaufgaben und –anforderungen.“ (Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999, S.162)

Störungen in der Entwicklung der Identität, bei der Entfaltung des Ich und bei der allmählichen Festigung des eigenen Selbst können also Hintergrund für Drogenabhängigkeit und Ausgangspunkt für Suchtkarrieren sein. Identitätskrisen der Pubertät und die Umbrüche der Erlebnis- und Beziehungswelt in diesem Entwicklungszeitraum können zu erheblicher Anfälligkeit gegenüber Mitteln führen, die Rat- und Hilflosigkeit, Irritiertsein oder sogar Horizontverlust in diesem Lebensabschnitt scheinbar lindern.

2 Sucht und Substanzabhängigkeit in der Lebensphase Jugend

2.1 Substanzmissbrauch und Substanzabhängigkeit

Die moderne Klassifikation von Abhängigkeitserkrankungen geht auf ein biaxiales Konzept zurück, das Missbrauch und Abhängigkeit als zwei voneinander unabhängige Störungen unterscheidet (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999).

Es ist umstritten, ob man bei Jugendlichen schon von Abhängigkeit sprechen kann, oder nicht prinzipiell von Missbrauch reden müsste. Einige Experten gehen davon aus, dass bei Jugendlichen in der Regel noch nicht so eingefahrene Abhängigkeitsstrukturen wie bei wirklich langjährigen Drogenabhängigen bestehen. Es sollen in dieser Altersgruppe die Grenzen zwischen Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit sehr fließend sein, sodass bei den meisten von ihnen der durch den Drogenkonsum ausgelöste Leidensdruck noch nicht so stark ist (vgl. Hollweg, 1999).

Hierbei sollte man aber auch die Tatsache beachten, dass auch schon im Jugendalter eine langjährige Drogenabhängigkeit bestehen kann. Bei 90% der Drogenabhängigen liegt der Einstiegspunkt in den verbotenen Drogenkonsum zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr (vgl. Friedrichs, 2002). So kann es unter bestimmten Umständen schon im ersten Abschnitt der Jugendphase zu einer Entstehung und Aufrechterhaltung einer Abhängigkeitserkrankung kommen. Betrachtet man die verschiedenen Definitionen der Jugendphase, kann das Ende dieses Lebensabschnittes zwischen dem 25. und 27.Lebensjahr liegen. In dieser Zeitspanne kann auch bei Jugendlichen eine langjährige Abhängigkeitserkrankung entstehen und aufrecht erhalten werden, sodass man meiner Meinung nach auch bei Jugendlichen von einer Abhängigkeit sprechen kann.

Dies bestätigen auch die Ergebnisse der Bielefelder Studie, welche auf dem Münchner Suchtkongress 2003 vorgestellt wurden. Eine Untersuchung von 597 Jugendlichen ergab, dass bei 10% dieser Jugendlichen Erfahrungen mit legalen und illegalen Drogen im Kindes- und Jugendalter zu einem verfestigten Konsum führen und in eine Abhängigkeit übergehen (vgl. Wey, 2005).

2.1.1 Begriffsbestimmung Drogen

Der Konsum von Drogen ist nicht von der „Lebensphase Jugend“ zu trennen. Immer häufiger führt der Konsum von legalen und illegalen Drogen schon im Jugendalter zum Missbrauch sowie zu verfestigtem Suchtverhalten.

Die Begriffe Substanzmissbrauch und substanzbezogenen Abhängigkeit sind immer mit der Einnahme von Drogen verknüpft. Es soll deshalb der Vollständigkeit halber genau definiert werden, was „Droge“ bedeutet.

„ Die WHO definiert Drogen als Stoffe, Mittel und Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern, wobei sich diese Veränderungen insbesondere in den Sinnesempfindungen, in der Stimmungslage, im Bewusstsein oder anderen psychischen Bereichen oder im Verhalten bemerkbar machen.“ (Friedrichs J., 2002, S.21) Dieser erweiterte Drogenbegriff erfasst nicht nur Cannabisprodukte, Halluzinogene, Schnüffelstoffe, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Alkohol, Tabakerzeugnisse, Schmerzmittel, Opiate, Kokain, usw. Er bezieht sich auch auf Alltagsdrogen wie Kaffee oder Tee. Man bezeichnet heute also jede psychoaktiv wirkende Substanz als Droge. Die rechtliche Situation ist dabei nicht ausschlaggebend, ob ein Stoff zu den Drogen zu rechnen ist oder nicht. Trotzdem werden Drogen immer wieder in zwei Kategorien unterteilt. Man spricht von illegalen Drogen, wenn der Besitz gesetzlich nicht gestattet ist (z.B. Heroin, Kokain, LSD,...). Der Konsum anderer Drogen, wie Alkohol, Nikotin oder Koffein, ist hingegen nicht verboten. Hier spricht man von legalen Drogen.

2.1.2 Missbrauch von Drogen

Missbrauch liegt immer dann vor, wenn eine psychoaktive Substanz nicht ihrem Zweck entsprechend benutz wird. Immer dann, wenn die Droge oder ein Rauschmittel eingesetzt wird, um einen unliebsamen Gefühlszustand zum Verschwinden zu bringen, liegt Missbrauch vor. Dabei kann es sich sowohl um legale als auch um illegale Suchtmittel handeln.

Missbrauch wird auch als falsche, unsachgemäße, gefährliche, übertriebene oder unerlaubte (juristisch) dysfunktionale Anwendung interpretiert (Friedrichs, 2002).

Die Klassifikation des DSM-IV bezieht bei der Definition des Substanzmissbrauchs die soziale Dimension explizit mit ein (vgl. Saß / Wittchen / Zaudid; 1996). Danach ist das Hauptmerkmal ein fehlangepasstes Muster von Substanzgebrauch, welches sich in wiederholten und deutlich nachteiligen Konsequenzen infolge des häufigen Konsums manifestiert. Diese können sein:

- ein wiederholtes Versagen bei wichtigen Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause
- verschiedene Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzmissbrauch
- immer wieder auftretende soziale und zwischenmenschliche Probleme, die durch die Auswirkungen der psychotropen Substanzen verursacht oder verstärkt werden
- wiederholter Gebrauch in Situationen, in denen es zu körperlicher Gefährdung kommen kann (z.B. Bedienen von Maschinen unter Substanzeinfluss)

Dabei müssen definitionsgemäß diese Probleme wiederholt während derselben 12-Monatsperiode auftreten (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

Die Klassifikation nach der ICD-10 verzichtet auf den Missbrauchsbegriff, der aufgrund seiner moralischen Aspekte auch schwer zu operationalisieren ist, und ersetzt ihn durch den Terminus schädlichen Gebrauch (vgl. Friedrichs, 2002).

Schädlicher Gebrauch ist demnach ein Konsummuster psychotroper Substanzen, das zu einer Gesundheitsschädigung führt. Diese kann eine körperliche Störung (z.B. eine Hepatitis durch Selbstinjektion von Substanzen) oder eine psychische Störung (z.B. eine depressive Episode nach massivem Alkoholkonsum) sein (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

2.1.3 Begriffsbestimmung Sucht und Substanzabhängigkeit

Die Gnade Deiner Krankheit ist

Dass sie Dich Dein Kranksein nicht sehen lässt

So bleibt Dir großer Schmerz erspart

Der Fluch Deiner Krankheit ist

Dass sie Dich Dein Kranksein nicht sehen lässt

So bleibt Dein Kranksein bewahrt.

(Heigl-Evers / Helas / Vollmer, 1995, S.101)

Sucht ist in erster Linie ein psychisches Problem, welches in der Regel körperliche und soziale Folgen nach sich zieht. Sie ist durch einen eigenen gesetzlichen Ablauf gekennzeichnet. Hierbei kommt es zu einem fortschreitenden Verlust der freien Handlungsfähigkeit und der Kontrolle über das eigene Verhalten.

Sucht ist stets eine Krankheit.

Es besteht ein unabwendbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des eigenen Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und somit auch die sozialen Chancen des Individuums.

Die DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen) definiert Sucht folgendermaßen: „Sucht zeigt sich als latente Suchthaltung und als manifestes süchtiges Verhalten. Süchtiges Verhalten mit Krankheitswert liegt vor, wenn dieses nicht mehr angesichts einer Flucht- oder Unwohlsituation eintritt, sondern zu einem eigendynamischen, zwanghaften Verhalten wird, das sich selbst organisiert hat und sich rücksichtslos beständig zu verwirklichen sucht. Suchthaltungen ... werden meist in Kindheit und Jugend gelernt.“ (DHS, 2005)

Die WHO hat im Jahr 1952 Sucht folgendermaßen definiert:

„Sucht ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, der durch eine wiederholte Einnahme einer natürlichen oder synthetischen Droge hervorgerufen wird.“ (Friedrichs, 2002, S.22)

Anstelle von Sucht wird inzwischen vielfach der von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagene Begriff Abhängigkeit verwendet.

So hat sich die WHO aufgrund der Mehrdeutigkeit der Suchtdefinition entschlossen den Begriff der Sucht durch den der substanzbezogenen Abhängigkeit zu ersetzten (vgl. Friedrichs, 2002).

Man differenziert zwischen physischer und psychischer Abhängigkeit. Bei physischer Abhängigkeit treten nach Entzug der Droge vielfältige, äußerst quälende psychische und körperliche Störungen auf. Die Entzugswirkungen sind je nach Droge unterschiedlich. Für psychische Abhängigkeit ist unwiderstehliches Verlangen nach einer weiteren periodischen oder dauernden Einnahme der Droge, um Lust zu erzeugen oder Missbehagen zu vermeiden, kennzeichnend (vgl. Friedrichs, 2002).

Die Diagnose „Abhängigkeit“ sollte nur gestellt werden, wenn irgendwann während des letzten Jahres drei oder mehr der folgenden Kriterien gleichzeitig vorhanden waren:

- ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren
- verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums - ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums
- Nachweis einer Toleranz
- fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums
- anhaltender Substanzkonsum, trotz eines Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen ICD-10 (vgl. WHO, 1993)

2.2 Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung süchtigen Verhaltens

Die Entstehung und Aufrechterhaltung der Sucht ist ein multifaktorielles Geschehen. Um dieses erklären zu können wurden unterschiedliche wissenschaftliche Methoden entwickelt, in denen der Einfluss von neurobiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beschrieben wird. Im Folgenden werden einige Methoden dieser drei verschiedenen Ansatzrichtungen beschrieben.

2.2.1 Neurobiologische Ansätze

Neurobiologische Ansätze beschreiben funktionale und strukturelle Veränderungen zentralnervöser Regelsysteme, die mit einer Suchtentwicklung einhergehen und Drogensuchtverhalten steuern (vgl. Gastpar/ Mann Rommelspacher, 1999).

Als hochkomplexe Kommunikationszentrale und in seiner Funktion als personaler Entscheidungsträger kodiert das menschliche Gehirn alle suchtrelevanten Erfahrungen. Unser Gehirn ist ein nach allen Seiten hin offenes biologisches Lernsystem, das seine Neuronenvernetzungen durch Erfahrungen der wahrgenommenen Umwelt mit seiner eigenen Befindlichkeit erlebt. Alle emotional und affektiv gebundenen Erfahrungen aus dem Alltag einer süchtigen Biographie können sich im Gehirn als Erinnerungsprogramme verankern (vgl. Böhning; 2001).

Im Gehirn wird das süchtige Verhalten sozusagen programmiert. Als Ort der Vermittlung und als Speicher sowohl positiver Verstärkerwirkungen von Suchtmitteln, als auch negativer Vermeidungswirkungen dient das stammesgeschichtlich sehr alte „Belohnungssystem “ im Gehirn. Biologische Theorien zur Suchtgenese, die der neurobiologischen Forschung entspringen, sehen im Gehirn den Sitz des süchtigen Verlangens. Dieses System besitzt enge Verbindungen zum Lustempfinden und wird als körpereigenes Belohnungssystem apostrophiert. In diesem suchtrelevanten System werden Prozesse der Sensitivierung, Desensitivierung sowie Konditionierung in Gang gesetzt. Dies kann eine Entkopplung neuronaler Regelkreise im Gehirn zur Folge haben. Diese Veränderungen im Gehirn schlagen sich dann in den für die Abhängigkeitserkrankung charakteristischen Verhaltensmuster nieder (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

Ausgehend von der Entwicklung eines „Suchtgedächtnisses“ bei Drogenabhängigen muss man bei Jugendlichen eine Besonderheit beachten. Aus lerntheoretischer Sicht bilden Menschen besondere Bildspuren bezüglich positiver Wirkungen aus. Dies kann man sich wie Erinnerungen an erlebte positive Wirkungen vorstellen. Nach mehrmaligem Gebrauch kann sich ein „Suchtgedächtnis“ entwickeln. Da Jugendliche schneller als Erwachsene etwas lernen können, gewöhnen sie sich auch schneller an den Umgang mit Suchtstoffen. Im Gehirn von Jugendlichen bewirkt der damit verbundene stoffliche Umbau an den Synapsen eine raschere Veränderung in Richtung Sucht durch Drogen als bei Erwachsenen (vgl. Wey, 2005).

2.2.2 Psychologische Ansätze

Auch psychologische Konzepte können helfen die Entwicklung süchtigen Verhaltens verständlich zu machen. Diese Konzepte betreffen verschiedene Aspekte substanzgebundener Sucht: Lernprinzipien beschreiben Sucht als eine Form von hochfrequentem Verhalten unter der Kontrolle starker Anreizbedingungen. Persönlichkeitspsychologische Konzepte sollen Drogengebrauch funktional in situationsübergreifende Verhaltensdispositionen einordnen (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

In den Lerntheorien wird der Konsum und die Abhängigkeit von Drogen als ein gelerntes Verhalten verstanden. Die Entstehung und Aufrechterhaltung des Verhaltens hängt somit von Lernprozessen ab. Hierzu gehören z.B. das Operante Lernen und das Klassische Konditionieren.

Beim Operanten Lernen wird das Lernen durch die Konsequenzen bestimmt, die einem Verhalten folgen. So wird ein Verhalten, welches positiv verstärkt wird, mit größerer Wahrscheinlichkeit aufrechterhalten, als ein Verhalten, das negative Konsequenzen hat. Drogen haben also einen doppelten Verstärkerwert. Drogenkonsum kann positive Konsequenzen nach sich ziehen. Der Konsum kann z.B. eine soziale Anerkennung in der „peer group“ zur Folge haben. Andererseits kann die direkte Drogenwirkung z.B. zur Reduzierung unangenehmer Gefühle wie Angst oder Depression führen. Im Verlauf der Herausbildung einer Abhängigkeit kann die erneute Zufuhr der Droge einzig und allein der Verhinderung der negativen Konsequenzen dienen (vgl. Friedrichs, 1999).

Bei der klassischen Konditionierung werden grundsätzlich zwei ursprünglich unabhängig voneinander auftretende Ereignisse miteinander assoziiert. Zuvor neutrale Reize, welche den Drogenkonsum begleiten und in systematischer Beziehung zur Drogenwirkung stehen, können schließlich selbst körperliche und psychische Reaktionen auslösen. Die Wahrnehmung einer Spritze, der Geruch einer Substanz, oder eine bestimmte Musik können somit auch Auslöser für den Drogenkonsum werden. Dies kann auch als ein Erklärungsaspekt von Rückfällen herangezogen werden (vgl. Friedrichs, 1999).

Persönlichkeitspsychologische Konzepte versuchen bestimmte individuelle menschliche Strukturen als ursächlich für eine Suchtentwicklung auszumachen. So gibt es Methoden der empirischen Persönlichkeitsforschung, mit denen man versucht bestimmte Charakterbeschreibungen von Konsumenten zu erstellen. Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die bei verschiedenen Individuen mit missbräuchlichem Substanzkonsum bzw. einer Suchtproblematik empirisch nachgewiesen wurden. Diese Menschen sind an Unabhängigkeit und Unkonventionalität interessiert, weniger an konventionellen Leistungen. Sie besitzen eine geringe Erfolgserwartung, dafür aber eine höhere Toleranz für Fehlverhalten wie Lügen, Stehlen, Schwindeln und Aggression. Im Vordergrund steht ein erhöhtes Bedürfnis nach kurzfristigen Erfolgen und impulsiven Aktionen. Ursache dieser Verhaltensweisen sind offenbar häufig, ihre tiefer liegenden Kümmernisse und Störungen auszuagieren, die auf gestörte soziale Beziehungen zurückgeführt werden (vgl. Scheerer, 1995).

Bei Adoleszenten Individuen besteht vor allem ein erhöhtes Risiko für Drogenkonsum, wenn sie eine erhöhte Impulsivität aufweisen. Außerdem scheint die Unterscheidung von externalisierten und internalisierten Verhalten von großer Bedeutung. Externalisierendes Verhalten war mit späteren Drogengebrauch verbunden. Internalisierende Verhaltenstendenzen, also ängstliches, gehemmtes und scheues Verhalten, verringerte dagegen das Risiko für Drogengebrauch (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

Bei der Suche von Zusammenhängen zwischen Drogenkonsum und Persönlichkeit beschäftigt sich z.B. auch Cloninger mit Temperament- und Charaktervariablen. Temperamentvariablen beschreiben dabei grundlegende affektive Unterschiede in der Reaktionsweise auf Anforderungen und Anreize der Umwelt. Charaktervariablen bilden den Bereich der Werte, Ziele und Gewohnheiten ab. Treten nichtkompatible Konstellationen von Temperament- und Charakterkomponenten auf erhöht sich das Risiko für eine Abhängigkeitserkrankung. Cloninger bringt in seinem System unterschiedliche Drogenkonsummuster mit verschiedenen Persönlichkeitstypen in Verbindung (vgl. Cloninger, 1993).

2.2.3 Soziale Erklärungsmodelle

Soziale Ansätze erfassen die kollektiven Normen, Werte und Sanktionen, welche den Drogengebrauch beeinflussen. Diese Erklärungsmodelle stellen soziale Aspekte zur Entstehung von Drogensucht in den Vordergrund. Die Ansätze lassen sich aus den Theorien der Devianzforschung ableiten. Drogenmissbrauch und –abhängigkeit zählen zu deviantem Verhalten. Eine deviante Person zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht so verhält, wie es die Gesellschaft von ihr erwartet. Im wesentlichen gibt es zwei Sichtweisen für die Entstehung von Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit. Dies sind die sozialstrukturellen Ansätze und die Ansätze sozialer Etikettierung.

Sozialstrukturelle Ansätze führen abweichendes Verhalten auf reduzierte gesellschaftliche Chancen und daraus resultierende Belastungs- und Bewältigungspotentialen zurück. Hierzu gehören folgende Theorien: die Anomie- Theorie, die Theorie der differenziellen Assoziation, die Chancen- Struktur- Theorie und der Subkultur- Ansatz. Zwei dieser Theorien sollen ansatzweise beschrieben werden:

1. In der Anomie – Theorie beschäftigt man sich mit der zentralen Frage, warum deviantes Verhalten innerhalb verschiedener sozialer Schichten unterschiedlich häufig vorkommt. Drogenkonsum sieht man hier als Rückzugsverhalten, das als Reaktion auf sozialstrukturell vorgegebene Bedingungen erfolgt. Diejenigen, die der Anpassungsform Rückzug folgen, reagieren sowohl auf das Ziel als auch auf die Wege der Erfolgsrealisierung mit Apathie. Da ihnen meist die Mittel der Zielerreichung verwehrt bleiben, reagieren sie mit einer Rückzugshaltung. Mit Rückzug reagieren Personen, deren Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlichen Zielen blockiert sind. Diese Rückzugshaltung kann sich durch Drogensucht ausdrücken. Aus anomietheoretischer Sichtweise ist Sucht eine gesellschaftlich bedingte Verhaltensstrategie. Der Ausweg in die Drogenabhängigkeit gilt als Reaktion auf gescheiterte Versuche der Teilhabe an gesellschaftlichem Erfolg (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).
2. Die Theorie der differenziellen Assoziation setzt nicht auf der makrosoziologischen, sondern auf der mikrosoziologischen Ebene an. Man betrachtet abweichendes Verhalten als erlernt. Drogenkonsum und Drogenmissbrauch wird somit im engeren sozialen Umfeld erlernt und von freundschaftlichen Beziehungen bestimmt. Ob ein Verhalten richtig oder falsch ist, wird immer danach eingeschätzt, welche Einstellungen im sozialen Umfeld bestehen. Ob diese Auffassung mit den allgemeinen Einstellungen von konformen Verhalten übereinstimmt ist von untergeordneter Bedeutung. Man erlernt demnach abweichendes Verhalten in einem Interaktions- und Kommunikationsprozess innerhalb des engen sozialen Umfeldes. Drogenkonsum wird also mit höherer Wahrscheinlichkeit erlernt, wenn Konsumgewohnheiten in diesem Umfeld häufig gezeigt und akzeptiert sind und wenn der Konsum mit positiven Konsequenzen verbunden ist (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

Bei der Chancen-Struktur Theorie handelt es sich um eine Erweiterung der Anomie- Theorie.

Der Subkultur-Ansatz berücksichtigt zur Erklärung devianten Verhaltens sowohl die Anomie- Theorie als auch die Theorie der differenziellen Assoziation.

Im Rahmen der Ansätze sozialer Etikettierung werden zuschreibende Etikettierungsvorgänge und daraus resultierende Normenverletzungen zur Erklärung der Entstehung von Devianz herangezogen. Hierzu gehören folgende Ansätze: Labeling approach und der Ansatz der primären und sekundären Devianz. Auch diese beiden Theorien sollen ansatzweise erläutert werden:

1. Der Schwerpunkt des Labeling approach liegt auf den sozialen Reaktionen, die abweichendes Verhalten hervorrufen. Drogenmissbrauch und –abhängigkeit sind demnach eine Reaktion auf gesellschaftliche Zuschreibungen. Abweichendes Verhalten wird somit als Ergebnis sozialer Interaktion verstanden und nicht als Ausdruck einer geschwächten Position betrachtet. Ausschlaggebend sind demzufolge Normen, die in einer Gesellschaft vorherrschen. Drogengebrauch, -missbrauch und -abhängigkeit werden nur dann zu deviantem Verhalten, wenn sie als solches von der Gesellschaft etikettiert werden (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).
2. Der Etikettierungsansatz wurde durch die Einführung der Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Devianz erweitert. Auch hier wird Drogenmissbrauch als Reaktion auf stigmatisierende Zuschreibungsprozesse verstanden. Primäre Devianz umfasst den Zeitraum, der zwischen dem Auftreten des Verhaltens und dessen Etikettierung als abweichend liegt. Sekundäre Devianz ist die Konsequenz auf diese Etikettierung, ein Ergebnis des Zuschreibungsprozesses (vgl. Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999).

Hier wurde nur ein kleiner Einblick in eine Vielzahl sozialer Erklärungsmodelle gegeben. Auslöser und Ursachen für die Entwicklung einer Abhängigkeit können immer auf allen drei Ebenen der sozialen Umwelt des Individuums liegen.

- „Auf der mikrosoziologischen Ebene wirkt soziale Unterstützung durch Familie und Freundeskreis auf die Ausbildung von Konsumgewohnheiten.“
- „Im mesosoziologischen Bereich sind insbesondere die schulische und berufliche Lebenssituation sowie das Leben in der Gemeinde entscheidend für die Entwicklung spezifischer Konsummuster.“
- „Auf makrosoziologischer Ebene sind soziale Lage und gesellschaftliche Kontrollmechanismen für die Entstehung von Drogensucht von Bedeutung.“

(Gastpar/ Mann/ Rommelspacher, 1999, S.59)

2.3 Das Hilfesystem für substanzabhängige Jugendliche

Bei 90% der Drogenabhängigen liegt der Einstieg in den verbotenen Drogenkonsum zwischen dem 12. und dem 18. Lebensjahr (Friedrich, 2002, S.142).

Außerdem hat die Bielefelder Universität in einer Untersuchung an „Szeneorten“ festgestellt, dass dort etwa 25 Prozent befragter Jugendlicher als stark suchtgefährdet eingestuft werden können. Diese suchtgefährdeten Jugendlichen waren hinsichtlich ihres Konsums von verschiedenen Substanzen eher unkritisch und glaubten, den Umgang kontrollieren zu können. Bei vielen dieser Jugendlichen wurde der Drogenkonsum als Teil des Lebensstils begriffen und war in den Alltag integriert (vgl. DHS, 2003).

Spezielle Angebote für Drogen konsumierende Jugendliche erweisen sich demnach immer mehr als sinnvoll.

2.3.1 Grundprinzipien der Therapie

Die Abhängigkeit ist eine chronische Krankheit, welche phasenhaft verläuft. Diese Phasen sind charakterisiert durch die Veränderungsbereitschaft des Abhängigen und durch die unterschiedliche Art und Intensität des Suchtmittelkonsums. So beschränkt sich die Veränderungsbereitschaft der Abhängigen zu Beginn oft nur auf die Begrenzung der Nachteile (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999).

Im Laufe der Therapie ändern sich die Ziele dann meistens. Aus Sicht eines Abhängigen könnte man in einer Hierarchie folgende Ziele unterscheiden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Hierarchie von globalen Zielen in der Suchtbehandlung

(Heigl-Evers / Helas / Vollmer, 1995, S.129)

Diesen unterschiedlichen Veränderungsbereitschaften werden verschiedene Behandlungsangebote zugeordnet. Man spricht von einer Phasenspezifität von Therapiemaßnahmen. Im idealtypischen Fall geht man von vier Phasen aus:

- Phase der Harm reduction
- Motivationsphase
- Entwöhnungstherapie
- Rückfallprophylaxe bzw. –behandlung (Nachsorge)

(Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999, S.94)

Viele Patienten lassen sich aber oft in mehr als eine Phase einordnen, da die Motivation bei ihnen mehrschichtig oder widersprüchlich ist.

In der ersten Phase, der Phase der Harm reduction, strebt man zunächst nur an, soziale und gesundheitliche Risiken zu reduzieren, die mit dem Suchtmittelkonsum verbunden sind. Hier werden die Patienten über die Gefahren der unterschiedlichen Konsumformen informiert. Es erfolgt eine basale klinische Behandlung, z.B. von Spritzenabszessen bei intravenösem Drogenkonsum. Bei Überdosierung oder gefährlicher Mischintoxikation werden auch Entgiftungsbehandlungen vorgenommen. Die Methadonsubstitution kann man zum Teil auch zu einer Überlebenshilfe im Sinne der Harm reduction zählen (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999).

Während der Motivationsphase besteht das Ziel hauptsächlich darin, dass der Patient in der Phase einer Veränderungsbereitschaft durch gezielte Interventionen so gefördert wird, dass er eine Behandlung seiner Erkrankung aufnimmt. Dies tritt oft in Krisensituationen auf. Bei einer gefährlichen Intoxikation oder wenn z.B. ein bekannter Abhängiger verstirbt, verändert sich oft die Sichtweise des Patienten und er steht grundsätzlichen Änderungen von Suchtmittelkonsum und Lebensstil anders gegenüber. Daran knüpft man an und versucht ihn zu einer Behandlung zu motivieren (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999). Vor allem die Suchtberatungsstellen, aber auch Ärzte nehmen bei der Motivation der Abhängigen eine zentrale Rolle ein.

Hat sich der Patient dazu entschieden eine Entwöhnungstherapie zu beginnen, dann geht dieser in der Regel eine Entgiftung voraus. Hierbei wird das Suchtmittel aus dem Körper entfernt. Es soll in dieser Phase jedoch mehr als lediglich der Verzicht auf das Suchtmittel erreicht werden. Das Ziel während der Entwöhnungstherapie ist der Aufbau eines suchtmittelfreien Lebens in Zufriedenheit. Das Leben des Abhängigen, welches sich bis jetzt nur um den Erwerb und den Konsum des Suchtmittels gedreht hat soll also neu strukturiert werden. So nehmen in dieser Phase neben Psychotherapie und Psychopharmakatherapie auch sozialpädagogische und rehabilitative Maßnahmen eine besondere Bedeutung ein (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999).

Da Suchterkrankungen chronisch rezidivierend verlaufen, ist nach einer erfolgreich abgeschlossenen Entwöhnungstherapie immer mit Rückfällen zu rechnen. In der Phase der Rückfallprophylaxe bzw. -behandlung werden deshalb bestimmte Interventionen durchgeführt, um dieses Krankheitsrisiko zu bewältigen. In dieser oft jahrelangen Nachsorgephase nutzen die Patienten also auch weiterhin professionelle Hilfsangebote und besuchen dazu ergänzend oder auch alternativ eine Selbsthilfegruppe (vgl. Gastpar / Mann / Rommelspacher, 1999).

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Details

Seiten
99
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783832498443
ISBN (Buch)
9783838698441
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224961
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena – Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
abhängigkeit rückfallarbeit jugendarbeit sucht substanzabhängigkeit

Autor

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Titel: Der Umgang mit Rückfällen während der Suchttherapie mit substanzabhängigen Jugendlichen