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Sexueller Missbrauch - Kinder als Täter

Diplomarbeit 2006 69 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

1.0 Einleitung

Sexuell aggressive Kinder sind kein neues Phänomen. Erste Fallsammlungen wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Obwohl die Literatur über sexuellen Missbrauch inzwischen unübersehbar geworden ist und sexueller Missbrauch durch Kinder und Jugendliche verstärkt in den Blick der Forschung geraten, findet sich speziell für den Bereich sexuell übergriffiger Kinder bzw. sexuellen Missbrauch durch Kinder kaum etwas. Auch in der Forschung finden sich nur wenige empirische Untersuchungen, die meisten beziehen sich auf kindliche und jugendliche Täter zusammen. Da aber mittlerweile bekannt ist, dass die meisten Täterkarrieren in der Kindheit beginnen, oder anders gesagt, dass „ die Grundlage für das sexuelle Misshandlungsmuster oft bereits im Jugendalter oder früher angelegt werden“ ( Fürniss, 2000) bin ich der Ansicht, dass eine gesonderte Betrachtung des Bereichs -Kinder als Täter- wichtig ist.

Ziel dieser Diplomarbeit soll es sein, den Zusammenhang von sexuell missbräuchlichem Verhalten und Aggressivität und dessen Entwicklung herzustellen, die Entwicklung einer normalen kindlichen Sexualität darzustellen und Möglichkeiten aufzuzeigen, sexuell übergriffiges Verhalten davon abzugrenzen. Die Herausarbeitung von den Ursachen für sexuell missbräuchliches Verhalten von Kindern wird den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen. Da, wie bereits erwähnt die Mehrzahl jugendlicher Täter bereits als Kinder durch sexuell übergriffiges Verhalten auffallen, kann durch die Analyse der Ursachen bestimmt werden, welche Maßnahmen zur Prävention und Intervention ergriffen werden können, um effektiv die Wahrscheinlichkeit von Täterkarrieren zu vermindern.

Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von Sozialarbeit werden im letzten Abschnitt besprochen.

2.0 Allgemeine Grundlagen

Bevor die oben beschriebenen Punkte besprochen werden, ist es angebracht zu definieren, was unter einem Kind und unter dem Begriff „Sexueller Missbrauch“ zu verstehen ist. Des Weiteren wird kurz auf das Ausmaß und die Formen sexuellen Missbrauchs durch Kinder eingegangen.

2.1 Definition

Der Begriff Kind wird unter anderem mit seinen Altersangaben in den zahlreichen Wissenschaften, beispielsweise der Soziologie oder der Psychologie unterschiedlich angewandt. In dieser Arbeit werde ich mich an den juristischen Begrifflichkeiten in Deutschland orientieren und ein Kind gemäß der §§ 7 I SGB VIII; § 1 I S.1 JuSchG i.V.m. § 1 JGG als eine Person, die noch nicht 14 Jahre alt ist, definieren.

In der Auseinandersetzung mit der Thematik des sexuellen Missbrauchs durch Kinder besteht das Problem, dass über den sexuellen Missbrauch an sich keine einheitliche Definition existiert. In der Literatur finden sich verschiedene Kriterien, welche für eine Definition von sexuellem Missbrauch als grundlegend erachtet werden.

Finkelhor nennt die Zustimmung des Kindes, die Bewertung des Kindes und die Gesellschaftsnormen als bedeutsam[1] ; Bange und Deegener geben als Definitionskriterien das „wissentliche Einverständnis“, die Folgen, die Missachtung des kindlichen Willens, das sich missbraucht fühlen, sexueller Missbrauch durch Worte und Blicke, einen Altersunterschied zwischen Täter und Opfer und Zwang und Gewalt an[2]. Dann lassen sich die verschiedenen Definitionen noch hinsichtlich ihres Inhaltes klassifizieren. Amann und Wipplinger unterschieden beispielsweise zwischen engen und weiten, gesellschaftlichen, feministischen, entwicklungspsychologischen und klinischen Definitionen[3]. Die Definitionskriterien und Klassifizierungen seien an dieser Stelle nur kurz erwähnt, da sie für die Fragestellung dieser Arbeit keine große Bedeutung haben.

Neben dem Begriff „sexueller Missbrauch“ werden zahlreiche weitere Bezeichnungen, beispielsweise sexuelle Gewalt (Bange/Deegener[4], Rossilhol)[5]

oder sexuelle Aggressivität (Romer, 2002)[6] verwendet. Eine gute

Übersicht zu den einzelnen Termini und Erläuterungen dazu findet sich bei Wipplinger und Amann[7], worauf ich an dieser Stelle verweisen möchte.

Cavavagh Johnson benennt vier Kriterien um kindliche Täterschaft zu definieren:

- Gemeinsames sexuelles Handeln mit einem anderen Kind,
- Benutzung von Gewalt oder Zwang, um die Teilnahme des anderen Kindes zu erreichen; (oder) das Opfer war zu jung, um zu realisieren, dass er/sie missbraucht wurde und werte sich nicht gegen die sexuellen Handlungen; (oder) es war eine Tat wie z.B. Exhibitionismus,
- Einen Altersunterschied von mindestens zwei Jahren,
- Ein Muster sexuell offensiven Verhaltens in der Geschichte des Kindes.[8]

Romer[9] ist der Ansicht, dass psychopathologisches Wissen nicht im Sinne einer „Rückdatierung“ auf so genannte „Kinder-Täter“ angewandt werden kann und eine die jeweilige Altersstufe des Kindes berücksichtigende entwicklungs-psychopathologische Verstehensweise erforderlich ist. Alle Formen sexuell getönter Handlungen eines Kindes an einem anderen Kind, welche gegen dessen Willen umgesetzt werden, sollten dem Begriff der sexuell aggressiven Impulsivität zugeordnet werden. So genannte „Doktorspiele“ oder das „sexual rehearsal play“, bei denen Kinder einvernehmlich miteinander sexuell experimentieren, sind davon abzugrenzen. Wenn Gewalt, Zwang oder Bedrohung angewandt wurde oder wenn eine Form von Verletzungen des Opfers vorhanden ist, dann ist zweifelsfrei von einem sexuellen Angriff auszugehen. Weitere Kriterien zur Abgrenzung sexueller Angriffe von experimenteller sexueller

Aktivität unter Kindern sind laut Romer (2002) ein Altersunterschied von 5 Jahren und körperliche Gewaltanwendungen, welche mit ausgeprägt sadistischen Körper-zerstörungsimpulsen einhergehen. Um vermeintliche sexuelle Auffälligkeiten bei Kindern jedoch nicht vorschnell zu pathologisieren oder zu

kriminalisieren, ist ein breites Wissen über die normale Entwicklung kindlichen Sexualverhaltens nötig.

Das Definitionskriterium des Altersunterschiedes zwischen Opfer und Täter bei sexueller Gewalt unter Kindern erweist sich in seiner Anwendung als problematisch, da die „Opfer“ älter als die „Täter“ sein können.[10]

Auch Julius und Böhme (1997) geben an, dass in verschiedenen Untersuchungen, deren Definitionen konkrete Angaben über Altersdifferenzen enthalten, sexuelle Übergriffe durch Gleichaltrige oder nur wenig ältere Kinder deshalb berücksichtigt werden, da zusätzlich das Kriterium der Anwendung von Zwang und Gewalt in die Definition aufgenommen wird[11]. Bei einer Erfüllung des letztgenannten Kriteriums muss keine Altersdifferenz vorliegen, damit eine sexuelle Handlung als missbräuchlich definiert wird.

2.2 Ausmaß und Formen des Missbrauchs

Etwa ein Drittel aller Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Jungen wird von kindlichen oder jugendlichen Tätern verübt (z.B. Deegener 1999, Waschlewski 1999, Howard/Marshall/Hudson 1993)[12]

Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik[13] lag die Anzahl der Tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Jahre 2004 bei 1055 Kindern, was einer Prozentzahl von 2,7 entspricht, wobei 9 Kinder unter 6 Jahren, 30 Kinder unter 8 Jahren und 77 Kinder unter 10 Jahren waren. Im Deliktbereich der Vergewaltigung und sexueller Nötigung gemäß §§ 177 II, III und IV, 178 StGB gab es 2004 98 Tatverdächtige unter 14 Jahren (1.3%), wobei 3 Verdächtige unter 6 Jahren waren.

Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst jedoch nur angezeigte und polizeilich registrierte Verdachtsfälle. Viele der sich tatsächlich ereigneten Taten werden der Polizei aus unterschiedlichen Gründen nicht bekannt.[14]

Studien über kindliche und jungendliche Missbraucher insgesamt gibt es viele,

wenige aber explizit über „Täter“ bis 14 Jahren.

Homes schreibt[15], dass Johnson (1988) von 47 missbrauchenden Jungen im Alter von 4 bis 13 Jahren berichten und 1989 in ihrer Studie Mädchen und Jungen unter

12 Jahren erwähnen, die Kinder sexuell missbraucht hatten. In der Studie von Burger und Reiter (1993) waren 16 der jüngsten Missbraucher unter 12 Jahren und 41 zwischen 14 und 12 Jahren.

Der Mangel an aussagekräftigen Studien ist unter anderem ein Grund dafür, dass wenig konkrete Angaben bezüglich des Dunkelfeldes gemacht werden können. Andererseits kann davon ausgegangen werden, dass viele Fälle nicht als sexueller Missbrauch gedeutet werden, da sie als pubertäre Spielerei bagatellisiert werden, als einmaliger Ausrutscher ignoriert werden oder die Opfer keine konkreten Angaben bezüglich der Freiwilligkeit machen können.

Bereits deutlich vor der Pubertät umfassen Handlungen sexuell aggressiver Kinder die meisten bei erwachsenen Tätern bekannten Formen sexueller Gewalt, einschließlich gewaltsam erzwungener Penetration, sowie dem Gefügig machen zum Oralverkehr oder manuell-genitaler Stimulation durch Einsatz von Drohungen. Eine weitere Form ist das kindliche Modell der Prostitution, indem ein Kind ein jüngeres Kind durch Geschenke dazu bringt, sexuelle Manipulationen an sich vornehmen zu lassen.[16]

Der Geschwister-Inzest ist eine spezielle Form des sexuellen Missbrauchs durch Kinder, welcher nach Schätzungen von Adler und Schutz (1995) fünfmal so häufig ist wie Eltern-Kind-Inzest.[17] Da auf diese Sonderform des sexuellen Missbrauchs unter Kindern im Rahmen dieser Diplomarbeit nicht weiter eingegangen werden kann, verweise ich diesbezüglich auf Romer/ Walter (2002).[18]

3.0 Sexuelle Gewalt / sexuelle Aggression

In der Literatur wird beim sexuellen Missbrauch durch Kinder vermehrt der Begriff sexuelle Gewalt oder sexuelle Aggression verwendet. Der sexuelle

Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kinder geht teilweise mit einem großen Aggressionspotential einher.[19]

Kids, die andere Kids gegen erklärten Willen und unter teilweise massiver Androhung und Anwendung körperlicher Gewalt zum Sex zwingen – und sexuell missbrauchen[20]

Auch Romer und Berner (1998) grenzen missbräuchliche sexuelle Aktivität bzw. sexuell aggressive Impulsivität von sexuellen Rollenspielen durch unter anderem die Anwendung von Gewalt, Zwang oder Drohung ab.[21]

Die Ausübung sexueller Gewalt erfolgt weniger mit dem Ziel der Befriedigung sexueller Bedürfnisse, sondern eher mit denen der Selbstdarstellung, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Gerechtigkeit, Dominanz oder Macht[22].

Als Motive für sexuelle Gewalt nennen Gallwitz und Paulus(1998) das Ausleben von Phantasien und Wünschen, das Ausleben von Konflikten, Wiederholungszwang, Ausübung von Macht, soziale Einflussnahme, Rache, Schädigung für Demütigungen oder Versagen.[23]

3.1 Definitionen: Aggression/ Gewalt

Die Beschreibung der Begriffe erweist sich als schwierig, da es weder im Alltagsverständnis noch in den Fachdisziplinen eine allgemein akzeptierte Aggressionsdefinition gibt.

Für Selg(1997) besteht eine Aggression in einem gegen einen Organismus oder einen Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize; eine Aggression kann offen sein oder verdeckt ; sie kann positiv oder negativ sein.[24] Unter „schädigen“ versteht Selg beschädigen, verletzen, zerstören, aber auch Verhaltensweisen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwer zugänglich sind, wie beleidigendes oder Schmerz zufügendes Verhalten.

Aggression beschreibt ein Verhalten und Aggression ist kein Affekt, wie Ärger, Wut oder Hass.

Gewalt beschreibt Selg als in erster Linie physische Gewalt (physische Aggression), die mit relativer Macht einhergeht.[25]

Jung gibt an, dass Gewalt nach Lösel (Lösel, 1999) ein komplexer und auch im kriminologischen Zusammenhang uneinheitlich gebrauchter Begriff ist, welcher überwiegend schwere Formen der Aggression beinhaltet, vor allem die

absichtliche physische Schädigung anderer oder ein vergleichbarer psychischer Zwang.[26]

Auch Deegener ist der Ansicht, dass aggressives Verhalten in verschieden Formen der Gewaltanwendung unterteilt werden kann, wovon eine die sexuelle Gewalt ist.[27] Als Erfahrung von Grenzen und Möglichkeiten gehören Aggression und Gewalt durchaus zur normalen kindlichen Entwicklung. Wiederholen sich aber aggressive Handlungen von Kindern, spricht Deegener (2002) von „Mobbing“. Mobbing kann erfolgen durch Worte (u.a. Beschimpfen, Verspotten), körperlich Aggression (u.a. Schlagen, Bewerfen), Gesten (u.a. Stinkefinger, abwertende Blicke) oder weiteren Formen, wie jemanden nachäffen oder wie Luft behandeln. Erst wenn diese Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum und wiederholt auftreten, wird von Mobbing als einer Gewaltform gesprochen. Oft wird sie auch dann eher als „kleine Gewalt“ gesehen. Von „großer Gewalt“ wird bei Gewalthandlungen, welche Straftatbestände erfüllen gesprochen.

Ob ein Verhalten als aggressiv bewertet wird, hängt von der Reife, der Begabung und der Einsichtsfähigkeit des Menschen ab, der es zeigt. Auch eigene subjektive Einstellungen und Haltungen, soziale Lernprozesse und die eigene Lebensgeschichte haben einen großen Einfluss auf die Bereitschaft zur eigenen Aggressivität, wie auch zur Wahrnehmung und Bewertung von aggressivem Verhalten anderer.

Die Motive und Gefühle, aus denen Aggressionen entstehen, sind nach Deegener (2002) ganz unterschiedlicher Natur. Angst, Unsicherheit, Minderwertigkeit, Macht, Enttäuschung sind unter anderem an der Entstehung von Aggression und Gewalt beteiligt.

3.2 Entwicklung der Aggressivität

Deegener zeigt die Entwicklung kindlicher Aggression im Verlauf verschiedener Entwicklungsphasen auf.[28]

Babys und Kleinstkinder können ihre Gefühle und Bedürfnisse nur durch Schreien und Brüllen äußern. Damit sich der Säugling sicher und geborgen fühlt und Vertrauen in die Menschheit gewinnt, was als Grundstein für das sich allmählich

entwickelnde Selbstbewusstsein- und vertrauen angesehen werden kann, müssen die Bedürfnisse des Kindes gestillt werden.

Bereits Kleinkinder unterscheiden sich erheblich in ihren Möglichkeiten des Verhaltens und Reagierens, z.B. die Art des Reagierens auf unbekannte Reize oder den motorischen Aktivitäten. Die elterlich Reaktion auf diese Verhaltens-möglichkeiten, welche abhängig von einem Wechselspiel zwischen Erbe und Umwelt sind, können, wenn sie abweisend ausfallen, zu ersten belastenden Eltern-Kind Beziehungen führen.

Etwa zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem dritten bzw., vierten Lebensjahr wollen Kinder ihre Umwelt durch beispielsweise anfassen, sich beschmutzen, Willen erproben oder Wünsche durchsetzten erkunden und erobern. Manches Verhalten, was dem Austesten der Grenzen oder dem Durchsetzen der eigenen Bedürfnisse dient, fällt durchaus sehr stürmisch aus. Parallel zu diesem Trotzverhalten beginnt das Kind noch damit zu lernen, momentane Bedürfnisse aufzuschieben oder auf sie zu verzichten. Wenn dieses nicht gelingt, äußert sich die Enttäuschung in Wut und Aggression, welche auch an Gegenständen, die Schmerz und Kummer bereitet haben und deshalb bestraft werden müssen, ausgelassen werden können. Aggressives Verhalten, mit dem ein Kind bewusst anderen Menschen seinen Willen aufzwingen will, ist vom Trotzverhalten abzugrenzen.

Deegener (2002) ist der Ansicht, dass es in einem gewissen Maß auch als normal anzusehen ist, wenn jüngere Kinder Meinungsverschiedenheiten körperlich austragen oder spielerisch Kraftausdrücke verwenden. Sie wiesen noch einfache moralische Vorstellungen auf, müssen noch die Wirkung ihres Zurückschubsens einschätzen lernen. In dieser Lebensphase des Kindes ist für die weitere Entwicklung, auch für den weiteren Umgang mit Aggressionen, der sich immer

stärker ausbildende Erziehungsstil der Eltern entscheidend.

Die Haltungen der Eltern bezüglich ihres Erziehungsstils teilt Deegener (2002) in vier Bereiche:

- Ausmaß elterlicher Zuwendung und Unterstützung
- Ausmaß elterlicher Strenge und Strafe
- Ausmaß des erzieherischen Engagements
- Ausmaß der Selbstständigkeit, die dem Kind zugebilligt wird.

Hinreichende Zuwendung und Unterstützung, genügend Förderung der Selbstständigkeit und ausreichend erzieherisches Engagement erhöhen die

Wahrscheinlichkeit, dass beim Kind keine Verhalten-, Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen entstehen. Bei einem geringen Ausmaß in diesen drei Bereichen und einem hohen Maß an elterlicher Strenge und Strafe ist die Wahrscheinlichkeit umso größer, dass sich Verhaltensstörungen herausbilden.

Ein Erziehungsstil, der dauerhaft so ausgelegt ist, kann den Grundstein für aggressives und delinquentes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen legen.

Die innerhalb der Familie gemachten Erfahrungen und gelernten (aggressiven) Verhaltensweisen können in der weiteren Entwicklung des Kindes auf die Bereiche Kindergarten und Schule übertragen werden, was wiederum dazu führen kann, dass das Kind von anderen Gleichaltrigen abgelehnt oder sozial isoliert wird. Die Frustrationstoleranz beim Kind und sein Selbstbewusstsein werden durch die neuerlichen Enttäuschungen immer geringer. Da die Lernmöglichkeiten hinsichtlich Durchsetzung und der Lösung von Konflikten in der Gruppe der Gleichaltriegen aufgrund der sozialen Ausgrenzungen immer schlechter werden, wird das Kind meist mit seinen bisherigen Verhaltensweisen reagieren und scheitern. Es entwickelt sich eine Spirale, in der Schwierigkeiten, Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten sich hochschrauben.

Nun besteht die Gefahr, dass diese Kinder, welche das Gefühl entwickeln, von anderen abgelehnt zu werden und in einer ihnen gegenüber feindlich gesonnenen Umwelt leben, sich anderen Kindern anschließen, die aggressives Verhalten eher tolerieren oder bewundern. Die Möglichkeiten, positive soziale Fertigkeiten zu erlernen werden dadurch eingeschränkt und aggressives Verhalten wird verstärkt und verfestigt.

Nach Deegener (2002) finden sich im kindlichen oder jugendlichen Leben noch zahlreiche Umstände und Ereignisse, die in aggressives Verhalten umschlagen

können. Exemplarisch seien hier Trennungsangst, Überforderung und Eifersucht genannt.

Selg[29] unterteilt die Entwicklung der Aggressivität in drei Phasen, wobei er zwischen den Phasen keine festen zeitlichen Grenzen setzen kann.

3.2.1 Erste Präliminarphase der Aggressivität: Phase der aggressionsaffinen Emotionen

In der ersten Phase treten noch keine Aggressionen auf, sondern lediglich aggressionsaffine Emotionen, welche negative Gefühlsreaktionen wie Unlust, Unmut, Ärger, Wut sind. Diese Reaktionen treten bei Säuglingen und Neugeborenen bei störenden Anlässen wie Körperpflege, Mahlzeiten, Ankleiden oder der Unterbrechung eigener Aktivitäten auf und zeichnen sich durch eine besondere Körper- und Gesichtsmotorik oder durch stimmliche Qualitäten (Weinen, Schreien) aus. Im Normalfall einer guten Mutter-Kind Beziehung folgt auf die kindliche Reaktion ein beruhigendes Verhalten der Mutter.21

3.2.2 Zweite Präliminarphase der Aggressivität: Trotzanfälle und Proto-Aggression

Neben den aggressionsaffinen Reaktionen, welche sich weiterentwickeln, sind bereits in den ersten Lebensmonaten bestimmte Verhaltensweisen zu beobachten, die erste Merkmale aggressiven Verhaltens aufweisen.

Das „aggressionsrelevante“ Verhalten, welches „erbgenetisch vorprogrammiert“ ist, besteht aus einfachen Affektreaktionen. Auf dieses vorprogrammierte Verhalten folgt eine Phase, in der „ ärgerbezogene Verhaltensmuster und ihre Effekte gelernt werden.“ Diese Verhaltensmuster werden Proto-aggressive Handlungen genannt, solange eine Intention zu verletzen nicht ersichtlich ist.

Sie sind eine Vorform der Aggressivität. Der Übergang zur Aggressivität findet zwischen 6 Monaten und zwei Jahren statt.

Proto-aggressive Verhaltensweisen, welche von Kind zu Kind unterschiedlich wechseln, sind u.a. etwas wegwerfen (etwa ab 7 Monaten) oder spucken (etwa ab 10, 5 Monaten).

Je nach elterlicher Reaktion setzen Kinder Verhalten gezielt ein.

Trotzanfälle treten im zweiten Lebensjahr als eine Ärger/Wut Reaktion auf. Sie sind bei den meisten Kindern eher selten und im Allgemeinen nicht zu den Aggressionen zu zählen, da die Reaktion nicht gegen jemanden gerichtet wird.[30]

3.2.3 Phase der Aggressivitäts-Etablierung und –Differenzierung

Die dritte Phase der Aggressionsentwicklung ist zeitlich und inhaltlich relativ offen, sie beginnt bei manchen Kind mit zwei Jahren und geht bis zum Lebensende.[31]

Aggressivitätsentwicklung bei Kindern zwischen etwa zwei und etwa sechs Jahren

Bei Kindern in diesem Alter ist eine Abnahme der Proto-Aggression (ungerichtete Aggressivität) und eine Zunahme der psychischen Verletzungen durch verbale Aggressivität zu erkennen.

Aggressionen bewähren sich bei der Durchsetzung und Problemlösung ebenso, wie bei der Erringung von Aufmerksamkeit, auch wenn diese negativ bzw. strafend ist. Andere Kinder, Geschwister, Eltern oder Medien dienen als Modelle für aggressives Verhalten.

Selg (1997) stellt heraus, dass Jungen im Vorschulalter aggressiver sind als Mädchen, was durch die größere Körperkraft der Jungen und die geschlechtstypischen Rollenzuweisungen erklärbar ist.

Aggressivitätsentwicklung bei Kindern zwischen etwa sechs Jahren und der Pubertät

Es gibt keine eindeutigen Befunde, ob die Aggressivität zwischen Schulbeginn und Pubertät steigt. Insgesamt gibt Selg (1997) an, dass die Aggressionsforschung im Bereich der späteren Kindheit und Jugend mangelhaft ist.

Die elterlichen Modelle und ihre Erziehung haben eine große Bedeutung für die Entwicklung aggressiven Verhaltens und auch die Schule ist an der Verhaltensentwicklung der Kinder beteiligt. Soziale Unterschiede zwischen den „Schichten werden deutlich, eine liebevolle, friedfertige Umwelt behindert die Entwicklung von Aggressivität und begünstigt prosoziales Verhalten.

4.0 Kindliche Sexualität

Lange Zeit galten Kinder in unserer Kultur als „asexuelle“ Geschöpfe.[32]

Den Mythos vom sexualitätsfreien Kind beendete Freud mit seinen Theorien zur „kindlichen Sexualität“, worauf im Rahmen dieser Diplomarbeit aufgrund des Umfanges nicht weiter eingegangen werden kann. Diesbezüglich verweise ich auf

Dagma Potzykus, /Manfred Wöbcke und Charles Brenner[33]

Ford und Beach (1968, S.7)[34] bezeichnen jenes Verhalten als Sexualverhalten, welches „mit der Reizung und Erregung der Sexualorgane“ verbunden ist.

Bettina Schuhrke erweitert dieses dadurch, dass genitale Erregungen nicht nur durch Handlungen, sondern auch durch Gedanken, Phantasien und Empfindungen hervorgerufen werden können[35]. In der Regel wird bei Kindern noch als Sexualverhalten aufgefasst, was zur sexuellen Annäherung zwischen den Geschlechtern gehört oder was dem unmittelbar körperlichen Sexualkontakt Erwachsener entspricht. Ebenfalls zählt Schuhrke (2002) die auf primäre und sekundäre Geschlechtsorgane gerichtete Neugier und körperliche Untersuchung dazu.

Sexuelle Reaktionen, Manipulationen oder Situationen haben für Kinder zunächst keine sexuelle Bedeutung und dürfen nicht mit denen Erwachsener gleichgesetzt

werden[36] Erst durch die Einführung in das in unserer Kultur herrschende symbolische System für Sexualität[37], welches durch die Interaktionen mit Bezugspersonen, Medieninhalten, etc. transportiert wird, gewinnen diese an Bedeutung.

Was Kindern an Sexualität zugestanden wird, ist gesellschaftlich

geprägt. Neben den sozialen Einflüssen wird die sexuelle Entwicklung von der biologischen Grundlage und der Eigenaktivität des Kindes beeinflusst.[38] Zusätzlich zum sexuellen Verhalten im eigenlichen Sinne gehören Bereiche wie Geschlechtsidentität, Intimität und Privatheit, sexuelle Orientierung, Geschlechtsrolle, sexuelles Wissen und körperliche Veränderung zur sexuellen Entwicklung.[39]

Kindliches Sexualverhalten kann als sexuelle Erfahrung mit dem eigenen Körper oder als sexuelle Erfahrung mit anderen erlebt werden.

Bereits im Mutterleib und in den ersten Monaten nach der Geburt zeigen Kinder reflexhafte sexuelle Reaktionen, welche bei verschiedenen Gelegenheiten, wie beispielsweise beim Saugen oder bei affektiven Verspannungen vorkommen. Bereits im ersten Lebensjahr spielen Kinder an ihren Genitalien. Schuhrke (2002) gibt an, dass bereits ab dem vierten Monat Orgasmen beobachtet wurden, welche das Kind nicht durch Manipulation auslöst, sondern welche durch andere Reizungen im Genitalbereich zustande kommen.

Im ersten Lebensjahr hat die Auseinandersetzung der Kinder mit ihren Genitalien überwiegend den Zweck der Erforschung und nur selten eine lustvolle Komponente.[40] Im zweiten Lebensjahr setzt sich diese Untersuchung fort; Kinder entdecken ihre Genitalien bereits sehr bewusst, teilweise mit Zunahme der spielerischen Manipulation und der Lustkomponente. Diese lustvolle Erfahrung ist eine Möglichkeit für das Kind, sich hinsichtlich Zärtlichkeiten und Wohlbefinden von den Erwachsenen unabhängig zu machen. Im dritten Lebensjahr erfolgt eine weitere Intensivierung dieser Auseinandersetzung, sodass von Masturbation gesprochen werden kann.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrheit der Kinder im Alter bis zu sechs Jahren an ihren Genitalien herumspielt und dass Manipulationen, die mit Lust und Erregung, aber nicht unbedingt mit Orgasmen einhergehen, in der frühen Kindheit weit verbreitet sind. Im Grundschulalter scheinen die Masturbationen

zurück zu gehen, und vor bzw. mit der Pubertät wieder vermehrt aufzutreten. Schuhrke weist darauf hin, dass Angaben aus verschiedenen Studien variieren, was damit zusammenhängt, dass meist Eltern oder Erwachsene retrospektiv befragt werden oder Kinder ihre sexuellen Aktivitäten verbergen.[41]

Erstes Interesse an den Genitalien anderer Personen bemerken die Eltern bereits am Ende des ersten Lebensjahres, der Median liegt bei der Beschäftigung in den Untersuchungen von Schuhrke bei 18 Monaten[42]. Kinder wollen die Geschlechtsteile ihrer Eltern erkunden, anschauen, manchmal berühren, so wie sie beispielsweise die Nase von Erwachsenen anfassen. Das Interesse ist anfangs

überwiegend an Nacktheit gebunden und richtet sich an die Eltern, mit zunehmenden Alter (ab dem zweiten Lebensjahr) auch an Geschwister und in einigen Fällen auch an nicht zur Familie gehörenden Kindern und Erwachsenen. Über sexuelle Phantasien von Kindern über andere Personen gibt es keine gesicherten Informationen. Erst ab einem Alter von 10 Jahren werden diese Gefühle stabile, erinnerbare Erfahrungen, was nach Herdt und

McClintock (2000)[43] mit der Adrenarche in Verbindung gebracht wird.

Einen großen Bereich der sexuellen Erfahrungen mit anderen nehmen bei Kindern die sexuellen Spiele ein, worauf im folgenden Kapitel noch detailliert eingegangen wird.

[...]


[1] Julius H. /Boehme,U. ,: 1997, S. 17.

[2] Bange,D / Deegener,G.,: 1996, S. 103.

[3] Vgl. Amann,G. / Wipplinger,R.,: 1998, S. 20 f..

[4] Bange,D. / Deegener,G.,: 1996, S. 103.

[5] Rossilhol,J.-B.: Sexueller Missbrauch durch Kinder und Jugendliche, in: Rossilhol, J.-B.,: 2005, S. 10.

[6] Vgl. Romer, G.: In : Bange, D. /Körner, W. (Hrsg.),: 2002, S. 270f.

[7] Vgl. Amann, G./ Wipplinger, R.,: 1998, S. 13 f.

[8] Rossilhol, J.-B. : Sexueller Missbrauch durch Kinder und Jugendliche, In: Rossilhol, J.-B.,: 2005, S. 27

[9] Vgl. Romer, G.: In: Bange, D./Körner, W. (Hrsg.),: 2002, S. 270, 271.

[10] Vgl. Rossilhol, J.-B.: Sexueller Missbrauch durch Kinder und Jugendliche, In: Rossilhol, J.-B.,: 2005, S. 28-29.

[11] Vgl. Julius, H./ Boehme, U.,: 1997, S. 25.

[12] Meyer-Deters, W.: In: Enders, U. (Hrsg.),: 2003, S.371.

[13] Polizeiliche Kriminalstatistik,: 2003

[14] Vgl. Bange, D.: In: Bange, D/ Körner, W. (Hrsg),:2002, S. 20.

[15] Vgl. Homes, A. M.,: 2003, S. 252 f.

[16] Vgl. Romer, G.: In: Bange, D./Körner, W. (Hrsg),: 2002, S. 271.

[17] Rossilhol, J.-B.: Sexueller Missbrauch durch Kinder und Jugendliche, In: Rossilhol, J.-B.,: 2005, S 22.

[18] Vgl. Romer, G/ Walter, J.: In: Bange, D/ Körner, W.(Hrsg.): 2002, S. 154-161.

[19] Vgl. Bange, D/ Deegener, G.: 1996, S.145; Trube-Becker, E.,: 1992, S. 50.

[20] Homes, A.M.,: 2003,S. 243.

[21] Vgl. Romer, G.: In: Bange, D/ Körner, W.(Hrsg.),: 2002, S. 271.

[22] Vgl. Gallwitz, A./ Paulus, M., 1998, S. 49; Amann, G./ Wippinger, R, 1998, S. 25f.

[23] Gallwitz, A./ Paulus, M., 1998, S. 49.

[24] Selg, H./ Mees, U,/ Berg, D.(Hrsg),: 1997, S. 4.

[25] Selg, H./ Mees, U./ Berg, D. (Hrsg.), 1997, S. 8.

[26] Vgl. Jung, M. : In: Ostendorf, H./ Köhnken, G./ Schütze, G. (Hrsg),: 2002, S. 48.

[27] Deegener, G.: 2002, S. 11.

[28] Vgl. Deegener, G.: 2002, S. 67f.

[29] Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D.,: 1997, S.44.

21 Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D.,: 1997, S. 45 – 56.

[30] Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D,: 1997, S. 56- 69.

[31] Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D,: 1997, S. 70 – 95.

[32] Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D,: 1997, S. 59.

[33] Potrykus, D./Wöbcke, M.: 1974, S.9ff./ Brenner, Ch.: 1989, S. 33ff.

[34] Vgl. Selg, H./ Mees, U./ Berg, D,: 1997. S. 10.

[35] Vgl. Schuhrke, B.: In: Bange, D/ Körner, W. (Hrsg),: 2002, S. 548-549.

[36] Lautmann, R., 1994, S. 60-61.

[37] Schuhrke, B.: In Bange, D/ Körner, W. (Hrsg),: 2002, S. 549.

[38] Schuhrke, B.: In: Rutschky, K./ Wolff, R. (Hrsg),: 1994, S. 98.

[39] Vgl. Schuhrke, B.: In: Bange, D./ Körner, W. (Hrsg.),: 2002, S. 549

[40] Vgl. Schuhrke, B.: In: Rutschky, K./ Wolff, R. (Hrsg),: 1994, S. 101.

[41] Vgl. Schuhrke, B.: In: Bange, D./ Körner, W. (Hrsg.),: 2002, S. 549.

[42] Vgl. Schuhrke, B.: In: Rutschky, K./ Wolff, R. (Hrsg),: 1994, S. 104.

[43] Schuhrke, B.: In: Bange, D./ Körner, W. (Hrsg.),: 2002, S. 551.

Details

Seiten
69
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783832495534
ISBN (Buch)
9783838695532
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224676
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln – Sozialarbeit
Note
1,3
Schlagworte
gewalt sexualität aggression misshandlung

Autor

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Titel: Sexueller Missbrauch - Kinder als Täter