Lade Inhalt...

Kinder von pathologischen Spielern

Lebensbedingungen, Belastungen & Ressourcen bei Kindern aus Familien mit glücksspielabhängigen Eltern - Eine qualitative Studie mit Kindern

Diplomarbeit 2005 145 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

InhALTSVERZEICHNIS

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Sucht
2.1.1 Der Suchtbegriff
2.1.2 Stoffgebundene Sucht vs. Stoffungebunden Sucht
2.1.3 Glücksspielsucht
2.2 Familie und Sucht
2.2.1 Die Familie aus Systemischer Sicht
2.2.2. Sucht als Familienerkrankung
2.2.3 Der Begriff der Co- Abhängigkeit
2.2.4 Auswirkungen der Glücksspielsucht auf den Partner
2.3 Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung
2.4 Kinder aus suchtkranken Familien
2.4.1 Kinder von Pathologischen Glücksspielern

3 Forschungsmethode
3.1 Wahl der Forschungsmethode
3.2 Qualitative Forschungsmethoden
3.2.1 Kennzeichen qualitativer Forschung
3.2.2 Methoden der qualitativen Forschung
3.3 Das Qualitative Interview
3.3.1 Das Leitfaden- Interview
3.4 Die Datenauswertung
3.4.1 Die qualitative Inhaltsanalyse
3.4.2 Analyse und Auswertung von Leitfadeninterviews
3.5 Exkurs: Besonderheiten bei Interviews mit Kindern

4 Vorbereitung und Durchführung der Untersuchung
4.1 Forschungsfrage
4.2 Entwurf des Interviewleitfadens
4.2.1 Leitfaden für Kinder
4.2.2 Leitfaden für „erwachsene Kinder“
4.3 Kontaktaufnahme zu den Interviewpartnern
4.4 Stichprobenzusammensetzung
4.5 Durchführung der Interviews

5 Einzelauswertung der Interviews
5.1 Hannah, 33 Jahre, weiblich
5.2 Anne, 25 Jahre, weiblich
5.3 Diana, 35 Jahre, weiblich
5.4 Saskia, 12 Jahre, weiblich

6 Analyse und Interpretation der Ergebnisse
6.1 Analyse der einzelnen Themenbereiche
6.1.1 Familienalltag
6.1.2 Eigenes Verhalten und Reaktionen auf den Familienalltag
6.1.3 Thematisierung der Glücksspielproblematik in der Familie
6.1.4 Thematisierung der Glücksspielproblematik nach außen
6.1.5 Einstellung zum glücksspielabhängigen Elternteil
6.1.6 Einstellung zum anderen Elternteil
6.1.7 Belastungen und Probleme
6.1.8 Einstellung zum Glücksspiel und anderen Suchtstoffen
6.1.9 Ressourcen
6.1.10 Wünsche/Hilfestellungen
6.1.11 Wendepunkte/ prägende Kindheitserlebnisse
6.2 Interpretation der Ergebnisse

7 Diskussion

8 Resümee und Ausblick

9 Literaturverzeichnis

Anhang

A Kontaktadressen

Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen

Kontaktmöglichkeiten für betroffene Kinder

B Anschreiben

C Einverständniserklärung

1 Einverständniserklärung bei Interviews mit Kindern

2 Einverständniserklärung bei Interviews mit Erwachsenen

D Interviewleitfaden

Interviewleitfaden bei Interviews mit Kindern

Interviewleitfaden bei Interviews mit Erwachsenen

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Stadien der Sucht (Gross, 1990)

Abb.2: Suchtdreieck (Kielholz und Ladewig,1972, zit. n. Feuerlein, 1998)

Abb.3: Unausgesprochene Familienregeln in Suchtfamilien: (Wegscheider, 1988)

Abb.4: Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung des Kindes(Petermann, 1997)..29Abb.5: Challenge Modell (Wolin & Wolin,1995)

Abb.6: Belastungsfaktoren bei Kindern in Suchtfamilien (Arenz-Greiving, 1998)

Tabellenverzeichnis

Tab.1: Häufigkeit komorbider Störungen bei pathologischen Spielern (Müller-Spahn & Margraf, 2003)

Tab.2: Die „Anatomie“ einer Familie- ungeschriebenen Gesetze (Wegscheider, 1988)

Tab.3: Die sieben Resilienzen: Entwicklungsphasen (WOLIN & WOLIN, 1995, S.424)

Tab.4: Die Dynamik in der Alkoholikerfamilie (Wegscheider, 1988)

Tab. 5: Zusammensetzung der Interviewstichprobe

Zusammenfassung

Die Glücksspielsucht eines Elternteils kann das Aufwachsen und die Entwicklung eines Kindes in vielfältiger Weise beeinflussen und beinträchtigen.

Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil sind häufig durch Instabilität, Stress und unberechenbarem Elternverhalten geprägt.

Zudem können die Kinder häufig durch Sorgen und Angst um den Elternteil und durch die Tabuisierung der Glücksspielproblematik innerhalb der Familie belastet sein. Geldsorgen, fehlende Konfliktlösung, Lügen und damit verbundenes Misstrauen können den Kindern ein sorgenfreies Aufwachsen erschweren. Vor allem wenn Schutzfaktoren fehlen, sind die Kinder als Risikokandidaten für die Entwicklung von psychischen Störungen anzusehen.

Anhand von vier Interviews, die mit betroffenen Kindern beziehungsweise erwachsenen Kindern, die in einer Familie mit glücksspielabhängigem Elternteil aufwachsen oder aufgewachsen sind, werden die Lebensbedingungen, zentralen Belastungen, aber auch Ressourcen und Wünsche der Kinder dargestellt.

Ausgehend davon, wird ein Ausblick auf Ideen und mögliche Schritte für die praktische Arbeit mit diesen Kindern gegeben.

1 Einleitung

Glücksspiele, also Spiele um Geld mit Gewinn- und Verlustmöglichkeit, stellen keine neuzeitliche Erfindung dar. Während bereits in der ägyptischen Kultur vor ungefähr 5000 Jahren mit Würfeln gespielt wurde, existiert mittlerweile eine breite Angebotspalette und mehrere Varianten des Glücksspiels.[1] Es werden Glückspiele in Spielbanken, an Geldspielautomaten, verschiedene Lotteriespiele, Pferdewetten und zunehmend auch Glücksspiele im Internet angeboten.

Laut Meyer (2005) sind die Umsätze auf dem Glücksspielmarkt im Jahre 2003 trotz eines schwierigen Marktumfeldes mit einem stagnierenden Brutto- Inlandsprodukt auf 27,54 Milliarden Euro um 0,6% angestiegen. Die Einnahmen des Staates aus Glücksspielen gingen auf 4,41 Milliarden Euro zurück, lagen aber deutlich über den Erträgen aus Alkoholsteuern.

Bereits in der ägyptischen Kultur wurde von Spielerschicksalen berichtet, die ihr ganzes Vermögen durch Glücksspiele verloren haben. Da heute die Möglichkeiten zum Glücksspiel ständig weiter ausgebaut werden, sind immer mehr Menschen gefährdet eine Glücksspielsucht zu entwickeln.

Beim Glückspiel können sich ähnliche Suchtentwicklungen ergeben wie bei den sogenannten stoffgebundenen Süchten (d.h. Alkohol-, Tabletten- oder Drogensucht). Nach einem positiven Anfangsstadium (Gewinnphase) folgt der Übergang zum kritischen Gewöhnungsstadium (Verlustphase). Das Suchtstadium (Verzweiflungsphase) ist schließlich dann erreicht, wenn der Glücksspieler nicht mehr aufhören kann zu spielen und wiederholt alles verfügbare Geld ebenso wie die Gewinne restlos verspielt (Meyer & Bachmann 2000). Ist ein Mensch in diesem Stadium angelangt, spricht man von der Glücksspielsucht oder dem pathologischen Glücksspieler. Die Glücksspielsucht zählt zu den sogenannten stoffungebundenen Süchten, da die Sucht nicht an einen Stoff, sondern an eine Verhaltensweise - das Spielen- gekoppelt ist.

Die Glückspielsucht ist ein zunehmendes, weitverbreitetes und gesundheitsschädigendes soziales Problem. Auf der Basis der Therapienachfrage pathologischer Glücksspieler in ambulanten Suchtberatungsstellen der BRD wird durch eine Hochrechnung (Vergleich mit der Therapienachfrage der Alkoholiker) die Gesamtzahl von pathologischen Spielern errechnet. Nach Meyer (2005) wird in der BRD mit schätzungsweise 80.000-140.000 beratungs- und behandlungsbedürftigen Spielern gerechnet . Bei den genannten Zahlen handelt es sich allerdings eher um Schätzungen, da anzunehmen ist, dass aufgrund einer gewissen Dunkelziffer die tatsächliche Zahl höher liegt .

Trotz der langen Existenz von Glücksspielen und den damit verbundenen Problemen, wurde erst seit 1980 begonnen, das pathologische Glückspiel als eigen-ständiges psychisches Störungsbild in die internationalen Klassifikationssysteme DSM-III und später ICD-10 aufzunehmen. Seitdem gewann das Gebiet der Glückspielsucht deutlich zunehmende Beachtung in der Forschung. Mittlerweile existieren für pathologische Glückspieler diverse Behandlungsmöglichkeiten und Selbsthilfegruppen im gesamten Bundesgebiet.

In Fachkreisen ist inzwischen auch allgemein bekannt, dass nicht nur der Abhängige unter der Sucht leidet, sondern die ganze Familie von den Auswirkungen der Abhängigkeit betroffen ist (vgl. Arenz-Greiving 1990, Wegscheider 1988, Zobel 2000).

Eine Familie, die mit einem Suchtkranken[2] zusammenlebt, kann ihm und seinem Problem nicht so leicht den Rücken kehren wie Freunde, die sich möglicherweise abwenden oder der Arbeitgeber der ihm kündigt.

Das pathologische Spielverhalten führt zu einer starken Belastung der inner-familiären Atmosphäre und kann bis zum Zerfall der Familienstrukturen führen. Diese können durch die möglichen finanziellen Probleme, Stressbedingungen wie Vertrauensverlust oder Inhaftierung, als auch soziale Isolationstendenzen wie Schamgefühle ausgelöst werden. Dadurch ist die Partnerschaft, das Verhältnis der Eltern zu den Kindern und die psychische Entwicklung der Kinder in besonderem Maße negativ beeinflusst (Meyer & Bachmann 2000).

Die Kinder suchtkranker Eltern wurden in der Forschung oft ungeachtet der Art der elterlichen Abhängigkeit betrachtet.

Während über Kinder aus Familien mit stoffgebunden abhängigem Elternteil bereits zahlreiche Forschungsergebnisse vorliegen und eine Reihe von Therapieansätzen und Betreuungsangebote existieren, ist bislang wenig darüber bekannt, wie Kinder das Aufwachsen in einer Familie mit glücksspielabhängigem Elternteil erleben.

In der vorliegenden Arbeit liegt das Augenmerk auf den Lebensbedingungen, den Belastungen und den Hilfewünschen, die sich für Kinder aus einer Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil ergeben.

Nach Darbyshire et al. (2001b) wird in Australien mit einem Faktor von ungefähr 0,6 Kindern gerechnet, die mit einem pathologischen Spieler zusammen leben. In Deutschland gibt es derzeit keine offiziellen Schätzungen zur Zahl der betroffenen Kinder. Legt man die Ergebnisse der Jahresstatistiken der Beratungs- und Behandlungsstellen für Suchtkranke (EBIS) zugrunde, ergeben sich ähnliche Zahlen. Das bedeutet umgerechnet auf die geschätzte Anzahl pathologischer Spieler in Deutschland dass ca. 48000- 84000 Kinder mit einem pathologischen Glücksspieler zusammenleben.

Nach Mayer und Bachmann (2000) soll es für Kinder aus Familien mit suchtkrankem Elternteil von untergeordneter Bedeutung sein, welches Suchtmittel konsumiert wird, sie sollen ähnlichen Erlebnis- und Einflussfaktoren ausgesetzt sein.

Diesen Ähnlichkeiten und Differenzen von Kindern aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil sollen in der vorliegenden Arbeit genauer analysiert werden.

Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sind bislang kaum genaue Aussagen darüber möglich, welche Belastungen und Probleme sich speziell diesen Kindern ergeben und welchen Lebensbedingungen sie ausgesetzt sind.

In einer qualitativen Studie von Darbyshire et. al. (2001b) wurden bereits erste Ergebnisse über diese Kinder aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil vorgestellt. Die Kinder scheinen hiernach Gefühle des tiefgreifenden Verlustes in vielerlei Hinsicht zu zeigen. Diese reichen vom Gefühl den Elternteil verloren zu haben, sei es durch Trennung, Scheidung oder durch die massiven Glücksspielaktivitäten, über einen Verlust in Sicherheit und Vertrauen gegenüber dem glücksspielabhängigen Elternteil, bis hin zu finanziellen Verlusten und einer Gefährdung ihrer ökonomischen Existenz. Auch andere Studien kommen zu ähnlichen richtungsweisenden Ergebnissen und belegen das Vorherrschen einer angespannten Atmosphäre in den Familien, gepaart mit Misstrauen und Sorge um den Elterteil.

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, die Lebensbedingungen, Belastungen, möglichen Ressourcen und erwünschten Hilfestellungen der Kinder aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil zu explorieren und herauszuarbeiten. Dabei wird ein Vergleich und eine Abgrenzung zu den familiären Konsequenzen bei anderen Suchtformen und einer Durchschnittsfamilie vorgenommen.

Zu diesem Zweck wird eine qualitative Herangehensweise gewählt. Es wurde ein Leitfaden erstellt und damit sind Interviews mit betroffenen Kindern durchgeführt worden.

Die Stichprobe der vorliegenden Untersuchung besteht aus einem Kind und drei bereits erwachsenen Kindern die danach befragt wurden, wie es für sie ist oder war, in einer Familie aufzuwachsen in der ein Elternteil pathologischer Spieler ist oder war.

Es soll aufgezeigt werden, wie sie das erlebte Familienleben schildern und die Suchterkrankung in ihrer Familie erleben beziehungsweise erlebt haben. Zudem soll deutlich werden, welche Belastungen und Ressourcen diese Kinder aufweisen und welche Hilfestellungen die Kinder benötigen, beziehungsweise welche sie sich wünschen würden oder gewünscht hätten. Die gewonnenen Ergebnisse werden mit bereits bekannten Studien in Zusammenhang gebracht und analysiert.

Bevor die Ergebnisse der Arbeit dargestellt werden, soll zunächst im theoretischen Teil (Kapitel 2) ein Überblick über Sucht allgemein, die Glücksspielsucht im speziellen, deren Auswirkung auf den Betroffenen und auf die Angehörigen gegeben werden. Da Kinder aus suchtkranken Familien als Risikokandidaten für die Entwicklung von psychischen Störungen gelten, ist eine Darstellung von Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung Bestandteil dieses Kapitels, bevor auf die besondere Situation und die Auswirkungen einer elterlichen Suchtproblematik auf die Kinder eingegangen wird.

Kapitel 3 stellt die in dieser Arbeit gewählte qualitative Forschungsmethode dar, bevor in Kapitel 4 die praktische Vorbereitung und Durchführung der Arbeit dar-gestellt wird.

Die Auswertung der Ergebnisse im einzelnen ist in Kapitel 5 dargestellt. Eine Analyse und Interpretation der Ergebnisse ist Bestandteil des sechsten Kapitels, anschließend werden die Ergebnisse in Kapitel 7 diskutiert. Einen Ausblick und Vorschläge für präventive Maßnahmen bilden den Abschluss der Arbeit (Kapitel 8).

Im Anhang sind Kontaktadressen für Betroffene und deren Kinder, der Interviewleitfaden und in der Untersuchung verwendete Schreiben einzusehen.

2 Theoretischer Teil

2.1 Sucht

2.1.1 Der Suchtbegriff

Der Begriff der Sucht stammt von „siechen“ ab und bedeutet krank sein. Der Begriff der Sucht, der Abhängigkeit und des Missbrauchs sind weitverbreitete, jedoch sehr unscharfe Begriffe. Das Wort „Sucht“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch auch fernab von der Drogensucht, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit zum Beispiel als Machtsucht, Eifersucht, Habsucht, Streitsucht, Tobsucht verwendet. Auch in der Fachliteratur werden die Begriffe der Sucht, Abhängigkeit und Missbrauch in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht. Eine weit verbreitete Definition gibt Gross: „Sucht wird heute definiert als ein unabweisbares, starkes Verlangen nach einer Droge (z.B. Heroin, Alkohol, Tabletten) oder einem bestimmten Verhalten (z.B. Spielen, Essen, Arbeiten, Sex) mit dem Ziel, vor dem gegenwärtigen unerwünschten Erlebnis- und Bewusstseinszustand in einen anderen gewünschten zu fliehen“ (Gross 1990).

Zudem definiert die WHO Sucht als Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, der für das Individuum und (oder) für die Gemeinschaft schädlich ist. Die WHO unterscheidet zwischen psychischen und physischen Suchtfolgen, ebenso zwischen Abhängigkeit und Missbrauch.

Physische Suchtfolgen zeigen sich durch eine Toleranzentwicklung, d.h. der Betroffene muss immer mehr von einer Substanz einnehmen um die gleiche Wirkung zu erzielen. Beim Absetzen des Suchtmittels zeigen sich Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüche, Muskelschmerzen, Erbrechen und Fieber.

Psychische Suchtfolgen zeigen sich in einem heftigen Verlangen eine Substanz zu konsumieren, um positive Empfindungen herbeizuführen oder unangenehme Empfindungen zu vermeiden. Betroffene haben eine verminderte Kontrolle über den Beginn und das Ende des Konsums und der Menge des Substanzgebrauchs. Der Alltag ist bestimmt durch den Substanzkonsum und äußert sich in einem starken Verlangen und Bedürfnis, sich die Droge um jeden Preis zu beschaffen.

Unter Missbrauch versteht man eine körperliche, psychische oder sozial schädliche Verwendungsweise von Dingen mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Vom Abhängigenkonsum wird gesprochen, wenn die Funktionszuschreibung an den Stoff derartig umfangreich und vielschichtig ist, dass ein Dasein ohne den Konsum des Suchtmittels für den Konsumenten nicht realisierbar erscheint. Die Einnahme einer Substanz ist ein derart wichtiger Teil seines Lebensstils geworden, dass ein Ausbleiben des Konsums die Person in eine extreme Notlage seines zwanghaften Verlangens nach Zufuhr der Substanz hervorruft (vgl. WHO-Definition: WHO (2005) http://www.who.int).

Sucht ist dabei der krankhafte Endzustand der Abhängigkeit eines Menschen von einem Stoff, einem Genussmittel oder einer Verhaltensweise. Der Mensch ist in diesem Zustand nur noch bestrebt, sich das Suchtmittel mit steigender Dosis zuzuführen. Enthaltsamkeit vom Suchtmittel ist nicht mehr möglich und führt zu allen möglichen sogenannten Entzugserscheinungen. Sein Ziel im Endzustand ist es nicht mehr, die berauschende Wirkung des Stoffes oder des Verhaltens zu erreichen, sondern nur noch die Verhinderung oder Beendigung der Entzugserscheinungen herbeizuführen.

Dadurch wird ein Stoff oder auch eine Verhaltensweise (Spielen, Arbeiten etc.) für einen Menschen zur Droge. Familie, Beruf und andere Interessen im Leben eines süchtigen Menschen, werden im Laufe der Zeit immer mehr zur Nebensache und dadurch vernachlässigt. Der Suchtstoff oder die Verhaltensweise haben oberste Priorität, so dass schließlich das gesamte Erleben und Verhalten darauf ausgerichtet ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Stadien der Sucht (Gross 1990, S.27)

Die Entstehung von Sucht ist ein Prozess der sich entwickelt. Suchtbiographien sind sehr unterschiedlich und können viele Facetten und Brüche haben. Fast ausnahmslos sind mehrere Ursachen zu finden. Diese liegen zum einen in der Persönlichkeit des einzelnen. Es sind hierbei Besonderheiten des Individuums, das Lebensalter, vorhandene Konfliktmöglichkeiten, Risikobereitschaft, Weltbild, Selbstwert und Selbstvertrauen und die individuelle Frustrationstoleranz gemeint. Zum anderen liegen diese im System der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das heißt dem gesellschaftlichen Umgang mit Suchtstoffen, der Gesetzgebung, Werten, kulturellen Ritualen und individuellen Werten. Zudem liegen diese im Milieu, also dem familiären Umgang mit Suchtstoffen, dem Freundeskreis und Arbeitsplatz, in der Biographie, in Konflikt- und Problemsituationen und in deren Lösungsvermögen aber auch im Mittelangebot und in der Spezifik der Mittelwirkung (Böhnisch & Schille 2002).

Diese verschiedenen Einflüsse eines Suchtmittels sind zur besseren Übersicht in dem „Suchtdreieck“ dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Suchtdreieck (Kielholz und Ladewig, 1972, zit.n. Feuerlein 1998, S.16)

2.1.2 Stoffgebundene Sucht vs. Stoffungebundene Sucht

Bei stoffgebundener Sucht sind alle die Formen von Sucht gemeint, bei denen ein Stoff von außen zugeführt wird. Damit sind, neben illegalen Drogen wie z.B. Heroin, Kokain, Crack, Cannabis, synthetische Drogen wie Amphetamine und Ecstasy und LSD auch legale Drogen wie Alkohol, Nikotin und Medikamente von denen ein Mensch eine stoffgebundene Abhängigkeit entwickeln kann, gemeint.

Es gibt Sucht und damit verbundene Rauschzustände auch ohne, dass Substanzen wie Drogen, Alkohol oder Medikamente eingenommen werden. Man bezeichnet diese als süchtige Verhaltenweisen, stoffungebundene (oder nichtstoffliche) Suchtformen oder als Sucht ohne Drogen. Damit sind Phänomene wie Spielsucht, süchtiges Essen, Arbeitssucht, Kaufsucht, Liebe und Sex als Sucht gemeint (Gross 2002).

Es sind dann Verhaltensweisen und Auswirkungen erkennbar, die Ähnlichkeit zu stoffgebundenen Abhängigkeiten haben. Bei den Süchtigen wird die Dosis gesteigert, es kommt zu Kontrollverlusten ähnlich wie bei Alkoholikern, Heroinsüchtigen oder Tablettenabhängigen.

In der Suchtforschung ist dies bereits erkannt worden. Nicht die Droge selbst macht abhängig, sondern der Gefühls-, Erlebnis- und Bewusstseinszustand, den man damit erreicht, ist das, was sich Süchtige immer wieder herzustellen versuchen.

2.1.3 Glücksspielsucht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Matthieu Carriere, Schauspieler, aus Gross 2002, S.74)

Da die Glücksspielsucht eine Krankheit ist, die nach wie vor deutlich mehr Männer als Frauen betrifft, wird im vorliegenden Text von dem Glücksspieler oder dem pathologischen Glücksspieler gesprochen und von der Partnerin des Spielers. Allerdings gibt es Untersuchungen die zeigen, dass zunehmend auch Frauen an der Glücksspielsucht erkranken. Nach den Ergebnissen der Jahresstatistiken der ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen für Suchtkranke (EBIS) sind 91 % der pathologischen Glücksspieler männlichen Geschlechts. Eine Steigerung der Frauen von 1998 zu 1999 mit der Hauptdiagnose pathologisches Glücksspiel ist mit 60% zu verzeichnen, wobei aber die absolute Zahl der Betroffenen nach wie vor niedrig ist (vgl. Türk & Welsch, 2000).

Im englischen Sprachgebrauch wird von dem „pathological gambling“, dem behand-lungsbedürftigen Spielen um Geld,gesprochen.

Im deutschen Sprachgebrauch werden sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in der Fachliteratur verschiedene sprachliche Bezeichnungen für die problematische Form des Spielens verwendet. Nach Auffassung von Petry (1996, 2003) wäre der vorgeschlagene Begriff der „Glücksspielsucht“ am ehesten zur Erfassung der wesentlichen Merkmale dieser Erkrankung geeignet, da er die Substantive Glück, Spiel und Sucht enthält.

Das Spiel an sich lässt sich nach Heckhausen (1964,zit.n. Oerter & Montada 1998) zu den zweckfreien Tätigkeiten rechnen, die um ihren Anregungswillen aufgesucht und ausgeführt werden und stellt ein Grundelement der kindlichen Entwicklung und Reifung dar. Nach Petry (2003) wird mit dem Begriff Glück der materielle Aspekt des Glücksspiels deutlich. Denn gemeint ist nicht das Spielen an sich, sondern das Spielen um Geld mit Gewinn- und Verlustmöglichkeit.

Der Begriff Sucht weist auf die zunehmende Eskalierung des Glücksspielverhaltens hin.

Im allgemeinen Sprachgebrauch spricht man allerdings trotzdem häufig von dem Spielsüchtigen oder von dem pathologischen Spieler.

Nach ICD- 10 der WHO (Dilling et. al. 2003) wird die problematische Form des Spielens nicht als Sucht oder Abhängigkeit definiert, sondern als Pathologisches Spielen bezeichnet und der Kategorie "Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle" (F 63) zugeordnet.

In dieser Kategorie sind verschiedene, nicht an anderer Stelle klassifizierbare Verhaltensstörungen zusammengefasst. Sie sind durch wiederholte Handlungen gekennzeichnet, die nicht kontrolliert werden können und die meist die Interessen des betroffenen Patienten oder anderer Menschen schädigen. Der betroffene Patient berichtet von impulshaftem Verhalten. Die Störung des Pathologisches Spielens besteht hiernach in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel. Es zeichnet sich durch zunehmenden Kontrollverlust, Unaufrichtigkeit über das Ausmaß der Betroffenheit, illegale Geldbeschaffung in der Hoffnung nach dem großen Gewinn zur Wiedergutmachung von Verlusten aus. Das Glücksspiel beherrscht die Lebensführung des Betroffenen und wird zum zentralen Lebensinhalt. Hieraus werden dennoch die Parallelen zu den stoffgebundenen Abhängigkeiten deutlich, so dass sich entgegen der offiziellen Definition als Störung der Impulskontrolle der Suchtbegriff etabliert hat.

Betroffene nehmen sich, vor allem nach verlustreichem Spiel oder auf Drängen von Angehörigen wiederholt vor, das Spielen einzuschränken oder glückspielabstinent zu leben (Meyer & Bachmann 2000). Es kommt, ähnlich wie bei stoffgebundenen Abhängigkeiten, zu einer Toleranzentwicklung und Betroffene müssen im Verlauf ihrer „Spielerkarriere“ die Einsätze steigern oder höhere Risiken eingehen, um den emotionalen Effekt beim Glückspiel zu erzielen. Fehlen diese finanziellen Mittel für das Glücksspiel, kommt es bei den Betroffenen zu entzugsähnlichen Erscheinungen wie „Kribbeln im Bauch“, Unruhe und Reizbarkeit. Nicht selten führt es den Glücksspieler dazu, in der Hoffnung auf Wiedergutmachung, illegalen Aktivitäten zur Geldbeschaffung für Glücksspiele nachzugehen.

Daraus resultieren dann vor allem finanzielle und psychosoziale Folgeschäden. Diese führen schließlich zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen. Sehr häufig kommt es auch zum Arbeitsplatzverlust.

Auch wenn nach Meyer und Bachmann (2000) einzelne Persönlichkeitsmerkmale wie zum Beispiel ausgeprägte Impulsivität und mangelnde Impulskontrolle als prädisponierende –nicht aber notwendige- Bedingungen für die Entstehung süchtigen Spielverhaltens aufzufassen sind, stellt die Gruppe von pathologischen Glücksspielern keine homogene Gruppe dar. Dies gilt nach Müller- Spahn und Margraf (2003) sowohl in Bezug auf die bevorzugte Spielart, die Spielfrequenz, der Schwere der Abhängigkeit mit ihren psychosozialen Folgen, der Qualität der sozialen Integration, der Schichtzugehörigkeit, dem Lebensalter sowie der Art und dem Ausmaß anderer psychischer Störungen.

Häufig werden bei pathologischen Spielern Depressionen diagnostiziert. Diese können der Spielsucht vorausgehen oder als Folge glücksspielbedingter Probleme auftreten, stehen aber in keinem Ursache-Wirkung Zusammenhang (Meyer & Bachmann 2000).

Neben den depressiven Störungen weisen nach Denzer et.al. (1995) 25% der in Beratung oder Behandlung befindlichen Glücksspieler einen oder mehrere Suizidversuche in der Vorgeschichte auf. Zudem besteht nach Denzer et. al. (1995) bei 25 % eine zusätzliche stoffgebundene Sucht (vorrangig Alkoholabhängigkeit). Verschiedene Studien haben gezeigt, dass bei pathologischen Glücksspielern zudem ein erhöhtes Auftreten von Persönlichkeitsstörungen auszugehen ist. Laut Petry (2003) ist von einer extrem hohen Anzahl von Persönlichkeitsstörungen auszugehen. Er belegt dies mit Studien die gezeigt haben, dass Spieler gehäuft Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen sowie antisoziale, narzisstische und Borderline Persönlichkeitsstörungen zeigen. Durch die Suchtentwicklung mitbedingt treten gehäuft psychosomatische Störungen auf. Weiterhin kann ein pathologischer PC-Gebrauch vorliegen, da pathologische Spieler starkes Interesse an Spielen jeglicher Art haben (Petry 2003).

Müller- Spahn und Margraf (2003) haben komorbide Störungen und Befunde aus verschiedenen Untersuchungen und Studien über pathologische Glücksspieler zusammengefasst, die in nachfolgender Tabelle dargestellt sind.

Tabelle 1: Häufigkeit komorbider Störungen bei pathologischen Glücksspielern (Müller-Spahn & Margraf, 2003)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Familie und Sucht

Jegliche Form der Suchterkrankung hat weitreichende Folgeschäden für den Betroffenen. Allerdings betrifft die Sucht neben dem Abhängigen selbst auch dessen Umfeld, das heißt diejenigen Personen mit denen er Verbindungen eingeht.

Die Familie ist davon am meisten betroffen. Nicht nur die Folgeschäden die durch die Sucht entstehen treffen die Angehörigen, sondern auch das Zusammenleben mit dem Süchtigen kann zum täglichen Kampf werden. In diesem Abschnitt soll die Familie einerseits als ein gemeinsam funktionierendes System, andererseits auch deren suchtbedingende und suchterhaltende Anteile der Sucht und der Begriff der Co- Abhängigkeit dargestellt werden.

Zudem werden in 2.2.2 die Auswirkungen erörtert, welche die Suchtabhängigkeit eines Familienmitglieds auf die anderen Familienmitglieder haben kann.

2.2.1 Die Familie aus Systemischer Sicht

Unter der systemischen Sicht werden die dynamischen Wechselwirkungen zwischen einer einzelnen Person und seiner Umgebung in den Vordergrund gestellt (Häcker & Stapf 1998). Bezogen auf Familien versteht man unter der systemischen Sicht eine Grundhaltung von Zusammenhängen und Wirkungen von Verhalten, Ideen und Gedanken innerhalb von Familien.

Wegscheider (1988) beschreibt die Familie als ein System, das genauso wie eine Maschine oder der menschliche Körper funktioniert. Jedes System ist aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, die auf bestimmte Weise miteinander verbunden sind, um einen gemeinsamen Zweck zu erfüllen. In einer Familie sind dies die verschiedenen Familienmitglieder. Um überleben zu können, entwickeln die Mitglieder einer Familie Verhaltensweisen, die zum Gleichgewicht (Homöostasis) innerhalb des Systems beitragen. Ein gestörtes Gleichgewicht, das zum Beispiel dann eintritt wenn ein Familienmitglied süchtig wird, verursacht psychologische und/ oder biologische Symptome auch bei den anderen Familienmitgliedern. Denn der Süchtige lebt nicht isoliert, sondern meist im Familienverband. Somit bestehen Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, die sowohl förderlich als auch schädlich für die Entwicklung des einzelnen sein können.

Diese „Anatomie einer Familie“ bestimmt einen großen Teil unserer Entwicklung. Ein Kind wird in eine Familie hineingeboren und findet eine Reihe von Regeln vor. In jeder Familie gibt es Regeln, denen die Mitglieder einer Familie unterstehen. Es kann dabei nicht beeinflussen, ob es in eine intakte Familie hineingeboren wird, ob es erwünscht ist, oder welchen Platz es in der Geschwisterreihe einnimmt und welche Werte und Regeln in der Familie vorherrschen. Gerade in Suchtfamilien herrschen oft andere Regeln als in gesunden Familien.

Es gibt Regeln die gesund und förderlich für die Entwicklung sind und zur Entfaltung des Kindes beitragen und ungesunde Regeln, die das nicht sind.

Wegscheider spricht von drei Kriterien, die entscheidend dafür sind, ob bestimmte Regeln der Familie zuträglich sind. Diese sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

Unmenschliche Regeln werden zugunsten von anderen gemacht, sie sind häufig unrealistisch und können unmöglich befolgt werden. (z.B. „Sei immer nett.“)

Diese Regeln verleiten zu Unehrlichkeit, aus Furcht vor Strafe oder Zurückweisung. Menschliche Regeln hingegen, werden zum Wohl der ganzen Familie aufgestellt, nehmen jeden als Menschen ernst und achten auf den Wert eines jeden.

Gesunde Familienregeln sind zudem flexibel und berücksichtigen Unterschiede in den Lebensumständen, in den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen und akzeptieren Veränderungen als Chance für Wachstum.

Starre Regeln hingegen berücksichtigen nicht, dass es verschiedene Menschen gibt, und dass sich Umstände ändern. Zudem sperren sich diese gegen Veränderungen.

In geschlossenen Systemen gibt es viele Tabuthemen und Regeln, die bestimmen worüber gesprochen werden darf, und worüber man zu schweigen hat. Dadurch werden Gefühle, Wissen und Gedanken für sich behalten und es findet nicht, wie in offenen Systemen eine fließende Kommunikation statt, in der jeder seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche einbringen kann. Das Gefühl ernst genommen zu werden, ist bei geschlossenen Systemen nahezu ausgeschlossen.

Tabelle 2: Die „Anatomie“ einer Familie - die ungeschriebenen Gesetze. (Wegscheider,1988)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor allem in Suchtfamilien findet man oft geschlossene Systeme, unmenschliche und starre Regeln vor. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Angehörigen (vor allem die Kinder) mehr oder weniger stark unter diesen Verhältnissen zu leiden haben.

Regeln in suchtkranken Familien

Darüber hinaus bestimmen in diesen Familien oft bestimmte unausgesprochene Regeln den Familienalltag. (Abb.3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Unausgesprochene Familienregeln in Suchtfamilien: (Wegscheider 1988, S.87-90)

Der Süchtige ist besessen davon, sein Suchtmittel zu konsumieren, während die Angehörigen versuchen, ihn davon abzuhalten. Die Suchtkrankheit wird nicht als die Ursache der Schwierigkeiten angesehen, sondern als Begleiterscheinung.

In der Familie gibt es dann Sündenböcke oder Sorgenkinder oder der ungeliebte Beruf, der an den Schwierigkeiten Schuld ist.

Da eine Veränderung für den Süchtigen eine Änderung seiner Suchtgewohnheiten bedeuten würde, wird versucht den Status quo beizubehalten.

Die Angehörigen würden zwar versichern, dass sie alles tun würden um den Süchtigen von der Sucht abzubringen. Dennoch helfen sie dem Süchtigen, teilweise unbewusst, alles so zu belassen wie es ist.

In Suchtfamilien soll keiner erfahren wie es um die Familie steht. Weder nach außen wird gezeigt wie es der Familie und jedem einzelnen geht, noch wird innerhalb der Familie über Gefühle geredet.

Da der Ausdruck von Gefühlen die Basis eines gedeihlichen Familienlebens sind, hat die Unterdrückung dieser verheerende Auswirkungen. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ist dadurch sehr beeinträchtigt und ist starr, verzerrt und unvollständig.

2.2.2. Sucht als Familienerkrankung

Da der Suchtkranke nicht nur sich selbst Schaden zufügt, sondern auch den Menschen mit denen er Verbindungen eingeht, wird bei Sucht und Abhängigkeit häufig auch von einer Familienerkrankung gesprochen.

Nach Woititz (2000) und ihren Studien über Alkoholabhängigkeit leiden die nächsten Angehörigen am meisten. Die Familie leidet ihr zufolge darunter, wenn Verwandte und Freunde die Auswirkungen des Alkoholismus nicht länger tolerieren können und den Alkoholiker und seine Familie meiden. Die Familie ist auch direkt vom Verhalten des Alkoholikers betroffen. Nicht im Stande, diesem ohne Hilfe von außen zu begegnen, verfangen sich die Familienmitglieder in den Folgewirkungen der Krankheit und werden selbst seelisch krank.

Arenz-Greiving (1998) spricht von massiven Problemen die dann aufkommen, wenn ein Elternteil suchtmittelabhängig wird. Die Familie leidet früher oder später unter finanziellen Problemen. Sozialkontakte werden in der Folge erschwert, da die Suchterkrankung häufig eine stigmatisierte Krankheit ist und das „Familien-geheimnis Sucht“ gewahrt werden muss.

Kennzeichnend für die Suchtfamilie ist der unsichere Familienzusammenhalt. Die Familie bewegt sich oft jahrelang zwischen neuer Hoffnung und wiederkehrender Enttäuschung. Vor allem Rückfälle und damit verbundene nichteingehaltene Versprechen führen zu Enttäuschungen, Gefühlen von Verlassenheit und Ablehnung auf Seiten der Angehörigen.

In diesem Zusammenhang ist der Begriff der Co-Abhängigkeit wichtig, da die Familie dazu beitragen kann die Suchterkrankung des Angehörigen aufrecht zu erhalten, teilweise ohne sich dessen bewusst zu sein.

2.2.3 Der Begriff der Co- Abhängigkeit

Die Mitbetroffenen von der Sucht des Partners oder des Elternteils entwickeln oft Verhaltensweisen, die den Suchtkranken und seine Sucht geradezu fördern.

Co- Abhängigkeit ( co-dependence) ist ein seit Mitte der 70er Jahre geläufiger Begriff in der amerikanischen Suchtkrankenhilfe. Es existiert hierzu keine einheitliche Definition noch ein einheitlicher Umgang mit Co-Abhängigkeit.

Allgemein sind damit Menschen gemeint, die mit einem Suchtkranken familiär verbunden sind, mit im Zusammenleben oder anderweitig in einer engen Beziehung zu ihm stehen und deren Leben vom Suchtverhalten beeinflusst wird (Schmieder 1992).

Mit dem Aufkommen des Begriffs der Co-Abhängigkeit wurde es möglich, die Angehörigen von Suchtkranken in die Suchtbehandlung mit einzubeziehen. Es hatte sich gezeigt, dass die Angehörigen dem suchtkranken Familienmitglied helfen und ihn unterstützen wollten. Mit ihrem Verhalten die Behandlung allerdings erschwerten, verhinderten und teilweise sogar Rückfälle provozierten, ohne sich dessen immer bewusst zu sein. Mit der Betrachtung der Familie als System wurde bereits deutlich, dass jedes Verhalten der Familienmitglieder eine bestimmte Funktion und eine bestimmte Wirkung auf den anderen hat.

Mittlerweile wird die Suchtkrankheit eines Familienmitglieds als gemeinsame Krankheit erkannt. Auch die Bezugspersonen sind Betroffene, was sowohl für den Erkrankungsprozess als auch für den Therapieprozess gilt.

Die Co-Abhängigkeit ist ein Bündel aus typischen Persönlichkeitsmerkmalen, aus Verhaltensweisen, Einstellungen und Gefühlen, die im Zusammenleben mit einer suchtmittelabhängigen Person deren Krankheit unterstützt (Schmieder 1992).

Im familiären Umfeld sind dies die Angehörigen des Suchtkranken, die ihn decken und ihn beispielsweise bei der Arbeit entschuldigen. Das weitere soziale Umfeld kann sich allerdings auch co-abhängig verhalten, beispielsweise Kollegen die den Betrunkenen nicht auf seine Alkoholfahne ansprechen.

Das co- Abhängige Verhalten nimmt über die Zeit hinweg unterschiedliche Formen an. Anfangs wird der Abhängige häufig durch die Angehörigen beschützt und entschuldigt. Es wird Verantwortung übernommen, um ihn vor den Konsequenzen seines Verhaltens zu bewahren. Charakteristisch sind hierbei Verhaltensweisen, die das Suchtverhalten verbergen und rechtfertigen. Die Regeln werden starrer und die sozialen Kontakte stärker gemieden.

Im weiteren Verlauf wird oft erkannt, dass das Beschützen und Verantwortung übernehmen nicht hilft, sondern die Sucht eher fördert. Nun wird von Seiten der Angehörigen versucht den Abhängigen durch Kontrollieren von seinem Suchtmittel bzw. seiner süchtigen Verhaltensweise (z.B. Spielen) fernzuhalten.

Dadurch fühlt sich der Abhängige unter Druck gesetzt und im weiteren Verlauf reagiert er auf Drohungen wie Trennung damit, dass das mit seiner süchtigen Verhaltensweise „kein Problem“ sei und verheimlicht unter Umständen seine Sucht. Dieser

Prozess führt schließlich zu der Erkenntnis, dass alle Bemühungen und vermeintlichen Hilfen fehlschlagen.

Die Co- Abhängigen fühlen sich in diesem Stadium ausgelaugt und häufig inzwischen selbst erkrankt. Häufig kommt es dann zur Anklage: „ Wir haben alles nur erdenkliche vergebens versucht, jetzt ist Schluss!“

2.2.4 Auswirkungen der Glücksspielsucht auf den Partner

Die Partnerinnen von Glückspielsüchtigen wurden in einer Studie von Lorenz und Shuttlesworth (1983) untersucht. 84% der Partnerfrauen beschreiben sich infolge der Erfahrungen mit ihrem glückspielsüchtigen Partner als emotional krank und suchen Entlastung ihrer psychischen Probleme in exzessivem Trinken, Rauchen, übermäßigem Essen und Hungern und impulsivem Kaufen. Frauen berichten in 43% der Fälle von emotionalen, physischen und verbalen Misshandlungen durch den Spieler. 78% der Frauen haben ihrem Glücksspielsüchtigen Mann schon mit Trennung oder Scheidung gedroht.

Nach Abott et al. (1995) sind aufgrund von Spannungen in der Partnerschaft und Vertrauensverluste durch Lügen und Betrug seitens des glücksspielsüchtigen Partners psychosomatische Probleme wie Depressionen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und Schlaflosigkeit häufig bei Spielerfrauen zu beklagen.

Es fehlt oft Geld für alltägliche Dinge, finanzielle Probleme und Verschuldung sind in der Studie von Lorenz und Shuttlesworth (1983) von fast allen Frauen berichtet worden. Teilweise werden eigene Ersparnisse aufgebraucht, ein zusätzlicher Job aufgenommen, oder es wird Geld von Freunden geliehen.

[...]


[1] zur historischen Entwicklung von Glücksspielen vgl. Meyer und Bachmann (2000).

[2] Alle im Text verwendeten männlichen Formen gelten ebenso für das weibliche Geschlecht und werden aufgrund der besseren Lesbarkeit geschlechtsneutral verwandt.

[3] Im weiteren Text werden die Begriffe der Sucht und Abhängigkeit synonym verwendet.

Details

Seiten
145
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832494155
ISBN (Buch)
9783838694153
Dateigröße
945 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224549
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Psychologie
Note
1,5
Schlagworte
glücksspielsucht qualitative forschungsmethoden familie sucht kinder eltern leitfadeninterviews

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kinder von pathologischen Spielern