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Gesundheitswebsites für Jugendliche

Kritische Analyse und Entwicklung eines optimierten Modells

Bachelorarbeit 2005 84 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Lebens- und Gesundheitssituation von Jugendlichen
1.1 Gesundheitsstatus von Jugendlichen
1.2 Lebensphase Jugend: Entwicklungsaufgaben und Gesundheitsverhalten
1.2.1 Entwicklungsaufgaben und Belastungen im Jugendalter
1.2.2 Gesundheitsverhalten im Jugendalter
1.2.3 Der Zusammenhang von Entwicklungsaufgaben und Gesundheitsverhalten
1.3 Ansatzpunkte für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention

2. Bisherige Internet-Angebote zur gesundheitlichen Unterstützung von Jugendlichen und deren Bedeutung
2.1 Das Medium Internet in der Gesundheitskommunikation
2.2 Das Informationsverhalten Jugendlicher
2.3 Überblick über bestehende jugendspezifische Gesundheitswebsites
2.4 Möglichkeiten und Grenzen von Medien in der Gesundheitsförderung
2.5 Die Bedeutung des Internets im Vergleich zu anderen Gesundheitsmedien für Jugendliche

3. Bewertung und Diskussion bestehender Gesundheitswebsites für Jugendliche
3.1 Kriterien zur Bewertung jugendspezifischer Gesundheitswebsites
3.1.1 Methodik
3.1.2 Erläuterung der Kriterien
3.2 Analyse und Bewertung ausgewählter Gesundheitswebsites
3.2.1 „Drugcom“ – Deutschland
3.2.2 „TeensHealth“ - USA
3.2.3 „Mind, Body & Soul“ - Großbritannien

4. Entwicklung eines optimierten Modells zur gesundheitlichen Unterstützung von Jugendlichen im Internet
4.1 Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse
4.2 Modellkonzeption einer optimierten Gesundheitswebsite für Jugendliche
4.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anlage: Leitfaden zur Beurteilung von Gesundheitswebsites für Jugendliche

Einleitung

Das Medium Internet nimmt für unsere Gesellschaft in den Bereichen Informationsrecherche, Kommunikation und Unterhaltung einen immer höheren Stellenwert ein. Auch für den Gesundheitssektor wurden seine Möglichkeiten der Informationsvermittlung und interaktiven Beratung entdeckt. Es lassen sich eine Vielzahl an Internetseiten finden, die einem breiten Publikum mit unterschiedlichem Wissensstand gesundheitsbezogene sowie medizinische Informationen vermitteln. Die Angebote reichen dabei von präventiven Tipps aus dem Gesundheitsförderungs- und Wellnessbereich über Erläuterungen von Krankheitsbildern sowie der Darstellung von Behandlungsvarianten bis hin zu den Möglichkeiten der Rehabilitation. Dem Nutzer steht somit prinzipiell die Möglichkeit offen, sich mit Hilfe des Internets in jeder gesundheitlichen Lebenslage mit Informationen, Anregungen und Antworten auf seine persönlichen Fragen zu versorgen. Andererseits besteht in Folge der immensen Größe und Vielfalt des Angebotspektrums leicht die Gefahr des Orientierungsverlustes. Der Mensch wird im Internet mit einer Flut von Tipps und Ratschlägen konfrontiert, die in ihrer Qualität und Verlässlichkeit stark schwanken (Eysenbach 2000; Hebenstreit & Prümel-Philippsen 2004).

Somit eröffnet sich die Fragestellung, wie es dem Gesundheitsinteressierten gelingen kann, sich in dieser digitalen Welt zurechtzufinden. Wie erhält er genau die Informationen, welche er sucht und die die erforderlichen Qualitätsstandards erfüllen, die laiengerecht aufgearbeitet sind und die aus einer neutralen Quelle stammen? Zunehmend schwieriger gestaltet sich der Zugriff auf diesen riesigen Informationspool bei sozial benachteiligten Gruppierungen in der Gesellschaft sowie weniger gesundheitsbewussten und desinteressierten Menschen. Dennoch steckt im Internet aufgrund seiner informativen und interaktiven Möglichkeiten ein hohes Potential, um dem Thema Gesundheit in der Gesellschaft einen Raum zu geben und eine große Menge an Menschen zu erreichen.

Von all den Nutzern des Internets betrachtet die vorliegende Arbeit in diesem Kontext schwerpunktmäßig die Zielgruppe der Jugendlichen. Während die Erwachsenen einem extrem breiten Spektrum an Gesundheitsinformationen im Internet gegenüberstehen, ist das Angebot an Gesundheitswebsites speziell für Jugendliche in Deutschland eher gering. Dies verwundert in so fern, als dass die junge Generation mit dem Computer aufgewachsen und mit den Möglichkeiten des Internets schon früh vertraut ist. Nach Angaben des Jugendgesundheitssurveys 2002 sind 65% der Haushalte, in denen 12- bis 19-jährige aufwachsen, mit einem Internetzugang und 91% mit einem PC ausgestattet (Richter & Settertobulte 2003). Zudem bieten sich in Jugendzentren, Schulen, Internetcafes und bei Freunden zahlreiche Möglichkeiten, im Internet zu surfen. Der Widerspruch zwischen großer Akzeptanz und umfänglicher Nutzung eines Mediums einerseits, aber nur mangelhafter Berücksichtigung seiner Möglichkeiten bei der Gesundheitsinformation Jugendlicher andererseits war Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit dieser Thematik.

In diesem Zusammenhang sollten verschiedene Fragestellungen geklärt werden: Sind Jugendliche so gesund, dass sich ein solches Angebot nicht lohnen würde? Oder ist das Desinteresse an dem eigenen Gesundheitszustand in diesem Alter noch zu hoch? Vielleicht erscheint eine Internetseite als Medium auch einfach nicht erfolgversprechend genug, die Prävention und Gesundheitsförderung im Jugendalter voranzutreiben, da sie von den Jugendlichen nicht entsprechend genutzt würde und keinen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten ausüben könnte? Im Anschluss daran interessierte mich vor allem die Frage: Wie sollte eine Internetseite speziell für Jugendliche gestaltet und aufgebaut sein?

Dazu wurde ein Leitfaden entwickelt, der es ermöglicht, gesundheitsbezogene Internetseiten für Jugendliche, im Hinblick auf die besonderen Bedürfnisse dieser Zielgruppe, bezüglich ihrer Qualität und Angemessenheit zu bewerten. Anhand dieses Kriterienkatalogs werden dann im Rahmen dieser Arbeit drei Jugend-Websites aus verschiedenen Ländern (Deutschland, USA und Großbritannien) umfassend analysiert und beurteilt. Darauf aufbauend soll eine eigene Modellkonzeption für eine optimierte, zielgruppenspezifische Gesundheitswebsite, wie sie in dieser Form bislang in Deutschland nicht existiert, vorgestellt werden. Die vorliegende Ausarbeitung möchte dadurch einen Einstieg in eine Diskussion über Nutzen und Qualität von Gesundheitswebsites für Jugendliche liefern, die Beurteilung existierender Seiten aus Sicht der jungen Generation anhand spezieller Kriterien ermöglichen und letztendlich, durch das Modell einer umfassenden Gesundheitswebsite, eine neue Vision für einen innovativen Ansatz in der Gesundheitsförderung für junge Menschen liefern.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich daher in vier Teile: Im ersten Kapitel soll die besondere Gesundheits- und Lebenssituation von Jungendlichen dargestellt werden, um zu klären, in wie fern junge Menschen gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind und durch welche Faktoren ihr Gesundheitsverhalten determiniert wird. Nur auf dieser Grundlage ist die Beurteilung der Rolle und Möglichkeiten von Gesundheitswebsites sowie die Abschätzung deren erforderlicher Inhalte möglich und sinnvoll.

Im zweiten Teil soll die Bedeutung von Medien, insbesondere des Internets, für die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von Jugendlichen dargestellt werden. Daher folgt nach einer kurzen Einführung in die Funktion des Internets in der Gesundheitskommunikation, eine Erläuterung des Informationsverhalten Jugendlicher, das heißt eine Darstellung, ob und wie junge Menschen sich gegenwärtig um Gesundheitsinformationen bemühen und welchen Stellenwert diese für die junge Generation einnehmen. Anschließend soll ein Überblick über bereits bestehende Gesundheitswebsites für Jugendliche in Deutschland und anderen Ländern gegeben werden, um beispielhaft die existierenden Ansätze herauszuarbeiten und eine Typisierung zu ermöglichen. Es folgt eine Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen von Medien allgemein in der Prävention und Gesundheitsförderung sowie ein Vergleich der Potentiale der verschiedenen für Jugendliche relevanten Medien, um die mögliche Wirkung einer Gesundheitswebsite abschätzen zu können.

Im dritten Kapitel wird der für diese Arbeit speziell entwickelter Kriterienkatalog vorgestellt, anhand dessen sich gesundheitsbezogene Internetseiten für die spezielle Zielgruppe Jugendlicher bewerten lassen sollen. Exemplarisch werden dazu drei sehr verschiedenartige, internationale Internetseiten im Hinblick auf ihre jeweiligen Potentiale und Defizite mit Hilfe dieses Leitfadens analysiert und beurteilt.

Abschließend folgt nach einer Zusammenfassung der Kernaussagen dieser Arbeit im vierten Kapitel eine eigene Modellkonzeption eines Internetangebotes im Sinne einer Auswertung und Synthese, welche die besonderen Bedingungen der Lebensphase Jugend sowie die kritische Analyse des bestehenden Angebots zu berücksichtigen versucht. Daran schließt ein kurzer Ausblick, in welcher Form der Einsatz jugendspezifischer Gesundheitswebsites in Deutschland zukünftig wünschenswert wäre, an.

1. Lebens- und Gesundheitssituation von Jugendlichen

Um die Notwendigkeit eines Informations- und Beratungsangebotes sowie dessen erforderliche Beschaffenheit und thematische Ausrichtung für Jugendliche zum Thema Gesundheit darzustellen, sollte zunächst eine Untersuchung der Gesundheitssituation der jungen Generation erfolgen. Des Weiteren befinden sich Jugendliche in einer Lebensphase, die von einer Vielzahl an Veränderungen und Entwicklungen im kognitiven, emotionalen und körperlichen Bereich bestimmt wird. Diese können auch einen gewissen Einfluss auf die Gesundheit, insbesondere auf das Gesundheitsverhalten von jungen Menschen, ausüben und sollten daher bei der Implementierung eines internetgestützten Gesundheitsförderungsprojekts berücksichtigt werden. Dadurch sollen eine möglichst optimale Bedürfnisorientierung und Wirksamkeit gewährleistet und mögliche Schwierigkeiten bei der Inanspruchnahme des Angebots durch den Jugendlichen identifiziert werden.

1.1 Gesundheitsstatus von Jugendlichen

Bei Jugendlichen scheint es sich auf den ersten Blick um eine überwiegend gesunde Population zu handeln. Die Annahme, es gäbe in dieser Altersgruppe keine gesundheitlichen Probleme und Risiken, hat sich jedoch längst als irrtümliches Vorurteil herausgestellt (Kolip & Hurrelmann 1995; Palentien 1998). Der Fokus der Aufmerksamkeit hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten in so weit verschoben, als dass die Morbidität und Mortalität durch Infektionskrankheiten abgenommen hat. Dem gegenüber steht eine wachsende Bedrohung in Form chronisch-degenerativer Krankheiten und Beschwerden, somatischer wie auch psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten (Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2004; Palentien 1998; Robert Koch-Institut (RKI) 2004). Zudem wird Gesundheit schon lange nicht mehr als bloße Abwesenheit von Krankheit, sondern als ein Zustand des physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens definiert (WHO 1946), was wiederum den Blick auf die tatsächliche gesundheitliche Lage von Jugendlichen noch stärker sensibilisiert.

Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes von Jugendlichen

Im Rahmen des Jugendgesundheitssurveys (Ravens-Sieberer et al. 2003) wurden 5.650 Kinder und Jugendliche aus der 5., 7. und 9. Klassenstufe verschiedener Schultypen im Jahre 2002 nach ihrer eigenen Wahrnehmung und Definition von Gesundheit befragt, da die subjektive Sichtweise als wichtiger Indikator für Gesundheit gewertet wird. Obwohl es den befragten Schülerinnen und Schülern im Allgemeinen gut zu gehen scheint, ergeben sich leichte Unterschiede in Abhängigkeit vom Geschlecht, Alter, Wohlstandsindex und Schultyp: Mädchen sowie Jugendliche in höheren Alterststufen, mit einem geringeren sozioökonomischen Status oder einem niedrigeren Schultyp als dem Gymnasium schätzen ihren Gesundheitszustand durchschnittlich etwas schlechter ein als die übrigen Studienteilnehmer. Frühere Ergebnisse anderer Befragungen zeigten bereits ähnliche Tendenzen auf (Marstedt et al. 2000).

Somatische Erkrankungen und Beschwerden

In Folge verbesserter hygienischer und sozioökonomischer Bedingungen sowie flächendeckender Impfprogramme spielen seuchenbedingte und infektiöse Erkrankungen in den westlichen Industriegesellschaften eine weitaus geringere Rolle als zu früheren Zeiten (Kolip & Hurrelmann 1995; Palentien 1998). Eine ungleich höhere Aufmerksamkeit kommt den chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter zu, deren Prävalenz sich auf 7-10% (RKI 2004) bzw. im Jugendgesundheitssurvey sogar auf 11,5% beläuft und die sich ebenfalls nachhaltig auf den Alltag und die soziale Rolle von betroffenen Jugendlichen auswirken (Ravens-Sieberer et al. 2003).

Im Vordergrund der Ausprägungen somatischer Beschwerden stehen bei Jugendlichen neben weiteren Krankheitsbildern die Allergien. Neben Heuschnupfen und Neurodermitis wird in Verbindung mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besonders das Krankheitsbild Asthma bronchiale stark thematisiert (Hurrelmann & Lösel 1990).

Die steigende Zahl übergewichtiger Jugendlicher ist besonders in den Medien immer wieder präsent, nicht zuletzt weil Adipositas zu einer Reihe von sekundären Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Diabetes und Gelenkschäden, führen kann. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (2004) sind 10-20% der Schulkinder und Jugendlichen, insbesondere in niedrigen sozioökonomischen Schichten, als übergewichtig bzw. adipös einzustufen.

Krebserkrankungen treten im jungen Alter eher selten, meist in Form von Leukämien, auf (RKI 2004).

Für Jugendliche in der Pubertät kann auch die Hautkrankheit Akne eine hohe Relevanz für ihr Selbstbewusstsein und Körperbild haben. Nach Angaben des RKI (2004) ergibt sich eine Prävalenz des Krankheitsbildes von 80-90%, das jedoch nur in 30% der Fälle eine Behandlung erfordert.

Ebenso kommen (häufig vermeidbare) Verletzungen und Unfälle im Haus, in Freizeit und Straßenverkehr im Morbiditätsgeschehen von Jugendlichen etwas häufiger vor (Ravens-Sieberer et al. 2003).

Psychiatrische Erkrankungen und psychische Symptome

Psychosomatische Gesundheitsbeschwerden können sich durch allgemeine und unspezifische Befindlichkeitsstörungen sowohl in Form von körperlichen Symptomen, wie beispielsweise Kopf- und Rückenschmerzen sowie Schwindel und Müdigkeit, als auch durch psychische Merkmale, wie Nervosität, Ängstlichkeit etc. äußern (Ravens-Sieberer et al. 2003; RKI 2004). Im Jugendgesundheitssurvey wurden von den Befragten besonders häufig Müdigkeit und Erschöpfung, Einschlafstörungen, Reizbarkeit und Übellaunigkeit sowie Kopfschmerzen genannt (Ravens-Sieberer et al. 2003).

In Anlehnung an Daten des Robert Koch-Instituts (2004) besteht zudem eine hohe Relevanz in den Essstörungen, wie Magersucht, Bulimie und „Binge-Eating-Disorder“ (Essattacken, latente Esssucht). Hinzu kommen Entwicklungsstörungen, in Form von Störungen der motorischen Funktionen, Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche.

Fazit

Es wird somit deutlich, dass die Beschäftigung mit Fragen der Gesundheit durchaus auch schon für Jugendliche relevant ist und daher entsprechende Informations- und Beratungsangebote zur Verfügung stehen müssen. Da Jugendliche nicht so gesund sind, wie gemeinhin angenommen wird und Vorsorgeuntersuchungen im Jugendalter nur selten thematisiert werden, scheinen neue Formen der Gesundheitsvorsorge notwendig zu werden.

1.2 Lebensphase Jugend: Entwicklungsaufgaben und Gesundheitsverhalten

Die Jugend bezieht sich auf den Lebensabschnitt zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter, der in Folge eines immer früheren Einsetzens der Pubertät sowie häufig langer Ausbildungszeiten je nach Definition zeitlich flexibel begrenzt werden kann (Pinquart & Silbereisen 2004). Die hier vorliegende Arbeit bezieht sich in ihren Ausführungen vorrangig auf das frühe bis mittlere Jugendalter, d.h. auf Jugendliche bis etwa 18 Jahre. Um diese Zielgruppe genauer zu charakterisieren, soll im Folgenden auf altersspezifische Schwierigkeiten und Verhaltensweisen – besonders im Kontext der Gesundheit – eingegangen werden, um Hinweise auf Möglichkeiten, Grenzen und Anforderungen einer Gesundheitswebsite für Jugendliche zu gewinnen.

1.2.1 Entwicklungsaufgaben und Belastungen im Jugendalter

Das Jugendalter bezeichnet eine Lebensphase, die durch eine Vielzahl an Veränderungsprozessen im biologischen, psychischen, emotionalen und sozialen Bereich geprägt ist und mit einer Fülle von Unsicherheiten und Irritationen in der Persönlichkeitsentwicklung einher geht (Haberlandt et al. 1995; Hurrelmann 2004). Während in der Kindheit vorrangig auf Rollenzuweisungen und Wertevorstellungen der Eltern zurückgegriffen wurde, bietet die Jugend die erste Möglichkeit auf Grundlage sozialer Interaktion und Kommunikation mit anderen eine Identität auf Basis eines eigenen Selbstbildes zu entwickeln. Diese Loslösung von sozialstrukturellen Bindungen eröffnet zwar mehr Freiheiten in der Lebensplanung, geht jedoch auch mit einem Mehr an Verantwortung und Risiken für den Jugendlichen einher (Nordlohne 1992). Der Prozess der Identitätsbildung verlangt neben einer gewissen Kontinuität des Selbsterlebens die Bewältigung des Spannungsverhältnisses zwischen Individuation (Entwicklung einer unverwechselbaren und einmaligen Persönlichkeit) und Integration (Entsprechung sozialer und gesellschaftlicher Anforderungen). In Anlehnung an Hurrelmann (2004) lassen sich sowohl aus psychologischer als auch aus soziologischer Sicht jugendliche Entwicklungsaufgaben in vier zentralen Bereiche zusammenfassen: die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit als Resultat einer selbstverantwortlichen Entwicklung intellektueller und sozialer Kompetenzen, die Ablösung von den Eltern in Kombination mit dem Aufbau von Peer- und Partnerschaftsbeziehungen, ein angemessener Umgang mit den Angeboten des Freizeitmarktes sowie die Selbstdefinition des sozialen, gesellschaftlichen und politischen Status.

Für die Konstituierung der persönlichen und sozialen Identität im Sinne einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung ist eine befriedigende Bewältigung der Entwicklungsaufgaben sehr entscheidend (Nordlohne 1992). Die Entwicklungsziele sind jedoch nicht immer leicht zu erreichen, da keine definierten Handlungsbedingungen vorliegen, die Anforderungen sich gegenseitig beeinflussen und die Erfüllung der Aufgaben häufig auch durch sich widersprechende Aktivitäten erfolgen muss oder äußere Einflüsse den Eintritt in den Erwachsenenstatus hinauszögern (Haberlandt et al. 1995; Pinquart & Silbereisen 2004).

Erschwert wird der Entwicklungsprozess zusätzlich dadurch, dass der jungen Generation heute aufgrund pluraler und individueller Entwicklungen in der Gesellschaft nur wenig traditionelle Orientierung in Bezug auf soziale und kulturelle Normen, Rollen und Werte zur Verfügung steht. Dies verspricht zwar einerseits einen sehr großen Freiraum zur individuellen Entfaltung und Entwicklung, verlangt aber andererseits aufgrund fehlender sinngebender Vorbilder und Orientierungen auch nach einem hohen Maß an Selbststeuerung, die im negativen Fall auch zu Orientierungs- und Selbstwertkrisen führen kann (Haberlandt et al. 1995; Hurrelmann 2004; Nordlohne 1992).

Darüber hinaus spielen Leistung und Wettbewerb im schulischen und außerschulischen Sektor eine verstärkte Rolle, was wiederum den Jugendlichen, besonders in Hinblick auf seine unsichere Zukunft, unter Druck setzt (Kolip & Hurrelmann 1995).

Diese Beanspruchungen werden begleitet durch vielfältige und teilweise auch beunruhigende körperliche Veränderungen in der biophysischen Struktur, welche ebenfalls vom Jugendlichen reflektiert und in ein kohärentes Körperkonzept eingeordnet werden müssen (Haberlandt et al. 1995).

Stehen dem Jugendlichen keine ausreichenden Bewältigungsstrategien für den Entwicklungsprozess einer personalen und sozialen Identität zur Verfügung, kann sich dies hemmend auf seine weitere Persönlichkeitsentwicklung auswirken, da Gefühle des Versagens, der Hoffnungslosigkeit und Angst auftreten. Irritationen in der Entwicklung bergen daher stets das Risiko, als Auslöser für gesundheitliche Beeinträchtigungen bzw. psychische und psychosomatische Beschwerden zu wirken (Höfer 1998; Hurrelmann 2004).

1.2.2 Gesundheitsverhalten im Jugendalter

Das Gesundheitsverhalten lässt sich differenziert betrachten als eine Mischung aus gesundheitsförderlichen und gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen, während besonders letztere auch untereinander korrelieren können (Pinquart & Silbereisen 2004). Als modifizierende Faktoren für das gesundheitsrelevante Verhalten im Jugendalter werden in erster Linie der Konsum legaler und illegaler Drogen, das Freizeitverhalten (waghalsige Aktivitäten, Musiklautstärkekonsum, Sonnenverhalten u.a.), das Verhalten im Straßenverkehr, die Ernährung und Bewegung sowie das Sexualverhalten genannt.

Dem Jugendalter kommt in diesem Kontext insofern eine hohe Relevanz zu, als dass viele Verhaltensweisen in dieser Lebensphase entstehen und sich verfestigen können. Eine Vielzahl an Krankheitsbildern hängt unmittelbar mit dem Gesundheitsverhalten zusammen. Dadurch ist der Einfluss des jugendlichen Verhaltens auf die psychische, soziale und physische Gesundheit im Jugend- als auch im Erwachsenenalter immens hoch (Hurrelmann & Lösel 1990; Nordlohne 1992; Richter & Settertobulte 2003).

Konsum legaler und illegaler Drogen

Ein exzessiver Konsum von Tabak, Alkohol und anderen Drogen kann sowohl physiologische und organische als auch psychosoziale Schäden und Entwicklungsstörungen hervorrufen. Besonders im Jugendalter ist die Gefahr in eine Abhängigkeit zu geraten sehr hoch (Richter & Settertobulte 2003).

Tabakkonsum

Im Rahmen des Jugendgesundheitssurveys gab knapp die Hälfte der 11- bis 15-jährigen Befragten an, bereits Erfahrungen mit Tabakkonsum gemacht zu haben (Richter & Settertobulte 2003).

Nach Angaben des Instituts für Therapieforschung hat die europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD), in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse aus sechs deutschen Bundesländern im Jahre 2003 zu ihren Konsumgewohnheiten befragt wurden, ergeben, dass 79% der Mädchen und 76% der Jungen schon mindestens einmal in ihrem Leben geraucht haben. 48% der Schülerinnen und 45% der Schüler berichten von einem aktuellen, zumindest gelegentlichen Konsum. Täglich Zigaretten rauchen aktuell 35% der Befragten. Die Hauptschüler nehmen dabei im Vergleich zu anderen Schultypen in allen Bereichen die höchsten Werte ein (Kraus et al. 2004).

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in ihrer Drogenaffinitätsstudie im Jahre 2004 eine Wiederholungsbefragung unter 12- bis 25-jährigen Jugendlichen durchgeführt. Diese ergab etwas geringere Werte: 21% der Jugendlichen bezeichnen sich als ständige, 14% als Gelegenheitsraucher. 64% der jugendlichen Raucher überlegt innerhalb der nächsten sechs Monate mit dem Rauchen aufzuhören. Die Mehrzahl der Raucher gibt als Begründung für ihr Verhalten an, es sei „ansteckend“ wenn andere rauchen und es würde beruhigend wirken (BZgA 2004).

Alkoholkonsum

Der Konsum alkoholischer Getränke erfolgt meist obligatorisch in Kombination mit bestimmten sozialen Ereignissen und wird von den Jugendlichen besonders aufgrund seiner enthemmenden Wirkung geschätzt. Negative Resultate ergeben sich insbesondere in einem erhöhten Risiko für Gewalthandlungen, Selbstmord, Unfällen, ungeschütztem Geschlechtsverkehr und illegalem Drogenkonsum.

Unter den jüngeren Jugendlichen, die durch den Jugendgesundheitssurvey befragt wurden, gaben 53% der Jungen und 57% der Mädchen an, in der letzten Zeit keinen Alkohol getrunken zu haben (Richter & Settertobulte 2003).

In der ESPAD-Studie berichten nur 6% der Jungen und 5% der Mädchen, in den letzten 12 Monaten abstinent gewesen zu sein. 18% der Jungen und 9% der Mädchen haben in den letzten 30 Tagen mindestens 10mal Alkohol getrunken (Kraus et al. 2004).

Bis zum Alter von 16 Jahren hatten 80% mindestens ein Rauscherlebnis, 38% der Befragten innerhalb der letzten 30 Tage. Längerfristige Auswirkungen auf die Gesundheit scheinen dabei nicht im Bewusstsein der Jugendlichen verankert zu sein (Kraus et al. 2004).

Illegaler Drogenkonsum

Illegale Drogen wurden nach Angaben der ESPAD-Studie von 33% der Befragten jemals im Leben konsumiert, wobei Cannabis mit einer Lebenszeitprävalenz von 31% an erster Stelle steht Alle anderen illegalen Substanzen wurden im Laufe des bisherigen Lebens von weniger als 5% der Schülerinnen und Schüler ausprobiert (Kraus et al. 2004). Die Werte sind mit denen der BZgA-Studie ungefähr vergleichbar, die zudem herausstellt, dass sich unter den männlichen Jugendlichen mehr Drogenkonsumenten befinden als unter den weiblichen und dass eine Korrelation zwischen Tabak-/ Alkoholkonsum und dem Konsum von Cannabis besteht (BZgA 2004). Der Jugendgesundheitssurvey gibt etwas niedrigere Werte an, was erneut auf die jüngere Altersgruppe der befragten Jugendlichen zurückzuführen ist (Richter & Settertobulte 2003).

Die gesundheitliche Gefährdung, die durch den regelmäßigen Konsum von Cannabis ausgeht, wird nur von etwas mehr als der Hälfte der Mädchen und Jungen als hoch eingeschätzt. Bei anderen illegalen Substanzen ist die Gesundheitsgefahr stärker präsent (Kraus et al. 2004).

Risikoverhalten in der Freizeit und im Straßenverkehr

Eine Studie an 179 Schülerinnen und Schülern an zwei nordrhein-westfälischen Gesamtschulen im Jahre 2000 stellte, nach Raithel (2003), das laute Musikhören als häufigstes gesundheitsriskantes Verhalten heraus. Das Zahnpflegeverhalten scheint dem gegenüber sehr ausgeprägt zu sein, wobei männliche und sozial schwächer gestellte Jugendliche ihre Zahnhygiene in manchen Fällen etwas vernachlässigen (Ravens-Sieberer et. al 2003). Zudem stellt Raithel (2003) fest, dass Risk-Fashion Aktivitäten (Lifestyle-Sport-/Bewegungsarten wie zum Beispiel Bungee Jumping) eine mittlere Zustimmung unter Jugendlichen besonders unter Jungen - erfahren, während mit waghalsigen Aktivitäten (wie beispielsweise S-Bahn-Surfen) durchaus ein akutes Schädigungsrisiko assoziiert wird. Ebenfalls wurde festgehalten, dass die Jugendlichen in den letzten 12 Monaten durchschnittlich 1,7 Sonnenbrände hatten.

In Bezug auf das Verhalten im Straßenverkehr ist festzuhalten, dass junge Fahrer nachweislich häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt sind als andere Altersgruppen und diese eine hohe Relevanz für das Mortalitätsgeschehen im Jugendalter haben (Limbourg et al. 2000).

Ernährung

Die Ergebnisse von Studien weisen darauf hin, dass die Ernährung von Jugendlichen insbesondere zuviel Fett (besonders gesättigte Fettsäuren), Cholesterin, Zucker, Salz und Alkohol enthält. Ballaststoffe, Vitamine, Polysacharide und Mineralstoffe werden hingegen zu wenig aufgenommen (Palentien 1998). Dies mag damit in Zusammenhang stehen, dass viele Lebensmittel und Getränke vielmehr aus Lust oder Appetit, als aus der objektiven Notwendigkeit der Nahrungsmittelaufnahmen heraus, konsumiert werden. Ein Interesse für eine kontrollierte Kalorien- und Fettaufnahme ist oft nicht vorhanden. Mädchen verzehren jedoch tendenziell häufiger als hochwertig zu bezeichnende Lebensmittel als Jungen (Raithel 2002; Raithel 2003).

Bewegung

Sport und Bewegung kann einen erheblichen Anteil für das physische und psychische Wohlbefinden leisten. In der GEK- Befragung gaben immerhin 40% der Jugendlichen an, „mehrmals in der Woche“ Sport zu treiben, allerdings auch 11% nur „mehrmals im Jahr“ und 19% „(fast) nie“ (Marstedt et al. 2000). Im Jugendgesundheitssurvey lässt sich eine körperliche Aktivität an zwei oder mehr Tagen in der Woche bei über 80% der Jugendlichen feststellen, allerdings wird die Art der Bewegung nicht genauer spezifiziert (Richter & Settertobulte 2003).

In Anlehnung an Raithel (2003) weisen männliche Jugendliche zwar eine höhere sportliche Aktivität auf, verbringen jedoch auch mehr Zeit vor dem Computer und/oder Fernseher, so dass sich dieser Vorsprung gegenüber den Mädchen wieder relativiert.

Sexualverhalten

Das Sexualverhalten spielt aufgrund des früheren Einsatzes der Pubertät auch schon in sehr jungen Lebensjahren eine Rolle. So gaben bei einer Repräsentativbefragung der BZgA im Jahre 2001 unter 2500 14- bis 17-jährigen Jugendlichen immerhin 35% der Mädchen und 31% der Jungen an, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Dabei erfolgte das „erste Mal“ bei 16% der Mädchen und 21% der Jungen unter unsicheren Verhütungsmaßnahmen bzw. zu einem hohen Anteil gänzlich ohne Verhütungsmittel (BZgA 2001). Diese Werte sind insbesondere in Hinblick auf unerwünschte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten von Relevanz.

1.2.3 Der Zusammenhang von Entwicklungsaufgaben und Gesundheits-verhalten

Um wirkungsvolle Maßnahmen der Gesundheitsförderung initiieren zu können, ist es wichtig, die wesentlichen Einflussfaktoren auf das Gesundheitsverhalten der jeweiligen Zielgruppe zu kennen.

Einen Erklärungsansatz für die Beeinflussung des Gesundheitsverhaltens im Jugendalter bilden die bereits dargestellten Entwicklungsaufgaben. Um diese erfolgreich bewältigen zu können, bedient sich der Jugendliche häufig riskanter gesundheitsbezogener Verhaltensweisen (Hurrelmann & Lösel 1990; Nordlohne 1992; Pinquart & Silbereisen 2004). Die gesundheitsgefährdenden Aktivitäten können zum Beispiel als hilfreiche Variablen im Bereich der sozialen Interaktionen mit Gleichaltrigen fungieren. Der Konsum legaler Substanzen, riskantes Verhalten im Straßenverkehr, das Betreiben einer Diät oder das gemeinsame Fast-Food-Essen scheinen einen bedeutenden Einfluss auf das Ansehen und Zugehörigkeitsgefühl in der Peer-Gruppe und auf die Möglichkeiten des Aufbaus einer Freundschaftsbeziehung oder einer Partnerschaft zu haben. Die positive Funktionalität wird dabei stärker wahrgenommen als dadurch entstehende mögliche Gesundheitsbeeinträchtigungen, die ohnehin meist keine unmittelbaren Auswirkungen zeigen (Hurrelmann & Engel 1998; Palentien 1998; Richter & Settertobulte 2003).

Weiterhin lässt sich die Distanz und Demonstration von Autonomie gegenüber den Eltern durch Verhaltensweisen erhöhen, welche von diesen verboten oder missbilligt werden. Gleichzeitig sind sie als Versuch zu werten, die Privilegien des Erwachsenenstatus für sich einzufordern.

Darüber hinaus wird die Suche nach der eigenen Persönlichkeit und Geschlechtsrolle durch ein hohes Maß des Ausprobierens und Herumtastens geprägt. Aus diesem Blickwinkel scheinen riskante Verhaltensweisen in Form von Drogenkonsum oder diverser Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Autofahren mit überhöhter Geschwindigkeit, als sehr verlockend und nahezu ideal, um sich selbst und seine Grenzen zu testen und die Einzigartigkeit seiner eigenen Person unter Beweis zu stellen.

1.2.4 Einflussfaktoren auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten

Zudem gibt es große interindividuelle Unterschiede im Gesundheitszustand und verhalten von Jugendlichen, die sich auf die Multikausalität von Gesundheit zurückführen und durch verschiedene theoretische Ansätze erklären lassen. Auch diese sollten bei Bemühungen um die Gesundheitsförderung von Jugendlichen bedacht werden.

So kann ein positives Gesundheitsverhalten durch den Bestand an Risiko- und Schutzfaktoren gefördert bzw. gehemmt werden. Diese Faktoren können sowohl aus persönlichen Ressourcen, wie beispielsweise einer hohe Belastbarkeit, Selbstsicherheit und -wirksamkeit sowie Fähigkeiten zur Konfliktbewältigung, als auch aus sozialen Umweltvariablen, wie einer starken sozialen Unterstützung von Familie, Freunden und Schule oder dem Gesundheitsverhalten der Peergroup, bestehen (Jessor et al. 1998; Pinquart & Silbereisen 2004).

Antonovski (1979) beschreibt in seinem Modell der Salutogenese den sogenannten Sense of Coherence als eine Grundhaltung des Individuums, die sich in der Überzeugung äußert, dass Schwierigkeiten lösbar sind und als sinnhafte Herausforderungen verstanden werden. In diesem Sinne werden Jugendliche, denen ausreichende physische, materielle, personale und soziale Ressourcen und Kompetenzen zur Verfügung stehen, welche sie sinnvoll einsetzen können, den Prozess der Entwicklung wahrscheinlich gesundheitsförderlicher meistern, als diejenigen, die mit den Ambivalenzen und fehlenden Orientierungspunkten nicht umzugehen wissen.

Aus sozialisationstheoretischer Sicht sind insbesondere die Einflüsse und Erwartungen des sozialen Umfeldes sowie die sozialstrukturellen Umstände hinsichtlich ihrer Vereinbarkeit mit den individuellen Bedürfnissen und Handlungskompetenzen des Individuums wichtig zu betrachten (Hurrelmann & Engel 1998).

Des Weiteren spielen das Geschlecht und die soziale Schichtzugehörigkeit eine bedeutende Rolle für das Gesundheitsverhalten. Insbesondere die unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben von Jungen und Mädchen sowie verschieden stark ausgeprägte Fähigkeiten, körperliche Empfindungen wahrzunehmen und zu kommunizieren, führen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden des Gesundheitszustandes und des Gesundheitsverhaltens. So neigen zum Beispiel Jungen eher zu besonders riskanten Mustern im Drogenkonsum, während Mädchen für Essstörungen und andere psychische und psychosomatische Beschwerden empfänglicher sind (Kolip & Hurrelmann 1995, Langness et al. 2003). Jugendliche aus unteren sozialen Schichten weisen aufgrund ihrer Lebensumstände und der geringeren Inanspruchnahme medizinischer und Vorsorgeleistungen häufiger somatische Beschwerden und ein geringeres psychisches Wohlbefinden auf als diejenigen aus höheren Wohlstandsschichten (Ravens-Sieberer et al. 2003).

Diese Unterschiede im Verhalten sowie in der persönliche und sozialen Situation spiegeln die verschieden ausgeprägte Empfänglichkeit und den jeweiligen Bedarf nach Gesundheitsbotschaften wider. Gesundheitskommunikative Ansätze, wie eine Gesundheitswebsite, treffen demnach auf eine sehr heterogene Zielgruppe, die hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes und -verhaltens jeweils spezifische Impulse und Ansatzpunkte erfordert.

1.3 Ansatzpunkte für Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention

Es lässt sich festhalten, dass es um die gesundheitliche Situation von Jugendlichen - besonders in Hinblick auf das Gesundheitsverhalten - nicht in allen Bereichen günstig bestellt ist. Die primären Ursachen für Morbidität und Mortalität in der Lebensphase Jugend liegen jedoch überwiegend in vermeidbaren sozialen, umweltbezogenen und verhaltensbezogenen Faktoren (Langness et al. 2003).

Der körperliche Gesundheitszustand ist, mit Ausnahme der hohen Prävalenz an Allergien, im Jugendalter noch sehr positiv zu beurteilen. Es geht vielmehr darum, diesen auch zu erhalten. Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit treten auch bei Jugendlichen schon in einigen Fällen auf, so dass sich auch hier ein Präventionsbedarf ergibt, um tiefergehende psychische Auffälligkeiten zu vermeiden. Das Gesundheitsverhalten von jungen Menschen ist in vielen Bereichen bedenklich: Erfahrungen mit legalen und illegalen Drogen sind weit verbreitet, die Bereitschaft für risikoreiche Freizeitaktivitäten sind teilweise sehr hoch, die Ernährung entspricht vielfach nicht den Empfehlungen und die Verwendung von Verhütungsmitteln ist keine Selbstverständlichkeit. Zudem wäre in Anbetracht der wachsenden Zahl an Übergewichtigen eine Förderung der Bewegungshäufigkeit wünschenswert. Zusammengenommen bilden diese Faktoren ein relativ großes Gefährdungspotential, im Jugend- oder auch Erwachsenenalter physische, psychische oder psychosomatische Beschwerden oder Krankheiten zu erleiden. Wie lässt sich dieser Zustand ändern und die gesundheitliche Lage von Jugendlichen verbessern?

Es existieren bereits eine Vielzahl an personen- oder kontextzentrierten Präventionsprogrammen und Gesundheitsförderungsprojekten, die das Ziel verfolgen, das Auftreten gesundheitsriskanten Verhaltens zu verhindern bzw. zumindest hinauszuzögern und gesundheitsförderliche Aktivitäten in das Verhaltensrepertoire zu integrieren (Kolip 2000). Sie sind thematisch sehr vielfältig ausgerichtet und orientieren sich inhaltlich an der Wissensvermittlung, der Stärkung von Lebenskompetenzen, dem Einbezug von Peergroups, dem Setting-Ansatz und anderen psychologischen, sozialisationstheoretischen, verhaltenstheoretischen und pädagogischen Modellen. Dabei steht mittlerweile eine salutogenetische Orientierung im Vordergrund, sprich eine Stärkung persönlicher und sozialer Ressourcen anstelle einer bloßen Unterdrückung gesundheitsriskanter Verhaltensweisen.

Prävention bezeichnet dabei „alle Interventionshandlungen, die sich auf Risikogruppen mit klar erwartbaren, erkennbaren oder bereits im Ansatz eingetretenen Anzeichen von Störungen und Krankheiten richten. Die Interventionshandlungen lassen sich je nach Zeitpunkt des Eingriffs in einer Abfolge von Entwicklungsstufen der Störung in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterscheiden“ (Laaser & Hurrelmann 1998, S.395). Der Begriff „Gesundheitsförderung“ geht über den Terminus der Prävention hinaus. Er beschränkt sich nicht nur auf die Risikogruppen, sondern will auch die gesunden Anteile der Bevölkerung ansprechen, um den gesundheitlichen Zustand zu bewahren und zu verbessern. Wichtig ist zudem die reine Betonung von verhaltensbezogenen Maßnahmen zu überwinden und vielmehr die Entwicklung gesunder Lebensbedingungen zu betonen. Nach Hurrelmann & Settertobulte (2002) bezeichnet Gesundheitsförderung „zusammenfassend die vorbeugenden, präventiven Zugänge zu allen Aktivitäten und Maßnahmen, die die Lebensqualität von Menschen beeinflussen, wobei hygienische, medizinische, psychische, psychiatrische, kulturelle, soziale und ökologische Aspekte vertreten sein müssen“ (S.133).

Kinder und Jugendliche stellen in der Gesundheitsförderung eine besonders wichtige Zielgruppe dar, da gesundheitliches Risikoverhalten häufig in diesem Altersbereich entsteht und sich stabilisieren kann. Zudem wird den genannten Entwicklungsproblemen eine große Bedeutung für die zukünftige gesundheitliche Situation beigemessen. Dabei ist besonders problematisch, dass die subjektive Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes von Jugendlichen, wie auch in dieser Arbeit bereits festgestellt wurde, erstaunlich positiv ist und daher der persönliche Bedarf an Gesundheitsförderung sowie die Akzeptanz derartiger Programme eher gering ausfallen wird (Jerusalem et al. 2003). Daher berücksichtigt die Gesundheitsförderung vorrangig die Grundbedürfnisse des Jugendlichen und versucht bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Problemsituationen behilflich zu sein sowie die Selbststeuerungskräfte des jungen Menschen zu erhöhen. Ziel ist, eine verantwortungsbewusste und gesunde Lebensweise zu fördern sowie Arbeits- und Lebensbedingungen gesundheitsförderlicher zu gestalten (Langness et al. 2003).

Die in dieser Arbeit verfolgte Idee, eine umfassende Gesundheitswebsite für Jugendliche anzubieten, möchte die bereits existierenden Ansätze keineswegs in ihrer Bedeutung schmälern oder ersetzen. Es handelt sich vielmehr um eine Erweiterung der bestehenden Aktionen der Gesundheitsförderung und Prävention, um diese noch effektiver und zeitgemäßer zu gestalten und zu unterstützen. In diesem Sinne kommt dem neuen Medium Internet, das insbesondere von Jugendlichen stark akzeptiert und genutzt wird, eine große Bedeutung zu.

2. Bisherige Internet-Angebote zur gesundheitlichen Unterstützung von Jugendlichen und deren Bedeutung

Das Angebot an gesundheitsrelevanten Informationen im Internet hat sich in den letzten Jahren rapide ausgeweitet. Die Zahl aller Websites, die sich mit gesundheitsbezogenen Themen befasst, wird auf mindestens 100.000 geschätzt (Landesinstitut für den öffentlichen Gesundheitsdienst (Lögd) 2003). Informationssuchende greifen daher zunehmend auf die vielfältigen Online-Angebote zurück. So besteht die Vermutung, das Internet könne sich zu „der wichtigsten nicht-personalen Informationsquelle für Patienten und ihre Angehörigen entwickeln“ (Schreiber & Gründel 2000, S. 179). Um dessen Eignung auch für die Zielgruppe Jugendliche zu überprüfen, soll im Folgenden die Stellung sowie Möglichkeiten und Grenzen von Medien, insbesondere des Internets, zunächst allgemein in der Gesundheitskommunikation und schließlich speziell für die Gesundheitsförderung von Jugendlichen erläutert werden.

2.1 Das Medium Internet in der Gesundheitskommunikation

Die Gesundheitskommunikation als Form der Vermittlung und des Austauschs gesundheitsbezogenen Wissens, Meinungen und Gefühlen (Hurrelmann & Leppin 2001) muss nicht immer direkt-personal erfolgen, sondern kann auch über Medien vermittelt sein. In diesem Fall ist von der Massenkommunikation die Rede, die sich mit ihrem Wissens- und Informationsangebot an breite Bevölkerungsgruppen richtet. Seit Anfang der siebziger Jahre hat sich zudem der Begriff „neue“ Medien etabliert, welcher seinen Ursprung in der Verbreitung von Informationstechnologie und dem Zusammenwachsen von Computer- und Nachrichtentechnik findet. Das berühmteste Beispiel ist das World Wide Web, das insbesondere im Bereich Public Health neue Akzente setzen konnte (Eysenbach 2001).

Für den Themenbereich der präventiven und kurativen Medizin kann das Internet als Informationsquelle und Kommunikationsmedium sowohl für den „Health Professional“ als auch für den medizinischen Laien eine recht hohe Relevanz haben. In der Patientenkommunikation ergeben sich viele neue Möglichkeiten, um dem wachsenden Informationsbedarf der Bevölkerung zum Gesundheitswesen entgegen zu kommen. Ähnlich wie Fernsehen, Zeitschriften und andere Massenmedien kann das Internet dienlich sein, „um den Patienten aufzuklären, um selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Gesundheitshandeln zu ermöglichen, ihn für bestimmte Gesundheitsprobleme zu sensibilisieren und somit steuernd in das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung einzugreifen“ (Eysenbach 1997, S. 4). Besonders in Hinblick auf die zunehmende finanzielle Beteiligung des Patienten an gesundheitlichen Leistungen sowie der Stärkung der Patientenrolle auf dem Weg zu einem partnerschaftlichen Arzt-Patient-Verhältnis, kommt einem umfangreichen Informationsangebot eine große Bedeutung zu (Benigeri & Pluye 2003; Lerch 2001). Auch für das Gelingen präventiver Bemühungen ist der aktive und informierte Patient unabdingbare Voraussetzung. Da das Internet in unserer Gesellschaft zunehmend die Rolle des zentralen Informations- und Kommunikationsmediums einnimmt, ist dessen Bedeutung für die Informationsvermittlung und somit auch für die Prävention sehr hoch (Eysenbach 1997).

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Details

Seiten
84
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832494124
ISBN (Buch)
9783838694122
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224546
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Gesundheitswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
gesundheit internet website jugend gesundheitsförderung

Autor

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Titel: Gesundheitswebsites für Jugendliche