Lade Inhalt...

Heterosexualität: Naturgegebenes Faktum oder kulturelle Norm?

Theorien über das System der Zweigeschlechtlichkeit

Magisterarbeit 2005 113 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung
1.1 Das Sex-Gender-System und die Frage nach der Relevanz von Geschlechtskategorien
1.2 Entwicklung feministischer Theoriebildung im anglo-amerikanischen und im deutschen Raum
1.3 Exkurs: Der Begriff “Geschlecht“ in anderen Sprachen

2. Theorien über die Aneignung des Symbolsystems der Zweigeschlechtlichkeit
2.1 Einleitung
2.2 Die alltägliche Herstellung von Geschlecht (Gendering-Ansätze)
2.2.1 Ethnomethodologische Ansätze
2.2.1.1 Die Entstehung der Ethnomethodologie
2.2.1.2 Zentrale Begriffe und Thesen
2.2.1.3 Transsexualität: Garfinkels Analyse des Falles „Agnes“
2.2.1.4 Nachfolgende Ethnomethodologische Studien
2.2.2 Sozialkonstruktivismus in der BRD (Hagemann-White, Gildemeister/Wetterer)
2.2.3 Der Ansatz von Goffman: Interaktion und Verstetigung von interaktiv ge wonnenem Alltagswissen in Institutionen und Geschlechterarrangements
2.3 Judith Butlers Geschlechtertheorie

3. Andere feministische Überlegungen zur Zweigeschlechtlichkeit
3.1 Gender und Society: Sozialisationstheoretischer Ansatz
3.2 Innersubjektive Theorien der Psychoanalyse

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit wird sich mit Ansätzen über den Ordnungscharakter des Systems der Zweigeschlechtlichkeit befassen. In allen Gesellschaften der Erde gibt es Menschen weiblichen und männlichen Geschlechts. Die meisten kennen sogar ausschließlich diese beiden Geschlechter:

„Geschlechtssysteme sind typischerweise zweigeteilt und hierarchisch, wobei in allen uns bekannten Gesellschaften das männliche Geschlecht dominiert; die Inhalte der Kategorien variieren jedoch sehr breit. Eine Anzahl von Gesellschaften haben Möglichkeiten gekannt, zum anderen Geschlecht überzuwechseln, ein drittes, neutrales Geschlecht anzunehmen, oder kennen mehrere zusätzliche Geschlechtskategorien.“ (Hagemann-White, 1984:79)[1]

Die Möglichkeit, des gesellschaftlichen Wechsels von Frau zu Mann und umgekehrt beschreibt auch Gayle RUBIN. Dort sind dann Hochzeiten jeder Couleur möglich, d.h. ehemalige Männer heiraten Frauen oder auch wiederum ehemalige Frauen:

„An anatomical man could become a woman by means of a special ceremony, and an ana­tomical woman could in the same way become a man. The transvestite then took a wife or husband of her/his own anatomical sex and opposite social sex. These marriages, which we would label homosexual, were heterosexual ones by Mohave standards […]. However, a person was not permitted to be some of both genders – he/she could be either male or fe­male, but not a little of each.” (Rubin, 1975:181 f.)

Dieses Beispiel des Mohave-Volkes zeigt, dass es weltweit vielfältige Möglichkeiten der Geschlechterkonstellationen gibt. Aber es ist keine Gemeinschaft oder Gesellschaft bekannt, in der überhaupt keine Geschlechterklassifikationen exis­tieren[2]. Und alle Gesellschaften der Welt kennen diese zwei einander ausschließenden weiblichen und männlichen Geschlechter.

Wie kommt es nun, dass das weltweit dominierende Konzept über Geschlecht das der Zweigeschlechtlichkeit ist? Und wie kommt es, dass dieses Konzept als natürlich, unbeeinflussbar, selbständig entstanden wahrgenommen wird? Diesen Fragen werde ich hier nachgehen und die konstruktivistischen Herangehensweisen an eine als Na­turtatsache wahrgenommene Kategorie vorstellen, die diese „Tatsache“ als eine Hervorgebrachte analysieren. Zum Verständnis des Konzepts der Zweigeschlecht­lichkeit sind die aus der englischsprachigen Forschung übernommenen Begriffe Sex und Gender, sowie deren kritische Interdependenzen von grundlegender Bedeutung. Daher wird hierauf einleitend eingegangen. Diese von nordamerikanischen Wissen­schaftlerInnen entwickelte Unterscheidung von Sex und Gender geht einher mit einer unterschiedlichen Entwicklung der Theorienbildung feministischer Forschung, wie sie in den USA beziehungsweise in der Bundesrepublik stattgefunden hat. Ein solcher Unterschied, der sprachlichen wie auch historisch-politischen Eigenheiten geschuldet ist, hat für eine verzögerte Ablösung von bestimmten konservativen Theorietraditionen in Deutschland gesorgt. Sie hat dann in der Folge allerdings ebenfalls dafür gesorgt, dass die Orientierung an anglo-amerikanischen Texten eine hohen Stellenwert bekam. Ich werde das feministisch-wissenschaftliche Verhältnis USA – Deutschland deshalb nach der Sex-Gender-Diskussion kurz beleuchten. Auch die politischen Verhältnisse in Deutschland vor 70 Jahren, bzw. die damit verbundene Emigration einiger Wissenschaftler hat in diesem Zusammenhang eine wechselseitig beeinflussende Entwicklung gefördert, die an der Person Alfred SCHÜTZ’ exemplarisch deutlich wird. Ich werde darauf unter Punkt 2.2.1.1 zurückkommen.

Der Hauptteil meiner Arbeit beschäftigt sich mit Theorien über konstruktivistische Vorstellungen von Geschlecht, mit den so genannten Doing-Gender Ansätze, die das Geschlecht als etwas interaktiv Hervorgebrachtes betrachten. Ausgelöst durch Harold GARFINKELS Studie über die Transsexuelle Agnes Ende der 60er Jahre in den Vereinigten Staaten, etablierten sich konstruktivistische Gender-Ansätze fest in der feministischen Forschung.

Im Kapitel drei werde ich – über die konstruktivistischen Ansätze hinaus – kurz zwei weitere, in der feministischen Forschung etablierte Ansätze behandeln, die Theorien über das System der Zweigeschlechtlichkeit anbieten: Psychoanalytisch orientierte Ansätz und Sozialisationstheorien.

1.1 Sex-Gender-Debatte und die Frage nach der Relevanz von Geschlechskategorien

Mit der zweiten Frauenbewegung ab Ende der 60er Jahre ist die Auseinandersetzung über die Geschlechterverhältnisse komplexer geworden. Viele Impulse sind aus den USA gekommen und haben in der Bundesrepublik erst ab den 90er Jahren ihre volle Wirkung entfaltet[3]. Die Ziele der ersten Frauenbewegung, wie Frauenwahlrecht oder die Zulassung von Frauen zum Studium waren seit langem eine Selbstverständlich­keit. Doch die biologisch fundierte Unterscheidung von Menschen weiblicher und männlicher Natur wurde, bei aller Diskussion über Ungleichheiten, kaum in Frage gestellt[4]. Besonders in der Bundesrepublik hat sich in den 70er Jahren eine „Wir-Frauen-Rhetorik“ (Trettin, 1994:212) etabliert, die durch ihre Konzentration auf eine eigene weibliche Erfahrung biologistische Annahmen unterstützte und förderte. HAGEMANN-WHITE kritisiert daher solche Ansätze zur geschlechtsspezifischen Sozialisation, die mit Formulierungen über weibliches Arbeitsvermögen, unter­schiedlichem Aggressionsverhalten oder weiblicher Moral die Zweigeschlechtlich­keit reifizieren:

„In ihrer Annahme, zwischen biologischem und sozialem Geschlecht unterscheiden zu kön­nen und zu müssen, blieben sie immer noch biologistisch, denn sie mußten einen – meist dif­fus abgegrenzten – Teil der kulturellen Vorstellung über maßgebliche Merkmale der Ge­schlechtszuordnung als ‘Natur‘ festschreiben, um davon die bloß anerzogenen Eigenschaften und Erwartungen trennen zu können.“ (Hagemann-White, 1988:230)[5]

Von einer alle vereinenden Frauenbewegung konnte also immer weniger die Rede sein. Im Verlauf dieser zweiten Frauenbewegung wurden ab den 80er Jahren zunehmend vielfältige Geschlechterverhältnisse untersucht, wie z.B. in der sozialen Sicherung, in Verwandtschaftsbeziehungen oder in der geschlechtlichen Arbeitsteilung[6]. Auch wurde auf die Vielschichtigkeit und Unvergleichbarkeit der Lebenssituationen von Frauen in ihrer kategorialen Bedeutung insbesondere und erstmals durch schwarze Feministinnen hingewiesen. So wurde deutlich, dass es für Frauen – abgesehen von der Kategorie Geschlecht – weitere bedeutende Strukturkategorien gibt, wie z.B. die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer Berufsgruppe, die Relevanz von Hautfarbe oder Alter, die das Postulat einer gemeinsamen weiblichen Erfahrung nicht bestätigen können. Die Afro-Amerikanerin Audre LORDE vertritt diese Kritik:

“By and large within the women´s movement today, white women focus upon their oppres­sion as women and ignore differences of race, sexual preference, class and age. There is a pretense to a homogeneity of experience covered by the word sisterhood that does not in fact exist.” (Lorde, 1984:116).

Im Zuge einer differenzierteren Auseinandersetzung mit Geschlecht wurde dann die begrifflich-semantische Trennung von Sex und Gender vorgenommen. Der aus der Grammatik der Sprachwissenschaften entlehnte Gender-Begriff wurde (1968) von dem kalifornischen Psychiater Robert STOLLER für seine Transsexuellenforschung soziologisch gewendet und schnell von der feministischen Forschung übernommen. Er sollte die sozial gewordene Seite der Geschlechter im Gegensatz zum englischen Sex, der den biologisch-anatomischen Körper bestimmt, verdeutlichen. Renate HOF übersetzt Gender mit Geschlechterverhältnis und schreibt:

„Ich gebrauche den englischen Begriff ‘gender’, weil es im deutschen kein Äquivalent gibt, das die Konnotation dieses Begriffs exakt wiedergibt. Wir können im Deutschen nur zwi­schen’sex’ und ‘sex-roles’ (Geschlecht und Geschlechtsrollen) unterscheiden. Der Begriff ‘Geschlechterverhältnis’ kommt der englischen Bedeutung am nächsten.“ (Hof, 1995:4)

Der Terminus Geschlechterverhältnis wird in erster Linie verwendet, um gesell­schaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen beschreibbar zu machen. In seiner Verwendung ist allerdings Mehrzahl zentral, um die bereits angesprochene Vielfältigkeit von Erfahrungen und Möglichkeiten oder gerade Nicht-Möglichkeiten gesellschaftlicher Einflussnahme auch theoretisch zu fassen. Jedoch sollte beachtet werden, dass es, selbst wenn der größte Teil der Geschlechterverhältnisse disparitär zu nennen ist, der Möglichkeit nach auch Gesellschaften mit paritären Verhältnissen gibt. Das gilt besonders für weniger entwickelte Gesellschaften, in denen Machtfragen eine untergeordnete Rolle spielen. Der aus der feministischen For­schung wie den Gender-Studies nicht mehr wegzudenkende Begriff der Geschlech­terverhältnisse bezeichnet nach Regina BECKER-SCHMIDT

„[...] das Insgesamt der institutionalisierten Gegebenheiten und normativen Regulative, die in einer bestimmten historischen Epoche und Kultur darüber entscheiden, welche Privilegien das eine Geschlecht auf Kosten des anderen hat, wie Machtgefälle zwischen Frauen und Männern verhindert werden, welche Rechte und Pflichten beide gegeneinander zur Geltung bringen können, wie über Genealogien und intergenerative Verantwortlichkeiten entschieden wird, wie und ob gesellschaftlich notwendige Arbeit geschlechtsspezifisch verteilt wird, ob es Unterschiede im Zugang zu sozialen Räumen gibt usf. ‘Männer’ und ‘Frauen’ werden dabei als soziale Gruppen gedacht, die gerade die ‘Geschlechterdifferenz in Relation zueinander setzt.’“ (Becker-Schmidt, 1991:392)

Als Erste hat die Amerikanerin Kate MILLETT den Gender-Begriff von STOLLER in einer feministischen Arbeit, ihrem Erstlingswerk „ Sexual Politics“ (1969) be­schrieben. MILLETT zitiert in dieser Arbeit, ihrer Ph. D. Dissertation, STOLLER, der den Unterschied zwischen Sex und Gender entwirft:

“Dictionaries stress that the major connotation of ‘sex’ is a biological one, as, for example, in the phrases ‘sexual relations’ or ‘the male sex’. In agreement with this, the word ‘sex’ in this work will refer to the male or the female sex and the component biological parts that determine whether one is a male or a female; […]. This obviously leaves tremendous areas of behavior, feelings, thoughts, and fantasies that are related to the sexes and yet do not have primarily biological connotations. It is for some of these psychological phenomena that the term ‘gender’ will be used: one can speak of the male sex or the female sex, but one can also talk about masculinity and femininity and not necessarily be implying anything about anatomy or physiology. Thus, wile ‘sex’ and ‘gender’ seem to common sense to be practically synonymous, and in everyday life to be inextricably bound together, one purpose of this study will be to confirm the fact that the two realms (sex and gender) are not at all inevitably bound in anything like a one-to-one relationship, but each may go in its quite in­dependent way.” (Stoller 1968:ix zitiert nach Millett, 1969:29)

STOLLER hat offensichtlich nicht geahnt, was mit seinem Begriff passieren würde, als er schreibt: “While the work of our research team has been associated with the term ‘gender identity’, we are not militantly fixed either on copyrighting the term or on defending the concept as one of the splendors of the scientific world.” (Stoller, 1968:viii) Umstritten oder nicht, der Begriff hat eine splendide Karriere gemacht, er wird heute in der Sozialpsychologie als Analysekategorie gemeinsam mit Termini wie etwa Klasse oder Rasse behandelt.

Ann OAKLEY wird als die erste Feministin bezeichnet, die den Begriff Gender im sozialwissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat. In ihrem Buch „Sex, Gender and Society“ (1972) setzt sie sich mit der uralten Frage von angeborenen und erworbenen Eigenschaften – hier im Bezug auf Geschlecht – auseinander. Allerdings bezieht sie sich bei Gender im Wesentlichen auf STOLLERS Untersuchungen über Transsexu­elle. Ihr Buch liefert keine bahnbrechenden Erkenntnisse für die feministische For­schung. Früh hat sich auch RUBIN (1975) in ihren Überlegungen zu ihren sex/gender-systems mit dem Ausdruck beschäftigt und ihn mit feministischen Inhal­ten konzeptionell gefüllt. RUBIN beschreibt die Familie als eines der wirkmächtigs­ten Gender-Systeme, die die Unterdrückung von Frauen bewirkt. Sie bezieht sich dabei auf LEVI-STRAUSS’ Anthropologie, FREUDS Psychoanalyse und MARX’ politische Ökomonie. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass „both psychoanalysis and structural anthropology are, in one sense, the most sophisticated ideologies of sexism around.” (Rubin, 1975:200) RUBINS Auseinandersetzung mit den o.g. Disziplinen, bzw. mit den Theorien der genannten Vertreter fliessen zusammen in ihrer Einschätzung über „the part of social life which is the locus of the oppression of women, of sexual minorities, and of certain aspects of human personality within individuals. I call that part of social life the ‘sex/gender system’, […].” (A.a.O. S. 159)

Trotz dieser frühen Arbeiten über Gender fand eine Etablierung und breite Rezeption auch in den USA erst Ende der 80er Jahre statt (Lennox, 1999:567). Jetzt war es möglich, durch die Unterscheidung von Sex und Gender dem Fatum einer biologisch genannten Konstante einen Begriff gegenüberzustellen, der das Werden und Gewor­densein männlicher und weiblicher Kulturwesen schildert. Nahezu alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen ließen sich nun also als Gender-Unterschiede begrei­fen. Sie wurden durch gesellschaftliche Erwartungen und Normen geformt, galten als das Sediment vielfältigster Anforderungen, gemachter Wünsche und Zuschreibun­gen. Heute gehört der Gender-Begriff zum Instrumentarium sozialpsychologischen Forschens über die Inhalte der gesellschaftlichen Kategorie Geschlecht.

In Deutschland verlief die Entwicklung anders. Texte hierzulande müssen mit um­ständlichen Übersetzungen arbeiten oder den englischen Begriff übernehmen, was jedoch wiederum einer Erklärung bedarf, die einer Übersetzung gleichkommt. Es gibt keinen deutschen Begriff für Gender[7]. So werden also – vor 20 Jahren genauso wie heute – zumeist Erläuterungen vorangestellt, die darauf hinweisen, dass der deut­schen Sprache eine entsprechende Begrifflichkeit fehle, dass deshalb z.B. die engli­schen Begriffe verwendet würden oder eben eigene Begrifflichkeiten oder die ge­bräuchlichen deutschen Formulierungen biologisches Geschlecht und soziales Ge­schlecht. Allerdings, ganz ohne Erklärungen kommen deutsche Texte nicht oder nur sehr selten aus[8].

Der Versuch, den Terminus Gender mit dem aus der Soziologie seit Mitte des 20. Jahrhunderts bekannten und auch in der feministischen Forschung seit langem untersuchten Konzept der Geschlechtsrollen zu erläutern, ist aber nach HOF zu kurz gegriffen. Eine Analogie sei zwar wegen der in beiden Konzepten zugrunde liegenden Abkehr von biologistisch begründeten Zuschreibungen hin zu einem Kon­zept der sozialen Geschlechter-Genese möglicherweise nahe liegend, gleichwohl aber nicht gerechtfertigt (Hof, 1995:17), wie im Folgenden zu sehen sein wird. Wenn wir von Geschlechtsrollen sprechen, kommen wir an Talcott PARSONS einflussrei­chem Rollenkonzept – das für die feministische Forschung so folgenschwer werden sollte – nicht vorbei. PARSONS hat mit einem recht eigenwilligen Rückgriff auf die von der Psychoanalyse angenommene trianguläre Struktur des Ödipuskomplexes[9], auf der die Idee der heterosexuellen Vereinigung und zwangsläufig folgender Familiengründung fußt, traditionelle Tätigkeits- und Wirkungsbereiche für Männern und Frauen manifestiert. Auch heute ist die heterosexuelle Familie das Ideal aller möglichen uns vorstellbaren sozialen Lebensformen. Bis in die (gesetzes)politischen Ebenen hinein bleibt die Vormachtstellung ausschließlich heterosexueller Vereinigung über die unbedingte Trennung zweier Geschlechter kaum hinterfragter Tatbestand gesellschaftlichen Zusammenseins. Dies zeigen die sehr leidenschaftlich geführten Diskussionen über gleichgeschlechtliche Eheschließungen und noch mehr über die Adoptionswünsche homosexueller Paare, denen nicht zugetraut wird, ein Kind menschenwürdig und seinen Bedürfnissen entsprechend großzuziehen. Hier haben es indes besonders die männlichen Paare schwer, weil sie dem Kind keine „Mutterliebe“ im Wortsinne bieten können. Und gerade diese ist ideologisch so aufgeladen, dass sie unhinterfragt als unersetzlich und lebenswichtig betrachtet wird. PARSONS Ziel war es nun also, die Verinnerlichung der in der Familienstruktur befindlichen unterschiedlichen instrumentellen-(männlichen) und expressiven-(weiblichen) Geschlechtsrollen als Bedingung der kindlichen Geschlechtsrollen­identifikation zu beschreiben (Parsons/Bales, 1955). Das war insofern neu und modern, als der Bezug seiner Geschlechtsrollentheorie nicht mehr auf biologischen Argumenten gründete, sondern auf denen der sozialen Anforderungen des Systems Familie. PARSONS’ angenommene – dualistisch angelegte – väterlich strafende (instrumentelle) und mütterlich ausgleichende (expressive) Rolle wurde von feministischer Seite viel kritisiert[10]. Was nun das Gender-Konzept von dem der Geschlechtsrollen unterscheidet, ist die in den Vorstellungen über Geschlechtsrollen fehlende Möglichkeit, „die mit den jeweiligen Geschlechtszuschreibungen verbun­denen Mechanismen von Herrschaft und Unterdrückung zu erfassen“ (Hof, 1995:18). Im Gegensatz zu dem auf Differenzen konzentrierten Konzept der Geschlechtsrollen, wie auch dem in der traditionellen feministischen Forschung wesentlichen Versuch, Frauen und ihre Leistungen in Abgrenzung zu Männern zu beschreiben, „ richtet sich die Kritik der ‘gender’-Theorien gerade ‘gegen’ diese Art der Oppositionsbildung“ (Hof, 1995:18). Zentral für das Gender-Konzept sind also die bereits oben von BECKER-SCHMIDT beschriebenen Inhalte von Machtgefällen zwischen den Geschlechtern und insbesondere die solchen Ungleichlagen zugrunde liegenden Mechanismen und Strukturen.

Es gibt jedoch nicht geringe begründete Kritik an dem Gender-Konzept und an einem Begriffspaar, das in seiner Dualität eine unerwünschte Nähe zu anderen in der Geschlechterforschung unpopulären Paaren (Natur-Kultur, öffentlich-privat, rational-emotional, aktiv-passiv) nahe legt:

„Die ‘sex-gender’-Unterscheidung entpuppte sich gleichsam als trojanisches Pferd des tra­dierten Denkens einer ‘natürlichen’ Zweigeschlechtlichkeit, das kein Drittes kennt. Die Ge­fahr ist deutlich, daß in einer auf der Unterscheidung zwischen ‘sex’ und ‘gender’ gründen­den Frauenforschung der von ihr kritisierte Biologismus nur verlagert wird und daß sie da­mit unwillentlich zur ‘Naturalisierung eines Herrschaftszusammenhangs’ beiträgt, den zu kritisieren sie angetreten ist.“ (Schade, Wenk, 1995:377)

Sigrid SCHADE und Silke WENK beziehen sich in diesem Zitat auf den Text von Regine GILDEMEISTER und Angelika WETTERER, den ich unter Punkt 2.3.2 behandeln werde. Diese haben in ihrer zum Klassiker avancierten Arbeit „Wie Geschlechter gemacht werden“ (1992) die Schwierigkeiten, die mit einem Sex-Gender-System verbunden sind, aufgezeigt. Scharfe Kritikerin des Gender-Konzepts ist außerdem Judith BUTLER (1991), der wir hilfreiche Einsichten in die Fallen eines solchen Begriffspaares verdanken. So hat sie verdeutlicht, dass die Trennung von Sex und Gender fragwürdig ist, weil sie voraussetzt, dass das soziale Konstrukt Gender ein diesem Konzept vorstehenden anatomischen Körper unterstellt, auf den die Epochen ihre kulturellen Ideale und Normen quasi einschreiben. Für BUTLER (1995) stellen außerdem die weiblichen und männlichen Körper, das anatomische Geschlecht (im englischen sex) ebenfalls eine Konstruktion dar, die außerhalb eines politischen Machtdiskurses nicht existieren. Ich werde darauf unter Punkt 2.3 zurückkommen.

Und ein weiteres Phänomen ließ sich beobachten. Sobald die begriffliche Etablierung vollzogen war, schlug eine politische Dynamik durch, die das gesamte Konzept un­terminiert, wenn, der Political Correctness wegen, ein Begriff zwar angewendet wird, aber das Denken sich dann doch unverändert in Differenzen vollzieht:

“By the late 1980s, gender had become a substitute for sex in much public and scientific debate. Perhaps gender has […] an aura of political correctness derived from its frequent usage by feminists? Someone who speaks of gender rather than sex intimates a seductive familiarity with social analyses of oppression, whatever is really going on.” (Oakley, 1997:51)

Das wird auch deutlich an den Konzept, das KESSLER/MCKENNA über Gender vorlegen. Ihre Studie „Gender – An Ethnomethodological Approach“ ist 1978 er­schienen und gilt als die klassische feministische Arbeit zur Konstruktion von Zwei­geschlechtlichkeit. Sie lehnen die Unterscheidung von Sex und Gender zugunsten des einen Begriffs ab:

“We will use gender, rather than sex, even when referring to those aspects of being a woman (girl) or man (boy) that have traditionally been viewed as biological. This will serve to em­phasize our position that the element of social construction is primary in all aspects of being female or male, particularly when the term we use seems awkward (e.g. gender chromo­somes).” (Kessler/McKenna, 1978:7)

Auch KESSLER/MCKENNA weisen auf die uneinheitliche Anwendung beider Be­griffe hin und sagen, [...] even in technical writings the two terms are often used interchangeably and confusingly.“ (A.a.O.) Sie fahren fort mit einer völlig verwirrenden Aussage von ROSENBERG/SUTTON-SMITH (1972): „By sex we mean the gender (male or female) with which the child is born” (p. 1).“ (A.a.O.).

Überhaupt scheint Gender eine begriffliche Wandlung vollzogen zu haben, von sei­ner Funktion als ein Begriff, der die gesellschaftlich hergestellten kulturellen und sozialen (erworbenen) Unterschiede von Männern und Frauen beschreibt – und das genau in bewusster Gegenüberstellung zum Sex-Begriff – hin zu einem Prinzip, das gesellschaftliche Ungleichheiten, die immer ein hierarchisches Oben und Unten be­dingen, herausarbeitet. BECKER-SCHMIDT formuliert das so: „Darum sprechen wir in der feministischen Frauenforschung von ‘Geschlecht’ als Strukturkategorie – nicht im Sinne einer Zurechnungskategorie, oder im Sinne askriptiver Zugehörigkeiten.“ (Becker-Schmidt, 1991:392)

Wie sich Geschlecht als eine soziale Strukturkategorie begreifen lässt, hat Ursula BEER in ihrer Arbeit „Geschlecht, Struktur, Geschichte“ (1990) dargelegt. Ich komme darauf unter Punkt 3.1 zurück.

Abschließend bleibt auf ein gravierendes Dilemma hinzuweisen. Denn, wenn in Diskussionen über das Gender-Konzept der Vorwurf laut wird, die ihm implizite Differenz würde die Segregation der Geschlechter und damit die Benachteiligung von Frauen fortschreiben, bleibt immer die Frage, wie Ungleichheiten definierbar sein sollen, wenn das begriffliche Instrumentarium sich selbst unmöglich macht.

1.2 Entwicklung feministischer Theoriebildung im anglo-amerikani- schen und im deutschen Raum

Carol HAGEMANN-WHITE hat (1984, 1988) als eine der Ersten die unterschiedli­che Entwicklung feministischer Ansätze in Deutschland verglichen mit denen in den USA herausgearbeitet. Sie benennt die in der Bundesrepublik – und spricht bei ihrer Analyse natürlich von der westdeutschen Entwicklung – ausgeprägt vorhandene Vor­stellung von „Biologie als Schicksal“. Die Konzentration auf Untersuchungen über eine weibliche Sozialisation oder weibliches Arbeitsvermögen und die „Kritik an Männergewalt und an männlich-destruktiver Technokratie“ (Hagemann-White, 1988:225), die hinter solchen Ansätzen stehende Idee also von untrennbar unterschiedlichen männlichen und weiblichen Charakteren prägte die bundesdeutschen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten. HAGEMANN-WHITE beschreibt eine Frauenbewegung, die ihre politische Kraft aus der Abgrenzung und dem Anderssein gegenüber Männern gebildet hat und weist auf ein Kuriosum hin, in dem die männlich-hegemonialen Machtapparate feministi­sche Aktivitäten unterstützen und sich darüber hinaus sogar ausschließen lassen:

„Schwer zu sagen, wo sonst in der Welt eine christlich-konservative Regierung, die zudem fest im Sattel sitzt, Begriffe und Problemdefinitionen der oppositionellen und ketzerischen Feministinnen in die eigene Programmatik aufnähme. Diese reale gesellschaftliche Wir­kungskraft erwächst, so meine Vermutung, eben aus der unmittelbaren Bereitschaft, die We­sensverschiedenheit der Geschlechter einzusehen; [...] Auf diesem Hintergrund – wo Männer durch die spöttische Frage nach ihrer Menstruation aus Frauentreffen vertrieben werden können – ist es schwer zu verzichten auf die Biologie.“ (A.a.O. S. 226)

Gehen wir davon aus, dass in einem Land, in dem konservative Kräfte immer große Attraktivität besaßen und auch heute noch besitzen, die Angst vor einer Auflösung von Geschlechterunterschieden weit größer sein muss, als die Angst vor den ketzerischen Feministinnen, so ist ein solches Phänomen kein Eigentliches mehr. Feministische Aktivitäten zu fördern, zu unterstützen und zu schützen, bedeutet gleichzeitig, die Förderung des Unterschiedes zu begünstigen. Durch diese Erkenntnis ist später dann die Debatte über die Frage entstanden, inwieweit Frauenförderprogramme hilfreich sind oder eben möglicherweise viel mehr eine blockierende Wirkung haben.

Noch 1988 stellt sie fest:

„Politische, historische und emotionale Bindungen der deutschen Frauenbewegung an den Einsatz von als unbestreitbar empfundenen Geschlechtsunterschieden haben verhindert, diese Theorieentwicklung überhaupt aufzunehmen.“ (A.a.O. S. 227)

Mit diesen Theorieentwicklungen meint sie die konstruktivistischen Geschlechterthe­orien, die durch GARFINKEL (1967) ausgelöst und in der detaillierten Arbeit von KESSLER/MCKENNA (1978) für die feministische Forschung manifest wurden. Diesen Arbeiten liegt eine Erkenntnis zugrunde, die Gender „als kulturelles Regelsystem für Prozesse, in denen die Individuen die mit Geschlechtlichkeit verquickten gesellschaftlichen Strukturen alltäglich mitherstellen“ (Hagemann-White, 1988:227) betrachtet.

GILDEMEISTER/WETTERER greifen später auf, was HAGEMANN-WHITE bereits dargelegt hatte und stellen fest, dass

“[...] die Frauenforschung hierzulande noch häufig so (argumentiert), als könne man weiter unbesehen von der Zweigeschlechtlichkeit als einer Naturtatsache ausgehen und als wären auch politische Entwürfe nur im Rahmen des vorgegebenen Rasters ‘männlich-weiblich’ möglich.“ (Gildemeister/Wetterer, 1992:203)

Unglücklicherweise wird dadurch gleichzeitig der Blick auf die in der anglo-ameri­kanischen Wissenschaft seit langem erforschte interaktiv hergestellte soziale Kon­struktion von Geschlecht verstellt. Stattdessen hat die Frauenforschung in Deutsch­land lange mit der „‘Positivierung’ des Weiblichen [..] die Differenz fortgeschrie­ben“ (a.a.O.). Damit hat sie „Aporien in der Theoriebildung“ hervorgerufen und „einen Konservatismus in der Grundstruktur der politischen Entwürfe“ (a.a.O.), welcher unter anderem im Hinblick auf die oben bereits erwähnten Frauenförderpro­gramme sehr kritisch zu betrachten ist.

Nun gab es auch in den Vereinigten Staaten Bestrebungen, einen Unterschied zwi­schen Frauen und Männern herauszuarbeiten. Dieser so genannte kulturelle Femi­nismus, der in den 70er Jahren eine führende Rolle gespielt hat, hatte zum Ziel, Frauen sichtbar zu machen, ihre Leistungen zu veröffentlichen und zu fördern. Er propagierte darüber hinausgehend jedoch durchaus auch eine „Überlegenheit des weiblichen Wesens über gewalttätige frauenfeindliche Männer“ (Lennox, 1999:563). Dass ein solcher auf biologistischen Annahmen beruhender Ansatz in den USA bald an Einfluss verlor, ist vor allem dem Protest schwarzer Feministinnen geschuldet, die die Probleme weißer Mittelschichts-Amerikanerinnen nicht unumschränkt teilen konnten:

„Schon die Strategie des Separatismus sei im Grunde rassistisch, argumentierten schwarze Frauen, weil sie darauf besteht, daß schwarze Frauen sich von dem gemeinsamen Kampf mit ihren Brüdern gegen den Rassismus lossagten, um sich womöglich rassistischen weißen Frauen anzuschließen.“ (A.a.O. S. 566)

Aber auch die poststrukturalistischen Feministinnen argumentierten, dass das herr­schende Geschlechterbild „ein bloßer Effekt gesellschaftlicher Diskurse“ sei, und sie kritisierten: „Einen Feminismus zu vertreten, der auf Weiblichkeit als der binären Opposition zu Männlichkeit besteht, bestätige nur die binären Strukturen des herrschenden Diskurses.“ (A.a.O.) Diese zwei bestimmenden Ansätze in der amerikanischen feministischen Diskussion haben dafür gesorgt, dass ein Differenz­ansatz, wie er in Deutschland weit länger von Bedeutung war, dort schnell an Einfluss verlor.

Allerdings mögen auch die sprachlichen Eigenheiten des Deutschen im Vergleich zum Englischen das Festhalten an der „Positivierung der Differenz“ (Gildemeis­ter/Wetterer, 1992:203) gefördert, zumindest aber erleichtert haben, denn wir bewegen uns im Deutschen „[...] im Rahmen einer Sprache, die weit durchgängiger als das Englische binär verfaßt ist.“ (A.a.O.)[11]

1.3 Exkurs: Der Begriff „Geschlecht“ in anderen Sprachen

Weil für die Konstruktion von Wirklichkeit – auf der die hier vorzustellenden sozial­konstruktivistischen Geschlechtertheorien basieren – die natürliche Sprache das wichtigste Medium ist, soll dieser kleine Exkurs in die Linguistik einige Aspekte der Wirkung von Sprache auf die Geschlechterwirklichkeit beleuchten. Die sprachliche Fassung der verschiedenen Geschlechtsbegriffe hat sich kulturabhängig in den ver­schiedenen Gesellschaften entwickelt. Sprachlich zeigt sich für das Deutsche in zweifacher Hinsicht, was BECKER-SCHMIDT betont: „Geschlechter nehmen soziale Stellungen ein.“ (Becker-Schmidt, 1993:38). Die Formulierung aus dem Geschlecht derer von verweist auf die Sozialstruktur einer Gesellschaft, die Adelige von Nicht-Adeligen unterscheidet. Und sie beinhaltet soziale Aufgaben, die den Angehörigen beider Klassen zugeschrieben werden. Ebenso nehmen Menschen weiblichen oder männlichen Geschlechts soziale Stellungen ein, in denen sie unterschiedliche Funktionen haben: „Auch Frauen und Männer sind als Kollektive durch die Positionen unterschieden, die sie in der Geschlechterordnung einnehmen.“ (A.a.O.)

Bei der Beschäftigung mit Gender in Sprachen kommen den Nomen und Pronomen eine hohe Bedeutung zu. Ich werde mich daher auf diese konzentrieren und beispiel­haft anhand einiger Sprachen den Umgang mit dem (gegebenen) grammatischen und dem (variablen) semantischen Geschlecht vorstellen. Auch sorgt der englische Beg­riff Gender als Analysekategorie in der deutschen Sprache für Adaptionsschwierig­keiten, auf die hier eingegangen werden soll.

Wie sich gezeigt hat, ist die im Englischen mögliche Unterscheidung zwischen sozi­alem und biologischem Geschlecht nicht ganz unproblematisch. Im Deutschen je­doch ist sie nur in der o. g. umständlichen Formulierung überhaupt möglich. Es gibt diesen einen Begriff für drei unterschiedliche Bedeutungen. Er kommt – etymolo­gisch betrachtet – aus dem Mittelhochdeutschen und gehört ursprünglich:

„ [...] zu dem unter ‘schlagen’ behandelten Verb und bedeutet eigentlich ‘das, was in die­selbe Richtung schlägt, [übereinstimmende] Art’, beachte z.B. die Bedeutung von ‘schlagen’ in den Wendungen ‘aus der Art schlagen’ und ‘nach dem Vater schlagen’. Es wurde zu­nächst im Sinne von ‘Abstammung, [vornehme] Herkunft’ und im Sinne von ‘Menschen glei­cher Abstammung’ gebraucht, dann auch im Sinne von ‘Gesamtheit der gleichzeitig leben­den Menschen’.“ (Duden Bd. 7, 2001:271)

Im Duden heißt es dann weiter: „Ferner bezeichnet es das natürliche und das gram­matische Geschlecht [...].“ (A.a.O.)

Befassen wir uns mit dem grammatischen Geschlecht und der damit verbundenen Frage, ob Sprache Sexismus reflektieren kann oder ob sie gar sexistisch ist. Die meisten Sprachen haben ein grammatisches Geschlecht, wie z.B. Deutsch und Fran­zösisch, aber auch Arabisch, Russisch Griechisch oder Rumänisch. Es sind so ge­nannte Gender-Sprachen, die zumeist zwei oder drei Geschlechtsklassen – in denen ein männliches und ein weibliches Genus fast immer vorkommt – haben. Dann gibt es Sprachen, in denen es keine nominalen Klassifikationen gibt. Solche Sprachen ha­ben nur einen Artikel für alle Substantive. Dies ist z.B. für das Englische, das Fin­nische und das Türkische und auch das Ungarische der Fall (Hellinger, Bußmann, 2001a:4 f.). Gehen wir beispielhaft auf die finnische Grammatik ein wenig genauer ein: Es gibt außer der Unmöglichkeit, Substantive zu vergeschlechtlichen, auch keine Möglichkeit, ein Geschlecht durch Pronomen darzustellen – denn die 3. Person Sin­gular besteht aus nur einer Form. Das finnische Wort lääkärinnsä kann also heißen: seine Doktorin, ihre Doktorin, sein Doktor oder ihr Doktor. Auch das finnische Wort mies = Mann bezieht sich ausschließlich auf das männliche Geschlecht, und nicht wie in so vielen anderen Sprachen – bei z.B. dem englischen man, dem französischen homme, dem spanischen hombre, dem italienischen uomo oder dem türkischen adam – auf den Mann und auf den Menschen schlechthin. Für die englischen, auf das Maskuline hinweisenden, Wörter man oder mankind gibt es im Finnischen ebenfalls eigene geschlechtsneutrale Ausdrücke (Engelberg, 2002:112, Samel, 2000:91, Braun, 1997:21). Eine geschlechtliche Unterscheidung ist in dieser Sprache folglich nur mit dem lexikalischen Geschlecht möglich [12] . Darunter verstehen wir geschlechtsspezi­fische Begriffe, die sich exklusiv entweder auf das weibliche oder auf das männliche Geschlecht beziehen, wie z.B. Mann, Frau, Mutter, Onkel oder Stewardess, Hebamme, Schwester, Sohn oder Witwer oder eben die Wörter weiblich und männ­lich.

Bemerkenswert ist, dass selbst im Finnischen, wo das Geschlecht kennzeichnende Pronomen, Artikel und Begriffe fehlen, androzentrische Formulierungen ihren Weg finden. Mila ENGELBERG beschreibt folgende Formulierungen und deren alltäglich wahrgenommenen Inhalte: „Puna-armeijan naiskomissaari Klavdia Vavilova huomaa tulleensa raskaaksi.“ (Englisch: „Female Red Army commissar Klavdia Vavilova finds out that she is pregnant.”) (Engelberg, 2002:119) Obwohl die Be­zeichnung kommissaari geschlechtsneutral ist, also für beide Geschlechter gleicher­maßen gilt, scheint es nötig zu sein, eine Frau mit der Voranstellung von nais = weiblich in einer solchen Position extra zu benennen. Ungeachtet der grammatischen Gleichwertigkeit, ist der Begriff semantisch konnotiert – und zwar mit einer Person männlichen Geschlechts. Die folgende Formulierung denkt Frauen erst gar nicht mit: „Asiakaat ovat kiinalaisia, hyvin pukeutuneita perheenisiä vaimoineenja lapsineen.“ (Englisch: „The customers are Chinese, well-dressed family men with their wives and children.“ (A.a.O. S. 119 f.) ENGELBERG schildert die im Finnischen gebräuchliche Sprachverwendung mit einem männlichen Bias. Es gibt auch eine Menge finnischer Redewendungen, die eine Mann-Mensch-Gleichsetzung darstellen, mit einem traditionellen Frauenbild, wie es uns aus deutschen Redewendungen bekannt ist. Das bedeutet jedoch, dass es in einer Sprache wie dem Finnischen, die linguistisch so voraussetzungsreich ist, erst recht zu Marginalisierungen von Frauen kommen kann, denn „since Finnish lacks grammatical gender, it is not possible to use female pro/nouns‘ to emphasise ‘women’s presence in the world’.“ (A.a.O. S. 128)

Ohne auf die türkische Sprache weiter eingehen zu wollen, denn diese ist bezüglich des grammatischen Geschlechts mit dem Finnischen vergleichbar, möchte ich Frie­derike BRAUN zitieren, die die alltägliche Praxis in der stark segregierten türkischen Gesellschaft benennt, welche in einem markanten Paradoxon zu seiner geschlechts­neutralen Sprache steht:

“Gender is one of the most salient social categories in Turkey, a major determinant of pat­terns of behavior in all sectors of everyday life as well as on the various levels of public or­ganization. For example, in schools different uniforms are prescribed for girls and boys, patterns of seat selection and seat allocation in busses are largely governed by considera­tions of gender, Turkish Civil Law confers different rights and obligations on women and men in marriage, and there are clear conceptions of what should be the characteristics, ac­tivities and interests of males or females”. (Braun, 2001:284)

Im Englischen gibt es weit weniger geschlechtsabhängige Substantive als es uns aus dem Deutschen bekannt ist. Bei vielen Berufen ist das der Fall, wie z.B. teacher, pro­fessor, doctor, worker oder clerk, aber auch neighbour, babysitter oder filmstar. Es gab im Altenglischen ein nominales Klassifikationssystem, das wie das Deutsche drei Klassen hatte, allerdings wurden diese durch das Anhängen von Suffixen darge­stellt. Diese verloren sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts[13]. Insofern bietet die englische Grammatik eine bessere Grundlage, geschlechtsneutrale Formulierungen zu finden, als es mit der deutschen Grammatik möglich ist. Doch dieser Vorteil ist ein relativer, wenn eine Gesellschaft jahrhundertelang eine androzentrische Sprachverwendung praktiziert hat. Marlis HELLINGER verweist auf drei im Englischen gebräuchliche Methoden: 1. den falschen Gebrauch von Generika, nicht nur des fortwährend als allgemeingültig verwendeten he, sondern auch der Gebrauch von Begriffen, die von man abgeleitet wurden, wie mankind oder chairman; 2. Formulierungen, die klare Hierarchieanordnungen in Sätzen wie „transport will be provided for delegates and their wives“ erkennen lassen und 3. die Verwendung von markierten Formen, wie z.B. female doctor, wenn es eine vergleichbare männliche Form nicht gibt, weil die unmarkierte Form wie selbstverständlich als die männliche angesehen wird (Hellinger, 2001:109 f.). Und in allen Gemeinschaften, in denen Frauen in wichtigen Positionen jahrtausendelang nicht vorkamen, wird es geben, was in der feministischen Forschung unter Männerbünde gefasst wird und aus denen Bezeichnungen über

„paternalistische Zusammenhänge wie Kirche (der heilige Vater, Gottvater und Sohn, An­rede unter Pfarrerkollegen: Bruder), Staat (Vater Staat, Landesvater, Väter des Grundgeset­zes, das Vaterland), Parteien (Kohl als Enkel Adenauers), Firmen (Steinway & Sons, J.R. und John Ross Ewing in ‘Dallas’, der Juniorchef), studentische Korporationen (Alte Herren, vgl. ‘mein alter Herr’).“ (Decke-Cornill/Gdaniec, 1992:23)

hervorgehen. In diesem Zusammenhang kann man sich z. B. fragen, wie beispielsweise eine Doktorandin ihre Professorin nennt? Doktorvater ja sicherlich nicht.

Es zeigt sich also, dass in so genannten Gender-neutralen Sprachen Diskriminierun­gen ebenso möglich sind und auch stattfinden, wie in Gender-Sprachen, z.B. dem Deutschen oder dem Französischen. Nun sind interessanterweise außerdem in zwei Sprachen, die kein grammatisches Geschlecht kennen, dem Türkischen und dem Finnischen, die gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen und Mädchen ausgesprochen verschieden. Es lässt sich offenbar kein signifikanter Unterschied in der sprachlichen Behandlung von Männern und Frauen zwischen vergeschlechtlichten und nicht vergeschlechtlichten Sprachen konstatieren.

Jedoch gibt es zwei unterschiedliche Ansätze der Möglichkeit, weiblichen Diskrimi­nierungen in Sprachen zu begegnen: „In reformed usage, the prinziple of neutraliza­tion has the highest priority in English, in contrast to German, where female visibi­lity is the basic characteristic of gender-fair usage.“ (Hellinger, 2001:109) Hier wird allerdings eine wesentliche Schwierigkeit im Umgang mit der weiblichen Ungleich­behandlung offenbar, die immer wieder und auf allen Ebenen zu gewärtigen ist: Bei einer neutralen Sprachverwendung besteht die Gefahr – die ENGELBERG z.B. für das Finnische beschrieben hat –, dass Frauen und ihre Leistungen unsichtbar ge­macht werden. Wird hingegen die Formulierung von weiblichen Formen gefördert, impliziert dies möglicherweise eine Differenzpolitik, welche die Vorstellung von Menschen mit unterschiedlicher, nämlich weiblicher oder männlicher Natur, voraus­setzt. Die mit einer solchen Haltung einhergehenden Schwierigkeiten habe ich bereits oben angesprochen.

Werfen wir noch einen Blick auf die unterschiedlichen Gattungsbegriffe. In den meisten in Mitteleuropa bekannten Sprachen gibt es die aus dem Lateinischen abge­leiteten Begriffe für Genus (grammatisches Geschlecht) und Sexus (körperliches Geschlecht): Das ist so im Spanischen (género – sexo), Französischen (genre – sexe), Englischen (gender – sex), Italienischen (genere – sesso). Etymologisch ist der Ge­nus-Begriff für das grammatische Geschlecht ein klassifikatorischer für Art oder Gattung. Der eine deutsche Begriff Geschlecht für alle genannten Arten bietet daher nach Hadumod BUßMANN eine irreführende Nähe des grammatischen Genus zum biologischen Sexus, wenn er sich in seiner mehrdeutigen Funktion immer auf beide Aspekte gleichzeitig beziehen kann und so der biologisch-sexuelle Aspekt schnell mitschwingt (Bußmann, 1995:117). Eine Nähe, die allerdings auch durch die Verwendung des Terminus Gender in seiner neuen semantischen Bedeutung in der feministischen Forschung nicht zu verhindern war.

Schauen wir, nach welchen Prinzipien Genuszuschreibungen erfolgen, findet sich im Deutschen abermals eine Eigenart. Der im Deutschen gebräuchliche Begriff Geschlechtswort für Artikel zeigt „die Sexualisierung der Grammatik [...] bereits auf der Ebene der Bezeichnungen“ (a.a.O.). Denn die Bezeichnung Geschlechtswort stellt die Genus-Kennzeichnung in den Vordergrund, der die eigentlichen semantischen Funktionen der bestimmten und unbestimmten Artikel („Definitheit vs. Indefinitheit, Generalisierung vs. Individualisierung und Bekanntheit vs. Nichtbekanntheit“ (a.a.O.)) gegenüberstehen. Existierende Regeln für die Verwendung von Artikeln sind nach BUßMANN jedoch so komplex, dass deren Erlernen weit schwieriger ist, als einfach den Artikel für das jeweilige Wort mitzulernen. So wird dann auch beim Spracherwerb das Genus zumeist als arbiträr erlebt. Die Regeln sind z.B. phonetischer oder auch morphologischer Art: bei nichtsibilantischen Frikativen mit dem Verschlusslaut -t, wie die Luft, die Sicht, die Kraft, oder bei Endungen wie -heit, -schaft, -tum (a.a.O. S. 121). Diese Erkenntnisse stehen indessen solchen gegenüber, die ein klares androzentrisches Ergebnis hervorbringen. BUßMANN nennt beispielhaft introvertierte Ausdrücke, wie die Scham, die Furcht, die Geduld, die Anmut, die Sanftmut und extrovertierte Ausdrücke, wie der Hohn, der Wille, der Ärger, der Eifer:

„Bei Untersuchungen zum Deutschen, Französischen und Russischen konnten immerhin soviel überzeugende Zuordnungsreaktionen nachgewiesen werden, daß die von strukturalis­tischer Seite vertretene Auffassung von der generellen Arbitrarität des sprachlichen Zei­chens [...] in dieser strikten Version für die Genuszuweisung kaum aufrecht zu erhalten ist.“ (A.a.O. S. 122)

So bleibt festzuhalten, dass bei aller Uneinigkeit der Entstehung von grammatischen Gegebenheiten eine Verflochtenheit von Genus und Sexus nicht verneint werden kann. Wie charakterisierende, auf tatsächliche Männer und Frauen bezogene Zuordnungen erfolgt sind, zeigt folgende erstaunliche Feststellung:

„Früheste diesbezügliche Kommentare reichen in die griechische Antike zurück, wo [...] PROTAGORAS als erster die Gleichsetzung von Genus und Sexus vollzogen haben soll, und zwar so konsequent, daß er dort, wo seine geschlechtsstereotypen Vorstellungen nicht mit dem im Griechischen vorgefundenen grammatischen Geschlecht übereinstimmten, vor sprachlichen Korrekturen nicht zurückscheute. So schlug er z.B. vor, das seiner Meinung nach unangebrachte feminine Genus der griechischen Wörter für ‘Helm’ und ‘Zorn’ zu maskulinisieren.“ (A.a.O. S. 124 f.)

Eine solche nicht geringe Zahl an Korrekturen, die bis in das Spätmittelalter gängige Praxis waren (a.a.O. S. 125), lassen uns heute ganze Gruppen von binär geschlechtskonnotierten Substantiven finden. Mein kurzer Einblick in die komplexen Zusammenhänge sprachlicher Zuordnungen und sozialpsychologischer Wirkmäch­tigkeit in unterschiedlichen grammatischen Systemen soll an dieser Stelle reichen. Schließen wir mit einer Feststellung BUßMANNS:

„Fest steht, daß, einerseits die weitaus überwiegende Zahl von Genussprachen in ihrem personenbezogenen Wortschatz ein unausgewogenes Inventar zuungunsten weiblicher Be­zeichnungen aufweist, daß andererseits die normative Setzung des „generischen“ Maskuli­num im Laufe der Sprachgeschichte feste Wurzeln im Sprachsystem geschlagen hat. Da aber bekanntlich auch genuslose Sprachen wie Ungarisch, Türkisch, Japanisch oder Chinesisch weder eine soziale Gleichstellung der Geschlechter garantieren noch gegen sexistische Sprachverwendung gefeit sind, sind es vor allem die Sprecherinnen und Sprecher einer Jahrtausende alten patriarchalisch geprägten Sprachgemeinschaft in ihrer gesellschaftli­chen und kulturellen Wirklichkeit, deren alltäglicher Sprachgebrauch primär für die unglei­che sprachliche Repräsentation der Geschlechter in der Gegenwartssprache verantwortlich ist.“ (A.a.O. S. 143)

Ich möchte jedoch noch eine aktuelle Begebenheit schildern. Im April 2005 berich­tete Alexandra STAUSH in der Süddeutschen Zeitung über das neue Antidiskrimi­nierungsgesetz und seine Auswirkungen auf Personaler. Das Gesetz soll im Sommer 2005 in Kraft treten und nach EU-Recht dafür sorgen, dass „kein Mensch aufgrund von Geschlecht, Alter, ethnischen Merkmalen, Religion, Weltanschauung, sexueller Identität oder Behinderung“ benachteiligt wird. STAUSH erläutert weiter:

„Mit dem neuen Gesetz wird schon die Formulierung einer einfachen Stellenanzeige zum Spießrutenlaufen, denn die Diskriminierung muss nicht unmittelbar ausgesprochen werden. ‘Junger dynamischer Geschäftsführer gesucht’ ist eine Steilvorlage für jeden Arbeitsrecht­ler. Denn auch ohne konkrete Altersangabe ist klar, dass hier Kandidaten in den Vierzigern keine Chance haben.“ (Staush, 2005:V1/13)

Es ist fast nicht vorstellbar, dass irgendwer, zumal eine Frau, einen Artikel schreibt, die mittelbare Benachteiligung eines 40jährigen Mannes erkennt und die unmittel­bare Diskriminierung von Frauen schlichtweg übersieht. Wer aber einmal die sprachliche Ungleichheit in Texten von z.B. Zeitungen und Zeitschriften beobachtet hat, wird feststellen, welche hanebüchenen Formulierungen ganz selbstverständlich aus der Feder fließen und ebenso selbstverständlich gelesen werden. Der Kognitionswissenschaftler Douglas R. HOFSTADTER hat sich in einem Artikel für die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ vor mehr als 20 Jahren mit sexistischen Annahmen beschäftigt und über seine eigenen Erfahrungen, Schwierigkeiten und sogar Unmöglichkeiten berichtet, die ihm beim Anwenden von Sprache widerfahren sind. Dort lässt sich gut nachlesen, wie stillschweigend androzentrische Annahmen vollzogen werden, die in den entsprechenden Texten nie formuliert wurden (Hofstadter, 1988:145 ff.).

2. Theorien über die Aneignung des Symbolsystems der Zweigeschlechtlichkeit

2.1 Einleitung

Im Alltagsleben wird über Geschlecht nur insofern nachgedacht, als die Menschen in zwei unterschiedliche, lebenslang wirksame Kategorien eingeteilt werden, die schon vor der Geburt feststehen und sich auch über den Tod hinaus nicht verändern. Es gibt Mädchen und Jungen und diese werden zu Frauen und Männern. Wie fremd uns die Vorstellung von einem uneindeutigen Geschlecht ist, lässt sich tagtäglich beobachten. Eine der ersten Fragen an frischgebackene Eltern ist fast immer die Frage nach dem Geschlecht des Kindes. Es ist unvorstellbar, dass die Eltern etwa antworten, dass sei ihnen egal oder sie wüssten es gar nicht so genau. Eine solche Antwort riefe vermutlich eher Entsetzen hervor und ließe sich folglich nur durch zwei Erklärungen verstehen: Es konnte entweder ein Scherz gewesen sein oder die Eltern sind verrückt. Denn jeder Mensch weiß: Es gibt zwei und nur zwei klar voneinander unterscheidbare Geschlechter, ein männliches und ein weibliches. Es gibt weder ein drittes noch ist die Frage nach dem Geschlecht je irrelevant. Die Angst vor einer Auflösung klarer Geschlechtergrenzen zeigt sich auch in der deutschen Namensgesetzgebung. Hierzulande muss der Unterschied schon beim Hören oder Lesen des Namens eindeutig erkennbar sein.

Dabei ist diese so selbstverständliche Vorstellung eine Gewordene, den politischen und sozialen Verhältnissen ihrer Zeit Entsprechende; eine Konstruktion, der, ge­schichtlich gesehen, andere Konstruktionsmodi vorangegangen sind. Heute steht die Deutungsmacht den Naturwissenschaften, der Biologie, der Medizin zu. Das war nicht immer so. Früher war sie der Kirche und religiösen Vorstellungen vorbehalten. Jede Autorität hatte und hat ihre eigene Definition der Geschlechterverhältnisse und es gibt unterschiedliche Wege, den jeweiligen Kanon darzustellen und dadurch als Selbstverständlichkeit wahrgenommene Phänomene in ihrer Konstruiertheit zu erschüttern. Kulturanthropologische Arbeiten haben das getan, indem sie die Geschlechtsdarstellungen von Menschen anderer Kulturen beobachtet haben[14]. Auch kann man sich die Geschichte ansehen und in historischen Untersuchungen überprüfen, was über Geschlechter in anderen Epochen gesagt und gedacht wurde[15]. Thomas LAQUEUR z.B. stellt in seiner historischen Studie „Auf den Leib geschrieben - Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud“ (1992) die seit Galenus im 2. Jahrhundert vorherrschende Sichtweise von der Existenz eines einzigen kanonischen Körpers vor[16].

„In dem über zwei Jahrtausende anatomischen Denkens dominanten Ein-Geschlecht-Modell wurde die Frau als umgedrehter Mann verstanden. Der Uterus war das weibliche Scrotum, die Eierstöcke waren die Hoden, die Vulva war die Vorhaut und die Vagina war der Penis.“ (Laqueur, 1992:267)

Die hier zitierte – von unserer heutigen stark abweichende – Vorstellung über Ge­schlechter verdeutlicht, dass unsere Welt eine von den Menschen geschaffene ist; dass immer, wenn etwas ge-sehen wird, gleichzeitig etwas anderes über-sehen wird, und dass es eine Frage von Ideologien und Politiken ist, welchem der Vorrang gege­ben wird:

„Die Geschichte der Anatomie [...] weist darauf hin, dass die anatomische Repräsentanz von Mann und Frau nicht von der Evidenz von Organen, Kanälen oder Blutgefäßen abhängt, sondern von dem soziokulturell geprägten Umgang mit Repräsentation und Illusion. Kein Bild von den ‘Fakten sexueller Differenz’, sei es verbal oder visuell, existiert unabhängig von vorgängigen Festlegungen hinsichtlich der Bedeutung derartiger Entscheidungen.“ (A.a.O. S. 83)

LAQUEUR macht außerdem ersichtlich, wie viel weniger eindeutig und an biologi­schen Kategorien festgelegt, die Welt des Eingeschlechtermodells war, ehe sie dann ab dem 18. Jahrhundert mit der Vorstellung von zwei biologisch klar voneinander abgrenzbaren Geschlechtern wurde. Vor dem 18. Jahrhundert war Sexus eine sozio­logische Kategorie; die wesentliche Kategorie zur Unterscheidung von Männern und Frauen war der Genus. Die Behauptung, dass die Frau ein minderes Geschöpf war, musste nicht bewiesen werden. Es war eine gottgegebene Tatsache: Der Mensch war ein Mann und die Frau

„ist demzufolge ein durch Mangel an Männlichkeit definiertes Wesen. Es gibt keine spezi­fisch weiblichen biologischen, physiologischen oder psychologischen Attribute, vielmehr sind alle Besonderheiten des ‘schwächeren’ Geschlechts defizitäre Erscheinungsformen dessen, was dem ‘starken’ Geschlecht eigen ist. Die weiblichen Geschlechtsorgane werden als weniger entwickelte und introvertierte Varianten der männlichen Organe erklärt und dargestellt; der weibliche Geschlechtscharakter wird von einer defizitären Beschaffenheit der Körpersäfte abgeleitet.“ (Schabert, 1995:169)

So war das Ein-Geschlechter-Modell der Antike ebenso eine Ideologie zur Legitima­tion von Herrschaftsansprüchen, wie die uns heute vertraute Vorstellung der Existenz von Männern und Frauen in einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Unruhen er­funden wurde (Laqueur, 1992). Das durch Aufklärung und Französische Revolution entstandene neue Weltbild brachte die vorher göttliche Ordnung durcheinander. Die Rede vom Menschen als rationalem Vernunftwesen, die Vorstellung, alles in der Natur sei beobachtbar, das Aufkommen also von Rationalismus und Empirismus führte zur Ablösung religiöser und kirchlicher Deutungsmacht durch die Naturwis­senschaften als legitime Produzenten öffentlicher Meinungsbildung. Diese neu for­mulierte Differenz der Geschlechter wird jetzt – in Abgrenzung zur gottgegebenen Ordnung – so absurd wie nachhaltig als rational, vernünftig, überprüfbar, modern, fortschrittlich und wahr betrachtet. Karin HAUSEN hat in ihrem vielbeachteten Auf­satz „Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ (1976) beschrieben, wie seit den unruhigen, in Umbrüchen befindlichen 1780er Jahren vormals an den Stand ge­bundene Zuschreibungen plötzlich in männliche und weibliche Charakterdefinitionen umgewandelt wurden. Vom durch Humanismus und Reformation erwachten Inte­resse am Individuum stellten auch die Frauen neue Ansprüche. Es musste also ein neues Legitimations- und Orientierungsprinzip gefunden werden, das so flexibel war, einem traditionellen Rollenverständnis Genüge zu tun und gleichzeitig dem Indivi­duum Frau zu entsprechen. Dieses wurde gefunden, indem die Gleichwertigkeit von Mann und Frau postuliert wurde und mit ihr die Erfindung zweier sich ergänzender – und darum gänzlich unterschiedlicher – Menschenwesen, die nur in der Einheit, der Verschmelzung vollkommen waren. Es gab nun also Menschen männlicher und Menschen weiblicher Natur, mit einer unendlichen Reihe von Zuschreibungen für den jeweiligen Charakter, speziell für den weiblichen. Solche Vorstellungen von männlichen und weiblichen Charaktereigenschaften haben sich bis weit in das 20. Jahrhundert gehalten und wurden erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelöst.

Heute scheinen besonders solche – konstruktivistischen – Ansätze prominent, die egalitäre Geschlechterverhältnisse voraussetzen, wobei postmoderne Theorien die Gültigkeit jeglicher Kategorien als zweifelhaft betrachten, was, wie KESSLER/­MCKENNA treffend formulieren, die Schwierigkeit eines Standpunktes in sich birgt:

„The major dilemma of the ethnomethodologist is the problem of infinite regress. If we as­sert that reality is a social construction, why stop at gender as a social construction? Why not assert that ‘sperm carriers’ and ‘egg carriers’ are as much of a construction as ‘male’ and ‘female’? We all have to make a decision to take something for granted, to stop some­where; otherwise it would be impossible to get out of bed in the morning. Our decision has been to stop here; others may wish to go on.” (Kessler/McKenna, 1978:169)

In diesem Kapitel werden die soziologischen und sozialpsychologischen Ansätze dargelegt, die eine Erschütterung der Zwei-Geschlechter-Konstruktion bewirken. Dieses sind in erster Linie konstruktivistische Ansätze. Die hier von mir vor­gestellten Theorien argumentieren interaktionistisch, sie nehmen die Akteursper­spektive in den Blick. Alle Theorien gehen von einem flexiblen Geschlechtsbegriff aus, der das Vorhandensein zweier polarer Geschlechter in Frage stellt und vielmehr die Existenz von mehr oder weniger weiblichen oder männlichen Menschen auf ei­nem Kontinuum verdeutlicht, an dessen Enden der Mann bzw. die Frau steht. Vorge­stellt wird dabei, dass kaum eine Person der gesellschaftlichen Idealkonstruktion Mann oder Frau je in Gänze entspricht. So könnte sich eine Frau nach einer Hyster­ektomie nach einer strengen polaren Geschlechterideologie kaum noch Frau nennen, denn sie besitzt eine wichtige Insignie für das Frau-Sein nicht (mehr). Auch haben Frauen demnach keinen Bart, sind Männer weder klein noch zierlich und wenn ihnen wiederum kein Bart wächst, sind diese Männer dagegen höchstens weibliche Män­ner. Und dennoch, eine Zuordnung zu entweder dem einen oder dem anderen Ge­schlecht muss, notfalls durch schonungsloses Ignorieren einiger und willkürliches Aufwerten anderer Merkmale durchgesetzt werden. Eine solche gesellschaftliche Idealkonstruktion

„existiert als ein komplexes Klassifikationssystem, das Gesellschaftsmitglieder in allen Situationen und ihr Leben lang in zwei Kategorien unterscheidet. Die Geschlechterunterscheidung ist eine permanent stattfindende soziale Praxis, die ein Wissenssystem reproduziert. Biologisches und psychologisches Wissen sind Teil dieses Wissenssystems. Als Ausgangspunkt dieser Vorstellung einer sozialen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit könnte die Feststellung von Mary Douglas gelten, ‘daß es überhaupt keine ‘natürliche’, von der Dimension des Sozialen freie Wahrnehmung und Betrachtung des Körpers geben kann’. In die Wahrnehmung des Körpers geht eine große Interpretativität ein, die auch vor seinem subjektiven Erleben nicht haltmacht. Es ist nicht unabhängig von dem symbolischen System, das zu einem historischen Zeitpunkt den Körper überzieht und durchdringt.“ (Hirschauer: 1996:242)[17]

Diese zwei Kategorien werden – heute – in letzter Instanz immer mit der biologischen Unterscheidbarkeit von Männern und Frauen begründet. Es gibt, medizinisch gesehen, allerdings vier verschiedene Ebenen, auf denen das Geschlecht klassifiziert werden kann: Die genetische Einteilung auf der Grundlage von 1. Chromosomen, eine 2. endokrinologische Hormonbestimmung sowie 3. eine morphologische Klassifikation nach den äußeren Geschlechtsmerkmalen, wie Penis und Vagina, aber auch nach sekundären Geschlechtsmerkmalen wie Bartwuchs, Stimme etc. Außerdem gibt es 4. das gonadale, das so genannte Keimdrüsengeschlecht, das sich in der Existenz von entweder Hoden oder einer Gebärmutter zeigt. Paradox ist, dass bei Argumentationen, die eine Existenz von zwei voneinander unterscheidbaren Geschlechtern versichern, immer wieder auf biologische Unterschiede, auf eine weibliche und männliche Natur als letzte Wahrheit zurückgreifen, obgleich die Biologie eine solche Bestimmung gar nicht leisten kann[18]. Es gibt Menschen, deren Chromosomensätze nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, sowie es Frauen gibt, die einen hohen Anteil an männlichen Hormonen haben und umgekehrt. Auch verändern sich die Hormonkonzentrationen im menschlichen Körper im Lebensverlauf stark. Alle zugeschriebenen weiblichen Geschlechtsmerkmale in reinster Form bei einer Frau zu finden, sowie die vollständigen männlichen Ausprägung bei einem Mann dürfte sicher kaum möglich sein. Und doch werden alle biologischen Unterschiede zwischen den Menschen auf zwei Kategorien heruntergebrochen und diese sind gesellschaftlich bedeutsam wie keine andere. Wieso das so ist, ist eine der Fragen, denen ich in dieser Arbeit nachgehen werde.

[...]


[1] Hagemann-White bezieht sich hier auf Ortner (1974).

[2] Vgl. Kessler/McKenna (1978:37)

[3] Vgl. die anders verlaufene Entwicklung hierzulande im Gegensatz zu den USA unter Punkt 1.2.

[4] Ausnahmen sind beispielsweise Hedwig Dohm, Vertreterin der ersten Generation von Feministinnen, die auf unnachahmlich ironisch-humoristische Weise die Darstellungen der „weiblichen Natur“ ihrer Zeitgenossen aufs Korn nimmt. Siehe z.B. Dohm (1977). Oder Simone de Beauvoir, die (1951) in ihrem Klassiker „Das Andere Geschlecht“ beschrieben hat, wie Frauen gemacht werden.

[5] Hervorhebungen im Original. Soweit nicht anders angegeben, sind alle Hervorhebungen in von mir zitierten Textpassagen im Original.

[6] Gildemeister/Wetterer (1992) kritisieren allerdings die Konzentration auf Untersuchungen über geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Ich komme darauf unter Punkt 2.2.2 zurück.

[7] Vgl. zu sprachlichen Eigenheiten meinen nächsten Punkt 1.3 Exkurs.

[8] Vgl. hierzu exemplarisch BUßMANN (1995:117 f.), die auch so bizarr anmutende Begriffe wie referentielles Genus, biologisches Genus oder natural und social gender definiert.

[9] Vgl. zur Kritik an Parsons Rezeption der von der Psychoanalyse angenommenen triangulären Struktur der Vater-Mutter-Kind-Beziehung Becker-Schmidt (2005)

[10] Vgl. z.B. Zahlmann-Willenbacher (1979:97 f.), Meuser (1998:52 ff.); aktuell auch Becker-Schmidt (2005:93 ff.)

[11] Vgl. zu den sprachlichen Unterschieden Punkt 1.3 dieser Arbeit.

[12] Das gilt ebenso für z.B. das Türkische, Baskische oder Ungarische. Geschlechtsunterscheidungen sind auch hier nur durch Begriffe wie Vater, Mutter, Frau, Mann oder durch Formulierungen wie „weibliches Individuum“ möglich. Vgl. zu grammatischen und soziologischen Gender-Konzepten die drei von Hellinger und Bußmann herausgegebenen Bände „Gender across languages“ (2001b, 2002, 2003). Leider fehlt u. a. das Ungarische, das aber in einer kommenden Ausgabe Berücksichtigung finden soll. Vgl. zum Türkischen außerdem Braun (1997).

[13] Zur Geschichte des Genus im Englischen vgl. Jones (1988).

[14] Vgl. z.B. Ortner/Whitehead (1981), Völger (1997)

[15] Vgl. z.B. Honegger (1991)

[16] Inwieweit diese Vorstellungen der gelebten Realität entsprachen, ist je schwieriger zu beantworten, je älter die untersuchten Dokumente sind. Wer hatte in der Antike Zugang zu Büchern und medizinischen Zeichnungen? Wer konnte überhaupt lesen? Oder wie sonst ist Wissen weitergegeben worden? Kritik an Laqueurs Arbeit vgl. z.B. (Hirschauer, 1996:246).

[17] Hirschauer bezieht sich hier auf Douglas (1974:106).

[18] Vgl. zu den biologischen Grundlagen der Geschlechterdifferenz Kerrin Christiansen (1995), die kurz und verständlich die angesprochenen unterschiedlichen Ebenen der Geschlechtsbestimmung erläutert.

Details

Seiten
113
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832493189
ISBN (Buch)
9783838693187
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224440
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften, Soziologie und Sozialpsychologie
Note
1,0
Schlagworte
ethnanethodologie sozialkonstruktivismus gendering-ansatz feminismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Heterosexualität: Naturgegebenes Faktum oder kulturelle Norm?