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Anwendung psychodynamischer Ansätze zur Untersuchung von Gewaltbereitschaft am Subjekt des 'flexiblen Menschen' nach Sennett

Diplomarbeit 2005 191 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der flexible Mensch
2 Der flexible Mensch
2.1 Richard Sennett: Biographie
2.2 Kapitalismus
2.2.1 Definition Kapitalismus
2.2.2 Geschichtliche Entwicklung des Kapitalismus
2.3 Die Kultur des flexiblen Kapitalismus
2.3.1 Flexibler Kapitalismus nach Sennett
2.3.2 Der flexible Mensch nach Sennett
2.3.3 Zusammenfassung

3 Gewalt
3.1 Die Probleme um den Begriff ‚Gewalt’
3.2 Gewalt als Begriff
3.3 Ansätze zur Systematisierung der Erscheinungsformen von Gewalt

4 Psychoanalyse und Individualpsychologie
4.1 Die Entwicklung der modernen Psychologie: Historische Grundlagen
4.2 Aktuelle Perspektiven der zeitgenössischen Psychologie
4.3 Die Lehre Sigmund Freuds
4.3.1 Biographie
4.3.2 Die Anfänge Freuds - Seine Theorien, ihre Entstehung und ihre Entwicklungen (Ein Abriss)
4.3.3 Freuds Werke (Eine Selektion nach der Relevanz für die Untersuchung von Gewaltbereitschaft)
4.3.3.1 Totem und Tabu (1912 – 1913)
4.3.3.2 Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915)
4.3.3.3 Jenseits des Lustprinzips (1920)
4.3.3.4 Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921)
4.3.3.5 Das Ich und das Es (1923)
4.3.3.6 Das Unbehagen in der Kultur (1930)
4.3.3.7 Warum Krieg (1932)
4.4 Die Lehre Alfred Adlers
4.4.1 Biographie
4.4.2 Die Anfänge Adlers – Seine Theorien, ihre Entstehung und ihre 91 Entwicklungen (Ein Abriss)
4.4.3 Adlers Werke (Eine Selektion nach der Relevanz für die 102 Untersuchung von Gewaltbereitschaft)
4.4.3.1 Über den nervösen Charakter (1912)
4.4.3.2 Heilen und Bilden (1913)
4.4.3.3 Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920)
4.4.3.4 Menschenkenntnis (1927)
4.4.3.5 Wozu leben wir? (1931)
4.4.3.6 Der Sinn des Lebens (1933)
4.5 Gegenüberstellung Freud und Adler
4.5.1 Menschenbild Freud: animalisch, pessimistisch
4.5.2 Menschenbild Adler: gesellschaftlich, optimistisch

5 Die Untersuchung der Gewaltbereitschaft
5.1 Die Beantwortung der Forschungsfrage nach Freud
5.2 Die Beantwortung der Forschungsfrage nach Adler

Exkurs
Zur Person Götz Eisenberg
Die Innenseite der Globalisierung

6 Fazit

Literaturverzeichnis
Internetquellen
Andere Quellen
Weiterführende Literatur
Danksagungsquellen

1 Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung der Gewaltbereitschaft von Individuen in einem wirtschaftlichen System mit dem zugrundegelegten Bezugsrahmen in Form der Arbeit von Richard Sennett in seinem Buch Der flexible Mensch. Die epistemologische Abgrenzung erfolgt mittels der Psychodynamik. Daraus ergibt sich die Forschungsfrage:

Führt der flexible Kapitalismus (nach Sennett), der durch seine Anforderungen an die Arbeitnehmerschaft das Menschenbild des flexiblen Menschen (nach Sennet) hervorbrachte, aus psychodynamischer Sicht zu einem Anstieg der Gewaltbereitschaft?

Zur Auswahl von Richard Sennetts Buch als Bezugsrahmen für diese Arbeit ist zu sagen, dass sich diese darauf begründet, dass Sennett nicht nur dem herrschenden System einen Namen gibt, sondern aus diesem auch das zeitgenössisch geforderte Menschenbild ableitet. Die Auswahl von Sennett legitimiert sich weiter dadurch, dass er als Pionier der Systemkritiker der gegenwärtigen Epoche fungiert. Der Aufarbeitung seines Buches ist daher ein Kapitel gewidmet, in dem auch die Geschichte des Kapitalismus in groben Zügen dargestellt wird.

In Kapitel drei erfolgt die Aufarbeitung des Themas Gewalt, anhand eines Versuches der Begriffserklärung und dem Darstellen der Möglichkeiten, den Begriff Gewalt auf seine Ursachen und Ausprägungen hin zu untersuchen. Hierbei präsentierte Informationen werden dem Buch Internationales Handbuch der Gewaltforschung von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan entnommen, da dieses als Standardwerk die systematischste und umfassendste Aufarbeitung des Materials zur Gewaltforschung im deutschsprachigen Raum liefert.

Der psychodynamische Ansatz wird in Kapitel vier selektiv aufgearbeitet, indem die Lehre der Psychoanalyse von Sigmund Freud und die Lehre der Individualpsychologie von Alfred Adler genauerer Betrachtung unterzogen wird. Die Beschränkung auf diese beiden Vertreter der psychodynamischen Erklärungsmodelle, erfolgte aufgrund der Annahme eines Wertzuwachses anhand einer Gegenüberstellung, wobei der Fokus bei der Auswahl von Literatur, vor allem auf der Relevanz für das Untersuchungsobjekt liegt.

Das Kapitel fünf ist der Beantwortung der Forschungsfrage gewidmet, wobei eine Gliederung der verfügbaren Untersuchungsresultate nach Freud bzw. Adler erfolgt.

Abschließend folgt ein Exkurs, der einen Artikel von Götz Eisenberg (Anm. Gefängnispsychologe) aufarbeitet. In diesem Artikel versucht Eisenberg, das Auftreten von Amokläufen, anhand der Erkenntnisse von Sennett, psychoanalytisch zu begründen.

Die Kapitel 2, 4.1 bis inklusive 4.3.3.7, sowie der Exkurs wurden von Peter Fischer, die Kapitel 3, 4.4 bis inklusive 4.4.3.6 von Alexandra Kvassayova verfasst. Die Kapitel 1, 4.5, 5 und 6 wurden in Zusammenarbeit erstellt.

2 Der flexible Mensch

Der Begriff „flexibler Mensch“ geht auf das Buch von Richard Sennett zurück, dass er 1998 mit dem Titel Der flexible Mensch (Originaltitel: The Corrosion of Character) mit dem Untertitel Die Kultur des neuen Kapitalismus veröffentlichte. Sennett beschäftigt sich in diesem Werk mit der Frage des Individuums im Zeitalter der Globalisierung, welche Einflussfaktoren auf den Einzelnen wirken und zu welchen Veränderungen es für den Menschen an sich und daher auch für die Gesellschaft als Ganzes kommt.

Das Buch wurde ein großer Verkaufserfolg (bereits 1999 erschien es im deutschsprachigen Raum als 9. Auflage), wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen, weil Sennett der Aufarbeitung der Materie Erzählungen aus seinen privaten Bekanntschaften beifügte und nebenbei die wissenschaftlichen Grundlagen – entsprechend den erzählten Ereignissen – erläuterte. Daraus ergibt sich ein leicht verständliches, nachvollziehbares Buch, dass weder langweilig noch trocken Antworten auf Fragen liefert, die von zeitgenössischer Natur sind.[1] Es wurde mit dem Preis „Das politische Buch 1999“ der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet.[2]

2.1 Richard Sennett: Biographie

Sennett wurde am 1.Januar 1943 in Chicago geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und wurde nur von seiner Mutter aufgezogen, da sein Vater bereits wenige Monate nach Richards Geburt nach Spanien auswanderte. Seinen Vater hat er nie getroffen. Seine Mutter beschreibt Sennett als bemerkenswerte Frau, die eine gute Schriftstellerin gewesen sei. Seine ursprüngliche Leidenschaft galt der Musik. Er spielte Cello und hatte bereits im Alter von dreizehn Jahren öffentliche Auftritte. Seine Musikkarriere musste er jedoch beenden, da er sich einer Handoperation unterziehen musste, die ihm das Spielen unmöglich machte. Der Soziologe David Riesman ermöglichte Sennett das Studium der Soziologie in Harvard und er wurde mitten in die politische Bewegung der 60er Jahre gezogen. Ende dieses Jahrzehnts lehrte Sennet bereits in Yale, in den 70ern wechselte er an die New York University, wo er später auch das New York Institute of the Humanities gründete. 1974 veröffentlichte er The Fall Of Public Man, es folgten drei Novellen in den 80ern. Sennetts Affinität zu dem Leben in der Großstadt und sein Interesse für Architektur widmete er die Bücher The Uses Of Disorder, The Conscience Of The Eye und Flesh And Stone in den 90er Jahren.

Sennett ist bereits zum dritten mal verheiratet, derzeit mit Saskia Sassen, die eine Professur der Soziologie an der University of Chicago, sowie eine Professur der politischen Ökonomie an der London School of Economics and Political Science (LSE) hält. Die Liaison mit Sassen (sie soll eine Spezialistin auf dem Gebiet der globalen Wirtschaft sein) soll ihn auch zu seinen nachfolgenden Werken wie The Corrosion of Character (1998), Respect in an Age of Inequality (2003) und The Culture of the New Capitalism (2005) inspiriert haben. [3]

Anthony Giddens, Direktor der LSE von 1997 bis 2003, beschrieb Sennett als „very lively, well-connected, good at talking to people. He has always had a wider coverage than the rest of us."[4]

Professor Sennett wurde mit dem Amalfi und dem Ebert Preis für Soziologie ausgezeichnet. Er ist ein Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, der Royal Society of Literature, der Royal Society of the Arts und der Academia Europea. Er war Präsident der American Council on Work und der frühere Direktor des New York Institute for the Humanities.[5]

2.2 Kapitalismus

An dieser Stelle sollen allgemeingültige Definitionen des Kapitalismus und seine geschichtliche Entwicklung bis hin zum flexiblen Kapitalismus folgen. Erstmals erwähnt wurde der Begriff des flexiblen Kapitalismus von Richard Sennet in seinem oben erwähnten Buch Der flexible Mensch, wobei die Bedeutung dieser Bezeichnung besonderes Augenmerk verdient.

2.2.1 Definition Kapitalismus

Es ist bisher nicht gelungen, dem Begriff Kapitalismus eine einheitliche, allgemein verständliche und allgemein gültige Definition zu geben. Laut Dobb verdienen drei Definitionen ihre Erwähnung:[6]

1. Definition nach menschlicher Mentalität und Verhalten

Werner Sombart (Anm. 1863-1941, deutscher Volkswirtschaftler und Soziologe)[7] hat das Wesen des Kapitalismus in der Entwicklung der Mentalität und in Verhaltensweisen der Menschen gesucht. Laut Sombart muss es einen kapitalistischen Geist im Naturmenschen geben, der seine ökonomischen Anstrengungen nur dahingehend nutzte, um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Der Kapitalist hat diesen Naturmensch abgelöst und hat als beherrschendes Motiv der wirtschaftlichen Betätigung nur die Anhäufung von Kapital, dem er durch rationales Verhalten und kalkulatorische Methoden alles im Leben unterordnet.[8]

2. Definition aufgrund historischer Unterlagen

Nach dieser Definition kann man von Kapitalismus sprechen, wenn Produktion und Kleinhandelsverkauf durch das Einschalten eines Großkaufmannes in Raum und Zeit getrennt werden. Dieser Aussage liegt der Gedanke zugrunde, dass die Produktion nicht mehr ausschließlich für den Stadtmarkt, wie zu Zeiten der Handelszünfte, stattfindet, sondern für einen fernen Markt. Dieser Definition wurde später der Begriff des Profitstrebens hinzugefügt, wodurch von Nussbaum eine weitere Begriffbestimmung zustande kam. Diese besagt, dass der Kapitalismus eine Austauschwirtschaft ist, in der das Leitprinzip der wirtschaftlichen Betätigung der unbeschränkte Gewinn ist. Dieses System hat eine Bevölkerung, die in Eigentümer und nichtbesitzende Arbeiter unterteilt ist.[9]

3. Definition nach Marx

Für Marx (Anm. 1818-1883, deutscher Philosoph, Nationalökonom, Journalist und Publizist, Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus)[10] war das Wesen des Kapitalismus weder im Unternehmergeist, noch im Gebrauch des Geldes zu finden. Er war der Meinung, dass es um eine bestimmte Produktionsweise geht, die dem Kapitalismus zu Grunde liegt. In dieser Produktionsweise ging es ihm um die Eigentumsverhältnisse und die Art, in der Menschen in diesen eingegliedert waren. Im Kapitalismus war nach Marx der Mensch selbst – als Arbeitskraft – zu einer Ware geworden. Somit teilte auch er die Gesellschaft in zwei Klassen, wobei eine Klasse im Besitz der Produktionsmittel ist und die andere im Besitz ihrer Arbeitskraft, die sie als Einkommensquelle nutzt. Nach Marx reicht das Vorhandensein – und seien sie noch so gewinnsüchtig – von Kapitalisten nicht aus, um eine kapitalistische Gesellschaft zu begründen. Zu so einer Gesellschaft kommt es erst dann, wenn diese ihr Kapital so nutzen, dass bei der Produktion durch die Arbeitskraft ein Mehrwert erzeugt wird. Diese Definition gilt als am weitesten verbreitet.[11]

2.2.2 Geschichtliche Entwicklung des Kapitalismus

In diesem Abschnitt soll ein Überblick darüber geboten werden, welche geschichtlichen Entwicklungen zu dem heute existierenden Wirtschaftssystem – dem flexiblen Kapitalismus – geführt haben.

- Feudalismus

Landwirtschaft war die hauptsächliche ökonomische Grundlage des Feudalismus und landwirtschaftlicher Besitz war die Grundlage politischer sowie ökonomischer Macht. Der Grundbesitz war jedoch kein Privateigentum, sondern wurde den Grundherren vom Kaiser oder König als Lehen vergeben. Das Verhältnis zwischen Grundherren und Bauern war folgendermaßen aufgebaut: Bauern waren an ihren Grundherren gebunden, mussten ihm Abgaben in Form von Naturalien oder Geld leisten und durften – bei strenger Leibeigenschaft – ohne Erlaubnis des Grundherren die Grundherrschaft nicht verlassen. Der Grundherr hatte die Verpflichtung, in Notzeiten für die Bauern zu sorgen und er konnte sie nicht von seinem Grund und Boden vertreiben. Er konnte nur Grundbesitz und Bauern zusammen verkaufen. Die Verpflichtungen der Bauern waren nicht auf Freiheit gegründet, sondern meist durch die militärische Macht des Grundherren oder durch gültiges Gesetz erzwungen worden.

Arbeiter und Produktionsmittel waren fest aneinander gebunden, Marktbeziehungen spielten aufgrund der Autarkie der Grundherrschaft eine untergeordnete Rolle und beschränkte sich auf über Fernhandel erhältliche Waren. Das zunehmende Warenangebot – auch durch den Fernhandel – boten den Grundherren Anlass dazu, die Abgaben der Bauern in Geld zu verlangen. Die Städte blühten im 12. und 13. Jahrhundert auf, begünstigt durch den lokalen und fernen Handel. In Städten wurde ein Markt erfunden, wodurch die Koordination der Wirtschaft erleichtert wurde. Auf diesen Märkten trafen sich Angebot und Nachfrage, wodurch die Tauschkosten erheblich sanken. Die Grundherren beneideten die Handelsherren angesichts derer hohen Einkommen in Geld. Die Städte konnten sich allmählich aus der feudalen Bindung lösen, was durch königliche Privilegien erreicht wurde. Städte waren daraufhin befreit von Abgaben, ihre Bewohner von Gutsherrschaft und Leibeigenschaft, was zu einer regelrechten Landflucht führte. Die Städte wuchsen, während die Grundherren an Arbeitskräftemangel litten. Diese Ära wurde Handelskapitalismus genannt.[12]

- Industriekapitalismus

Diese oben genannten Faktoren begründeten noch nicht die Wandlung des Handelskapitalismus in den Industriekapitalismus. Es können vier Vorraussetzungen identifiziert werden, die diesen Umbruch ermöglichten:

1. Überlegene Produktionstechnik

Eine Vorstufe zur industriellen Produktion stellen Manufakturen dar. In diesen wurden handwerkliche Arbeiten konzentriert und dem Kommando eines Kapitalisten unterworfen. Die Arbeit wurde unterteilt in geschickte und einfache Tätigkeiten. Dadurch entstanden nicht nur erhebliche Vorteile für den Kapitalisten, sondern auch neue Tätigkeiten wie die der Kontrolle, Vermittlung, Leitung, die der Kapitalist nach und nach zu delegieren begann. Der Durchbruch begann mit der Erfindung der Maschine, die nicht nur die Arbeitsteilung neu definierte, sondern auch die Fertigkeiten des Arbeiter entwertete. Gefragt waren nicht mehr Arbeiter mit Handwerkskenntnissen, sondern einfache Arbeiter. Der Vorteil der Maschine war, dass sie unabhängig von der Leistungsfähigkeit menschlicher Arbeitskraft war. Diese Epoche von 1770 bis 1850, wird als die „Industrielle Revolution“ bezeichnet, die vor allem in England im 18. Jahrhundert stattfand. England war hier besonders begünstigt, da es zahlreiche Erfindungen auf dem Gebiet der Maschinen hervorbrachte. Zu erwähnen sind die Dampfmaschine, der mechanische Webstuhl und die Spinnmaschine.[13]

2. Existenz einer freien, besitzlosen Klasse

Der Vormarsch der kapitalistischen Produktionsweise bedingte eine Schicht von Personen, die – gezwungen von Hunger und Not – ihren ursprünglichen Lebensraum verließen, um in Fabriken zu arbeiten. Da aber die Fabrikarbeit einen ähnlich schlechten Ruf wie die Zwangsarbeit in Gefängnissen hatte, war es determinierend für ein Funktionieren des Systems, dass vielen Menschen keine andere Wahl blieb, als dort zu arbeiten. Diese Schicht setzte sich aus ehemaligen Landarbeitern und mittellosen Städtern zusammen. England hatte in diesem Punkt wiederum einen Vorteil, da es zu dieser Zeit einen großen Bevölkerungszuwachs am Lande zu verzeichnen hatte. Somit standen den Fabriken eine Großzahl an besitzlosen und landwirtschaftlich nicht benötigten Arbeitskräften zur Verfügung.[14]

3. Ausreichende Absatzmärkte

Diese, oben beschriebene, neue Produktionsweise führte zu der Erzeugung großer Mengen an Waren, für die Märkte vorhanden sein oder gefunden werden mussten. England war insofern im Vorteil, da es keine innerstaatlichen Zollschranken in Großbritannien gab. Doch diese Märkte benötigten ebenso eine zahlungskräftige Klientel, da die Menge der produzierten Waren die Kaufkraft und den Bedarf der Oberklasse übertrafen. Aufgrund der gestiegenen landwirtschaftlichen Produktivität Englands hatte sich ein großes und breit gestreutes Einkommen ergeben, sodass auch hier eine sehr begünstigte Lage Englands zu Buche steht.[15]

4. Ausreichende Geldkapitalbildung

Für den Aufbau von Fabriken wurde Kapital benötigt, insbesondere in Form von Geld. In Bezug auf die ersten Kapitalisten stellt sich die Frage, wie diese in Besitz der notwendigen Ressourcen gelangt sind. Als mögliche Quellen sein Binnen- und Außenhandelsgeschäfte, Handwerks- und Manufakturbetriebe, Geldverleih und Landwirtschaft genannt. Außerdem war der englische Adel – im Vergleich zu anderen Teilen Europas – sehr an der Entwicklung des Kapitalismus interessiert und hat sich auch direkt eingebunden. Diese Aktivität seitens des Adels half dabei, die kapitalistische Einstellung zu der Kapitalakkumulation zu verbreiten.[16]

- Entwickelter Kapitalismus

Der Kapitalismus hatte sich in Großbritannien durchgesetzt und mit Beginn des 19. Jahrhunderts auch auf dem Kontinent seine Verbreitung gefunden. Zu dieser Zeit hatte auch ein enormer Bevölkerungszuwachs begonnen, der sowohl in Großbritannien, als auch auf dem Kontinent, als Folge der niedrigen Sterbeziffer bei Säuglingen gedeutet wird. Diese wiederum war begünstigt, da es erhebliche Fortschritte in der Medizin gab. Ausserdem verschwand die Pest und es gab Fortschritte in der Landwirtschaft, die große Hungersnöte ausblieben ließen. Der Lebensstandard der Industriearbeiter hatte sich jedoch nicht verbessert. Es waren lange Arbeitszeiten und monotone und anstrengende Arbeiten, die Männern, sowie auch Frauen und Kindern zugemutet wurden. Dahingehend gab es langsam Verbesserungen, in dem das Parlament in England nach und nach Gesetze verabschiedete, die vor allem Frauen und Kindern zu Gute kamen. Diese Zeit stand im Zeichen der Gründung von Gewerkschaften.[17] Es war die Zeit eines Marx und Engels, Ricardo und Mill, die ihre Anhänger sowohl in sozialistischen als auch wirtschaftsliberalen Parteien fanden.[18] Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Aufgaben des Staates ausgeweitet, Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen waren somit nicht mehr dem Marktmechanismus unterworfen.[19] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sah sich Großbritannien mit der sogenannten „Great Depression“ konfrontiert, von der auch weite Teile Europas, Nordamerika sowie Russland betroffen waren. England gewann um die Jahrhundertwende durch neuen Imperialismus und Kapitalexporte neuen Aufschwung. Die Arbeiter hatten sich bis dahin stärker denn je organisiert, ihre Verhandlungen fanden ihre Bedeutung im gesetzlichen Mindestlohn.[20]

- Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg: Spätkapitalismus

Es gab zwei besondere kapitalistische Wendungen nach dem zweiten Weltkrieg. Einerseits griff der Staat immer stärker in das Wirtschaftsleben ein und wurde als Staatskapitalismus bezeichnet. Andererseits änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu ehemaligen Kolonien in Asien und Afrika von Grund auf. Diese Staatsinterventionen waren vor allem dadurch gekennzeichnet, dass viel staatliche Betriebe gegründet wurden, oder andere private verstaatlicht wurden, oder aber – wie in den USA – durch erhöhte Ausgaben. Der Einfluss des Staates für die wirtschaftliche Ankurbelung hatte also deutlich zugenommen. Die Stellung der Arbeitnehmerschaft hatte sich wesentlich verbessert, das Gesamteinkommen stieg als Folge des hohen Beschäftigungsgrades deutlich an. Technische Neuerungen führten zu einer immer größer werdenden Automatisierung.[21] Es war jedoch auch die Zeit der Zweiteilung der Welt in zwei konkurrierende Machtblöcke. Die USA und die damalige UdSSR hatten einen erheblichen Machtvorsprung gegen über allen anderen Staaten. Europa wurde durch den „Eisernen Vorhang“ geteilt und in China kamen Kommunisten an die Macht. Die USA verfolgten das Ziel einer Friedenssicherung in Westeuropa, einer Institutionalisierung der kapitalistischen Weltwirtschaft und der Eindämmung des Kommunismus. Die Ausbildung von europäischen Integrationsprozessen wie die Kohle- und Stahlgemeinschaft 1952 und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 waren die Folge. Als „Großen Boom“ wurde die Zeit zwischen 1958 und 1970 bezeichnet, in dem die Weltwirtschaft jedes Jahr um bis zu 6,6 Prozent wuchs, der Welthandel sogar bis zu 8,3 Prozent. Als erwähnenswert gilt auch die Konferenz von Bretton Woods, die 1944 stattfand. Die Kriegsalliierten einigten sich damals auf die Grundzüge eines rechtlichen und institutionellen Rahmens für eine freie Weltwirtschaft, die vor allem daran interessiert war, dass internationale Kooperation mit einer auf Vollbeschäftigung ausgerichteten Politik vereinbar blieb. Die Grundzüge von Bretton Woods waren feste Wechselkurse, ein freier Waren- und Kapitalverkehr und nationale wirtschaftspolitische Handlungsfreiheit. Die fünfziger Jahre waren geprägt durch die Entstehung des Massenkonsums, der Massenproduktion und der Massenmedien.[22]

- Kapitalismus zur Jahrhundertwende

Seit dem Ende der sechziger Jahre gab es eine Reihe bedeutender Ereignisse, die hier kurz ihre Erwähnung finden. Das mit Abstand wichtigste Ereignis war der Zusammenbruch der UdSSR und des Sowjetblocks Ende der achtziger Jahre, womit der Kalte Krieg und die duale Machtaufteilung der Welt ihr Ende fanden. Themen wie Menschenrechte, Weltklima und der freie Welthandel gewannen an Bedeutung. Die Krise des Wohlfahrtsstaates begann in den siebziger Jahren, der bis dato sich selbst als Interventionsstaat in Konjunkturfragen verstand. Es war die Zeit der Privatisierungen, Steuersenkungen und der Liberalisierung der Märkte. Dies schuf Vorraussetzungen für eine plötzliche ökonomische Globalisierung, die sich in der Entstehung weniger staatlich regulierter globaler Interaktionsräume äußerte. Die Internationalen Handels- und Finanzbeziehungen wurden ausgedehnt, nach dem „Großen Knall“ 1989 entwickelten sich die Finanzmärkte mit extremer Geschwindigkeit. Aus multinationalen Unternehmen wuchsen transnationale Unternehmen, die sich nicht mehr eindeutig national orten lassen und deren Produktion weltweit stattfindet. Durch die Eingliederung der Produktion auch in weniger entwickelten Ländern kam es zu der Ausbildung der sogenannten Schwellenländer, vor allem der „Tigerstaaten“ Ostasiens. Die Fortschritte der Kommunikationstechnologie und der Datenverarbeitung boten wesentliche Vorraussetzungen für den Aufschwung globaler Finanzmärkte, die wiederum zum Entstehen der Transnationalen Konzerne beitrugen, die wiederum durch ihre Produktionsstätten den Aufschwung der Schwellenländer (die einen Großteil der Computerchips herstellen) antrieben.[23]

2.3 Die Kultur des flexiblen Kapitalismus

Im folgenden wird untersucht, wie Sennett den flexiblen Kapitalismus und den flexiblen Menschen charakterisiert, was zu der Ausbildung eines solchen Menschenbildes führt und welche Folgen sich daher für die Gesellschaft ableiten lassen.

Laut Sennett wurde dass Wort „Flexibilität“ im 15. Jahrhundert Teil des englischen Sprachgebrauchs und seiner Bedeutung lag die Beobachtung eines Baumes zugrunde, der sich durch Windeinwirkung zwar krümmen kann, jedoch wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgelangt. Somit bezeichnet das Wort Flexibilität zweierlei: einerseits die Fähigkeit nachzugeben, andererseits die Fähigkeit der Erholung. Auf den Menschen umgemünzt bedeutet der Begriff also, die Fähigkeit zu besitzen, sich Veränderungen anzupassen, aber von diesen nicht gebrochen zu werden.[24]

2.3.1 Flexibler Kapitalismus nach Sennett

Sennett bezeichnet das heutzutage wirkende Wirtschaftssystem als den „flexiblen Kapitalismus“. Dieser Begriff wird für die Beschreibung eines Systems verwendet, dass mehr beinhaltet, als die bloße Weiterentwicklung früherer Stadien. Flexibilität steht in diesem Kontext für den Abbau starrer und bürokratischer Organisationen, sowie als Gegenteil zur Routine. Dieses System fordert von den Arbeitnehmern, sich flexibel zu verhalten. Das bedeutet, laut Sennett, gleichzeitig Offenheit für Veränderungen zu zeigen, Risiken einzugehen und autonom gegenüber Regeln und Förmlichkeiten zu sein. Die Bedeutung der Arbeit selbst wird verändert, der Mensch wird dazu gedrängt, sich von der Vorstellung einer geradlinigen Karriere zu verabschieden und stattdessen muss er nun kurzfristige Arbeitsverhältnisse eingehen. Die Menschen haben in Bezug auf diese Flexibilität Angst, denn der Leitfaden des Arbeitslebens ist genommen. Es herrscht Unsicherheit darüber, wie man mit dieser Flexibilität umgehen soll und welche Risiken man eingehen kann.[25] Dazu Sennett: „Das Wort ‚job’ bedeutete im Englischen des 14. Jahrhunderts einen Klumpen oder eine Ladung, die man herumschieben konnte. Die Flexibilität bringt diese vergessene Bedeutung zu neuen Ehren. Die Menschen verrichten Arbeiten wie Klumpen, mal hier, mal da.“[26]

Doch welche Motivation liegt dem flexiblen Kapitalismus zu Grunde, wenn es sein Ziel ist, das Übel der Routine durch die Schaffung neuer, flexibler Institutionen zu verdrängen? Sennett geht zurück zu Adam Smith, für den in den Schriften der politischen Ökonomie die Betonung auf der Biegsamkeit lag. Diese wurde in Kontrast zu der Unternehmertätigkeit gesetzt und Starrheit der Routine wurde schon damals mit Absterben gleichgesetzt. Jedoch war für Smith der Begriff der Flexibilität gleichbedeutend mit Freiheit. Heutzutage hat der Abbau der Bürokratie zum Gegenteil geführt, ein neue Macht- und Kontrollstruktur hat sich herausgebildet, die aus drei Elementen besteht. Dazu gehören der diskontinuierliche Umbau von Institutionen, die flexible Spezialisierung der Produktion und die Konzentration der Macht ohne Zentralisierung.[27]

Zu dem diskontinuierlichen Umbau von Institutionen schrieb Sennett folgendes: Veränderungen in der Zeit des flexiblen Kapitalismus sind deswegen etwas besonderes, da sie von so entscheidender und unwiderruflicher Natur sind, sodass in der betroffenen Institution keine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart besteht. Dahinter steht der Begriff des „Re-engineering“, dessen besonderes Merkmal Personaleinsparungen sind. Das moderne Management ist diesem Prinzip verfallen, denn in der Theorie sind locker gespannte Netzwerke für fundamentale Veränderungen besser geeignet, als die herkömmliche Pyramidenhierarchie. Der Begriff „Re-engineering“ vermittelt den Eindruck einer straffen und effizienten Organisation, die in der Lage ist, einen größeren Output mit weniger Input zu vollbringen. Eine große Anzahl von Firmenchefs nahm in den neunziger Jahren dieses Programm begeistert in Angriff, mussten jedoch feststellen, dass die meisten Versuche scheiterten. Es kommt deswegen zu einem unwiderruflichen Wandel, weil die Institutionen durch den Personalabbau in Störungen geraten. Daher kommen sie vom vorgegebenen Weg ab und bewegen sich in verschiedene, kontraproduktive Richtungen. Sennett beruft sich auf die American Management Association und die Wyatt Company, die in einer Studie Anfang der neunziger Jahre der Frage nachgingen, ob Unternehmen, die einen ernsthaften Personalabbau vorgenommen hatten, damit Wachstum und Produktivität erreichten hätten. Resultat war, dass wiederholte Entlassungswellen zu einer Reduzierung der Produktivität und des Gewinns führten. Weniger als fünfzig Prozent hatten die Kostensenkung erreicht, die sie anstrebten, weniger als ein Drittel konnte gestiegene Gewinne vorweisen und nicht einmal ein Viertel erhöhte die Produktivität. Laut Sennett liegen die Gründe für diese Zahlen auf der Hand, denn die verbliebenen Arbeitskräfte hatten aus Angst vor Kündigungen keine Motivation und Arbeitsmoral.[28]

Als weiteren Motivationsgrund von Unternehmen, einen solchen Wandel durchführen zu wollen, führt Sennett die steigenden Aktienkurse an, die als Reaktion auf Umstrukturierungsmaßnahmen in der Regel der Fall sind. Doch noch wichtiger ist die schwankende Nachfrage der Märkte, die Unternehmen dazu veranlasst, trotz der oben dargestellten Zahlen, einen Wandel durchzuführen.

Das – vorher bereits genannte – zweite Merkmal der Flexibilisierung ist flexible Spezialisierung und bedeutet, ein breiteres Warenangebot schneller auf den Markt zu bringen. Grundlage stellen Maschinen und Computer dar, mit deren Hilfe ein Unternehmen schnell auf geänderte Nachfragewünsche reagieren kann, wobei moderne Kommunikation den weltweiten Zugriff auf Marktdaten ermöglicht. Die neue Organisation kann schneller Entscheidungen fällen, da sie keiner geordneten Hierarchie folgen muss, denn der Informationsfluss wandert nicht von oben nach unten, sondern in kleine Arbeitsgruppen. Als wichtigsten Faktor dieses Produktionsprozesses nennt Sennett jedoch die Bereitschaft, sich von alten, tradierten Arbeits- und Unternehmensformen zu verabschieden und die wechselnden Anforderungen der Außenwelt diktieren zu lassen.[29]

Das dritte Merkmal der Flexibilisierung ist die Konzentration der Macht ohne Zentralisierung. Sennett erläutert im Folgenden dieses Paradoxon. Um die neuen Organisationsformen rechtzufertigen wird unter anderem die Dezentralisierung angeführt, die den Arbeitnehmern auf unteren Ebenen des Unternehmens wieder mehr Autonomie über ihr eigenes Handeln zurück gäbe. Laut Sennett ist aber genau das Gegenteil der Fall. Neue Informationssysteme wie SIMS liefern den Vorgesetzten mehr Daten und Überwachungsmöglichkeiten als bisher, deswegen wird es für den Einzelnen schwieriger, sich im System zu verstecken.[30] SIMS ist eine Software, mit dessen Hilfe ein Unternehmen einen Überblick darüber erhält, wie produktiv einzelne Geschäftsbereichszellen sind und somit schnell auf unrentable Zahlen aufmerksam wird.[31] Flache Hierarchien und Verschlankung sind ebenso wenig Verfahren, die zu einer Dezentralisierung führen.[32] Dazu Sennett: „Es gibt ein Festland der Macht in der Inselgruppe flexibler Macht. Irgend jemand auf dem Festland muss entscheiden, ...“.[33] Das Gegenteil der Arbeitsteilung sind kleine Arbeitsgruppen, die durch viele verschiedene Aufgaben, als Folge von Umstrukturierungen, überlastet sind und um solch eine Arbeitsorganisation mit Zehn- oder Hunderttausenden durchzusetzen, bedarf es einer großen Macht. Die Kontrolle und die Macht, die in solchen Unternehmen ausgeübt wird, ist zwar formlos, funktioniert aber effektiv. Indem Arbeitsgruppen entweder Produktions- oder Gewinnvorgaben gemacht werden, die sie dann einhalten müssen, jedoch dafür die freie Wahl der Gestaltung haben, werden sie unter einen – gemessen an den Daten von Angebot und Nachfrage - meist unrealistisch hohen Druck gesetzt. Konzentration ohne Zentralisierung meint daher eine Form von Machtausübung, die Befehle in eine Struktur übermittelt, die nicht mehr so eindeutig erkennbar ist wie die einer Pyramidenhierarchie, aber sehr effizient und ohne Gesicht funktioniert.[34] Als weiteres Beispiel hierfür verweist Sennett auf die Einführung der flexiblen Arbeitszeit, die eine Freiheit zur Arbeitsgestaltung verspricht, in Wirklichkeit aber mit einer Fülle von Kontrollmechanismen einhergeht.[35]

2.3.2 Der flexible Mensch nach Sennett

Die bis hier angeführten Analysen bezogen sich rein auf die motivationalen Gründe der Unternehmen, dem Prinzip der Flexibilisierung nachzueifern. Die Fragen, die noch offen sind, betreffen die Arbeitnehmerschaft, die durch diese grundlegenden Veränderungen betroffen sind. Sennett unterteilt die Folgen für die in einem flexiblen Kapitalismus lebenden Menschen in vier Kategorien: Unlesbarkeit, Risiko, Arbeitsethos, Scheitern.

5. Unlesbarkeit

Der Unterschied bezüglich der Arbeitsablauforganisation zwischen dem Regime zu Zeiten Adam Smiths und dem des flexiblen Kapitalismus, ist der Wegfall der Routine.[36] Schon Adam Smith betonte in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen 1776, dass Routine den Geist des Arbeiters abstumpfe.[37] Doch damals war den Arbeitern bewusst, welche Tätigkeiten sie an jedem Tag erwarten konnten. Doch laut Sennett ist im flexiblen Regime das, was zu tun sei, zwar einfacher, aber emotional unlesbar geworden. Durch flexible Spezialisierung und technische Modernisierung sind Arbeitsabläufe so gestaltet, dass praktisches Wissen über die Tätigkeit verloren geht und daher nicht mehr in dem Sinne verständlich ist, was getan wird. Dadurch, dass viele Menschen mehrere Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten nebeneinander verrichten müssen, entsteht innerhalb eines Unternehmens ein geringes Maß an Solidarität, Verantwortungsbewusstsein und beruflicher Identifikation. Die Arbeitsverrichtung am Computerbildschirm hat für viele den gleichen simplen und geistlosen Routinecharakter behalten, wie zu Zeiten Adam Smiths. Was sich ebenso nicht verändert hat, ist die Neigung, persönlichen Status auf materiellen Gegebenheiten zu begründen. Arbeitserfahrung ist nach wie vor von großer Bedeutung und wird als persönliche Angelegenheit betrachtet, die den Rang innerhalb der Gesellschaft determiniert.

Als Beispiel illustriert Sennett eine Bäckerei, die mehrere TeilzeitarbeiterInnen mit befristeten Verträgen beschäftigt. Die Bäckerei arbeitet mit Maschinen, die auf Knopfdruck verschiedenste Brotsorten produzieren kann. Die Anforderungen an die Belegschaft sind nicht etwa Erfahrungen im Bäckereigewerbe, sondern marginale Computerkenntnisse. Keiner der Arbeiter versteht sich als Bäcker, keiner von ihnen sieht sich diese Tätigkeit für einen längeren Zeitraum tun oder in dieser Firma lange Zeit verweilen. Jedoch ist es für sie nach wie vor von großer Relevanz, als guter Arbeiter gesehen zu werden. Eine klassische Entfremdung zu ihrer Arbeit, nur aufgrund der maschinengesteuerten Produktionsweise, findet aber nicht statt, denn die Benutzfreundlichkeit der Maschinen stellt die einzige Ordnung dar. Wenn die Maschinen einen Programmfehler haben, ist die Belegschaft nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun, sondern ist auf den Kundendienst angewiesen. Dieser Situation stehen sie jedoch nicht gleichgültig gegenüber, denn aufgrund des oben beschriebenen Wertes der Arbeit für ihr persönliches Selbstverständnis im Rahmen der Gesellschaft, ist ihnen die Qualität der von ihnen erzeugten Produkte nicht egal. Das System bietet ihnen aber keine Möglichkeit, aus Schwierigkeiten Wertschöpfung zu erhalten, da ihnen für Problemlösungen nicht die notwendige Ausbildung gebilligt wird. In diesem Augenblick fühlen sich die Arbeiter von ihrer Arbeit ausgeschlossen.[38]

Sennet sagt dazu: „Schwierigkeit ist in einer flexiblen Ordnung kontraproduktiv.“[39]

Als Conclusio des vorher beschriebenen meint Sennett: „Die Folge sind eine oberflächliche Identifikation mit der Arbeit und Unverständnisse gegenüber dem, was man da eigentlich macht. Die Arbeit ist klar und zugleich unverständlich.“[40]

6. Risiko

Welche Möglichkeiten bietet das System, sich zu orientieren? Sennett beschreibt dieses Dilemma am Beispiel einer Dame mittleren Alters, die sich beruflich neu orientieren und ihre Erfahrung als Barbesitzerin in der Werbebranche anwenden wollte. Sie kehrte nach nur einem Jahr in ihre Bar zurück. Sennett beschreibt die Gründe dafür wie folgt: grundlegend hatte sie einen Kulturschock erlitten, der sich auch darin ausdrückte, dass sich dir ihr gewohnte Leistungsbeurteilung nicht nach dem Maßstab des Gewinns oder Verlustes vollzog, sondern nach Netzwerkkontakten und Kommunikationsfähigkeit. Außerdem fühlte sie sich ständig unter Beobachtung, wusste aber aufgrund des Fehlens objektiver Maßstäbe nicht, wie sie beurteilt wurde und wo sie stand. Was sich als noch schwerwiegender ausgewirkt hatte, war die Tatsache, dass ihre langjährige Erfahrung keine Bedeutung für die Firma hatte. Sie hatte den Eindruck, dass alles in dem Unternehmen auf den Augenblick gerichtet war, dass es weder um die Vergangenheit noch um die Zukunft ging. Sie hatte also ein persönliches Risiko auf sich genommen, konnte aber wegen des Fehlens eines Ankers nicht länger durchhalten.[41]

Risikobereitschaft ist ein Charakterzug der erfolgreichen Unternehmer, die Sennett beim Treffen der Spitzenvertreter aus Wirtschaft und Politik in Davos kennen lernte. Sie kommen ohne Ordnung aus und blühen inmitten des flexiblen Chaos auf. Die Flexibilität zeigt sich bei diesen Menschen auch darin, dass sie keine Bindung zu dem von ihnen geschaffenen Produkten haben. Wenn es die Situation notwendig macht, sind sie bereit, los zu lassen.[42]

Die Risikobereitschaft wird aber nun zu einer täglichen Notwendigkeit für die Massen von Arbeitnehmern, gefordert von Autoren der Managementlyrik. Risiken einzugehen bedeutet Angst zu verspüren, da Risiko in erster Linie mit Gefahr assoziiert wird. Dieser Zustand – vor allem wenn er sich über einen sehr langen Zeitraum ausdehnt – führt daher in erster Linie zu einem deprimierenden Gefühl. Risikobereitschaft mündet auch nicht mehr in einer vorgegebenen Karriereleiter, sondern versetzt den Arbeitnehmer – aufgrund der flexiblen Organisationsform – immer wieder auf den Nullpunkt zurück. Bezeichnet wird dieser Prozess als “mehrdeutige Seitwärtsbewegung“, bei dem der Betroffene das Gefühl hat, aufzusteigen, sich aber in Wahrheit im losen Netzwerk nur seitwärts bewegt. Da Menschen meist nur wenig Kenntnis über die Position besitzen, die sie risikobereit sind anzunehmen, erkennen sie oft erst im nachhinein, dass sie sich falsch entschieden haben. Aber in flexiblen Organisationen häufen sich Situationen der Fluktuation und so ist es ein sinnloses Unterfangen, rationale Entscheidungen zu treffen, die auf der Firmenstruktur basieren. Als letzten Faktor nennt Sennett die unsichere Einkommensentwicklung. Statistiken belegen, dass sich ein Arbeitsplatzwechsel nur in den wenigsten Fällen finanziell lohnt.[43]

Trotz all dieser Nachteile gehen Menschen dieses Risiko ein. Für Sennett ist der Grund dafür kulturell motiviert. Die moderne Kultur deutet Stabilität als Lähmung, ein Ziel zu haben ist weniger attraktiv als ein Zeichen des Aufbruchs.[44] „Wer sich nicht bewegt, ist draußen.“[45]

Sennett nennt die Überqualifikation als eine der Auswirkungen der Risikobereitschaft. Junge Menschen bauen darauf, zu den wenigen Gewinnern zu gehören, indem sie eine akademische Ausbildung absolvieren, die der Arbeitsmarkt jedoch nicht mehr verkraften kann. Als Schlüsselelement führt Sennett wieder die Flexibilität an, die ein bürokratisches System der Wohlstandsverteilung abgebaut hat. Nun ist es ein regelloses System der wenigen Gewinnern und vielen Verlieren. In diesem System ist es den Gewinnern gestattet, ihre Gewinne einzustreichen und unter sich aufzuteilen ... und sie tun es auch.[46]

Wie bereits früher erwähnt, geht „Re-engineering“ meist mit Massenentlassungen einher, von dem meist ältere Arbeitnehmer betroffen sind. Grund dafür sind Vorurteile zeitgenössischer Managementlehre. Älteren Arbeitnehmern wird die Fähigkeit abgesprochen, in flexiblen Organisationen die reine körperliche Energie aufwenden zu können, sie seien geistig unflexibel und nicht risikobereit. Aufgrund der ablehnenden Stimmung gegen ältere Arbeitnehmer und der rasanten Entwicklung der Technik, haben viele das Gefühl, nicht mehr gebraucht und respektiert zu sein. Das neue System anerkennt nicht die über die Zeit erworbene Erfahrung als Wert, sondern betrachtet sie als ein weiteres Übel.[47]

Diese Entwicklungen fasst Sennett wie folgt zusammen: „Aber die Angst vor der Zeit hat uns tiefer geprägt. Das Vergehen der Jahre scheint uns auszuhöhlen. Unsere Erfahrung ist nicht mehr in Würde zitierbar. Solche Überzeugungen gefährdeten unser Selbstbild, sie sind ein größeres Risiko als das des Glücksspielers.“[48]

7. Arbeitsethos

Richard Sennett versteht unter Arbeitsethos „...den disziplinierten Gebrauch der eigenen Zeit und den Wert aufgeschobener Belohnung.“[49] Eine solche Ethik hängt aber von einem System ab, dass die Möglichkeit bietet, auf seine Belohnung zu warten. Wenn sich Unternehmen rasch verändern und nur den kurzfristigen Gewinn vor Augen haben, wird es als nicht mehr sinnvoll empfunden, für längere Zeit in diesem zu arbeiten. Das moderne Arbeitsethos resultiert in Teamarbeit.[50]

Sennett beschreibt Teamarbeit folgendermaßen: sie behandelt menschliche Beziehungen als Farce und führt an den Rand einer erniedrigenden Oberflächlichkeit. In dieser Kultur zählen Image und Informationskanäle, nicht Vorhersagbarkeit und Verlässlichkeit. Die Spielregeln werden von den Spielern selbst gemacht und es wird die Fiktion verbreitet, dass man nicht in Konkurrenz zueinander steht. Teams haben meistens einen Teamleiter, der jedoch nicht als Autorität auftritt, sondern als Moderator. Dadurch wird diese Fiktion komplettiert, indem vermittelt wird, der Vorgesetzte sei kein Gegenspieler, sondern man stünde in Konkurrenz zu anderen Teams anderer Unternehmen. Teammitglieder sind angehalten, sich so zu verhalten als sei das Team ihre eigene Firma. Daher entsteht der Druck nicht mehr von einer übergeordneten Autorität, sondern von den eigenen Teamkameraden selbst. Die Kontrollinstanz wird so auf die Mitarbeiter verteilt.[51] Ein Manager bei A.T.T. bemerkte im Zuge einer Massenentlassung folgendes: „Die Leute müssen lernen, daß wir alle auf die eine oder andere Art zu ersetzen sind“, und weiter „wir sind alle Opfer von Zeit und Ort“.[52] Sennett bezeichnet diesen Manager als den gerissensten Menschen des gesamten Buches, da er es schafft, durch diese Aussage Macht auszuüben, ohne Verantwortung zu übernehmen.[53]

Da die Verantwortung beim Wandel liegt und jeder ein Opfer sein kann, verliert die Autorität ihr Gesicht, da man niemanden die Verantwortung zuschreiben kann. Der Druck der Teammitglieder verrichtet nun die Arbeit der Führungsautorität.[54]

8. Scheitern

Die Thematik des Scheiterns ist laut Sennett das große moderne Tabu. Der Markt ist von einer Konkurrenz getrieben, die nur wenige Gewinner aber viele Verlierer hervorbringt. Deshalb ist scheitern auch zu einem Problem der Mittelschicht avanciert, sei es, weil man durch Umstrukturierungsmaßnahmen seine Arbeit verliert, oder weil man der Forderung nach Flexibilität und Risiko nachgeht und Enttäuschungen erlebt. Das Engagement für die soziale Umgebung nimmt ab und Resignation – angesichts des Gefühls versagt zu haben – ist die Folge. Der flexible Kapitalismus wird eine große Zahl derer hervorbringen, die zum Scheitern verurteilt sind.[55]

Sennett verweist nebenbei noch auf Probleme der Erziehung im flexiblen Regime. Eltern haben oft das Gefühl, ihren Kindern nicht mehr das glaubhaft vermitteln zu können, was ihnen in Form von tradierten Normen und Werten als richtig und wichtig erscheint. Wenn Eltern sich selber mit dem flexiblen Zeitalter konfrontiert sehen und sich notgedrungen darauf einlassen, begeben sie sich abseits ihres eigenen Wertesystems. Ihre Vorbildwirkung ist daher ad absurdum geführt. Da weder sie noch die unmittelbare Umgebung den Kinder vorleben, was man ihnen an Werten wie Verpflichtung, Verlässlichkeit, Stabilität, Vertrauen und Liebe beibringen will, haben sie das Gefühl, auch als Eltern zu versagen.[56]

Als hoffnungsvollen Schluss beendet Sennett sein Buch mit dem folgendem Zitat: „Ein Regime, dass Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrechterhalten.“[57]

2.3.3 Zusammenfassung

Die Kräfte, die auf die Werkstätigen wirken, sind das Resultat eines neuen – flexiblen – Kapitalismus. Dieser entstand einerseits durch die Anforderungen des globalen Marktes, auf die sich ständig wechselnde Nachfrage reagieren zu können, andererseits durch Managementliteratur wie das „Re-engineering“. Dies führte dazu, eine neue Philosophie entstehen zu lassen, die sich als Kontrast der Stabilität beschreiben lässt. Schlagworte wie Abbau der Bürokratie, Verschlankung, Flexibilität, keine langfristigen Bindungen, Mobilität, offene Netzwerke und Unabhängigkeit charakterisieren diese Philosophie. Der Einsatz neuer Technologien und flexible Arbeitszeitmodelle trugen weiter dazu bei, dass Arbeitnehmer neue Erfahrungen – entgegengesetzt ihres bisherigen linearen Lebenslaufes – machen.

Der Mensch sieht sich mit neuen Anforderungen konfrontiert, die es zu erfüllen gilt, um den angestrebten Status innerhalb der Gesellschaft, zu erreichen. Er muss sich selbst verhalten wie ein Unternehmer, für sich selber irrational abschätzbare Risiken eingehen, ständig in Bewegung bleiben, dem Ruf der Arbeit folgen, keinen Wert auf Lebenserfahrung und Freundschaft legen. Langfristige Bindungen im privaten wie im Arbeitsbereich lähmen seine Flexibilität. Die Arbeit selbst hat ihren Wert verloren, die Identifizierung mit dem Geschaffenen bleibt aus, der Wunsch nach Anerkennung jedoch bestehen. Der Mensch kann nicht mehr lesen, wohin sein Leben geht, er weiß nicht, wofür er gebraucht und nach welchen Kriterien er beurteilt wird. Es bleibt ihm keine Zeit, die Belohnung für seine langjährige Arbeit abzuholen, die ihm vorangegangene Systeme noch ermöglicht hatten. Eine schematische Lebensplanung im linearen Sinne ist nicht mehr möglich, stattdessen befindet sich der Mensch im sogenannten „Drift“[58]: Das Individuum gerät in einen Zustand des Treibens[59], das Grundgefühl dabei ist die Angst.[60] Einem Menschen heutiger Zeit fehlt etwas entscheidendes, zwischen dem Drift und seinen festen Charaktereigenschaften, nämlich die Möglichkeit einer Erzählung. Das eigene Leben als Erzählung wahrzunehmen, bedeutet nicht bloß die chronologische Abfolge von Ereignissen.[61] Erzählungen, so Sennett, „...gestalten die Bewegung der Zeit, sie stellen Gründe bereit, warum gewisse Dinge geschehen, und sie zeigen die Konsequenzen.“[62]

Abbildung 1 auf der nächsten Seite soll den Zusammenhang zwischen dem flexiblen Kapitalismus, seinen Determinanten, dem flexiblen Menschen, seinen Ängsten und des daraus resultierenden Drifts verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1

3 Gewalt

Gewalt und die Bereitschaft zu solcher, fungieren in dieser Arbeit als Drehmomente der Untersuchung und stellen im Aufbau der Forschungsfrage eine Position dar, die auf ihre positive Kausalität zu den anderen – diese bedingende – Faktoren anhand der gewählten Disziplin und der ihr zugrundeliegenden theoretischen Basis, untersucht werden sollen.

3.1 Die Probleme um den Begriff ‚Gewalt’

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Gewalt, wird man zu allererst mit einem Problem konfrontiert, dass sich in der Uneindeutigkeit der Gewalt selbst, ihrer Charakterisierung, der Fassung von Gewaltphänomenen, der Logik ihres zum Vorschein Tretens, ihrer möglichen Ausbrüche und deren kausalen Erklärungen, sowie ihrer Bewertung, widerspiegelt. Es liegt zwar eine weite Verbreitung des Einverständnisses darüber vor, dass Gewalt in ihren Auswirkungen verletzt, oftmals tötet, dass sie diverse Varianten der Zerstörung herbeiführt und Opfer zur Folge hat, jedoch sind alle weiteren Aspekte noch keinem weitverbreiteten Konsens zugrundegelegt. So sind Fragen wie z.B. die nach den Opfern und ihrer Eingrenzung und Erfassbarkeit und somit im Hinblick auf die Kausalität für die Gewalterfassung, von Relevanz, jedoch nicht beantwortet. Noch schwieriger wird es, den Begriff ‚Gewalt’ festzulegen, wenn man dem Grundprinzip der Grenzüberschreitung folge leistet. Die Grenzziehung wird in einer – dem stetigen Wandel unterzogenen – Gesellschaft zu einem schwierigen Unterfangen, da fortwährend neue Grenzen entstehen und andere sich ausweiten. Bezüglich der Logik des Aufbrechens herrscht ebenfalls eine Uneindeutigkeit. Da Gewalt eine jederzeit verfügbare Ressource für jede Person darstellt, ist sie von einer Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten determiniert, die es beinahe unmöglich machen, sie zu kategorisieren. Sie kann spontan, unberechenbar, ohne Vorwarnzeit zu Tage treten oder besitzt den Charakter der Kalkulierbarkeit und Berechenbarkeit. So ist dies auch mit ihrer Entwicklung, erfolgt sie regelhaft oder regellos? Gewalt kann gleichfalls nachvollziehbare Ursachen und Motive haben, oder man kann sie in Bezug auf ihren Kontext nicht erklären. Wie bereits oben erwähnt, spielt auch die unterschiedliche Art der Opfer eine Rolle. Nicht nur ihre objektive Registrierbarkeit, die im Falle eines Mangels sogar die Gewaltexistenz verneinbar macht, sondern der wahrgenommene Schaden und seine Verhältnismäßigkeit zu der ausgeübten Gewalt, wie auch die Vielfältigkeit von sozialen Situationen und politischen Auseinandersetzungen als Gewalt, machen es schwer, diese in allen ihren Varianten zu fassen. So zeigt sich die Hoffnung auf Eindeutigkeit eher gering.[63]

Der Gewalt scheint aber eines untrennbar anzuhaften, nämlich die Wertigkeit. Durch die Ambivalenz der Moderne wird die Ambivalenz der Gewalt deutlich, obwohl gleichzeitig die Auffassung, dass Gewalt immer Zerstörung ist und auf Abwertung von Leben und der Aufwertung von Macht beruht, verbreitet sein kann. So kann Gewalt die Chance zu Neustrukturierungen oder zur Eingrenzung von angstfreien Räumen oder Leben bedeuten, so wie sie in ihrer negativen Ausformung auch zur Zerstörung von Menschen und Menschlichkeit führen kann. Die Bewertungsnotwendigkeit ist das Resultat dieser Ambivalenz und führt zu Fragen, nach dem legitimen oder illegitimen bzw. legalen oder illegalen Verhalten. Diese Ambivalenz ist auch die Ursache für die Schwierigkeit der Einschätzung und Deutung der Entwicklungstendenzen von Gewalt. So ergeben sich Fragen zur Form der Entwicklung, wie die, ob es sich bei einer statischen Betrachtung der Situation – im Hinblick auf Gewalt – um eine Trendumkehr, eine vorübergehende Entwicklung, eine kontinuierlich stabile Richtung der Entwicklung, etc., handelt. Egal wie, das 20. Jahrhundert zeigte, im Vergleich zu früheren Jahrhunderten, ein verheerendes Ausmaß an individueller, kollektiver und staatlicher Gewalt.[64]

3.2 Gewalt als Begriff

Im wissenschaftlichen Gebrauch ist der Gewaltbegriff durch seine ‚Vielseitigkeit’ und Komplexität zu eben dem – obenbeschriebenen – Problem avanciert. So trifft man in diesem Kontext auf die Anwendung des Terminus Gewalt, die nicht nur uneinheitliche Begriffsgehalte beinhaltet, sondern den Begriff auch in einer Reihe von Komposita vorstellt, wie etwa Gewaltverhältnisse, Gewaltordnung, Gewaltmonopol, Gewaltneigung, etc., die verdeutlichen, dass der Gewalt eine Ambiguität zwischen Ordnungszerstörung und Ordnungsbegründung zukommt. Man sollte meinen, dass wenigstens der Alltagsgebrauch dieses Wortes eine Eindeutigkeit in seiner Verbreitung liefert, jedoch ist selbst diese Annahme falsch. Es herrscht eine hochgradige Diffusität bezüglich dieses Begriffes und dieser Terminus inkludiert alltagssprachlich nicht nur seelische und körperliche Verletzungen, bestimmte Formen der Kriminalität, rüdes Verhalten im Straßenverkehr und Sport, sondern auch Phänomene wie die soziopolitische Benachteiligung. So unterliegen auch die Ansichten über die Ursprünge der Gewalt der polarisierten Dichotomie. Einerseits ortet man die Ursprünge in der – als unveränderlich geltenden – Natur des Menschen, andererseits werden diese in den defizienten gesellschaftlichen Verhältnissen lokalisiert. Substantialistische Erklärungsweisen, die Verwendung semantisch ähnlicher Begriffe und die vorschnelle Reifizierung machen den Gebrauch von ‚Gewalt’ ebenfalls unpräziser. Der letztere ist zwar für die Jurisdiktion von unerlässlicher Bedeutung, verengt jedoch das Blickfeld. Reifizierungen sind zur Begründung von justiziablen Straftatbeständen von Gewalt, wie Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, Kindstötung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Raub, Körperverletzung mit oder ohne Todesfolge, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriffe auf den Luftverkehr sowie Sachbeschädigungen, unerlässlich[65] (Anm. alle diese Tatbestände sind in der aktuellen Ausgabe des StGB enthalten und ihre Sachverhalte näher dargelegt). Litke sagt: „Violence is intriguing. It is universally condemned yet to be found everywhere. Most of us are both fascinated and horrified by it. It is a fundamental ingredient in how we entertain ourselves (children’s stories, world literature, the movie industry) and an essential feature of many of our social institutions. In most parts of the world it is notoriously common ... .“[66] Das Gewalt ein Wort darstellt, das für Phänomene unterschiedlichster Art und Qualität zur Verfügung steht, deskriptiv, mehr analytisch aber auch polemisch gebraucht wird und je nach Verwendungsart verschiedenen Zweck und Funktionen erfüllt, ist mit diesen Ausführungen erläutert.[67]

Sieht man sich die Ursprünge des Wortes Gewalt im deutschsprachigen Raum an, so trifft man auf die indogermanische Wurzel ‚val’, als Verb ‚giwaltan’, ‚waldan’, das ursprünglich für: 'die Verfügungsfähigkeit besitzen' und 'Gewalt haben' stand und später auch in einem breiteren Sinne für: 'Kraft haben', 'Macht haben', 'über etwas verfügen können', 'etwas beherrschen', verwendet wurde. Im Germanischen stand Gewalt nicht für einen Rechtsterminus wie im Römischen, sondern für den Bereich der Freiheit, der vom Recht ausgespart wurde. Macht dagegen, das eine Abstraktion des gotischen ‚magan’ – 'können', 'vermögen' – darstellt, geht auf das germanische ‚mahti’ zurück. Im deutschsprachigen Raum hat das Wort Gewalt, im Gegensatz zum Gebrauch des Wortes im angelsächsischen, frankophonen oder iberoamerikanischen, nicht die Entwicklung mitgemacht, die die eindeutigere Unterscheidung zwischen direkter persönlicher Gewalt – violentia – und der legitimen institutionellen Gewalt – potestas – zur Folge hatte. So kann man die gesamte Entwicklung dieses Terminus im deutschsprachigen Raum, als den Weg von einer relativ engen, konkreten Bezeichnung von Obrigkeiten, deren Legitimität außer Frage stand, bis hin zu einem relativ diffusen, weil eine Vielzahl an Unterschieden aufweisend, normativen und deskriptiven Bedeutungsgehalt des Begriffes, beschreiben.[68]

Aufgrund der Vieldeutigkeit von Gewalt ist die Notwendigkeit der Abgrenzung zu ähnlichen semantischen Begriffen von noch größerer Bedeutung. Es werden hier, an dieser Stelle, in knappen, demonstrativen Erläuterungen, die Begriffe der Macht, des Konflikts, des Krieges und der Aggressionen vom Begriff der Gewalt abgegrenzt:[69]

1. Macht

Historisch gesehen, wie auch bereits oben erwähnt, hat der Machtbegriff den größten Überschneidungsbereich mit ‚Gewalt’. Fast unabhängig von der gewählten Definition, kann man Gewalt einerseits als eine Form der Machtausübung postulieren, die jedoch andererseits nicht unbedingt eine Begleiterscheinung der Machtausübung darstellen muss. So kann sie einmal im Zusammenhang mit dem Begriff der Macht, ein kalkuliertes Erzwingen darstellen und ein anderes Mal, in Bezug auf Macht, nicht existent sein.[70]

2. Konflikt

Obwohl die beiden Begriffe ‚Konflikt’ und ‚Gewalt’ auf zwei verschiedenen Ebenen liegen, finden sie, aufgrund einer medial vermittelten Fehlperzeption und eingeschränkten Wahrnehmung, eine enge Verbindung. Definiert man ‚Konflikt’ nach Bonacker und Imbusch, als einen sozialen Tatbestand, an dem zwei Parteien teilhaben, die auf den Unterschieden in der sozialen Lage und bzw. oder in der Interessenskonstellation der Parteien basieren, so vermeidet man in dieser Definition nicht nur eine Vermischung deskriptiver und normativer Aspekte und intentionale Zuschreibungen, sondern auch Bezugnahmen auf Ursachen, Kontexte und Austragungsmodi, die nicht unter die Definition von ‚Konflikt’ eingegliedert gehören und sodann wird sichtbar, dass Gewalt kein Konflikt ist, sondern diesen allerhöchst indiziert. Im Gewand dieser Definition wäre Gewalt ein mögliches Merkmal oder eine mögliche Austragungsform des Konflikts, jedoch nicht mit dem Begriff gleichzusetzen.[71]

3. Krieg

Krieg ist ein Beispiel für eine Vergegenständlichung vom Begriff ‚Gewalt’, das häufig in der Alltagssprache dazu führt, dass manche Gewaltphänomene eine Assoziation mit Gewalt schlechthin hervorrufen. Krieg ist jedoch nur eine Ausprägungsform von Gewalt und würde diesen Begriff eingrenzen und einer unangemessenen Objektivierung unterziehen.[72]

4. Aggression

Aggression ist ein Begriff aus der Psychologie[73] und hat selbst innerhalb dieser, je nach Ausrichtung des Zugangs in Bezug auf die Betrachtung eines Individuum und seines Seelenlebens, diverse Definition. So kann nach Selg ‚Aggression’, als ein Beurteilungsbegriff erfasst werden[74]: „Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize ...; eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein.“[75] Mit Aggression ist laut Selg ein Verhalten gemeint und nicht ein Affekt oder eine unangenehme Verspannung.[76] Die Eingliederung der Handlungen und des Verhaltens unter den Begriff ‚Aggression’ dürfte ihre Dependenz von spezifischen Kontextvariablen haben.[77]

3.3 Ansätze zur Systematisierung der Erscheinungsformen von Gewalt

Es besteht die Notwendigkeit, Typen, Formen, Dimensionen, Sinnstrukturen, Dynamiken und Kontexte zu differenzieren, um der Vieldeutigkeit von Gewalt zu entsprechen.[78]

Beschäftigt man sich mit dem Kernbereich der Gewalt, so hat man die Möglichkeit, mittels sieben Fragen unterschiedliche Bedeutungselemente zu visualisieren und Gewalt über diese zu erfassen. So ist bei der Frage nach: Wer übt Gewalt aus, die Bezugsdimension das Subjekt, mit den Definitionskriterien des Täters als Akteur und den Definitionsbestandteilen, die Personen, Gruppen, Institutionen und Strukturen umfassen können. Bei der Frage nach: Was geschieht, wenn Gewalt ausgeübt wird, ist die Bezugsdimension die Phänomenologie der Gewalt, ihr Definitionskriterium die Verletzung, Schädigung und andere Effekte und die Definitionsbestandteile können Personen und Sachen umfassen. Bei der Frage nach: Wie wird Gewalt ausgeübt, betrifft die Bezugsdimension die Art und Weise der Gewaltausübung, unter den Kriterien der Mittel und Umstände, die je nach ihrer Ausprägung die Gewalttaten, ihre Verbreitung und das Ausmaß beträchtlich variieren können. Die Steigerung der Effizienz (technischer Fortschritt), ist gleichzusetzen mit der Steigerung der Produktivität in der Ausübung von Gewalttaten. Ebenso wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Frage nach den bystanders, den dritten Parteien, die entweder als Unterstützer oder Sympathisanten in jeder Täter-Opfer-Beziehung vorhanden sind. Dies können Personen oder Institutionen sein, die unmittelbar oder vermittelt, ermöglichend oder verhindernd in Erscheinung treten. Der Ausmaß der Frage nach dem Wie kann mit den Formen, wie physisch, psychisch, symbolisch oder kommunikativ beantwortet werden. Bei der Frage nach: Wem gilt die Gewalt, sind die Bezugsdimension und das Definitionskriterium die, die Objekte erfassen, also durch die Opfer von Gewalt dargestellt werden können. Die Frage nach: Warum wird Gewalt ausgeübt, birgt im abstrakten Sinne die Frage nach den allgemeinen Ursachen, die in Form diverser theoretischer Erklärungsmodelle sichtbar wird. Meist wird in diesem Kontext, wenn auf der Suche nach konkreten Gründen, eine Zweckhaftigkeit gesucht. Die Frage nach: Wozu wird Gewalt ausgeübt, beinhaltet die Fragen nach den Motiven und Zielen und ihre Grade der Zweckhaftigkeit. So deckt diese Frage auch den Bereich der Begründung von Gewalt ab, bei derer Suche drei idealtypische Konstellationen unterschieden werden müssen[79]:

[...]


[1] Vgl. http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-4-Juni1998/Leseproben3.html

[2] Vgl. http://www.buch.de/buch/01538/786_der_flexible_mensch.html

[3] Vgl. http://www.guardian.co.uk/saturday_review/story/0,3605,432557,00.html

[4] http://www.guardian.co.uk/saturday_review/story/0,3605,432557,00.html

[5] Vgl. http://www.lse.ac.uk/collections/sociology/whoswho/sennett.htm

[6] Vgl. Dobb, 1970, S. 13ff

[7] Vgl. Microsoft Encarta 2005

[8] Vgl. Dobb, 1970, S. 16f

[9] Vgl. Dobb, 1970, S. 18

[10] Vgl. Microsoft Encarta 2005

[11] Vgl. Dobb, 1970, S. 19

[12] Vgl. Kromphardt, 1991, S.45ff

[13] Vgl. Kromphardt, 1991, S.51ff

[14] Vgl. Kromphardt, 1991, S.58f

[15] Vgl. Kromphardt, 1991, S.59f

[16] Vgl. Kromphardt, 1991, S.61f

[17] Vgl. Kromphardt, 1991, S.90ff

[18] Vgl. Kromphardt, 1991, S.101ff

[19] Vgl. Kromphardt, 1991, S.164

[20] Vgl. Dobb, 1970, S.298ff

[21] Vgl. Dobb, 1970, S.379ff

[22] Vgl. Osterhammel, Petersson, 2003, S.86ff

[23] Vgl. Osterhammel, Petersson, 2003, S.105ff

[24] Vgl. Sennett, 1999, S.57

[25] Vgl. Sennett, 1999, S.10f

[26] Sennett, 1999, S.10

[27] Vgl. Sennett, 1999, S.58f

[28] Vgl. Sennett, 1999, S.59ff

[29] Vgl. Sennett, 1999, S.64f

[30] Vgl. Sennett, 1999, S.69

[31] Vgl. Sennett, 1999, S.60

[32] Vgl. Sennett, 1999, S.69f

[33] Sennett, 1999, S.70

[34] Vgl. Sennett, 1999, S.70f

[35] Vgl. Sennett, 1999, S.72ff

[36] Vgl. Sennett, 1999, S.81

[37] Vgl. Sennett, 1999, S.39

[38] Vgl. Sennett, 1999, S.81ff

[39] Sennett, 1999, S.92

[40] Sennett, 1999, S.96

[41] Vgl. Sennett, 1999, S.99ff

[42] Vgl. Sennett, 1999, S.79

[43] Vgl. Sennett, 1999, S.105ff

[44] Vgl. Sennett, 1999, S.115

[45] Sennett, 1999, S.115

[46] Vgl. Sennett, 1999, S.117ff

[47] Vgl. Sennett, 1999, S.124ff

[48] Sennett, 1999, S.129

[49] Sennett, 1999, S.132

[50] Vgl. Sennett, 1999, S.132

[51] Vgl. Sennett, 1999, S.142ff

[52] Sennett, 1999, S.153

[53] Vgl. Sennett, 1999, S.155

[54] Vgl. Sennett, 1999, S.153

[55] Vgl. Sennett, 1999, S.159ff

[56] Vgl. Sennett, 1999, S.23ff

[57] Sennett, 1999, S.203

[58] Vgl. Sennett, 1999, S.37

[59] Vgl. Sennett, 1999, S.22

[60] Vgl. Sennett, 1999, S.10

[61] Vgl. Sennett, 1999, S.36

[62] Sennett, 1999, S.36

[63] Vgl. Heitmeyer, Hagan, 2002, S.16f

[64] Vgl. Heitmeyer, Hagan, 2002, S.18f

[65] Heitmeyer, Hagan, 2002, S.26f

[66] Litke in Heitmeyer, Hagan, 2002, S.28

[67] Vgl. Heitmeyer, Hagan, 2002, S.28

[68] Vgl. Heitmeyer, Hagan, 2002, S.28f

[69] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.31

[70] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.32

[71] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.32

[72] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.32f

[73] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.33

[74] Vgl. Selg, Mees, Berg, 1997, S.2f

[75] Selg in Selg, Mees, Berg, 1997, S.4

[76] Vgl. Selg, Mees, Berg, 1997, S.4

[77] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.33

[78] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.34

[79] Vgl. Heitmeyer, Hogan, 2002, S.34f

Details

Seiten
191
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832492991
ISBN (Buch)
9783838692999
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224421
Institution / Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien – Betriebswirtschaft
Note
1,0
Schlagworte
globalisierung adler freud flexibilität kapitalismus

Autoren

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Titel: Anwendung psychodynamischer Ansätze zur Untersuchung von Gewaltbereitschaft am Subjekt des 'flexiblen Menschen' nach Sennett