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Mediation als Konfliktlösungsstrategie

Am Beispiel der außergerichtlichen Einigung

Magisterarbeit 2005 86 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Mediation – Eine Einführung
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Grundlegende Elemente der Mediation
2.2.1 Vorraussetzungen
2.2.2 Durchführungsphasen
2.2.3 Ziele der Mediation
2.3 Wann ist Mediation sinnvoll?

3 Theoretische Grundlagen der (Sozial-)Psychologie
3.1 Kommunikationstheorien
3.1.1 Definition „Kommunikation und Interaktion“
3.1.2 Kommunikationsmodelle
3.1.3 Nonverbale Kommunikation
3.1.4 Kommunikationsfallen
3.2 Konflikttheorien
3.2.1 Definition „Konflikt“
3.2.2 Konfliktarten und –ursachen
3.2.3 Sozialpsychologische Konflikttheorien
3.3 Psychologische Grundlagen der Beratung
3.3.1 Die Beratungsstruktur
3.3.2 Ansätze psychologischer Beratung
3.3.3 Das Konzept der Subjektiven Theorien

4 Mediation als Konfliktlösungsstrategie
4.1 Geschichte der Mediation
4.1.1 Historische Ursprünge
4.1.2 Geburt der heutigen Mediationsbewegung
4.1.3 Mediation in Deutschland
4.2 Der Mediator und seine Methoden
4.2.1 Der Mediator
4.2.2 Mediationsstile
4.2.3 Methoden der Mediation
4.2.4 Mediationsausbildung
4.3 Anwendungsbereiche

5 Zukunftschancen und Grenzen der Mediation

6 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Titelbild wurde auf der Homepage eines Freiburger Mediationsteams gefunden (www.mediation-freiburg.de) und zeigt recht anschaulich die Funktion und die Struktur einer Mediation.

Die Aufgabe eines Mediators besteht in erster Linie darin, zwischen mindestens zwei Streitparteien zu vermitteln. Oft haben die Streitenden keinen guten Kontakt mehr miteinander oder finden nur sehr schwer einen Weg zueinander. Der Mediator kann dann eine „Brücke“ zwischen den Parteien sein. Im Bild ist dies dargestellt durch die Brücke, die nicht mehr komplett ist und die durch die „Mediation“ wieder in Stand gesetzt worden ist, so dass sie ihre Funktion als Verbindung zwischen den Menschen wieder aufnehmen kann. Mediation kann den Betroffenen wieder einen Weg zueinander aufweisen. Dies kann geschehen durch eine erweiterte oder veränderte Sichtweise des Konflikts oder aber durch einen neuen Ansatz, der den Konflikt beseitigt. Dabei ist ein Grundziel der Mediation, dass beide Parteien am Schluss als Gewinner dastehen, denn nur so kann zukünftig ein friedlicher Umgang miteinander gesichert werden. Der Mediator kann nur beim Aufbau der Brücke helfen, längerfristig müssen beide Parteien kooperativ zusammenarbeiten, so dass die Verbindung zueinander stabilisiert und verbessert werden kann. Auch das ist Aufgabe des Mediators. Er soll den Betroffenen nicht nur bei der Konfliktbewältigung behilflich sein, sondern ihnen auch Kompetenzen vermitteln, wie sie in Zukunft mit Konflikten umgehen können - auch ohne die Hilfe einer Mediation.

Ein weiterer Aspekt der Mediation wird in dem Bild veranschaulicht: die Neutralität des Mediators. Der Mediator nimmt eine allparteiliche Stellung zwischen den Betroffenen ein. Im Bild wird dies durch das eher passive Brückenstück in der Mitte der Personen verdeutlicht. Diese Passivität bezieht sich aber nur auf Ratschläge und Anweisungen. Die Konfliktlösung muss von den beiden Parteien mitgetragen werden, also auch mitentwickelt werden, möglichst autonom. Der Mediator soll hier nur die Grundlage schaffen für eine befriedigende Konfliktlösung. Würde der Mediator den beiden Streitenden einfach nur eine Lösung anbieten und ihnen Ratschläge geben, wären wichtige Aspekte der Mediation vernachlässigt. Bei der Bemühung um Verständnis auf beiden Seiten und der Erweiterung der Blickwinkel darf der Mediator sehr wohl eine aktive Position einnehmen. Er kann die Basis für eine kreative Lösungsfindung schaffen und vor allem auch auf die unterschiedlichen Emotionen der Konfliktparteien eingehen. Denn oft verbirgt sich hinter dem eigentlichen Konflikt ein Beziehungsproblem. Dann wäre den Streitenden mit einer Lösung nur des Konflikts nicht geholfen. Die Mediation ist, wie das Bild zeigt, als Brücke zu verstehen, aufeinander zugehen müssen die beiden Personen schon noch selbst, das heißt, sie brauchen durchaus auch den Willen zu einer Einigung.

Im folgenden soll nun die Mediation als Konfliktlösungsstrategie genauer betrachtet werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob sie eine Alternative zum klassischen Gerichtsverfahren darstellt. Dabei soll eine sozialpsychologische Sichtweise eingenommen werden, bei der juristische Aspekte weitgehend vernachlässigt werden. Für eine außergerichtliche Streitbeilegung durch ein Mediationsverfahren ist zwar juristisches Grundlagenwissen in den meisten Fällen vonnöten, aber auch psychologische Gesichtspunkte dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Sozialpsychologische Aspekte bieten die Basis für eine befriedigende Konfliktlösung in der Mediation. Sie greifen nämlich den Menschen als Individuum auf und seine Beziehung zum anderen Menschen. Erst durch die Einbeziehung sozialpsychologischer Grundlagen wird aus der Mediation mehr als ein bloßer Interessensausgleich zwischen den Parteien. Mediation kann damit in viel stärkerem Maße die Selbstverantwortung in den Mittelpunkt der Konfliktlösung stellen, als es Schieds- oder Schlichtungsverfahren können (Montada Kals, 2001, S. 1f.). In dieser Arbeit soll kein konkreter Anwendungsbereich der Mediation herausgegriffen werden, es soll vielmehr die Vielfalt der Fälle aufgezeigt werden, bei denen Mediation angewendet werden kann.

Zunächst sollen die unterschiedlichen Definitionen sowie zentrale Elemente der Mediation aufgezeigt werden (Kapitel 2). Dann werden die unterschiedlichen sozialpsychologischen Ansätze erläutert, die in Bezug auf die Mediation von Bedeutung sind (Kapitel 3). Als theoretische Ansätze der Sozialpsychologie sollen hier besonders die der Kommunikations-, der Konflikt- und der Beratungsforschung herausgegriffen werden. Ziel dieser Arbeit ist es, die Wichtigkeit dieser theoretischen Ansätze für die Mediation zu verdeutlichen. Des Weiteren soll in Kapitel 4 auf die Mediation als Konfliktlösungsstrategie eingegangen werden, wobei die verschiedenen sozialpsychologischen Grundlagen mit einfließen. Hier finden auch die geschichtliche Betrachtung der Mediation und ihre unterschiedlichen Anwendungsbereiche Beachtung. Die Zukunftschancen der Mediation in Deutschland werden im fünften Kapitel behandelt. Das sechste Kapitel dient der Zusammenfassung der gesamten Arbeit und geht resümierend darauf ein, wie wichtig sozialpsychologische Grundlagen für die Mediation sind.

2 Mediation – Eine Einführung

Ein chinesisches Sprichwort lautet: Jede Sache hat drei Seiten, eine, die du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen. Auch bei einem Konflikt kann dies der Fall sein, weshalb er ohne Hilfe eines Dritten nicht gelöst werden kann. Wird eine neutrale dritte Person hinzugezogen, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, auch die nicht-sichtbare Seite zu erkennen. Der Mediator ist prädestiniert diese Rolle zu übernehmen, da er über die nötigen Kommunikations- und Konfliktlösungskompetenzen verfügt.

Ziel dieses Kapitel ist es, die Grundlagen der Mediation vorzustellen. Dabei soll zunächst ein Überblick über die unterschiedlichen Definitionsversuche gegeben werden und anschließend auf die grundlegenden Elemente von Mediationsverfahren eingegangen werden. Dabei werden die Voraus-setzungen aufgeführt, die gegeben sein müssen, damit eine Mediation stattfinden kann, aber auch die Durchführungsphasen und die Ziele der Mediation finden Beachtung.

2.1 Begriffsdefinition

Der Begriff der Mediation wurde in Deutschland als feststehender Fachbegriff aus dem Englischen übernommen und hat seinen Ursprung im griechischen Wort „medos“, das „vermittelnd“, „unparteiisch“, „neutral“ bedeutet, wie auch im lateinischen Wort „medius“, das mit „der Mittler“ oder „dazwischen liegend“ übersetzt werden kann (vgl. dazu Mühlfeld, 2002, S. 25).

Eugster (2001, S. 19) beschreibt Mediation als ein Verfahren außergerichtlicher Konfliktbearbeitung, das von einem neutralen Dritten geleitet wird und eine einvernehmliche Lösung zum Ziel hat. Die Teilnahme ist freiwillig und der Mediator hat keine inhaltliche Entscheidungsbefugnis, sondern übernimmt ausschließlich die Moderation. Sowohl Eugster (2001, S. 19) als auch Besemer (1997, S. 14) sehen als entscheidendes Problem die Kommunikationsstörung der streitenden Parteien, die sich oft aus einem über einen langen Zeitraum anhaltenden Konflikt ergeben hat. Aufgabe des Mediators ist es, dieser Kommunikationsstörung auf den Grund zu gehen und den Beteiligten bei deren Überwindung behilflich zu sein. Erst dann kann an dem eigentlichen Konflikt gearbeitet werden und auf eine gemeinsame Lösung hingearbeitet werden. Mediation aber nur auf Konfliktlösung zu beschränken wäre zu einfach gesehen und würde einen entscheidenden Aspekt außer Acht lassen, nämlich die Förderung von Kommunikation und Kooperation (Proksch, 1998, S. 20). Mediation verfolgt nicht nur Ziele im Hier-und-Jetzt, sondern ist auf die Zukunft angelegt. Die Konfliktparteien sollen dazu befähigt werden, auch in Zukunft Konflikte einvernehmlich und selbständig zu lösen. Dies ist vor allem bei Familienstreitigkeiten, wie beispielsweise Scheidung von großer Bedeutung, damit eine faire Grundlage für Konfliktbewältigung geschaffen werden kann, wovon im Falle einer Scheidungsmediation vor allem die Kinder der beiden Parteien profitieren.

Besonders im juristischen Bereich kann Mediation als Alternative zum klassischen Rechtsstreit genutzt werden. Kaspar (2004, S. 143) hebt zu Recht hervor, dass vor allem die starre Formalität von Gerichtsverfahren mit Hilfe des Mediationsverfahrens aufgehoben wird. Vor Gericht gibt es in den meisten Fällen einen Gewinner und einen Verlierer. Die Mediation sieht dagegen eine einvernehmliche Lösung vor, von der beide Parteien profitieren. Dies ist ein entscheidender Vorteil, wenn es abzuwägen gilt, ob Mediation eine Alternative zum Gerichtsverfahren wäre.

Neben der direkten face-to-face Mediation unterscheidet man die indirekte Mediation, wo der Mediator versucht, „ohne persönliche Konfrontation zwischen den Parteien zu vermitteln“ (Fahrni, 2001, S. 7). Sieht man aber auch die Kommunikations- und Kooperationsförderung als wichtige Ziele der Mediation, so sollte immer die direkte Form angestrebt werden.

Es ist also durchaus nicht selbstverständlich, dass Aspekte wie Kommunikation und Kooperation automatisch mit inbegriffen sind, wenn man von Mediation spricht. Hier gibt es in der Literatur und vor allem auch bei den unterschiedlichen Berufsgruppen, wie Psychologen, Soziologen oder Juristen noch bedeutende Unterschiede.

Um eine Irreführung auszuschließen, ist es bei der Definitionsfindung durchaus sinnvoll, die Ziele der Mediation mit einfließen zu lassen. Daraus ergibt sich folgende Arbeitsdefinition in Anlehnung an Eugster:

Mediation ist ein Verfahren außergerichtlicher Konfliktbearbeitung, das von einem neutralen Dritten geleitet wird und eine einvernehmliche Lösung, aber auch die Förderung von Kommunikations- und Kooperationskompetenzen der einzelnen Betroffenen zum Ziel hat.

Dabei umfasst diese Definition noch nicht alle wesentlichen Aspekte, die eine Mediation ausmachen. Im folgenden Abschnitt soll näher auf diese grundlegenden Elemente eingegangen werden.

2.2 Grundlegende Elemente der Mediation

2.2.1 Vorraussetzungen

Die wohl wichtigste Vorraussetzung für das Zustandekommen eines Mediationsverfahrens ist die Freiwilligkeit der Teilnahme beider Parteien. Sie müssen dazu bereit sein, sich um eine Aussöhnung zu bemühen. Würde dies von einem Gericht aufgezwungen, so wäre das Ausgleichsbemühen beider Parteien nur sehr schwer zu erreichen und die Verantwortung der Teilnehmer nur sehr begrenzt (Fahrni, 2001, S. 12). Kaspar (2004, S. 157) sieht die Freiwilligkeit dann als „relativ“ an, wenn ein Strafverfahren droht. Hier liegt dem Täter wohl mehr aus Angst vor dem Verfahren die Wiedergutmachung am Herzen. Inwieweit Mediation bei Straftaten sinnvoll einzusetzen ist, darauf soll in Kapitel 2.3 eingegangen werden. Auch die grundsätzliche Gesprächsbereitschaft und die Offenheit für das Ergebnis führt Rüssel (2004, S. 90) als entscheidende Vorraussetzungen für die Durchführung von Mediationsverfahren an. Doch nicht nur die Haltung der Konfliktparteien ist für eine Mediation wichtig, entscheidend ist auch die des Mediators.

Will (2005, S. 16ff.) beschreibt in seinem Aufsatz „Durch alle Formen geschritten – Haltung in der Mediation“ die wichtigsten Eigenschaften, die ein Mediator, neben der fachlichen Kompetenz haben sollte. Diese setzen sich zusammen aus Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Fairness und Vertrauen und werden noch durch die Aspekte der Freiwilligkeit, des Respekts und der Anerkennung ergänzt. Diese Punkte sollten sich in dem Bild des Mediators, das er über den Menschen hat, widerspiegeln. Ganz entscheidend für das Gelingen einer Mediation ist nach Will der professionelle Umgang mit Emotionen, die erkannt und den betroffenen Konfliktparteien erklärt werden müssen. Dieses einfühlende Verstehen, das für die Mediation von großer Bedeutung ist, wird Empathie genannt. Grundlegend dafür ist die Wertschätzung des einzelnen Menschen. Auch Besemer (1997, S. 36) sieht es als grundsätzlich an, dass der Mediator die Konfliktparteien achtet und bestätigt, denn nur wenn diese sich verstanden fühlen, können sie sich dem anderen öffnen und ihm auch Verständnis entgegenbringen. Hilfen können dem Mediator dabei Methoden des Aktiven Zuhörens oder des Spiegelns sein (Will, 2005, S. 16f.).

Besemer (1997, S. 37) fasst die wichtigsten Grundannahmen des Mediationskonzepts zusammen:

Er geht davon aus, dass Konflikte gesund sind und dass sie meistens aus der Unwissenheit über die Lösbarkeit von Problemen entstehen. Grundsätzlich können Beteiligte „ihre“ Konflikte besser lösen als Außenstehende und können dabei auch die durch den Konflikt entstandenen Emotionen mit einbeziehen , so dass eine vollständigere Entscheidung getroffen werden kann. Besemer sieht auch den zukünftigen Kontakt der streitenden Parteien als wichtig an, da dieser die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg der Verhandlungen erhöht; auch können erworbene Verhandlungs-fähigkeiten weiter genutzt werden. Weiterhin sieht er die Eigen-verantwortlichkeit als unbedingt notwendig an, wenn man die Nachhaltigkeit der Übereinkunft betrachtet. Der Mediator erleichtert den Konfliktparteien die Teilnahme, wenn er eine vertrauensvolle Atmosphäre schafft. Dies kann durch einen neutralen Ort und eine gleichwertige Sitzordnung unterstützt werden. Auch das Aufstellen gewisser Regeln, wer beispielsweise wann reden darf, geben den Betroffenen Sicherheit und das Gefühl, nicht vernachlässigt zu werden.

Die bereits oben erwähnte Neutralität des Mediators, ist nach Rüssel dann gegeben, „wenn keine Umstände vorliegen, die eine Parteinahme des Mediators für eine Partei befürchten lassen“ (Rüssel, 2004, S. 86). Gleichzeitig ist es im Zuge der Neutralität wichtig, dass der Mediator keine Entscheidungen trifft, die eine Partei benachteiligen oder bevorzugen. Um dem Begriff „Neutralität“ die Passivität zu nehmen, entscheiden sich nach Rüssel (2004, S. 86) viele Autoren für den Begriff der Allparteilichkeit.

Es verwundert, dass nur wenige Autoren in der Literatur den Begriff der Kreativität im Zusammenhang mit der Mediation nennen. Dieser Aspekt scheint neben den Grundhaltungen der Beteiligten eine entscheidende Rolle für das Gelingen einer Mediation zu spielen (vgl. Mühlfeld, 2002, S. 62f.). Viele Parteien haben, bevor sie sich auf eine Mediation einlassen, schon viele Lösungen des Konflikts durchgespielt und sind immer wieder gescheitert, deshalb ist neue Kreativität nötig, um die entscheidende Idee zu finden. Dieser Kernpunkt wird weiter unten im Kapitel der Methoden der Mediation noch ausführlicher behandelt. Doch auch andere Aspekte werden bei der Betrachtung der Mediation oft vernachlässigt, so beispielsweise der Aspekt des Konstruktivismus. Der Mediator muss darauf achten, dass sich die Parteien nicht damit aufhalten, die Fehler des jeweils anderen zu analysieren, sondern muss zu konstruktiven Zukunftsideen aufrufen, sonst, so führt Mühlfeld (2002, S. 68) zurecht an, wäre die Mediation zum Scheitern verurteilt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass vor allem die Grundhaltung der Beteiligten ausschlaggebend ist für das Gelingen einer Mediation. Die Parteien müssen den Konflikt als Chance sehen und offen dafür sein, ihn unter Einbeziehung ihrer Gefühle zu lösen. Dazu bedarf es Kreativität, aber auch der Motivation zu einer konstruktiven Lösung. Der Mediator muss durch seine Neutralität und sein wertschätzendes Auftreten eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, in der die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen gefördert wird, damit diese in Zukunft Konflikte selber lösen können.

2.2.2 Durchführungsphasen

Sind die Voraussetzungen erfüllt, kann man sich der eigentlichen Mediationsdurchführung zuwenden. Fietkau (2000, S. 138) hat einen Fragenkatalog zusammengestellt, der klären soll, ob eine Mediation in Frage kommt und in welchem Umfang sie ablaufen soll. Dabei geht er auf den Zeitrahmen und die Erwartungen ebenso ein wie auf die Frage nach den Beteiligten, die an der Mediation teilnehmen sollen. Auch auf die Kostenfragen und die sich daraus ergebenden Machtverhältnisse, falls nur eine der Parteien bezahlt, weist er hin. Diese Fragen sollen sowohl bei der Entscheidungsfindung für eine Mediation helfen, als auch dazu dienen, den Mediator besser kennen zu lernen, denn die Fragen werden in einem ersten persönlichen Treffen geklärt. Von Schlieffen (2002, S. 10; vgl. auch Besemer, 1997, S. 56) nennt dieses erste Zusammentreffen „Vorphase“. In ihr entscheidet sich auch der Mediator, ob ein Verfahren für die Mediation geeignet ist und setzt den Organisationsrahmen fest. Als weitere Aufgabe dieser ersten Phase kann das Gewinnen von Vertrauen in den Prozess der Mediation und den Mediator angesehen werden (Fietkau, 2000, S. 137). Idealerweise treffen sich hier schon beide Parteien und sind motiviert, den Konflikt in einer Mediation zu lösen. In der Realität sieht es aber oft anders aus. Die erste Kontaktaufnahme geschieht durch eine Partei und der andere Konfliktpartner muss von der Mediation noch überzeugt werden. Besemer (1997, S. 57ff.) teilt die nächste Phase, das Mediationsgespräch, in fünf Teile. In der Einleitung werden nochmals alle vorgestellt, der Mediationsprozess wird erklärt und offene Fragen geklärt; es wird eine Tagesordnung festgelegt. Gerade wenn die Motivation für eine Mediation nur von einer Partei ausging, kommt es hier zum ersten Zusammentreffen beider Konfliktparteien. Darauf folgen die Sichtweisen der einzelnen Konfliktparteien . Jede Partei hat nun die Möglichkeit das Problem aus ihrer Sicht zu schildern und der Mediator, sowie eingeschränkt auch die gegnerische Partei, kann Fragen zum besseren Verständnis stellen. Es folgt eine Phase der direkten Kommunikation zwischen den Parteien und eine Phase, wo jeder das Gehörte spiegeln kann. Zum Schluss dieses Teilbereichs werden Gemeinsamkeiten und Differenzen durch den Mediator festgehalten. Die anschließende Befragung durch den Mediator nach Interessen, Gefühlen und Hintergründen, dient der Konflikterhellung . Wünsche und Idealvorstellungen sollen ausgesprochen werden. Erst jetzt kann es zum Entwurf von Lösungen kommen. Dabei kann beispielsweise durch Brainstorming eine breite Auswahl an Lösungsmöglichkeiten gefunden werden und daraus dann wiederum eine Lösung ausgewählt werden, die ausgearbeitet wird. Diese ausgearbeitete Lösung steht bei Besemer im fünften Abschnitt des Mediationsgesprächs im Mittelpunkt. Es werden Überlegungen angestellt, wie die Idee umzusetzen ist, wie die Umsetzung kontrolliert wird und wie in Zukunft mit derartigen Problemen umgegangen wird. Schließlich wird die schriftlich niedergelegte Übereinkunft von beiden Parteien unterzeichnet. Der Mediator sollte das Gespräch versöhnlich beenden und die Parteien dazu auffordern mit einer Geste der Versöhnung, wie beispielsweise einem Händedruck, den Streit zu beschließen. An die Phase des Mediationsgesprächs schließt die Phase der Umsetzung an. Dazu lädt der Mediator zu einem Nachfolgetreffen ein, bei dem über eventuell aufgetretene Schwierigkeiten gesprochen wird und das Mediationsgespräch ausgewertet wird.

Was Besemer (1997, S. 56ff.) in 3 Phasen aufteilt, die Vorphase, das Mediationsgespräch und die Umsetzungsphase, wird von anderen Autoren durchaus anders aufgeteilt, wobei Inhalte und Strukturen sehr ähnlich sind. Bei von Schlieffen (2002, S. 10ff.) beispielsweise folgt auf die Vorphase eine sogenannte Konstitutionsphase , in der die Dinge geklärt werden, die bei Besemer (1997, S. 65ff.) in der Einleitung des Mediationsgesprächs festgehalten werden. Die Phase endet mit einer Mediationsvereinbarung. Erst jetzt folgt die eigentliche Hauptphase (von Schlieffen, 2002, S. 13ff.), in der das konkrete Problem angegangen wird. Hierbei werden vor allem die Verhandlungsstrategien des Harvard-Konzeptes aufgegriffen, auf das weiter unten noch näher eingegangen wird. Ziel in dieser Phase ist es, durch die Trennung von Problem und Person und das Herausarbeiten der jeweiligen Interessen Lösungen zu erarbeiten. Von Schlieffen weist auf die Problematik hin, wenn hinter den vorgetragenen Positionen der Parteien Gefühle wie Hass und Rache stecken. Man liefe Gefahr, dass die Mediation zur Therapie wird und mögliche Lösungen des Konflikts dem eigentlichen Problem keine Abhilfe schaffen würden. Nach der Hauptphase folgt die Abschlussphase , die die Ausarbeitung einer Vereinbarung und deren Unterzeichnung beinhaltet. Auch hier wird darauf hingewiesen, wie wichtig eventuelle Kontrollregelungen und ein Nachtreffen sein können (vgl. Besemer, 1997, S. 81ff.).

Recht ausführlich stellen Montada und Kals (2001, S. 179ff.) die Phasen der Mediation dar. Sie unterteilen den Prozess der Mediation in sechs Phasen. Die Phase der Vorbereitung ist ähnlich der oben beschriebenen Vorphase mit Konstitutionsphase. Die Hauptphase wird bei Montada und Kals in 3 weitere Phasen unterteilt: Problemerfassung und -analyse, Konfliktanalyse und Konflikt- und Problembearbeitung. Es fällt auf, dass die Autoren hier sehr in die Tiefe gehen. Es sollen in der Konfliktanalyse vor allem die Tiefenstrukturen und die Bedingungen des Konflikts aufgedeckt werden. Dies ist von großer Bedeutung, wenn man die Nachhaltigkeit einer Konfliktlösung erreichen will. Es können bestimmte Bedingungen für Konflikte verantwortlich sein, die bei Nichtbeachtung wieder zu Konflikten führen können. Montada und Kals weisen darauf hin, dass diese Bedingungen auch schon weit zurückliegen können. Bei Bearbeitung von politischen Konflikten müssen hier beispielsweise historische Bedingungsfaktoren mit einbezogen werden (Montada Kals, 2001, S. 197). Der entscheidende Unterschied bei der Einbeziehung von Gefühlen und Emotionen in die Konfliktlösung zwischen Mediation und Therapie ist, dass bei einer Mediation Gefühle deshalb behandelt werden, weil sie „ die wahren Interessen der Beteiligten zu Tage treten lassen“ (Mühlfeld, 2002. S. 29). Als Hauptziel darf die Lösung des Konflikts nicht aus den Augen verloren werden. In der Therapie werden vor allem „intrapersonelle, seelische Probleme“ behandelt (Mühlfeld, 2002, S. 29). Die Abschlussphase, so wird sie bei von Schlieffen genannt, untergliedern die Autoren Montada und Kals in die Phase der Mediationsvereinbarung und die Phase der Evaluation und des Follow-ups . Auch hier wird der Erfolg der Mediation kontrolliert und hinterfragt. Die Autoren bemängeln zurecht, dass nur in den seltensten Fällen eine Evaluation stattfindet und wenn, dann werden sie nur „qualitativ“ und „post-hoc“ durchgeführt (Montada Kals, 2001, S. 220). Sie verweisen auf den Fragenkatalog, den Barbian (1993) entwickelt hat. Dieser gibt auch Aufschluss darüber, welche Bedingungen wesentlich zum Erfolg einer Mediation beitragen können.

Wie hier ersichtlich wurde, unterscheiden sich die Phasen der Mediation von Autor zu Autor (vgl. auch Haft, 2000, S. 245ff.). Inhaltlich jedoch und auch in der zeitlichen Reihenfolge der einzelnen Arbeitsschritte lassen sich deutliche Parallelen erkennen. Die Gewichtung der einzelnen Phasen ist dagegen sehr unterschiedlich und auch die Bezeichnung der jeweiligen Phasen differiert (vgl. Rüssel, 2004, S. 84). Sehr detailliert haben Montada und Kals (2001) die einzelnen Phasen aufgeschlüsselt. Sie gehen bei der Beschreibung der einzelnen Phasen sehr in die Tiefe und weiten den Betrachtungsraum des Konflikts aus, indem sie Bedingungen analysieren, die den Konflikt verursachen oder auch aufrechterhalten können.

„Sinn und Zweck der so aufbauenden Phasen ist es,“ nach Rüssel, „die Parteien dazu zu bringen, sich selbst mit ihrem Konflikt – samt der damit verbundenen Emotionen und Hintergründe – auseinander zu setzen. Im Verlauf des Prozesses lernen sie die Sichtweise der anderen Partei(en) kennen und diese (im Idealfall) zu verstehen.“ (Rüssel, 2004, S. 84f.)

2.2.3 Ziele der Mediation

Oberstes Ziel einer Mediation ist es, eine gemeinsame Lösung für einen Konflikt zu finden, mit dem beide Parteien einverstanden sind. In der Literatur wird hier oft von der „win-win-Lösung“ gesprochen (vgl. Zimmer, 2001, S. 87). Es soll also anders verlaufen als in einer Gerichtsverhandlung, in der es einen Verlierer und einen Gewinner gibt. Beide Parteien sollen mit dem Ergebnis zufrieden sein, so dass einer zukünftigen Besserung der Beziehungen untereinander nichts mehr im Wege steht und zukünftige Konflikte eigenverantwortlich gelöst werden können (Zimmer, 2001, S. 88). Wenn man die Literatur nach Zielen der Mediation durchsucht, so werden sicher die bereits genannten immer wieder auftreten. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen allerdings mit den Zielen von Mediation findet man seltener in Deutschland häufiger dagegen in den USA.

Rüssel (2004, S. 81ff.) zeigt fünf Ziele (hier als „projects“ bezeichnet) auf, die in den USA näher beleuchtet worden sind: (Darauf hinzuweisen ist an dieser Stelle, dass in den USA die Mediation vor allem aufgrund finanzieller Aspekte eine günstige Alternative zum Gerichtsverfahren ist.):

1. Service-Delivery-Project

Diese Zielsetzung will das Ausräumen von Barrieren und das möglichst schnelle Lösen des Konfliktes, ohne gerichtliches Verfahren.

2. Access-to-Justice-Project

Ein weiteres Ziel ist die Ermöglichung von befriedigenden Lösungen auch für unterprivilegierte und schwächere Parteien, vor allem als Ergänzung zum gerichtlichen Verfahren.

3. Individual-Autonomy-Project

Hier wird vor allem der kommunikative und konfliktlösungsorientierte Aspekt angesprochen, der auch weiter oben im Text schon erwähnt worden ist und der auch bei deutschen Mediationen eine entscheidende Rolle spielt. Den Parteien sollen Kommunikations- und Konfliktlösungskompetenzen vermittelt werden, so dass sie auch in Zukunft Probleme selber lösen können.

4. Reconciliation-Project

Dieser Aspekt wurde auch weiter oben schon angesprochen und zeigt auf, dass die „win-win-Lösung“ auch dazu wichtig ist, die Beziehungen der Parteien untereinander in Zukunft zu verbessern.

5. Social-Transformation-Project

Dieses Ziel zieht die gesellschaftliche Ebene in das Betrachtungsfeld mit ein. Die Streitkultur der einzelnen Individuen wird verbessert und damit auch eine Veränderung der gesellschaftlichen Streitkultur herbeigeführt. Rüssel (2004, S. 84) fügt hier an, dass diese Zielsetzung zumindest bislang in Deutschland eher im Hintergrund steht.

Der einzelne Mediator wird mit Sicherheit nicht alle Ziele, die hier aufgeführt worden sind, verfolgen. Hier wird jeder individuelle Schwerpunkte setzen und Aspekte herausheben, die ihm wichtig sind. Es kommt hier wohl auch auf die Berufsgruppe an, der der Mediator angehört. Gerichtsnahe Mediation wird sich die schnelle Lösung des Konflikts und die befriedigende Lösung für benachteiligte Parteien als Ziel setzen. Der Psychologe als Mediator hingegen wird sich als Ziel auch die Verbesserung der zukünftigen Beziehungen der beiden Parteien setzen und darauf achten, Konfliktlösungskompetenzen zu vermitteln.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zielvorstellungen hinter Mediationsverfahren wohl deutlich variieren, nicht nur international oder berufsgruppenspezifisch, sondern auch individuell bei den einzelnen Mediatoren (vgl. Zimmer, 2001, S. 88).

Selbstverständlich dürfen hier auch die einzelnen Parteien nicht vergessen werden, die sich für eine Mediation entscheiden. Eva Maria Wohlfart kam mit ihrer Untersuchung im Jahr 2003/2004, bei der sie Klienten zu ihrer Entscheidung zur Mediation interviewte, zu dem Ergebnis, dass diese sowohl zum Zwecke der raschen Streitbeilegung, als auch deshalb an einer Mediation teilnahmen, um in Frieden auseinandergehen zu können. Ein weiteres Ziel, dass die Klienten verfolgten, war, das sie die Angelegenheit nicht vor Gericht regeln und außerdem noch Geld sparen wollten (Wolfahrt, 2004, S. 104). Auch hier wird deutlich, dass die einzelnen Ziele individuell sehr variieren.

2.3 Wann ist Mediation sinnvoll?

Wenn man über Mediation nachdenkt, fallen einem viele Beispiele ein, wo Mediation keinen Sinn machen würde. Es wurde oben schon einmal angesprochen, dass für Fälle, in denen das eigentliche Problem Emotionen sind, eher eine Psychotherapie sinnvoll wäre, als ein Mediationsverfahren. Auch bei Straftaten, die automatisch eine Gerichtsverhandlung und damit rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, sind Mediationsverfahren nur wenig sinnvoll, man denke hier nur an Mord- oder Gewaltverbrechen. Rüssel (2004, S. 91) weist auch darauf hin, dass es sich um keine Präzedenzentscheidung handeln sollte, die auch für andere Fälle noch wichtig sein könnten. Hier sollte die Gerichtsverhandlung bevorzugt werden.

Es ist also durchaus nötig, sich darüber Gedanken zu machen, wann denn Mediation sinnvoll ist. Wie muss der Konflikt beschaffen sein, dass Mediation eine Alternative zu anderen Konfliktlösungsstrategien ist? Wie muss die Situation sein, dass es Sinn macht, sich für eine Mediation zu entscheiden?

Fietkau (2000, S. 135f.) hat dazu einen Fragenkatalog entwickelt, der bei der Planung einer Mediation hilfreich sein soll. Zuallererst muss man sich über das Problem Gedanken machen und über die unterschiedlichen Positionen, die vertreten werden. Damit eine Mediation Sinn macht, muss ein gemeinsamer Konflikt vorhanden sein, der von allen Beteiligten gelöst werden möchte und nicht andauern soll. Auch die Anzahl der Parteien muss überschaubar sein. Dabei sollte zwischen den Parteien kein unüberwindbarer Machtunterschied bestehen, das bedeutet beispielsweise, dass keine Partei von der anderen abhängig sein sollte. Ebenso muss gewalttätiges Verhältnis zwischen den Klienten ausgeschlossen sein, da sonst eine Partei eingeschüchtert werden könnte. Geistige und seelische Gesundheit sollte bei den Gesprächspartnern gegeben sein, da sonst keine faire Mediation möglich ist (Rüssel, 2004, S. 90). Mediation ist dann sinnvoll, wenn es sich nicht um einen einmaligen Konflikt handelt, nach dem die Parteien nichts mehr miteinander zu tun haben (Rüssel, 2004, S. 91). Denn Mediation wird ja dadurch motiviert, dass man gerade die zukünftigen Beziehungen zueinander nicht aus dem Blick verliert. Besonders bei Scheidungspaaren mit Kindern wird dies deutlich. Die Parteien werden wohl aufgrund der gemeinsamen Kinder ihr Leben lang, wenn auch vielleicht nur indirekt, miteinander zu tun haben. Dabei macht es durchaus Sinn, dass nicht eine Partei als Verlierer aus dem Streitfall herausgeht und Emotionen zurückbleiben, die sich auf andere Lebensbereiche und besonders auf weitere Konflikte mit dem ehemaligen Lebenspartner negativ auswirken können. Auch für Kinder entspannt sich zumeist die Situation enorm, wenn nicht ein Elternteil der Verlierer ist. Ein anderes Beispiel für zukünftige Beziehungen ist ein Konflikt zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Auch hier ist es sinnvoll im Konfliktfall mediative Verfahren in Betracht zu ziehen, da die Parteien auch nach dem Konflikt wieder miteinander umgehen müssen und mit Sicherheit auch wieder auf Uneinigkeiten stoßen werden. Dabei muss nach Fietkau (2000, S. 136) darauf geachtet werden, dass für beide Parteien Handlungsspielräume existieren. Es kann also beispielsweise nicht sein, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer keine Handlungsalternative offen lässt und damit seinen Handlungsspielraum auf ein Minimum einengt.

Die Frage, welche Delikte mediationsfähig sind, beantwortet Mühlfeld (2002, S. 177f.) nach einem Vergleich verschiedener Autoren folgendermaßen: Nachdem gesetzlich keine Einschränkung der strafrechtlichen Mediation gegeben ist, außer selbstverständlich solchen Fällen, bei denen nicht mindestens zwei Personen involviert sind, zwischen denen vermittelt werden kann, muss dies fallspezifisch entschieden werden. Schlimmere Straftaten sollen deshalb nicht ausgeschlossen werden, weil hier oft auf Opferseite ein gesteigertes Kommunikationsbedürfnisses besteht, um ein eventuell vorliegendes Trauma zu überwinden. Allerdings muss auch immer der Charakter des Betroffenen berücksichtigt werden. Mühlfeld fasst zusammen, dass also prinzipiell die Möglichkeit für eine Mediation nicht ausgeschlossen werden darf, selbstverständlich unter Einbeziehung gesetzlicher Strafen. Was hier einfach klingt, wird in der Umsetzung recht schwierig sein, besonders wenn man die verschiedenen Qualifikationen beachtet, über die ein Mediator bestmöglichst verfügen sollte, der solche Straffälle mediiert. Das erkennt auch Mühlfeld (2002, S.180). Neben einem breiten juristischen Wissen sind hier noch Kenntnisse der Viktimologie, der Psychotherapie und die Fähigkeit zur Einfühlung in die Psyche des Straftäters nötig, damit hier Mediation gelingen kann. Dies übersteigt bei weitem die normalen psychologischen Anforderungen an einen Mediator. Am ehesten wäre hier eine Teammediation denkbar, bei der Juristen und Psychologen (evtl. mit psychotherapeutischem Wissen) zusammenarbeiten. Dabei könnte zu Beginn des Mediationsverfahren auch eine indirekte Mediation stehen, bei der Opfer und Täter nicht gleich direkt in Kontakt kommen, sondern erst auf ein Zusammentreffen vorbereitet werden.

Ferz, Lison und Wolfahrt untersuchten im Zuge des Forschungsprojekts „Erste österreichische Mediations-Wochen“ unter anderem die Fragen, ob sich die „Mediation als Alternative zum traditionellen zivilgerichtlichen Verfahren“ eignet, „wenn Mediation erst bei bereits gerichtsanhängigen Streitfällen angeboten wird“ und ob „Mediation sinnvoller Weise bei allen Rechtskonflikten zum Einsatz kommen“ kann, oder ob es Indikatoren gibt, „die für bzw. gegen eine solche Interventionsmethode sprechen“ (Ferz, 2004, S. 28). Als Untersuchungsmethode wählten sie die Evaluationsforschung in Kooperation mit der Interventionsforschung. Es kamen insgesamt 16 unterschiedliche Fragebögen mit vorrangig standardisierten und nur wenigen offenen Fragen zum Einsatz. Die genaue Projektbeschreibung findet sich im Buch „Zivilgerichte und Mediation“ (Ferz, 2004, S.31-39). Einige schriftliche Befragungen wurden durch Interviews ergänzt. Von 719 befragten Richtern, Mediatoren und betroffene Parteien sprachen sich 22,1 % gegen eine Mediation aus, wenn der Wunsch nach einem konkreten Urteil vorrangig ist. 14,7 % der Befragten sahen als weiteren Hinderungsgrund für eine Mediation die fehlende Gesprächsbereitschaft einer oder beider streitenden Parteien. Mehr als ein Zehntel der Befragten werteten als Gefährdung für eine Mediation die negative Einstellung der Parteienvertreter gegenüber der Mediation. Falls zukünftig kein Kontakt mehr zwischen den Streitenden sein wird oder es nur gilt, Rechtsfragen zu klären, sprechen sich mehr als 10 % gegen eine Mediation aus(Lison Wolfahrt, 2004, S. 99).

Nach Lison und Wolfahrt

„kristallisieren sich drei Punkte heraus, bei deren Vorliegen sich ein Mediationsverfahren anbietet:

(a) Die Kontakte zwischen den Konfliktparteien bestehen weiter, und
(b) bei ihnen besteht prinzipiell die Bereitschaft den Konflikt lösen zu wollen,
(c) allerdings ist es ihnen derzeit nicht möglich, ohne der Hilfe von dritter Seite die Gesprächsbereitschaft wieder herzustellen.“

(Lison Wolfahrt, 2004, S. 99)

Weitere Ergebnisse dieser Untersuchung sollen auch im folgenden Text im jeweiligen theoretischen Umfeld angesprochen werden.

Die „win-win-Lösung“ und die Ausrichtung auf mehr Selbstverantwortung der betroffenen Parteien sind nur einige Vorteile, die ein Mediationsverfahren gegenüber einem Gerichtsverfahren hat. Doch sollte der letzte Abschnitt deutlich gemacht haben, dass nicht jeder Fall mediiert werden kann. Das bedeutet, dass Mediation nur für einige Fälle eine Alternative zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung sein kann. In Frage kommen vor allem der Bereich der Scheidung, Konflikte im Arbeitsbereich, politische Streitigkeiten und Auseinandersetzungen im Umweltsektor. Aber auch „nichtlösbare“ Konflikte in einem Nachbarschaftsstreit können mediiert werden. Der Anwendungsbereich der Mediation ist damit sehr vielschichtig, die Lösbarkeit oder Eignung eines Konflikts muss aber fallspezifisch immer aufs Neue überprüft werden. Fragenkataloge wie der von Fietkau (2000) oder die Ergebnisse von Studien, wie hier von Ferz, Lison und Wolfahrt, können dabei eine Hilfe sein.

3 Theoretische Grundlagen der (Sozial-)Psychologie

Wenn man die Mediation aus (sozial-)psychologischer Sicht betrachtet, so werden interdisziplinäre Unterschiede deutlich. Juristische Mediatoren beispielsweise setzen sich andere Ziele als Psychologen, die als Mediatoren arbeiten. Neben den „win-win-Lösungen“ legen Psychologen vor allem Wert auf die Weiterentwicklung der Kommunikations- und Konfliktlösungs-kompetenz. Die Mediation soll für die Beteiligten eine Entwicklungsmöglichkeit sein, in der sie ihre Sicht der Dinge erweitern können und lernen, wie sie zukünftig mit Konflikten umgehen können. Dazu bietet sich die Psychologie als Grundlagenwissenschaft für Mediation an. Sie behandelt Forschungsfelder, die für eine gelungene Mediation im Sinne der (Sozial-) Psychologie, aber auch zum großen Teil im juristischen Bereich, nötig sind. Montada und Kals (2001, S. 5f.) zeigen eine Auflistung dieser unterschiedlichen Felder der Psychologie, die für mediative Tätigkeiten erforderlich sind. Dabei ist die Konfliktforschung ebenso wichtig wie die Emotions- und Motivationsforschung, die Kommunikations- und Gerechtigkeitsforschung ein wesentlicher Bestandteil, wie auch die soziale Kognitions- und Persuasionsforschung. Auch spielen die Problemlöse- und Kreativitätsforschung bei der Betrachtung der Mediation eine erhebliche Rolle.

Alle Forschungsfelder, die für eine psychologische Auffassung der Mediation nötig sind, ausführlich anzusprechen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Hier sollen vor allem die Kommunikations- und Konfliktforschung herausgegriffen und im Anschluss daran noch der Beratungsaspekt von Mediation verdeutlicht werden. Der Mediator tritt als Berater beider Konfliktparteien auf, er hilft, „Motive, Gefühle und Absichten der Gegenseite besser zu verstehen“ (Kempf, 1996, S. 89).

3.1 Kommunikationstheorien

Befasst man sich aus (sozial-)psychologischer Sicht mit dem Thema der Mediation, so kommt man zwangsläufig zum Forschungsfeld der Kommunikation. Ein Konflikt zwischen zwei Parteien kann nur stattfinden, wenn diese in irgendeiner Weise Kontakt miteinander hatten und aufeinander gewirkt haben. Es stellt sich die Frage, wann Kommunikation zwischen den Menschen vorliegt. Schützeichel führt die Fragen an, die in diesem Zusammenhang interessieren: „Ist schon jede Wechselwirkung zwischen Menschen eine Kommunikation? Was unterscheidet etwa ein zufälliges Zusammenprallen zwischen Menschen auf dem Gehsteig von einem Gespräch zwischen ihnen? Welche Formen der Kommunikation kann man unterscheiden?“ (Schützeichel, 2004, S. 15). Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (1985) und Friedemann Schulz von Thun (2005a) geben darüber Auskunft, wann denn überhaupt von Kommunikation gesprochen werden kann. Entscheidend ist hier auch, wie daraus ein Konflikt entstehen kann. Die Störungsforschung von Schulz von Thun geht auch darauf ein.

Für Mediatoren ist es sehr bedeutend, über diese Kommunikationsprozesse, aber auch über deren Störungen Bescheid zu wissen, denn sie wollen den Betroffenen behilflich sein den Konflikt zu verstehen und ihnen Umgangsmöglichkeiten für zukünftige Konflikte aufzeigen. Dazu ist ein breites Wissen über die Kommunikation und ihre Störungsanfälligkeit von Nöten.

3.1.1 Definition „Kommunikation und Interaktion“

Wolfgang Rechtien versteht unter sozialer Interaktion alle Beziehungen,

„in denen Menschen miteinander in Kontakt treten und aufeinander einwirken. Das umfasst also sowohl solche Beziehungen, in denen sich die Interaktionspartner unmittelbar begegnen (face-to-face-Interaktion), wie z.B. im persönlichen Gespräch, als auch solche, die mittelbaren Kontakt ermöglichen (brieflich, telefonisch usw.).“ (Rechtien, 1988, S. 16)

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Details

Seiten
86
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832492489
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224371
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur- und Sozialwissenschaften, Psychologie
Note
2,0
Schlagworte
sozialpsychologie kommunikation konflikt beratung mediator

Autor

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Titel: Mediation als Konfliktlösungsstrategie