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Theoretische und praktische Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte

Diplomarbeit 2005 128 Seiten

Medien / Kommunikation - Technische Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Ziel- und Aufgabenstellung

3 Materialgrundlage

4 Methodologisches Vorgehen

5 Theoretische Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte
5.1 Die Zielgruppe der Hörgeschädigten
5.1.1 Gehörlose
5.1.2 Schwerhörige
5.1.3 Ertaubte
5.1.4 Kommunikative Besonderheiten
5.1.5 Schriftsprachliche Kompetenz
5.1.5.1 Selbsteinschätzung österreichischer Hörgeschädigter
5.1.5.2 Leseprozess und Lesekompetenz
5.1.6 Einstellung der Hörgeschädigten zu untertitelten Medien
5.1.7 Bedeutung von Untertiteln für die Zielgruppe
5.1.8 Zusammenfassung
5.2 Kategorisierung – Untertitel und ihre Merkmale
5.2.1 Allgemeine Gliederung und Beschreibung
5.2.2 Unterscheidung nach Art der Einblendung bzw. Erscheinungsbild
5.2.3 Unterscheidung nach Medium
5.2.4 Linguistische Untergliederungen und Eigenschaften
5.2.4.1 Interlinguale und intralinguale Untertitelung
5.2.4.2 Traditionelle, reduzierende und bilinguale Untertitelung
5.2.5 Zusammenfassung
5.3 Sprachliche und technische Probleme unter Berücksichtigung der besonderen Zielgruppe der Hörgeschädigten
5.3.1 Probleme bei der Übertragung von Gesprochenem in Schriftsprache
5.3.1.1 Die Notwendigkeit der Reduktion von Text
5.3.1.2 Einschätzung der Relevanz von Informationen
5.3.1.3 Kohäsion
5.3.1.4 Unterschiedliche Merkmale mündlicher und schriftlicher Sprache
5.3.1.5 Eingeschränkte Rezeption für Hörgeschädigte
5.3.1.6 Zielgruppengerechtes Sprachniveau
5.3.1.7 Zusammenfassung
5.3.2 Eingliederung in das Medium Film
5.3.2.1 Untertitel als additives Element
5.3.2.2 Bildsprache
5.3.2.3 Kamera und Schnitte
5.3.2.4 Erscheinungsbild
5.3.2.5 Standzeiten
5.3.2.6 Zusammenfassung

6 Beschreibung und Analyse von Untertitelungsrichtlinien
6.1 Vergleich der Prioritäten bzw. Fokus der einzelnen Richtlinien
6.2 Vereinfachung der Sprache und Textreduktion
6.2.1 Strategien zu Sätzen und ihren Eigenschaften
6.2.2 Strategien zur Struktur innerhalb der Sätze
6.2.3 Strategien zu einzelnen Satzelementen
6.2.4 Strategien zur Wortwahl
6.2.5 Zusammenfassung
6.3 Sprachliche Besonderheiten
6.3.1 Strategien zu verbalen Besonderheiten
6.3.2 Strategien zu nonverbalen Besonderheiten
6.4 Sprecheridentifikation
6.5 Untertitelung von Geräuschen und Musik
6.5.1 Geräusche
6.5.2 Musik
6.6 Zeilenanzahl und strukturelle Gestaltung der Untertitel
6.7 Vorgaben und Strategien zu zeitlichen Aspekten
6.7.1 Standzeiten
6.7.2 Übereinstimung der Untertitel mit bestimmten filmischen Elementen

7 Sprachliche Strategien der Untertitel für Hörgeschädigte der DVD „Erbsen auf halb 6“
7.1 Umstrukturierung von Sätzen
7.2 Verzicht auf Satzglieder
7.3 Änderung der Satzart
7.4 Veränderung von Zeitformen
7.5 Veränderungen einzelner Wörter und Wendungen
7.5.1 Präzisierung durch Hinzufügungen oder Änderungen eines Wortes
7.5.2 Verwendung von kürzeren Synonymen
7.5.3 Eliminierung einzelner Wörter und Wendungen
7.5.4 Verkürzungen von Wörtern
7.6 Sprachliche Besonderheiten
7.7 Sonstige sprachliche Auffälligkeiten

8 Zusammenfassung der Ergebnisse

9 Schlussfolgerungen und offene Fragen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Vorwort

Zu Beginn des Studiums wurden wir Studierende des Studienganges „Fachübersetzen“ von unseren Dozenten immer wieder dazu ermutigt, unsere Sprachkompetenz durch Dinge, die wir gern in unserer Freizeit taten, „nebenbei“ zu erweitern. So gab es zum Beispiel den Vorschlag, den neuesten Krimi ab sofort im englischsprachigen Original zu lesen, die Sommerferien für einen Auslandsaufenthalt zu nutzen oder aber auch, Filme von nun an nicht mehr in der synchronisierten Fassung, sondern wenn möglich im Original anzusehen.

Da ich eine große Anhängerin von Filmen bin, gefiel mir der dritte Vorschlag besonders gut und so entdeckte ich nach und nach meine Begeisterung für Originalversionen mit Untertiteln.

Als ich nach den Abschlussprüfungen mit der Suche nach einem Thema für meine Diplomarbeit begann, stand die Richtung Untertitelung für mich bereits fest, da ich mich mit einem Thema beschäftigen wollte, das mich wirklich interessierte. Während einer Vorbesprechung zu einem möglichen Diplomarbeitsthema bei der Firma Titelbild in Berlin wurde die Idee entwickelt, sich auf die Untertitelung für Hörgeschädigte zu spezialisieren, da zu diesem Bereich bisher nur wenige Beiträge vorhanden sind, was mir die darauf folgende Literaturrecherche insbesondere für den deutschsprachigen Raum bestätigte. Nach einem Besuch der Bibliothek des Institutes für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg, bei dem mir die teilweise sehr schwierige (Kommunikations-)Situation Hörgeschädigter bewusst wurde, stand für mich fest, dass die Untertitelung für diese Zielgruppe ein Thema war, über das ich sehr gern mehr erfahren und meine Diplomarbeit schreiben wollte.

An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich bei meinem Erstbetreuer, Herrn Prof. Dr. Hans Schwarz, bedanken, der mir stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Mein besonderer Dank gilt weiterhin meiner Zweitbetreuerin, Frau Juliane Möck, die mich mit vielen praktischen Hinweisen unterstützt hat, was für mich aufgrund meiner fehlenden praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet der Untertitelung sehr hilfreich war.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Angaben zu Prioritäten bzw. Fokus der Richtlinien

Tabelle 2: Strategien zu Sätzen und ihren Eigenschaften

Tabelle 3: Strategien zur Struktur innerhalb der Sätze

Tabelle 4: Strategien zu einzelnen Satzelementen

Tabelle 5: Strategien zur Wortwahl

Tabelle 6: Strategien zu verbalen sprachlichen Besonderheiten

Tabelle 7: Strategien zu nonverbalen sprachlichen Besonderheiten

Tabelle 8: Strategien zur Identifikation des Sprechers

Tabelle 9: Strategien zur Untertitelung von Geräuschen

Tabelle 10: Strategien zur Untertitelung von Musik

Tabelle 11: Vorgaben zur Zeilenanzahl und Strategien zur strukturellen Gestaltung der Untertitel

Tabelle 12: Vorgaben zu Standzeiten

Tabelle 13: Strategien zum Synchronismus der Untertitel

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird anhand von verschiedenen Untertitelungsricht­linien und einem deutschem Beispielfilm untersucht, wie für Hörgeschädigte untertitelt wird. Die Situation für Hörgeschädigte in Bezug auf Tonsubstitution im Fernsehen ist in Deutschland noch immer sehr schwierig. Besonders Dolmetscher­einblendungen werden von vielen hörenden Zuschauern als störend empfunden und von den Sendern nur unzureichend eingesetzt. Auch Untertitel sind in einem Synchroni­sationsland wie Deutschland als unbequem und unnötig verrufen, sodass es schwierig ist, in der Öffentlichkeit eine diesbezügliche Bewusstseins­veränderung herbeizuführen. Das Inkrafttreten des Bundesbehindertengleich­stellungsgesetzes am 1. Mai 2002 war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Behindertenverbände können nun Zielvereinbarungen mit Firmen treffen, um Barrierefreiheit herzustellen und so haben einige private Fernsehsender damit begonnen, zu einigen ihrer Sendungen Untertitel für Hörgeschädigte anzubieten. Es kann nach dem Gesetz jedoch keine Firma zu einer Zielvereinbarung gezwungen werden, sodass die Verbände allein durch ihre Überzeugungsarbeit einen Erfolg erzielen können.

Neben dem Fernsehen ist auch die DVD zu einem wichtigen Medium für Hörgeschädigte geworden. Film-DVDs enthalten zunehmend mehr Bonus­material, z. B. Untertitel in verschiedenen Sprachen sowie speziell auf die Ziel­gruppe der Hörgeschädigten ausgerichtete Untertitel.

Als MGM Home Entertainment Deutschland 2004 in einer Pressemitteilung ankündigte, zukünftig aus Kostengründen keine Untertitel mehr auf ihren DVDs anbieten zu wollen, kam es seitens verschiedener Verbände zu heftigen Protesten und eine Postkartenaktion wurde ins Leben gerufen. Schließlich teilte die MGM mit, sie werde 2005 noch mehr als bisher DVDs speziell mit Untertiteln für Hörgeschädigte ausstatten, da man sich bewusst geworden sei, wie wichtig dieses Medium für diese Zielgruppe ist. Dieses Beispiel zeigt, wie wenig die Öffentlichkeit über die Belange von Hörgeschädigten weiß und lässt vermuten, dass durch konstruktive Aufklärung einiges in den Köpfen der Menschen bewirkt werden kann.

2 Ziel- und Aufgabenstellung

Die vorliegende Diplomarbeit soll eine Einführung in die Thematik der Untertitelung für Hörgeschädigte darstellen. Interessierten, die keine oder nur sehr geringe Kenntnisse auf dem Gebiet der Untertitelung für diese Zielgruppe haben, soll sie einen ersten Überblick verschaffen. Neben den theoretischen Problemen ist hierbei zu untersuchen, wie für Hörgeschädigte untertitelt wird bzw. werden sollte. Für die Bearbeitung dieser Thematik soll der Übertragungsprozess innerhalb einer Sprache ausschlaggebend sein, d. h. übersetzungsrelevante Aspekte – zu denen bereits viele Untersuchungen durchgeführt wurden – werden im Folgenden nicht berücksichtigt.

Zur theoretischen Annäherung an die Thematik sind zunächst eine Zielgruppenanalyse vorzunehmen sowie eine Übersicht über die verschiedenen Arten von Untertiteln zu erstellen. Darauf aufbauend sind die theoretischen Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte darzulegen. Im praktischen Teil der Arbeit sind verschiedene Untertitelungsrichtlinien aus dem englischsprachigen Raum zu beschreiben und zu analysieren. Dabei ist zu untersuchen, wie die in der Theorie festgestellten Probleme gelöst bzw. die daraus resultierenden Anfor­derungen umgesetzt wurden. Die Methoden und Mittel sind zu vergleichen und zu diskutieren. Gegebenenfalls ist zu untersuchen, ob sich theoretische Vorgaben bzw. Lösungsansätze in der Praxis bestätigen. Weiterhin soll untersucht werden, inwieweit sich die sprachlichen Richtlinien aus allgemeinen Anforderungen an Untertitel ergeben und inwieweit sie zielgruppenspezifisch, d. h. für Hörge­schädigte ausgerichtet sind. Dazu sollen Untertitelrichtlinien für Hörende herangezogen und mit den Richtlinien für Hörgeschädigte verglichen werden. Anschließend sollen die für die Zielgruppe erstellten Untertitel eines deutschen Beispielfilmes herangezogen und mit dem Originaltext – dem Dialog – verglichen werden. Dabei ist zu untersuchen, inwieweit sich die in den Richtlinien vorgeschlagenen sprachlichen Strategien hierbei bestätigen bzw. welche neuen Methoden ggf. abzuleiten sind. In der „Zusammenfassung der Ergebnisse“ sind die zentralen Probleme und die Anforderungen an Untertitel für Hörgeschädigte noch einmal zusammen­zutragen. Die Umsetzung ist anhand der wesentlichen Mittel und Methoden, die sich aus den Untersuchungen im praktischen Teil der Arbeit ergeben, kurz darzulegen und wichtige Beobachtungen und Erkenntnisse sind hinsichtlich der oben beschriebenen Fragestellungen zusammen­zufassen.

3 Materialgrundlage

Die Literatur als Basis für die theoretische Ausgangsposition umfasst sehr vielfältige Quellen. Dies liegt daran, dass es zur Untertitelung für Hörgeschädigte nur wenige umfassende Veröffentlichungen gibt. Ein wichtiges Grundlagenwerk stellt „The Semiotics of Subtitling“ von Zoé De Linde und Neil Kay (1999) dar, das allgemeine Aspekte der Untertitelung aufgreift aber auch einen starken Bezug zum Zielpublikum der Hörgeschädigten herstellt. Daher war es für diese Arbeit unbedingt heranzuziehen.

Da wie bereits erwähnt zur Thematik wenig Literatur speziell zur Untertitelung für Hörgeschädigte vorhanden ist, mussten auch Veröffentlichungen zu allgemeinen Aspekten der Untertitelung herangezogen werden. Hierbei wurde beispielsweise der Beitrag „Das Visualisieren filmischen Dialogs“ von Henrik Gottlieb (2002) verwendet.

Zur näheren Betrachtung einzelner spezifisch für Hörgeschädigte zutreffender Probleme bzw. Teilgebiete wurden eine Reihe von Beiträgen und Untersuchungen ausgewertet. Dabei wurden die Artikel herangezogen, die einen klaren Bezug zum jeweiligen Einzelpunkt vorwiesen und wichtige, aussagekräftige bzw. fundierte Erkenntnisse beinhalteten. Ein weiteres Kriterium war es, möglichst aktuelle Abhandlungen zu nutzen, um den neuesten Forschungsstand darzustellen, was jedoch in einigen Fällen vernachlässigt werden musste, da zu bestimmten Problemen lediglich ältere Literatur zur Verfügung stand.

Zur Annäherung an das Zielpublikum wurden allgemein gehaltene Informationen von Hörgeschädigten-Verbänden wie der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V., dem Deutschen Schwerhörigenbund e.V. oder dem Deutschen Gehörlosenbund herangezogen, die auf offiziellen Internetseiten bzw. -portalen zur Verfügung standen. Die Beiträge sollten lediglich einen Überblick geben und medizinisch nicht vertieft sein, daher wurde an dieser Stelle auf Fachliteratur verzichtet. Weiterhin wurde die Arbeit „Schriftsprachkompetenz gehörloser Erwachsener“ von Klaudia Krammer (2001) herangezogen, die vom Forschungszentrum für Gebärdensprache und Hörgeschädigtenkommunikation der Universität Klagenfurt veröffentlicht wurde und in der wichtige Informationen zur Lesekompetenz und zum Leseprozess der Zielgruppe zusammengestellt wurden.

Die von Siegmund Prillwitz im Jahre 2000 durchgeführte, umfassende Studie „Angebote für Gehörlose im Fernsehen und ihre Rezeption“ bietet eine aufschlussreiche Einschätzung zur Situation der Untertitel in Deutschland sowie eine Gegenüberstellung mit der zweiten Art der Tonsubstitution, der Gebärdendolmetschereinblendung, und wurde daher in die vorliegende Arbeit mit einbezogen. Ergänzend dazu wurde die Dissertation “Captioned Television: Viewing Patterns and Opinions of Adults in an Urban Deaf Community” von Rita Gesue (1986) herangezogen, da sie sich ausführlich der Bedeutung der Untertitel für die Zielgruppe widmete.

Um zu untersuchen wie in der Praxis für Hörgeschädigte untertitelt werden sollte, wurden für diese Diplomarbeit sieben Richtlinien zur Erstellung von Untertiteln für Hörgeschädigte ausgewertet. Es handelt sich dabei ausschließlich um Dokumente von Autoren und offiziellen Institutionen, die sich bereits ausgiebig mit der Problematik befasst haben bzw. langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Untertitelung und mit der Kommunikation Hörgeschädigter aufweisen können. Da Anfragen an deutsche Untertitelungsfirmen ergebnislos blieben bzw. die Richtlinien nicht dem für die Bearbeitung des vorliegenden Themas notwendigen Umfang entsprachen, konnten nur Richtlinien aus dem englischsprachigen Raum herangezogen werden. Diese standen in Form von Büchern oder als Veröffentlichungen im Internet zur Verfügung. Da aber gerade Länder wie Großbritannien und die USA auf dem Gebiet der Untertitelung für Hörgeschädigte bereits viel Forschung betrieben haben, ist davon auszugehen, dass die vorliegenden Richtlinien eine fundierte Grundlage darstellen. Eine Beschreibung der Grundlagen, Ziele und Quellen der einzelnen Richtlinien folgt zu Beginn des sechsten Kapitels im Rahmen ihrer Beschreibung und Analyse.

Entsprechend der Ziel- und Aufgabenstellung sind weiterhin auch Untertitelungsrichtlinien für ein hörendes Publikum zu betrachten. Hierbei wurde der Beitrag „A Proposed Set of Subtitling Standards in Europe“ von Fotios Karamitroglou (1998) ausgewählt, in dem gängige Untertitelungspraktiken für Hörende zusammengestellt sind, die einheitlich für das durchschnittliche europäische Fernsehpublikum anwendbar sein sollen.

Da wie bereits erwähnt geeignete deutsche Untertitelungsrichtlinien nicht zur Verfügung standen, wurden zur Untersuchung der sprachlichen Methoden hierzulande ein deutschsprachiger Film und seine deutschen Untertitel für Hörgeschädigte herangezogen. Diese Konstellation war notwenig, um Strategien, die in übersetzungsrelevanten Aspekten begründet liegen, ausschließen zu können. In Bezug auf das Medium fiel die Wahl auf die DVD, da für die Aufnahme von Untertiteln aus dem Teletext ein spezieller Videorecorder notwendig gewesen wäre, der nicht zur Verfügung stand. Der verwendete Film „Erbsen auf halb 6“ wurde 2004 von EuroVideo als DVD veröffentlicht, behandelt die Geschichte von zwei blinden Menschen und gilt als wertvolle Bereicherung des deutschen Filmrepertoires.

Im Rahmen dieser Diplomarbeit ist es lediglich möglich, einen Film als Beispiel heranzuziehen. Die sich daraus ergebenen Strategien können daher nicht in jedem Fall als repräsentativ und allgemein gültig erachtet werden, sondern sind als eine Methode aus einer Reihe von Möglichkeiten zu werten.

4 Methodologisches Vorgehen

Im Rahmen der theoretischen Annäherung an die Untertitelung für Hörgeschädigte erfolgte zunächst eine gründliche Einarbeitung in die Thematik. Die Zielgruppe wurde in ihren besonderen Eigenschaften analysiert und beschrieben. Hierbei wurden neben allgemeinen Aspekten zur Einführung weiterhin die Kommunikation der Hörgeschädigten sowie ihre Einstellung zu Untertiteln als wichtige Information erachtet. Im Anschluss wurde zur Orientierung ein Überblick über die verschiedenen Arten von Untertiteln und deren Eigenschaften erstellt.

Auf der Grundlage der Punkte zum Zielpublikum und zu den Merkmalen der Untertitel wurde eine Beschreibung der sprachlichen und technischen Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte vorgenommen. Hierbei wurden anhand des Buches „The Semiotics of Subtitling“ von De Linde & Kay (1999) die Probleme genannt und kurz beschrieben und zur weiteren Erörterung jeweils aussagekräftige Untersuchungs­ergebnisse bzw. fundierte Beiträge herangezogen.

Im praktischen Teil der Arbeit wurden zunächst die Untertitelungsrichtlinien gründlich gesichtet, um sich zunächst einen Überblick über die einzelnen Inhalte zu verschaffen. Es folgte eine Zusammenstellung der in den Richtlinien beschriebenen Aspekte, die dann kategorisiert wurden. Unter den sich daraus ergebenen Punkten wurden die jeweiligen Strategien in Tabellen stichpunktartig beschrieben und im Anschluss gegenübergestellt. Es wurden die im Einzelnen erkennbaren Methoden und Mittel herausgestellt und Rückschlüsse auf die jeweiligen Probleme bzw. Anforderungen gezogen, wobei das theoretische Vorwissen wichtig war. Die unterschiedlichen Ergebnisse wurden miteinander verglichen und diskutiert, teilweise Vor- und Nachteile dabei beschrieben und ggf. eigene Bedenken dargelegt.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, welche Strategien zielgruppenspezifisch sind bzw. welche als allgemein für die Erstellung von Untertiteln notwendig einzuordnen sind, wurden in der Beschreibung und Analyse Richtlinien für ein durchschnittliches europäisches (hörendes) Fernsehpublikum mit einbezogen und mit den Richtlinien für Hörgeschädigte im Hinblick auf den jeweilig im Abschnitt behandelten Aspekt verglichen. Nach Abschluss dieses Kapitels erfolgte die sprachliche Untersuchung der Beispieluntertitel des deutschen Films.

Die DVD wurde zunächst mit den deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte angesehen. Dabei waren die Unterschiede zwischen dem Dialog und den Untertiteln festzustellen und durch eine gegenüberstellende Transkription zu notieren. Im Anschluss wurde eine Kategorisierung der festgehaltenen Änderungen vorgenommen, woraufhin die Beschreibung der angewandeten Strategien erfolgte. Hierbei wurden erst die allgemeinen Eigenschaften der Untertitel und schließlich die sprachlichen Methoden anhand der transkribierten Beispiele dargestellt. Es wurde erörtert, wie diese im Einzelnen umgesetzt wurden und inwieweit sich die in den Richtlinien beschriebenen Strategien bestätigen.

5 Theoretische Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte

Die theoretische Erörterung der Untertitelung für Hörgeschädigte soll zunächst mit einer Zielgruppenanalyse begonnen werden. Weiterhin werden Kategorien und Merkmale von Untertiteln beschrieben, um im Anschluss sprachliche und technische Probleme der Untertitelung unter Berücksichtigung der besonderen Zielgruppe der Hörgeschädigten darzulegen.

5.1 Die Zielgruppe der Hörgeschädigten

Die Gruppe der Hörgeschädigten umfasst einen sehr komplexen Personenkreis und kann in die Untergruppen Gehörlose, Schwerhörige und Ertaubte unterteilt werden. Laut dem Deutschen Schwerhörigenbund e.V. wird die Anzahl der Hörgeschädigten in Deutschland entsprechend einer von Herrn Dr. Wolfgang Sohn 1999 durchgeführten Untersuchung auf etwa 13 Millionen geschätzt, d. h. bei 19 % der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre liegt eine Hörbeeinträchtigung vor. Diese Gesamtangabe variiert in der Literatur je nach Quelle bis hin zu einer Anzahl von 16 Millionen Hörgeschädigten, während Taubenschlag, ein Informationszentrum und Treffpunkt für Hörgeschädigte im Internet, sich auf den mittleren Wert von 14 Millionen bezieht. Laut Auskunft der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V. (DGFGS) beläuft sich dabei der Grad der Hörbehinderung bei 140.000 Menschen auf mehr als 70 %, womit diese Gruppe auf einen Dolmetscher angewiesen ist.

5.1.1 Gehörlose

Nach Angaben des Deutschen Gehörlosenbundes leben ca. 80.000 Gehörlose in der Bundesrepublik. Als gehörlos bezeichnet man Personen, die von Geburt an oder vor dem Abschluss des Lautsprachenerwerbes ihr Gehör verloren haben. Gehörlose Menschen weisen eine so gravierende Hörschädigung auf, dass sie nicht in der Lage sind, Sprache ausschließlich über das Gehör aufzunehmen oder zu interpretieren. Die auditive Wahrnehmung ist bei ihnen auch mit technischen Hörhilfen nicht möglich. Gehörlose Menschen verwenden zumeist die Gebärdensprache als Erstsprache und sehen diese als ihre Muttersprache an. Sie werden in der Schule üblicherweise in Stimm- und Lautbildung unterrichtet und lernen Deutsch als 1. Fremdsprache. Ihre Kommunikation, auf die im späteren Verlauf des Kapitels detaillierter eingegangen wird, ist visuell orientiert.

Nicht hören zu können bedeutet für diese Menschen einen weitestgehenden Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben, was auch das folgende Zitat von Wilfried Wareka, selbst gehörlos und Gründer der Firma Vicomedia, die sich auf Untertitel für Hörgeschädigte spezialisiert hat, deutlich macht:

“Veranstaltungen, Theater, Musicals, Konzerte… - das alles geht an uns vorbei. Wir aber wollen wissen. Wir wollen wissen, was in der Welt vorgeht. Und wir brauchen dafür die richtigen Kommunikationsmittel, die für uns nur visuell sein können.“ (Frühauf 2003, S. 15)

Soziale Kontakte und ein problemloses Zurechtkommen im Alltag werden für sie oft dadurch erschwert, dass in der Regel im Umgang mit anderen hörenden Menschen Lautsprache verwendet wird, die sie nicht auf normale Art und Weise erlernen können.

5.1.2 Schwerhörige

Als Schwerhörige werden Personen bezeichnet, die vermindert hören, aber noch in der Lage sind, Sprache und andere akustische Eindrücke, ggf. auch mittels eines Hörgerätes, über das Gehör wahrzunehmen. Diese Gruppe beherrscht meistens die Lautsprache, ist dementsprechend in der Kommunikation akustisch orientiert, greift aber auf sehr unterschiedliche Kompensationstechniken zurück. Das können unterschiedliche technische Hörhilfen sein, auch aber Gebärdensprachen, das Mundablesen oder Mischformen mehrerer Komponenten.

Grundsätzlich gibt es eine allgemeine Einteilung in folgende Grade der Schwerhörigkeit, definiert nach dem Hörverlust:

- Hörverlust 0 bis 20 dB: vernachlässigbare Hörschädigung
- 20 bis 40 dB: geringgradige Schwerhörigkeit (ca. 7,5 Mio.)
- 40 bis 60 dB: mittelgradige Schwerhörigkeit (ca. 4,7 Mio.)
- 60 bis 80 dB: hochgradige Schwerhörigkeit (ca. 1 Mio.)
- > 90 dB: an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit (0,2 Mio.)(in: „Einige Informationen zum Thema Hörschädigung“, DGFGS, www.deutsche-gesellschaft.de)
Schwerhörigkeit wird weiterhin nach dem Eintritt der Hörschädigung unter­scheiden:
- prälingual (vor dem Spracherwerb): frühschwerhörig
- postlingual (nach dem Spracherwerb): spätschwerhörig (in: „Einige Informationen zum Thema Hörschädigung“, DGFGS, www.deutsche-gesellschaft.de)

Frühschwerhörige stellen eine besondere Gruppe dar, da sich diese Personen überwiegend akustisch orientieren, aber teilweise auch durch lautsprach­begleitende Gebärden kommunizieren. Oftmals liegen gleichzeitig Artikulations­auffälligkeiten sowie Lese- und Rechtschreibschwächen vor.

5.1.3 Ertaubte

Als ertaubt werden Personen bezeichnet, deren Hörschädigung so stark ist, dass sie Sprache nicht akustisch wahrnehmen können, und dies auch mit technischen Hilfsmitteln nicht möglich ist. Die Ertaubung ist nach Abschluss des Lautsprachenerwerbes (postlingual) eingetreten, ertaubte Personen sind daher in der Regel vollsprachlich und kommunikativ akustisch orientiert. In der Literatur wird diese Gruppe häufig noch einmal in Früh- und Spätertaubte unterteilt.

Die Gruppe der Spätertaubten umfasst alte Menschen, deren Gehör altersbedingt nachgelassen hat, aber auch Arbeiter, die durch hohe Phonstärken geschädigt wurden sowie diejenigen, deren Gehör krankheitsbedingt oder durch einen Unfall beeinträchtigt wurde. Diese Menschen sind erst nach Erwerb ihrer Muttersprache ertaubt und verfügen somit über eine hohe sprachliche Kompetenz. Ihr Kommunikationsverhalten und ihre Bedürfnisse sind ähnlich wie die der Schwerhörigen.

Bei Frühertaubten handelt es sich um Menschen, die ihr Gehör bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr verloren haben. Da die Ertaubung vor dem Abschluss des Lautsprachenerwerbs (prälingual) erfolgte, ist die Gebärdensprache – ebenso wie bei den von Geburt an Gehörlosen – für diese Betroffenen ihre Muttersprache und ihre lautsprachliche Kompetenz ist daher weitgehend niedrig.

5.1.4 Kommunikative Besonderheiten

Visuelle Kommunikationsmittel der Hörgeschädigten sind lautsprach­begleitende Gebärden, das Fingeralphabet und die Gebärdensprache. Das Fingeralphabet orientiert sich an den Buchstaben der Schrift. Es wird im Falle von Fremdwörtern, Ortsnamen oder Eigennamen meist dann verwendet, wenn Gebärdenzeichen nicht bekannt sind.

Lautsprachbegleitende Gebärden werden hauptsächlich von Ertaubten und Schwerhörigen eingesetzt. Diese Gebärden begleiten bzw. unterstützen die Lautsprache, sind ihr völlig angepasst und haben keine eigenständige Grammatik. Sie bilden daher keine eigenständige Sprache.

Wie bereits erwähnt, ist die Muttersprache der Gehörlosen die Gebärdensprache, da sie jene Sprache ist, die sie ohne Mühe (so wie Hörende die Lautsprache) erlernen können. Gebärdensprachen sind natürlich entstandene Sprachen und besitzen das gleiche qualitative Ausdrucks- und Leistungsvermögen wie Lautsprachen. Beide Sprachen sind unterschiedlich strukturiert, da sie verschiedene Sinne ansprechen. Während Lautsprachen den akustisch-auditiven Kanal verwenden, ist es bei Gebärdensprachen der visuell-manuelle Kanal. Gebärdensprache findet räumlich statt, Lautsprache sequentiell. Zu betonen ist, dass gebärdensprachliche Texte keine Wort-für-Wort-Übertragungen einer Lautsprache sind.

Das System der Gebärdensprache zeichnet sich durch Gestik (Gebärden der Hände), Mimik (Gesichtsausdruck), Aktionen des Oberkörpers und Mundbilder (Ablesewörter) aus. Sie ist keine internationale oder universelle Sprache, jedes Land hat eine eigene Sprache entwickelt (z. B. Deutsche Gebärdensprache DGS, American Sign Language ASL oder Langue des Signes de France LSF). Jede nationale Gebärdensprache verfügt über regionale Ausprägungen (Gebärdensprachdialekte), die tief in der jeweiligen Kultur verwurzelt sind.

Linguistisch betrachtet ist die Gebärdensprache eine eigene und vollständige Sprache mit einer komplexen Struktur und einer eigenständigen Grammatik und Syntax.

Die einzelnen Gebärdenzeichen bestehen aus manuellen Komponenten (Handform, Ausführungsstelle, Handstellung, Bewegung), die die Bedeutung einer Gebärde verändern, und nicht-manuellen Komponenten (Mimik und Körperhaltung), die zur Betonung sowie bei der Grammatik eingesetzt werden.

Die Gebärdensprache hat für Gehörlose eine wichtige soziale Bedeutung. Die Ausprägung eines eigenen Sprachbewusstseins führt zu neuem Selbstwertgefühl bei Gehörlosen. Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wurden Gebärdensprachen für unkontrollierbare Pantomime ohne Struktur gehalten, es existierten ihnen gegenüber zahlreiche Vorurteile, die später widerlegt werden konnten. Durch die wissenschaftliche Entdeckung der Gebärdensprache in den USA wurde sie nach und nach als vollwertige Sprache anerkannt, was eine sehr positive soziale Dynamik zur Folge hatte. In Europa spielen besonders die skandinavischen Länder eine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet, aber auch hierzulande geht die Entwicklung in die Richtung einer positiven Bewusstseinsänderung. Gehörlose wehren sich zunehmend gegen die Bezeichnung „Behinderung“, sondern sehen sich Angehörige einer besonderen Sprachgemeinschaft oder Sprachminderheit.

5.1.5 Schriftsprachliche Kompetenz

Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V. weisen immer wieder darauf hin, dass Hörgeschädigte teilweise eine eingeschränkte Schriftsprachenkompetenz haben. Hier ist es wichtig, sich den Vorkenntnissen Hörgeschädigter bzgl. Satzbau und Wortschatz anzupassen“ (in: „Einige Informationen zum Thema Hörschädigung“, www.deutsche-gesellschaft.de).

Um einen ersten und von den Betroffenen selbst ausgehenden Einblick in die Situation der Zielgruppe bezüglich dieser Kommunikationsform zu bekommen, soll zunächst eine Selbsteinschätzung Hörgeschädigter zu diesem Punkt herangezogen werden.

5.1.5.1 Selbsteinschätzung österreichischer Hörgeschädigter

Die Untersuchung „Selbsteinschätzung und Wünsche gehörloser Erwachsener in Österreich bezüglich ihrer Schriftsprachenkompetenz“ (Eisenwort et al 2003) belegt, dass die obige Aussage der DGFGS im Falle der Gehörlosen in besonderem Maße zutrifft: Während von dem Großteil der 30 Versuchspersonen beim Lesen Bücher „manchmal“ verstanden werden, wird die Fehlerhäufigkeit beim Schreiben schon als „oft“ eingeschätzt und das Verhältnis zu dieser Tätigkeit als weitestgehend unsicher. Hervorzuheben ist, dass sich eine deutliche Mehrheit bessere Lesekenntnisse wünscht. Die Untersuchung erörtert weiterhin das Verhältnis zwischen Hörstatus und Fehlerhäufigkeit beim Schreiben. Während 33 % der Gehörlosen „oft“ und ca. 50 % „manchmal“ Fehler beim Schreiben unterlaufen, ordnen 33 % der Schwerhörigen ihre Fehlerhäufigkeit bei „manchmal“ ein und niemand der Befragten bei „oft“. Gehörlose Erwachsene beschränken sich in ihrer täglichen Leselektüre auf leichtverständliche Tageszeitungen und Zeitschriften. Komplexere Werke wie Romane werden fast von der Hälfte der Befragten „nie“ gelesen während Teletext von Dreiviertel der Befragten „regelmäßig“ gelesen wird.

5.1.5.2 Leseprozess und Lesekompetenz

Die Lautsprache wird für Gehörlose nie das bedeuten, was sie für Hörende ist: die Muttersprache. In einschlägiger Literatur ist in diesem Zusammenhang oft vom Erwerb einer 1. Fremdsprache die Rede, in der Verständnislücken durch Vermutungen geschlossen werden und eine Diskrepanz zwischen Gesagtem und Verstandenem besteht (vgl. Krammer 2001, S. 1), während die Gebärdensprache als Mutter- oder zumindest Erstsprache angesehen wird. Die Schrift, die Hörgeschädigte tagtäglich umgibt, „ist nicht eine Verschriftlichung ihrer Sprache“ (Krammer 2001, S. 51).

Dies wirft die Frage auf, wie Hörgeschädigte Lautsprachentext lesen, ob und inwiefern ihr Leseprozess anders ist als bei dem eines hörenden Lesers.

Grundsätzlich umfasst der Leseprozess mehrere komplexe, intellektuelle Aktivitäten, wie Perzeption, Erinnerung, Sprache und Denken (vgl. Krammer 2001, S. 48 nach List 1990). Margaret S. Jelinek Lewis fasst in einem Aufsatz über Lesefähigkeit, in dem sie sich auf Gehörlose bezieht, folgendes zusammen:

„The process of reading involves the use of prior knowledge and short-term memory; for individuals who are deaf, it may also require skill in a spoken language (i.e. English) which they have not mastered.” (1999)

Für Textverständnis und Leseprozess, und um schließlich Einschätzungen über die Lesekompetenz machen zu können, ist auch der Wortschatz ein wichtiger Aspekt. Zum Beispiel Krammer widmet sich diesem Themenbereich und verweist auf Untersuchungsergebnisse einer 1982 von Csányi durchgeführten Studie mit dem Schluss, „dass die maximale Leitung der Gehörlosen mit jener der 5 ½-jährigen hörenden Kindern gleichzusetzen ist”, die etwa ein Vokabular von 2000 Wörtern umfasst. Die Tendenz geht dahin, dass der Wortschatz nach dem Schulabgang wieder abnimmt, besonders dann, wenn die Gehörlosen nicht oder nur selten lesen. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass es nicht nur Probleme bei abstrakten, sondern auch alltäglichen Substantiven geben kann (vgl. Krammer 2001, S. 31). Diese Überforderung mit Textvokabular führt laut Krammer zum Zerfall des Leseprozesses, sodass ein sinnerfassendes Lesen nicht möglich ist, was wiederum zur unterschiedlichen Verarbeitung des Textes führt (S. 59).

De Linde & Kay (1999) machen sich ebenfalls Gedanken über die Lesefähigkeiten von Hörgeschädigten und insbesondere über die Frage, welcher Prozess bei Gehörlosen zwischen der Aufnahme von geschriebenem Text und der Umsetzung in ein gedankliches Bild bzw. dem Erkennen der jeweiligen Bedeutung abläuft. Sie verweisen auf vier mögliche Textverarbeitungsstrategien bei Gehörlosen. Den artikulatorischen Codes, z. B. Lippenlesen, werden von ihnen dabei nur begrenzte Bedeutung beigemessen. Hierbei tritt das Problem von Konsonanten auf, die ähnlich artikuliert werden und dadurch beim Lippenablesen nicht mehr eindeutig unterschieden werden können, was zur Ableitung von falschen Bedeutungen führen könnte. Artikulatorische Codes sind Bestandteil der Lautsprache und tragen daher nicht in dem Maße zum Verstehen oder Verinnerlichen des Textes bei, wie das einem Hörenden mit der Lautsprache möglich ist (vgl. S. 22).

Der Möglichkeit der gedanklichen Übertragung alphabetischen Textes in das Fingeralphabet, bei dem es für jeden Buchstaben des Alphabetes eine bestimmte Handstellung gibt, stehen die Autoren aufgeschlossener gegenüber:

„The one-to-one relation between alphabetic letters and fingerspelled handshapes makes the translation from one system to the other a straightforward one, which may encourage recoding by this technique.”(De Linde & Kay 1999, S. 22)

Diese Strategie trägt zum Verstehensprozess bei und ist hilfreich bei der Wortidentifikation.

Als dritte Variante nennen De Linde & Kay die Übertragung des schriftsprach­lichen Textes in deren Zeichen-Äquivalente aus der Gebärdensprache. Da es sich hierbei um die Muttersprache bzw. Erstsprache und Hauptkommunikationsform von vielen Gehörlosen handelt (siehe auch 5.1.4), wird dies von den Autoren als einfachste Methode der Verarbeitung des schriftsprachlichen Textes gesehen:

„A strategy of recoding into sign would therefore seem an obvious choice…“ (1999, S. 22)

Schwierigkeiten treten im Falle von visuell ähnlichen Zeichen dabei jedoch häufiger auf und können zur Ableitung von falschen Bedeutungen führen. Es gibt keine regelmäßige Beziehung zwischen der Form eines gedruckten Wortes und der Form der dazugehörigen Gebärde und hilft daher nur begrenzt im Wortfindungsprozess (vgl. De Linde & Kay 1999, S. 23). Die vierte Variante der Autoren ist, dass keine Verarbeitung des Textes stattfindet, die sie jedoch selbst widerlegen, sodass eine weitere Erörterung dieser Möglichkeit vernachlässigt werden kann.

Krammer (2001) erörtert Rekodierungsprozesse beim Lesen mit Hilfe von Schüßlers in der Veröffentlichung „Gehörlosigkeit und Lautsprachentext – Zum Stand von Leseforschung und Didaktik“ 1997 erworbenen Erkenntnissen, wobei die Erschließung der Wortbedeutung durch einen inneren Sprachkode stattfindet. Bei Hörenden wird in diesem Zusammenhang die phonologische Kodierung als bedeutend erachtet und für Gehörlose der gebärdensprachliche Kode in seiner Effizienz mit dieser gleichgesetzt. Es besteht die Auffassung, dass fingeralphabetische und gebärdensprachliche Rekodierung zur Verbesserung des Zugangs zur Schriftsprache beitragen, „jedoch keine der Alternativen eine vergleichbare effektive Bedeutungserschließung sicherstellt, wie sie die phonologische Kodierung bei hörenden Lesern ermöglicht“ (Krammer 2001, S. 54 nach Schüßler 1997). Vergleicht man De Linde & Kays Äußerungen mit der Auffassung von Schüßler, so wird deutlich, dass für gebärdensprachliche und fingeralphabetische Rekodierung ähnlich positive Einschätzungen hinsichtlich der Effizienz gemacht wurden.

De Linde & Kay fassen zusammen, dass unterschiedliche Grade des Resthörvermögens die Wahl der Textverarbeitungsstrategie beeinflussen und daher Auswirkungen auf die Lesegeschwindigkeit haben. Es kann z. B. davon ausgegangen werden, dass Spätertaubte ähnlich schnell lesen können wie Hörende (vgl. 2001, S. 25). Hörgeschädigte sind folglich in Bezug auf ihren Leseprozess eine sehr heterogene Gruppe.

Abgeleitet von den Aussagen im oberen Abschnitt ist hinsichtlich der Lesekompetenz Hörgeschädigter von sehr unterschiedlichen Fähigkeiten auszugehen. Dies und die Tatsache, dass diese Zielgruppe eine teilweise weitaus niedrigere Lesekompetenz als der hörende Personenkreis aufweist, belegen eine Reihe von Untersuchungsergebnissen und Beispielen.

Im von der Kanadischen Organisation SNOW (Special Needs Opportunity Windows) veröffentlichten Dossier „Students Who are Deaf and Hard of Hearing“ wird bezüglich der Sprachkompetenz u. a. auf folgende Schwierigkeiten hinge­wiesen:

- has reading comprehension skills which may be below grade level
- has reading comprehension skills which are weaker than word recognition skills
- does not understand idiomatic expressions and has limited vocabulary
- confuses grammatical structures
- has difficulty with word order and complex language structures
- has limited general knowledge of the world
- has difficulty moving from the concrete to the abstract

(SNOW, http://snow.utoronto.ca)

Klaudia Krammer beruft sich auf Studien mit Studenten aus den USA, die „bestätigen, dass Gehörlose über ein äußerst niedriges Leseniveau verfügen und dass sie nur sehr langsam Fortschritte beim Lesen machen“, sowie auf die Ergebnisse von Gelter, der die Lesefähigkeit gehörloser Kinder 7 bis 8 Jahre hinter der hörender Kinder sieht (vgl. 2001, S. 50), was die obige Aussage der Organisation SNOW untermauert und sogar verstärkt.

Die Vermutung, dass nicht nur Schüler bzw. Studenten sondern auch hörgeschädigte Erwachsene, insbesondere Gehörlose, diesen Schwierigkeiten gegenüberstehen, wird gestützt durch das Ergebnis, dass Gehörlose aller Altersstufen im Vergleich zu Hörenden gleichen Alters eine deutlich geringere Leseleitung aufweisen, wobei im Durchschnitt ein 8-jähriges hörendes Kind eine bessere Leseleitung als 18-jähriger gehörloser Jugendlicher erzielt (vgl. Krammer 2001, S. 59), während die Tendenz folgende ist:

„Wie aus einigen Studien hervorgeht, ist bei den Gehörlosen in vielen Fällen nach dem Schulabschluss mit einer Verschlechterung der erworbenen Fähigkeiten auf der grammatisch-syntaktischen Ebene zu rechnen.“(Krammer, 2001, S. 45)

Die Probleme der Gehörlosen mit dem Verständnis der Schriftsprache erklärt sich Klaudia Krammer durch die Verzögerung der Sprachentwicklung bei gehörlosen Kindern, die sich auf alle Ebenen der Sprachkompetenz auswirkt. Es treten besonders im grammatikalischen und lexikalischen Bereich Schwierigkeiten auf, die im Fall von komplexen Sätzen bzw. Texten noch verstärkt werden (vgl. 2001, S. 46). Diese Aussage deckt sich ebenfalls mit der obigen, von der Organisation SNOW angeführten Auflistung der Schwierigkeiten, nur mit dem Unterschied, dass diese dort für die Gesamtzielgruppe Hörgeschädigte („Deaf and Hard of Hearing“) als zutreffend erachtet wurde.

Ein Beispiel, wie sich die oben genannten lexikalischen Defizite auswirken können, zeigen Jelinek Lewis & Jackson auf:

„Deaf readers with poor lexical knowledge often retrieve singular and inaccurate meaning unrelated to the context in which the information is newly embedded, for example, plant as a growing entity or as an industrial factory.” (2001, S. 45)

In der deutschen Sprache wären klassischen Beispiele Wörter wie „Bank“, „Hahn“, „Ton“ oder „Tonne“.

Krammer geht auf die Probleme mit komplexen grammatikalischen Strukturen ein und verweist auf Websters 1986 durchgeführte Studie, die darlegt, dass gehörlose Kinder zwar einfache aktive Aussagesätze verstehen, aber sehr dazu neigen, das bekannte Subjekt-Verb-Objekt-Muster auf alle Satzkonstruktionen anzuwenden, was u. a. im Falle eines Passivsatzes zu Verständnisproblemen führt (vgl. 2001, S. 57). Weiterhin bezieht sie sich auf Schüßlers Erkenntnisse von 1997, die besagen, dass auf der Satzbedeutungs- und Syntaxebene Probleme mit dem Verständnis von Relativsätzen, Satzergänzungen, wie Infinitive und Gerundien, sowie Pronominalisierungen und besonders Passivkonstruktionen bestehen (vgl. 2001, S. 54). Figurative Sprache führt ebenfalls oft zu Interpretationsproblemen (vgl. 2001, S. 52).

5.1.6 Einstellung der Hörgeschädigten zu untertitelten Medien

In einer 2000 durchgeführten umfassenden Befragung Gehörloser zur Nutzung von Angeboten mit Tonsubstitution im deutschen Fernsehen wurden von den meisten Befragten der Wunsch nach mehr untertitelten Sendungen noch vor dem Wunsch eines eigenen Gehörlosenkanals geäußert (vgl. Prillwitz, S. 314), wobei besonders spezielle Spartensendungen aus den Bereichen Sport, Wirtschaft, Talk-Show und Spielfilm genannt wurden. Einige Befragte bezogen sich hierbei auf positive Erfahrungen, die sie im Ausland, z. B. in den USA, Dänemark und den Niederlanden gemacht haben (vgl. Prillwitz 2000, S. 182).

Die Probanden wurden hinsichtlich ihrer Wunschsendungen und der bevorzugten Art der Tonsubstitution befragt. Mit 40 % aller Nennungen ist die Sparte Serien die beliebteste, wobei die Art der gewünschten Tonsubstitution eindeutig die Untertitelung ist und die Verdolmetschung nur sehr vereinzelt für diese Sparte gewünscht wird. Die Autoren erklären sich diese Einstellung damit, dass die Befragten sich bewusst sind, dass durch die Einblendung von Gebärdensprachdolmetschern das Bild kaum noch konsumierbar wäre, weil sinntragende Filmelemente verdeckt wären und das Bild unruhig wäre. Dieses mit Abstand deutliche Ergebnis hinsichtlich der bevorzugten Art der Tonsubstitution gibt es nur noch einmal im Bereich Spielfilm, wobei die eben vermuteten Gründe dafür auch auf diese Sparte zutreffend sein können. Auch bei Magazinen und Reportagen, die den 2. Rang der Lieblingssendungen bei Gehörlosen darstellen, bevorzugt die knappe Mehrheit der Befragten als Tonsubstitution die Untertitelung, während in der Sparte Nachrichten mehr als Dreiviertel der Probanden verdolmetschte Sendungen sehen möchten (vgl. Prillwitz 2000, S. 77-81). Zusammenfassend für alle Sparten betrachtet überwiegt die Untertitelung als bevorzugte Art der Tonsubstitution.

Neben dem bereits erwähnten Wunsch nach mehr untertitelten Sendungen äußerten die Befragten weiterhin Wünsche hinsichtlich der Qualität der Untertitel. Besonders betont wurde hierbei, dass die Untertitel technisch einwandfrei sein und nicht immer wieder ausfallen, hängen bleiben oder asynchron verlaufen sollen. Zur Unterscheidung der verschiedenen Sprecher sollen Farben eingesetzt werden, wobei auf violett aufgrund der schlechten Lesbarkeit verzichtet werden sollte. Im Hinblick auf die sprachliche Qualität wurden unterschiedliche Meinungen geäußert. Einige Probanden halten eine 1:1-Übersetzung für wünschenswert, die alle Informationen beinhaltet, da nur ein nicht vereinfachtes Sprachniveau Informationsverlust verhindern kann. Andere Gehörlose bevorzugen dagegen eine Vereinfachung der Sprache, wobei generell kürzere Sätze und keine Fremdwörter verwendet werden sollten.

Ergebnisse von Eisenwort et al zeigen, dass im Vergleich zu Romanen auffallend viele Befragte Teletext-Untertitel lesen und eine Mehrheit von deutlich mehr als 75 % die Verständlichkeit als „gut“ einschätzt, während die Befindlichkeit ebenfalls von dieser großen Mehrheit als „interessant“ eingestuft wird und der geringste Anteil an Befragten sie als „langweilig“ bzw. „anstrengend“ erachtet. Die fast ausschließlich positiven Meinungen liegen vermutlich darin begründet, dass Teletextuntertitel eine wichtige Informationsquelle in Österreich darstellen (vgl. 2003).

Hörgeschädigte nutzen untertitelte Angebote ausgeprägt und haben generell eine positive Einstellung zu Untertiteln, was nachvollziehbar ist, da sie ihnen einen besseren Zugang zu audiovisuellen Medien ermöglichen. Inwieweit Untertitel darüber hinaus eine hilfreiche Funktion haben können, soll im folgenden Abschnitt dargelegt werden.

5.1.7 Bedeutung von Untertiteln für die Zielgruppe

Rita Gesue beschäftigt sich in ihrer Dissertation “Captioned Television: Viewing Patterns and Opinions of Adults in an Urban Deaf Community” eingehend mit der Bedeutung von untertitelten Programmen für die Zielgruppe der Hörgeschädigten und kommt zu dem Ergebnis, dass Untertitel in mehrerer Hinsicht zweckmäßig sein können:

“The conclusions of this study reflect an interest on the part of the deaf and hard-of-hearing persons with diverse educational backgrounds in captioned television as a means to increase their knowledge, improve their understanding, and become more fluent in the language used by the majority population around them.” (1986, S. 116)

“As their three primary reasons for wanting more captioned television, they expressed their need to learn and to understand what is happening in the world, to know more about local events and circumstances which affect their lives and those of their families, and to improve their knowledge and understanding of English.” (1986, S. 116)

Die Autorin fasst zusammen, dass unabhängig von Alter, Geschlecht oder Ausbildung untertitelte Fernsehsendungen für Hörgeschädigte als Hauptinformations-, Unterhaltungs- und Bildungsquelle dienen (vgl. S. 116, 1986). Auch die Bedeutung der Untertitel hinsichtlich der Verbesserung der Schriftsprachenkompetenz wird in beiden Aussagen deutlich gemacht.

Eines ihrer weiteren wichtigen Ergebnisse ist, dass unabhängig vom Grad des Hörverlustes die Mehrzahl der Befragten Sendungen ohne Untertitel nicht verstehen und dass „the deaf and hard-of-hearing members watched the same amount of television weekly as the average American audience (Gesue 1986, S. 118). Das belegt die besondere Notwendigkeit von Untertiteln im Hinblick auf den Zugang Hörgeschädigter zu audiovisuellen Medien, die eine ähnliche Rolle im Alltag zu spielen scheinen wie bei Hörenden.

Auch im sozialen Bereich kann die Untertitelung für Hörgeschädigte von Bedeutung sein. So kann ein besserer Zugang zu audiovisuellen Medien durch Untertitel zum Beispiel als Hilfe bei der Bewältigung von täglichen Aufgaben oder zum besseren Selbstverständnis der Hörgeschädigten bzw. zum besseren Verständnis Anderen gegenüber dienen (vgl. Gesue 1986, S. 120).

Die Resultate von Rita Gesue unterstreichen, dass die Rezeption von Untertiteln für Hörgeschädigte nicht nur einen besseren Zugang zu audiovisuellen Medien ermöglichen, sondern auch auf verschiedenen anderen Ebenen positive Auswirkungen haben können.

5.1.8 Zusammenfassung

Betrachtet man die Zielgruppe Hörgeschädigte insgesamt, so stehen in Deutschland ca. 14 Mio. Schwerhörigen einer im Vergleich dazu sehr kleinen Gruppe von 80.000 Gehörlosen gegenüber. Wie dieses Kapitel zeigt, weisen die genannten Untergruppen teilweise sehr heterogene Eigenschaften auf. Allein im Hinblick auf Art, Grad und Zeit des Eintritts der Hörschädigung gibt es viele Abstufungen; von Konsumenten mit einer leichten Hörschädigung bis hin zu einer vollständigen Gehörlosigkeit können die Spannbreite recht groß und die Bedürfnisse der Einzelnen sehr unterschiedlich sein. Es werden verschiedene Möglichkeiten zur Verstärkung des Höreindruckes genutzt bzw. vielfältige Kommunikationsmittel zur Kompensierung der Hörschadens eingesetzt.

Es ergibt sich selbst innerhalb der Teilgruppen eine recht unterschiedliche Sprachkompetenz, die wiederum von verschiedenen Faktoren abhängig ist, unter anderem auch von den drei eben genannten Aspekten der Hörschädigung. Bernd Rehling, Koordinator von Taubenschlag, dem deutschen Portal für Hörgeschädigte, erläutert diesen Zusammenhang folgendermaßen:

„Wer nicht hört, kann Sprache nicht über das Ohr aufnehmen. Es entstehen massive Defizite in Bezug auf Wortschatz, Begriffsbildung und Grammatik.“ (Rehling 2000)

Für die Gruppe der Gehörlosen wird die Gebärdensprache als Muttersprache angesehen, die deutliche Unterschiede zur für die Rezeption von Untertiteln relevanten Schriftsprache aufweist, die auf der Lautsprache basiert. Laut- und Gebärdensprache weisen viele Verschiedenheiten auf, wie im Punkt 5.1.4 deutlich wird, und sind unterschiedlich strukturiert. Dies lässt den Schluss zu, dass für Gehörlose der Erwerb der Lautsprache mit Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, man in ihrem Fall von einer Fremdsprache ausgehen muss und die Schriftsprachenkompetenz dementsprechend relativ gering sein kann.

Je nach Sprachkompetenz variieren auch die Lesestrategien, die mit Hilfe von De Linde & Kays Ausführungen (1999) im Punkt 5.1.5.2 beschrieben wurden.

Die unterschiedliche und teilweise sehr eingeschränkte Sprachkompetenz ist ein Haupthindernis für die Hörgeschädigten im Hinblick auf den Zugang zu Informationen, was wiederum Rückschlüsse auf ein unterschiedliches Hintergrundwissen zulässt. Dies ist jedoch, wie von Jelinek Lewis & Jackson (2001) erörtert, ein wichtiger Aspekt des Leseprozesses, der bei der Rezeption von Untertiteln von Bedeutung ist.

Bei den Schwerhörigen und Spätertaubten kann man von einer höheren Sprachkompetenz ausgehen, da der Erwerb der Lautsprache bis zum Eintritt der Hörschädigung unter normalen Bedingungen stattgefunden hat.

Aber nicht nur dieser Aspekt, sondern auch einige weitere machen Hörgeschädigte zu einer sehr uneinheitlichen Zielgruppe:

„…eine extrem heterogene Zielgruppe, bei der die drei wesentlichen Faktoren Hörstatus, Sprachkompetenz und soziokulturelle Zugehörigkeit von Bedeutung sind, woraus wiederum Gegebenheiten in Bezug auf Bildung und sozialen Status resultieren.“ (Rehling, 2000).

Rehlings Aussage stützt die sich aus diesem Kapitel ergebene Schlussfolgerung, dass die Heterogenität dieser Zielgruppe in vielerlei Hinsicht gegeben ist. Daraus resultieren stark differenzierte Bedürfnisse innerhalb der Konsumentengruppe, sodass die Schwierigkeit, das Niveau der Untertitel zielgruppengerecht zu gestalten, im besonderen Maße gegeben ist.

In diesem Zusammenhang beklagen Schwerhörige oft ein zu niedriges Niveau der für Hörgeschädigte ausgerichteten Medien, z. B. Internetseiten oder auch Untertitel, was abnehmendes Interesse und Langeweile zur Folge hat und eine weitere Förderung für sie verhindert (vgl. Rehling 2000). Gehörlose hingegen, die in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt und extrem eingeschränkt sind, benötigen dieses relativ niedrige Niveau, um Informationen aufnehmen und verinnerlichen zu können.

Im Hinblick auf die allgemeine Einstellung der Nutzergruppe zur Untertitelung an sich besteht bei allen Betroffenen Einigkeit: “I love it. Best thing to happen since the Printing Press.” (Gesue 1986, S. 120) Eine Studie von Siegmund Prillwitz belegt sogar, dass Untertitel im Vergleich zu der Einblendung von Gebärdendolmetschern in vielen Sendungen die bevorzugte Art der Tonsubstitution sind. Andere Untersuchungen zeigen, dass sie von der Zielgruppe ausgeprägt genutzt werden und in verschiedenen Bereichen einen positiven Effekt auf das Leben Hörgeschädigter haben können.

5.2 Kategorisierung – Untertitel und ihre Merkmale

Die Untertitelung ist neben Synchronisation und Voice-Over eine weitere wichtige Methode der audiovisuellen Sprachübertragung und wird je nach Kriterium in verschiedene Arten untergliedert. Im Folgenden sollen die in der Literatur aufgeführten Kategorisierungen für die Untertitelung und ihr Produkt, die Untertitel, aufgezeigt und die jeweiligen Merkmale beschrieben werden.

5.2.1 Allgemeine Gliederung und Beschreibung

Unabhängig von Zielpublikum und Medium kann die Untertitelung zunächst einmal als „process of converting the audio portion of a film, video, CD-Rom or other production into text which is displayed on a screen or monitor“ (in: „The Closed-Captioning Process“, CMP, www.cfv.org) beschrieben werden, wobei ihr Produkt die Funktion erfüllen soll, „dem Zuschauer den Dialog eines Filmes korrekt und im passenden Sprachstil und -rhythmus wiederzugeben. Der Zuschauer muss sie in Ruhe lesen können, und sie müssen sofort verständlich sein“ (in: „Untertitel für Hörgeschädigte“, Untertitel-Werkstatt Münster GmbH, www.untertitel.de).

Die Übertragung von gesprochenem in geschriebenen Text, die ab Punkt 5.3.1 detailliert beschrieben wird, und die Eingliederung des Textes in das Gesamtbild des Filmes (siehe 5.3.2) stellen die die zentralen Probleme bei der Untertitelung dar.

In Beiträgen des Captioned Media Program (CMP) werden „captions“ kategorisiert in „closed captions“ und „subtitles“:

“Closed Captioned: These are hidden on the 21st line of the vertical blanking interval of a video signal and are made visible by a decoder at the time of viewing. They are usually white letters encased in a black box.” (in: “Captioning Types, Methods, and Styles“ CMP, www.cfv.org)

“Subtitles: Subtitles are usually white letters with a black rim or drop shadow. Some are always visible […] Others, like those on DVD and the Internet, are displayed utilizing the medium’s menu option.” (in: “Captioning Types, Methods, and Styles“ CMP, www.cfv.org)

Während „closed captions“, die so genannten verdeckten oder geschlossenen Untertitel, nur mit Hilfe eines Decoders entschlüsselt und sichtbar gemacht werden können und zumeist aus weißen Buchstaben auf einem schwarzen Hintergrund bestehen, sind „subtitles“, im Deutschen als offene Untertitel bezeichnet, ständig sichtbar bzw. durch eine Menüoption jederzeit einstellbar, und werden gewöhnlich nicht auf einem schwarzen Hintergrund dargestellt. Ein klassisches Beispiel für „closed captions“ ist in Deutschland die Videotextseite 150 bei ARD und Seite 777 bei ZDF sowie in Großbritannien die Seite 888.

Image Logic, der Hersteller von AutoCaption II, einer Untertitelungssoftware für DVD-Untertitel, stellt die vielfältigeren Möglichkeiten der „subtitles“ hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes denen der „closed captions“ gegenüber: „But rather than the rigid structure mandated for closed captioning, subtitling allows the captioner to use any font style, font colors, graphics, or background. As a rule, subtitling uses proportionally spaced fonts displayed on a transparent background.” (in: “Types of Captioning”, Image Logic, www.imagelogic.com) Schriftart und -farbe der Untertitel können frei gewählt werden, auch die Einblendung eines Kastens als Hintergrund ist beispielsweise möglich.

An dieser Stelle sollte bemerkt werden, dass auch für verdeckte Untertitel im Teletext eine begrenzte Anzahl an Farben (weiß, gelb, cyan, grün, magenta, rot, blau sowie schwarz und weiß als Hintergrundfarbe) in einigen europäischen Ländern zur Verfügung steht.

Das CMP unterteilt „subtitles“ hinsichtlich der Zielkonsumenten noch einmal in „Subtitles for the Deaf and Hard of Hearing“, die auch Informationen zu Musik und Geräuschen sowie eine Sprecheridentifikation umfassen und so wörtlich wie möglich am gesprochenen Originaldialog liegen, und „Foreign Film Subtitles“, deren Zielpublikum Hörende sind und die sich lediglich auf die Wiedergabe des Dialogs beschränken (vgl. in: „Captioning Types, Methods, and Styles“, CMP, www.cfv.org).

5.2.2 Unterscheidung nach Art der Einblendung bzw. Erscheinungsbild

Untertitel werden auch nach der Art ihrer Einblendung kategorisiert. In der Regel unterscheidet man hier „roll-up captions“ und „pop-on captions“: „Roll-up captions roll onto and off the screen in a continuous motion. Usually two to three lines of text appear at one time. As a new line comes along, it appears on the bottom, pushing the other lines on the screen up.” (in: “NCI’s Glossary of Captioning Terms”, NCI, www.ncicap.org)"Pop-on captions: A phrase or sentence appears on the screen all at once – not line by line – stays there for a few seconds and then disappears or is replaced by another full caption. The captions are timed to synchronize with the program and placed on the screen to help identify the speaker.” (in: “NCI’s Glossary of Captioning Terms”, NCI, www.ncicap.org)

Bei der oberen Variante rollen die Textzeilen langsam von unten nach oben, die Einblendungen der Untertitel sind ein ununterbrochener Prozess, da die neu dazukommende Textzeile am unteren Bildschirmrand erscheint und somit die vorherige Zeile nach oben schiebt und damit ausblendet. Bei „pop-on captions“ findet eine Einblendung von vollständigen Phrasen oder Sätzen statt und nicht nach Zeilen. Der Text bleibt einige Sekunden auf dem Bildschirm, wird ausgeblendet und dann wird der darauf folgende Untertitel eingeblendet. Der Übergang ist also nicht fließend sondern durch eine Unterbrechung gekennzeichnet.

Auch Siegmund Prillwitz (2000) untergliedert Untertitel im Hinblick auf die Art der Einblendung und nennt die drei Varianten Lauftextversion, vertikale Rollbalken und transparente Untertitel. Bei der Methode der vertikalen Rollbalken wird ein neuer Satz immer unten im Balken eingeschoben und läuft automatisch nach oben. Transparente Untertitel hingegen besitzen keinen schwarzen Hintergrund oder Balken. Nur der jeweilige Text hebt sich von den permanent wechselnden Bildern des Filmes ab. Bei Untertiteln mit Lauftext, die zum Beispiel oft bei Nachrichtensendern wie CNN oder NTV eingesetzt werden, laufen die Textzeilen von links nach rechts durch den unteren Bildbereich (vgl. Prillwitz 2000, S. 302).

5.2.3 Unterscheidung nach Medium

Weiterhin unterscheidet man je nach Medium Fernseh-, Kino-, Video- und DVD-Untertitelung (siehe z. B. www.titelbild.de). Zu beachten ist bei Untertiteln im Fernsehen oder im Kino, dass die Untertitel nur einmal angesehen werden können, während man die Szenen auf der DVD und auf einem Video beliebig oft wiederholen kann.

5.2.4 Linguistische Untergliederungen und Eigenschaften

Während die allgemeinen und technischen Eigenschaften von Untertiteln bereits näher betrachtet wurden, soll im folgenden Abschnitt der Schwerpunkt auf den sprachlichen Merkmalen liegen. In der einschlägigen Literatur wird die Untertitelung häufig auf linguistische Aspekte hin betrachtet, wobei zwischen inter- und intralingual unterschieden wird.

5.2.4.1 Interlinguale und intralinguale Untertitelung

Die Unterschiede zwischen der intralingualen und der interlingualen Untertitelung ergeben sich hauptsächlich durch die jeweiligen Zielgruppen.

Die interlinguale Untertitelung, den fremdsprachlichen Filmen zugeordnet und allgemein bekannt als OmU (O riginal m it U ntertiteln), hat die wesentliche Aufgabe, das Gesprochene eines Filmes in eine andere Sprache (interlingual) zu übertragen. Die zweite Informationsquelle der Tonspur, die Geräusche und ggf. Musik umfasst, bleibt dabei unberücksichtigt.

Bei der intralingualen Untertitelung findet die Übertragung von Gesprochenem in Geschriebenes innerhalb einer Sprache (intralingual) statt. Sie ist hauptsächlich dem Zielpublikum der Hörgeschädigten zugeordnet, an deren Bedürfnissen ausgerichtet und muss daher sowohl Dialog als auch Geräusche und Musik wiedergeben, da die Konsumenten auch die Informationen aus der nonverbalen Quelle teilweise nicht wahrnehmen können. Intralinguale Untertitel sind folglich als Ersatz aller im Programm vorkommenden gesprochenen Worte sowie relevanter Geräusche zu sehen, während interlinguale Untertitel als Übersetzung des Filmdialoges dienen und mit den vorhandenen nonverbalen Originalelementen koordiniert werden müssen (vgl. De Linde & Kay 1999, S. 2).

Neben diesem wesentlichen Unterschied weisen die interlinguale und die intralinguale Untertitelung eine Reihe gemeinsamer Eigenschaften auf:

[...]

Details

Seiten
128
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832490577
ISBN (Buch)
9783838690575
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224216
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg – Fachkommunikation
Note
1,6
Schlagworte
untertitelrichtlinie zielpublikum kommunikation analyse

Autor

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Titel: Theoretische und praktische Probleme der Untertitelung für Hörgeschädigte