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Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit aus deutscher und ausländischer Sicht

Eine kritische Untersuchung anhand deutscher, französischer und englischsprachiger Medien

Magisterarbeit 2005 106 Seiten

Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit
1.2. Das Stereotyp in der Interkulturellen Begegnung
1.3. Nationalsozialismus als deutsches Stereotyp

2. Das Trauma der deutschen Vergangenheit
2.1. 1945 – Die Stunde Null
2.1.1. Einleitung
2.1.2. Die Stunde Null
2.1.3. Entnazifizierung
2.1.4. Heimkehrerschicksal
2.1.5. Verantwortung
2.1.6. Abschluß
2.2. Die 50er Jahre
2.2.1. Einleitung
2.2.2. Ein ganz neues Deutschland
2.2.3. Der neue Konsum verdrängt die alte Schuld
2.3. Die 60er Jahre
2.3.1. Die alte Schuld läßt sich nicht verdrängen
2.3.2. Vergangenheitsbewältigung in der DDR – Hitler wurde gleichsam Westdeutscher
2.3.3. Der Widerstand gegen die schweigende Gesellschaft
2.4. Die 70er Jahre
2.4.1. Der Kniefall von Warschau
2.4.2. „Holocaust“ – Eine Nation kommt via Fernseher ins Gespräch
2.5. Die 80er Jahre
2.5.1. Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg – Die ideologische Sortierung der Toten
2.5.2. Die Weizsäcker-Rede – Vom richtigen Umgang mit der Vergangenheit
2.6. Die 90er Jahre
2.6.1. Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! – Eine Nation erfindet sich neu
2.6.2. Fremdenfeindlichkeit
2.6.3. Daniel Jonah Goldhagen – Hitlers willige Vollstrecker
2.6.4. Die Wehrmachtsausstellung

3. Deutschland im Blick ausländischer Medien
3.1. Werbung für ein besseres Ansehen in Großbritannien
3.2. Werbung für britisches Bier
3.3. Der Stolz des deutschen Volkes

4. Empirische Untersuchung auf Basis eines Fragebogens
4.1. Einleitung
4.2. Der Weg zum Fragebogen
4.3. Aufbau des Fragebogens
4.3.1. Die Titelseite
4.3.2. Die Seite der Fragen
4.3.3. Persönliche Fragen
4.3.4. Relevante Fragen
4.3.4.1. Frage 2.) – Das deutsche Bild
4.3.4.2. Frage 3.) – Die Quelle der Information
4.3.4.3. Frage 4.) und 5.) – Die deutsche Sprache
4.3.4.4. Frage 6.) – Bekannte deutsche Persönlichkeiten
4.3.4.5. Frage 7.) – Das typisch Deutsche
4.3.4.6. Frage 8.) – Die deutsche Vergangenheit
4.3.4.7. Frage 9.) und 10.) – Die deutsche Schuld
4.3.4.8. Frage 11.) – Der Bundeskanzler in der Normandie
4.3.5. Die Seite des Dankes
4.4. Die Teilnehmer des Fragebogens
4.4.1. Die Nationalitäten der Teilnehmer
4.4.2. Die persönlichen Daten der Teilnehmer
4.4.3. Berufsgruppen der Teilnehmer
4.4.4. Die Einschätzung auf Basis der bevorzugten Zeitung
4.5. Die Auswertung der Fragen
4.5.1. Frage 1.) – Die Einstellung zu Deutschland
4.5.2. Frage 2.) – Das deutsche Bild im Vergleich
4.5.3. Frage 3.) – Die Quelle des Deutschlandbildes
4.5.4. Frage 4.) – Die deutschen Wörter
4.5.5. Frage 5.) – Der Klang der deutschen Sprache
4.5.6. Frage 6.) – Verschiedene deutsche Persönlichkeiten
4.5.7. Frage 7.) – Typisch deutsche Attribute
4.5.8. Frage 8.) – Das Wissen um die deutsche Schuld
4.5.9. Frage 9.) – Umgang mit der Schuld
4.5.10. Frage 10.) – Bürde der deutschen Nationalität
4.5.11. Frage 11.)- Teilnahme am „D-Day“

5. Schlußbemerkung

Literaturangaben, Zeitungsartikel, Internetquellen und sonstige Medien

Die Beziehung zu dem Land, in dem ich aufgewachsen bin und auch heute immer noch lebe, habe ich seit jeher als sehr problematisch empfunden. Das Gefühl des Nationalstolzes fehlt einfach in der deutschen Mentalität; es wurde den Deutschen aus verständlichen Gründen „aberzogen“. Und doch muß es irgendwo eine Lücke hinterlassen haben.

Mir selbst fehlt es auch und ich war sowieso immer der Ansicht, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität kein Grund sei, Stolz zu verspüren, da man als betroffener Mensch ja doch in den seltensten Fällen Einfluß auf diese Tatsache nimmt. Ein Gefühl der Verantwortung für die deutsche Vergangenheit war hingegen stets selbstverständlich bei mir vorhanden.

Die vorliegende Arbeit hat mich über Umwege näher an das Land herangeführt, das auch mein Land ist, und hat mich gelehrt es besser zu verstehen. Die positiven, aufmunternden Antworten in so vielen britischen, französischen und us-amerikanischen Fragebögen haben auch zu meinem eigenen „deutschen“ Selbstverständnis beigetragen. Auf diesem Wege möchte ich deswegen nochmals allen Teilnehmern der Studie danken, die zu so aufschlußreichen Ergebnissen geführt hat.

In erster Linie möchte ich diese Magisterarbeit jedoch meinen Eltern widmen, die während der gesamten Zeit meines Studiums stets ihre ganze Zuversicht in mich setzten und deren Unterstützung mich auf meinem Weg fortwährend begleitet. Für dieses stetige Vertrauen möchte ich Euch besonders danken!

Schließlich sei noch ein Mensch erwähnt, der so fraglos zu meinem Leben und Denken gehört, daß es selbstverständlich ohne ihn, ohne seine Gedanken, Anregungen, Ideen und ohne sein Wissen, nicht zu dieser Ausarbeitung gekommen wäre. Was für ein Segen, Dich bei mir zu wissen!

„Und dann kann ich nicht wieder einschlafen, weil ich doch die Verantwortung hatte.

Ich hatte doch die Verantwortung. Ja, ich hatte die Verantwortung.

Und deswegen komme ich nun zu Ihnen, [...],

denn ich will endlich mal wieder schlafen. Ich will einmal wieder schlafen.

Deswegen komme ich zu Ihnen, weil ich schlafen will, endlich mal wieder schlafen.“

Zitat aus „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

1. Einleitung

1.1. Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit

Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit ist ein Thema, das Menschen deutscher Nationalität seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr losgelassen hat. Bis heute noch wirft die Zeit von 1933 bis 1945 dunkle Schatten auf uns, die wir immer noch nicht wissen, wie mit dieser Bürde von damals heute umzugehen ist.

‚Bewältigung‘ wird häufig gefordert ohne jedoch zu definieren, was damit gemeint sein könnte – ‚Verdrängung‘ ist wohl das, was man eigentlich wünscht, was auch in den letzten Jahrzehnten häufig so praktiziert wurde. Die Deutschen gehen verschwörerisch mit dem um, das ihre Geschichte, ihre nationale Identität und ihr Bild nach außen so nachhaltig veränderte. Verunsichert wohl auch, belastet durch eine Schuld, die heute nicht mehr ihre Schuld ist und dennoch weiterhin auf ihren Schultern lastet.

Die unvorstellbaren Grauen des Nationalsozialismus haben in der Zeit danach eine Hilflosigkeit ausgelöst, die bis zum heutigen Tage anhält und in der Vergangenheit oft zu einer falschen Tabuisierung des Themas führte. Wie sollte man auch umgehen mit einer Schuld wie dieser? Wer sollte einem dafür jemals die Absolution erteilen? Wann durfte man zur „Normalität“ zurückkehren oder darf man es überhaupt jemals?

Bis heute stehen wir vor diesem Problem, auch wenn viele es gerne übersehen oder verleugnen möchten. Spätestens wenn unser derzeitiger Bundespräsident Horst Köhler vor der Knesseth, dem israelischen Parlament, eine Rede halten soll, und es stellt sich die Frage, ob diese in deutscher Sprache, der Sprache des Tätervolkes, gehalten werden darf, kann man nicht mehr die Augen davor verschließen, daß die Zeit des Nationalsozialismus immer noch dunkle Schatten auf uns wirft.

Horst Köhler hat meiner Meinung nach einen sehr klugen und sehr mutigen Weg gewählt, indem er die Abgeordneten des Parlamentes in hebräischer Sprache begrüßte und den Rest seiner Rede in Deutsch hielt.

1.2. Das Stereotyp in der Interkulturellen Begegnung

Bei der Begegnung unterschiedlicher Kulturen spielen Stereotype immer eine entscheidende Rolle – keine positive, aber eine, die man nicht ignorieren kann.

„Bei der interkulturellen Begegnung tritt jeder Beteiligte seinem Partner mit vorgeprägten Vorstellungen und Einstellungen gegenüber. Fast immer sind bereits bestimmte Images, Einstellungen, Stereotype und Vorurteile vorhanden; und sie bestimmen im hohem Maße mit, wie im konkreten Fall die Prozesse der Interkulturellen Kommunikation und Interaktion verlaufen.“ [1]

Wie Maletzke außerdem schreibt, gibt es neben den Stereotypen von fremden Gruppen, den sogenannten Heterostereotypen, und denen von der eigenen Gruppe, den sogenannten Autostereotypen, auch noch stereotype Vorstellungen davon, welche Bilder andere Menschen von mir als Angehörigen einer bestimmten Gruppen haben.[2]

Wenn ich also als Deutscher - zum Beispiel bei einer Auslandsreise - auf einen Menschen anderer Nationalität treffe, muß ich mir darüber bewußt sein, daß nicht nur das eigene Stereotyp von der anderen Person vorhanden ist, sondern auch bei dieser ein stereotypes deutsches Bild von mir selbst. Zusätzlich habe ich auch noch eine festgelegte Vorstellung darüber, was die andere Person wahrscheinlich über mich denkt, weil sie eben weiß, daß ich Deutsche/r bin.

Auf Grundlage dieser Überlegung müßte ein Interkulturelles Training eigentlich damit beginnen, vor der Interaktion mit anderen Kulturen zunächst die Wirkung der eigenen Kultur zu lehren. Bevor sich jemand in eine Interkulturelle Begegnung begibt, müßte er sich vorher nicht nur der Beeinflussung der eigenen Wahrnehmung durch seine Kultur, also seines Ethnozentrismus[3], bewußt sein, sondern auch des Bildes, das er glaubt, durch seine Nationalität in seinem Gegenüber zu erzeugen.

1.3. Nationalsozialismus als deutsches Stereotyp

Basierend auf diesen Vorüberlegungen wollte ich in der vorliegenden Arbeit den langen Weg nachzeichnen, den die Deutschen in den letzten 60 Jahren gegangen sind, um sich langsam dem zu nähern, das man vielleicht irgendwann als Bewältigung der Vergangenheit bezeichnen kann. Außerdem versuchte ich, durch Recherche in ausländischen Medien und eine empirische Untersuchung herauszufinden, inwieweit das Stereotyp des Nationalsozialismus heute noch das deutsche Bild prägt.

Wie sind die Deutschen in den letzten Jahrzehnten mit ihrer belastenden Vergangenheit umgegangen? Haben sie ihren Weg zwischen Verdrängung, Konfrontation, Tabuisierung und offenem Umgang mit diesem Thema gefunden? Wie hat sich das Selbstverständnis in dieser Zeit verändert und wie sieht es heute aus?

Und welches Bild haben Angehörige anderer Nationen, insbesondere Briten, Franzosen und US-Amerikaner als ehemalige Besatzungsmächte, von uns? Durch welche Faktoren wird es beeinflußt? Spielt der Nationalsozialismus immer noch so eine entscheidende Rolle? Wie weit weicht also das Stereotyp, das wir glauben darzustellen, von dem ab, was andere Länder wirklich von uns haben?

Diesen Fragestellungen galt mein besonderes Interesse!

2. Das Trauma der deutschen Vergangenheit

2.1. 1945 – Die Stunde Null

2.1.1. Einleitung

„Helm ab Helm ab: - Wir haben verloren! Die Kompanien sind auseinandergelaufen. Die Kompanien, Bataillone, Armeen. Die großen Armeen. Nur die Heere der Toten, die stehn noch. […] Und die Helme, die rosten. Nehmt die verrosteten Helme ab: Wir haben verloren.“ [4]

Mit diesen Worten beginnt „Das ist unser Manifest“ des jungen Schriftstellers Wolfgang Borchert. Als der Zweite Weltkrieg am 08. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches endete, stand er kurz vor seinem 24. Geburtstag und sollte noch zweieinhalb Jahre Zeit haben, die zermürbenden Kriegserlebnisse niederzuschreiben, die ihn wie seine ganze Generation prägten. Borchert zählt, wie Heinrich Böll schreibt, „zu den Opfern des Krieges“, denn er starb am 20. November 1947 an seinen Folgen.

„[…] es war ihm über die Schwelle des Krieges hinaus nur eine kurze Frist gegeben, um den Überlebenden, […] zu sagen, was die Toten des Krieges, zu denen er gehört, nicht mehr sagen konnten: daß ihre Trägheit, ihre Gelassenheit, ihre Weisheit, daß alle ihre glatten Worte die schlimmsten ihrer Lügen sind.“ [5]

Doch die Menschen in Deutschland hatten im Mai 1945 keine offenen Ohren, keine Zeit und vor allem keine Kraft, die Anklagen der Toten zu hören oder sich gar dem Thema Verantwortung zu stellen. Eine Verantwortung, die ihre Nachfahren bis heute beschäftigt und die als Vergangenheitsbewältigung immer noch ein Begriff in aller Munde ist, weil sie einfach bisher nicht „zu bewältigen“ war.

„Wird man die ungeheuerlichen Erlebnisse, die uns in den zwölf Jahren des Dritten Reichs beschieden wurden, je vollkommen verstehen? Erlebt haben wir sie, aber verstanden haben wir sie, keiner von uns ausgenommen, bisher nur unvollkommen. Diese oder jene Seite unseres Schicksals tritt uns zwar in oft greller Beleuchtung anscheinend völlig zweifelsfrei vor Augen. Aber wie das alles unter sich und mit tieferen Ursachen zusammenhängt und wie es von den grenzenlosen Illusionen, denen so viele in den Anfangsjahren des Dritten Reichs unterlagen, zu den grenzenlosen Enttäuschungen und Zusammenbrüchen der Endjahre kam und kommen mußte, wer kann uns das heute ganz begreiflich machen? Die deutsche Geschichte ist reich an schwer lösbaren Rätseln und an unglücklichen Wendungen. Aber dies uns heute gestellte Rätsel und die von uns heute erlebte Katastrophe übersteigt für unser Empfinden alle früheren Schicksale dieser Art.“ [6]

2.1.2. Die Stunde Null

Die viel beschworene Stunde Null wird heute von Historikern nur noch als Politikum betrachtet, das Jahrzehnte lang die Frage aufwarf, ob „dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns [bleibt]. […] Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“[7], wie Theodor Heuss kurz vor seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland 1949 sagte.

Als die Stunde des revolutionären Umbruchs und Neuanfangs hat sie nach neueren Untersuchungen jedoch ausgedient. Diese hatte statt dessen bereits ab Anfang 1943 begonnen und sich bis zur Währungsreform im Juni 1948 erstreckt. Durch die Flucht und Vertreibung, die bereits mit dem Verlust der Ostgebiete begann, wurde die deutsche Gesellschaft durcheinandergeworfen und mußte sich vollständig neu ordnen. Man geht davon aus, daß die stark nivellierte „Notgesellschaft“ dieser Zeit den Grundstock für die Mittelstandsgesellschaft der späteren Bundesrepublik bildete.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gegen den allgemeinen Mythos der Stunde Null sprechen auch die Aufzeichnungen des aus dem französischen Exil zurückgekehrten Schriftstellers Alfred Döblin. Er verglich in seinen Tagebuchaufzeichnungen die Menschen mit Ameisen, die ruhelos in ihrem zerstörten Haufen hin- und hereilten.

„Ein Haupteindruck im Lande, und er löst Ende 1945 bei dem, der hereinkommt, das größte Staunen aus, ist, daß die Menschen hier wie Ameisen in einem zerstörten Haufen hin und her rennen, erregt und arbeitswütig zwischen den Ruinen und ihr ehrlicher Kummer ist, daß sie nicht sofort zugreifen können, mangels Material, mangels Direktiven.

Die Zerstörung wirkt auf sie nicht deprimierend, sondern als intensiver Reiz zur Arbeit. Ich bin überzeugt: Wenn sie die Mittel hätten, die ihnen fehlen, sie würden morgen jubeln, nur jubeln, daß

man ihre alten, überalterten, schlecht angelegten Ortschaften niedergelegt hat und ihnen Gelegenheit gab, nun etwas Erstklassiges, ganz Zeitgemäßes hinzustellen.“ [9]

Die Vorstellung also von einer Stunde Null nach dem totalen Zusammenbruch, in der Deutschland plötzlich aus einem Trauma erwachte und die eintretende Stille für einen Blick zurück auf die Katastrophe und für die Frage nach dem „Warum?“ nutzte, ist so nicht richtig. „Es schien, als würden die Menschen in der Stunde Null die unsägliche Barbarei des Nationalsozialismus und die mit ihr verknüpfte eigene Schuld gar nicht erst wahrnehmen.“[10] Für eine Verarbeitung des Erlebten, für „Trauerarbeit“, wie Glaser schreibt, oder gar für Reue blieben keine Zeit, keine Ruhe und keine Gelegenheit. Die sowjetisch besetzte Zone drängte in einem erzwungenen Fortschrittsglauben nach vorn in Richtung des Sozialismus, der Westen Deutschlands wiederum schlug den kapitalistischen Weg ein und beide Seiten versuchten sich von der, heute so nostalgischen Stunde Null, auf die jeweils vorgegebene Weise so schnell wie möglich wegzubewegen.[11]

2.1.3. Entnazifizierung

Diese mangelnde Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führte dazu, daß - entsprechend der Umfragen, die von der amerikanischen Militärregierung 1945-1947 durchgeführt wurden[12] - gut die Hälfte der Deutschen in dieser Zeit immer noch die Meinung vertrat, der Nationalsozialismus sei eine gute Idee, die lediglich schlecht realisiert wurde.

Um für die politische Umerziehung der Deutschen zu sorgen, hatte es sich die amerikanische Militärregierung zur Aufgabe gemacht, eine „Entnazifizierung“, also politische Säuberung des Landes, durchzuführen. Diese begann im März 1946 mit der Verabschiedung des sogenannten „Befreiungsgesetzes“ (Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus). Jeder Deutsche, der über 18 Jahre alt war, hatte einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen, der ihn dann nicht nur in eine der vorgegebenen Kategorien - Hauptschuldige, Schuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete – einstufte, sondern zudem auch noch über eine mögliche Beschäftigung und den Empfang von Lebensmittelkarten entschied.[13]

Die Schriftstellerin Ursula von Kardorff macht im Juli des Jahre 1946 ebenfalls Bekanntschaft mit dem 131 Fragen umfassenden Bogen, als sie sich bei der Augsburger Zeitung bewirbt. Ein amerikanischer Major läßt sie einen umfangreichen Fragebogen beantworten, der ihr recht grotesk erscheint.

„Unter anderem, wieviel man wiegt, was für Narben man hat, die Farbe der Augen und der Haare, ob und welchen Adelstitel die Vorfahren geführt haben, welcher Religion man angehört, ob man aus der Kirche ausgetreten ist, wieviel man verdient hat, ob man in einem der besetzten Gebiete eine Funktion gehabt hat, ob verhaftet war. Besonders absurd fand ich die Frage, was man 1933 gewählt hatte. Erstens, weil man bei ihrer Beantwortung mühelos lügen kann, und zweitens, weil ich mir bisher eingebildet hatte, das Wahlgeheimnis gehöre zu den grundlegenden Gesetzen der Demokratie. Überhaupt erschien uns das Ganze so lächerlich, daß wir in eine übermütige Laune gerieten, als wir den Bogen ausfüllten. Früher war es die jüdische, nun ist es offenbar die adlige Großmutter, die einem schaden kann.“ [14]

In der Tat stieß das Vorgehen der Amerikaner bei vielen Deutschen mehr und mehr auf Kritik. Man warf ihnen vor, es sei in seinen Vorstellungen und in der Kategorieneinteilung viel zu weit von der Realität des Dritten Reiches entfernt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem richtete der enorme bürokratische Aufwand letztendlich größeren Schaden an, als daß er Nutzen gebracht hätte.[15] Personen mit großem gesellschaftlichem Einfluß hatten weit weniger Probleme, sich „rein zu waschen“.

„Die Notwendigkeit, ‚einwandfreie Gutachten’ als Leumundszeugnis bei den Entnazifizierungs-stellen vorzulegen, führte alsbald zu einer Überflutung der Ausschüsse mit sogenannten ‚Persilscheinen’, die unbelastete Deutsche ihren Landsleuten, oft auch aus Mitleid und Gefälligkeit, ausstellten. Vielfach waren ideelle Beziehungen persönlicher Art oder materielle Korruption in Form von Bestechung mit im Spiel.“ [16]

Diese „Persilscheine“ machten, allein schon durch ihre Bezeichnung im Volksmund, deutlich, wie sehr das, was durch die Entnazifizierung erreicht werden sollte, von dem abwich, was wirklich erreicht wurde. Statt einer Säuberung der deutschen Gesellschaft durch eine Aussortierung und Verurteilung der ehemaligen Nationalsozialisten, was von der Militärregierung im übrigen als „white wash“ bezeichnet wurde, fand durch die „Persil-scheine“ eher eine Reinwaschung der Schuldigen selbst statt. Von beiden Seiten wurde also ein „Wasch-Vokabular“, wie Kleßmann schreibt, benutzt, das auch die Oberflächlichkeit (oberflächliche Reinigung) des ganzen Vorgangs deutlich macht, der letztendlich nur dazu diente, den Verantwortlichen „von seiner braunen Tünche gereinigt und mit frischer Weste in die Gesellschaft [zurückzuschicken]“.[17]

Als besonders ungerecht wurde es von der deutschen Bevölkerung empfunden, daß die Bagatellfälle vorgezogen wurden, um die betroffenen Personen von den amerikanischen Entlassungsverfügungen zu befreien, damit sie wieder in ihren alten Positionen beschäftigt werden konnten. Dieses führte allerdings dazu, daß man die schweren Fälle aufschob; und sie nach Beendigung der Entnazifizierung nicht weiter verfolgte.

„Der Volksmund protestierte auf seine Weise: ‚Die Kleinen hängt man, und die Großen läßt man laufen‘.“ [18]

Da die Wirren bei der Durchführung der Entnazifizierungskampagne und die mangelnde Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung insgesamt eher zum gegenteiligen Resultat führte, wie die Meinungsumfragen der OMGUS in den Westzonen bewiesen[19], setzte sich der Publizist Eugen Kogon in seinem Beitrag „Das Recht auf den politischen Irrtum“ für die Frankfurter Hefte 1947 kritisch mit der Frage auseinander, ob aus der angestrebten Denazifizierung nicht vielmehr eine Renazifizierung geworden sei.

„Die Form, wie man das deutsche Volk seit nunmehr zwei Jahren vom Nationalsozialismus und Militarismus zu befreien versucht, hat zu dem reichlich chaotischen Zustand, in dem wir uns befinden, viel beigetragen. Das Ergebnis ist vorerst, jeder Kundige weiß es, weniger Denazifizierung als Renazifizierung. Das böse Wort läuft um: ‚Seitdem uns die demokratische Sonne bescheint, werden wir immer brauner.’ Deutsche Mängel und alliierte Fehler haben einander mit verhängnisvoller Sicherheit, als ob sie aufeinander abgestimmt wären, ergänzt und die Anstrengungen der Einsichtigen bisher beinahe um jeden Erfolg gebracht.“ [20]

Das Entnazifizierungsverfahren ebbte mit Beginn des Kalten Krieges nach und nach ab und wurde im Dezember 1950 schließlich von der deutschen Bundesregierung formell abgeschlossen. Es wurde nur noch auf Länderebene weitergeführt, was dazu führte, daß die Zahl der Verurteilungen wegen NS-Verbrechen in den 50er-Jahre rapide abnahm.[21]

2.1.4. Heimkehrerschicksal

Ein weiteres Phänomen, das die deutsche Nachkriegsgesellschaft prägte und ebenso wiederum deutlich machte, in welch kurzer Zeit diese Nation einen vollständigen Gesinnungswechsel vollzogen hatte, waren die Schicksale der sogenannten „Spätheimkehrer“. Soldaten also, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren und erst Monate oder Jahre nach Beendigung des Krieges in die Heimat zurückkehrten. Besonders diejenigen, die aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten, hatten es schwer[22]. Sie fanden eine völlig veränderte Gesellschaft vor, die nichts mehr vom Krieg wissen wollte und eine Frau bzw. Familie, die gelernt hatte, sich selbst zu versorgen und die dem „Fremden“ eher skeptisch gegenüberstand. Man hatte sich auseinandergelebt – hatte Jahre in unterschiedlichen Welten verbracht.

Sehr anschaulich beschreibt Wolfgang Borchert das Kriegsheimkehrer-Schicksal in seinem Theaterstück „Draußen vor der Tür“, das 1947 zu einem großen Erfolg wurde. Tausende identifizierten sich mit dem Protagonisten Beckmann, der zwei Jahre nach dem Ende des Krieges in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrt.

„Ein Mann kommt nach Deutschland.

Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends manchmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich – auch. Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und als Eintrittsgeld mußte er mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause.

Ein Mann kommt nach Deutschland.

[…], einer von denen. Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße.

Das ist ihr Deutschland.“ [23]

Dort liegt alles in Schutt und Asche. Sowohl die Stadt, die einmal seine Heimat war, als auch das Leben, zu dem er zurückkehren wollte – alles ist zerstört, liegt in Trümmern oder ist einfach nicht mehr da. In der Wohnung hat ein fremder Mann seinen Platz an der Seite seiner Frau eingenommen, ebenso wie ihm auch in seinem Elternhaus eine fremde Frau die Tür öffnet. Die Eltern hätten sich das Leben genommen, sich selbst „entnazifiziert“, wie die Fremde spöttisch bemerkt. So findet der verzweifelte Heimkehrer keinen Platz, der ihn aufnimmt. Selbst die Elbe, in die er sich flüchtet - denn er will einfach nur „pennen“ („Pennen will ich. Tot sein. Mein ganzes Leben lang tot sein. Und pennen. Endlich in Ruhe pennen. Zehntausend Nächte pennen.“[24] ) -, spuckt ihn nach kurzer Zeit wieder aus.

Doch Beckmann begnügt sich nicht damit, „einer von der großen grauen Zahl“[25] zu sein, wie Borchert den Tod zu Anfang des Stückes sagen läßt. Er begnügt sich nicht damit, draußen vor der Tür stehen zu bleiben. Er stellt Fragen und verlangt Antworten. Allein durch seine Anwesenheit konfrontiert er die Menschen mit einer Vergangenheit, die sie doch gerade erst so erfolgreich verdrängt hatten.

2.1.5. Verantwortung

Die Schlüsselszene des Dramas, gibt meiner Ansicht nach, die deutsche Lebensrealität der Nachkriegszeit am eindrucksvollsten wieder. Sie zeigt noch einmal mit aller Deutlichkeit, wie schnell man vergessen und zum Alltag zurückkehren wollte. Neben der Verdrängungsmentalität wird in dieser Szene auch das zentrale Thema der Verantwortung angesprochen, die niemand bereit oder in der Lage war, zu tragen. Gerade die kleinen Leute waren von Hunger, Vertreibung, Tod von Angehörigen und den Wirren der Nachkriegszeit insgesamt so ausgemergelt und zermürbt, daß sie der Meinung waren, genug gelitten, ja fast genug gebüßt, zu haben. Vor allem aber waren sie von der Größe der Schuld, die sie auf sich geladen hatten bzw. die ihnen aufgeladen werden sollte, ebenso überfordert wie von der Unsicherheit der neuen Lebenssituation.

„Oberst: Was wollen Sie denn von mir?

Beckmann: Ich bringe sie Ihnen zurück.

Oberst: Wen?

Beckmann (beinah naiv): Die Verantwortung. Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück. Haben Sie das ganz vergessen, Herr Oberst? Den 14.Februar? Bei Gorodok. Es waren 42 Grad Kälte. Da kamen Sie doch in unsere Stellung, Herr Oberst, und sagten: Unteroffizier Beckmann. Hier, habe ich geschrien. […] - dann sagten Sie: Unteroffizier Beckmann, ich übergebe Ihnen die Verantwortung für die zwanzig Mann. Sie erkunden den Wald […]. Und dann sind wir losgezogen und haben erkundet. Und ich – ich hatte die Verantwortung. Dann haben wir die ganze Nacht erkundet, und dann wurde geschossen, und als wir wieder in der Stellung waren, da fehlten elf Mann. Und ich hatte die Verantwortung. Ja, das ist alles, Herr Oberst. Aber nun ist der Krieg aus, nun will ich pennen, nun gebe ich Ihnen die Verantwortung zurück, Herr Oberst, ich will sie nicht mehr, ich gebe sie Ihnen zurück, Herr Oberst. “ [26]

Nicht nur Borcherts Stück, das sich sehr nah an der damaligen Realität bewegt, sondern auch die Tagebuchaufzeichnungen „außenstehender“ Beobachter zeugen von der Fassungslosigkeit über die deutsche Einstellung und die Verdrängung der eigenen Schuld. Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Buch „Europa in Trümmern“ von 1990 Augenzeugenberichte amerikanischer Journalisten, schweizerischer Schriftsteller und anderer Menschen von außerhalb des Trümmerfeldes gesammelt, die in der Zeit von 1944-48 durch das zerstörte Europa reisten und ohne Pathos festhielten, was sie sahen, hörten und empfanden.

So schreibt Alfred Döblin: „Und wenn einer glaubt oder früher geglaubt hat, das Malheur im eigenen Lande und der Anblick einer solchen Verwüstung würde die Menschen zum Denken bringen und würde politisch erzieherisch auf sie wirken, - so kann er sich davon überzeugen: er hat sich geirrt. […], und bestimmt werden keine weiteren Überlegungen angestellt. Man geht an seine Arbeit, steht Schlange hier wie überall nach Lebensmitteln.“[27]

Auch Enzensberger selbst führt die Ignoranz, Engstirnigkeit und die „Verengung des Horizonts“, wie er schreibt, auf die extremen Lebensbedingungen der Zeit zurück. „Wer nur an die nächste Mahlzeit denkt, wer gezwungen ist, sich ein Dach über dem Kopf zusammenzunageln, dem fehlen gewöhnlich Lust und Energie dazu, sich zum wohlinformierten Zeitgenossen zu emanzipieren.“[28] Dieses schlichte und treffende Resümee läßt sich sicher ebenso auf den Umgang mit der Schuldfrage beziehen. Der Mensch strebt immer erst nach der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse, bevor er sich philosophischen Fragestellungen hingeben kann.

Das unermüdliche und emsige Streben der Menschen nach Dingen, die ihnen den täglichen Lebensbedarf sichern; das ständige Organisieren von irgendetwas, unwichtig was es war, wird auch in der folgenden Karikatur deutlich. Sie ist 1946 in dem Satiremagazin „Ulenspiegel“ erschienen, aus dem der spätere „Eulenspiegel“ hervorging, die einzige humoristische Zeitschrift, die in der ehemaligen DDR die dortige SED-Regierung (zumindest ansatzweise) kritisieren durfte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.6. Abschluß

Abschließend ist zum Thema des Schuldbewußtseins während der Nachkriegszeit zu sagen, daß dieses so gut wie gar nicht vorhanden war und man es aufgrund der eingeschränkten Sichtweise und den schlechten Lebensbedingungen, wohl auch von den Menschen nicht erwarten konnte.

2.2. Die 50er Jahre

2.2.1. Einleitung

Um einen neuen Anfang und der deutschen Seele neue Wurzeln zu verschaffen, wurde bereits in den ersten Schriften der Nachkriegszeit vielfach eine Rückbesinnung auf Gott gefordert. Man machte den wachsenden Atheismus für die gerade überstandene Katastrophe verantwortlich. Sogar Philosophen wie Lessing, Kant, Fichte und Nietzsche schob man die Schuld zu, da sie durch nihilistische Ideologien im 19. Jahrhundert bisherige Glaubens-gewißheiten erschüttert hätten.[29]

Außerdem griff man auf alte Wurzeln zurück, indem man sich auf die Komponenten der deutschen Kultur besann - ja, diese sogar regelrecht beschwor -, die diese vor der Zeit des III. Reiches ausmachten. Gerade der Historiker Friedrich Meinecke bekämpfte in seinem Buch „Die deutsche Katastrophe“ den starken Zulauf zu den Kirchen, die für die Menschen Geborgenheit, für ihn jedoch den Verlust der Eigenständigkeit bedeuteten. Dagegen sieht er „die Kultur des deutschen Geistes[30] “ als den entscheidenden Faktor an, zu dem die Deutschen zurückfinden müssen.

„Auf eine Verinnerlichung unseres Daseins kommt heute alles, alles an. Die Kultur des deutschen Geistes nannten wir als das zweite der Gebiete, von denen sie ausgehen müßte. Das Werk der Bismarckzeit ist uns durch eigenes Verschulden zerschlagen worden, und über seine Ruinen hinüber müssen wir die Pfade zur Goethezeit zurücksuchen […] die Kirche [gibt] das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit. Das bedeutet, daß von vornherein auch ein großes Maß von Organisation dabei mitwirken muß. Organisation aber heißt auch immer irgendwo in Reih und Glied treten, auf ein Stück von Eigenwilligkeit verzichten und es beschneiden lassen. Kann man damit aber auch der geistigen Kultur aufhelfen? Fordert sie nicht gerade eine Sphäre der Eigenwilligkeit, der Einsamkeit, der Vertiefung in sich selbst? Die Zweifel am schlechthinnigen Werte der Organisation beginnen ja schon beim höheren Schulwesen, beim Prüfungswesen, wo so viel Äußerliches ins Spiel kommt und das Innerliche zu schädigen vermag, In der Goethezeit trat das Äußerliche sehr zurück, und das Innerliche konnte sich dafür freier entwickeln.“ [31]

Nicht nur Meinecke, sondern allgemein berief man sich auf die deutschen Klassiker - allen voran auf Goethe – zur Reinwaschung des verschmutzten deutschen Bildes. So kam der 200. Geburtstag des Geheimrates gerade recht. Man instrumentalisierte ihn sofort und warb mit dem Slogan: „Goethe´s Germany invites you!“ für ein ganz neues, anderes Deutschland.

2.2.2. Ein ganz neues Deutschland

Das Grundgesetz für dieses ganz neue Deutschland, das jetzt Bundesrepublik hieß, wurde am 23. Mai 1949 verkündet. Außerdem bekam es Mitte September des Jahres in Theodor Heuss seinen ersten Bundespräsidenten und in Konrad Adenauer seinen ersten Bundeskanzler.

Als am 31. Oktober dann schließlich noch der Marshallplan in Kraft trat, stand dem wirtschaftlichen Aufschwung nichts mehr im Wege. Von diesem Programm, das von den USA „zur Unterstützung und Koordinierung der Wirtschaft in europäischen Ländern“ entwickelt wurde, ging zudem eine „psychologisch starke Signalwirkung“ aus[32]. Auf Grundlage der bereits schon 1948 durchgeführten Währungsreform begann für die deutsche Wirtschaft ein Höhenflug, der sich im Laufe der 50er-Jahre noch weiter ausbauen sollte. 1950 prägte die Londoner Tageszeitung „Times“ als erste den Begriff des deutschen Wirtschaftswunders[33] .

„Das Wunder geschah: Die Menschen vertrauten dem neuen Geld; lange zurückgehaltene Güter waren plötzlich auf dem Markt; die Schaufenster zeigten von einem Tag auf den anderen ein Warenangebot, das zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Ludwig Erhard, 1948 bis 1949 Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes und in dieser Funktion maßgeblich an der Währungsreform beteiligt, behielt recht mit der Auffassung, daß die Sanierung der Währung und die Etablierung freier Marktwirtschaft untrennbar zusammenhingen; das eine hätte ohne das andere nicht gelingen können.“ [34]

2.2.3. Der neue Konsum verdrängt die alte Schuld

Wie bereits im Kapitel „Entnazifizierung“ erwähnt, verlief diese bereits zu Beginn der neuen Bundesrepublik Deutschland im Sande. Neben den anderen Problemen, die die Durchführung der „Säuberung“ verhinderten, war schließlich der Beginn des Kalten Krieges der Hauptgrund für die vollständige Einstellung.

Das Feindbild wandelte sich schnell und den westlichen Siegermächten, allen voran den USA, war es wichtiger, Westdeutschland nicht in die Hände der UDSSR fallen zu lassen, als belastete Nationalsozialisten zu verfolgen. Im Gegenteil rehabilitierte man diese sehr schnell, wenn man sie selbst oder ihr Wissen für die eigenen Zwecke einsetzen konnte. Zudem verdrängten die neuen Konsummöglichkeiten, nach den langen Jahren der Entbehrung, sämtliches Schuldbewußtsein. Man hatte eine neue Zeitrechnung begonnen und betrachtete alles, was vorher war, als verjährt , abgeschlossen und nicht mehr zeitgemäß.

2.3. Die 60er Jahre

2.3.1. Die alte Schuld läßt sich nicht verdrängen

Am 01. Juni 1962 endete in Jerusalem der spektakuläre Prozeß gegen Adolf Eichmann mit der Hinrichtung des Angeklagten. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer wurde zwei Jahre zuvor vom israelischen Geheimdienst „Mossat“ in Argentinien aufgespürt, wohin er nach Kriegsende geflüchtet war. Die Aufgabe des Mossats bestand auch darin, Eichmann den Behörden in Israel bezüglich einer Aburteilung zu übergeben.[35]

Der Eichmann-Prozeß rüttelte die Deutschen wach; man fand sich plötzlich von einer Vergangenheit eingeholt, die nach Kriegsende von anderen – nämlich den Alliierten – bewältigt und im vergangenen Jahrzehnt so erfolgreich verdrängt wurde. Dementsprechend war Deutschland Anfang der 60er Jahre zum ersten Mal in der Situation sich mit der eigenen Schuld, der Vergangenheitsbewältigung und der Bestrafung der Verbrecher des nationalsozialistischen Regimes - ganz auf sich allein gestellt -auseinanderzusetzen.

Dieses gestaltete sich jedoch als nicht so einfach. Zum einen hatte man kaum Erfahrung, denn die 5866 Personen, die in der Zeit von 1945 – 55 wegen nationalsozialistischer Verbrechen von deutschen Gerichten verurteilt wurden, standen eigentlich vor Gerichten, die vollständig den Alliierten unterstanden. Die volle Souveränität erhielten die Gerichte auf dem Gebiet der BR Deutschland erst im Mai 1955 zurück.[36]

Verbunden war diese neue Eigenständigkeit mit der Forderung, bereits abgeschlossene Verfahren nicht noch einmal aufzunehmen. Dieser Umstand stellte die andere – und hauptsächliche – Erschwerung der Vergangenheitsbewältigung dar. Die Alliierten hatten bei der Urteilsfindung in den Kriegsverbrecherprozessen keineswegs uneigennützig entschieden. Teilweise kamen Personen, die als „Hauptschuldige“ eingestuft waren, mit sehr milden Strafen oder sogar Freisprüchen davon, wenn sie aufgrund ihres Wissens der Besatzungsmacht dienlich sein konnten. Man geht sogar davon aus, daß es eine Art von organisierten Fluchtmöglichkeiten für ehemalige Verbrecher des nationalsozialistischen Regimes gegeben hat.[37]

„Die Doppelmoral der Alliierten zeigte sich auch bei den westalliierten wie russischen Bemühungen, deutsche Wissenschaftler unabhängig von ihrer politischen Belastung, für das eigene Lager zu gewinnen – es handelte sich allein in der amerikanischen Zone um etwas 1000 Personen. Dazu kam im Westen die Nachlässigkeit, mit der man die Flucht von Nazis zuließ bzw. nicht unterband; auf der „Rattenlinie“ bzw. „Vatikan- oder Klosterlinie“ (mit katholischen Kreisen als Fluchthelfer) gelangten Tausende von NS-Funktionären in alle Teile der Welt. Mit Beginn des Kalten Krieges verhalfen zudem die westlichen Siegermächte zahlreichen schwerbelasteten Nazis, vorwiegend Militärs und Geheimdienstlern, zu neuer Karriere und damit zur Freiheit, weil sie deren Kenntnisse in Anspruch nehmen wollten.“ [38]

Als am 20. Dezember 1963 der sogenannte Auschwitz-Prozeß vor dem Frankfurter Schwurgericht gegen Mitglieder der Wachmannschaften des Konzentrationslagers eröffnet wurde, war das gegen viele Widernisse der erste Schritt der Bundesrepublik zur aktiven Vergangenheitsbewältigung. Viele der Hauptschuldtragenden konnten vor Gericht wohl als Zeugen aussagen, konnten aber aufgrund der vorgenannten Klausel selbst nicht noch einmal angeklagt werden. Außerdem drohte die Verjährungsdebatte, die im März 1965 im deutschen Bundestag geführt wurde, den Abschluß des Prozesses zu gefährden.

Laut damaligem Strafrecht verjährte Mord bereits nach zwanzig Jahren, welches zur Folge gehabt hätte, daß die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes nicht mehr hätten verfolgt werden dürfen. Man einigte sich allerdings vorerst auf eine Verlängerung der Frist um weitere vier Jahre. Da man zu dem Schluß gelangte, die Verjährung könne ja erst mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 beginnen.[39] 1969 mußte man sich dann dieser Debatte erneut stellen, um die Verjährungsfrist für Mord vorläufig auf dreißig Jahre festzulegen.

2.3.2. Vergangenheitsbewältigung in der DDR – Hitler wurde gleichsam Westdeutscher

Am 13. August 1961 wurde die Teilung der beiden deutschen Staaten durch den Beginn des Mauerbaus endgültig besiegelt. Für die DDR-Regierung waren die ständig wachsenden Flüchtlingsströme zunehmend untragbar geworden. Von September 1949 bis August 1961 flohen insgesamt 2.691.270 Bürger der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Da man nach und nach vorwiegend junge und auch qualifizierte Arbeitnehmer verlor, und zusätzlich einen großen wirtschaftlichen Schaden erlitt, riegelte man die Zonengrenze auf einer Länge von 1.378 Kilometern mit Stacheldraht und Minensperren ab. Bis zum Mauerbau blieb Berlin das einzige Schlupfloch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Maßnahme wurde von der SED-Regierung als Erschaffung eines „Antifaschistischen Schutzwalls“ gerechtfertigt. Ebenso wie bereits schon 1953 der Antifaschismus instrumentalisiert wurde, indem der Aufstand vom 17. Juni auf faschistische Kräfte zurückgeführt[40] und deswegen von der DDR-Regierung mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht zerschlagen wurde.

Diese beiden Ereignisse hinterließen natürlich auch im Westen tiefe Spuren. Der Arbeiteraufstand und vor allem auch seine Niederschlagung durch den Einsatz von Panzern, die vom „Großen Bruder“ geschickt worden waren, versetzte die Bundesrepublik in einen Zustand der hilflosen Ohnmacht. Man war nur Beobachter, konnte nicht eingreifen und reagierte schließlich so, daß man den 17. Juni zum gesetzlichen Feiertag – paradoxerweise nämlich zum „Tag der deutschen Einheit“ – machte.[41]

Der Antifaschismus wurde von der SED-Regierung also stets als Alibi mißbraucht, um fragwürdige politische Entscheidungen zu legitimieren. Mehr noch wurde er – wie Bernd Faulenbach schreibt – dazu benutzt, die „antifaschistische Führung der Kritik [zu entheben], in dem er sie moralisch überhöhte“[42].

„In der Konsequenz des Antifaschismus lag, daß sich große Teile der DDR als nichtverantwortlich für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sahen: Hitler war – wie Peter Bender formuliert hat – gleichsam zum Westdeutschen geworden.“ [43]

Nachdem man bereits schon in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) in radikalen und oft zweifelhaften Schnellverfahren rund 30.000 mutmaßliche Verbrecher der national-sozialistischen Diktatur vor sowjetischen Gerichten verurteilt hatte, glaubte man, die Vergangenheit damit abgelegt zu haben.[44]

„’Faschismus’ wurde als Sammelbegriff verwendet: als Grund für die Ausschaltung bzw. Verfolgung Oppositioneller und Abweichler in den eigenen Reihen oder für die Beseitigung von ‚Klassenfeinden’. Die Behauptung, es handele sich dabei um ehemalige Funktionäre der nationalsozialistischen Organisationen, entsprach nicht den Tatsachen; von Anfang an wurden systematisch Staatsbeamte und Verwaltungsangestellte, Richter, Staatsanwälte, Polizeiangehörige, Rechtsanwälte, Lehrer, Journalisten, Ärzte, Wissenschaftler, Intellektuelle, Unternehmer, Fabrikanten und ‚Junker’, also die als potentieller Feind empfundene bürgerliche Elite, isoliert und ‚dezimiert’.“ [45]

„Höhepunkt des Justizterrors waren die ‚Waldheimer-Prozesse’ des Landgerichts Chemnitz im Frühjahr 1950. SED-Instruktionen wiesen die ausgesuchten Richter und Staatsanwälte an, daß die Schuld der Angeklagten bereits erwiesen sei und deshalb auf Zeugen, Beweiserhebungen und Verteidiger verzichtet werden könne. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, die Urteile standen nach halbstündigen Verhandlungen fest. 26 Häftlinge wurden hingerichtet. Danach erlahmte der Erfolgseifer der DDR-Behörden.“ [46]

Dementsprechend verstand sich die DDR ab Anfang der fünfziger Jahre als Staat, der sich von der faschistischen Vergangenheit regelrecht frei gekauft hatte. Man verzichtete deswegen auf die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Da die Bundesrepublik Deutschland ja stets als negatives Gegenmodell zur sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik betrachtet wurde, die sich – wie beschrieben – dem Antifaschismus verschrieben hatte, schob man die dunkle Vergangenheit natürlich von sich weg und dem westlichen Teil Deutschlands in die Schuhe.

„Auf Grund der unterschiedlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der DDR und der alten Bundesrepublik differiert offenbar gegenwärtig die Bedeutung der NS-Zeit zwischen den Westdeutschen und Ostdeutschen. Philipp Lutz kommt in seiner Untersuchung des gegenwärtigen deutschen historisch-politischen Bewußtseins zu dem Ergebnis, daß die NS-Zeit im Bewußtsein der Westdeutschen eine ungleich größere Rolle spielt als bei den Menschen der früheren DDR. Vieles spricht dafür, daß auch im Hinblick auf das Geschichtsbewußtsein die Zweistaatlichkeit und der Ost-West-Gegensatz heute noch in erheblichem Maße nachwirkt.“ [47]

2.3.3. Der Widerstand gegen die schweigende Gesellschaft

Die sechziger Jahre waren also geprägt von einer öffentlichen und offiziellen Vergangenheitsbewältigung, die die Deutschen sich zwangsläufig selbst auferlegen mußten. Doch gegen Ende dieses Jahrzehnts stellte sich heraus, daß man sich damit allein nicht zufrieden geben konnte, daß auch eine private, persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgen mußte. Diese Forderung kam jedoch nicht von außen, sondern aus dem eigenen Land, aus den eigenen Universitäten, von den eigenen Kindern.

Daniel Cohn-Bendit erinnert sich 1987 in einem Artikel für „Die Zeit“ an die Studentenaufstände. Er versucht die Beweggründe darzustellen, die neben dem Protest gegen die „große Koalition“ zu den fast bürgerkriegsähnlichen Zuständen 1968 in Deutschland führten:

Dazu kam die schwer verdaubare Nichtauseinandersetzung der Eltern der revoltierenden Studenten mit dem Nationalsozialismus, sie war ein wichtiger Ausgangspunkt der Revolte. So konnte es zu der politischen Verkürzung kommen: Damals haben die nicht Widerstand geleistet, heute wenn der Parteigenosse Kiesinger den Notstand plant, tun wir es. Wehret den Anfängen. […], dieses Schweigen, hat bei uns wesentlich zur ungeheuren emotionalen Unzufriedenheit mit dieser Gesellschaft geführt.“ [48]

Viele Studenten, Intellektuelle und Künstler – aber auch ganz normale Bürgerinnen und Bürger – fühlten sich durch die 1966 gebildete „Große Koalition“ aus CDU/CSU und SPD nicht mehr ausreichend vertreten, da ihnen die Opposition im Parlament fehlte. Außerdem entsprach diese Regierung nicht dem, was sie im September des Vorjahres gewählt hatten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Protestierenden verstehen sich als eine „Außerparlamentarische Opposition“ (APO). Sie versuchen durch Demonstrationen, Sitzblockaden und öffentliche Diskussionen auf politische Mißstände innerhalb des Landes aufmerksam zu machen. Besonders der eher konservativ orientierte Springer-Konzern wird zu ihrem erklärten Gegner.

Als am 02.Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird, verhärten sich die Fronten zwischen Staatsmacht und der außerparlamentarischen Opposition immer mehr.

Zur wirklichen Eskalation der Studentenunruhen kommt es dann im Mai des folgenden Jahres, als der Bundestag eine Notstandsverfassung beschließt, die bereits schon im Vorfeld weitreichende öffentliche Diskussionen ausgelöst hatte. Diese Notstandsgesetze stellten der Staatsmacht Maßnahmen (z.B. den Einsatz der Bundeswehr) zur Verfügung, um äußere, wie auch innere Notsituationen abwehren zu können.

Die Gegner dieser Gesetze sahen die noch junge deutsche Demokratie massiv gefährdet und riefen zu bundesweiten Protestaktionen auf. Am 11.Mai 1968 traf man sich zum „Sternmarsch“ auf Bonn.

2.4. Die 70er Jahre

2.4.1. Der Kniefall von Warschau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Der hat sich nicht hingekniet, es hat ihn hingekniet“, urteilte der Augenzeuge Henry Nannen, Chefredakteur des Stern[49]. Dieses Bild ging um die Welt. Es bescherte dem Knienden ein hohes Ansehen im Ausland – und verursachte eine tiefe Spaltung der eigenen Nation.

Als Willy Brandt, der ein Jahr vorher zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik gewählt worden war, zu seinem Besuch nach Warschau aufbrach, war ihm bewußt, welche Last er dorthin mitnahm. „Nirgends hatte das Volk, hatten die Menschen so gelitten wie in Polen.“, schreibt er 1989 in seinen „Erinnerungen“.[50]

„Wer nennt die Juden, auch aus anderen Teilen Europas, die allein in Auschwitz vernichtet worden sind? Auf dem Weg nach Warschau lag die Erinnerung an sechs Millionen Todesopfer.“ [51]

Brandt ist es im Rückblick auf diesen Tag wichtig zu betonen, daß die Geste des Kniefalls nicht geplant gewesen sei. Es war die zweite Kranzniederlegung dieses Dezembertages, nach

dem Grabmahl des Unbekannten Soldaten, nun das Denkmal an das ehemalige Warschauer Ghetto und seine Toten.[52]

„Die Träger hatten, wie es das Protokoll bei solchen Anlässen vorschreibt, einen Kranz niedergelegt. Ebenfalls protokollgerecht war der hohe Besuch vorgetreten, um die Schleife des Gebindes, die eigentlich schon einwandfrei geordnet war, zurechtzuzupfen. ‚Wo ist er denn hin?’ – ‚Ist er hingefallen?’ Die Fotografen in den hinteren Reihen nahmen die Ellbogen zu Hilfe, um sich vorzudrängeln. Willy Brandt hatte sich plötzlich und so unerwartet auf die Knie fallen lassen, daß man an einen Schwächeanfall des Kanzlers glauben konnte. Das Klicken der Fotoapparate steigerte sich zu einem hektischen Gewitter. Da kniete er auf dem regennassen Asphalt: Zehn Sekunden, 20 Sekunden, eine endlose halbe Minute. Sein Kopf war gesenkt, der Blick starr auf die gefalteten Hände gerichtet. Dann erhob er sich mit einem energischen Ruck, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Mit langsamen Schritten ging er zu seinen Begleitern zurück.“ [53]

Angesichts der Tatsache, daß Willy Brandt die Zeit des III. Reiches im schwedischen Exil in Stockholm verbrachte, und deswegen praktisch von jeglicher Schuld bezüglich der deutschen Vergangenheit freigesprochen werden konnte, schrieb damals ein unbekannter Reporter, den später immer wieder zitierten Satz:

„Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können.“

Für mich persönlich drückt jedoch die anfangs erwähnte Beschreibung Henry Nannens die emotionale Augenblicklichkeit der Situation besser aus. Auch wenn der Satz: „Der hat sich nicht hingekniet, es hat ihn hingekniet“ ein wenig derb und der Wichtigkeit der Geste nicht angemessen erscheint, macht er ihre Spontaneität viel eher deutlich. Ein Kniefall als wortlose Reaktion auf die Last, auf die Bedeutung eines Ortes, an dem Worte nicht angemessen gewesen wären.

[...]


[1] Maletzke (1996), 158

[2] ebd., 110

[3] W. G. Sumner, zitiert bei Maletzke (1996), 23

[4] Borchert (1956), 112

[5] Borchert (1956), 118

[6] Meinecke (1946), 5

[7] Theodor Heuss, zitiert bei Glaser (1997), 30

[8] vgl. Broszat/Henke/Woller in: Glaser (1997), 30

[9] Döblin, zitiert bei Enzensberger (1990), 188

[10] Glaser (1997), 29

[11] vgl. Glaser (1997), 29

[12] vgl. Merritt/Merritt in: Lahme (2000), 15 und Kleßmann (1982), 56

[13] vgl. Kleßmann (1982), 89

[14] Kardorff, zitiert bei Glaser (1997), 43

[15] vgl. Kleßmann (1982), 90

[16] Bracher, zitiert bei Glaser (1997), 43

[17] Niethammer, zitiert bei Kleßmann (1982), 90

[18] Reichel (2001), 34

[19] vgl. Kleßmann (1982), 91

[20] Kogon in: Kleßmann (1982), 387

[21] vgl. Kleßmann (1982), 91

[22] vgl. Glaser (1997), 83

[23] Borchert (1956), 8

[24] Borchert (1956)., 11

[25] ebd., 11

[26] Borchert (1956), 25

[27] Döblin, zitiert bei Enzensberger (1990), 189

[28] Enzensberger (1990), 8

[29] vgl. Glaser (1997), 91

[30] Meinecke (1946), 168

[31] ebd., 168 f.

[32] Ploetz (2003), 451

[33] ebd., 451

[34] Riehl, zitiert bei Glaser (1997), 184

[35] Knopp(1998), Hitlers Helfer - Vhs

[36] vgl. Lahme (2000), 30

[37] vgl. ebd., 30f

[38] Bower, Giefer und Glaser, zitiert bei Glaser (1997), 47

[39] vgl. Lahme (2000), 34

[40] vgl. Faulenbach, in: Danyel (1995), 120

[41] vgl. Glaser (1997), 245

[42] Faulenbach, zitiert bei Danyel (1995), 120

[43] ebd.

[44] Vgl. Glaser (1997), 54

[45] Kaff, zitiert bei Glaser (1997), 53

[46] Glaser(1997), 54

[47] Faulenbach, zitiert bei Danyel (1995), 121

[48] Daniel Cohn-Bendit in: „Die Zeit“ 41/1987

[49] Nannen, zitiert bei Knopp (1999), 230

[50] Brandt, zitiert bei Lahme (2000), 43

[51] Brandt, ebd., 43

[52] vgl. Brandt in Lahme (2000), 43f

[53] Knopp (1999), 230

Details

Seiten
106
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783832489090
ISBN (Buch)
9783838689098
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224084
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Informations- und Kommunikationswissenschaft, Angewandte Sprachwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
vergangenheitsbewältigung kriegsende deutschlandbild nationalstolz auslandsbeziehungen

Autor

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Titel: Die Bewältigung der deutschen Vergangenheit aus deutscher und ausländischer Sicht