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Die Sozialpädagogische Lernhilfe (SPLH) als Form der sozialen Arbeit

Studienarbeit 2003 70 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

KAPITEL 1: DEFINITION UND GESCHICHTE DER SOZIALPÄDAGOGISCHEN LERNHILFE (SPLH)
1.1 Definition
1.2 Geschichte

KAPITEL 2: ENTWICKLUNGSAUFFÄLLIGKEITEN BEI KINDERN UND DEREN URSACHEN
2.1 Definition von Entwicklung und Entwicklungsauffälligkeit
2.2 Die Formen von Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern
2.3 Die Ursachen von Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern
2.3.1 Individuelle Ursachen
2.3.2 Gesellschaftliche Ursachen
2.3.3 Schlussfolgerung

KAPITEL 3: NEUE UNTERSUCHUNGS- ERGEBNISSE ÜBER DIE SPLH
3.1 Die ‚Frankfurter Richtlinie’
3.1.1 Ziel
3.1.2 Datenbezug
3.1.3 Untersuchungsgegenstand bzw. –personen
3.1.4 Untersuchungszeitraum
3.1.5 Untersuchungsrahmen
3.1.6 Untersuchungsfragen
3.1.7 Ergebnisse der Untersuchung
3.1.8 Schlussfolgerung
3.2 Befragung von Lehrern der Stadt Frankfurt am Main über die Wirksamkeit der SPLH
3.2.1 Allgemein
3.2.2 Ziel der Befragung
3.2.3 Datenbezug
3.2.4 Untersuchungspersonen
3.2.5 Untersuchungszeitraum
3.2.6 Untersuchungsrahmen
3.2.7 Rücklaufquote
3.2.8 Untersuchungsfragen
3.2.9 Ergebnisse
3.2.10 Schlussfolgerung
3.3 Bewertung beider Untersuchungen

KAPITEL 4: DER HILFEPLANPROZESS IN DER SPLH
4.1 Rechtliche Grundlagen
4.2 Rahmenbedingungen für den Hilfeplanprozess
4.3 Phasen des Hilfeplanprozesses
4.3.1 Vorphase
4.3.2 Klärungsphase
4.3.2.1 Der Hilfebedarf
4.3.2.2 Das Hilfeziel
4.3.2.3 Die Hilfeart
4.3.3 Erziehungskonferenz
4.3.4 Der Hilfeplan
4.3.5 Verlaufskonferenz
4.3.6 Hilfeplanbeendigung
4.3 Vertiefung
4.3.1 Der ökonomische Aspekt
4.3.2 Die Aufgaben des Vertreters im Jugendamt
4.3.3 Kooperation der professionell Tätigen
4.4 Die Kompetenzen des Lernhelfers
4.4.1 Methodische Kompetenzen
4.4.2 Fachkompetenzen
4.4.3 Soziale Kompetenzen
4.4.4 Vorgehensweisen
4.5 Überlegungen und Kritik zum Hilfeplanprozess

KAPITEL 5: DIE VERWENDUNG VON KONZEPTEN UND METHODEN IN DER SPLH
5.1 Abgrenzung der Begriffe Konzept und Methode
5.2. Beispiel für ein Konzept in der SPLH: Die Lebensweltorientierung
5.3 Beispiele für Methoden in der SPLH
5.3.1 Die soziale Einzelfallhilfe
5.3.1.1 Ziel
5.3.1.2 Inhalt und Umsetzung
5.3.1.3 Überprüfbarkeit
5.3.2 Die Elemente der Gruppenarbeit
5.3.2.1 Ziel
5.3.2.2 Inhalt und Umsetzung
5.3.2.3 Überprüfbarkeit
5.3.3 Die Biographische Fallrekonstruktion
5.3.3.1 Ziel
5.3.3.2 Inhalt und Umsetzung
5.3.3.3 Überprüfbarkeit
5.3.4 Schlussfolgerung

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

QUELLEN & ADRESSENLISTE

ANHANG

EINLEITUNG

Zu Beginn der neunziger Jahre praktizierte ich in einem offenen Jugendhaus in Berlin-Steglitz. Im Sommer 2000 betreute ich zwei autistische Jungen als Einzelbetreuer für einen Verein der Lebenshilfe in Duisburg. Seit März des Jahres 2002 arbeite ich in Frankfurt am Main als Lernhelfer in der Sozialpädagogischen Lernhilfe (SPLH) mit entwicklungsauffälligen Kindern.[1]

Die SPLH ist eine Form der Sozialen Arbeit.[2] In der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich kritisch mit den Ansätzen der SPLH auseinandersetzen und ihren Wert für die Soziale Arbeit aufzeigen.

Ich beginne in Kapitel 1 mit einer Definition der SPLH und ihrer

Geschichte.

In Kapitel 2 werde ich mich den Entwicklungsauffälligkeiten, die die betreuten Kinder in der SPLH aufweisen, zuwenden und auf die individuellen und gesellschaftlichen Hintergründe eingehen.

Unter Verwendung der ‚Frankfurter Richtlinie’ [3] und einer von mir an Frankfurter Lehrern durchgeführten Befragung, gewinne ich in Kapitel 3 mehr Informationen über die SPLH.

In Kapitel 4 beschäftige ich mich mit der Hilfeplanung und dem Verlauf einer Hilfedurchführung (beide ergeben den Hilfeplanprozess). Es wird im Einzelnen skizziert, wie und durch wen eine SPLH bewilligt wird, welche Voraussetzungen dabei eine Rolle spielen, wer an ihr beteiligt ist und welche Maßnahmen im Einzelnen für das Kind beschlossen werden.

In Kapitel 5 untersuche ich die Verwendung von Konzepten und Methoden in der SPLH. Dabei werde ich auf das Konzept der Lebensweltorientierung und auf die Methoden soziale Einzelfallhilfe, soziale Gruppenarbeit und biographische Fallrekonstruktion eingehen.

Im Fazit werde ich abschließend die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammenfassen und bewerten.

KAPITEL 1: DEFINITION UND GESCHICHTE DER SPLH

1.1 Definition

Die Bezeichnung Sozialpädagogische Lernhilfe (SPLH) ist in Frankfurt am Main entstanden und ist dort in Zusammenarbeit von privaten Anbietern und den Sozialrathäusern der Stadt geschaffen worden. [4] Die Sicherung und die Weiterentwicklung der SPLH erfolgt durch den Sozialen Dienst der Stadt Frankfurt am Main (Qualitätsstandards, Evaluationen usf.). Die sozialpädagogische Lernhilfe ist eine Einzelfallhilfe.[5] In der Einzelfallhilfe gibt es verschiedene Konzepte, die sich in ihren Ansätzen häufig ähneln oder lediglich mit einem anderen Begriff belegt werden. So werden neben der SPLH die ‚ Therapeutische Lernhilfe’ oder ‚ soziale Schülerbetreuung’ von kommerziellen Trägern angeboten, die nicht mit der öffentlichen Jugendhilfe kooperieren und bezahlt werden. In diesem Bereich ist die Entstehung eines Wildwuchses erkennbar.

Die SPLH der Stadt Frankfurt am Main besitzt einen doppelten Auftrag. Auf der einen Seite ist in ihr ein Teil der klassischen Hausaufgabenhilfe wiederzufinden, auf der anderen Seite zielt sie auf eine intensive sozialpädagogische Betreuung ab, die über die schulischen Anforderungen hinausgeht. Mit Hilfe von Rollen-, Bewegungs- und Körperspielen (psychomotorische Übungen oder Sport u.a.), dem ‚Lebensweltlernen’ (Kultur- und Naturausflüge) möchte die SPLH das Kind in seiner Persönlichkeit stärken, Stressabbau ermöglichen (durch Entspannungsübungen u.a.), ihm helfen, eigene Bedürfnisse mit denen der anderen Kinder abzustimmen, Verantwortung für sich und seine Umwelt zu übernehmen und es anregen, Regeln und Abläufe einzuhalten. Auch sollte das Kind zu kritischem und selbstkritischem Denken motiviert werden.

Nach langen Recherchen stellte ich fest, dass es einen großen Mangel an Daten über die SPLH gibt. Es gibt weder Studien über ihre Effizienz noch über ihre Effektivität innerhalb der Sozialen Arbeit. Auch die Frankfurter Stadtverwaltung der Kinder- und Jugendhilfe bzw. einzelne städtische Sozialrathäuser, die die SPLH als Hilfe zur Erziehung vorsehen, konnten mir lediglich eine kurze Zusammenfassung der SPLH vorlegen (‚ Frankfurter Richtlinie’). Deshalb habe ich in einer von mir erarbeiteten Befragung an Lehrern der Stadt Frankfurt am Main versucht, nähere Informationen über die SPLH zu gewinnen.[6]

1.2 Geschichte

In der Weimarer Republik wurde durch das Reichsjugend-wohlfahrtsgesetz (RJWG) eine erste umfassendere Jugendhilfe-gesetzgebung erlassen. Die Verabschiedung des RJWG vom 14. Juni 1922 sah das Recht auf Erziehung für jeden jungen Menschen vor (§1).[7] Bereiche wie die der Beratung, der allgemeinen Unterstützung oder der präventiv offenen Hilfen wurden jedoch nur am Rande erwähnt oder erst gar nicht beschrieben.

Zu Beginn des Jahres 1991 ( in den neuen Bundesländern schon vom 3. Oktober 1990 an) wurden die Gesetze, welche Kinder und Jugendliche betreffen, reformiert.[8] Das ehemalige Jugendwohl- fahrtsgesetz (JWG) wurde durch das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) ersetzt. Dadurch entstanden neue Rahmenbedingungen für die professionell Tätigen und neue Angebote für die in Deutschland lebenden Kinder.

Rechtlicher Kern der Erziehungshilfen, insbesondere der Einzelfallhilfe, sind die §§ 27 ff. KJHG SGB VIII, Hilfen zur Erziehung, welche sich vor allem auf die §§ 28 bis 35 KJHG SGB VIII beziehen.[9] Die Hilfen umfassen u.a.:

1. Erziehungsberatung (§ 28 KJHG SGB VIII)
2. soziale Gruppenarbeit (§ 29 KJHG SGB VIII)
3. Erziehungsbeistand oder die Hilfe durch Betreuungshelfer (§ 30 KJHG SGB VIII)
4. sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 KJHG SGB VIII)
5. Erziehung in einer Tagesgruppe (§ 32 KJHG SGB VIII)
6. Vollzeitpflege (§ 33 KJHG SGB VIII), Heimerziehung
7. Sonstige Wohnformen außerhalb der Familie (§ 34 KJHG SGB VIII)

8. Eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (§ 35 KJHG SGB VIII)

9. Eingliederung für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche (§ 35a KJHG SGB VIII).

10. Hilfe für junge Volljährige, Nachbetreuung (§41 KJHG SGB VIII).

Die SPLH wird im KJHG explizit nicht benannt. Sie wurde aus § 1 KJHG SGB VIII: Recht auf Erziehung, Elternverantwortung und Jugendhilfe abgeleitet. Die Kostenübernahme für die Leistung einer SPLH wird durch § 78a KJHG SGB VIII: Anwendungsbereich gedeckt.

Bis 1945 galt die weitverbreitete Ansicht in der Sozialen Arbeit in Deutschland, dass der in seiner Schieflage befindliche Mensch für sein Leben allein verantwortlich ist (Schuldzuweisung an den Klienten). Nach dem II. Weltkrieg übernahm die Soziale Arbeit in Deutschland Methoden aus den USA . Diese legten vor allem Wert auf die Formen von Mitbestimmung, Gleichberechtigung und Eigenverantwortung. Darunter zählt neben den klassischen Methoden der group work (Gruppenarbeit) und der community organization (Gemeinwesenarbeit), die social case work (soziale Einzelfallhilfe).[10]

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts stellten sich Pädagogen die Frage, wie eine Erziehungshilfe für entwicklungsauffällige Kinder noch weiter optimiert werden kann. Zunehmend wurde anerkannt, dass gesellschaftliche Bedingungen zu sozialen Ungleichheiten führen. Bis dahin arbeiteten die Bereiche der Medizin, Psychologie und Pädagogik häufig getrennt voneinander. Ziel war es deshalb, all die Bereiche stärker miteinander zu verzahnen, um eine möglichst rasche Hilfe für den Betroffenen zu gewährleisten. Zudem sollte das theoretische Wissen enger in die Praxis integriert werden. Mit dem Gedanken des interdisziplinären Ansatzes organisierten einige freie Träger, aber auch Studenten in den Fachbereichen der Sozialen Arbeit Betreuungsprojekte für Kinder, die eine Verbindung von der altbewährten Hausaufgabenhilfe mit der pädagogischen Freizeitgestaltung herstellte.[11]

Durch diese Neuorientierung in der Sozialen Arbeit (Paradigmenwechsel) wurden neue Einrichtungen und Angebote geschaffen. Dazu gehört die SPLH.

Am Beispiel der therapeutischen Schülerhilfe in Saarbrücken soll die Neuorientierung in der Sozialen Arbeit veranschaulicht werden.

In Saarbrücken entstand 1974 im Rahmen der traditionellen Familienhilfearbeit ein Projekt der ‚ Therapeutischen Schülerhilfe ’.[12] Das Projekt ging von den beiden Mitarbeitern Fredrika Büch und Reiner Büch in der Bezirksarbeit des Diakonischen Werkes an der Saar aus. Beide sahen sich mit Kindern konfrontiert, welchen die Einweisung in ein Heim, Ausschulung oder auch eine Fremdunterbringung drohten. Die Kinder hatten massive Konflikte in ihrer Familie und in der Schule. Die bis dahin herkömmlichen Methoden wie Strafarbeiten, eine reine Hausaufgabenhilfe, Familienberatung oder psychologische Einzeltherapien (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Gesprächs-therapie u.a.) brachten nicht den gewünschten Erfolg.

Anhand von detaillierten Angaben über das Kind und dessen Familie stellten die Mitarbeiter fest, dass vordergründig die ökonomische Situation und die damit auftretenden sozialen Spannungen in der Familie für die Entwicklungsauffälligkeiten der Kinder verantwortlich waren. Sie bekamen nicht die notwendige Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung. Es gab weder klare Erziehungsregeln noch Kontinuität und Verlässlichkeit. Zudem hatten sie durch die Enge der Wohnungssituation kaum Möglichkeiten, Ruhe für sich selbst zu finden.

Fredrika und Reiner Büch erkannten, dass nur eine vorgegebene Kontinuität von klar miteinander besprochenen Regeln und Zeiten zu einem Abnehmen der Entwicklungsauffälligkeiten bei den Kindern führen konnte. Neben der traditionellen Hausaufgabenhilfe standen - und diese Vorgehensweise wurde in den Jahren zuvor in den pädagogischen Einrichtungen kaum oder gar nicht berücksichtigt - die Wünsche der Kinder (Ferienreise, Fußballtur- nier u.a.) im Vordergrund. Sofern möglich, wurde probiert, diese in die Praxis umzusetzen. Zum anderen standen die beiden Mitarbeiter im ständigen Austausch mit den Lehrern, Erziehern, Eltern und gegebenenfalls auch Ärzten und Psychologen. Die Lernhelfer versuchten den Kindern zu helfen, ihre eigenen Fähigkeiten und Neigungen zu entdecken.

Gearbeitet wurde nach dem 'token-Programm'. Der Begriff token stammt aus dem Englischen und bedeutet Geschenk oder Andenken. Jedes Kind bekam vor dem Beginn einer Betreuungsstunde ein sogenanntes Stempelheft. Für jede von den Mitarbeitern erwünschte Leistung, die vom Kind erbracht wurde (pünktliches Erscheinen, Händewaschen vor dem Erledigen der Hausarbeiten oder gemeinsamem Essen, mitgebrachtes Schulmaterial, sauberer Eintrag in die Schulhefte oder korrekt gemachte Aufgaben u.a.) gab es einen Stempel. Nach einer bestimmten Zahl an Stempeln konnte das Kind diese für etwas eintauschen, das es gerne mochte (z.B. Kinobesuch).

Die Erfolge gaben Fredrike und Reiner Büch Recht. Nach einem Jahr verbesserten sich die Schulnoten fast aller Kinder, und auch die Konflikte im Elternhaus sowie in der Schule nahmen insgesamt ab. Die ‚ Therapeutische Schülerhilfe’ wurde 1976 mit dem Hermine-Albers-Preis ausgezeichnet. Sie war Vorlage bei der Schaffung der sozialpädagogischen Lernhilfe in Frankfurt am Main.

KAPITEL 2: ENTWICKLUNGSAUFFÄLLIG-KEITEN BEI KINDERN UND DEREN URSACHEN

In diesem Kapitel möchte ich auf die Entwicklungsauffälligkeiten eingehen, die Kinder, welche eine SPLH in Anspruch nehmen, aufweisen. Zudem werde ich die Hintergründe der Entwicklungs- auffälligkeiten aufzeigen.

2.1 Definition von Entwicklung und

Entwicklungsauffälligkeit

Unter Entwicklung werden Veränderungen im psychophysischen Bereich verstanden, die auch auf das Lebensalter bezogen werden können. Dabei wird es möglich, kleinere Einheiten von Entwicklungsabschnitten zu unterscheiden. Die Entwicklung ist ein gerichteter Prozess. Gemessen am Entwicklungsstand zu einem früheren Zeitpunkt ist der Entwicklungsstand eines Kindes oder Jugendlichen normalerweise durch einen Entwicklungsfort schritt gekennzeichnet. Es muss jedoch auch mit Entwicklungsstillständen oder Entwicklungsrückschritten gerechnet werden. Die Entwicklung befindet sich in einer Wechselwirkung von Anlage- und Umweltfaktoren (Anlage-Umwelt-Problematik), Reifungs- und Lernprozessen bzw. inneren und äußeren Entwicklungsbedingung-en (Kernaussage des Konvergenzprinzips). Zu den inneren

Faktoren zählt neben den Anlagen auch die bewusste Selbststeuerung. Äußere Entwicklungsbedingungen können z.B. auch angebotene oder unterlassene Maßnahmen auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit oder der Pädagogik sein. Die menschliche Entwicklung ist kein Prozess, der sich von selbst vollzieht. Das Individuum entwickelt sich in der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und lernt auch durch die ständigen Anforderungen, die die Gesellschaft ihm auferlegt. Die soziohistorische Theorie der Entwicklung sieht deshalb nicht das, was ein Kind aktuell vermag, als wesentlich an, sondern das, was es mit Hilfe der Erwachsenen leisten könnte. Die Förderung eines Kindes soll, ausgehend vom Abschnitt der aktuellen Entwicklung, innerhalb des Abschnittes der nächsten Entwicklung ansetzen. Dabei hilft der kompetentere Partner (Lernhelfer) dem Kind auf dem nächsthöheren Entwicklungsniveau zu Leistungen, zu denen es allein noch nicht fähig ist.[13]

Nach einiger Zeit wird dann das Kind selbstständig in der Lage sein, die Anforderungen der neuen Stufe zu bewältigen. Im Verlauf der Entwicklung können auch Ereignisse eintreten, die ein Stehenbleiben der Entwicklung auf einer Entwicklungsstufe (Fixierung) oder eine Regression (Rückfall) auf eine frühere Entwicklungsstufe zur Folge haben. In beiden Fällen spricht man von Entwicklungsauffälligkeiten (oder auch Entwicklungsstörung- en). Entwicklungsbeschleunigungen (Akzelerationen) oder Entwicklungsverzögerungen (Retardierungen) sind nicht unbedingt Auffälligkeiten in der Entwicklung. Sie bilden zumeist Varianten im Bereich des im Normalen liegenden Entwicklungstempos.

Aufgrund solcher Schwankungen im Entwicklungstempo entspricht der Entwicklungsstand nicht immer der Altersnorm. Mithilfe von Entwicklungstests lassen sich Entwicklungsbeschleunigungen und -verzögerungen erfassen und durch einen Entwicklungsquotienten auch in Zahlen ausdrücken. Anders als bei diesen am Durchschnitt der betreffenden Altersgruppe orientierten Verfahren sind besondere Entwicklungsskalen konzipiert. Im Rahmen einer Entwicklungsdiagnose des Entwicklungsstandes eines Individuums werden die einzelnen Stufen einer oft als natürlich begriffenen Entwicklungssequenz erfasst.

Die Stadien der Denkentwicklung, zurückgehend auf den Schweizer Psychologen Jean Piaget (1896-1980)[14], werden in Teilstadien und Zwischenstufen unterteilt und als Abfolge von Entwicklungsschritten beschrieben. Entwicklungsskalen der genannten Art haben den Vorteil, dass sie, z.B. bei der Arbeit mit geistig oder lernbehinderten Kindern, sowohl Informationen über den Abschnitt der aktuellen Entwicklung als auch über den Abschnitt der nächsten Entwicklung liefern.

2.2 Die Formen von Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern

Die Entwicklungsauffälligkeiten von Kindern, die in einer SPLH betreut werden, gliedere ich in Schul- und Lernschwierigkeiten einerseits und allgemeine Verhaltensauffälligkeiten andererseits.

Schul- und Lernschwierigkeiten äußern sich u.a. durch folgende Symptome:

- Psychosomatische Erscheinungen, wie z.B. Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen.
- Das Kind teilt selbst mit, dass es den Anforderungen nicht gewachsen ist („Mir ist das alles zuviel.“ „Ich brauche Hilfe.“)
- Schlechte Noten
- Teilleistungsstörungen: Teilleistungsstörungen sind Minder- leistungen in einzelnen kognitiven Bereichen, wie z.B. Dyskalkulie (beeinträchtigte Rechenfähigkeit), Legasthenie (LRS)[15], Raum-Lage-Labilität mit Schwächen in der räumlichen Orientierung und Sprachstörungen.

- Unruhe, Stören im Unterricht, mangelhafte Aufmerksamkeit
- Verweigerung der Mitarbeit oder Schuleschwänzen
Allgemeine Verhaltensauffälligkeiten drücken sich bei den Kindern, die eine SPLH in Anspruch nehmen, durch folgende Erscheinungen aus:
- Antisozialität (gemeinschaftsschädliches Verhalten)
- Affektlabilität (schneller, unbeherrschter Wechsel der Gefühle)
- Geringe Frustrationstoleranz (eingeschränkte Fähigkeit, Misserfolge zu ertragen)
- Hyperaktivität
- Oppositionelles Trotzverhalten
- Starkes Zurückziehen von den anderen Kindern (Kontaktarmut)
- Tagträumen
- Übermäßige Angst und Ängstlichkeit (vor den Mitschülern, den Lehrern, vor Prüfungen, vor dem Versagen allgemein u.a.)
- Übermäßige Gewaltbereitschaft und Aggressivität
- Übermäßige Schüchternheit

2.3 Die Ursachen von Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern

Entwicklungsauffälligkeiten von Kindern haben vielfältige Ursachen. Um diese besser ordnen zu können, werde ich sie in zwei Kategorien aufteilen, einerseits in die individuellen und andererseits in die gesellschaftlichen Ursachen. Der Abschnitt 2.3 endet mit einer Schlussfolgerung.

2.3.1 Individuelle Ursachen

Das Kind ist in vielfacher Form und Organisation in das Leben eingebettet. Es muss beispielsweise die Regeln und Anforderungen in der Familie, aber auch außerhalb, in der Gesellschaft, erlernen und sich z.B. in der Schule oder im Alltagsleben behaupten.

Kinder, die in einer SPLH betreut werden, wachsen häufig in Familien auf, welche von sozialen oder finanziellen Problemen betroffen sind. Diese können durch zerrüttete Ehen, Krankheit, Sucht oder Arbeitslosigkeit gekennzeichnet sein. Den Kindern fehlt es häufig nicht nur an emotionaler Wärme, sondern auch am Umgang mit klaren Alltagsstrukturen. Häufig sind die Kinder auch kulturell belastet. Viele von ihnen wachsen mit unterschiedlichen religiösen Normen- und Wertvorstellungen auf.

Eine große Zahl der von der SPLH betreuten Kinder stammt aus Ausländerfamilien, in denen häufig weder deutsch gesprochen oder geschrieben wird. Viele der betreuten Kinder besitzen daher Lese-, Schreib- und Verständnisschwierigkeiten. Diese finden dann in den Schulnoten ihren negativen Ausdruck. Oft ist ein Kind, welches in einer SPLH betreut wird, im Klassenverband nicht genügend akzeptiert oder integriert. Oft nimmt es auch negativ besetzte Rollen ein und verfügt wenig oder kaum über konstante Freundschaften.

Vielen Kindern fehlt häufig ein adäquater Ausgleich zur Schule. Sie wünschen sich zwar eine konstante, entspannte und sinnvoll ausgerichtete Freizeitgestaltung, wissen aber häufig nicht, wie oder was sie dafür tun können. Wenig Erfahrung mit den für sie vorhandenen Möglichkeiten und Angeboten in ihrer näheren Umgebung ist einer der Schlüssel dafür, weshalb sie mit ihrer Freizeit häufig wenig anzufangen wissen. Aufgrund von materiellen oder zeitlichen Defiziten, manchmal auch aufgrund eines gewissen Desinteresses innerhalb der Familien, sind die Kinder im Umgang mit kulturellen, musischen oder anderen für sie gestalteten Einrichtungen häufig nicht vertraut. Im Sozialverhalten verhalten sich die Kinder anderen Menschen gegenüber häufig überdurchschnittlich aggressiv oder ängstlich.

Häufig leiden die Kinder unter Bewegungsmangel oder auch, was eher seltener ist, unter einer unzureichenden bzw. unregelmäßigen Ernährung. Oft wird bei den Kindern ein hoher Medienkonsum (TV, PC, DVD, Play-Station, Gameboy) registriert. Die Zahl der Schlafstunden ist bei vielen Kindern unzureichend und unregelmäßig. Dies hängt auch häufig an den nicht vorhandenen eigenen Räumlichkeiten. Bedingt durch die finanzielle Knappheit in den Familien, wohnen häufig mehrere Menschen auf engem Raum zusammen. Viele der Kinder verfügen über kein eigenes Zimmer, manche unter ihnen müssen sich ein Bett mit ihren Geschwistern teilen.

2.3.2 Gesellschaftliche Ursachen

Die momentanen gesellschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland haben Auswirkungen auf die Familien und gerade auch auf die Entwicklung der Kinder. Auf drei zentrale Punkte, nämlich auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, den veränderten Familienformen und den Einfluss der Medien gehe ich deshalb näher ein:

Der in einer Rezession befindliche Staat der Bundesrepublik Deutschland sieht sich vielfältigen Problemen ausgesetzt.

Zum einen wurden die Ausgaben der deutschen Wiedervereinigung seit 1990 bei weitem unterschätzt. Zum anderen nimmt der Abbau von Arbeitsplätzen durch eine stetig wachsende Technologisierung und der Einführung von zunehmend hochspezialisierten Computern zu. Und schließlich führt auch eine jahrzehntelange Überbeanspruchung des Sozialstaates dazu, dass sich die ökonomische Lage in der Bundesrepublik Deutschland stetig verschlechtert. [16] In ihrer Konsequenz haben diese Entwicklungen einen Anstieg der Staatsverschuldung sowie einen Zustand der dauerhaften Massenarbeitslosigkeit zur Folge. [17]

Letztlich haben all diese Zahlen und Entwicklungen Auswirkungen auf das Verhalten der in Deutschland lebenden Menschen.

Im Jugendbericht vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend konnte beispielsweise belegt werden, dass Arbeitslosigkeit ein Hauptgrund für die Unzufriedenheit von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 27 Jahren ist. Arbeitslose Jugendliche neigen hiernach eher zu Gewalt als Mittel der Problembeseitigung (39%) als berufstätige Jugendliche (26%).[18] Speziell Kinder, die zwar nicht unmittelbar von der Arbeitslosigkeit betroffen sind, können in diesen Sog von Unzufriedenheit und Frustration innerhalb der Familien, letztlich auch ein Grund für Entwicklungsauffälligkeiten, hineingeraten.

[...]


[1] Der Begriff Entwicklungsauffälligkeit bedeutet in diesem Zusammenhang Schul- und Lernschwierigkeiten sowie allgemeine Verhaltensauffälligkeiten, z.B. Hyperaktivität (Anm. d. Verf.).

[2] Um eine Vereinheitlichung vorzunehmen werde ich die Begriffe der Sozialpädagogik bzw. der Sozialarbeit durch Soziale Arbeit ersetzen.

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Berufsbezeichnungen für die in der Sozialen Arbeit tätigen Fachkräfte, werde ich sie der Verständlichkeit halber als in der Sozialen Arbeit Tätige, professionell Tätige oder als Mitarbeiter in der Sozialen Arbeit bezeichnen.

Da der Lernhelfer eine zentrale Funktion in dieser Arbeit haben wird, bleibt dieser Begriff als Name bestehen (Anm. d. Verf.).

3 Ich werde im Folgenden Eigennamen in kursiver Schrift und mit einem Anführungsstrich am Anfang und Ende des Wortes versehen, z.B.

‚Frankfurter Richtlinie’. Zitate werden in kursiver Schrift und mit zwei Anführungsstrichen am Anfang und Ende des Zitates gekennzeichnet (Anm. d. Verf.).

[4] In Frankfurt sind die Jugendämter auch unter der Bezeichnung Sozialrathäuser zusammengefasst (Anm. d. Verf.).

[5] Nähere Angaben über die Einzelfallhilfe mache ich in Kapitel 5.3.1. Die soziale Einzelfallhilfe (Anm. d. Verf.).

[6] vgl. Kapitel 3 Neue Untersuchungsergebnisse über die SPLH (Anm. d. Verf.).

[7] ebd.

[8] Münder 1992, S. 9 ff.;

[9] Stascheit 2002, Abschnitt: 150 SGB IX §§ 1-4; Alle folgenden §§ des KJHG beziehen sich auf Stascheit 2002, Abschnitt: 150 SGB IX. Wenn Sätze aus Gesetzestexten zitiert sind, werde ich neue Fußnoten anwenden (Anm. d. Verf.).

[10] Die ausführlichen Beschreibungen von ausgewählten Methoden befinden sich in Kapitel 5.3: Beispiele für Methoden in der SPLH (Anm. d. Verf.).

[11] Für diese Idee steht z.B. das Konzept der Lebensweltorientierung, welches im Kapitel 5.2: Beispiel für ein Konzept in der SPLH näher beschrieben wird (Anm. d. Verf.).

[12] Alle Informationen aus dem Projekt der 'Therapeutischen Schülerhilfe' stammen aus Büch, Fredrika und Reiner 1979.

[13] Wolf 2001, CD1-multimedial;

[14] ebd.

[15] Eine Überprüfung, ob ein Kind eine Legasthenie aufweist, kann durch die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zugelassene ‚Hamburger-Schreib-Probe’ ermittelt werden. Sie dient der Erfassung des Rechtschreibkönnens von Schülern im Grundschulalter, sowie der Sekundarstufe 1 (Anm. d. Verf.).

[16] Baratta 2002, S. 276. Sowie: ‚ Frankfurter Neue Presse’, Jahrgang 58-Nr.11, vom Dienstag, 14. Januar 2003, Titel: „Noch mehr Schulden“, S. 1;

[17] ebd.

[18] Aus dem Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Harenberg 2001, S. 232;

Details

Seiten
70
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832485931
ISBN (Buch)
9783838685939
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223787
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main – Sozialpädagogik
Note
Schlagworte
entwicklungsauffälligkeiten hilfeplanprozess sozialpädagogik kinder jugendliche

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Titel: Die Sozialpädagogische Lernhilfe (SPLH) als Form der sozialen Arbeit