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Die paramilitärische Erziehung durch die Hitlerjugend (HJ)

Diplomarbeit 2004 90 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

KAPITEL 1: METHODISCHES VORGEHEN UND CHRONOLOGIE DER HITLERJUGEND
1.1. MethodischesVorgehen
1.2. Chronologie der Hitlerjugend
1.2.1. Die Kampfjugend
1.2.2. Die Staatsjugend
1.2.3. Die Zwangsjugend
1.2.4. Die Verklärung der Hitlerjugend

KAPITEL 2: DIE VERHERRLICHUNG DES KRIEGES
2.1. Das Wesen des Krieges
2.2. Krieg und Verherrlichung
2.3. Die Verklärung des Todes
2.4. Die männliche Identifikation mit dem Soldaten
2.4.1. Das Bild des Soldaten in der Gesellschaft
2.5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg
2.5.1. Der Erste Weltkrieg
2.5.2. Die verlorene Frontgeneration
2.5.3. Der Zweite Weltkrieg

KAPITEL 3: Die PARAMILITÄRISCHE JUGEND- ERZIEHUNG IN DEUTSCHLAND VOR DEM NATIONALSOZIALISMUS
3.1. Der Beginn der preußischen Militärpolitik
3.1.1. Friedrich Wilhelm I
3.2. Die paramilitärische Jugenderziehung gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
3.2.1. Die Turnbewegung
3.2.2. Der Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele
3.2.3. Jugendwehren
3.2.4. Der Jugendpflegeerlass
3.2.5. Der Jungdeutschland-Bund
3.3. Der Kriegseinsatz der Jugend im Ersten Weltkrieg
3.4. Die Weimarer Republik

KAPITEL 4: DIE PARAMILITÄRISCHE JUGEND- ERZIEHUNG INNERHALB DER HITLER- JUGEND
4.1. Die Bedeutung der Jugend im nationalsozialistischen Staat
4.2. Die Anteilnahme der Jugend
4.3. Die Bedeutung der sportlichen Leistung
4.3.1. Mädchen und Sport im Nationalsozialismus
4.4. Die paramilitärische Ausbildung der männlichen Jugend
4.5. Das Wehrertüchtigungslager
4.6. Die nationalsozialistischen Eliteschulen

KAPITEL 5: DER KRIEGSEINSATZ DER HITLERJUGEND
5.1. Die Aufgaben
5.1.1. Die Aufgaben der Jungen
5.1.2. Die Aufgaben der Mädchen
5.2. Die Auswirkungen
5.3. Biographische Erlebnisse

ERGEBNISSE

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

QUELLEN

ANHANG

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

EINLEITUNG

Ganze 12 Jahre währte das „Tausendjährige Reich“. Keine andere deutsche Staatsform bestand für so kurze Zeit. Selbst die Weimarer Republik existierte 14 Jahre (der staatenlose Deutsche Bund von 1815 bis 1871 insgesamt 56 Jahre, das zweite deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 47 Jahre, die Deutsche Demokratische Republik (DDR) von 1949 bis 1990 41 Jahre, die Bundesrepublik Deutschland (BRD) seit 1949 mittlerweile 55 Jahre u.a.). Kein Staat hingegen war radikaler, totalitärer und rücksichtsloser als das „Dritte Reich“.[1]

Dass die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) überhaupt als einzige politische Partei in Deutschland agieren konnte, lag u.a. auch an der hohen Begeisterung junger Menschen. Der Nationalsozialismus war eine extrem junge Bewegung, welche es schaffte, mittels der Erlebniskultur (Lagerfeuerromantik, Kameradschaft und Gemeinsinn), die Jugend für ihre Ideologie und Weltanschauung zu begeistern. Die Ursprünge der Wandervogelbewegung (Ausflüge in die Natur) wurden von reaktionär-bürgerlichen Kreisen, nicht zuletzt von den Nationalsozialisten, mit großem Erfolg weitergeführt. Die Jugend war der Motor der nationalsozialistischen Erziehung. Die Weimarer Republik mit ihren Kompromissen, ihren Debatten und Streitigkeiten besaß für viele Jugendliche keinen Reiz. In dem Nationalsozialismus sahen die Jugendlichen eine Gegenbewegung zu den bestehenden Ansichten und Meinungen.

Die Möglichkeiten, welche die Nationalsozialisten den Jugendlichen, und gerade der männlichen Jugend, in Form der Technik, des Sports und vor allem des Militärs boten, waren zu dieser Zeit einmalig. Doch letztlich war es das Ziel der NSDAP, die Jugend auf den Krieg vorzubereiten.

Dieses Thema: „Die paramilitärische Erziehung der Jugend durch die Hitlerjugend“ soll in dieser Diplomarbeit dargestellt werden.[2]

Eine Erörterung zur Widerstandsbewegung soll in dieser Diplomarbeit nicht bearbeitet werden.

Vier Grundfragen, die dieser Arbeit zugrunde liegen sind u.a.:

- Was sind die Motive, einen Krieg zu glorifizieren?
- Wie sah die paramilitärische Ausbildung der Jugend in der Hitlerjugend aus?
- Wie wurde die Jugend auf den Krieg vorbereitet?
- Wie sah der Kriegseinsatz der Hitlerjugend aus?

KAPITEL1: METHODISCHES VORGEHEN UND CHRONOLOGIE DER HITLERJUGEND

1.1. Methodisches Vorgehen

Im methodischen Vorgehen werde ich vorwiegend auf Primär- und Sekundärliteratur zurückgreifen. Dabei werde ich mich auch auf Filmmaterial stützen („Soldaten für den Krieg. 1. und 2. Teil.“ u.a., hergestellt von Wilhelm Resche und Martin Thoma, Journalisten des SDR, „Triumph des Willens.“ von Leni Riefenstahl, „Der Hitlerjunge Quex.“ von K.A. Schenzinger und B. E. Luethge, Verfasser des Drehbuchs, sowie „Die Gründung der Hitlerjugend.“ von Paul Karlus (Redaktion) und „Jugend unter Hitler. Teil 1 - 4.“ von Werner O. Fleißt, Produktion).

Interviews oder Formen der empirischen Sozialforschung werde ich hingegen in der Arbeit nicht verwenden.

Das Historische Museum der Stadt Frankfurt am Main, das Fritz Bauer Institut in der Bibliothek für Geisteswissenschaften am Grüneburgplatz, Frankfurt am Main, das Stadtarchiv in Frankfurt am Main und das Filmmuseum der Stadt Frankfurt am Main, waren weitere Bezugspunkte, aus denen ich Recherchen, Literatur und Quellen beziehen konnte.

1.2. Chronologie der Hitlerjugend

Die Chronologie der Hitlerjugend erstreckt sich über drei Phasen: Die der Kampfjugend, der Staatsjugend und der Zwangsjugend. Die 1922 gegründete Hitlerjugend, welche häufigen Namensveränderungen unterworfen war, bestand bis zur Kapitulation des Dritten Reiches zwischen dem 7. und dem 9. Mai 1945 insgesamt 23 Jahre. Davon bildete die Zeit der Kampfjugend während der Weimarer Republik (von 1919 bis 1933) die längste Phase, ehe sie durch die Machtübernahme der NSDAP nach elf Jahren zur tragenden Jugendorganisation wurde. Mit Hilfe des am 1. Dezember 1936 erlassenen Reichsgesetzes erreichte sie ihr Ziel als Staatsjugend des Deutschen Reiches. Zunehmende Dienstverpflichtungen und Strafandrohungen führten dazu, dass der Begriff der Zwangsjungend entstand, auch wenn er von Seiten der Hitlerjugendführung offiziell nicht verwendet wurde.

1.2.1. Die Kampfjugend

Die „Thule Gesellschaft“[3], eine Studiengruppe für germanisches Altertum und Förderer für deutschnationale Bewegungen, beauftragte im November 1918 den Eisenbahnschlosser Anton Drexler (1884 - 1942), eine völkische Partei zu bilden. Diese sollte an den späteren Reichstagswahlen teilnehmen. Zusammen mit dem Journalisten Karl Harrer (1890 - 1926) gründete Drexler die zahlenmäßig kleine Deutsche Arbeiterpartei (DAP) am 5. Januar 1919 in München. Sie verstand sich als eine antisemitische, antibürgerliche, nationale und revolutionäre Bewegung in Deutschland, welche sich gegen die Weimarer Republik richtete. Karl Harrer wurde ihr erster Vorsitzender. Die Partei wandelte 1920 ihren Namen in NSDAP um. Damit sollten die Begriffe des „Nationalen“ und des „Sozialistischen“ stärker hervorgehoben werden. Im September 1921 wurde der bereits zwei Jahre zuvor in die Partei eingetretene Adolf Hitler, (geboren in Braunau am Inn /Oberösterreich am 20.April 1889, gestorben durch Selbstmord in Berlin am 30. April 1945) deren Vorsitzender.

Innerhalb der NSDAP entstand am 25. Februar 1922 erstmals eine eigene Jugendabteilung, welche durch die Sturmabteilung (SA) organisiert wurde. Die SA selbst war ein ab August 1921 unter Ernst Röhm geführter Wehrverband. Sie bildete eine Sonderorganisation innerhalb der Partei zum Schutz Adolf Hitlers bzw. für Funktionäre der NSDAP. Die SA, welche uniformiert und bewaffnet war, verstand sich als politische Kampftruppe der NSDAP. Ursprünglich 1921 als Saalschutz für Parteiveranstaltungen fungierend, bestand die SA aus Angehörigen von Freikorps und Bürgerwehrverbänden. 1925 wurde sie als paramilitärisch auftretende Parteiarmee erneut formiert. In der Spätphase der Weimarer Republik zwischen 1930 bis 1933 diente sie als Terror- und Propagandatruppe, besonders im Saal- und Straßenkampf. 1933 und 1934 bildete die SA das stärkste Macht- und Terrorinstrument der nationalsozialistischen Bewegung. Nachdem gescheiterten „Röhmputsch“ am 30. Juni bzw. am 1. Juli 1934 büßte sie ihre politische Bedeutung ein. Doch selbst im Jahr 1938 besaß die SA immer noch 1,2 Millionen Mitglieder.[4]

Die erste Jugendorganisation der NSDAP, die Ortsgruppe München der „Jungsturm Adolf Hitler“, leitete ab 1922 Gustav Lenk. Sie war in zwei Abteilungen für 14 - 16jährige bzw. 16 - 18jährige aufgeteilt und bildete die Jugendabteilung der SA. Allerdings blieb der erwünschte Zulauf der Jugend aus. Nachdem „Hitlerputsch“ vom 8. und 9. November 1923 wurde die NSDAP verboten und damit alle weiteren Organisationen der NSDAP, eingeschlossen der Jungsturm Adolf Hitler.

An dieser Stelle muss Kurt Gruber erwähnt werden, welcher im Herbst 1922 in Plauen im Vogtland den „Jugendbund der NSDAP“ gründete. Mit einer nur aus sechs Mitgliedern bestehenden Gruppierung galt sie als Urzelle der späteren Hitlerjugend. Gruber verfolgte sozial-revolutionäre Ziele. Im Unterschied zu der Organisation Jungsturm Adolf Hitler betonte Gruber ein Recht auf Unabhängigkeit. Er versuchte dem starren Führerprinzip entgegen zu treten. Kurt Gruber setzte sich, zumindest am Anfang, für eine klassenlose Gesellschaft ein, in dem er vor allem die Arbeiterjugend für sich gewinnen wollte. Nachdem die Organisation aufgrund des Hitlerputsches verboten worden war, arbeitete sie als „Wandersportverein Vogtland“ getarnt weiter.

Nach Hitlers vorzeitiger Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg/Bayern im Dezember 1924 wurde die NSDAP am 27. Februar 1925 neu gegründet. Hitler lehnte alle nationalsozialistischen Gruppierungen ab, die sich der NSDAP nicht bedingungslos unterwarfen. Am ersten Parteitag nach ihrer Wiederbegründung am 3. und 4. Juli 1926 in Weimar erhielt die Jugendbewegung der NSDAP den neuen Namen „Hitler-Jugend, Bund deutscher Arbeiterjugend“. Die seit 1923 in Österreich bestehende „Nationalsozialistische Arbeiterjugend“ unter dem Landesführer Theo West gliederte sich der Hitlerjugend an.

Die Hitlerjugend war immer wieder vielen organisatorischen Veränderungen unterworfen. Am 1. November 1926 wurde sie, nach einer zwischenzeitlichen Pause und durch das Verbot des Hitlerputsches bedingt, der SA erneut unterstellt. Gegenüber anderen nationalsozialistischen Gruppen, wie der „Schilljugend“, den „Geusen“, der „Freischar“, den „Adlern“ oder der „Scharnhorst-Jugend“ u.a., hatte sie einen schweren Stand. Die Rivalität endete erst mit der Staatsgewalt durch die NSDAP im Sommer 1933. Mit ihrem Führerprinzip, dem soldatischen Geist und der starken Abhängigkeit von der Partei unterschied sich die Hitlerjugend beträchtlich von den anderen Jugendverbänden. Im Aufbau und in der Organisation war sie nur noch vergleichbar mit der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Im Mai 1927 kam es zu einem schwerwiegenden Bruch innerhalb der Hitlerjugend. Die Gaue von Berlin-Brandenburg, Hamburg, Hannover-Braunschweig, Anhalt-Sachsen-Nord und Ruhrgebiet waren mit dem einseitigen Führerprinzip nicht einverstanden und zielten nach einer größeren Unabhängigkeit. Sie schlossen sich zusammen zum „Bund Deutscher Arbeiterjugend“ (BDAJ). Der BDAJ beabsichtigte den sozialistischen Charakter stärker zu unterstreichen. Später wurde die Hitlerjugend und deren gespaltene Bünde auch als das „sozialistische Gewissen der Nation“[5] bezeichnet. In dieser Phase traf die Formulierung durchaus zu. Der BDAJ konnte jedoch keinerlei politische Wirkung erzielen.

Die durch den BDAJ entstandene Lücke der Hitlerjugend wurde durch die Gründung zweier im Juni 1928 neu entstandener Ortsgruppen, in Hannover und Braunschweig, teilweise wieder geschlossen. Ab dem 9. November 1928 gab es eine strukturelle Neuerung innerhalb der Hitlerjugend. Hitlerjungen, welche in der Hitlerjugend als Führer benötigt wurden, mussten nicht, wie vorher automatisch üblich, in die SA eintreten. Innerhalb der Hitlerjugend entstand eine neue Eigenständigkeit, welche durch Wanderungen und eigene Heimabende geprägt waren. Zuvor galt sie nur als letztes Glied innerhalb der Partei, welche durch das Kleben von Plakaten, Aufmärschen, der Teilnahme an Demonstrationen für Veranstaltungen gegen den „Young-Plan“ oder dem Vertrag von Versailles gekennzeichnet waren.

Im Herbst 1929 versuchte die Hitlerjugend eine Aufnahme in den Reichsausschuss der Deutschen Jugendverbände zu bewirken, die jedoch am 11. Dezember 1929 abgelehnt wurde. Das Argument war, dass die Hitlerjugend eine Kooperation mit anderen Jugendverbänden verweigerte. Im April 1930 verbot Oberpräsident Noske in Hannover die Hitlerjugend und wies an, dass kein Schüler mehr Mitglied innerhalb der Hitlerjugend werden könne. Am 22. Mai 1930 wurden alle nationalsozialistischen Jugendverbände und Jugendvereine verboten. Das Verbot bildete für viele Jugendliche einen Anreiz zu einer Mitgliedschaft in die Hitlerjugend. In dieser Zeit, Mitte der zwanziger Jahre bis Anfang der dreißiger Jahre, welche durch zahlreiche Straßenkämpfe gekennzeichnet waren, entstand der Begriff Kampfjugend innerhalb der Hitlerjugend. Dieser Begriff fand vor allem gegen Ende der Weimarer Republik seine Bedeutung. Starben durch Straßenkämpfe in der Zeit zwischen 1925 bis 1930 zwei Hitlerjungen, waren es in den Jahren 1931 bis 1933 21 Hitlerjungen und ein Mädchen vom Bund Deutscher Mädel (BDM). Die Führung der NSDAP nutzte diese Entwicklung für ihre Propagandazwecke. Sie kreierte den Mythos von Opferbereitschaft, Blut, Kampf und Fahne.

Bei der Reichstagswahl am 4. September 1930 wurde die NSDAP mit 6,4 Millionen abgegebenen Stimmen und 107 Reichstagssitzen zweitstärkste Partei in der Weimarer Republik. Die Wählergemeinschaft bestand aus den bisherigen Nichtwählern, einem großen Teil der Mittelklasse, überwiegend aus nicht gewerkschaftlich organisierten Facharbeitern und Handwerksgesellen in Klein- und Mittelbetrieben. Diese hatten sich von den demokratischen Parteien abgewandt, da sie durch die Weltwirtschaftskrise einen ökonomischen Niedergang erfuhren. Eine der wichtigsten Wählergruppen war jedoch vor allem auch die Masse der Jungwähler, die den Parolen Hitlers folgte.[6]

Der von sozialistischen und antikapitalistischen Ideen geprägte Kurt Gruber trat am 29. Oktober 1931 als Jugendführer der Hitlerjugend zurück. Dies hatte mehrere Gründe: Gruber kritisierte, dass die obere Leitung der NSDAP Beziehungen mit der besitzbürgerlichen Klasse einging. Er betrachtete dies als elitär. Die NSDAP ihrerseits benötigte jedoch potentielle Geldgeber, wie den Großindustriellen Alfred Hugenberg, um eine nationale Aufbruchstimmung für die Partei mit Hilfe von Propaganda und finanziellem Einfluss in die Wege zu leiten.

Gruber kritisierte zudem das Scheitern der Anschlussverhandlungen mit den anderen völkischen Jugendbünden. Zudem war die Führung der NSDAP unzufrieden mit dem langsamen Anwachsen der Mitglieder im Nationalsozialistischen Studentenbund (NSDStB).

Neuer Reichsjugendführer der NSDAP und damit Nachfolger von Kurt Gruber, wurde am 30. Oktober 1931, der am 9. Mai 1907 in Berlin geborene Baldur von Schirach (gestorben in Kröv Landkreis Bernkastel-Wittlich 1974). Er leitete von 1928 bis 1932 den NSDStB. Jugendführer des gesamten Deutschen Reiches war Schirach zwischen 1933 und 1940. Zwischen 1940 bis 1945 wurde er Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess („Nürnberger Prozesse“) 1946 wurde er wegen Beteiligung an Judendeportationen zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er in Berlin-Spandau verbüßte.[7] Das Ziel von Schirach war, im Gegensatz zu Gruber, die sozialistischen Ziele den nationalen unterzuordnen. Er beabsichtigte die Hitlerjugend zu reformieren, die, wie er von sich aus formulierte: „...jener schlecht geleiteten und mäßig disziplinierten Organisation, die als Mittelding zwischen Wehr- und Jugendbewegung ein kümmerliches Dasein fristet.“[8] Durch Schirach entstand innerhalb der Hitlerjugend ein bürokratischer Wasserkopf mit vielen Ober- und Unterabteilungen.

Die Instabilität innerhalb der Weimarer Republik spitzte sich Anfang der 30iger Jahre immer mehr zu. Der im Herbst 1931 ernannte Reichswehrminister Groener (parteilos), welcher kurze Zeit darauf auch Reichsinnenminister wurde, versuchte die Straßenkämpfe zu stoppen und die Jugend entsprechend zu kanalisieren. Dies sollte durch einen staatlich geförderten, allgemeinen Wehrsportverband geschehen, der alle anderen Wehrsportverbände vereinigen sollte (u.a. den „Stahlhelm“, die SA und das „Reichsbanner“). Doch die Führung der NSDAP und Adolf Hitler weigerten sich, dieser Gründung nachzukommen. Die NSDAP befürchtete, ihr Machtmittel, die SA, zu verlieren. So trat auf Antrag Groeners mit Unterschrift des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 13. April 1932 eine Notverordnung in Kraft, die alle militärischen Organisationen der NSDAP verbot, auch die der Hitlerjugend, da sie der SA unterstand. Das SA-Verbot führte jedoch zu derartigen Protesten innerhalb der Bevölkerung, dass die Regierung unter ihrem Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrumspartei), einschließlich Reichswehr- und Innenminister Groener, im Mai 1932 zurücktreten musste.

Durch die neue Regierung mit dem Reichskanzler Franz von Papen wurde am 17. Juni. 1932 das Verbot von militärischen Organisationen der NSDAP aufgehoben. Die NSDAP war in Deutschland mittlerweile zu stark geworden.

Mitte des Jahres 1932 gründete sich das Nationalsozialistische Deutsche Jugendwerk. Dieser schloss alle Organisationen der NSDAP mit ein und wurde schließlich in den Reichsausschuss der Deutschen Jugendverbände aufgenommen.

Dennoch, alle Bemühungen der NSDAP, aus eigenen Kräften die deutsche Jugend für ihre Partei zu gewinnen, waren insgesamt zu schwach gewesen. Noch im Januar 1933, vor der Machtübernahme der NSDAP, verzeichnete der Reichsausschuss der Deutschen Jugendverbände gerade einmal 50.000 Mitglieder innerhalb der Hitlerjugend. Diese Zahl entsprach gerade einmal ein Prozent der insgesamt vorhandenen Jugend, welche in Jugendverbänden aktiv war.[9]

1.2.2. Die Staatsjugend

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler mit Hilfe der „Regierung der nationalen Konzentration“. Sie bestand, allerdings nur für drei Monate, aus der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und dem Stahlhelm. Kompromisslos schuf sich die NSDAP die alleinige politische Macht und bildete allmählich einen totalitären Staat in Deutschland heran. Jugendorganisationen und Jugendverbände, welche nicht der NSDSAP angehörten wurden gleichgeschaltet oder ganz aufgelöst. Doch trotz dieser Entwicklung fand die Hitlerjugend auch in den ersten beiden Monaten und bis weit in den März des Jahres 1933 nur geringen Zulauf. Erst mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 24. März 1933 und der damit verbundenen Auflösung des Reichstages, sowie den damit verbundenen Parteien und Organisationen, konnte Schirach mit seiner Idee, die Hitlerjugend als Staatsjugend zu etablieren, verwirklichen. Nun zeigte sich eine Rasanz in der Umsetzung von bis dahin nicht gekanntem Ausmaß.

Am 1. April 1933 wurde die Hitlerjugend neu gegliedert. Die 10 bis 14-jährigen Jungen und Mädchen wurden in dem Deutschen Jungvolk (DJ) bzw. dem Jungmädelbund erfasst. Ab dem 14. Lebensjahr waren die Jungen und Mädchen bis zu ihrem 18. Lebensjahr in der HJ bzw. im BDM. Am 5. April 1933 stellte sich Schirach an die Spitze des Reichsausschusses der Deutschen Jugendverbände und führte das Führerprinzip ein. Wurden bereits seit der Übernahme durch die Regierung der nationalen Konzentration jüdische, gewerkschaftliche, sozialistische und linke Jugendorganisationen verboten, wurde nun auch mit der Auflösung von Bünden der freien Jugendbewegung begonnen. Dazu zählten auch die Jugendwehrverbände, die koloniale und die berufsständische Jugend. Gegenüber der konfessionell organisierten Jugend blieb die NSDAP jedoch anfangs, bis 1938, vor allem gegenüber der katholischen Jugend, noch zurückhaltend. Später wurde aber auch sie in die Hitlerjugend eingegliedert.

Durch eine massive Propaganda brachte es die Hitlerjugend zu erstaunlichen Erfolgen. Ein großer Teil der früheren Bünde war begeistert von der nationalen und sozialistischen Weltanschauung der Hitlerjugend. Viele Jugendliche vertraten die Ansicht, dass eine nationale Erneuerung und die Interessen des Deutschen Reiches über allen Partikularinteressen zu stehen hätten. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Hitlerjugend von einem kleinen Jugendverband zu einer eine Millionen umfassenden Organisation auf. Gesetzlich war sie hingegen noch keine Staatsjugend und eine Verpflichtung, in die Jugendorganisation der NSDAP einzutreten, gab es ebenfalls noch nicht.

Im Juli 1934 unterzog sich die Hitlerjugend einer erneuten strukturellen Veränderung. Die SA, welche bisher die Organisation der Hitlerjugend leitete, erlitt durch den Röhmputsch vom 30. Juni 1934 einen enormen Machtverlust. Die Führung der NSDAP ordnete an, dass die Hitlerjugend nun verstärkt mit der seit 1925 gegründeten Schutzstaffel (SS) und der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zusammenarbeiten sollte. Unter ihrem ab 1929 ernannten Reichsführer Heinrich Himmler wurde die SS Adolf Hitler unmittelbar unterstellt. Sie konnte tief in den Verwaltungsapparat eindringen und sich die Polizeifunktionen aneignen, ohne ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Im Übrigen entwickelte sich zwischen 1939 und 1940 neben der Allgemeinen SS (1939 besaß sie rund 2,4 Millionen Mitglieder) die rasch erweiterte Waffen-SS, in der die ab 1933 aufgestellte SS-Verfügungstruppe (1939 aus 180.000 Mann bestehend) und die SS-Totenkopfverbände zur Bewachung der Konzentrationslager (Ende 1938 bestand sie aus 80.500 Mitglieder) aufgingen. In Zusammenarbeit zwischen der Hitlerjugend und der SS wurden Führer der Hitlerjugend (18jährige HJ-Jungen) in die SS integriert.[10]

Die Vervollkommnung der Hitlerjugend zur Staatsjugend vollzog sich schließlich durch das Reichsgesetz vom 1. Dezember 1936. Die Mitgliedschaft wurde somit jedem Jugendlichen zur Pflicht gemacht. Außerhalb von Familie und Schule, war nun allein die Hitlerjugend als einzige Staatsjugendorganisation für die Erziehung der Jugendlichen zuständig.

Die Zahl der Mitglieder in der Hitlerjugend wuchs kontinuierlich. Zu Beginn des Jahres 1933 gehörten der Hitlerjugend knapp 110.000 Mitglieder an. Im Sommer 1933 waren es bereits über 3,5 Millionen und Ende 1938 etwa 8,7 Millionen Mitglieder. Im Hinblick auf die Zielsetzung Hitlers, durch Aufrüstung und der Kriegsvorbereitung, gewann in der Hitlerjugend die vormilitärische Ausbildung und Wehrertüchtigung an Bedeutung.

1.2.3. Die Zwangsjugend

Der Begriff der Zwangsjugend wurde von Seiten der NSDAP nicht offiziell verwendet. Durch verstärkte Dienstverpflichtungen und Strafandrohungen kann jedoch gesagt werden, dass im Zeitraum zwischen 1939 bis 1945 in der Tat ein Unterschied zu der 1936 deklarierten Staatsjugend bestand. Obwohl vier Fünftel aller überhaupt organisierten künftigen Männer des deutschen Volkes 1939 in der HJ oder im DJ organisiert waren, reichte diese Zahl der NSDAP-Führung noch nicht aus.[11] Denn im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg, seiner Entwicklung und um die stets größer werdenden Verluste von Soldaten auszugleichen, war es notwendig, die verbliebenen Jugendlichen, auch die weiblichen, welche nicht Mitglieder waren, in die Hitlerjugend zu überführen. So wurden vermehrt Strafen eingeführt, die Jugendliche im Falle einer Zuwiderhandlung erfuhren.

Mit der Einführung der Jugenddienstpflicht vom 25. März 1939 entstand für die Jugendlichen eine Zwangsmitgliedschaft zur Hitlerjugend. Nach Einführung der Zwangsmitgliedschaft waren nahezu alle Jugendlichen Mitglieder der Hitlerjugend. Mit der Umsetzung zur Zwangsmitgliedschaft war die Polizei und die Hitlerjugend selbst beschäftigt. Mit Hilfe eines sogenannten „HJ-Streifendienstes“, wurden Gegner innerhalb der Hitlerjugend ausfindig gemacht. Der HJ-Streifendienst wurde 1940 zu einer Nachwuchs- und Rekrutierungsorganisation für die Waffen-SS umgestaltet. Alle Jugendlichen, welche noch nicht Mitglied der Hitlerjugend waren, wurden am 20. April 1940, dem Geburtstag von Adolf Hitler, registriert und mit einem großen Appell über ihre künftigen Pflichten belehrt. Am 20. Juli 1940 erfolgte der Erlass des Jugendführers des Deutschen Reiches über polizeiliche Maßnahmen zur Erfüllung der Jugenddienstpflicht. Im August 1940 wurde Baldur von Schirach als Jugendführer des Deutschen Reiches von Arthur Axmann (1913 in Hagen geboren, 1996 in Berlin gestorben) abgelöst. Am 12. September 1940 ging erneut ein Erlass vom Jugendführer des Deutschen Reiches heraus. In diesem konnte die Jugenddienstpflicht diesmal sogar, wenn notwendig, auch mit Gewalt, erzwungen werden. Knapp ein Jahr später, am 19. Mai 1941 erging eine Dienststrafanordnung der Hitlerjugend für die Dauer des Krieges. Etliche weitere Dienststrafandrohungen bei Zuwiderhandlungen folgten. Inwieweit sich eine Entwicklung zur Zwangsjugend auch ohne den Weltkrieg gestaltet hätte, ist konkret nicht zu sagen. Ein Grundmerkmal eines totalitär geführten Staates ist jedoch sein Zwangscharakter, so dass eine derartige Entwicklung der Hitlerjugend von der Staats- zur Zwangsjugend nur logisch erscheint. Peter Brückner schreibt dazu:

„Die Entwicklung zur Zwangsjugend war keine Folge des Krieges, sondern gehörte zum Wesen der Hitlerjugend als nationalsozialistische Jugendbewegung.“[12]

1.2.4. Die Verklärung der Hitlerjugend

Es bleibt eine nicht zu leugnende Tatsache, dass ein großer Teil der Jugendlichen gerne und mit Begeisterung in die Hitlerjugend eingetreten ist. Die Aktivitäten der Hitlerjugend vermochten viele Jugendliche in den ersten Jahren anzuziehen und zu begeistern, zumal die Ideale der bündischen Jugendbewegung größtenteils weiter zu gelten schienen. Auch der Grundsatz „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ sprach viele junge Menschen in ihrem Streben nach Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung an.[13] Für viele der ehemaligen Mitglieder der Hitlerjugend war die Jugend zu Zeiten des Dritten Reiches die, im Vergleich zu anderen Jugendgenerationen, bessere Jugend. Es gab scheinbar keine oder wenn, dann nur eine vereinzelt auftretende Klassenbildung, keine Aufmüpfigkeit, keine Kriminalität, keine Drogenprobleme und kein Querulantentum. Die Hitlerjugend schuf ein Gefühl von Solidarität und die Faszination eines „Wir-Gefühls“. Begriffe wie Reinheit, Sauberkeit, Ordnungssinn wurden geprägt und als entscheidende Attribute für eine pädagogisch einwandfreie Erziehung verwendet, zumindest bis zum Beginn des Krieges.

KAPITEL 2: DIE VERHERRLICHUNG DES KRIEGES

2.1. Das Wesen des Krieges

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König.“[14]

Heraklit, griechischer Philosoph (550 – 480 v. Chr.)

Das menschliche Handeln besitzt eine feste Konstante: Nämlich seine Unstetigkeit.

In einer Art ewigen Fluss versucht der Mensch, das bereits Erlernte für neue Entwicklungen zu gewinnen. Beginn und Verfall, Geburt und Endlichkeit führen jedoch zu einer ewigen Wiederkunft. Bestimmte Formen der Kommunikation, aber auch Werte und Normen verfeinern sich oder werden möglicherweise auch ganz verändert. Doch ebenso bleiben bestimmte Verhaltensweisen konstant und unveränderlich, ohne die der Mensch sich nicht mehr als solcher definieren könnte. Als soziales Wesen kann er beispielsweise nur durch seine Mitmenschen vollwertig existieren. Ein geborenes Kind braucht, um zu überleben, die Fürsorge und die Wärme einer Bezugsperson. Menschen benötigen klare Regeln, um eine Gruppe handlungsfähig machen zu können.

Trotz aller Versuche der Aufklärung, der Mensch müsse sich seiner Vernunft bedienen und könne Gewalt vermeiden (Laotse, Kant), bleibt letztlich auch der Krieg eine feste Konstante in der menschlichen Geschichte. Nahezu jedes Volk führte einen Krieg. Die Ursachen hierfür waren vielfältig. Meist ging es dabei um die bloße Existenz, z.B. aus Mangel an Ackerboden oder Jagdwild. Oft zwang der Hunger Völker zu Beute- und Raubkriegen.

Der Begriff Krieg wurde in der Geschichte auch als kriegen bezeichnet. Er bedeutet einen Krieg führen. Umgangssprachlich meint der Begriff kriegen, etwas erhalten oder bekommen. Aus dem Althochdeutschen bedeutet der Krieg auch Hartnäckigkeit.[15]

Der Krieg ist „ein organisierter, mit Waffengewalt ausgetragener Machtkonflikt zwischen Völkerrechtssubjekten oder zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Staates (Bürgerkrieg) zur gewaltsamen Durchsetzung politischer, wirtschaftlicher, ideologischer oder militärischer Interessen.“[16]

Der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780 - 1831)

bezeichnete den Krieg als nichts Selbstständiges, und „nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel.“[17]

Diese Art des „politischen Verkehrs“ jedoch forderte das Leben ungezählter Menschen.

2.2. Krieg und Verherrlichung

Viele langjährig währende Reiche (z.B. das Römische Reich mit seinen Imperatoren) mit ihren verbundenen Eroberungs-, Revanche- oder Befreiungskriegen, wurden Jahrtausende später häufig eher glorifiziert als kritisch beleuchtet. Als tragende Staatsmänner mit Weitsicht und großer Vernunft wurden sie gerühmt (Alexander „der Große“, die Pharaonen im alten Ägypten z.B.). Generationen von Schülern lernten die Zahlen von militärischen Auseinandersetzungen auswendig, ohne dass sie detailliert erfuhren, welches Leid und Grauen sie den Menschen zugefügt haben.[18]

Aufgrund seines diktatorischen Systems lernte vor allem auch die Jugend im Nationalsozialismus, wie einzigartig und brillant einzelne Herrscher politisch agiert haben. Der Krieg, verstärkt durch die Abwandlung der Lehre des Darwinismus in einen „Sozialdarwinismus“, wurde als eine notwendige Erscheinung betrachtet, in dem sich das Gute und Edle bzw. das Starke stets gegen das Schlechte und Böse bzw. den Schwachen durchzusetzen vermag. Die deutsche Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, später dann im offiziellen Schulplan des nationalsozialistischen Deutschlands verankert, rühmte beispielsweise die Kriege der Germanen. Unter anderem den König der Ostgoten Tejas (Herrschaft von 552 - 553), welcher 553 in einer Schlacht getötet wurde. Auch der Schwabe Georg von Frundsberg (1473 - 1528), kaiserlicher Feldhauptmann, wurde glorifiziert, da er gegen Frankreich gekämpft und in zwei Schlachten gesiegt hatte u.a..[19]

Der Krieg erschien häufig als einzige Notwendigkeit, um das eigene Volk zu retten, sowie das eigene Territorium zu erhalten und auszubauen. Vor allem aber wurde der Krieg häufig verherrlicht. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb beispielsweise die „Berliner Neueste Nachrichten“ in ihrer Weihnachtsausgabe (!) von 1912:

Der Krieg ist als „Glied der göttlichen Weltordnung“ und als den „Erhalter alles Guten, Schönen, Großen, Erhabenen..“, zu betrachten.[20]

Die harsche Realität eines Krieges wurde jedoch häufig, ebenso bewusst, nicht beschrieben. Für viele männliche Jugendliche im Nationalsozialismus galt der Krieg als etwas Ehrenhaftes. Vor allem die männliche Jugend schien oft verzückt darüber zu sein, erstmals für das eigene Land Verantwortung zu übernehmen, bewundert und ruhmreich, gleich großen Entdeckern, aus dem Krieg zurückzukehren. Er schien das einmalige Abenteuer zu sein, so wie es ihnen in der Schule gelehrt wurde.

Der damalige Leutnant, Gustav Just, erinnert sich folgendermaßen an den Beginn des Zweiten Weltkrieges:

„Wir fragten uns nicht, ob dies ein gerechter oder ungerechter Krieg ist. Wenn das Vaterland einen Krieg führt, muss man dabei sein. Es ist ja so, dass in der ganzen Literatur der Krieg glorifiziert wird. Schiller: ,Wallenstein’: Nun lauf Kamerad. Aufs Pferd, aufs Pferd, nur im Felde ist der Mann noch was wert. Ins Feld in die Freiheit gezogen. Also diese Haltung war ja in uns drin. Hölderlin: Lebe droben für das Vaterland. Zähle nicht die Toten, für des Sieges ist nicht einer zu viel gefallen.“[21]

Die nationalsozialistische Kriegspropaganda war, im Vergleich zur menschlichen Geschichte, nicht etwas, was als eine Ausnahmeerscheinung betrachtet werden kann. Leider folgt sie vielmehr einer geschichtsübergreifenden „Normalität“.

Sprache und Kultur beinhalten zwei wesentliche Grundmerkmale, welche einem Volk eine eigene Identität verleihen. Politische und ökonomische Erfolge stärken sein Selbstbewusstsein und fördern seine existentielle Stabilität. Diese wurden häufig mittels eines Krieges errungen. Die daraus resultierende Mythenbildung, gleichfalls die Verdrehung von bestimmten Fakten („Die Dolchstoßlegende“ nach dem Ersten Weltkrieg, z.B.), trugen wesentlich dazu bei, dass aus menschlichen Tragödien, Heldenepen geschaffen wurden. Nahezu jedes Volk stützt und stützte sich auf Personen, welche ihr Land zu Ruhm, territorialer Ausdehnung und Machtausbau geführt haben. Schließlich wurden sie von ihrem Volk in einer Jahrhunderte alten Tradition besungen, bedichtet und verehrt.

Der Konquistador Francisco Pizarro (1478 - 1541) galt im spanischen Königreich lange Zeit als Volksheld, da er, wenngleich unter grausamen Bedingungen, das Inkareich erobern konnte.[22] Nicht weniger human baute der Inkaführer Pachacutec Yupanqui (1438 - 1471) seinerseits sein Land in ein Großreich aus. Für sämtliche Naturvölker war Pachacutec Yupanqui ein großer Staatsmann. Bis heute ranken sich viele Mythen um seine Kriege.

Der Ende des letzten Jahres vom US-Militär gefangengenommene irakische Diktator Saddam Hussein berief sich als legitimer Nachfolger auf den damaligen Sultan von Ägypten und Syrien Saladin (1138 - 1193), welcher ganz Mesopotamien für sich gewinnen konnte und nahezu als Heiliger verehrt wurde. Tausende unschuldiger Menschen wurden bei seinen Eroberungszügen getötet.

Und schließlich, um nur einen kleinen Ausschnitt zu geben, seien die beiden wohl bekanntesten Epen in der menschlichen Geschichte erwähnt: Die „Ilias“ und die „Odyssee“. Sie verherrlichen geradezu den Krieg mit den siegreichen Griechen und ihrem Anführer Odysseus („Trojanische Pferd“). Detailliert beschreibt der griechische Dichter Homer (8. Jahrhundert v. Chr.) die wichtigen Einzelkämpfe der Krieger, welche als Helden von der jeweiligen Seite verehrt wurden (Paris, Achylleus, Hektor u.a.).

Freilich ließe sich diese Reihe kriegerischer Mythen endlos fortsetzen.

2.3. Die Verklärung des Todes

„Kein schönrer Tod ist in der Welt, als wer vorm Feind erschlagen

auf grüner Heid, im freien Feld darf nicht hörn groß Wehklagen.

Manch frommer Held mit Freudigkeit hat zugesetzt Leib und Blute,

starb seinen Tod auf grüner Heid dem Vaterland zugute.

Mit Trommelklang und Pfeifengetön manch frommer Held ward begraben,

auf grüner Heid gefallen schön, unsterblichen Ruhm tut er haben.“[23]

Grundlegender Begleiter des Krieges war seit jeher der Tod. Durch alle Kulturen hinweg ist der Märtyrertod im Krieg zu beobachten und wurde vom Militär und den politisch Agierenden stets mystifiziert. Maßgeblich zwei Faktoren waren dafür ausschlaggebend: Einerseits geschah die Verklärung aus strategischen und militärischen Gründen, um die Angst des im Krieg Beteiligten zu mindern, sowie einen kampfbereiten und mutigen Soldaten zu formen. Andererseits sollte die Einmaligkeit und die Ehre für das Vaterland zu sterben, herausgehoben werden. Für die gerechte Sache zu sterben und dafür ein überirdisches Glück empfangen zu dürfen, gilt für sämtliche Religionen und politische Ideen als edelstes Motiv.

Als Beispiel seien die japanischen Kamikazeflieger im Zweiten Weltkrieg erwähnt, welche für den „Tenno“ starben oder palästinensische „Gotteskrieger“, welche Selbstmordanschläge verüben und ihr Leben dabei verlieren. Als Basis des christlichen Glaubens steht eine Todesverheißung. Durch seine Leiden, seinen tödlichen Ausgang, die Kreuzigung und seine Auferstehung in das Reich Gottes steht Jesus Christus exemplarisch gewissermaßen für einen „Urmärtyrer“, welcher über das irdische Leben hinaus seine Erlösung gefunden hat.

Der Nationalsozialismus besaß seine eigenen Strategien, den Tod als dankbares Opfer anzunehmen. Für den bei Straßenkämpfen am 24. Januar 1931 in Berlin während der Weimarer Republik durch Kommunisten getöteten Hitlerjungen Herbert Norkus, wurden feierliche Gedenktage veranstaltet. Gleichzeitig diente die Veranstaltung als ein Mittel politischer Macht. Alle Organisationen der Hitlerjugend, aber auch der NSDAP insgesamt, versammelten sich an dem Gedenktag an einem bestimmten Ort im Deutschen Reich und traten in ihren jeweiligen Uniformen auf.[24] Dazu veranstalteten sie große Fahnenmärsche und Flaggenparaden.

Ebenso große Aufmärsche organisierten die Nationalsozialisten für den Offizier Albert Leo Schlageter (geboren 1894, im Jahr 1923 wegen eines Sabotageaktes im Ruhrkampf vom französischen Kriegsgericht hingerichtet).[25] Den Feldzug in Langemark/Belgien zwischen Oktober und November 1914 im Ersten Weltkrieg bei denen vor allem Schüler, Lehrlinge und Studenten getötet wurden (insgesamt starben nahezu 16.000 Hochschüler) schmückten die Nationalsozialisten zu einer Propaganda aus und feierten den Tod als „Opfermut, Siegeswillen der Jugend und heldische Gesinnung“ (Hermann Göring).[26]

Bereits vor der Machtübernahme der NSDAP trafen sich alljährlich die Überlebenden der Flandernschlacht und besangen die Toten, „ welche gemeinsam für eine große Sache starben.“[27] Der Schriftsteller Josef Magnus Wehner hielt am 10. Juli 1932 bei einer Gedenkveranstaltung in Langemark eine Rede, welche in allen deutschen Hochschulen verlesen wurde:

„Sie fielen alle oder verstummten später, die da sangen. Aber mit dem Liede (das Deutschlandlied, Anm. d. Verf.), mit dem sie starben, sind sie wieder auferstanden, tausendmal, und werden wieder auferstehen, tausendmal bis zum Ende des Reiches, und das ist: unsere Welt. Denn auf dem Grunde dieses Liedes marschiert nicht der dürre Dienstbote Pflicht, sondern webt der ewig siegreiche, unsterbliche Geist deutschen Lebens selber, dem der Tod ein Überschwang der Natur ist; der kriegerische Geist des Deutschen, der nicht zittert vor dem Schicksal, wenn ein Volk von Männern zusammentritt zu furchtbarer Tat. Der Krieg ist schrecklich, aber der Mann stellt sich.“[28]

[...]


[1] Conze. S. 143, 150, 223, 243, 256 u.a..

[2] Der Verfasser behält sich vor, Zitate mit zwei Anführungsstrichen am Anfang (unten) und am Ende (oben) des Wortes in kursiver Schrift zu versehen. Eigennamen, wie z.B. Vereine (jedoch keine Parteien, Ministerien oder staatliche Institutionen, dazu gehören auch nationalsozialistische Organisationen und Einrichtungen usw., welche mit gleichem Namen in das Dritte Reich übernommen wurden, z.B. SS, SA, das Nationalsozialistische Deutsche Jugendwerk usw.) oder Begriffe, welche besonders hervorgehoben werden sollen, werden, zumindest zu Beginn, mit zwei Anführungsstrichen am Anfang (unten) und am Ende (oben) in Normalschrift versehen. Dann werden sie in Normalschrift ohne Anführungsstriche weitergeführt. Zeitungen oder Zeitschriften werden durchgehend in kursiver Schrift geführt und mit Anführungsstrichen versehen. Die im Abkürzungsverzeichnis beschriebenen Begriffe werden zuerst ausgeschrieben und im weiteren Verlauf des Textes mit ihren Abkürzungen geschrieben.

Der Verfasser wird im Verlauf dieser Arbeit zwischen der Hitlerjugend, also der gesamten nationalsozialistischen Jugend und der HJ, der Jungenorganisation für Mitglieder im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, unterscheiden.

[3] Die Daten von der Gründung der DAP stammen aus der Internetseite des „Deutschen Historischen Museums“ (http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/wegbereiter/dap) und von Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001. Alle weiteren Angaben des Abschnittes 1.2., welche nicht zusätzlich durch eine Fußnote markiert sind, sind dem Buch von Brandenburg, H.-C., 1982, entnommen.

[4] Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001.

[5] Brandenburg. S. 34.

[6] Daten aus Tormin. S. 193.

[7] Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001.

[8] Brandenburg. S. 134.

[9] Brandenburg. S. 124.

[10] Die Angaben von der SS sind entnommen aus Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001.

[11] Brückner. S. 106.

[12] Brückner. S. 185.

[13] Karl-Heinz Huber, ehemaliges Mitglied der Hitlerjugend, in dem Film: „Augenzeugen berichten: Die Gründung der Hitlerjugend.“

[14] Dr. Henning-Wolf. CD 1. 2001. Fragment 53.

[15] Dr. Scholze-Stubenrecht und Dr. Wermke. S. 435.

[16] Dr. Henning-Wolf. CD 1. 2001.

[17] Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001. Aus: Das Hauptwerk Carl von Clausewitz „Vom Krieg“ (Hinterlassene Werke über Krieg und Kriegführung, 10 Bde., herausgegeben 1832 - 37; Bd. 103: Vom Kriege).

[18] vgl. auch Klönne. S. 61.

[19] Koch. S. 180.

[20] Kopetzky. S. 19. Zitiert aus die „Berliner Neueste Nachrichten“, Weihnachtsnummer von 1912.

[21] Aus dem Film: „Soldaten für Hitler: 1. Teil: Der Einsatz.“

Friedrich Hölderlin (1770 - 1843), Dichter. Speziell zu Wallenstein ist anzumerken: Das Zitat stammt aus dem Trauerspiel von Friedrich von Schiller (1759 - 1805) „Wallensteins Tod“ (1798), 1. Teil „Wallensteins-Lager“, 11. Auftritt, Vers des Soldatenchores: „Das Reiterlied.“ Die Informationen sind dem Buch aus Schreck, Friedrich, Band 2, S. 223 bzw. Band 3, S. 375 entnommen.

[22] Daten zu Pizarro und den anderen Herrschern stammen aus Dr. Henning-Wolf. CD1. 2001.

[23] Schubert-Weller. S. 6. 1998. Aus: „Der Zupfgeigenhansl“, Abteilung Soldatenlieder, 1. Auflage, Leipzig, 1909. Text entstanden um 1620. Mel. von Silcher.

[24] Kopetzky. S. 159.

[25] Klönne. S. 58.

[26] Kopetzky. S. 7.

[27] ebd. S. 17.

[28] ebd. S. 12.

Details

Seiten
90
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783832485924
ISBN (Buch)
9783838685922
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223786
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main – Sozialpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
staatsjugend kriegseinsatz hitlerjugend jugenderziehung drittes reich nazi

Autor

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Titel: Die paramilitärische Erziehung durch die Hitlerjugend (HJ)